Der Radium-Vulkan. Roman von St. E. White und S. H. Adams. Autorisierte Uebersetzung. — Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Früh am Morgen des 7. Juni ließ der Kapitän alte Offiziere in die Messe bitten. „Meine .Herren," begann Kapitän Parkinson, „wir stehen vor einein Problem, das bis jetzt, soviel ich weiß, nicht seinesgleichen hat. Ich habe die Absicht, den Schoner bis nach Honolulu zu bringen Doch können wir ihn bei dem jetzigen unbeständigen Wetter nicht weiter im Schlepptau behalten. Ich möchte daher zwei Offiziere mit der Führung beauftragen, will aber unter den obwaltenden Umstanden kein Kommando erteilen und bitte um freiwillige Meldungen." Augenblicklich meldeten sich alle wie ein Mann, von dem alten Doktor Trendon bis zu dem jungen Zahlmeister. „Ich habe nichts anderes erwartet," sagte Kapitän Parkinson ruhig. „Doch ein Wort noch, meine Herren! Es unterliegt für mich keinem Zweifel, daß der Schoner sich zweimal in höchster Gefahr.befunden hat. Nur eine solche konnte Mr. Edwards dazu bewegen, seinen Posten zu verlassen. Wir, die wir ihn kennen, sind alle von dieser lieber- zeugung durchdrungen. Ebenso wenig kann ich mich der trübsten Befürchtungen über sein und seiner Gefährten Schicksal Erwehren. Bon der Art der Gefahr aber vermag ich mir kein ailch nur einigermaßen wahrscheinliches Bild' zu machen, hat vielleicht einer der Herren eine Ansicht zu äußern?" Allgenreines Stillschweigen. „Mr. Barnett? Doktor Trendon? Mr. Jves?" „Könnte nicht ein Zusammenhang zwischen der unaufgeklärten Lichterscheinung, die wir zweimal gesehen haben, und den, zweimaligen Verlassen des Schiffes existieren?" meinte der erste Offizier nach einer Pause. „Das habe ich niich auch wieder und wieder gefragt. Aber wie nahe auch die Lichtquelle dem Schoner gewesen sein mag, so ist er doch jedenfalls unbeschädigt geblieben!" „Allerdings, Herr Kapitän," erwiderte Barnett, „und damit ivird diese Erklärung auch wohl hinfällig." „Ich danke Ihnen für die Bereitwilligkeit, mit der Sie meinen Wünschen Nachkommen, meine .Herren," fuhr der Kapitän fort, „wenn auch meine Pflicht dadurch gewissermaßen erschwert lvird. Ich nehme Mr. Jves' Anerbieten an, weil er mit diesen Gewässern vertraut und des Segelns kundig ist." Sein Blick durchslog suchend die Reihe der Offiziere. „Verzeihung, Herr Kapitän," platzte der Zahlmeister heraus, „ich habe bereits mehrere Jahre eine Schonerjacht gefahren und würde sehr gern die Gelegenheit ergreifen—" „(iVitt, Mr. Me Guire, dann sollen Sie der ziveide Be- fehlshaber an Bord sein." „Ich danke Ihnen gehorsamst, Herr Kapitän." „Sammeln Sie nun eine freiwillige Mannschaft, meine Herren, und begebe,l Sie sich sogleich auf Ihren Posten. Scheuen Sie keine Mühe, um Berichte über^die Fahrt des Schoners aufzufinden! Achten Sie auf die Signale und melden Sie jede noch so geringfügige End- decknng, wie auch jedes ungewöhnliche Vorkounnnis!" Vonnittags zehn Uhr bei nebligem Wetter begab sich die neun Mann starke neue Besatzung — lauter stämmige Leute — nach der „Laughing Laß" hinüber. Alle Unbilden der Witterung schienen sich zu vereinen, um den Schoner von seinem Begleitschiff trennen. Der Nebel sank nur, um böigen Nebelschauern Platz zu machen, die höchstens den Ausblick auf ein Schachbrettmuster kleiner Wasserflächen und undurchdringlicher grauer Schleier gestatteten. Vor Abend schon war die „Laughing Laß" bei chrer langsamen Fahrt durch eine Legion Wellen von dem Kreuzer getrennt, der um Sonnenuntergang zwischen zwei Nebelschwaden noch einen Blick auf sie erwischte. Darm setzten Wind und Regen mit erneuter Kraft aus Südosten ein. Der Kreuzer wendete sofort, um