Schicksale. Roman von Heinrich Kornfeld. (Nachdruck verboten.) (Amerikanisches Copxrixkt by Tarl Duncker 1914.) (Fortsetzung.) O — der Monsieur de Marsillargues kannte nicht ein- rnal vom Hörensagen das Chateau de St. Chantant, das berülsinte Schloß St. Chamant, das noch aus der Feudalzeit stammte, in dein Franz I. und Jahrhunderte später sogar der große Napoleon für einige Tage gewohnt haben sollten?! Chateau St. Chamant, der Familie der Marquis gleichen Namens seit Jahrhunderten gehörig — einer der vornehmsten reichsten Adelssitze der Provinz! Allerdings — der letzte Marquis de St. Chamant war vor drei Jahren gestorben, jedoch seine Witwe bewohnte noch das Schloß, lebt? in absoluter Zurückgezogenheit! Eine Deutsche — aber eine Fran. . . . o ein wunderbares, hinreißend schönes Weib! Und kein Mensch auf hundert Meilen in der Umgegend verstand, weshalb sie sich nicht schon längst wieder verheiratet hatte. Denn an Bewerbern — daran fehlte es der interessanten millionenf- reichen Witwe natürlich nicht. Und wer konnte wissen — wer konnte sagen - und prophezeien und in die Zukunft blicken . . . auf Schloß St. Chamant war jetzt große deutsche Einquartierung. ES wimmelte nur so von Offizieren. Und eine wenn auch seit langen Jahren in Frankreich ansässige, in Frankreich naturalisierte, so doch immerhin in Deutschland geborene junae Frau — wenn sie wieder monatelang inmitten ihrer Landsleute lebte und die Huldigungen junger deutscher Offiziere entgegennahm. . . wer konnte wissen tue* konnte prophezeien und in die Zukunft blicken?! Alphonse de Marsillargues aber drehte unrastvoll und spielerisch das Weinglas, unterbrach mit keinem Wort, nickte nur hin und wieder bestätigend. Hub als der redselige Monsieur Bourdin znende war, da äußerte sein Gast den Wunsch, diesen Steinbruch „Bon espoier" als ersten persönlich in Augenschein zu nehmen. -,Aber nur haben etwa anderthalb Stunden über Land zu fahren Monsieur de Marsillargues." „Ich scheue mich davor nicht, Monsieur Bourdin." „Außerdeni sind die Federn meines Wagens nicht mehr sonderlich instand. Ich fürchte also, diese Fahrt wird Monsieur de Marsillargues wenig Freude machen." „Bor ein klein toenig Unbequemlichkeit scheite ich mich nicht." „llitd außerdem ist der Steinbruch vollständig von der Betegmannschaft verlassen. Wir werden also niemanden finden, der uns führt, der uns in die Schächte einsahren läßt? „Es kommt mir vorläufig auch nur darauf an, mich iiber die Lage dos Steinbruches und die Transportmöglichkeiten und Wegeverhältnisse zu infornrieren." Da gab Monsieur Bonrdm seine Beden^n notgedrungen auf. Denn daß er einen gelinden Schauer davor emp- fand, sich dem Schlachtfelds an der Marne und den deutsche sranzösischen Schützengräben zu dicht zu nähern — oas durste er doch natürlich nicht inerken lassen. Wozu war man d-enn französischer Bürger und Patriot?! Also wurde die Verabredung getvossen, daß man am nächsten Bormittag gegen 10 Uhr Batry verlassen und zur Besichtigung des Steinbruches „Bon espoir" lsinausfahren würde. Als Monsieur Bourdin sich an diesem Abend zu Bett legte, befand er sich trotz der bevorstehenden drohenden Annäherung an die deutsch-französische Gefechtslinie in einer geradezu glückseligen Stimmung. Denn seine Phantasie, die nach der geschäftlichen Seite hin hervorragend ausgebildet war, sah schon ein lockendes Zukunftsbild: Der ehrenwerte Monsieur de Marsillargues war ein verkappter Millionär, hatte sich zum Besitzer des Stein- bruches „Bon espoir" gemacht, hatte auch noch andere Steinbrüche dazu gekauft, besaß in Batry eine entzückende extra für ihn von einem ersten Pariser Künstler gebaute Billa und tranck jeden Abend in