ri W - Nr. 2 »' ' Samstag. Sen b. Januar. Königsträume. Roman von Karl Busse. (Nachvruck verboten.) (Fortsetzung.) An fernem Gesicht standen die Flecken. Ein jäher Sttah vrmh aus seinen Augen. Man hörte den Atem und die Stille Blutrot, zitternd, hatte sich auch Hanna van Graßnick er- yaoen. Sie war zitternd ein paar Schritte zurückgetreten Mit der 5)and stutzte sie sich auf den Tisch. „Das habe ich Ihrem Vater gesagt." begann er nacl «ner Paii)e schwer von neuem. ..Und er hat mir geantwortet datz er nichts dawider haben wolle, wenn Sie das Ja sagten Hanna! wenn ich noch lange reden müßte, daß ich Sie mü der riebe lieb habe, die den Menschen wie ein Sturm pack) und nicht loslaßt, dann wäre es schlimm für mich. Das weis jedes Weib, und die Leidenschaftsschauer, die uns durchschüt- teln, schlagen auch hinüber, werden auch empfunden von dem «Leibe, das wir begehren." s.ühlte, tmu er recht hatte, fühlte, wie es durch sie Sie wollte ihm sagen, daß er schweigen, daß er Nicht weiterreden solle, aber sie brachte kaum ein abwehrendes „Nein!" über die Lippen. Ms er nähertrat, wich sie noch einen Schritt zurück. „Man sagt von uns Polen," redete er mit verhaltener Mut weiter, daß wir leidenschaftlicher sind als die Deut- schen. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur. daß Sie mein Weib werden sollen, Hanna, daß Sie mir das Jawort geben müssen. Ich war ein Narr, der in Paris vor schönen Frauen das Kme bog und unglücklich war, als er in die Heimat fär» ^ nö , tn ber HEat fand ich Sie, die schöner ist als alle ha draußen. Wenn Sie mich fortschicken, ich weiß nicht, was ich tue. Ern einziges Wort nur, und mein Leben hat nur noch einen Zweck: Sie glücklich zu machen. Sprechen Sie das Wort aus, geben Sie mir die .Hand, sagen Sie, baß En Hai^ bald eine junge Herrin haben soll, vertrauen Sie Ihr Glück uiid Leben einem Menschen an, der es fest und Sie denn^so?"^^^' 9Barum reben Sie nicht? Warum zittern Er brach kurz ab. Mer er breitete wild die Arme aus- „Hanna I" f ä ^>ar ein Aufschrei. Und wie ein feuriger Mantel um- sie der jähe Ausbruch seiner Leidenschaft. Wäre er jetzt gab . „ .. 7 . ,_ Sugefprungen, sie hätte sich nicht viel wehren könnem Ms hatte er sie niedergerungen, fühlte " wankten, wie es heiß über sie hinlief. lte sie, wie ihre Knie Liebte sie ihn denn? War's nur die suggestive Kraft, die von seiner Leidenschaft ausging, die auch ihr das Blut schneller durch die Adern trieb? Riß der Sturm auch sie mit? Und immer von neuem: Liebte sie ihn denn? Noch immer tte er die Arme ausgebveitet, die wild uiid wartend sich ^en. als wollten sie sie umllammern und nicht mehr Ms müsse sie einen Schutz haben, hatte sie sich immer fester an den Tisch gedrängt. „Ich will nicht," stieß sie hervor, „ich will nicht, daß Sie so reden!" „Ich liebe Sie, Hanna!" Der keuchende Menuwar wieder allein im Gemach. Dann sanken seine Arme. Wie eine Ermüdung kam es über ihn. „Und nun geben Sie mir Ihre Antwort f"* ©3 war, als ob bei dem stilleren und matteren Klang dieser Worte ein lähmender Bann von ihr wiche. Sie richtete sich hoher auf: sie zitterte nicht mehr. Bluttot blieb aber ihr Gesicht. „Ich kann Ihnen keine Antwort geben!" sprach sie leise. „Und warum nichts „Weil ich ja auf das alles nicht gefaßt war!" "O," — er schüttelte das Haupt — „Sie müßten kern Weib lern, wenn Sie nicht längst gewußt hätten, wie es steht. lL>re mußten kein Weib sein, wenn Sie yalb unbewußt sich nicht schon mit dem Gedanken beschäftigt