dem vermutlichen Kurs seines Schutzbefohlenen zu folgen, der wahrscheinlich weit leewärts abgetrieben wurde. Stundenlang rauschte der Regen und heulte der Wind. Damit entwölkte sich plötzlich der Himmel, und gleichzeitig hallte ein Schrei des Entsetzens vom Bug bis zum heck der „Wolverine". In weiter Ferne erschien am westlichen Hori- rizont das Seltsamste, »vas die Augen der an Bord befnw- lichen Männer je im Leben erblickt: Bon einem wunderbaren goldglüheudeu Reif stiegen blendende Lichtströme spiralförmig in den dunklen Himmel hinauf. Sie spielten in allen Farben des Spektrums: in flammendem Orange, köstlichem, durchsichtigem Blau und sprühendem Rot. Unten flimmerte ein breites Band von blässerer Farbe, wie eine krause Masse erstarrter Blitze. Wäre alle Schönheit sämtlicher Nordlichter in eins verschmolzen, vor dem blendenden Glanze und der erhabenen Pracht jener wundersamen und doch Furcht einflößenden Himmelserscheinung lväre sie jäh verblaßt. Todesstille herrschte auf dem Schiff, alles stand lvie versteinert in sprachloser Erstarrung. Vom Vorderschiff tönte plötzlich ein neuer Ausruf des Schreckens. Der Steuerunteroffizier, der am Rade gestanden hatte, stolperte die Leiter hinunter und stürzte, die Finger in eirrer Gebärde des Entsetzens weit von sich gespreizt, das Deck entlang, wobei er fortwährend schrie: „Die Nadel! Der Kompaß!" Barnett, Trendon und die andern eilten nach dem Steuerhause. Die Nadel schoß von links nach rechts und von rechts nach links. An ihrer Spitze glühte ein stahlblauer Feuerschein. Dann nnrbelte sie herum, funkensprühend, hielt an, zitterte, und bog sich anfivärts, daß sie an den Glasdeckel klopfte. — 454 Banrett sah Trendon entsetzt an. . „Meine Augen haben das Konrmen des Herrn nt ferner Herrlichkeit gesehen!" murtneltö der Arzt, dert Wrck aus dem strahlenglänzenden Himmel. „Es läßt sich mit mchts anderem vergleichen..." ^ < Die Glut im Westen schoß bis zum Zenrth empor. Barnett erfaßte das Rad, und das .Schiff gehorchte. ,,^ch glaubte schon, es wäre auch behext," sagte er vor fUf> ^Halten Sie auf das Licht zu, Mr. Baruett!" ertiSWe die nrhige Stimme Kapitän Parkinsons. Langsam drehte sich der stählerne Koloß mrd dampfte dein Unbekannten entgegen. Nach einer Stunde ttat plötzltch tiefe Finsternis ein. Das geblendete Auge konnte zurtächst nicht einmal einen Stern wahrnehmerr, doch der scharfe Blick des Matrosen aus denri Msgiuck entdeckte etwas anderes. „Brennendes Schiff!" rief er heiser. „Wo?" ^,Zwei Striche in Lee, nahe der Stelle, wo das Licht war." Alle wandten die Blicke nach der bezeichneten Richtung und sahen einen majestätischen, purpurnen Feuerschein, aus dem Plötzlich ein hellerer Strahl aufzuckte. „Das ist kein brennendes Schiff," sagte Trendon, „sondern der Ausbruch eines Vulkans." „Und das attdere?" fragte der Kapitän. „Kein Vulkan." „Der arme Billy Edwards gewinnt seine Wette," flüsterte Forsythe. ^,Gott gebe, daß er noch auf Erden weilt, um den Gewinn einstreichen zu können!" antwortete Barnett in feierlichem Tone. In jener Nacht begab sich niemand zur Ruhe. Als die So'.tne des 8. Juni sich erhob, lag der Ozean in grenzenloser Oede da, nur fern am .Horizont, wo die Karte kein Land aufwies, wälzten sich schmutziggraue Qualinschwaden. Von dem Schöner aber war weit und breit keine Spur zu sehen. 