der Extra-Stube des Zentral-, Hotels eine Flasche teuersten Burgunders. Manchmal wurden das sogar zwei.und immer dann, wenn Monsieur Bourdin von Monsieur de Marsillargues zu Gast geladen war. * Als am folgenden Tage die Sonne dem Westen zueilte und der Abend über das Land sank — da fuhr Alphonss de Marsillargues mit dem Wirt des Zentralhotels wieder nach Batry zurück. Sie befanden sich beide in ausnehmend guter Stimmung. Die des Monsieur Bourdin hatte sogar eine schwindelnde Höhe erklommen. Nie hätte er vermutet, daß rn dem offenbar schwerreichen Monsieur de Marsillargues ein so jovialer liebenswürdiger Herr steckte. Was war das den ganzen Tag über für eine Freude gewesen, mit dem Pariser Gast zusammen zu sein. Me hätte er sich bis ins kleinste die Steinbriiche „Bon espoir" angesehen; wie lebhast hatte er sich sür all die Einzelheiten des Zersprengens der Kalkfelsen interessiert! Der ganze Bormittag war darüber hingegangen Und nach dem improvisierten Diner, das Monsieur Bourdin aus den mit gebrachten Vorräten hergerichtet, erhielt der Inspektions- gang seine Fortsetzung. Fast unglaublich, wie lebhaft das Interesse des Monsieur de Marsillargues sür all die Einzelheiten der Kalksteinsprengung war. Und als die Sonne sich dem Westen zuneigte,' da eittbecfPtc er doch tatsächlich etivas, was dem Monsieur Bourdin bisher völlig entgangen war: — in einer abgelegenen Mulde lag ein kleines, von grün bewachsenen Erdwällrn fast völlig veroeckteS Bloch' 414 ha«s, Murin die Sprengvorräte des Steinbruchs lagerten. Um das Blockhaus herum ein runder Erdwall, der b:Z über das .Hütteudach reichte — eine Bvrsuhtsmaßreget- damit für den Fall einer Explosion die Dyuamttmassen nicht ringsum Verheerungen anrichten konnten, sondern wirkungslos senkrecht in der Luft verpuffen mußten. Wißbegierig war dieser Monsieur de Marsillargues wie ein kleines Mädchen. War den Erdlvall herüber ge kletter^, hatte die nur lose im Schloß hängende Hüttentür geöffnet. Und was sie beide dann im Innern dieser Hütte entdeckte::, das hatte Me kühnsten 'Erwartungen übertroffen: — standen doch da hundert Kisten zu je 25 Kilogramm Dynannü- Patronen! Auch Sprengkapseln und Zündschnüre m rerch- Ucher Menge! Dem Monsieur Bourdin lies ein Schauer nach dem andern über den Micken, wie er seinen Gast seelenruhig zwischen den Dynamitkisten stehen sah!, wie dieser s:ch alle Einzelheiten der Hütteneinrichtung auss genaueste be- tla %Ud)t um alle Schätze Indiens hätte sich der Wirt des Zentralhotels in das Innere des' Blockhauses gewagt. Und hätte nicht die tiefstehende Sonne dringend zur Rückkehr gemahnt — wer weiß, wie lange Monsieur de Marsillargnes sich noch den Anhalt der Kisten, die Zündschnüre und Sprengkapseln und all das lebensgefährliche Durcheinander angesehen hätte. Ein schöner Tag war es gewiesen — wirklich ein reizender interessanter Tag. Und Monsieur Bourdin hegte, während sie in den Hof des Zentral-Hotels eiufuhren u:rd vom Wagen herunterkletterten, nicht die mindesten Zweifel mehr, in wem er den neuen Besitzer des Steinbruches „Bon espoir" zu vernruten habe. Ein vorneh:ner liebenswürdiger, aber überdies auch wirklich nobler Herr, dieser Monsieur de Marsillargnes! Lud feinen Wirt nach dem Abendessen abermals zu einer Flasche erlesenen Bordeaux ein, hatte nichts dagegen, als dieser ersten Flasche eine zweite und dritte folgte; Und hörte interessiert zu, wie der gute MonsteUr Bourdin von Batry und seiner Umgebung erzählte. Besonders das Chateau S1. Chamant schien ihn zu interessieren. Natürlich — welchen Menschen von Geschmack und historischer Bildung reizt es nicht, sich über die Entstehungsgeschichte dieses alte:: Raubritter nestes