hätten: Was Sie antworten werden, wenn diese Frage einst an Sie gerichtet wird." _ Ein leises Zucken Hanna von Graßnick hatte an den L.ag gedacht, als Versen und sie allein vor dem gedeckten Frühstückstisch gestanden Und mit einem Male war es ihr. als stünde neben dem Grafen ein anderer: kerzengerade, ein preußischer Offizier, uird sehe sie ernst und totenblaß an. Einer, der nie so von wilder Leidenschaft gerüttell und geschüttelt sein mochte: Versen! Während der Werbung des Grafen ward Hannas Auge groß uiid äng>tlich. Sie hörte wieder die herben Worte Ver- sens, in denen die Angst, in denen tiefe Scheu zitterte. Wie lauteten sie gleich? Ob sie um eines Polen willen, der reich, vornehm, interessant sei, alles opfern könnte, ihre Nationall. tät, ihre Muttersprache; ob sie sich ganz lösen könne uiid wolle aus dem Volke, dem ihre Familie seit Jahrhunderten angehöre? Und wie hatte sie diese Frage beantwortet? „Ich glaube nicht!" hatte sie gesagt. Ms stände Versen vor ihr, als wartete er noch einmal aui dieselbe Entgegiinng, sah sie an dem Grafen vorbei. Und als spräche es ihr jemand vor, und sie brauchte es nur nachzuredeu, begann sie zögernd erst, dann fester: „Ich branche Ihnen nicht zu versichern, Herr Gras, daß ich ganz 1)6« Umfang Ihrer Worte empfinde und sie zu schätzen weiß. Ich möchte wohl, daß Sie mir das glauben. Und daß ich Sie ganz davon überzeugen könnte, wie gern wir Sie )ier sehen. Was ich sonst sagen kann, es ist wirklich ttotz allem so überraschend, und ich bitte Sie: erlassen Sie mir )te Antwort! Ich konnte heute weder Ja noch Nein sagen. Das müssen Sie dock) verstehen: man ist doch verwirrt. Lttel- ! eicht kann ich Ihnen später eine bestimmte Antwort geben. Es ist doch der größte Entschluß des Lebens Und gerade in diesem Halle. da iit das dovvelt frfiroerf" „Und weshalb?" fragte er kurz. Die Stimme schien un- atme?c schnell ein paarmal. Und aV walle sie sich selbst den Rü^ug abschneiden, sagte sie rasch: „Weil doch so vieles verschieden ist. Sie sind katholisch, ich evangelisch. Und Sie sind ein Pole, ich bin eine Deutsche. Und das sind doch keine Handschuhe, die man nach Belieben an- und ablegt. DaZ sind doch Eigenschaften, die bleiben urtl> die sich entgegenstehen und die... was rede ich denn noch. Sie müssen mich ja verstehen!" Ihr war, als stünde auch jetzt noch der blaue Dragoner neben dem Grafen, aber nicht mehr totenblaß, sondern leuch' tenden Auges. Totenblaß jedoch war jetzt Napoleon Rud kowski. DaS sprach nicht Hanna von Graßnick, das sprach ein anderer aus ihr; wie der Blitz durchzuckte ihn diese Ahnung und schüttelte ihn. O, er kannte den andern wohl! Ruhe! schrie es in ihm, nur jetzt ruhig sein! Alle Willenskraft nahm er zusammen und setzte sie dafür ein. Jedes Wort, daS er sprach, war still, aber jedes durchzittert von Angst und Leidenschaft. „Ich verstehe Sie nicht mehr! Was sind die Schranken der verschiedenen Religion, der verschiedenen Nationalität gegen solche Liebe? So viel wie Spinngewebe gegen den Sturm! Der Sturm bläst sie weg! Fühlen Sie denn das nicht? WaS soll denn da noch Wägen und Ueberlegen? Wie kann denn das Ihre Antwmtt bestimmen? Mein Gott, so reden Sie doch!" Sie schluckte. „ES sind doch große Bedenken!" „Und deshalb," fuhr er auf, „wollen Sie Bedenkzeit! Deshalb soll ich mich gedulden und soll warten! Deshalb mich verzehren in Ungewißheit, bis dann, später, doch vielleicht ein „Nein!"" erfolgt! Das können Sie nicht wollen, das dürfen Sie nicht! Sagen