5. Kapitel. Die Schiffbrüchigen. „Auf diesem Schiff —" brummte Carter, der zweite Offizier, der mit Trendon an der Achterdeck-Reeling stand, auf diesem Schiff geht es heute zu wie bei einem Kaffeeklatsch! Recht laut — recht breit — und recht gemütlich... Das ist nun seit dem Frühstück die dritte Möwe, über die uns amtlich Rapport erstattet wird!" In der Tat war heute schon dreimal das Gerücht von einer höchst merkwürdigen Entdeckung wie ein Lauffeuer durch die „Wolverine" geeilt — bei näherem Zusehen hatte der wichtige Fund sich jedoch immer als ein harmlosen Schwimmvogel entpuppt. Utrd jetzt schallte es wieder aus dem Mars: „Boot ahoi! Drei Strich an Steuerbord voraus!" „Wenn's wieder eine Möwe ist, rede ich ein ernstes Wörtchen mit dir, mein Junge!" .knurrte Carter. Der Kreuzer hielt nach Steuerbord. Alle Augen hielten in höchster Spannung Ausguck nach dem Boot. „Sofort melden, wenn es in Sicht ist!" ries Carter nach oben. „Jawohl, Sir," klang es zurück. „Irgend etwas ist dort!" sagte Forsythe. „Ich sehe einen dunklen Fleck!" „Wahrscheinlich Schiffstrüwmer von dem Wrack, das Barnett in die Luft gesprengt hat," brummte Trendon, angestrengt durch sein Glas spähend. „Es ist ein kleines Boot! Es' treibt auf uns zU!" meldete jetzt der Mann int Ausguck. „Niemand drin?" ries Carter. „Noch nicht zu erkennen, Sir." .In diesem Augenblick erschien Kapitän Parkinson an Deck Carter erstattete Meldung und zeigte den dunklen Fleck ans der Wasserfläche. „Volldampf voraus!" befahl der Kapitän. Der Kreuzer schoß vorwärts. Mit gewaltiger Geschwindigkeit. Aber noch zu langsam Mr die Männer auf ihm, die von dem einsam treibeÄen Boot dort die Lösung des furchtbaren Rätsels erhofften, das auf allen lastete wie ein niederdrückender Mp. „Sie da oben!" „Jawohl, Sir!" „Können Sie schon die Bauart erkennend X „Hoch gebaut — wie ein Fischerboot, Herr!" „War nicht auf der „Langhing Laß" ein derartiges Boot?" rief Forsythe. „Ja! In den Heckdavits," antwortete Trendon. „Es ist nicht anzunehmen, daß Fischerboote bis hierher verschlagen werden sollten," sagte Kapitän Parkinson. „Wenn das Boot wirklich diese Bauart zeigt, dann gehört es zur „Laughing Laß"." „Fraglos!" bestätigte Barnett. „Atzt kann man es deutlich erkennen!" „Entern Sie, bitte, aus und halten Sie mich auf dem Lattsenden, Mr. Barnett!" befahl der Kapitän. Der diensttuende Offizier sprang in die Wanten. Das kleine Fahrzeug, von der breiten Dünung sanft gewiegt, wurde immer deutlicher. — „Es ist dasselbe Boot!" sagte Trendon. „Was sollte es auch anders sein?" brummte Forsythe. „In dem Boot liegt ein Mann r- nein, zwei!" brüllte der Ausguck. Wes schwieg minutenlang. Dann kam die Meldung: „Zwei Mann im Boot!" „Am Leben?" „Kein Lebenszeichen, Herr!" Der Wind, der bei Tagesanbruch stetig wechselte, sprang wieder um und trieb das Bootheck vorwärts dem Kriegsschiff zu. Barnett ließ einen Augenblick lang das Glas sinken und rief hinunter: „Es ist das Boot der „Laughing Laß"! Ich kattn den Namen erkennen!!" „Gut," sagte der Kapitän ruhig. „Dann werden wir erfahren/was geschehen ist." „Können Sie die Leute im Boot schon erkennen?" „Scheinen nicht zu unserer Mannschaft zu gehören!" schrie Barnett. „Was? Sind Sie dessen sicher?" „Ich kann nur das Gesicht des eilten erkennen. Er ist aber weder Jves, noch Me Guire, noch Edwards, ttoch einer von den Leuten." Das Boot war beut Kreuzer so nahe gekommen, daß man vom Quarterdeck aus hineinsehen konnte. Es war ein gewöhnliches Hochseeboot. Eine Mastöffnnng zeigte, daß es auch zum Segeln benutzt werden Fonntc. Einer der beiden Männer int Boot lag regungslos, lang ausgestreckt unter einent Stück Segeltuch, das seine Gestalt verbarg. Der andere kauerte im Heck.' Bei seinem Anblick ging ein Flüstern durch die Reihen der Mannschaft der „Wolverine". Der Mann sah aus wie eine Vogelscheuche. Er war ein Bündel von zerfetzten Lumven — ein menschliches Jammerbild mit hohlwangigem, vor Bartstoppeln unkenntlichen Gesicht; mit einem Ding auf