Königsträume. Roman von Kurl Busse. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Juschu beinerkte sie erst -etwas später. Sein Gesicht veränderte sich in keiner Miene. Man sah, wie gleichgültig ihn die Begegnung ließ. Mit dem üblichen „Guten Tag, Pani" wollte er an ihr vorüber. Aber sie hielt ihn auf. Sie gab den Gruß zurück und setzte rasch, während ihre Wangen sich höher färbten, hinzu: „Man trifft sich selten, so klein das Dorf ijt." Dabei kam eine mädcheuha.fte Verwirrung über sie. Sie senkte die Augen- ihr Atem ward beklommen; die junge Brust spannte sich und zitterte auf und nieder. In der zitternden Demut staub sie so einen Augenblick vor ihm — das Weib, das sich ganz und mit gebunbenen Härchen dem Geliebten aus liefert. Gr sah es kaum. ,^Feder hat seine Arbeit, Pani," nickte er freundlich, „ich muß meine Körbe flechten, und Ihr habt anderes zu tun.'" Sie zuckte zusammen. Schnrerz-lich und trotzig zugleich sah sie ihn an. Die holde Berwirrurrg wich diesem Trotze. „Es war früher anders." „Als wir noch Kinder waren, Pani. Die Zeit vergeht. Und nun müßt Ihr mich entschuldigen.- die Glocke hat schon geläutet!" Sie hörte nicht darauf. Ihre Augen brannten. „Warrrm bist du so anders, Joses Laskowicz?" sprach sie halblaut. „Warum redest du ju mir wie zu eiuer Fremden? Hast früher doch „du" gesagt! Und wenn man zusammen ausgewachsen ist —" „O Kascha Kaezmarek," erwiderte er etwas verlegen, . „ich dachte, es paßt sich nicht. Jedoch, wenn Ihr, wenn du Meinst — —!" Sie lachte halb. „Es waren schöne Jahre damals, kein Fleckchen, wo wir nicht spielteu Eriirnerst du dich des großen Astes noch, den wir beide schleiften? Ich trat daraus, aber du zogst rasch, und ich fiel hin. Juschu, wie du damals gelacht hast!" Er überlogtc, schüttelte der: Kopf. ,^Jch weiß nichts mehr. Das muß lauge her sein. Nun, und war es schön, so ist eS oben im Schloß wohl schöner. Doch hat es Mittag geläutet ^ du wirst Schelte kriegen." Ihr Gesicht war ernst, fast finster geworden. Alles, alles aus der Kinderbett hatte er vergessen! Sie biß die gähne zusamnreu. „Dre Gnädige schimpft nicht," sagte sie. „Zu mir ist sie so gut wie jetzt... jetzt keiner mehr." Da leuchteten seine Augen auf. „Sehr gut ist sie," nickte er halb für sich. „Wie keiner mehr," fügte er hinzu. „Woher weißt du das, Josef Laskowicz?" fragte das Mädchen Herd. Cr -ögerte, skottarts. er! «wußte e-A doch am besten! ,,Man spricht ja davon," antwortete er. Eine leichte Rät« war tn sein Gesicht gestiegen. „Dir hat die Gnädige doch nichts Gutes getan!" Gin Blick streifte sein lahmes Bein. Da hätte Juschu Laskowicz am liebsten hinausschreien mögen: „Das Beste Hab' ich von ihr, das Schönste in meinem Leben gibt sie mir!" Aber er bezwang sich. „Nun ja, ja. Ihr denkt so, Pani, und jener so. Es freut mich, daß Ihr eS gut habt auf dem Schlosse, und daß die Gnädige für Euch gesorgt hat." Er merkte es nicht, daß er nicht mehr ,chu" zu ihr sagte. Kascha Kaezmarek aber merkte es gut. Es gab ihr einen Ruck. Die preßte die Hände zusamm-en, daß die Fingernägel rnS Fleisch schnitten. „Ich will Euch nicht aufhalten," rief sie höhnisch. Und während er sie verwundert ansah, schritt sie davon. Ihr Haar wehte. ES war schwarz. Die Königstochter, dachte Juschu, der Krüppel, hat braunes Haar mit einem Goldschimmer. Er wandte sich nicht mehr nach Kascha um. Die aber ging rasch in Trotz und schmerzender Leidenschaft vorwärts. Zweinral drehte sie den Z^ps. Juschu blickte nicht zurück. Da kam wilde Wut und Bev- zweislung über sie. Sie lief mehr, als