Der Oadmm-Vuikän. Kornau von St. E. White und S. H. Adams. Autorisierte Uebersetzung. — Nachdruck verboten. (Fortsetzung.)^ „Aber was bedeuten die beiden Zaunpfähle dort?" fragte Trendon. „Sehen Sie sie? Gerade hinter jenem Fleck Strandhafer?" „Schiffstrümmer, die sich in deu Sand gebohrt haben." „Das glaube ich nicht, dazu sind sie zu gleichmäßig ge- formt." „Wir haben jetzt keine Zeit, das festzustellen," sagte der Kapitän ungeduldig. „Zuerst müssen wir die Döhle haben, falls sie überhaupt vorhanden ist." Unter CongdonS geschickter Leitung glitt das Boot langsam, genau außerhalb des Brandungsgürtels, die Küste entlang. Jeder Vorsprung und jede Ausbuchtung war im hellen Sonnenschein deutlich zu sehen. Wie die vielen am Abhang blühenden Blumen bewiesen, war diese Seite von dem Gifthauch der vulkanischen Dämpfe verschont, geblieben. So nahe fuhr das Boot vorüber, daß seine Insassen d:e über den Blüten flatternden Schmetterlinge sehet: konnten, doch was ihre Augen voll brennenden Eifers,suchten, eine Oeffnung an jenem anmutigen Abhang, zeigte sich tlicht. Die Fels- und Schuttmassen hätten an keiner Stelle auch nur ein Hünochen hindurchschlüpfen lassen. „llnd nach Slades Beschreibung sollte die Döhle so groß sein, daß die „Wolverine" hineinfahren könnte," murnrelte Trendon. Bis zu der Spitze des Vorgebirges und wieder zurück fuhr das Boot, doch ohne das geritlgste Resultat. „Was meinen Sie nun, Doktor Trendon?" fragte der Kapitän. „Weiß nicht,' was ich sagen soll, Herr Kapitän," antwortete der Arzt eilttäuscht. „Scheint, daß die Höhle nur ein Trugbild war." „Den Mr. Slade werde ich mir aber vornehmen, wenn wir zurückkommen," sagte der Kapitän ärgerlich. „War die Höhle, wie Sie annehmen, ein Trugbild, so war die Seehundschlächterei ein Märchen." „Es sieht beinahe so aus," stimmte der andere zu. „Und die Ermordung des Kapitäns — wie steht's da- „Ünd die Meuterei der Leute?" fügte der Arzt hinzu. „Und der umgebrachte Doktor. Ihr Patient scheint ein verkapptes tzlenie von Romanschriftsteller zu sein." „Und Darrows Flucht. Halt!" rief Trendon. „Darrow ist kein Phantasiegebilde. Flagge und Buch bestehen irr Wirklichkeit." „Das stimmt allerdings," sagte der Kapitän. „Ich würde mir die beiden Pfosten doch einmal näher ansehen," schlug Trendon vor. „Gut! Mehr, als bis auf die Haut naß zu werden, riskieren wir nicht dabei. Anlaufen, Congdon!" Trotz der Geschicklichkeit des Bootsführers und aller Rudertechnik der Mannschaft war das Durchqueren der Brandung doch ein recht wild bewegtes Vergnügen, und kleine Wasserinseln bezeichneten den Weg, den die Offiziere den Strand hinauf stapften. Die beiden Pfahle erhoben sich kaum fünfzig Meter jenseits der Hochwassergrenze. Beim Näherkommen wurde:: die Besucher gewahr, daß jeder einen Hügel zierte, doch erst, als sie dicht dapov standen, konnten sie die sauber eingeschnitzte Schrift auf dem ersten lesen. Sie lautete: Hier ruht Salonron Anderson alias Handy Salomo::, der seinen Arbeitgeber, seinen Kapitän, und seine Schiffsgefährten ernwrdete, und de:: Loh:: seiner Taten erntend, am 5. Jun: r904 an dieser Küste angeschwemmt wurde. In Bewunderung rmd Hochachtung wurde ihm diese Tafel zun: G^ächtnis errichtet von dem letzten seiner Opfer Daraus könnt ihr Gist nehmen. „Das ist Percy Darrows Werk!" sagte der Arzt, „darauf könnt ihr auch Gift nehn:en!" „Dann hat Slade die Wahrheit gesagt." „Daran ist jetzt nicht mehr zu zweifeln." Der Kapitän wandte sich zu dem andern Hügel, dessen Pfahl die gleichen Schriftzüge trug. Zum Andenken an einen Marine-Offizier der Vereinigten Staate::, dessen an dieses Ge« stade gespülter Leichnam mit aller Ehverbietm^i von fremder Hand hier bestattet wurde. Gott schenke ihm die ewige Ruhe! Ten 6. Juni MXMIV. „Billy Edwards!" sagte der Kapitän sehr leise. Er entblößte sein Haupt, und der Arzt folgte seinein Beispiel. So standen sie eine Weile schtoeigend zwischen den beiden Gräbern. 