Sie mir, daß ich warten soll, aber J agen Sie mir auch, daß diese Hand, oie Sie mir heute noch »erweigern, in dieser Wartezeit sich keinem andern gibt, daß sie einst sich bindend in die meine legt!" Hanna von Graßnick hob das Haiipt. „Wenn ich das vorher bestimmen könnte, brauchte es keine Frist. Dann könnte ich mich schon heute entscheiden." „Und ich muß die Entscheidung hören!" brach es heraus aus ihm. „Warum sagen Sie nicht ein volles Fa? Warum bläst kein Sturm dieses Spinngewebe fort? Sie müssen mir antworten — ich weiche nicht eher, als bis ich Ihre Antwort habe!" Unwillig zogen sich ihre Brauen zusammen. „Und wenn ich die Antwort verweigere?" Da hielt es ihn nicht mehr. Er vergaß, vor wem er stand. ,Lkch will es Iahet , 1 " 1 stieß er wild hervor. „Und wenn ich's erzwingen sollte —" „Herr Graß" unterbrach sie ihn jäh. Sie stand hoch auf- gerichtet. Das Blut warf sich nach den: Haupte. Seine Augen glühten. Wie ein Fieber packte eS ihm Und in Hohn, Haß, Leidenschaft schrie er: „Also doch wahr, also doch der Narr! O, ich weiß, wer dahintersteckt, wer aus alledem spricht! Und wenn man auch nur Pole ist, und kein Dragonerleutnant —" Kurz brach er ab. Hanna hatte sich gewandt und ging nach der Tür. Dort sagte sie kühl: „Sie wollten eine Antwort hören, Herr Graf. Nun wohl: sie heißt Nein! Ich muß bedauern!" .Keine Wimper zuckte an ihr. Es war die kühle, stolze Schönheit, die da sprach, gerade jene ki'lhle Schönheit, die ihn so bestrickt hatte. „Hanna !" schrie er auf. Wer die Tür schloß sich. Er war im Zimmer allein. Einen Augenblick blieb er regungs- los. Dann taumelte er mit rauhem, dumpfem Laut zurück. Seine Hände ballten sich zusammen, daß die Nägel ins c nie ü iie sich?. An der Nationalität? Er lachte auf, kurz, grell. Und ein wahnwitziger Haß, der allgetvaltige Hochmut, der in ihm tahef, stieg empor und überschwoll alles andere. Wie eine «ernrchtnnaswut war es: er hätte gleich Simson die Pfeiler stürzen und alles Leben unter den Trümmern begraben möge«. Er hätte aufschreien mögen, daß alle eS hörten, er hatte den roten Brand in die Häuser aller Deutschen w^sen nröaen daß sie gleich Rachefackeln, die er seinem Schmerz und Stolz entzündet, zum Himmel lohten. Was in Sekunden in wilder Jagd durch seinen Kopf blauste f-H er verstand es kaum. Mer über die Wirt und de« Schmerz, über Liebe und gekränkten Stolz, über Haß und Hohn erhob sich das blinde Verlangen nach Rache! Gr stürzte hinaus. Im halb offenen Stall polterte der Baron. In derselben deutschen Sprache, in der eben Hanna sich ihm verweigert hatte. Noch führte der Fornal den Gaul herum. Er riß ihm die Zügel aus der Hand. Mit einem Schwünge saß er im Sattell Und er stieß dem Pferde di« Sporen in den Leib, daß es schmerzgepeinigt in die Höh« stieg, als wollte es sich überschlagen, und dann in wildem Galopp durchs Tor schoß. Immer stärker hatte den Grafen wie ein fressendes Fieber die Wut gepackt. Immer schneller brauste der Gaul dahin. Durch die Kirschallee aus die Chaussee und dort weiter in Karriere durchs Dorf. Plötzlich ein Klirren, das Pferd rutschte, um ein Haar wäre es gestürzt, das Eisen, das locker war, hatte sich ganz gelöst. Fluchend sprang er ab, nahm es auf. Drüben war die Schmiede. Klirr und llirr tönten die Schläge. Den Gaul am Zügel, ging Napoleon Rutkowski bis vor die Tür. „Heda, Meister, Arbeit für Euch! Aber es muß schnell gehen!" Michael Laskowicz hörte die heisere, noch immer von der gewaltigen Erregung zeugende