Königsträume. Roman von Karl Busse. (Nachdruck verboten.) (FortsctzuNLÜ „Gnädiger Herr, gnädiger Herr!" Qeljmfe, Der Inspektor, bog frtfj mit weit offenem Augen Vor. , Was winseln Sie, zum Donnerwetter? Was ist tos?" „Es raucht — von den Ställen!" Mit einem Sprunge war Hans Albert am Fenster, ohne die Gefahr zu achten. (Line Kugel pfiff ihm um den Kops, Steine schlugen gegen die Fensterbrnstung. Mit dumpfem Laut, als wäre er getroffen, taumelte er zurück. Ein einziger Bli'ck hatte ihm gezeigt, was die Leute beabsichtigten. Sie hatten in großen Haufen Heu, Stroh und Reisig um die Ställe getürmt und Feuer dveingeworfen. Die ersten dicken Rauchwolken stiegen empor: das Heu mochte nicht ganz trocken sein: Grauer Qualm füllte die Lust, die Flamme war für Augenblicke nur sichtbar. lind schon durchschlug ein mächtiger Axthieb die Tür. Da raffte sich Haus Albert aus. Ehe die Schneide zum gu'eüennwf medersauseu konnte, hatte er den Riß als Schießscharte benutzt und den Revolver abgeseuert Ein jäher, halb erstickter Fluch war die Antwort. „Zur Seite, Brüder, wenn eucp euer Leben lieb ist, zur Seite !" Wieder ging eine Kugel splitternd durch die Tür. Ein Hohnlachen bewies, daß niemand getroffen war. Die Tür ächzte unter neuen Hieben in alten Fugen. Jeden Moment tonnte sie uiederbrechen. Schon wollte 'Hans Albert den Befehl geben, sich in einem Zimmer zu verbarrikadieren. Aber plötzlich fiel ihm ein, dag er damit die Treppe freigab zu den oberen Gemächern, in denen Hanna war. Das durfte nicht sein. So ließ er leise alle Türen schließen und befahl, die Treppe möglichst geräuschlos emporzusteigen. Um die Angreifer abzn- lenken, schoß er von neuem gegen d'ie Tür. Als seine Leute oben waren, ließ er einen schweren Schrank bis hart an die oberste Treppenstufe rücken. Er sollte ihnen zur Deckung dienen. Kaum war es geschehen, als die Haustür barst. Im selben Augenblick, wohl auf ein gegebenes Kommando, krachten Schüsse aus dem Hausen; die Kugeln pfiffen den Hausflur entlang. Erst danach stürmten die Angreifer vor. Sie hatten erwartet, die kleine Schar noch im Flur zu finden. Als sie sich getnufept sahen, gingen sie in Vernich- tungslvut gegen die nächsten Türen an. Wieder arbeiteten Aexte nnd jBeile. Gin paar stürmten die Treppe empor, wahrscheinlich um ungestört in den oberen Räumen, die sie für verlassen hielten, gute Beute zu machen. Sie kamen nicht weit. Zwei blieben, von Kugeln getroffen, liegen, die andern flohen wild zurück. Aber die Schüsse hatten der Rotte verraten, wo der Feind steckte AM wälzte sich der Treppe zu. Stücke der rerschzuetterten .Haustüre wurden als Schilde benutzt, andere Türen ausgehoben. Den Schmied hatte eine wahre Raserei gepackt. Er schäumte vor Wut, daß der Verhaßte noch immer nicht überwältigt war. „Feiglinge! Hundesöhne!" höhnte er und drang, als die andern stutzten, allein vor. Mit Riesenkraft schleppte er als Schild ein mächtiges Stück der Tür mit. Sein Beispiel riß die andern fort. Wenzel Smilicz war der erste, der ihm nachsetzte. Aber nur langsam ging es vorwärts. Mit den schwereil Deckungen mußte man Stufe für Stufe nehmen. Und oben knackten ununterbrochen die Revolver. „Der Sem'enschwung geht durch die Welt!" krähte der verrückte Schulmeister. Der Himmel mochte wissen, wie er in die vordersten Reihen gekommenwar. Llber tänzergleich, fast ohne Deckung, hüpfte er herum, hetzte, ermunterte, krähte. Er schien leine Furcht zu kennen. Mit finsterem Gesicht schoß Hans Albert die letzte Kugel arls den: Revolver. Zum Laden war keine Zeit mehr. Schon hatte Oehmke, der mehr tot als lebendig war, die nächste Tür ausgerissen, hinter der man sich verschanzen wollte. Da blitzten die Augen des Barons auf. Ein leiser Wink. Oehmke raffte alle Waffen und alle Munition zusammen unD trug sie ins Zimmer. Aller Augen hingen an Hans Albert. Er packte den mächtigen Schrank