3. Kapitel. Mr. Darrow. Der Arzt faßte sich zuerst. „Darrow muß vor einigen Tagen noch td weckte den glühenden Wunsch in meinem Gehirn: Besitzer eines Blitzableiters zu sein, um die furchtbare Angst los zu werden .... , Ich bezog die Universität iind wurde abgelenkt. Neue MeiisckM ti-aten an mich heran, und ich lernte die Frauen kennen. Ich besuchte meine Vorlesungen und arbeitete fleißig. Aber am Nachlntt- JSL™ 0 ™ 6 5 ^ zarter Laut an meinem Fenster, das in cineiw Earten schäme. Es stand em Mädchen mitten unter den Bäumen, vwändw^^eblaue Puppenaugen,, die sich von Stunde zu Stunde Ich war glücklich, und ich war unerfahren. Darin sind uns die Frauen weit voraus. Wir lebten zusammen, kleideteii uns mit einer Grazie die die Menschen entzückte, wir tauchten in den Straßen unter, die uns schon erschienen. Manchmal fragte sie mich ungeduldig: woran denkst du tnu ' • • • •!/ und ich konnte ihr nicht antworten: ich denke ani meinen Blitzableiter, den ich immeir noch nicht besitze Sie war an seine Stelle getreten. Ich sehe ein Lächeln in JhveNj Gesichtern, tneine Freunde Ja, sie trat an seine ' Stelle, aber Nicht lange. Bald nach unserer ersten glücklichsten Periode nahm! sie eme gefahrvolle Gewohnheit an. Sie besucht die Spietsäle Da rch ihre Leidensaiaft nicht teilte, verlor ich ihre Zuneigung. Es ging schnell. Ich sank mit verletzten Flügeln in meine urswüng- liche Einsamkeit zurück .... Die Abende aus meiner Irgend kamen lvieder zu mir. Sie drol-end und in Scharen zu mir herein. In meiner glück-, Ist^En Zert hatten sich sicher Gewitter entladen, oder Regen war auf die Dächer gestürzt, unter denen ich mich aufhielt. Nun begann ich imeder trarauf warten meine Angst kehrte zurück, ich war derselbe Junge in dem! dunkeln Zimnler, ich bekam Heimweh nach wenner Mutier.— alles an einem bestimmten Lljbend .... w/1 ^ mxi ? ^biste. Eine andere Universität'nahm« N teurer vermut, in meinem Vaterland, wo sich alles leichter ertragen läßt. — , nach einer TVohgiiMg suchte, kani ich an einer kleinen Uns 1 üu m schaukelte eilt Papierschild. Muh über Ment Giebelfenster — jedesmal schlägt mein Herz laut D^?i&aMeTter! ^ schlank und grau und sicher: ein! ./oh stürzte in das Haus. Erne Frau kam mir entgegen. Ick c^,?bg>^slich, daß ich das Giebelfeuster mieten wolle. Erstaunt fragte sie, ob rch es Nicht, vorher anseheii möge? xm- is/« gleichgültig, denn ich Niiete ja eigent-i lwr über dem Fenster, erwiderte ich ihr. Daraufhin betrachtete sie mich euren Augenblick. Nun erinnere ick mick m, dm verschmKkn «ick. den sic mir zuwU. atS Uc iaftc ä Spitz/" &!C &üta ment Herr, er hat sogar eine vergoldet« > . ® Ö J tntereffi-erte mich alles nicht mehr Ick aab Anwcisnn^ “ e Waffen . >retzt erst lebte ich wirklich. Mein eigentlicher Charakter, meine Schwächen und Vorzüge meißelten sich t-eraus, ich bekam ein regelmäßiges Gesicht, ein ruhiges Profil und eine natürliche Stimme .... . ,, hatte auf ein Jahr gemietet, um mich diesem Wohlleben fchrankeulos hinzugeben. Niemals arbeitete ich eifriger. Die große Sicherheit prägte mich nach allen Richtungen aus. Ich wurde be- ^ yncn Freunden, ich besaß ein heimliches Lachen, das leicht rm Schmerz nicht völlig nnterging. Auch sie fragten mich manchmal, wre jenes Mädchen mit den Puppeuauaen: was hast Du nur . . . woran denkst Tu jetzt. . . .? Und ich