Stimme. Den schweren Hammer in der Faust, trat er ins Freie. „Der Gaul hat ein Eisen verloren. Beschlagt ihn, Meister, aber sputet Euch, denn ich habe Eile."" Prüfend musterte ihn der Schmied. Sein Gesicht ward finster. „He, wird's bald?" Die Hünengestalt streckte sich. „Da wird Graf Rutkowski schon nach Muchocin gehen oder sich von seinen deutschen Freunden ein anderes Reitpferd geben lassen müssen!"" Trotzig wandte Michael Laskowicz ihm den Rücken. „Teufel, was heißt das?" brauste der Gras ans. „Daß ich nicht für Euch arbeite!" erwiderte der Schmied hart. Die Augen Napoleons begannen zu glühen. „Und warum nicht, Mann?" „DaS fragt Ihr noch, Herr? Ich denke, man kennt die Ansichten von Michael Laskowicz in der ganzen Gegend? Und Eure, Herr, kennt man auch! Ich bin ein armer Schlucker, und Ihr seid ein reicher und vornehmer Mann. Aber eher soll mir diese Haiid verdorren, und ich wlll betteln gehen, eh« ich für einen arbeite, der fein Volk verläßt. Was Ihr haßt, liebe ich, und was Ihr liebt, hasse ich. Das gibt keinen Reim zusammen! Geht zu Euren Freunden aufs Schloß, die meinen Sohn zum Krüppel gemacht — wer der Deutsche heißt, soll sich auch von Deutschen helfen lassen. In meiner Schmiede ist kein Raum für Euch!"" Mit wenigen Schritten stand er anr Amboß. Ein wilder Hanimerschlag sauste nieder. „Das für den Baron, unfern Herrn! Das — ein zweiter Schlag! — für die russischen Bluthunde über der Grenze!" Klirr, sauste der Dritte! „Und das den verdanmiten Deud- schen, die ihnen helfen!" „Michael Laskowicz!" tönte die Stimme des Grafen. Der wilde Riif drang durch die Schläge des Hammers. „Seid Ihr noch immer hier?" „Michael Laskowicz, ich sage Euch, Ihr könnt ruhig für mich arbeiten!" Mit starrem Gesicht wandte sich der Schmied. Mit starren Augen sah er in die deS Grafen, der, den Zügel des Gauls um die linke Hand geschwungen, an der Schwelle der Schmiede stand und den Blick des Meisters aushielt. Langsam trat Michael Laskowicz zwei Schritt näher. Die Faust umkrampfte den Hammergriff, als wollte er ihn heben. „Wenn Ihr spotten wollt, Herr, so wahr mir Gott helfe, ich rat's Euch nicht!"" „Ich spotte nicht, Mann! Ihr haßt die Deutschen, Ihr haßt die Russen, Ihr haßt die da drüben im Schloß?" „Wie die Sünde, Herr! Und tausendmal: Wie die Sünde! Nun könnt Ihr hingehen und mich verklagen!" Wild sah der Gras ihn an. „Meister! Und wenn Euer Haß groß ist wie der Himmel, ich kenne einen, der größer ist. Und der sitzt hier! Beschlagt mein Pferd, Ihr dürft es!"" Die Hünengestalt taumelte. Der Hammer fiel ans der Faust, llirrte zu Boden. „Herr, und ick kann Euch glauben? Herr, Herr, ich glaube Euch! So könntet Ihr nicht reden! O Herr, Herr!" Die mächtige Brust spannte sich, als wollte sie den Kittel sprengen; unter oen buschigen Brauen glomm es auß » ,MH frage Euch nicht weshalb und warum! Das ist Eure Sache, nicht meine. Aber ich werde Euch segnen mein Lebtag, wenn Ihr mir das eine sagt: Warm, Euer G-naden. wird der Tag kommen, da Polen frei wird? Euer Gnaden, ich fleh' Euch an." „Geht an die Arbeit, Michael Laskowicz! Ihr fragt -u viel. Aber er wird kommen!" „Hopla, Euer Gnaden, das Wort macht jung! Und ich soll dü>ei sein, gebt mir das Eisen, Herr! Der Schmied von Nasgora bückt sich nicht, aber für das Wort könnte ich Euch die Hand küssen!" Er schürte das Feuer und machte sich an die Arbeit. Finster sah der Graf in die Flammen. Finster hielt er den unruhigen Gaul, als das Eisen angelegt wurde. „So kann ich