dem Kops, das wie ein Turban aussah und von Schmutz starrte. „Fa—fabelhaft!!" stotterte Forsythe. Ent hysterisches Lachen packte ihn. Da hob der Frenrde den Kopf. Aus dem abgezehrten Gesicht starrten irre Augen das Kriegsschiff.mr. Dann sank er kraftlos wieder zurück. Die Gestalt unter dem Segeltuch lag regungslos. Auf dem Deck des Kriegsschiffes stand alles wie gebannt. In das beklommene Schweigen klangen fast befremdend energische Kommandoworte aus dem Zwischendeck, wo das geordnete Schiffslebett im ruhigen Geleise weiter ging. Die befehlende Stimme schien den Fremden zum Bewußtsein zu bringen, anzutreiben. Mechanisch, wie ein Automat, hob er zuerst den einen, dann den andern Arin', und arbeitete) sich tnühsam empor, bis er in sitzender Stellung an der Ruderbank lehnte. Dann öffnete er den Mund uud verzog sonderbar das Gesicht, als dächte er angestrengt über die Pointe eines halbvergesse nett Witzes nach. Plötzlich klang in rauhen, krächzenden Tönen, aber doch deutlich vernehiw- har, von seinen Lippen ein merkwürdiger Gesang, dent eilt Unterton dämonischen Triltmphes eine Wirkung gab, die grausig wär. „Ta ward das ScUfs für sie zum Sarg, die See für sie zuty Grab —, Nordwind — Südwind — uns ist's einerlei! Wir gaben ihnen kern Pardon und senkten sie hinab; Dort an der Küste der Berber^—r— e —ei!" In länggezogenen, klagenden Tö>nen schwoll es an und verhaktte... (Fortsetzung folgt.) 465 Die beiden weißen Esel. Skizze von NilsLago-Lengquist. Mut. Uebersetznng 4u£ dem Schwedischen von Hete G l u b r e ch i. Dämmerung ist's. Wie durch einen Zanberschtag hat sich die durchsichtig blaue Lust in violette Töne gefärbt. Noch eine VrerteL- stunde urck> dichtes Dunkel breitet sich Uber Arles, Mistrals Stadt der Sagen und der Träume. Aller Lärm und lautes Getriebe aus dem Boulevard des Lices ist verstummt, die Scharen spielender Jungen sind verschwunden, auch die letzten Kinderwagen wurden von wachsamen Bonne:: nach Hause gefahren, bevor die Abend- Ächle herannahte. Doch in den Haustüren verweilen noch „les belles Arlchien- nes" und gucke:: mit ihren schOarzen Augen hinaus in das Dunkel. In einer Stunde ist der Tag zu Ende. Dann werde ich wieder mein Abendessen in der kleinen Künstlerkneipe einnehmen, die mir, dem Fremdling, ihre einfachen Pforten geöffnet hat. Und werde dann von meinem Fenster aus wieder die gleiche Szene beobachten, die sich tagtäglich in der Abenddämmerung aus meiner,Straße abspielt: vor einer: Korbwagen gespannt, trollt ein kleiner weißer Esel nrit seinen kurze:: Beinen auf einen Hallseingang zu, g^ade dem meinen gegenüber —, und ein kleiner Alter, dessen Kopf ebenso weiß ist wie das Fell seines Esels, klettert mühsam auf den Magensitz, nimmt die Zügel und rollt mit seinem Gefährt davon. Oben am Fenster steht ein junges Paar, Schwiegersohn und Dochter und winkt mit feierlicher Miene dem Alten zum 2lb- schled nach. Dann werden die Fenster wieder geschlossen. Für heute ist daS Schauspiel zu Ende, morgen beginnt es wieder aufs neue, und so geht es voraussichtlich immer weiter, alle! Tage — solange der Alte lebt. Herr Rastaud, so ist sein Name, wurde mir rasch ebenso wohl- bekaunt, wie sein kleiner Esel, und wenn ich die beiden nun unter der nicht gerade besonders artigen Rubrik: „Die beiden weißen Esel" zusammenfasse, geschieht es aus einem Grunde, den ich sogleich berichten will. > ' Herr Rastaud ist im glücklichen Besitze eines so großen Kapitales, daß dessen Rente, zusammengenommen mit der Pension, die er als verabschiedeter Staatsbeamter erhält, ihm ein gesichertes Alter gewähren. 