erzählen zu lassen. Unermüdlich war der Monsieur de Marsillargnes in immer neuen Fragen — und glücklicherweise vermochte ihm der brave Monsieur Bourdin nach dieser Richtung hin ein gleichwertiges Paroli zu bieten. Und sogar noch mehr als das. Da hatte doch noch vor acht Jahren der inzwischen Verstorbene Marquis Rens de St. Chamant im Park ein Kavalierhans ansffihren lassen. Mehrere Monate nahm dieser Bau in Anspruch. Und während der ganzen Zeit hatte der leitende Bannreister, ein Reimser Herr, in: Zentrab- Hotel von Batry gewohnt. Aus dieser Zeit her existierten auch noch ein paar skizzierte. Grundrißzeichnungen des Kavalierhauses, die der Baumeister bei seiner Abreise wohl vergessen oder als wertlos beiseite geworfen. Monsieur Bourdin besah die Blätter noch. Und es machte ihm wirklich Freude, als er hörte, daß der Monsieur de Marsillar- gues aus Liebhaberei gleichfalls so ein halber Architekt sei und daher diese Grnndrißzeichnnngen suh ganz gern: ei:r- mal ansehen würde. Nichts leichter als das. Der Monsieur de Marsrllar- gues durfte sie sogar behalten: waren sie doch sür den Wirt'des Zentral-Hotels Längst nur noch wertlose Makula- tur, die ihm im Schreibtisch verstaubte. Wie gesagt das war heut ein reizender ivunder- schöner Tag gewesen! Monsieur Bourdin war davon ebenso überzeugt wie Monsieur de Marsillargnes. Und als sie sich spät m der Nacht trennten und der Pariser Gast die Grund- rißskizzen des Kavalierhanses von St. Chamant in seine Tasche schob, da schüttelte er dem Besitzer des Zentral-Hotels jovial die Hand und sprach die Hoffnung aus, daß sie sich beide auch in Zukunft so alänzend verstehen würden . . , was den feisten Monsieur Bourdin veranlaßte, eineu Kratzfuß nach dem andern: zu machen. Insgeheim überschlug er sich dabei schon den künftigen annähernden Verbraucy edelsten Bordeaux, den er dank der Generosität seines Gastes auf der Debetseite des Handbuches würde verzeichnen können. Mphonse de Marsillargnes hatte die Bah'n betreten, die ihn zu seinem Ziel sichren sollte. Er war zu klug, an Zufälle zju glauben — doch er war auch zu nüchtern, um etwa davon überzeugt zu sein, daß es das Schicksal sei, das' durch die Ergebnisse dieses Tages die Entscheidung über Leben und Tod vieler nichtsahnender Menschen in seine — Alphonse de Marsillargnes — Hand legte. Er hatte oben in seinem Zimmer das elektrische Licht angedreht, hatte die flüchtigen Grundrißskizzen des Reimser Architekten auf dem Tisch ausgebreitet, saß tief darüber gebeugt, ließ seine Augen tastend über die Striche, Zeichnungen, Schraffierungen, Rundbögen und Zahlenkolumnen wandern. Fieberhaft und doch eisig kichl arbeitete sein Gehirn, seine Phantasie... und es war :roch keine halbe Stunde scharfen Studiums verflossen, da hatte sich Alphonse de Marsillargnes informiert. Soweit wenigstens, als es die flüchtigen Skizzen des Architekten zuließen. Mrdeutungen nur waren es; gewissermaßen Vorschläge, die er sich selbst beim Entwurf des Bauplanes gemacht. Und doch! — Lllphonse da Marsillargnes kannte jetzt die Lage der einzelnen Räume des Kavalierhauses, kannte Länge, Breite und Tiefe der Kellereien. Eine Tatsache insbesondere war es, die Alphonse de Marsillargnes Grübeleien in eine ganz bestimmte Richtung zwang, sie unerbittlich festhielt: — das erst vor wenigen Jahren gebaute Kavalrerhans mußte schon einmal in längst verklungener Zeit einen Vorgänger gehabt haben; jedenfalls war es auf alten Fundamenten errichtet worden —- auf Fundamenten, die noch ans der Zeit der Hugenotten- kämpse stammten und tief in den ans weichem Kalkstein bestehenden Untergrund reichten. Die Erbauer des ersten Kavalierhauses hatten wohl den Anforderungen