mich aus Euch verlassen, Michael Laskowicz?" „Meiner Treu!" lachte der, „in Stücke lasse ich mich hacken, wenn die Sache so steht. Das ist ein Feiertag, wie meines Vaters Sohn nicht viele erlebt hat Wenn Ihr mich braucht. Herr, so schickt nach mir! Ob die Schmiede bis oben voll Arbeit liegt, ich lasse das Feuer ausgehen und komme!" „Gut, gut? Ich könnte (huf) wirklich noch gebrauchen. Hier habt Ihr den Lohn ? Lebt wohl!" Er gab ihm eine größere Münze hin und schwang sich aufs Pferd. „Was Hu viel ist," sagte er, als Michael Laskowicz mit finsteren Augen darauf hinsah, „gebt's, wem Ihr wollt!" „Das Ganze, Herr? Ich weiß, wer es brauchen kann, Wenzel Pollak, der Scherenschleifer, für unsere Freunde drüben!" Aber schon galoppierte Napoleon Rutkowski davon. Der Wind pfiff, manchmal nahm er ihm fast den Atem, was tat's! Rache für diese Stunde, mehr wußte er nicht. Er war nock) nicht weit von Nasgora entfernt, als ihm ein anderer Reiter entgegenkam. Er erkannte ihn erst, als jener grüßend das Pferd parierte. Mit einen: Blick hatte Kasimir Rzonka das Gesicht des Grasen geprüft. „Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, ich ließ mir den Gaul * satteln. Die 24 Stunden sind bald um!" „Und welcher Teufel führt Sie hierher?" „Der Zufall, ein kleiner Spazierritt!" „Hm! ^)ann kann ich Ihnen die Antwort geben, die ich Ihnen versprach." Er hob sich im Sattel: „Hier, meine Hand. Ich bin der Ihre! Melden Sie das der Nationalregierung!" (Fortsetzung folgt.) wie der hansjörg einen vilck in die Zukunft tat Skizze van Gisella Katz (Prag). „Wenn nur die Frau ordentlich eingekachelt hat!" brumnrte der Hansjörg vor sich hin; und beruhigte sich gleich darauf: „Sie wird ja wohl! Tückschen tut sie und dem Menschen ordentlich ins Gesicht sehen, das kann sie auch nicht. Aber sonst ist sie ein tätiges Weib. Der kleine Spirrfir, ihre Jeanne, geht immer so sauber herum — es dürste Friede sein und alles in schönster Ordnung!" Der Hansjörg. oder wie er in der Stammrolle geführt wurde, der Gesteite Johann Georg Sorge, klopfte seine Meise ans und machte sich auf den Heimweg. Der heutige Nachnrittag war freigegeben worden, was hier, so weit hinter der Front, ganz leicht anging. Die Kameraden nützten die Ruhe, um großartige Vorbereitungen für den Sylvester zu treffen. Punsch, Bleigießen und allerlei heitere Ueberraschungan waren vorgesehen. Man munkelte sogar von „einem Blick in die Zukunft" und tat gewaltig geheimnis- voll damit. Hansjörg aber wollte einmal in Ruhe in dem Buche lesen, das ihm am heftigen Abend zugefallen war. Ein Märchenbuch — niemand hat es gemocht, nur der Gefreite griff hastig danach. Märchen gingen ihm über alles. Wenn man sonst Tag für Tag mrd Nacht für Nacht in überheizten Räumen jedem Wink des anspruchsvollen Publikums zu Diensten sein muß, dann sehnt man sich nach reinerer Lust. Weiß Gott, Hansjörg hatte es als Oberkellner nicht immer leicht gehabt! Trotz seiner „Konditionen" in erstklassigen Hotels! Man legte ja einen hübschen Batzen zurück und das „tadellose Französisch", welche- ihm jedes Zeugnis bescheinigte, tat hier draußen auch guten Dienst. Aber Hansjörg lobte sich doch den feldcwauen Rock, die derben Stiefel; die Ge weiten knöpfe nicht zu vergehen. Hier diente vran Kaiser und Reich, nicht müßigen Launen. Und war die Arbeit attan — ach, der heutige Nachmittag sollte schon behaglich werden! Venn nur die Frau ordentlich emgeheizt hatte! Frau Levour war keine Mi genehme Wirtin, die Kameraden