1 Auf seinen: Land gute, draußen, eine Viertel Meile vor der Stadt, hat er sich zur Ruhe gesetzt und seine Haushaltsführung! einer älteren Wirtschafterin anvertraut. Täglich läßt er seinen! Korbwagen mit den: kleinen Esel anspam:en, um seiner Tochter und seinem Schwiegersöhne einen Besuch abzustatteu. Nach einen: knappen Jahre glücklichster Ehe wurde er Witwer, und seit dieser Zeit spendet er seiner Tochter den ganzen Reichtum seiner warn:en Seele und seines Herzens Güte und Weichheit. Und diese wiederum scheint alles zu tun, um ihm seine Liebe zul vergelten. Herr Rastaud müßte demnach ein glückkicher Mann sein. Doch das Schicksal hat es wohl mroers gewollt! — Seit vielenj, langer: Jahren trägt er eine unheilbare Wunde imi Herzen, eine Wunde, die das Glück seit jener Zeit aus seinem Leben heransriß, da der Tod seiner Frau und die Geburt seiner Dochter znsammentrafen. Niemals hat der Alte über seine:: Lebenskummer gesprochen, aber ein jeder vermag ihn aus seinen Augen zu lesen, :md einen! Menschen gibt es, der darun: weiß, — der auch die innersten Gedanke:: des Herrn Rastaud kerrnt rmd-sich an seiner Pein erfreut! Dieser hartherzige Mann ist Herr Aubert, mein Wirt. Wenn ich am Abend von meinem Fenster aus die Mfahrt beobachte, kann ich sicher sein, daß Herr Aubert hinter einer anderen Fensterscheibe steht und mit interessierten aber ivenig wohlwollen- den Blicken ar: den: Ereignis da draußer: auf der Straße teilnimmt. Was Herrn Auberts starke Feirrdschaft gegen Herrn Rastaud veranlaßt hat, habe ich durch ihn selbst nicht erfahren können, aber lich l-abe den Gru:ü> dazu erraten. Selbstverständlich eine Frau! lllnd mein Wirt war der verlierende Teil, während Herr Rastend sie als seine Gattin hein:führte. Diese unuoorbene Frau war die Mutter der jungen Blondine, welche jetzt das ganze Glück des Allten ansmacht. Die junge Frau ist übrigens eine vollendete Schönheit. Sie ist schlank und blond wie ein Kind des Nordens und hat ix:bei die schwärzesten Augen, die eS in Arles nur gibt, und seidenweiche! Lange Augenwinlpern, die ganz besonders reizvoll lverden, wenn ijie oie Augen niederschlägt. Und das tut sie gen: unb oft: denn fte weiß, daß es ihr steht! Als ich anfing, mich für die Familie Rastarch zu interessieren, richtete ich einige Fragen an meinen Wirt. Doch Herr Auberö wandte die Innenfläche,: seiner Hände mit einer vielsagenden Bewegung nach außen und brummte in raschen: Tempo eme Menge Worte vor sich hin, tue alles mögliche bedeuten konnten, nur keine! Antwort auf meine Frage. Seitdem ist es mir aber doch geglückt, wenn er urie ein großer weißer Vogel in seiner vortreffliche:! Küche herumflattert, brockenweise etwas aus ihm herauszuhorchen. Es gab eine Zeit, in der Herr Aubert und Herr Rastaud die besten Freunde waren: nichts schien die beiden trennen zu könne,:. Und doch, es geschlH! Die beiden Freunde trennten sich, um sich nie wieder zu versöhnen. Herr Rastaud verheiratete sich mit der Frau, die Herr Aubert für sich selbst ausgewählt hatte. Und sonnt kam der Bruch zustande. Herr Aubert kaufte ein kleines Hotel in seiner Vaterstadt Arles und verließ Paris, wo er und sein Freund bisher gewohnt hatten. Mehr als zwanzig Jahre später mußte er eines schönen Tages sehen, daß sein alter Rivale auch hierher g^ogen war, und nun» wollte der Zufall es, daß sie sich ruumfhörlich begegneten, ohne daß doch nur einer von ihnen einen Schritt zur Versöhnung getan hätte. Herr Rastaud betrachtete mit schlecht verhüllten: Mißtrauen seine:: früheren Nebenbuhler, und dieser wieder konnte niemals vergessen, daß er es damals war, der zurückstehen mußte und den Korb bekam, — selbst jetzt noch nicht, wo die Geliebte schon seit so vielen Jahren auf dem Kirchhof ruhte. Die