Königsträume. Roman von Karl Busse. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) ..Meine Herren!" tönte da Kasimir Rzonkas Stimme mächtig darein, „,ch freu- nrich über Ihre Wahl von ganzem Derzem Warschau hat man die gleichen Anschauungen, oiuu Beweise dessen lege ich hier ein Reskript der provisorr- tchen Regierung vor, wonach unter Voraussetzung Ihrer Zu- ftimmung Graf Napolevii Stanislaus von Rutkowski zum Oberbefehlshaber aller aus den preußisch-polnischen Gebieten herbeistromeichen Kämpfer ernannt wird. Ihre Zustimmung rjt iil freier Wahl erfolgt: kraft dessen erkläre ich diese Ernennung für gültig. Hier ist das Patent!" „Psia krew!" sagte Degorski, „man hat eine feine Nase iii Warschau!" ,l . lau uns," fügte Kozlowski hinzu. „Noch eins," wandte sich Kasimir Rzonka an den Grafen, „ich handle nach den Befehlen, die mir geworden sind'" Seine Augen waren groß und ruhig. Er sah ihn an. „Es ift der Wunsch der Regierung," sprach er langsam, „daß ich, natürlich unter Zustiinmung des Herrn Grafen) wahrend der Dauer des Ausstandes mit dem Titel General adjutaiit dem Oberbefehlshaber attachiert werde. Das ent- spreck)ende^ Dokument,, das Ihrer Unterschrift bedarf, überreiche ich hiermit. Tiiite und Feder stehen wohl zur Verfü gung." Napoleon Rutkowski hatte Falten auf der Stirii. Die Hand, Mit der er das Schriftstück über die Ernennung Rzow seinem Generaladjutanten entgegennahm, zitterte leicht. Mit finsterem Blick sah er den Abgesandten an Der stand -ruhig. „Weshalb erfahre ich das jetzt erst?" fragte der Graf. Ei sprach nicht laut. Im Durcheinander der andern hörten ■nur die nächsten die Frage. „Weil Ihre offizielle Belehnung mit dem Oberkommando vorausgehen mußte," erwiderte Kasimir Rzonka. - -Mir scheint, als sollte ich Er- wollte fortfahren: „einen Alifpasser an die Seite kriegen." Aber er bezwang sich gewaltsam tauchte die Feder ein und setzte feinen Namen J“# cr b * e fluide. Mit leisem Klingen brach die Feder beim etzten Buchstaben ab. Der Druck der Hand mochte zu stark f nf ^ r ^onkas Gesicht flog sekundenlang ein fetne^ ^acheln Mit tiefer Verbeugung nahm er das Patent entgegen. hnt ? abe 'A b bnn den Herren die Mitteilung zu machen, dap der Herr Graf als der erwählte Oberbefehlshaber die Gnade hatte meine Ernennung zu seinem persönlichen Adju- te ^^ollzrehen. Ich tverde also die Ehre haben, Schulter an Schulter mit den Herren kämpfen zu können" ..Bravo!" rief Kozlowski „Sagt selbst, Brüder, kann trocken?"^ trtKfen f ^ en? ® cit hKtTm W bie Begeisterung ^ ließ Sekt kommen. Die Pfropfen knallten Baktia stürzte Napoleon Rutkowski das erste Glas hinab. 0 1 - l ntx , Nlhrer!" rief Kasimir Rzonka. „Auf die oaelhelt, Bruder! Tod den Moskowitern!" ^nmer von neuem klangen die Kelche zusammen, immer ^uneuem schäumte die weiße Blume, tanzten ^ePer^nim goldenen Wem. Heiß« wurden die' Härter, Wi(ber bk i "^ UlbC ' Herrbrüder," rief Degorski, „es sagt mir noch trinken ktege'n ma,m meirte Säbel zu bereitungeit ? teUn ^ en ' Ian8e braucht Ihr zu den Vor- Acht'Tage sin7'genug!^ 9 ^"' f ° * ^ nefT , "®T ciTn J r genug!" lärmte Degorski. „Beim schwarzen fritXriuSl uns Gott schütze: Mir wäre wohl, ivenn^ch ^uben Ware und an die Feinde käme " Rhbsczynski batte lange geschwiegen. r-b"d^?uchst mcht so wert dazu zu laufen," sagte er jetzt näher sitze/"^ 3 ^ nbc d^ens und der heiligen Kirche, die selts^ hinein ' [iqemeine ^hlichkeit scholl seine Stimme Es ward stiller. „Wie meinst du das?" fT mt »u glühen. „Ich meine," sprach er laut, „daß wir sind w,e die Toren. Wir ziehen gegen den U - tÜ> ia P m ben ® eiltb irt der Slalw ruhig gewahren, daß er Zwietracht sät und seinen gottlosen Samen unserer Brüder streut. Für wen lampst ihr? Ort« Palen, dessen Königin und Schirmherrin die qebenedeitc .