hatten es alle besser getroffen. Trotz ihrer mangelichen Sprach- -vrntnisse. Aber was nutzte Hansjörg sein fließeicheS Französisch, wenn die Frau doch nicht antwortete. Sie gab sich stets mürrffcy, verdrossen und Mete sogar ihr« kleine Joanne vor dem kinderX lieben Manne. Als hätte der dem netten Dingelchen Schaden tun wollen! Daß die Mutter gar keine Annäherung an das Ktndi litt! Hansjörg hätte sich gar zu gerne mit ihm befaßt. Der „Herr Ober" war wenig mit Kindern in Berührung gekommen, hatte ein richtiges Heim kaum je gekannt. Früh ver- waift, von einem braven, aber schrullenhaften Onkel erzogenwar ihm der Eintritt ins praktische Leben fast Erlösung gewesen« Strebsam und ehrgeizig, hatte er sich Schritt für Schritt herau^- gearbeitet, jeden Groschen dreimal umgedreht, immer nur das Endziel vor Äugen — eine kleine Pachtung zuerst, dann eine größere, endlich den eigenen Besitz, das erstklassige Hotel. Nun, mit den Fremdwörtern war es wohl jetzt alle. Es würd/ nach dem Frieden ein gutgehender Gasthof werden. Aber so etwas wie ein Ideal hegt auch der praktischste Mensch in der innersten Herzkammer: für Hansjörg \vax es ein behagliches Heim, ein paar nette Kinder — die notwendig dazu gehörende Frau dünkte ihm weniger wichtig — und ein helloderndes Feuer, an dem er abends in Hausjoppe und Schuhen sitzen und seinen Kleinen Märchens erzählen konnte. Ein kleiner Teil dieses rosigen Zukunststraumes sollte heute in Erfüllung gehen. Zwar die netten Kinder fehlten noch; mit Joppe und rvarmem Schuhwerk sah es auch würdig aus. Aber das Märchenbuch war schon zur Stelle. Und auch das saubere Häuschen der Frau Leroux. HanS, jörg hatte im Sinnen und Denken den beträchtlühen Heimweck zurückgelegt, klinkte die Stubentür auf und trat ein. Daber stieß ihm wieder einmal der Herr Ober ins Genick — das richtige Servieren muh ganz lautlos vor sich gehen — und seine schwerer* Stiefel knarrten kaum, als er die Schwelle überschritt. Eins bellagliche Wärme schlug ihm aus der halbdunklen Stube entgegen^ im Ofen knisterte und prasselte das dürre Holz. Hansjörg riß ein Schwefelholz an, entzündete die Lampe und blieb erstaunt, betroffen stehen. Er war nicht allein. Das breite Fenster ging auf den Garten und der Schnee vor den Scheiben gab ein fahles, unbestimmtes Dämmerlicht an die hohe Fensterbmik ab. Und in diesem fahlen Halblicht sah der Gestecke eine kleine zierliche Gestalt stehen, Jeanne Leroux, das Töch- terchen der Wirtin. Sie drückte das Naschen gegen die Scheiben und sah wie entrückt auf das Buch in ihren Händen, auf die bunten Bilder, die ihr eine ganze Märchenwelt vorzaubertm. Ihre schwarzen Augen leuchteten, ein glücklicher Seufzer hob die schmale Brüste Der Einttitt des Gefreiten war ganz spurlos an ihr vor übergegangen: erst di« plötzliche Helle weckte sie aus ihrem Träumen. Mit leisem Aufschrei und ängstlich verzogenem Munde blickte sie den „Deutschen" en die Stille der ■ Z—T*." diesem dlugenlibck läutete der Fernsprecher: der Verleger unterbricht die spannende Handlung und befiehlt: „Sofort d«^ Roman zu Ende bringen, das Papier ist loieder um 10 v. A. 9t t 9P L Aeußerster Unrsang: 100 Seiten." Ter Verfasser begreift gleich' worum es sich handelt, schafft auf wenigen Seiten die noch uvr^gebllebeuen Schurken aus der Ä9elt, führt das Liebespaar SUttklch zusammsr. schreibt darunter das Wort Ende und sieht sch ^ch einer ander«: Beschäftigung um. So ist es vieLsr von der Dlppe Nick Carters gegm^en: von d«n Augenblicke