ihrer sturm- bewegten Zeit Rechnung getragen und sür Fluchtmöglich- öeiten gesorgt. Ließ sich doch mit Leichtigkeit in den: zerklüfteten weichen Kalkstein ein Gang anshiiMen, der vom Hauptkeller des Kavalierhauses ausging und in einen etwa vier Kilometer entsernten, noch aus der Römerzeit stcnnl- menden Steiubruch endigte. Ein paar flüchtige Bleistifttwtizen aus der Grundriß- jkizze des Reimser Architekten wiesen den Phantasien M- p'honse de Marsillargnes diese Mchtung. Hub wenn er noch dazu nahin', was ihm der Wirt des Zentral-Hotels vom Alter des Chateau St. Chamant mitgeteilt, was er über die Geschichte des Schlosses und der dazugehörigen Gebäude erzählt; wenn er schließlich erwog, daß der feiste Monsieur Bourdin heut vormittag, während sie zwischen den gesprengten Blöcken des Sternbruches „Bon espoir" herumirrten, langschweisig erzählte, unbestätigten Gerüchten zusolge stammte dieser Sternbruch schon aus der Römerzeit . . . dann — dann . . . Alphonse de Marsillargnes hob den Kopf und lehüte sich tiefer in den Stuhl zurück. Eine Verrnutung war da in ihnr aufgeschossen — jäh, unvermittelt, phantastisch und doch fast schreckhaft klar. Der Steinbruch „Bon espoir" lag von St. Chamant annähernd vier Kilometer entfernt! Wenn es zutraf, daß vorn Hauptkeller des Kavalierhauses ein versteckter Gang auslies und in einem :wch aus der Römerzeit stammenden Steinbruche endigte — wie die Bleistiftnotizen ans der Skizze des Reimser Architekten besagten — dann konnte dieser Steinbruck) Nur „Bon espoir" sein!! Erst eine Stunde später legte sich Mphonse de Mar- sillargues zu Bett. Dann schlief er tief und ruhig. Er besaß feinen Plan — bis in die minutiösesten Ein zellst: test besaß er ihn. Die nächsten acht Tage gingen ans Leben und Tod. Er würde alles wagen und würde alles gewinnen — wenn nur das Schicksal oder der Zufall oder jene dämonische Gewalt, die ihm wählend der letzten viernndgwanzig Stunden alle Trümpfe in die Hand geschoben, nicht noch im letzten, im allerletzten Augenblick ihm im Stich ließ. Tief und ruhig schlief Mphonse de Marsillargnes; kein quälender, phantastisch wirrer Traun: störte seine Ruhd. Mit ihm schlref sein Gewissen; gestorben war, was je an Gutem in ihm gewesen. war ein Korsar, der um das nackte Leben und gleichzeitig um Millionen kämpfte. Er besaß den Mut, sein eigenes Leben durch den Schmutz zu zerren, er würde auch MUt genug besitzen, das Leben anderer zu vernichten. (Fortsetzung folgt.) 415 Tanzende Verwische. Bon Helene Bö hl au. (Nachdruck verboten.) Wir treten durch ein Tor von weißem Marmor in den geräumigen Vorhof. Er ist gedrängt voll von andächtigen Türken und neugierigen Fremden. Eine bunte Gesellschaft: Engländer, ein paar Franzosen: Deutsche mit dem Bädeker unter dem Arm, Hennreisendc aus Indien, die den sonderbaren Eindruck urachlen, als hafte das Klima der Tropen ihnen die oberste europäische Kruste ab geschmolzen, —' endlich, sich hier halb und halb schon zu Hause suchende müssen, Stangen'sche Oriend-Reisende, See-Offiziere und wohl auch bescheidene Handwerksburschen, die sich durchgefochterr haben, alle rniteinander von dm sehr klug dreinschauenden Dragomans und Hot el-Lohndienern geleitet und von den unvermeidlrchen Ka- wassen, diesen uniformierten, mit riesigen Schleppsäbeln bewaffneten Dienern der entsprechenden Gesandtschaften und Konsulate, gegen Mord und Totschlag sorgfältig bewacht uird gehütet. , Es ist ein heiKr Dag) es dairert lange, ehe ftch die Tore des Klosters öffnen, und alles drängt sich in den Schalten unter dre Platanen und an die Mauern. Eirdlich! Tie Gläubigen rverden zuerst eingelassen, was die Europäer, zumal die Engländer ganz