sie ging. Bor dem Schulzenamt hätte sie beinahe Peter Wroblewski umgerannt, den Fußgendarm, der eben auf die Straße trat. ,,Maria und Josef," fluchte er, „was fällt Euch ein? Natürlich Kascha Kaezmarek, die Wildkatz!" Und halb lachend schon: „Habt die Güte und stoßt ein zweitesmal einen andern an." DaS Mädchen hatte sich umgedreht. „Schweigt!" rief sie gell und wild, daß Peter Wroblewski ordentlich zusammen- zucktc. All ihre Wut und Leidenschaft lag in dem einen Worte. Noch lange sah der Gendarm ihr kopfschüttelnd und verdutzt nach. Dann kraute er sich das Haar und murmelte vor sich hin: „„Armer Spatz, du hast eine heftige Spätzin,"" sagt Michael Le "owicz, mein Freund. Maria und Josef, waS wird dann erst anS dieser da werden! Wenn meine Jadwiga eine Spätzin ist, so ist diese Kascha Kaezmarek eine heftige —, heftige —" Droben krächzte es. „Eine heftige Krähe," brummte Peter Wroblewski. Dock) der Vergleich schien ihm nicht passeird. Er überlegte ein Weilchen. „So etwas gibt es im Tierreich nicht," dachte er dann resigniert. „Uud Gott weiß, warum er's nicht erschaffen hat." Wobei der Fußgendarm schwer seufzte und langsam von dannen trollte. G 5. Kapitel. Kascha Kaezmarek hörte nicht eher zu kaufen auf, als bis sie in ihrem Stübchen war. Dort kauerte sie sich, wie es ihre Art war, neben den Ofen hin, stützte die Ellbogen auf die Knie und daS Gesicht in die Hände. So saß sic schweigend. Nur ihr Mem ward HVrdar. Er !ffm stoßweise, kurz, heftig hervor. Es war Mittagszeit, aber sie hatte keinen Hunaer. Sie dachte an früher. Wie durch ein Wunder war sie der Gefahr entgangen, damals mit Josef Laskowicz zugleich über- fabren zu werden. Manchmal jedoch wünschte sie, es wäre anders gekommen. ^ , _ Sie hatte es aut hier. Man hatte sie nach dem Tod der Eltern ins Schloß genommen. Erst war sie als Abwaschmädchen in der Küche beschäftigt worden. Dann, als dre Baroneß hevanwuchs, erlernte sie in der Stadt das Frisieren. So war sie aufgerückt. „In Berlin," vflegte die Baroneß zu sagen, „hat man zwar andere Begriffe von einer Kammerjungfer, aber für NaSgora ist die Kascha Kaczmarek eine Perle." Die „Perle" machte jetzt ein finster Gesicht. Sie hörte ihren Namen rufen. Ihre Herrin rief sie, aber es dauerte lange, ehe sie sich rührte. „Wo steckst du denn, Mädchen?" fragte Hanna von Graß- nick ärgerlich. „Rasch, den Frisiermantel noch einmal um, der Wind ist stärker, als man denkt. Nur mal darüber- kahren und alles ordentlich stecken. Es gibt Besuch: Mein Bruder kommt und Leutnant von Versen!" Als Kascha keine Antwort gab, sah sie ihr ins Gesicht. „Ah," nickte sie erstaunt, „du hast wieder mal deine Mucken! So, so? Ist der Josef etwa doch daran schuld?" Um den vollen Mund der Dienerin zuckte es. Sie biß die Zähne zusammen, als müsse sie mit Gewalt einen Schrei unterdrücken. „Jedenfalls rate ich dir, nicht wieder meinen Kopf zu malträtieren. Na, also vorwärts!" Noch immer hatte Kascha Kaczmarek keinen Don gesagt. Sie begann das volle Haar zu lockern. „Armes Ding," sprach die Herrin dann gutmütig, „ist denn gar so schlimm mit dem Juschu?" Da schüttelte es die ganze Gestalt. Der Kamm flog zur Erde, und in einem leidenschaftlichen, gellenden Schluchzen warf sich Kascha Kaczmarek auf die Knie. Erschreckt war Hanna aufgesprungen; bestürzt und verständnislos sah sie auf daS Mädchen herab. Der geschmeidige Körper bebte und »uckte in diesem wilden, schreienden Schluchzen. Auf den Knien war Kascha an den Divan herangerutscht und wühlte das Gesicht in das weiße Guanacofell. Das war