an, wo der Pa- prerpveis eine geroisse vöhe überstieg, waren die Nick Carter-Ro- mene nicht mehr wirtschaftlch, und es gibt nur noch wenige ameri- varwche .Verleger, die mit dem Devausbringen solcher Schund- ronrone fortfahren können, weil sie aus Grund langfristiger Verträge noch billiges Papier bekommen. o i* ®i“* can «öfifd)eS Brevier zur Erhaltung der r •** ® « L m m U "L' der optimistischen Versicherungen der Pariser Presse vermögen dock die Blätter selbst nicht zu leugnen, daß die Stimmung der französischen Bevölkerung nicht mehr sehr gesettiqt ist, weswegen man kein Aufpulverungsmittel scheut. Be- sonderS die jüngsten Einschränkungen und die Preiserhöhungen haben die Laune der Zivilbevölkerung erheblich verschlechtert. Wahrend die Pariser sich früher über die Einschränkungen tn Teulschland lustig machten, sind sie heute bereits ziemlich ver- blltert. da sie selbst von Tag zu Tag ihre Lebenshaltung mehr einengen muffen. So erschien denn, wie einer Mitteilung de« »L Oeuvre zu entnehmen ist, nunmehr unter dem Titel .Die Kunst mtt wenig glücklich zu fein*, ein aus Zitaten berühmter Schrist- uns Philcqophsn zusammengesetztes Buch, mit dem die französische Regierung auf. wie man auS einigen Beispielen er- sehen kann, ziemlich naive Weise die Stimmung zu bessern hofft. So lesen wir den Lehrsatz: »Seien wir glücklich, indem wir daran denken, daß ein Unglück niemals so schlimm ist, wie man es sich vorstellt. An einer anderen Stelle Hecht eS: .Da« beste Mittel gegen den Wind besteht darin, seine Fenster fest zu verschließend Oder: »Der Mensch soll so- viel innere Werte haben, daß die äußere» Umstände ihm gleichgültig sind.* Um das Publikum wegen der Beleuchtungsschwierigketlen zu trösten, wird tn diesem sonderbar«, ^.Stimmungsbuch" schließlich auch der Satz von Taylor zitiert: .Wenn ich in die Hände von Räubern gefallen bin und 'Nemer Habe beraubt wurde, waS schadet die« ? Sie haben mir doch die Sonne und den Mond gelassen!- . . . .L'Oeuvre* meint, daß demnach kein Pariser das Recht habe, sich über den Kohlen- £?2?£ eI ä" beklagen, da die Regierung ja bisher noch nicht die Absicht ausgesprochen habe, Sonne und Mond zu requirieren. xuu c * v e r l i e b l e T o m m y. Ein englischer Soldat, so erzählt der .Gaulois . der soeben von einer schweren Wunde geheilt uSzSLJ*** . unb t "S? r i 18 . erholungsbedürftiger Rekonvaleszent behandelt wurde, fühlte sich in dem französischen Lazarett, wo man itynmnt ergebrächt hatte, plötzlich vo,i einer unwiderstehlichen nervösen Srhntucht nach ferner Heimat, feiner Familie und seiner Wohnung erfaßt. Darum reichte er eiir Gesuch um einen Urlaub von acht Tagen ein. Hierauf ließ der Oberst, der das betreffende Rekon- vateszentenlager befehligte, den Soldaten kommen. Der durch sein iL"*!!? Aussehen und seine Barschheit bekannte Vorgesetzte brummte ."./Kosendem Tone: .Können Sie, bei Ihrem Zustande, nicht noch e!Ä'nÜS£ warten? Was soll diese überflüssige Eile?" .Aber, ^ err Oberst, erwiderte der Rekonvaleszent, .bedenken Sie, daß ber ^* f etw Zolles Jahr vergangen ist, seit ich meine Frau n£rft* rc» 3 ? 0 !* ffi fe ^ cu babe - W .Nun, und?' entgegnete der sind schon mehr als zwei Jahre vergangen, seit ich sTin-E^".Kleben habe." .Das mag Ihnen wohl gleichgültig hS'nZ bt lt 5CC X 5 mn ? w E"'em nicht gerade höflichen Tone kLu 'o? ec ber Unterschied ist der, daß ich meine r Argument konnte der Oberst nicht widerstehen, und da« Urlaubsgesuch wurde bewilligt. HEubner bedeutet stets ein Geschenk. Das wird jeder Kenner feine, meisterlichen ErzahlungSkunst auch bei diesem neuen Noveüenband» wieder empfinden. In diesen Novellen erweckt Heubner, der da, ^ ebe £ b J 8 Orient« au« eigener Anschauung kennt, diese ltmttihrer starken Kraft und ihrer heiteren Genußfreudigkett ^.