an — die Dreueu verstanden. Ein gewaltiger Stoß, mit tosekldem Krach stürzte der breite Schrein hinab, die nächsten niederreißend, die folgenden schreckend und verwirrend. Der Baron hatte den Augenblick benutzt und rasch das Zimmer gewonnen. Die Tür ward verschlossen; Tische und Stühle, was gerade zur Haird war, davor aufgetürmt, in fliegender .hast die Gewehre und Pistolen neu geladen. Immer dichter war unten inzwischen der Qualm ge- worden. Er erfüllte den ganzen Hof. Ab und zu schnellten sich dazwischen die züngelnden Flammen empor, aber nur für Augenblicke. Dann versteckte sie der schwarze Rauch wieder. Aber je weniger man sah, um so mehr hörte man. Ein Höllenlärm tobte ringsum, der nur manchmal schwieg. In dem Schlosse krachten die Schüsse, donnerten die Aexte, stürzten Türen; aus den Ställen wieherten immer wilder die Pferde, schnaufte das geängstete Vieh. Dazu das Prasseln und Knistern der immer gieriger werdenden Flammen, das heisere Johlen der von Branntwein uitd Mordlust tritt*- fetten Leute. Staschu, der Pferdeknecht, schleppte eben einen ganzen Arm voll Kienholz heran „Hopla, Brüder; der rote Hahn wird krähen!" schrie er wild. „Im Stall liegt mehr, hol's, Freundchen, hol's!" Einen Moment ^'erleuchteten die Flammen den Qualm, uschu Laskolvicz, der Krüppel, stand vor dem Knechte. Sein aar hing wirr um das bleiche Gesicht, aus dem die Angen glühten - 46 „Juschu, Lahmer, bist auch da? Recht so, alle machen mit, alle! Nimm das Kienholz, schlagt sie tot, die Ketzer! O, heilige Jungfrau, was für ein Tag!" ' - Aber plötzlich hatten oie Finger des Krüppels seinen Arm umspannt. i „Wo ist das Fräulein?" Meß er heiser hervor. „Bei den Heiligen, wo habt ihr sie?" „Die Pank?" Ein lautes, wieherndes Lachen. „Füchschen, Füchschen, du hast Appetit auf Hühnerfleisch, auf etwas Zartes! Seht einer den Juschu Laskowicz!" Er riß sich los. Der Schweiß starrd dem Kriippel auf der Stirn. Der schwere Rauch bedrückte ihn. Gin krampfhafter Husten erschütterte seine kranke Brust. Aber er preßte die Hand fest dagegen. Nur jetzt nicht schwach werden! Nur jetzt nicht, wo alles auf dem Spiele stand. i Fast taumelnd schritt er vorwärts. Wo batte er nicht überall schon gesucht! Bartek Zychod Mit den drei verwegenen Burschen hatte ihm den Weg gewiesen. Er hatte bald heraus, daß sie gleich ihm nur ei^ Ziel vor Augen hatten: die Baroneß zu finden. Und in' Todesangst, sie könnte ihnen in die Hände fallen, war er ihnen nachgestürzt. Vergebens. Es war nur eine Möglichkett: sie mußte oben sein, in einem Zimmer, dessen Zugang der alte Baron noch verteidigte. Das sah auch Bartek Zychod mtt seinen drei Helfern ein. Sie kämpften droben jetzt neben dem Schmied. Wie lange noch, und der Baron war überwältigt. Dann war auch Kanna verloren, — die wunderschöne Königstochter. Wie ein Irrsinniger war Jaschu nach dräußen. gestürzt, auf den rauchigen Hof. Da gab ein neuer Gedanke ihm ne\h Kraft. An den langsam in Brand geratenen Ställen vorbei stürzte er zum Eingang des Parkes. Die Pforte war offen. Roch war niemand hierher ge kommen. Hier gab es ja auch nichts zu suchen. Er raffte ein paar Hände voll Sand! auf und warf sie aufs Geratewohl an ein Fenster. Nichts rührte sich. Bald rieselten die feinen Korner von den Scheiben eines zweiten Fensters ab. Wieder nichts. Gin Steinchen flog gegen das dritte. Da, fast hätte er aufgeschrien, spähte einen Augenblick ein angstverzerrtes Gesicht durch die Scheiden: Kascha Kacz- marek! Wo Kascha Kaczmarek war, konnte Hanna von Graß- rrick nicht weit sein. Er rief, winkte. Leise ward das Fenster geöffnet. ,,Juschu, Liebling, rette mich! Denk an früher, wir spielten zusammen!" „Ja, ja, ist das Fräulein ba?" Statt aller Antwort zog Kascha Kaczmarek die Herrin wrs Fenster. Sie war totenbleich, aber entschlosseir. Der Krüppel zitterte. „Ich hol' die Leiter, nur eine Minute noch!" Wie