^ungfrail ist; für Polen, das unterdrückt und geknechtet ist und frei und groß werden soll unter den Staaten der Erde Habt ihr euch ,emals gefragte Warum soll es groß werden? Damit ihr eitel fern könnt auf seine 'laätf uni Größe? SmumSmS* b ?' P“? r Dann ich nicht unter euch! Nicht irdische Ziele sind uns gesetzt; nicht diese Welt ist "<^re L«mat. Was tat' es, ob wir als Herren dahinlebten °ber ab.- Knechte anderer Volker? In der Knechtsgestalt ging auch der Heiland dur,h die Welt und war doch-der König lipfcÄf '(wu er r bms ist, worüber wir wachen müssen^ Ueber das Erbteil, das er uns gelassen, über die rechte ul 1 ™™ b'e heilige Kirche, die sie bewahrt. Und seht tzin nach Osten, seht hm nach Westen: Die Burgen des Teufels bauen sich aus, rechts uns links, und von zwei Seiten überzieht uns der böse Feind, um uns die rechte Lehre zu. rauben. Leine Diener sind an der Arbeit. Polen, der Schup ^ deshalb Aiefjen wir das Schwert, die treuesten Söhne der heiligen Jungfrau, um Polen frei und 26 mächtig und groß zu machen, daß dre Kirche dann Wiedel eine Stütze hat gegen ihre Feinde. Deshalb müssen wrr siegen und werden wir siegen. Noch hat Polen eine große Kulturmission! Nur Polen ist das Land, von dem aus die Bekehrung der Ketzer geschehen kann. Nur von Polen aus kann sich hier im Norden die heilige Lehre aus breitem Das allein ist unser Ziel! Und deshalb sage ich: Ihr bandelt wie die Toren, wenn ihr in die Ferne zieht, dem Femd entgegen, und den Feind zurücklaßt, der unter uns weilt! Unter unseren Augeii häuft ein Ketzer, ein gottverfluchter, Schmach auf die heilige Kirche, Schmach auf die Sache Polens. Unter unseren Augen zwingt er seine Leute, unsere Bruder, ^rt- katholische Christen, teilzunchmen an seinem ke^rischen Gottesdienst, der ein Dienst des Teufels rst. M die schwachen Herzen streut er die böse Saat. Cr verflucht dre Aufftandr- schen, die für die heilige Jungfrau und Polens Frerhert kämpfen. Cr macht die Seelen abtrünnig von der rechten Lehre und raubt ihnen das Himmelreich. Vaterland und Religion, beides will er chnen nehmen. Ihr hört, was ich sage, und rührt euch nicht! O, ihr wißt, wen ich meine ihr kennt ihn alle! Und einer unter uns kennt ihn am besteig und diesen einen frage ich: Ist das wahr, was ich sage, willst du leugnen, Napoleon Rutkowski, daß der Gutsherr von Nasgora. der Deutsche, der Ketzer, seine Leute, glaub,gs Katholiken, in die Andacht treibt, die er abhalt? Du kannst es nicht! Und so klage ich den Baron Graßnick hier an, daß ... «..2 ..Li.ii jc.. v. imforor Yvpr-mrmpH er das zeitliche und ewige Luch alle aber frage ich: ll unserer Brüder vernichtet' _ _ _ ie lange wollen wir seinem schändlichen" Treiben" noch zusehen, wie lange noch unsren Herrn und Heiland verraten, indem wir zugeben, daß wlches mit den ärmsten unserer Brüder geschieht? Ihr habt einen zum Führer über uns erkoren, gut! Napoleon Rut- kowski, nun antworte!" ^ o „Humbug!" rief Siga Wendrewski ärgerlich. „Was kümmern uns die Schrullen des Deutschen!" „Willst du Herrn von Graßnick etwa braten, Bruders fragte ein anderer. ,L)der ihn anzeigen?" Aber über den Lärm wieder Rybsczhnskis Stimme: „Napoleon Rutkowski, antworte!" Der Graf war jäh zuscnnmengezuckt> als das Wort „Nas- aora" an sein Ohr schlug. Cr hörte es nicht mehr gern. Ein Sturm widerstreitender Empfindungen erhob