unbegreiflich unb höchst ungeziemend finden. Tie EntrnsMng der letzteren steigt aufs höchste, als von ihnen verlangt wird, den Hut beim Eintritt abzunehmea. Erst nach mehrfacher, energisch wiederholter Aufforderung bequemen sie sich zögernd, einer nach dem anderen, diesem „unverschämten" Ansinnen Folge zu leisten. Ein weiter, runder, säuleruuugebener Raum, in einfach loürdi- ger Ausstattung, ohne jeden bildlichen Schmuck, zeigt sich uns: der mohammedanische Ritus verbietet ja jede Darstellung Gottes. Auf großen, grünen Tafeln stehen in schön geschwungenen, arabischen Schriftzngcu die Namen Gottes', Mohammeds und der vier ersten Kalifen: Abu-Bekr, Omar, Othman, Mi. Auf den Emporen sehen wir picht vergitterte Plätze für Frauen und für den Siütan Madischah): ourch die weit offenen, hohen Bogenfenster fällt der Blick aus den blauen, schiffbcdeckten Bosporus und das asiatische Ufer, und aus dein Garten des Klosters lugen dunkle Zypressen- Wipfel herein: Möwen und Adler ziehen vorüber. , Die Türken Hab eil schweigend ihre Platze eingenonünen und harren andächtig des Beginns, aber auf der Seite der Europäer, der „Schapkali" — Schapkali hei stell die Hutträger, im Gegensätze LU den Gläubigen —, geht es noch laut her: da wird geschwatzt, gelacht, gedrängt, umhergestiegen, nnt den Kohudienern um bessere Plätze gezankt, oMie jede Rücksicht. Z" Ter Prior (Scheich) des Klosters ist mit ruhigem Schritt bis in die Mitte des Raunies getreten uiid hat lich Mit gekreuzten' Armen in der Richtung iurch Mekka verneigt. ^in Gesang mit wunderlich eintöniger !Flötenbe>gleitung erklingt. Hänger und Musiker bleiben jedoch unsichtbar. Diese leisen Klänge tragen etlvas Eigentümliches, Elementares an sich; ich könnte sie kauni eine Kunstschöpfung nennen, sie sind eine Häufung voii Lauten, lue den gewaltigen Gang eines Naturereignisses ankündigeii. Zu meiner Verwuiidernng erinnerten mich diese uralten, überkommenen Weisen an Wagrcer, nmirentlich an manche Stellen arcs seinen letzten Schöp- süngen, in denen er sich auf den geheim is vollen Grenzen hält, die zwischen der Kunst und den elementaren Ausbrüchen des Menschen- herzcns hinführen. Llber die dumpfen, mystischen Töne gehen im ungenierten Geplauder derer verloren, die ans Mdhancweds Gehftst ^gelassen sind: „Verlangt ein Heide oder Ungläubiger eine Freistatt, so gib sie chm, damit auch er Gottes Wdrt höre. Mso zu handeln ist Pflicht und Vorschrift gegen solch unwissende Leute." Unter den Klängen des Gesanges hat sich der Scheich der Sonne, dem Lichte, zugeneiA und hat Kraft erbeten, um Kraft austeilen zu rönnen. Er steht mit verschränkten Armen, und schon naht der Zug der Derwische. Sie tragen meiste Unterkleider, sehr zartfarbige Mäntel Und bohe, weihe Filzmützen: gebrechlich Greise gehen voran, i .Jeder einzelne tritt mit einer tiefen Verbeugung auf den Scheich zu, küßt ihn auf Schlüter und Arm imd enchfängt so die Kraft des Lichtes. > Ter Scheich legt die Finger aus die Lippen, womit er sagt: rftZch gebe Dir das Zeichen des Schweigens. Heilig ser Dir das Mysterium." So tritt ein jeder tvieder zu dem Scheich und empfängt die Kraft Und das Zeichen des Schweigens. Darauf Unüvandeln die frommen Brüder in zwei Zügen und in dem Schritte, mit dem die Ritter in Wagners Parzifal um den Gral gehen, den ftäulenumgevencn Platz, wonach sie sich langsam! paarwftse vor dem^Scheich verneigen und mit sicherer Grazre von rückwärts aus eine der Säulen zuschreiten. Das geschieht von Paar zU Paar, bis ein jeder an seines Säule steht. Nun herrscht tiefe Stille. Die Derwische haben sich niedergelassen, fallen mit der Stirn auf den Fußboden Und beten, einige laut, säst in Extase. Darauf