gehetzt eilte archapion, er schien nicht mehr lahm zu sein, so flink und leicht sprangen die Füße. Und durch den Rauch, den er sognete, weil er ihn verbarg, schleppte er wirklich nach kurzem Suchen eine hohe Leiter heran. Er lehnte sie gegen die Wand. Gottlob, sie reichte zum Fenster. Im yttr war er oben Kascha Kaczmarek riß die Riegel fort. Ein sonderbarer Anblick bot sich chm. Auf der Erde knieten die Weiber, betend, die Perlen des Rosenkranzes abzählend, als sei das Errde der Welt gekommen. Viele patten den Kopf in die Schürzen gesteckt, als wollten sie ruchts sehen und hören. Nur Hanna von Graßnick, deren Rechte krampfhaft einen Revolver umspannte, und Kascha Kaczmarek standen aufrecht. Immer näher dröhnte der Kampf. Der Schmied und die Seinen mußten auch in das letzte Zimmer gedrungen sein, in das die Belagerten sich gefluchtet hatten. „Rettung!" jauchzte Kascha Kaczmarek. Sie wollte die Letter besteigen. „Hilf mir, Juschn!" Aber während sein blasses Gesicht noch um einen Schein blauer ward, streß er sie jäh zurück. Sie schrie auf. Schon ^ber hatte er, halb am Fensterkreuz hängend, Hanna von Graßnrck gepackt. „Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, vorwärts." Mit übermenschlicher Anstrengung hob er, der^Schwäch- nng, sie hrnaus. Alle Kraft schien sie plötzlich verlassen zu haben. „Festhalten!" keuchte er. Er trug sie nach unten. Die letzte Sprosse war erreicht. Da schlug ein wilder Schrei an sein Ohr, ein Schrei tödlichsten Hasses. Kascha Kaczmarek stand im Fenster und starrte hrnab. Mit einem Rück hätte er die LeftLL. umgerissen „Sie verrät uns! Vorwärts, so schnell Sie könüÄr!" Er riß sie fort in den Park hinein. Ob sie wollte oder nicht, der Krüppel hatte sie am Handgelenk gepackt und jagte v k a u rt i» CYD • ff m ««1« fl « Oft fl - fJo Ende ruf Juschu sie nicht aüfgefangen hätte. „Vorwärts, Euer Gnaden, vorwärts!" rief er in Verzweiflung. Sie hatte sich bpn Fuß verstaucht. Er achtete es nicht. Die leise Wimmernde zog er zu der kleinen Pforte, die in die Parkmauer eingelassen war. Ein Fluch, sie war verschlossen. Ratlos, mit keuchender Brustz. stand er da. Dann flog ein Leuchten über sein Gesicht: er fühlte das Stemmzeug in der Tasche. Mit aller Gewalt brach er die morsche Tür auf. Jetzt nur noch der Sturzacker, dann kam der Wald, und im Walde war Sicherheit. Er selbst sah, daß es die höchste Zeit war. Hatte bisher der dicke Oüalnr die Flucht begünstigt, so schlugen jetzt oie Flammen, die endlichen Sreger, hoch empor und beleuchteten hell die Umgebung. Funkengarben sprühten über den Hof, knisternd sftegen Feuersäulen auf und zerteilter: sich oben in rotlohende Zungen, die wieder zurückschlugen und sich vereinigten^ und wild rasten ein paar losgekoppelte Gäule zwischen den brennenden Ställen und der: brennenden Wirtschaftsgebäuden hin und her. Noch einmal nahm Hanna alle Kräfte zusammen: bis zur Hälfte des Sturzackers kam sie noch. Dann sank sie zrr- sgnrmen: „Laß mich hier, ich kann nicht!" Er'riß ftk auf. Wie leblos hing der Körper in seinen Armen. Sie wack ohlUPlchtig. Die Todesnot der letzten Stunde, die jähe Flucht, der Anblük der in Flammen stehenden Gebäude hatten sie erschöpft und niebevgxUMsen. Juschu Laskowicz nahm sie in seine Arme. Fkev^r-, schauer durchjagten seinen Körper. Alle .Glieder zitterten chm. Heiß und wild rollte das Blut durch seine Adern. Seine Brust, o, ^sie tat nicht weh, sie dürfte nicht weh tun. Erst wenn er rm Walde war. Dann mochte sein, was wollte, dann war alles gleich. Und Schritt für Schritt keuchte er mtt seiner Last vorwärts. Er betete dazwischen: „Herr Jesus, verlaß mich nicht! Heilige Jungfrau, stärke du meine Kräfte!" Immer näher kam der Wald, aber schon ward sein Gang auch taumelnder. Immer wieder raffte er sich auf. Er trug sie zum Leben, er trug sich zum Tode. Er, der Krüppel, der ärmste Bettler, trug