sich in seiner Brust. Haß und Rache wurden wach; sie sogen neue Nahrung aus dem Hasse Rydsczynskis, sie jubelten, als dessen Anklage immer wilder wurde. Daneben jedoch loderte die illte Liebe mächtig empor, gerrährt von der dumpfen Hoffnung, daß einst doch noch der Tag kommen könnte, an dem Hanna nicht mehr „Nein" sagte. ,Zch v«erstehe dich nicht ganz^ Freund," sprach er zögernd. ,,Wenn du auch recht hast, was können wir tun?" MH sprang Rybsczynski auf. „Und das fragst du mich? Du, der du Führer sein, der du befehlen und bestimmen sollst? Wirst du auch später fragen, wenn die Feinde vor uns stehen: Was soll ich tun? „Schlagen sollst du sie, Napoleon Rutkowski, angreifen, wo du sie findest, vernichten, wo du nur sinnst. Auch hiev steht der Feind, nicht nur über der Grenze! Und was wir tun wlien? Ihn ausrotten zur Ehre Gottes, zur Sühne seiner Taten. Sein Haus dem Erdboden gleichmachen, daß er die Gläubigen nicht mehr zum Abfall zwingen kann von der heiligen Religion! Hier muß begonnen werden, was drüben vollendet wird! Und wenn ihr den heiligen Kreuzzug predigt, dann predigt ihn ganz und seht zu, daß eure Worte! in euren Taten Brüder haben! Das, Napoleon Rutkowski, sollen wir tun!" Starr sah der Graf ihn an. Ein Schweigen war entstanden. .Halb geleert standen die Sektgläser auf dem Tische. Immer noch sprach Rutkowski kein Wort, aber die roten Flecke traten stärker, glühender in seinem Gesicht hervor als je. Ein wilder Gedanke hatte ihn gepackt. An der Spitze der Hunderte das Schloß in Nasgora stürmen, sich Hannas bemächtigen uttb sich sofort dann über die Gren^: schlagen. Dann brachte er die Königin gleich mit nach Polen. „Was sagen die Herren dazu?" fragte er. Seine Stimme war heiser. Siga Wendrewski faßte sein Stückchen an, als wollte er es zerbrechen. „Redest du im Ernst, Napoleon? Wir wären des Teufels, wenn wir den wahnsinnigen Plan Rybscztprskis auf- nähmen. Das wäre Landfriedensbruch. Das wäre offener Aufruhr in Preußen selbst. Und die Folge wäre, daß wir uns nie wieder hier blicken lassen dürsten, daß unsere Güter konfisziert würden, dajß wir als Bettler und Landstreicher unfern Wahnsinn büßen könnten. Drüben ist der Krieg im Gange. Krieg ist Krieg. Und drüben bin ich für alles zu haben, nicht jedoch hier." Der „Marquis" hatte erregter als sonst gesprochen. Die besonnenen Elemente stimmten ihm zu. Nur Degorski rief mit schon etwas schwerer Zunge: „Schlagt die Kanaille tot, wo Ihr sie trefft. Rybsczynsn hat recht, Feind ist Feind. Erst den Deutschen, dann die Moskowiter. Und hier drückt der Deutsche mehr als der.Russe!" Und Wladimir Rybsczynski fügte hinzu: „Wenn wir so auf irdische Güter sehen wie Siga Wendrewski, wird das himmlische Gut uns balo verloren sein. Dann ist's aM besten, überhaupt nicht am Aufstand teilzunehmen. Raffe dich auf, Napoleon Rutkowski, und wenn du Führer bist^ so befiehl', daß die Burg des Teufels zerstört wird und der Ketzer seinen Lohn bekommt!" Siga Wendrewski lachte. „Hier hat Napoleon noch nichts zu befehlen." „Oho!" Aus seinen wilden Gedanken fuhr der Graf auf. „Noch nichts, mein Lieber," wiederholte der Marquis. „Du kannst erst dann ein Kommairdo ausüben, wqnn ein Heer da ist. Mit dem ersten Schritt, den wir über die Grenze tun, bist du der Führer. Bis dahin nicht!" „Einen Augenblick, meine Herren," sagte plötzlich Kasimir Rzonka, der eine ganze Zeit leise mit Kozlowski gesprochen. „Ich habe die Ehre, Ihnen die eben ausgegebene Proklamation der Nationalregierung vom 7. Februar 1863 vorzulegen, die sich speziell an die Polen in den