Polenblut. Ihr, der Deutschen, fehlte das Verständnis dafür. Eie trat naher und legte die Hand auf Kaschas dunkles Haar. „Hast du mit ihm gesprochen?" Lange keine Antwort. Dann halb herausgewürgt ein „Ja!" „Und was hat dich so gekränkt?" Sie hob das Haupt, einen Augenblick nur. „Weil er sich nicht mehr um mich kümmert, weil er alles vergessen hat, alles, alles, was friiher war." Ihre Finger krampften sich ins Fell: „Ich Haffe ihn," schrie sie so laut und geU, daß die Stimme sich fast über- schlua. Und wieder dann das einförmige laute Schluchzen. Achselzuckend hatte sich Hanna von Graßnick umgewandt. „Wer kann da helfen, Wildkatz? Liebe hat eignen Sinn. Selbst wenn ich mit diesem Joses Laskowicz reden wollte, es hätte keinen Zweck." Jäh, unvermittelt härte das.Schluchzen auf. Noch immer kniend, kehrte Kascha das verweinte Gesicht der Herrin zu. „Euer k>ochwohlgeboren," stammelte sie, „wenn Ihr das w und Josef, jeden Tag, solange ich lebe, wollt ^ich zwei Stunden auf den Knien liegen und für Euch Und «mit einemmal war sie näher gerutscht, und während sie inbrünstig den Kleidersaum der Baroneß küßte, rief sie flehend: „Tut es, Euer Gnaden, tut es! Der Juschu folgt, wenn Ihr ein Wort redet!" Hanna lachte. „Steh' auf, Mädchen! Der Josef Lasko- wi^wirdsich um meine Wünsche wenig kümmern. Das liegt „O gnädigste Herrin, er verehrt Euch wie eine Heilige. Ihr seid gut, hat er mir heute gesagt, wie keine mehr." „So^ Die Baroneß sab sie verwundert an. Nach einer JFF ./femuß ein merllvürdiger Mensch sein. Mer wenn Knie. n gerade mal sehe.. "it verhaltenem Jauchzen umklamm e-rte Kascha ihre „Schon gut, Wildkatz. Mach- weites -ie Zeit drängt!" Und so rasch und Vorsichtig wie selten begann die Dienerin die Frisur neu aufzustecken. Sie sprachen beide nichts Hanna von Graßnick dachte über den eben erlebten Vorfall nacb. Mit halb geringschätzigem Mitleid sab sie auf oaS Mädchen hinab, das jeden Mvlz und jede Zurückhaltung ver- leugnete, das wie ein Rohr im Sturmwind der Leidenschaft schwankte und zitterte, das, sich mit gebundenen Händen ihrer Liebe auslieferte. Und doch, neben dieser Geringschätzung stand leise etwas anderes. Eine leise Llhnung, als ob oiess das ganze Herz ausfüllende Leidenschaft den Menschen nicht nur knechte, sondern ihn doch auch über sich selbst hinaus- hebe. Ein halbes Bedauern, daß dieses Höchste an Wonne und Weh ihr, der kühleren Natur, würde verwehrt sein. Sie hoffte, sich wohl einst in herzlicher Zuneigung einem Manne, der sie liebte, zu verbinden. Sie konnte sich auch vorstellen, daß der, den ihr Herz begehrte, an ihr vorüberging. Dann hieß es eben, schweigend zu tragen uno zu leiden, wra es viele taten. Mer solch eine Heftigkeit des Gefühlsausbruchs war bei ihrer Wesensart cuksaeschlossen. Und Hanna von Graßnick wußte nicht, ob sie sich darüber freuen oder ärgern sollte. Noch eins schien ihr seltsam. Dieser Josef Laskowicz mußte ein absonderlicher Kauz sein. Was hatte er beute gesagt? Sie sei so gut wie keine rnehr? Wie kam er dazu bei dem bekannten Haß seines Vaters gegen daA Schloß? Wie kam er dazu, den ihr Wagen zum Krüppel gemacht hatte? Sie verstand es nicht. In das Schweigen, das im Zimmer herrschte, tönte jetzt der leichte Trab zweier Pferde. „Da sind sie!" rief die Baroneß fröhlich. Im Nu war alles andere veraessen. Draußen sprangen zwei blaue Dragoner von den Pferden, warfen die Zügel den herbeieilen- oen Stallknechten zu und überzeugten sich, daß die Tiere gut untergebracht wurden. Erst dann stiegen sie die Freitreppe empor. Hans