verwundete Eitelkeit hatte einen zu harten Schlag bekommen: selbst nach einer Versöhnung — so wie früher hätte es nie wieder zwischen ihnen werden können. Eine heimliche, nicht zu verratende Quelle der Schadenfreude existierte aber für den abgewiesenen Rivalen-und diese selbe Quelle wurde zur allergrößten Lebenssorge für Herrn Rastaud. Die verstorbene Viadame Rastaud war von wunderbarer Schönheit gewesen, und ihre Dochter batte diese Schönheit von ihr ererbt. Doch im Gegensatz zur Tochter, die lichtblond war, hatts Frau Rastaud tiefschwarzes, schönes Haar gehabt. Auch Herr Ra- stiaud war so dunkel, wie nur ein SiÜ>l ander sein kann.- Eh bien! Wie kam also die Tochter zu dem goldblonden Haare?? — — Lange hat es gedauert, bis mein Wirt soviel aus sich heraus!- horchen ließ, daß der Grund seiner Schadenfreude und zugleich des armen Herrn Rastauds tiefer Kummer, das goldblonde Haar seiner Tochter war. Doch als ich dieses nun wußte, beschloß ich eines schönen Abends einmal die Geschichte vollständig heraus- zubckommen. Und das glückte.---— Herr Aubert säubert gerade Radieschen, ich lehne mit einer Zigarette im Munde an: Pfeiler der Mauer. Die Unterhaltung habe ich bereits auf die Familie da drüben gelenkt, auf die Tochter und den Schwiegersohn; beharrlich und mit gewisser Zickringlich- keit äußere ich dann: „Ach, sehen Sie mal an. Monsieur Aubert, so schönes blondes Haar haben Sie in Ihrer Jugend gehabt!" — Ohne den geringster: Verdacht fährt sich mein Wirt über den glatten Scheitel, der von einem knapp zenttmeterbreiten Haarkranz umgeben ist. „O nein, Monsieur, ich habe ja immer schwarzes Haar gehabt, .solange ich überhaupt welches hatte," fügte er mit einen: kleinen Seufzer hinzu. — — „Ja, dann verstehe ich nicht — —- •— — — —" „Was verstehen Sie nicht, Monsieur?" -„Das blonde Haar des Mädchens! Der jungen Frau da drüben!-" Herr Aubert fährt total überrascht auf, und ein äußerst geschmeichelter Schimmer kommt in seine Augen: „Oh, Monsieur, Sie irren sich vollkommen!!" „— Ja, ich sehe das jetzt ein. Aber — — ach so — * so war es ein anderer??" „Nein, sicher nicht! Madame Rastaud war absolut d^sem da treu — dem da — — diesem Mvnne — — dem Kamele? Aber er, er hätte verdient-" Eifrig tastet Herr Aubett mit seinen Fingern an die Stirn- acgend. „Nein," näher beugt er sich zu mir hin. — „nein sehen Sie, Monsieur, Madame Rastaud war ein Weib. Durch und durch! Ich kannte sie schon länger als dieser Narr, ihr Mann! •— Ein herrliches Weib! Aber lllrz bevor sie ihn kennet: lernte, ließ sie sich — vielleicht aus Laune, vielleicht aus Eitelkeit ihr wundervolles, deutsches Blondhaar.... schwarz färben. „Sie war ja eine Frau, Monsieur, und darum mich inan so etwas verstehe::! Eure bildschöne Frau! — Die Tochter hat nun das blonde Haar der Mutter geerbt. Dieses aber begreift der Mann da drüben nattirlich nicht! U:ü> so glaubt er felsenfest, daß er betrogen wurde, und schleppt diesen Kummer nun still für sich immer weiter herum. „Und das gönne ich ihm, den: Elenden!" Im selben Augenblick hört rnan draußen auf der Straße das Rollen eines Wagens. Vorsichtig öffnet Herr Aubert das Fenster und hat ein Überaus befriedigtes Lächeln aus seine:: Lippen', in* den: cx mit zuruft: „Selsen Sic, da trollen sie wieder ab. die beiden lveißen Mel? —" _ Zur Errichtung eigenhändiger Testamente. Den Abfassern eigenhändiger Testamente kann gar nicht genügend Vorsicht angeraten werden. Dei:n die gesetzlichen Erben die an dem Nichtbcstehen des Testaments 'Interesse l>rben. nehmen es gar scharst unter die Lupe. Bor allem :m:ß die Orts- und Zeitangabe richtig fein. Das Testament darst also weder vordaticrt