antwortete sanft und heiter: ich denke an meine törichte Jugend . . . .! Und sie ^hielten dies für einen Witz. — Wären Sie, meine Freunde, an einem schwülen Sommerabendi f u l cm r ■ointwrer getreten, id), hätte Sie lächelnd auf die dunklen Wolken aufmerksam gemacht, die mit vollen Segeln über den> Himmel zogen. Ich schaute zuweilen sehnsüchtig nach ihnen aus, um die große Sicherheit zu erproben und zu verstärken. Ich habe herrliche Gewitter erlebt. Klingt das nicht verwegen aus meinem! Mund? Ich bin in der schweren Lust auf und nieder gegangen und habe mich von den Blitzen elektrisieren lassen. Ich habe mich in! den dumpfen lauten Donnerschlägen gebadet uud über den verheerenden Regen gejubelt, der mir einmal das Fenster einschlug. Das leichte Zrtteru der Gegenstände hat mich kräftig gemacht und meine Nerven gestählt.... Wie dankbar war kch, daß mich das Schicksal in diese Stadt und m dieses kleine Giebelzimmer verschlagen hatte. Ich habe mich erst hier zum Menschen werden sehen, meine Menschenwerdung be- vvaclftet und den geheimnisvollen Regungen meiner Seel/ gelauscht, dre von der Furcht vollständig unterdrückt worden war 2^ habe später, und auch mit Ihnen, viele frohe Äugend blrcke verlebt, aber nie ist das Glück so von allen Seiten ans mich herein gebrochen, wie damals in meiner großen Sicherheit Nun muß ich allmählich den Tag beschreiben, an dem ich sie Vorher will ich sagen, daß ich mit Leichtigkeit meine Gottheit hatte retten können. m r ~! c kleine Stadt erwartete zur Einweihung eines öffentlichen Gebäudes eure hohe Persönlichkeit. Am frühen Morgen wurde die Stadt beflaggt kund mit Blumen geschnrnckt. Kinder in weißen Kleidchen sprangen umher, die Glocken .läuteten unaufhaltsam, dre Trottoirs waren schwarz verbrämt von Menschen, die Hurra rufen wollten. Ich war umsonst zu meiner Vorlesung gefahren. Sie fiel heute ausund ich war frei. Zuerst dachte ich daran, in einem Boot den Flntz hinauf zu fahren und dort am unbekannten Ufer den Tag hu verbringen. Aber dazu mußte ich mich umkleiden. Mso zurück rn meine Wohnung.! Habe ich Ihnen erzählt, daß mein Haus klein und weiß war und rn einem Obstgarten lag? Ich konnte gerade das Dach sehen, unter dem rch wohnte, und den Blitzableiter, der mich beschirmte. . . Als ich um die letzte Ecke bog, sah ich mein Haus nicht. Ich träumte wohl . . . . die Sonne blendete mich Mich .... Doch, nein . . . dort, wo die riesige Fahne am Giebel von einer schlanken Stange mit vergoldeter Spitze gehalten wurde .... war das mart metn Haus? Wohnte ich nicht gerade ein Jahr dort? Wie war das möglich. . . . ? . Ich sti'irzte vorwärts, hinein in beit Flur.Ja, es war meru Haus, in dem ich bis jetzt unter einer Fahnenstange gewohnt hatte, einer Fahnenstange mit „vergoldeter Spitze . .. /' Der stärkere. Von Paul Alexander Schettler. Zwei Freunde, ein Maler unb ein Ingenieur, warben um ein Mädchen Beide waren kluge und liebenswerte Menschen, so daß oa^ Mädchen, das «beiden wohlgesinnt war, lange schwankte, welchem von ihnen sw ihre Hand reichen sollte, ob dem anss Ideale gerickreten Künstler oder dem Praktiker, der ja tu seiner Art auch etil Künstler war, nur daß seine Gebilde ans festerem Stofs bestanden, als die des Malers. \ Natürlich suchte ein jeder der beide^lFreier sich selbst wie seinen Berns in das beste Licht zu sehen, um bei dem Mädcherr ge- nrnmcit; als aber das Mädchen jeden gleich freundlich behandelte und kernen irgeKwie bevorzugte, da faßten beide Freunde und Rivalen den Entschluß, das Madcheii aus die Probe zu stellen- der Vesten schaffen es die größte Bewunderung zollen würde, der'sollte um ihre Hand