neigt sich der Scheich wieder der Sonne zu, und wäh- rerrd er sich erhebt, ertÄnt ein vielstimmiger Don, ähnlich eineulj gewaltigen Windstoste. Tie Terufische stehn auf, legen ihre MüjnLel ab und zeigen sich jetzt in ihren weißen, faltigen Mwänderrt, die noch ein paar Halldbrftt um sie her auf denn Boden liegen, wie Marc es auf den alten Bildern heiliger Personen sieht. Jetzt treten sie vor, eiiler gleich weit entfernt vom andern, und alle gleichmäßig gruppiert um den Mittelsten. Tie Musik schwillt au, und wieder geht ein Ton wie ein Windstoß durch den Raum: die Sterne bewegen sich im urewigen Tanz« um die Sonne. >L>o verkünden die Derwische im Tanze die Macht Gottes. Ein jeder hält seine Arme hoch erhoben, die eine Hand zum Himmel, die andere zur Erde geneigt. Das ist so zu deuten: „Ich komme von der Erde und gehe aufwärts zum Himmel, das ist mein Weg, und ich empfange die Wohltaten vom Himmel, uni fie aus Erden zu üben und zu verteilen." Von dem Mittelpunkt der Decke hängt wahrend dieser Zeremonie oftmals eineftrische Roise herab, das Bild der Tugend. Sic soll daran erinnern, datz der nur, der tugendhaft ist, sich Gott, der den Lauf der Gestirne lenft, nähern kann. Im Koran heißt es, irr ick schon einmal erwähnte: „Das menschliche Streben, Gott näher zu kommen, kann mir durch Tugend geschehen." Gin anderer Spruch, dessen ich mich hier gerade erinnere, und den ich niederschrftben will, nur ihn nicht zu vergessen, da er mir bedeutend erscheint, lautet folgendcrnlasten: „Die Drgend ist der Mittelweg von zwei Extremen; so ist Demut eine Tugend, deren ztvei äusterste Punkte Hochmut und Schwäche sind." Aber wefter zu dem Tanze der Gestirne. Jeder einzelne der Tanzenden bewegt sich auf das sicherste, denn wie sollte die Allmacht Gottes) der die Wellt um bi$ Sonne sich ewig gleich bewegen läßt, symbolisiert werden, wenn ein Stern den andern berühren würde! Der Derwisch, der sich des geringsten Verstoßes schuldig macht, dessen Kleidersaum den seines Nebensternes berührt, würde der Strafe nicht entgehen; daher gehört eine strenge Uebung zu dieser Zeremonie. Die langen, weißen Kleider niit chren festen, breiten Säumen stiegen in weiten Kreisen: hierzu tönt unausgesetzt die gleichsörnrige Musik, die Musik der Sphären. Der mittelste Derwisch, der die Sonne dar stellt, u in die sich die Gestirne drehen, ist ein Mann von großer Schönheit, eine schlanke Figur, zaxt gebaut. Gestalt und Kopf erinnern an die Bilder alter Perser. Er führt die gleichmäßige, säst bewegungslose, rasche Bewegung jnit einer ganz ergreifenden Majestät aus. Nie um einen Grad schneller oder langsamer. Der Ausdruck seines schmalen, zierlicheil Kopfes und dessen Haltung atmet hoheitsvolle Hingebung. Seine Getvarrdung umschwebt ihn in Falten, als hätte sie der Meiste! eines griechischen Meisters geschaffen. Seine Hände, die er wie die anderen Tänzer, die eine zum Himmel gekehrt, die andere zur Erde geneigt hält, sind in ihrer Haltung wahrhaft beredt und von Geist und Willen durchströmt. Mehr als Worte es eindringlich sagen könnten, geben sie die Anschauung von dem Gedanken, der diese Haltung veran- lastte. Was der wahre Künstler bei Schaffung seiner Gestalten hinzufügt, um ihnen das Wesen des Vollkommenen, des Erhabenen oder Eigenartigen zu verleihen, das hatte dieser Mensch durch den Gedanken. die Sonne zu personifizieren, sich selbst gegeben. Als der Tanz beendet war, wandelteil die Derwische wie zuvor in zwei Zügen durch den Raum und verncigtell sich wieder paarweise vor dem' Scheich. Darauf schritt ein jeder abermals rückwärts seiner Säule zu. Vorderst aber hatten die alten Derwisch, die den Tanz nicht mehr nlitmachen konnten, ihre von der Anstrengung glühend erhitzten Brüder wieder in die Mäntel gehüllt. Nrln zuletzt eine Szene, die etivas' Rührendes^nud Ergreifendes an sich trUgj: Jeder einzelne berührte, bei dem Scheich beginnend, Mit dell Lippen die Hände seiner Brüder, und jeder einzelne erwiderte in derselben Weise den Kuß. Das war die Zeremonie der tanzenden Derwische, zil der jeder Kamast, jeder Dragvman, jeder Konlmissionär seine Fremden führt, so daß sich schließlich die ßMinung gebildet !