Mbert, der alte Baron, trat ihnen in seiner gewöhnlichen Tracht entgegen: von der Schirmmütze und dem Krückstock trennte er sich höchst ungern. „Melde gehorsamst: Leutnant von Graßnick und Leutnant von Versen vom fünften Dragoner-Regiment, biZ morgen mittag beurlaubt nach Nasgora." Ernsthaft zog Hans Wert die Mütze. „Das für den Leutnant," sagte er. „Die Uniform seines Königs muß man ehren. So, Bengel! Und nu komn? mal her! Deubel ja, ist das eine Freude!" Er umarmte den Sohn und wandte sich dann zu dem zweiten Gaste, dem er kräftig die Hand schüttelte. „Ist brav, daß Sie mitkommen, lieber Versen. Wenn die jungen Herren zu zweien sind, langweilen sie sich weniger. Hoffentlich hat Ernst August nicht zu lange quälen müssen." Leutnant von Versen schüttelte lachend den Kopf. „Nach Nasgora folge ick) immer gern, Herr Baron. Ich bin zwei- Nmal schon so liebenswürdig ausgenommen worden ... ." ,,Wie wär's mit einem Kognak, Fritz?" unterbrach ihn sein Kamerad. „Es ist frisch draußen!" Plaudernd traten die Herren ins Zimmer. „Wer den Magentröster bei sich führt," sagte Hans Albert Und goß die Gläser voll, „braucht keine Leibbinde. Uebri- gens essen wir in einer Viertelstunde. Und aus meiner eigenen Militärzeit weiß ich, daß ein Soldatenmagen immer hungrig ist." „Besonders in Kriegszeiten," fügte sein Sohn hinzu. Eben wollte der Alte mit einem heiligen Donnerwetter . gegen die Aufständischen loszichen, als Hanna eintrat. Die Hacken klappten zusammen, die Sporen klirrten. Ueber Fritz von Versens offenes Gesicht zuckte es freudig. Er küßte ihr, als die Geschwister sich begrüßt hatten, ehrerbietig die Hand. „Sie sind mitschuldig daran, gnäd^stes Fräulein, daß ich schon wieder hier bin. Seit wir in Wreschen liegen, sind wir in bezug aus Damenverkehr auf schmälste Kost gesetzt. Da werden Sie begreifen, wie verlockend eine Einladung! nach Nasgora erscheint." Die Zeit bis zum Mittagessen verstrick) schnell. Nachher mußten die Leiden Offiziere mit dem Alten die Ställe be- sichtigen. Erst zum Kaffee fand man sich oben wieder ein. Die Lampe erhellte schon den behaglichen Raum. Es wurd« so früh dunkel um diese Zeit. Im Kamin loderte das Feuer. Breit lag der Flammenschein auf der Diele. Während Hanna dem Dienstmädchen die Kanne abnahm und selbst einschenkte, sagte Hans Albert, der sich behaglicher fühlte als je: JBcrat man tagtäglich nur Rindvieh sieht, begreift man, wie wohl ein menschlicher Verkehr tut. Trinken Sie Ihre Tasse auS. Bert von Versen, ich denke, wir gehen zu Chateau Latour Aber. Ohne den Aufstand drüben sähen Sie berde heute nicht hier. Das ist das einzige Gute, was ich den Herrgottsakra Mentern nachsagen kann." Ernst August sog behaglich an einer Zigarre. „Wir haben uns nicht schlecht gefreut, als unsere Mobilisierung befohlen wurde. Das ewige Garnisonseinerlei wächst ja selbst dem enragiertesten Soldaten zum Halse raus! Bleibt nur ein Jammer, daß es zu nichts Rechtem kommt! ' (Fortsetzung folgt.) v- v Der wandernde Ring. Skizze von Max Preis. In den Läden des Goldschnneds Anton Feiler trat eines Tages — es war im Frühling des Jahres 1705 — der junge» Graf Freigarten und verlangte einen zarten Goldring zu kaufen. Der Meister brachte eifrig eine. Lade mit Ringen herbei und lieh die kleinen, runden Reifen, einen nach dem andern, in dem schmalen, gelben Sonnenband, das auf dem dunklen Holz des Tisches lag, auflenckten. In diesem Augenblicke begann die Geschichte eines Ringes, die, von Kriegen imb Schicksalen beschwert und von mancher Freundlichkeit überhellt, sich