anhalten. Ihre Werke sollten für sie sprechen und dre Entscheidmrg herbersuhren. Ms sie das vereinbart hatten, losten sie, und der Maler erhielt als Freier den Bor tritt Er lud das Mädchen ein, sein Atelier zu besuchen und seine Bilder kennen zu lernen. Das Mädchen nahm seine Einladmig mit Freuden an und erschien auch eines Tages in seiner geräiimitTen ^.rbeitvstatte, rn der es von Yildern, Skizzen und Ent.'vürfen Dein Maler machte es großes Vergnügen, das, Mädchen in seine Kunst ernzufnhren. Er zeigte der mit Neugier und Teilnahme folgenden Freundin dre Entwicklung des .Kunstwerkes ans kleinen Anfängen, Er schlug seule Mappen aus, lehrte sie an der Hund von Studien und Skrzzeii über die Art der Komposition, zeigte ältere imb letzte Bilder, bie er geschaffen, und plauderte \vt Tone warmer Bogeistcrmiq von Künstlersreuden und -leiben. ^ Au ben Besuch inr Atelier schlossen sre crnen klcrnen spaz^r- qairg durchs Feld, und hier in der freien Gotteswelt wiA der Maler aus bas Gehei,nniövolle, Wunderbare, dre imn-rg fernen und großen Schönheiten der Natur, zeigte, wie man sie ernennen nnd in sie dringen müsse. Ta sprach das Mädchen: „Dre Kunst ist gewiß groß und schön, aber die Natur ist doch noch reicher, jetzt erkenne ich's!" ^ v , Da schm cg der Maler mit einenr Male still, und er geleitete das Mädchen bedrückt und schweigsam nach Hause. Nachdem der Ingenieur erfahren, wie das Zusanrinensrm des Mädchens und seines Freundes abgelaufen war, lud nunmehr auch er gelegentlich die Freundin zur Besichtigung der Maschine^ werke ein, denen er Vorstand. Sie sagte mit Freuden Zu, hielt auch ihr Versprechen und suchte den Ingenieur in seinem Wirkungskreise aus. Gelassen führte er sie durch die gelvaltige Maschrnenhallc, Ln der riesige Dynanros aufgestellt waren, herkulische Dampf-' turbineu arbeiteten, ungeheure Pumpt oerke unerhörte Kraftleistungen vollbrachen. Dies alles zeigte und erklärte er dem Mädchen, erläuterte, wie märchcnliafte Kräfte durch eenen kleinen Handgriff auf einer Schalttafel bewegt oder angehalten wurden, nannte Zahlen nrid Werte, Dimensionen und Möglichkeiten Er sprach ernst, rulstg, sachlich mrd klar. Obwohl ein heimlicher stolz auf seinem Gesicht geschrieben stand, klang es fast nüchtern und bescheiden, wie er seine Erklärungen hervyrbrachte. Das Mädchen lausche andächtig, stand plötzlich still nnd sagte: „Wie groß und mächtig ist die Natur nnd doch hat der Mensch Gewalt über ste! Als der Ingenieur dem Maler von diesen Worten berichtete, sagte der Maler: „Ist es nich seltsam, Freund, daß sie deinen! Beruf dem meinen, glänzenderen, ruhmvolleren vorzog?" „Nein!" sagte der andere, „Ihr Künstler betet die Natur an, wir machn sie ult« untertan. Das Mädchen aber fühlte in dir den Priester, in mir den Eroberer der Natur, und sie gab dem Stärkeren dm Vorzug." „Wie kurzsichtig", tadelte der Maler, „hier von Wrrcster und Eroberer zu reden, sind wir doch beide Sammler nnd.Per- mittler von lebendigen Noturkräften." „Tu hattest mit dieser Kurzsichtigkeit rechnen und statt der Größe der Natur die Stäicke des Menschen beweisen müssen, wie ich es tat," lächelte der Ingenieur. „Und wieso gab sie dem Stärkeren den Vorzug?" fragte der Maler. „Ich nahm sie beim Kops und küßte sie einfach, und sie ließ es geschehen, wie die — Natur." „Also doch Priester imb Eroberer," sagte nachdenklich der Maler. vermischter. * V o >n Grobschwindler zu in Natioilalhelden. Die dieser Tage gemeldete erneute Verhaftung des famosen Henri Raoul Rochette bedeutet eine neue, überraschende Wendung in dem abenteuerlichen Lebensromane dieser sehr modernen Persönlichkeit. Vielleicht ist kein Mann im gegenwärtigen Frankreich Gegenstand eines so leidenschaftlichen Hasses gewesen, wie dieser Großschwindler. Rochette hat als Piccolo in einem Eisen- bahnwiitshaus zu Paris begonnen unb hatte es im Jahre 1908, erst 33 Jahre alt, bereits zu einer Vordergrundsgestalt in der französischen Fiuanzwelt gebracht. Er war ein angesehener Bankier, der seinen rabenschwarzen Henri IV.