preußischen und österreichischen Gebietsteilen wendet." Im Augenblick war der Abgesandte umdrängt. Mit volltönender Stimme las er den Aufruf vor. Weshalb es zur Erhebung gekommen, was die Nationalregierung geleistet, welche Früchte der Kampf schon gezeitigt, überging er kurz. Dann aber las er langsam die Worte: „Brüder! Der Krieg gegen die Moskowiter, die schrecklichsten der Erbfeinde Polens, erheischt die Mitwirkung aller polnischen Provinzen und der gesamten Kräfte der Nation. Deshalb kann und darf in den preußischen und österreichischen Gebietsteilen die Fahne des Aufstandes nicht erhoben werden. Aber die Notwendigkeit, sich dort ruhig zu Verhalten, entbindet nicht von der kräftigsten Beteiligung an dem Aufstande, der im Moskowitergebiet sich erhoben hat. Diese Beteiligung ist vielmehr Pflicht!" Kasimir Rzonka las die Proklamation bis zu Ende. Dann faltete er das Blatt zusammen. „Sie sehen, meine Herren, schon deshalb verbietet sich die Durchführung des vorhin vvrgeschlagenen Planes. Damit Preußen und Oesterreich nicht einen 'Grund haben, aus ihrer Neutralität herauszugehen, muß in beiden Ländern alles ruhin bleiben. Einzig und allein in Rußland drüben wird der Freiheitskamp^ entschieden. Nur dort darf gekämpft werden!" „Und wenn ich mich der Proklanration nicht fügen- wenn ich den Kampf gegen oen deutschen Ketzer doch führen will?" rief Rybsczynski. „Dann ist das eine Privatsache, die nichts mehr mit einer allgemein-polnischen gemein hat." Napoleon Rutkowski hatte die Lippen fest zusammen- gepreßt. Jetzt atmete er tief auf. Es war gut so, daß all seinen wilden Plänen, die in ihm aufgetaucht warerr, ein Riegel vorgeschoben wurde. „Noch hat Napoleon Rutkowski mir nicht geantwortet!" rief Rybsczynski. Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, als es taut gegen die Tür klopfte. „Himmel und Hölle," fluchte Graf Bininski leise. Er war blaß. „Was heißt das, Kozlowski?" „Hier, für alle Fälle!" Er warf zwei Kartenspiele auf den Tisch. Im 97u ergriff der Marquis eins davon und verteilte es. „Wenn wir umstellt wären!" — „Verrat!" —, „Nicht aufmachen!" klang's gedämpst durcheinander. „Unsinn!" sagte der Hausherr. „Irgend eine Melduirg." Er ging nach der Tür. Kasimir Rzonka zog einen Revolver aus der Tasche und legte ihn neben sich. „Teufel," flüsterte der Marquis, „Sie müssen gute Freunde haben!" „Gelviß. Und den besten führe ich, wie Sie sehen, bei mir. Man kann nie wissen, was passiert." „Faites votre jeu, messieurs;“ schnarrte Siga Wendrewski, denn eben schloß Kozlowski die Tür auf. 27 „Also nichts!" rief Maryan Batnmski im nächsten Augenblick und warf seine Karten aus der Hand. „Nur der Diener." ^ - „Besser ist besser," nickte der Abgesandte. Er ftecfte den Revolver in die Tasche zurück. Die Unruhe legte sich erst, als Kozlowski nach einiger Zeit zurückkehrte. „Weil wir gerade von Nasgora reden, —. eben war ern Bote da. Man kann sich auf ihn verlassen. Nun, was geht s uns an: Man feiert Feste auf Nasgora. Das gnädige Fraulein hat sich gestern verlobt. Mit dein Dragoner. Wie HertzL er gleich? Weiß der Himmel die deutschen Namen !' -- Vor den Augeii des Grafen wurde es finster. Er zitterte. „Versen?" Seine Stimme war heiser, als wäre es die eines andern. ... „Richtig, Bruder, Versen! Nun, was verliebt ist, will Hochzeit halten. Das war immer so!" t// . . _ r Und wir zünden ihnen die Brautfackeln an. rief ^chb- sczynski. „Ob mit, ob ohne euch, Schwert und Feuer über den Ketzer und seine Sippe! Und deine Antwort, Napoleon? Ich habe sie noch immer nicht!" , M - Es war gut, daß