tvnnderlich fortschlingt bis in unsere Zeit. Da waren in dem Laden des Goldschmieds breite, schwere Eheringe, fest und haltbar urrd wie für starke und ehrsame Kauftnannsleute und Bürgerstände gescl-affen; da waren schmale Reifen von blassem Glanz, wie sie ein junger Bursch wohl seinem Mädel geben mochte, wenn er an einem schweren Mondschein- 'jobenb Mschied nahm und auf der Brücke nochmals stehenblieb und zurückschaute urrd dann hinausging in die Welt; da war ein Verschnörkelter, gelber Ring mit einer Rose aus dunklen Rubinen verziert: der junge Graf lächelte, wie er ihn sah; einen solchen hatte er einst einer schwarzen Schönen geschenkt als verächtlichen Lie- besdank. Da waren weiter Rrnge, in denen eine matte Perle glänzte wie eine Träne; solch einen Ring mochte ein blasses, sanftes Mädchen tragen zur Verlobung mit einem ungeliebten Mann. Es waren da Ringe aller Grützen unb Formen; aber der junge Graf schüttelte den Kopf und legte die schmalen, kleinen Goldreifen, einen nach dem andern, zurück auf den dunkeln Ladentisch. „Nein, Meister Feiler," sagte er, „das ist nicht, was ich suche. Hat er kein ganz besonderes Stück? Es müßte ganz besonders sein, zart und schön, und müßte mehr sagen können als alle andern; gleich als wie die, so ihn tragen soll." Der Meister lächelte urib schob seine Brille zurecht: „Mit einem solch aparten Rinalein könnte ich dem Herrn Grafen schon dienen," sagte er, wischte vorsorglich seine Hände am blauen Schurzfell rein und nahm ein kleines Kästchen aus der Lade, sein, mit lichtblauer Seide überzogen, und rote Rosen waren in die Ecken gewebt. Ein zarter Ring lag drinnen, der statt eines Steines zwei eng verschlungene, winzige, goldene Hände trug. Der Goldschmied nahm den Ring heraus, ließ ihn funkeln und schob behutsam die beiden Händchen auseinander. Da lagen zwei kleine Herzen darunter und blitzten einen Augenblick lang im Lichte auf, Und dann schlossen sich die kleinen Hände über ihrem Geheimnis. Der junge Graf kaufte den Ring und trug ihn froh nach Hanse. Des Abends wurde der Ring mit einem Brief zusammen an die schlanke, junge Baronesse geschickt. In dem Brief aber stand: „Meine hertzliebe Antonie! Willst mir erlauben. Dir ditz kleine Ringlein zum Ley'chen der Verlöbnitz zu schicken. Willst mein Hertz in Deinen schönen Händen, die ich viel tausendmal küsse, halten, gleich als wie es die kleinen Händlein am Ringe thun. Und will nicht nur mein Hertz in Deine Hände legen, geliebte Antonie, sondern auch mein gantz Glück, mein garrtze Zukunft und mein aantzes Leben. Und somit bitte ich Dich: bewahre mir viß kleine Souvenier, so lange, als wie ich lebe, so lange, als wie Du mich liebst. Gott gebe, Du mögest das Ringlein lange tragen. Wenn Du es aber Nicht mehr tragest, dann, meine liebe Braut, aib es demselben Menschen, so Dir der liebste ist auf der Welt, gleich wie ich eben Dir gefce, als dem Liebsten, so ich habe. Ich küsse Dich vieltausendmal in hertzlicher Liebe Dein Hanns." Baronesse Antonie lächelte, wie sie den Brief gelesen hatte, Und drückte ihn an ihre Lippen. Den Ring aber steckte sie an ihre schmale, weiße Hand, und dort blieb er bis zum Tode ihres Mannes und noch länger. MS ihre Tochter, die blasse, schlanke Komtesse, den mehr als Vierzigjährigen Kammerherrn von dem Stein heiratete, zog die atte Gräfin den Ring vom Finger, gab ihn ihrer Tochter und sagte leise: „Ich gebe Dir altz dem Liebsten, das ich noch auf der Wett habe, den Ring. Bewahre ihn gut, und möge er Dir Glück bringen, wie er mir das Glück meines Lebens