-Bart mit großer Würde zu tragen verstand und Schlösser in der Normandie und Südfrankreich besaß. Seine »Spezialität" war die Gründung von Aktiengesellschaften in spanischem Silber, russischein Petroleum nnd englischen Glühlampen, nnd er verstand als gelehriger Schüler Aktienzeichner heranzuziehen. In dem genannten Jahre 1908 kam der Krach nnd es zeigte sich, daß der ehrenwerte Rochette weder Silber in Spanien noch Petroleum im Kaukasus noch überhaupt irgend etivas besaß; dieser tüchtige Piccolo kostet den französischen Sparern 200 Millionen Franken und Rochette erhielt den Ehrennamen des »ersten Grobschwindlers der Welt.* Damals verschwand er spurlos nach Mexiko und wurde nie verurteilt. Jetzt erscheint der tüchtige Mann aber wieder an der Oberfläche. Wie es heißt, ist er während des Krieges heimlich nach Frankreich zurückgekehrt, hat sich als Soldat anmustern lassen und ist zur Front gegangen. Bei einem kurzen Nrlaubsbesuche bei seinen Kindern soll er festgenommen worden sein. Werden die Franzosen solch uneigennütziger Vaterlandsliebe widerstehen können? Kaum; der Großschwindler scheint den richtigen Weg beschritten zu haben, um Vergebung zu erlangen, und keil. Geringerer als Maitre La- bori, der berühmte Verteidiger von Dreyfus und Frau Eaillaux, hat sich bereits erboten, Rochettes Verteidigung zu übernehmen, womit seine Freisprechung schon halb nnd halb gesichert erscheint. Den kleinen Sparern, den Rochette 200 Milliönchen kostet, wird wohl nichts übrig bleiben, als Tränen der Rührung über diesen zurückgekehrten verlorenen Sohn Frankreichs zu weinen, und Rochette hat bewiesen, daß er — seine Landsleute aus dem Grunde kennt. * Der allmächtige Kriegswucher in Frankreich. In keinem der kriegführenden Länder scheint der KriegSwucher auf die verschiedensten Zweige des öffentlichen Lebens eine so empfindliche Wirkung auszuüben, wie in Frankreich. Dies ist die Meinung, zu der Gustav Tsry nach einem Besuch des Hafens von Rouen kommt. Wie Törn in »L'Oenvre* ausführt, sind fast alle Schwierigkeiten in Frankreich, von denen der Papiermangel, das Ver- chwinden einzelner Lebensmtttelarten und die Transportkrise im Schiffs- und Bahnoerkehr am häufigsten genannt werden, alle aus ein und denselben Grund zurückzuführen, nämlich auf die verbrecherische Kriegsspeknlation der Industriellen, die Unmengen von Waren und Rohmaterial monatelang liegen lassen, um so künstlich die Preise hochznschrauben. „Ich habe das alte Eoloffeum in Rom gesehen," ruft T6ry ans, „ich habe die Pyramiden von Aegypten gesehen, aber nichts machte mir einen so unermeßlichen Eindruck der gewaltigsten, unübersehbarsten Massenanhänfungen, wie die Fracht, die aus den Kais des Hafens von Rouen monatelang liegt, während wir im Lande selbst schon mit einem Bruchteil dieser Waren zufrieden wären, der sofort ein Sinken der schwindelhast hohen Preise zur Folge haben müßte. Bisher wurde immer behauptet, daß die Fehler im Transportwesen an allen Unzulänglichkeiten der französischen Kriegswirtschaft schuld seien. Aber die Transportkrise ist keineswegs als eine Ursache, sondern nur als eine Wirkung zu betrachtein Nämlich als eine der vielen Wirkungen der verbrecherischen Tcnernngspolitik unserer Kriegswucherer, gegen