die Köpfe voni Wem und von der Aufregung schon erhitzt waren. Im Trubel achtete man schon weniger auf den Grafen. Sein Gesicht hatte sich verzerrt.. Seine letzte Hoffnung war zusammengebrochen. Hanmr von Graßnick sollte Hanna von Versen werden. Wirre Bilder, wirre Gedanken jagten durch seinen Kopf. Er dachte au die Schlittenfahrt nach der Bekanntschaft mit Versen. Er dachte daran, wie sich schon damals alles in ihm gegen den blauen Dragoner aufgebäumt. Hatte er nicht damals den schwur getan, daß die ganze Welt Hanna von Graßnick eher haben sollte als Versen? Und nun? . . .... , . ^ Nun war er der Besiegte, der Gedemutigte und Verschmähte. Und der Dragoner war der Sieger. Mochte kommen, was wollte, das durste nicht sein! (Fortsetzung sotgt.) Erlebnis im Nebel. Von Mar Prels. Grau imb trüb schlich der Tag durch die Straßen. Tie Schritte waren imfufrt und glitten auf den Steinen zögernd hin, Keuchende Pferde muOen sich!, di- straffen Muskeln nnt verzwerfelter Anstrengung anspannend, vor den Wagen, die mcht vom Fleck lammen wollten: die Kutscher schinrpften und fluchten rmd trieben, ,«lbst auf unsicheren Fügen stellend, die Tiere mtt den geschwungenen Peitschenstielen an. Tie ganze Stadt schien verdrossen rmd mürrisch und ängstlich zugleich zu sein, und wer Nicht mußte, blieb hübsch daheim beim warmen Ofen, wo die Lchrüte sicher über den Bretterboden oder über die weichen Teppiche führten. ^ Als der frühe Abend die grüngrauen Lickster in den Straßenlaternen ansteckte, tarn in die graue Eintönigkeit dieses Tages etwas Farbe. Eine fremdartige, mit dumpfen Reflexen fpielende Fartng- feit die in das hachdünne Eisnetz auf deil Straßensteinen schillernde Fäden webte. Alle Geräusche verhallten, so daß sich das ängstllckw Hasten der Menschen mit eurer unheimlichen Laittlosigiert abspielte. Vitus Losert stand anr Rande der Fahrbahn und schaute m das matte Lichtspiel auf den Steinen hinunter. Ganz verträuntt stand er da und merkte es nicht, wenn ihn die Leute unfreundlich pufften. Erst als ein Wagen knapp an ihm vorüberfuhr, so daß rhn die Hufe der Pferde beinahe streifterr, sprang er zurück, strauchelte und konnte sich, nur mühsam auf den Füßen halten. „Das kommt davon, wenn man am Glatteis stehen bleibt und spintisiert," brummte neben ihm eine Stimme. Ta ging Vitus Losert ein wenig beschämt und ein wenig erschrocken weiter. Diese trüben Gedanken, in denen wunderbare Hoffnungen wie rote Lichter au fle achteten, schwärmten nun so dicht um ihn wie der graue Nebel, ans dem die Blendlaternen der Automobile und Wagen glozten. Vitus Losert war verzweifelt. Da rackert man sich, feint junges Leben herunter und Not, nichts als Not. Er war gewiß fleißig, v ja, das war er: und er hatte Pläne und Hoffnungen! und so viel nmnderbarc Ideen. Vitus Losert war. wenn man's im Grunde nahm, ein Künstler. Freilich, man durfte das nicht so ohne weiteres behaupten. Tapetenzeichnen ist schließlich ein Gewerbe wie jedes airdere und das Ersinnen neuer Muster vielleicht nur eine Geschicklichkeit, die Fleiß und große Uebung reifen. Aber Vitus Losert hatte den festen Glauben, daß die Tapetenmuster die er entwarf, kleine Kunstwerke waren. Allerdings er arbeite nur für kleine Meister. Es ivaren immer wieder dieselben faden Rosen, dieselben derben Ornamente, die er entwarf, immer dieselbe billige Herrlichkeit, wie sie der Geschmack der großen Menge begehrte. Aber er brachte dock) immer in diese gefälligen Rosen, in diese aufdringlichen Ornamente irgend eine seine, persönliche Nuance, die vielleicht nur ihm gewahr