noch nachdattert spcrden. VLau versuche auch Schreibfehler in tvr Datierung zu vermeiden, denn n*mn auch hierdurch nreistrns nich: die Nichtigkcstt des Testaments lserbeigeführt wird, so geder: iie 456 doch -u Zweifeln Antatz. Bor allem hüte man sich, bas Testament mit ber Schrcibmasck'ine m schreiben ober es überhaupt von einer andere»» Person schreiben zu lassen' es märe alsdann unfehlbar nichtig D5' größve Gefahr liegt darin, daß Man das Testament ans einen Bogen schreibt, auf dem der Ortsname vorgedruckt ist. Man setzt vielleicht l>armtos neben den vor ge druckten Ortsnamen das Darum, ohne dabei zu ahnen, daß aus diese Weise das Testa- mct der Nichtigkeit auheraufbeschiuorcn, daß ein harmloser Brief, in dem von erbrechtlichen Verfügungen dre Rede ist, dem Briesschreiber gegen seirren Willen als Testament ausgelsgt werden kann. Es besieht daher die Möglichkeit, daß das Reichsgericht in Erkenntnis dieser Gffahr später eunnal von seiner jetzigen Auffassung abgehen wird, weshalb es zu cnrpfehlen ist, auch im Briefe mit oolbsm Familiennamen zu unterzeichnen, 'wenn man dem Briefe die Bedeutung eines Testaments beilegen will. Dr. jnr. Ludwig Oppenheimer, Darmstadt. Deutsche; Vaterunser. So laßt uns beten: O, du unser Vater, Sei unsre feste Burg in allen Nöten, Sei unser Schirm, sei Lenker unb Berater. Laß uns getrost vor unsre Feinde treten! Gib uirser täglich Vrot uns jetzt und heute Entzünd in uns das Feuer deiner Stärke, Erfüll uns all mit deiner heiligen Freude Und segne gnädig unsrer Hände Werke. Sei unsre Zuflucht, unser Lebeusborn! Uns deine Gnade, unsrem Feind dein Zoitt I Herr, sieh nus an in Milde und Geduld; Erbarmungsvoll vergib un5 unsre Schuld. Dein ist das Reich, laß es uns auch erwerben, Dein ist die Kraft, die Feinde zu verderben, Dein ist die Herrlichkeit ob ackert Wesen, In Ewigkeit bist du, wie du qervesen . . . Darum bitten wir in deines Sohnes Namen, Erlöse uns, Herr, und schenk rms Freiheit. Amen! Karl Neurath (Nidda). vüchertisch. — D e r T ür m e r (Knegsansgabe). Herausgeber : I. E. Frhr. v. Grotthuß. Vierteljährlich (6 Hefte) 4 Mk. 50 Pfg., Einzelheft 80 Ps. Probeheft portofrei (Stuttgart, Greiner & Pfeiffer). — Aus dem Inhalt des zweite»» September Heftes: Der Geist vom Skagerrak. Von Otto Haendler. — Unwägbarkeiten. Von HanS von Kahlenberg. — Unsere Frerrnde - die Feinde. Von Erich Schlaikjer. — Wirkungen. Von F. Spier. — Deutsche Scholle sür unsere Tapferen! Vorr Frank vom Rhein. — Gottes Walten irr der Geschichte. — Michel, der Narr. — Ein Sehender. Von H. — Bismarck für freies Wort. — Iohanrres Scherr über Frankreich und Errgland. — Zum Gedächtnis dreier niederdeutscher Dichter. Von K. Storck. - Eine Ehrenschuld des deutschen Volkes. Von Marie DierS. — Besuch eines Balten bei Goethe. Von Wilhelm Graß. — Ein stbyllinischeS Buch. Von Werner Peter Larsen. — Das serbische Erlebnis. (Mit 8 Zeichnungen von Waller Lehmann.) Bon Konstantin Schmelzer. — Theatersammer. Von K. St. — Türmers Tagebuch : Der Krieg. — Auf der Wart«. — Kunstbeilage. — Notenbeilage. - Deutsches Wille (K u n st w a r t). Erstes Septemberheft 1916. (Kriegsausgabe zu ermäßigtem Preis. Vierteljährlich 3,60 Mk. Verlag von Georg D. W. Callwey, München.) Im Leiter des Heftes »Wohltätigkeit und Staat" kritisiert Dr. Wilh. Stapel den heute üblichen WohltärigkeitSbetrieb. Jetzt im Kriege sei praktisch freilich nichts zu ändern, nach dem Kriege müßte man aver in der Wohlfahrtspflege grundsätzlich die Mittelbeschaffung und die Mittelverwendung trennen, erstere sei den» Staate und den Gemeinden zuzurveiseu. In einem Aufsatz über den „Krieg und die Christussrage" erörtert der Hamburger