„?°Ustischem Leben Gleich liebevoll ist die Behandlung von DÄ ^"« b Atenschen, der Sprache rauschenden Leben« voll, nftr l' C £ r abgerundete psyäiologisch vertiefte Arbeit wird viel zum Verstehen der Seele des Orients beitragen. n * m a n s ♦ J * V" ungen und Irrungen in den an - <2 ®S!l Uaü 0- Hartmann. Preis 2 Mk. geling von R. Oldenbonrg, München und Berlin. — Die vor- Uegeuden Ausführungen sollen nicht nur den Künstlern und Kunst- auch den Gebildeten aller Stände Anlaß geben, die tatsächlichen Verhältnisse und Zlistände im Kunstleben der Gegen- wart m,t prüfendem Auge zu überschauen und aus Grund eigen« .*.!? !^oen, sich ergebenden Folgerungen zu ziehen. Im Hinblick auf die in« Auge gefaßten hohen nationalen Ziele dürfen e m '"appeni Rahmen gehaltenen Darlegungen wohl in wetten Kreisen auf Beachtung und Würdigung rechnen. ^oman von Ferdinand Künzelmann. First- Bncherei. 2 . Band. First-Verlag, Stuttgart. Mk. 1,20 gebd. — Thema: Juden- und Christentum in der Moderne. Der bereit« bekannt« Schriftsteller hat mit der .Ruth- - oder .Judenbraut- wie er sie anfänglich taufen wollte - eine kulturelle Arbeit an* flefliebt, an der sich Juden und Christen in gleicher Weise vo« Herzen freuen dürfen. Man darf den weiteren Bänden der .Ftrst- Blicherei . die in den beiden erste,» Bänden sehr Gute« geboten hat. mit Interesse entgegenfehen. — Wiespartman beiHausbau dteHälftede, Wm ™ r f r r 0f ™ ® ec Stampfbau, Deutschland« volkstümlich« Bauweise für Wohnhaus- und Zweckbauten. Mit über 100 Abbildungen herausgegeben von M. Paur, Kgl. Baugewerkschul-Obev ^»und Kulturtngenieur. Pr«i, Mk. 1,80. gebunden Mk. r ba. Wiesbaden H'""kultur.VecIagSg-jelllchasl m. b-Ichr. H> ! _ ^ü'mer(KrtegsauSgab->. Herauiqeber: I. E. Frhr. M m ft «l-rtkllahrlich 16 v-ste) 4. Mk 50 Smjribrfl 8° Pf. Probehett portofrei Schaff. — Napoleon I. und Polen. — W°ch'°- °u ,u lange Sicht. - Rubl-md und. Serbien. - Dt, yandelsbeitchnngen Polens. Von G. Bueh. - Der tranmsilcb. K°Lr 7 d Tnmslrey. - An^D°,s.°i?Ld'e7leZeN^- S“ J n £* U £* Jahrbücher. Bon K. St. - Meier-Graefe geht um. f* or ä r“ Türmers Tagebuch: Der Krieg. — Auf btt Gietzener Harrsfrauen-Berein. b™ STr^lr« a Ä Uen mta] L rwr die dringende Mahnung, mir den Dirloff^n sparsam umzugehen und nicht mehr zu verbrauchen. x böten Veroronnng vorgeschriebene Menge w« > % ^s^ogund Kvpf. Die Beschvänkung auf Pfund iS JEfX Inllkürliche, sondern dringend lwtwendiqe ^kaßnadm». ! Gute dicke Suppen helfen Kartoffeln sparen. ^ ^agnahn«. Wvchen-Küchenzettel. SalFaErtn"' tn ÄÄ ® M1Ipen[mK mvatmxv* Dienstag: Gemüsesuppe ApfelschnecLm"). W-W«EEling-.), hollEW, SrfeommVöto, 'Älf' ^ “**» wit “* Freitag: Buttenmhch^MPe, Braikartaffeln, Parreesalat b«eren°'"^^^' MchMShc. ciuMmachte $>nba. Kachvorschrrften: L ) Deutsche HaAsf«« Nr 5 -» SB™w. Jwtenjcttcl 30. T-rentber 1915. *) Der SCotg der WetSfe£ tarnt mit ^ntternutrf; gemacht ipetben; in Ermangelima Pon f>efe '1 Wocheuküchcnzettel 12. Februar 191 (f 6 ) Wachenkuchenzetlel 19. Februar 1916. ' Lharade. Wofchfrauen brauchen cm3.„oet, die drei iri da- Co» der Gesangenen- ^ber das Ganze spricht aus, wie alles Irdische ist. ° tK ' Auflösung in nächster Nummer.