wurde. Und er hatte dieses heiße Verlangen, Besseres, Schöneres zu leisten, sich an der Wohnungs- knltnr geschmackvoller Menschen zu bilden, neue Muster zu erfinden, sein Ziel war es, für Architekten zu arbeiten, sich von den: Dienste des Durchschnittsgeschmackes zu befreien. Aber immer wieder mußte er.zurück ins alte, eintönige Gleis, zurück zu seinen faden Blumenmustern, denn die liebe Not war jetzt stärker denn je. Er wagte sich, kaum nach Hause, denn wieder war ein Tag vergangen, an dem er keinen einzigen Anstrag erhalten, keinen Heller verdient hatte. Im Straßennebel irrte er planlos umher, fühlte sich, wie verborgen vor den Verfolgungen der Not und träumte seine künstlerischen Entwürfe. Unsicher glitten seine Schritte über den Boden, klebten fest, rissen sich wieder los, so wie seine Gedanken, die sich, an den Phantastereien wunderbarer Entwürfe festhielten und immer wieder strauchelten. Vitus Losert blickt? aus die Sttaßen- steine. Das hauchdünne Netz, das da gespannt war, mit den Reflexen der Laternen gesprenkelt, schien ihm wie eine Anregung zu einem neuen Muster. Wie schön ein Zimmer mit diesem Eisdessin werden müßte. . . . und eine schöne, vornehme Dame müßte drinnen wohnen . . . eine schöne Dame. . . . orY . Tie Leute schrien aus. Geschäftige Lungerer rannten herzu. Alles umstand Vitus Losert, den eine elegante Equipage umgeranut hatte. (Bittemb hielten nun die Werde inne. Vitus Losem Ichwaudcndie ^inne. Schmerzen zerrten in seinen Gliedern und eine schwere Müdigkeit umstng ihn. Aus dem Eoupe stieg eine vornehme wunderschöne Dame. Kurz entschlossen nahm sic den Verunglückten in ihren Wagen. Sie fragte nach seiner Wohnung, er nannte halb im Traum eine entlegene Gasse. Ter Kutscher ließ die Pcrde lausen. Tie Lust im Wagen war von einem leichten, feinen Parfüm durchzogen; Vitus Losert kam langsam zur Besinnung, er öffnete die Aiigen und ichaute die schlanke Frau an, die sich besorgt zu ilnn beugte. „Fühlen Sie sich, jetzt wohler?" „O, danke . . . ." sagte Vitus Losert befangen. Wie fein und schon die Dame war! Ihre Hände in den dünnen Lederhandschuhen, chr Gesicht, das unter einem großen Petzhut hervorlächelte, selbst ihr .Handtäschchen war so schmal und fein! „Haben Sie schmerzen?" „Oh .... nein ....!" sagte Vitus Losert und lächelte. Sie tastete vorsichtig an seinein Gelenk herum, das mehr und mehr anschwoll. „Sie Ariner, oh, Sie Armer!" rief sie erschrocken und streichelte ganz leise über die schmerzende Stelle. Vitus Losert schwieg. Er spürte, daß er jetzt etwas ganz besonders Feines urrd Höfliches sagen müsse, sich bedanken, um Verzeihung bitten — aber es stel ihm nicht ein, was er reden sollte. „Ich — ich danke — Ihnen — recht schön," sagte er also verlegen. „Sie danken mir — Sie? Aber Sie sind ein merkwürdiger Mensch? Mein Wagen.überfähtt Sie und Sie danken mir noch dafür?" Nun sah sie chn von der Seite an, es kam nur das spärliche Licket der Straßenlaternen in den Wagen, aber Vitus Losert versuchte mit dem angeschwollenen Arm den ausgesranzten Rand seines Rockes zu verdecken. „Sie sehen schlecht aus — Sfe tun mir so leid! —> Wie heißen Sie?" Ganz plötzlich tauten in Vitus Loserts Herzen alle die Leiden hnd Enttäuschungen seines Lebens auf: und er erzählte der fremden, vornehmen, schönen Frau alles, alles, was ihm wehtat. Sie streichelte immer wieder den verletzten Arm und sagte oftmals hintereinander: „Sie tun mir so leid, so leid." Aber Vitus Losert wollte nicht bedauert werden; n>ar es etwa das Richtige für einen ganzen Mann und Künstler, neben einer