die unsere Regierung nnbegreiflicherweise bisher noch immer nichts' auszurichten vermochte. Die Waren bleiben nicht liegen, weil man keine Transportmittel hat, sondern weil die Fabrikantel, die Rohmaterialien noch nicht annehinen «vollen, da sie mit ihrer Verarbeitung warten, bis dem bedrängten Publikum noch höhere Preise aufgezwiliigen werden können. Dariltn ftapeln sich die Materialien in den Fabrikhöfen, darum stapeln sich die Frachtladiingeii ans den Güterbahnhöfen und in den Häfen, so daß die neuankommenden Züge und die nenankommenden Schiffe aus Platzmangel icicht auS- geladen werden können. Darum sind die ägyptischen Pyramiden ein Kinderspiel gegen den Anblick, den den Frachthafen voii Rollen heute bietet, darum haben wir für die Kriögsiührung ilicht genllg Eisenbahnwaggons, darum haben wir fortwährend Mangel an Papier, und darum müssen wir alles dreifach llnd vierfach bezahlen. Der Kriegswucher ist das Grundübel im heutigen Frankreichl* - Der geschäftskundige T o t e il e r w e ck e r. Bei Gelegenheit der vielerl Betrügereien und Schwindel, die die KricgS- zeit bei den Alliierten mit sich bringt, wird in der „Minerva* folgende nette Geschichte aus früherer Zeit erzählt: Im Jahre 1726 tauchte in eine,n fleinen flandrischen Städtchen ein Mann auf, der vorgab, dllrch Gottes Gnade in der Lage zu fein, daS Leben der Menschen zu verlängern und Verstorbene wieder zu erwecken. Die Bewohner drohten ihm, dem König feinen Betrug anzuzeigen. Aber er war von diesen Drohuilgen nicht im geringsten berührt, sondern versprach dem Volk, in 11 Tagen alü dem Kirchhof zu erscheinen und dort in Gegen,vart aller die Toten aus Den Gräbern wieder lebendig zu machen. »Ihr könnt Wachen rttnd um mich allfstellen, bis ich mein Versprechen erfüllt haben werde. Und gelingt eS mir nicht, so sollt Ihr mich strafen." Der majestäti- sche Ausdruck und die Sicherheit, mit der er es sprach, ließ in den Seelen der Zuhörer nun doch Zweifel entstehen, ob er nicht doch die Wahrheit rede. Einige Tage vor dem angesetzten Ternlin erhielt der Wundertäter folgenben Brief eines Stadtrats: »Erlauchter Doktor! Die Ecwartilng des Wlliiders. das in unserer Stadt sich vollziehen soll, läßt" mir keine Ruhe. Ich hatte eine alte häßliche Frau, die kürzlich begraben wllrde. Jil Gottes Namen, laßt sie in der andere,: Welt: ich lege 100 Mark bei, damit Ihr das Gehetmiüs behütet.* In den folgenben Tagen erhielt er viele Briefe ähnlichen Inhalts, nl,d unzählige Personen erschienen bei ihm, für die die Erivecknng ihrer Toten einen Erbschaftsverlust, die Begleichung von Schulden usw. bedeutet hätte. Sie alle ließen es an Bitten nicht fehlei,, ihre Anverwandten doch ruhen zu laffen. So kam eS denn, daß an dem für das Wunder festgesetzten Tag der Betrüger mit gilt gefülltem Beutel die Stadt verließ; er brauchte nicht eiiunal zu fliehen, denn niemand versuchte ihn zu halten. * Hagebutten und Vogelkirschen(Eberefchen- beeren) für Marmeladezwecke. Sowohl Hagebutten als auch Dogelkirfchen (Ebereschenbeeren) finden seitens der Marmeladefabriken Verwendung. Angebote an die Fabriken vermittelt die Kriegsgesellschaft für Obstkonserven und Marn,eladen, Berlin, Koch- straße 6 / 7 , auch wenn es sich um kleinere Mengen handelt. Charade. Nimm ein Gewichtlein — 'S ist veraltet schon — Und füge dazu noch ein Flächemnaß. So hieß ein Kaiser, der eilist auf dem Thron Des römischen Reich« vor Jahrhunderten faß. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer Toledo, Torpedo. Schrütleituna: Fr. R. Zenz. — Zwillinasrnnddrnck und Verlas der Brnbl'fchen Universitäts-Buck-- nnd Steindruckerei. R. Lanae. Gießen.