die wurrderschöne Königstochter in sein Schloß, in baä Schloß des Waldes. — Noch immer hielten Wladimir Rybschynski, Napoleon Rutkowski und Kasimir Rzonka unweit der Chaussee auf der klernen Anhöhe, von der sie den Hof überschauen konnten. Wladimir Rybsczynski murmelte Gebete, aber seine Aug/ir waren halb verzückt aus die Flammen gerichtet, die drücken die Gebäude verheerten. „Die Himmel jubilieren, und die Teufel wagen dem Ketzer nicht beizustehen. Röstet ihn, Flammen, schlagt auf, verzehrt ihn und seine Sippe und alle, die den rechten Glauben höhnen und verachten!" Ein Widerschein des verzehrenden Feuers stand in fernen Augen. Kasimir Rzonka, der gleichmütig bislang auf das Schauspiel gestarrt, das ihn nicht werter zu interessieren schien, lächelte ironisch und beugte sich zu Napoleon Rnt- kowskr vor. t „Es leben Menschen a,is allen Jahrhunderten auf der Welt" flüsterte er ihm zu. ,Kerr von Rybsczynski stainmt aus dem fünfzehnten, und Torquemada war sein Lehrer Schade, daß die Inquisition beseitigt ist." Der Graf hatte kaum zugehört. Unruhig sah er hinüber Wo nur Bartek Zychod blieb? Und die drei Burschen? Er zitterte, solvie er nur daran dachte, daß sie allein ohne Hanna zurückkehren könnten, daß alles umsonst war. Plötzlich spornte Kasimir Rzonka sein Roß an irnd aa- loppierte näher an die Chaussee. Man konnte sie nicht weit hrnabsehen. Es war schon dämmerig. Vorgebeugt lauschte er Dann schüttelte er den Kopf. Aber von neuern beugte er sich nieder. ’ ^ Mit eineimital lvarf er den Gaul herunr urch jagte zurück zu den beiden anderen. (Fortsetzung folgt.) Wunderliches winterliches. VonK. Al twallstädt. Alte SchiwanMchter und Spaßmacher wissen io-underlicher kLlte LU berichten. < Einen gvtiserbarMichen Frost erlebte z. B. per „Salzburger Hansivurst", dessen RerseaDeNteuer uns Sttanitzky erzählt hat. In Grönland närnluh sielen ihm, sobald er die Lippen auftat, die Worte gefroren aus den: Munde heraus. Und je nachdem die Rede hatte kurz oder lang sein sollen, waren auch die „Eissch-vollen" klein oder groß. Es war natürlich für ihn und seine Kameraden unmöglich, sich durch Eiszapfen zu verständigen. Tarunr blieb ihnen auch nichts anderes übrig, als „ein großes Feuer anzuinachen und die gefrorene Wort rings umb das Feuer herumb zu legen, bis bei angehender Ditz die Wort endlich zerflossen . . Nun erst verstand man einander. / Die eingefrorenen Worte — übrigens eine recht alte Vorstellung, die schon die Griechen kannten — erinnern uns an die eingefrorenen Töne, die Münchhausen so anschaulich vor uns auftauen läßt. Während eines besonders strengen Winters, in dem sogar die Sonne einen Frostschaden erM, blies eines Tages sein) Postillon unterwegs in das Horn. Aber aller Mühe zum Trotz brachte er keinen einzigen Ton hera.uA. In der nächsten Herberge hängt der wackere Mann sein Horn an einen Nagel in der Nähe des Küchenfe^ers. Nicht lange, so beginnen die festgefrorenen Töne aufzutauen und aus dem Instrument herauszukonimen. Ganz von selbst erklingen nun „der preußische Marsch — Ohne Lieb' und ohne Wein — Als ich auf meiner Bleiche — Gestern abend war Vetter Michel da — nebst iwch vielen anderen Stückchen, auch sogar das Abendlied: „Nun ruhen alle Wälder." Keine geringe Kälte mag auch damals geherrscht haben, als einem Hingerichteten der Kopf augenblicklich wieder auf dem Rumpfe festfror, oder auch in jenem Winter, in dein ein junger Cannstattrr Schlosser von Stuttgart nach Hohen-Urach ritt und, am Ziele angekommen, vom Pferd nicht abzusteigen vermochte, weil er an den Sattel angefroren war. Zugleich mit dem Sjattel und dem Stegreifen mußte man ihn vom Gaule heben, und erst als er fünf Stunden lang linter dem Ofen gesesfen hatte, tauten er und der Sattel voneinander. HüMFrey, der in seiner „Gartengesellschaft" das Erlebnis ausfnhrnch?5sh Pfennig' Glückliches Jahrhundert! sur 0 L