gebracht hat. Vielleicht gibst wrch Du ihn einmal an Dein Kind." Die junge Frau steckte den Ring schweigend an ihre linke Hand: tax der Rechten trug sie einen Reifen, in dem eine matte Perle münzte; den VerlobungSrina ihres Mannes. Drei Jahre lang trug i» den Ring mit den verschlungenen Händen, die zwei Herzen mt ein Geheimnis umspannt hielten. Und so kam ein Abend, an dem sie den Ring abstrerfie und «r enre brmine Männerhand stectte. „Aber trage ihn hermkkL" finsterte sre dabei, „es ist ein Talisman, den man nur dem schenkt, ber ernem der Liebste auf der Welt ist." In daS blauseidene Käst- chen aber legte sie an diesem Abend eine schwarze Locke — rund xntb glänzend wie ein Ring-die sie wohl tausendmal geküßt hatte. Eines Tages fragte der Kammerherr mit finstern Lügen r „Wo hast Du der: Ring von Deiner Mutter?" „Ich habe ihn verloren!" „Hast Du ihn verloren?" sagte höhnisch der Kammerherr z „hast wohl noch manches andere verloren? Nun, gut: ich habe den Ring gefunden!" Und er warf ihr den Ring hin, daß er klirrend über die Tischplatte lies. Da wußte sie, daß Blut geflossen war und daß sie einen Toten! lrebte. . Kammerherr aber nahm den Ring und schenkte ihn einer Dirne als verächtlichen Dank für eine lustige Stunde. So kam der schmale, zarte Reif an eine parfümierte Land, die breit und gewöhnlich war und rosig geschminkte Nägel hatte; neben einen verschnörkelten, gelben Reifen, der mit einer Rosa aus dunklen Rubinen verziert war. Er blitzte in dem schwülen Lichte rvter Ampeln, er klirrte an Weingläser, er wurde beim Kartenspiel unter Dausen schmutzigen Geldes geworfen, er lag in den dumpfen Räuinen eines Ver- satzhanses und kehrte wieder zurück an die parfümierte, breit« Hand. 'Wenn dann ein grauer Morgen dämmerte, sah der Glan- des Ringes matt und verblaßt aus; aber die kleinen Hände umschlossen fest wie früher das Geheimnis der beü>en winzig goldenen Herzen. Einst ging an solch einem grauen Moraen ein Offizier von der Trägerin des Ringes und trug den Reifen an seiner Hand; der sollte als Talisman mitgehen in Krieg rmd Kampf, hatte die Spenderin gesagt. So kam.der Ring in Lärm und Krieg und sah ein zweitesmal Blut fließen; und oft, wenn der Schein dev Lagerfeuer über ihn hinflackerte, blitzte er lustig auf wie eine! rötliche Klinge. Aber es kam eine Nacht, wo er ganz blaß und schmal erschien: daö war an einem schweren Mondscheinabend, als der Offizier Abschied nahm von einem Mädchen, ihm den Ring gab urrd sagte: „Zum Andenken..." Dann schritt er aus dem Garten, blieb aus der Brücke stehen und schüute zurück und ging hinaus ins Leben. Oder in den Tod.... Nun sah der Ring viel Tränen und glänzte wieder zart und schön an einer schmalen, Weißen Hand; bis eines Tages ein schwerer, breiter Ehering p sein Nachbar wurde, urrd die Harrd fester und stärker ward, wie es sich für die Hand einer ehrsamen! Bürgersfrau schickt. So gingen lange Jahre hin; als die !öüraersfrau alt und krank wurde, gab sie den Ring au rhvckr.' iSohn und sagte: „Dieser Ring ist Mir von einem großen Glück geblieben; so geb ich ihn dir und bitte dich: bewahr ihn gut und schenk ihn einmal dem Menschen, der dir bas Liebste auf der Welt rst." Der Junge aber nahm den Ring, -legte ihn in eine Lccke und vergaß bald seiner. Da lag nun der Ring, ein wenig verblaßt rmd wegmüde; er dachte an alles, was er erlebt hatte: an Sonnen- und Mondenschein, die über ihr: hingelenchtet hatten, an die schrnalen Mädchenfinger, die breiten Frauenhände, an starke Männerhände, die ihn getrEn; dachte an Sviele, an