schönen Frau im schaukelnden Wagen zu sitzen und zu flennen wie ein Kind? Oho! Er wollte dock! zeigen, daß er auch jemand war! Und so begann Vitus Losert von seinen Tapetenmustern zu erzählen. „Wissen Sie, gnädige Frau, wie Ihr Zimmer sein müßte! Also: ein mattgelber Grund und darauf hängende, blaßlila Flieder- doldcu, so schwerer Flieder, ja: das wäre das Schlafzimmer. Das Boudoir aber — das ntiifcte blau sein, ein sattes Grünblau: und eine Bordüre in Wellenlinien müßte es unbedingt kriegen." ,.Wie reizend, Herr Losert! Und warum muß das gerade so sein?" „Weil — weil Sie so schönes rotblondes Haar haben!" sagte Vitus Losert und atmete ttef auf. Das Licht, das die Straßenlaternen in den Wagen warfen, wurde immer dürftiger und blasser. „So", sagte die schöne Frau, als der Wagen hielt: und sie selbst half Vitus Losert beim ?lussteigen. Er schrie leise auf: der verletzte Fuß schmerzte. „Ick werde Sie bis in Ihre Wohnung bringen," sagte sie freundlich und stützte ihn leicht. Vitus Losert schämte sich, weil das Haus und die Treppe so elend und armselig Uxrr. „Kops hoch," dachte er, „aus mir wird schon noch was?" N!mr standen sie vor der Tür zu seiner Wohnung: seine Schwester öffnete und brach in eine Flut von Worten und Fragen aus. Vitus Losert küßte der schönen fremden Frau ungeschckt die Hand. „Bitte kommen Sic nicht ins Zimmer, intte nicht?" sagte er Sie sollte nicht sehen lim' elend es da aussah. S8 „Also auf baldig? Besserung!" — 'Jhm saß Bitus Losert neben dem kalten Ofen und lächelte. Draußen komplimentierte seine Schwester „Sie -um Wagen! Sie! Null ivar das Glück gekommen. Nun komrte er an etwas schönt denken: konnte denken, wie lieb sie zu ihm gewesen war, so, als »vor? gar ftnn llnterschied z-rvischeil der Fürstin und einem verlmugerten Zeick:ner. Und es war auch kern Unterschied. Er wollte arbeiten, lerneu. zeichnen, lmurderschöne Dinge schaffen. Er würde cm reicher Mann werden mW zu ihr sagen — ja, ivas wi'irde er sagen? . Seine Schwester unterbrach seine glücklichen Gedanken. ,f iui Glück, so'n Glück, was der Mensch hat," sagte sie und stemmte die Arme in die Seiten. „Nicht wahr, ja!" sagte Vitus Losert. „.Was, ja? Du »reifet ja noch gar nichts! Znwnzig Mark hat ste mir geschenkt, denk Dir nur: zwanz'g Mark''' drückte sich Bitus. Losert ganz in die dunkelste Ecke beim Ösen, imd Tranen kamen in seine Augen. So ein armer Hund also »var er, daß st? sie ihm ein Almosen schenken durfte! „Wa^ l>aste demr?" fragte die Schwester, „tut's weh?" „Wirchtbar »veh tut das." ich" sagte sie überzeugt, „So'n Narr sott eben bei Glatteis nicht ausgeh'n." ... vermischtes. r „ ^ * ? die Dinge brechen. Daß Dinge zerbrechen d/" Vorgängen des alltäglichsten Lebeils — aber wie M^reht dav eigentlich? Wie verlaust der Vorgang des Brechens ^emlick"^nv^lEn.Ä nnt ^ rö9e ' bl€ die Wissenschaft bisher nur Ü x? unvollkommen zu beanttvorten vermag. Worauf beruht e3, daß ein anscheinend einheitlicher Block eines Stoffes, der zer- i t J f umi ? crt manchnial ganz glatte Bruchflächen zeigt, während s"s. gewölbte oder- ganz unregelmäßige Brnchffächen mJr^ en? Wre erklärt es sich, daß eine Glasscheibe, die der bat, längs der geraden Linie durchgebrochnl kmm. Woran liegt es, daß der Steinhammer einen Stein- l tteffeii kann, ohne daß sich die geringste Wirkung der schlage ^igt, und beim emundzwanzigstenmal der Block in Trümmer auseinanderfällt? Warum zerspringt ein T^nkalas emfüllt, »vährend 'das gleiche Glas,' ; £ l Ä Wasser emgetauckst, unverletzt bleibt? Der französische Forscher Drammvllle ist, wie „La Nature" berichtet Men diesen Fragen nachgegangen und glaubt auf einige davon die Anttvort gefunden zu haben. Bisher behalf man ich mit llll- ron 1 ^rf 10^0en und sprach von der Aufhebung eines inne- 5 2 on molekularen Spannungen und dergleichen und chcse Dinge »vielen beim Brechen von Gegenständen tatsäckilick tritt l^^mWrr Drechens, die bei vielen Stoffen ^ch° trltt, hat Fremmville besonders genau untersuchen können raa sich mn ein plötzliches Zerfallen, bei dem der zerbrechende ^K^stmid in viele Stticke zerfällt 'Bei dieser Art dZ B^ns n Un £ von einem „Brennpunkte de^ ffifft Lr ” U £' b rn ,e r Dd) mit der Stelle zusammen- fallt, an der äußere Gewalt angegriffen hat, falls es sich um Zer- ^n^erung durich euren Schlagailfpratt usw. handelt Atter Wahrschernlichkett nach l)at die Richttmg der Flächen w denen dw Zertrummerm^ ^folgt, kernen unmittelbaren Zusammenhang mit den lmßeren Kräften. Das Ausemanderbrechen erfolgt so schnell scheint ^L^hne Hilfsmittel „augenblicklich/' er- !LllcE°LkL°L Ä exle^i2" Brnchflächen eiender fdmeibe^ C kb«%£d^ förl. Ter Spiegel schrank aus dein -Schlafzimmer war in ernenr ^suMen eingeregnet, das Billard hatte den Zuaven als Küchcn- begnMick-Äsp^ tä JRim *!**■ $«' 'wch mehr: es erhält cne wunderbarsten Verbesserungen. Es hat bereits elektrische Be- ^ Badezimmer, Telephon nsio. T« irumr »ttrechte Zufalu tsiveg wurde in eine herrliche Automobil- fim B e mnoandelt. Wasserleitung wurde qebant. und mlck ehre .^^ltet. Was mirl, mindestens 100 000 Fra>fls> Wmflwr ^verwirE^-l^!' fm“’ 1 '?l!MerseÜs wie dnrfl ein -wunoer verwirrliQ.it »vordeti. Alle merne Träume sino Da T3, l'ätte ick,wa,,rhrftig nieS ^n, 2 l ^ e bemerkte, fügte er danii erklärend hinzu: Quartier ! ' ^ ^ namlch einem französischen Regimentsstab als vüchertisch. » »L'ELtz'ÄW.W«!iL'Ä'.'N Schaubuhne und damit seine r^iele »vom er di? WutJnhL'l* beulten Bühn- gemacht hat, kennt, wird auch dieics Buch bll 60f r r p! 1 f k U x 915 (i 6 fau ^ en und als Kenner, Künstler Gönner oder Liebhaber der Bretter, die die Welt bedeuten das'Recht"die Worte und Anregungen eines Mannes, der as Recht hat, zu reden, und wenn gar liiemand seiner Meinung wäre, s^enes Goethe'sche Vorwort von 1823, welches er dielein Kritcker Ä?ob7o7"^^ ^ üt ^ ° ei "lag man Über den Smnrer „Jakobson auch denken wie man »viü . a ~ ®*' Z-Uschrist .Der Bö I k e r k r i - g-'sV-rlaa va„ Hoffman» in Stuttgart) berichtet in den Heften 107 und I«W von den Kämpfen an den Dardanellen vom August Iglb bin 3 Räumung von Gallipoli durch die Lrimpen der Enteut» ! * » J°"u°r 1916. Hinter di-Ku,iff-n zu sehen - dies ,st es iu L was ^Der Völkerkrieg" lherausgegeben von Dr L KeS Heit 30 Pfg) seinen Lesern vergönnt, indem er ilme.kalle Quellen der Aufklärung zugänglich g u machen weiß. U — K u r s ch n e r 5 Bücherschah. Band Nr. 1097 • . ?j e 2 - l 0 n ,,^ e § Gluck s. Roman von Frih Skoivro'nn-/ 94 Setten Urnsang. — Preis 20 Pfg — §>?rm fiirr-ÜJ 0 r C f ‘ Berlin W 9, Potsdamer Straße 124/125. ' ^ ® ^^Aag, SUbeiträtic!. «, ab, be, bro, cher, dt, do, e, fest, gar, Hut, i.r, ma m ^ teil, trau, wein. .T 8 vorstehenden Silben und Buchstaben sollen sechs Wörter buchswb?»"^?,"^^! "voreinander gesetzt werden, daß die Anfang-, buchstaben von oben nach unten gelesen einen m Endbuchstaben einen männlichen Boma>nen bezeichne!? E, ' bl deuten aber die einzelnen Wörter folgendes: 6 b< 1. Handiverker. 2. Fluß in Spanien. 3. Landesteil in Ostindien. 4. Schniackhaste Frucht. 5. Fremde Rasse. 6. Festliche Veranstalttiiig. Auflösung in nächster Nummer. Gießen.