Hanptpfarrer A. W Hunzinger das Chrislusbild der kommenden Zeit. — Zu Friedrich Ludwig Schröders Hundertsteln Geburtstag zeichnet Ferdinand Gregor» ein Bild des genialen Theater,nanues der Goethezeit. — Der Architekt Gustav Wolf gibt längere grundsätzliche Ausführungen über „Kriegs-Gedächtniszeichen", denen er acht hübsche kleine Zeichnungen beigegeben hat. — Walter Lambwch erörtert „Das Sprachertternen als politische Aufgabe", besonders vom Standpunkt des deutschen Kaufmanns ans — Dr. Erich Schairer beschäftigt sich in einem Alstsatz »Handel oder Händler" mit der „sozialen Umorreutiernng" des Handels. — E. T. A. H o ff m a n n : Tic Bergwerke von Falun, Der unheimliche Gast. Mit diesem Inhalt ist Nr. 37 der „W elt- literatu r" erschienen, die zum Preise von 10 Pfg. jeden SamS- tag in geschnrackvocker Aufmachung einen der besten Romane und Novellen der Wellliteratna bringt. Verlag der „Weltliteratur", München 2, Färbergraben 24. - Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens (Union, Deutsche Verlags-Gesellschaft Stuttgart). Der soeben erschienene 1. Baud des neuen Jahrganges enthält u. a. einen Roman von Alexandra v. Bosse „Der deutsche Gast", in dem uns die Geschrcke eines nach Notlandung in Rußland geretteten deutschen Flicgeroffiziers fesseln; eine Erzählung von Heinz Welten „Die drei Kreuze" und eine Kolonialqeschichte aus den erster» Kriegs wochen „Der Verrat der Duala" vor» Siegfried Baske. Aus bem reichen Inhalt heben wir noch hervor: die Schilderung eiuer abenteuerlichen Fahrt von Karl Heinz Heiland „Eine Autotour durch Madras", einen Aufsatz von Egidius Grotand über Stern- deutcrei, Prophetenkünste und Weltuntergang, und eine»» weiteren von Dr. Bäumer über Hautpflege uud Bäder. Mit so abwechslungs- reichen Darbietungen für so billigen Preis (90 Pfg. sür den Band) wird dem Bedürfnis weitester Kreise in der geeignetsten Form entsprochen. — In einem interessanten Artikel „Die Eigenart des rumänischen Volkes", den die neue Nr 37 der „Schweizer Illustrierte!» Zeitung" enthält, nimmt Prof. Otto von Du,zgern zu der Frage der Abstammung der Rmnänen Stellung. Die ne»»e Nummer des intereffanten Blattes beschäftigt sich auch bildlich vorwiegend mit Rumänien: sie bringt in ausgezeichneten photographischer» Aufnahmen rumänische Bauernhäuser, Bauer»» und Bäuerinnen, ru- mä»»ische hohe Ossiziere »»nd Staatsmänner, darunter auch den Generalstcibsches Avacescu. Außerdem beschäftigt sich die „Schweizer Illustrierte Zeitung" (Berlagsanstalt Ringier & Co. in Zofingen) in ihrer neue»» N»»n»mer mit aller» anderen wichtigen Ereigniffen der letzten Zeit, feie»» sie kriegerischer oder friedlicher Arß Ihr billiger Preis von 25 Pfg. pro Nummer ermöglicht dies; im Abonnement kostet die „Schweizer Illustrierte Zeitung" Mk. 5.— pro Halbjahr. Alle Buchhandlungen und auch die Post nehmen Bestellungen entgegen. • Zerbrochene Gummirin ge der Eiunrachgläser können, wie l»ns eine erfahrene Hanssrau mttteilt, ohne weiteres wieder zum Sterilisiere»» verwendet werde»», wenn man die beibe u Enden übereinander legt. Diamanträtsel. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a&a&aa b b bbeeggilno rrrrtuu derart einzutragen, daß die »vagerechten ] Reihen folgendes bedeuten: 1. Einen Buchstaben. 2. Edelfisch. 3. Frucht. 4. Stadt in der Schweiz 5. Vogel. 6. Badeort. 7. Einen Buchstaben. Die senkrechte und wagerechte Mittelreihe ergeben da» Gleiche Auflösung in nächster Nummer. Auslosung des Rätsels. in voriger Nummer r Juli, August i Julia (Juli-j-a). Schrütleitung: Fr R. Zen;. — Rotationsdruck und Verlaa der Bri'ifft'scben Universitäts-Buch- unb Steiudruckerei. N. Lange. Gießen. n. 1 r