Feste und an Kriege und dachte auch an sein« Jugend in der Lade des Goldschmi«ä>s urrd an die vielen Ringe, die seine Nachbarn waren, und die er alle später in der Welt getroffen hatte. Manchmal dachte er auch an seine Zukunst und wartete, was noch kommen werbe. Sein Besitzer aber wurde inzwischen ein mürrischer, einsamer Mensch, der älter und älter ward urw keinen gefunden hatte, der ihm das Liebste auf der Wett gewesen wäre. Doch eines Tages erwachte, wie er dem Spiel eines kleinen blonden Buben zusah, etwas Warmes in dem alten Mann Da suchte er den Ring unter altem Gerümpel hervor, putzte ihn behutsam ab und lächelte so froh, daß es wie ein Widerschein des Goldglanzes über sein finsteres Gesicht leuchtete, lind als er den kleinen Buben wiedersah, zog er den Ring aus der Tasche und steckte ihn an den Mittelfinger oes kleinen Händcl-ens. Der alte Mann aber sagte: „Bewahre den Ring gut, kleiner Blondkopf, hörst Du? Und wenn Du einmal groß bist, dann gib ihn dem Menschen, der Dir das Liebste auf der Welt ist; vergiß das nicht!" Cs vergingen Jahre, die kleine Hand wurde größer und größer und trug den Ring am kleinen Finger. Und eines TageS wurde der Ring mtt einem! Brief zusammen verschickt. In dem Brief aber stand: Meine herzliebe Tom! s Willst mir erlauben. Dir diesen Ring zur Verlobung zu schicken? Willst mein Her^ in Deinen Händen halten, wie eS die kleinen Händchen am Ringe tun; und nicht nur mein Herz, mein ganzes Glück, meine ganz« Zukunft und mein Leben will ich in Deine Hände legen. Ich küsse Dich vieltausendmal, Dein HanS. Wenige Wochen später zog der blonde Mann hinaus in den großen Krieg der Gegenwart. Da wunderte sich der Ring, wie alloS wiedorkommt und wie die Wett jo rund ist und ohne Ende ineinandergeht, alS wir ein schmaler, kleiner Reffen aus Gold... *, 588 Nutzbarmachung der LbereschenHrüchte. Unter den zuckerhaltigen Strmtch- und Baumfrüchten des Waldes, %u denen u. a. Eberesche, Mehlbsere, Elsbeere, Berberitze Weiß-, Rot- und Schwarzdorn, Hagebutte, schwarzer und voter Holunder, Kornelkirsche, Mispel n. a. gehören, empfiehlt sich rn besonderem Matze die Verwendung der Eberesche (Vogelbeere). Tie bekannten roten Beeren der Eberesche, die sich außer im Walde besonders zahlreich an Chausseen, Feld- und Waldwegen finden, reifen im allgemeinen im Oktober, können aber auch noch tm November mit Nutzen geerntet werden. Tie reifen, sützen Beeren, die besonders nach leichtem Frost reichlich Zucker- und 9lpfelsäure bilden, sind genießbar und lassen sich, nod) Art der Preißelbeere zu Marmelade und Gelse verarbeiten ; man braiicht nur wenig 'Zucker zuzusetzen. Au^ als Misch- marmekche %. B. als Zusatz zu Apfelmiarmelade, sind dre Ebeveschmr wertvoll und haben bof>ei den Vorzug der Mlligkeit. Hierzu kommt noch als besonders schätzenswert die Eigenschaft der Früchte, in Füllen von Gicht und Rheumatismus lindernd Und heilend yu wirken. Zu diesem Zweck wird aus den Früchten eiue Limonade her gestellt. Auch bei Durchfällen und Blasenleiden ist die Cbeoesche als Bolksheilmittel geschätzt. Eridlich ist die Vogelbeere ein gutes Vieh- und Wildfutter. Minder empfehlenswert ist die Verwendung zur Branntwein- und Essigbeveitung. Tie Blatter des Baumes werden auch häufig zur Teebeveitung benutzt. Zur eingehenderen Unterrichtung über die eingangs genannten Früchte und ihre Verwendung sei auf die anschaulich und übersichtlich xusammengestellte Schrift von Herm. Gerhards: „Der deutsche Wald und seine reiche Ernte",, Neuwied 1916, Heusers Verlag (Karl Ntorringer) verwiesen. vüchertisch. — „ÜJ1 a 1 thiaL Erikson, Irrwege eines Knaben.* Von Th. A. W. Schröder. Im Landbausverlag, Jena. Preis geheftet 2 Mk., gebunden 3 Mt. Der Umschlag des Buches enthalt eine Originalarbeit der Scherenblldkünstlerm Lotte Nicklaß. — Dieses Erstlingswerk des jungen und hochbegabten Verfassers wird von sich reden machen. Es wird hier ein sehr nachdenkliches Thema zum Ausdruck gebracht und ohne Voreingenommenheit erörtert. In einer gewählten Sprache von großer Eindringlichkeit, die den Erzähler zum Künstler stempelt, wird uns die Geschichte der .Irrungen" des Knaben Matthias vorgeführt. Ter Verfasser verläßt nie den objektiven Weg wirtlicher Kunst bei seinen Schilderungen. Diese« Buch gehört in erster Linie in die Hände von Eltern und Erziehern. Aber auch für jedeu Psychologen, der menschliches Wesen und menschliche Eigeriart zu ergründen sucht, wird eS von tiefem Interesse sein. Der Landhausverlag, der uns durch die Ausgabe der literarischen Monatsschrift .Das Landhaus" bereits bekannt ist. hat diesem Novellenband als äußerlichen Empfehlungsbrief eine künstlerisch reizvolle, feine Ausstattung mit auf den Weg gegeben. — HanS Gäfgeu, Fallermärchen (Wiesbaden, Heinr. Staadt, Hofbuchhandlung). Preis 1.50 Mark für baß vornehm ausgestatlete, zur Beilage in Briefen an Feldgraue besonder« geeignete Heft. — Die geschmackvolle Visitenkarte eine« hoffnungsvollen, simgen Talents, nicht nur ihrer äußeren Aufmachung nach, sondern auch nach ihren, inneren Gehalt. Ein Dutzend äußerst knapp gefaßter, glänzend geschliffener Schmetterlingsmärchen, gleichsam anmutige Gedichte in Prosa, sein empfunden und phantasie- voll. Ein gemütvoller, beschaulicher Zug prägt sich in ihnen aus. EinS steht mit dem gegenwärtigen Weltkrieg tragisch in Berührung. Sinnige Gelnüter werden Freude an der kleinen Gabe haben und das Werden des Verfassers gerne weiter verfolgen. - ^Unsere Luftw affe" ist der Titel eines Buches, daS soeben im Kunstverlag .Bild und Karte" in Leipzig erschienen ist und durch jede Buchhandlung, sowie auch direkt vom Verlag zum Preise von Mk. 8,— bezogen werden kann. Das volkstümlich und spannend geschriebene, mit vielen prächtigen Doppelton- und Farbenbildern geschmückte Buch dürfte allgemeinem Jntereffe begegnen und verdient auch unter unserer Jugend, für die es als Geschenkwerk sich eignet, die weiteste Verbreitung. Der Preis von Mk. 2,— muß in Anbetracht der gediegenen Ausstattung billig genannt werden. — In der Sammlung »AuL den Tagen des groben Krieges" r. Walter Schmied-Kowarzik) — Genesung (Ernst Ludwig Schellenberg) — Tie Dichtung und die Schule (Friedrich Schlünz) — Richard Wagner uub die deutsche Schule (Reinhard Vieiveg) — Ecce deus (Dietttch Eckart) — Zur Eruinerilng an Heinrich v. Kleist (Willy Schlüter) — Nächtlicher Weg (Borries, Freiherr v. Münchhausen) — Karl Busse und das deiitsche Drama (Dc. Rudolf Werner) — Hubert Wrlm (Fritz Droov) — Rundschau — Bühneu-Berichte — Deutsche Bücherbrrese - Mitteilungen der „Fichte-Gesells l ast von 1914" und einige ganz vortreffliche Radierungen des Münchener Graphikers Hilbert Wilm. — B u ch k r i t i k von Hermann P o p e r t. Vortrupp-Flugschrift Nr. 38. Alfred JanSsen, Vortrupp-Verlag, Hamdurg. Preis 20 Pfennig. _ §chach-Auf-ade. Schwarz. Auflösung deS Geographischen VerschiebrätselA in voriger Nummerl Innsbruck Halle Belgien ParlS Ber» Bvchum Schmelz Vrelsgau Illinois. BchrMeitiMg: Fr. R. Zoni. — LwillmgSruirdüruck mrd Verlag der Brützl'lchen Universitäts-Buch- und Stetlidruckerei. R. Lange. Gießen.