>vt. daß sich die Dcr- nnsche znnr besteil der Engländer, Deutschen lind Franzosen „produzieren", und daß man in die Räume des Klosters nnc zu einer Ziicknsvorsteslung gehen und sich danach beilehiuen kann. vermischte». ^ Mfti^ mau die ersten Kartoffeln in einer preußischen Stadt aufnahnu Biele Hindernisse nmßtcn übenvuilden rverden, ehe es gelang, die Kartofielm die ull5 ft.nl nilentbehrliches Nahrungsmittel geworden ist. in Tculschland ein- zufi'ihren. Es war im Jahve 1743/44: in den östlichen Provinzen des damaligen Königreiches Preußen wütete, infolge einer Mißernte alter Getreideflüchte, eine entscAichc Hungersnot. ^Jn Sckwrerr kamen zu dieser Zftt die Lerrte vom Ärude in die Tore einer an der Ostsee geleaeuen Hafenstadt hercmgeströmt und janunertOl kochten ganze Kessel voll Grünkohl und anderes Gernüse intÜ und schrien in den Straßen um Brot. Die mitleidigen EiuN'ohner verteilten es urit ftliem tlftucir Stückchen Brot — denn auch fix hatten davon nickft viel — an die Hungernden. Eines Tages erwartete man ftn Getreideschiff, das tvenigstens Ixr bittersten Not fteucril sollte. Voll bcinger Crlvartung stand d Wirkung hier gegenteilig verwandt wird. Ein Dell des. Baches ist nämlich in eine Hvlzrinne abgeleitet, aus der das Wasser durch ein senkrechtes Holzrvhr in einen gemauerten halb- kugelförmigen Hohlraum stürzt, beim Anprall oben durch Kuhhörnerv fnmngen mitaerissene Luft wieder abstößt und seitlich durch em Tonrohr zum Schmelzofen preßt, wo auf diese Weise eine starke Sttchflamme zustande kommt. Nur dieses sehr sinnreiche Gebläse ermöglicht ech m einem mit Holzkohle angeschürten Ofen das Metall rejllos zum Schmelzen zu bringen, so daß es in Lehnrformen vor dem Ofen ausgefcmgen iverden kann. .. ™*rr^ euc5 d i e Fischerei im Kriege. Durch die Absperrung des Meeres durch Minen und Kriegsfahrzeuge wurde die Fischerei in den europäischen Gewässern begreiflicher- weste sehr fühlbar geschädigt. Ganz besonders hat England in dieser Beziehung zu leiden, dessen Fischerbevölkerung an der Süd- und Ostkuste vielfach der Not anSgesetzt ist, und auch die neutrale Flscherel wird durch die englische Willkür zur See immer mehr m Mltleldenschast gezogen. Bekannt wurde in letzter Zeit vor allem die englische Bedrohung der Fischerei Norivegens und Hollands. Auch unsere deutschen Seefische find, wie in einer Besprechung der diesbezüglichen Verhältnisse in der bei der Deustchen BerlagS-Anstalt in Stuttgart erscheinenden „Deutschen Revue* aus- geführt wird, naturgemäß selten geworden. In der Ostsee können Gegenwart lg die besten Fischgründe nicht befischt werden, und der sang ln der Nordsee muß infolge des Krieges gänzlich ruhen, me von den Nordseefischereien bekanntlich auch in' der Kriegszeit gezahlten gute»! Renten find auf die Berpachtuug ihrer Fahrzeuge oie. Regierung zurückzuführen Günstiger liegen die Berhält- msse für die deutsche Binnenfischerei. Hier sei nochmals betont, öa | ® le schleunige Benutzung nicht regelmäßig besetzter oder abgefischter Teiche, wie Dorf-, HauS-, Park- und Ziegelteiche, höchst wertvolle Resultate zu ergeben vermag. In vielen solchen Teichen find die eingesetzten Besatzfische, vor allem Karpfen und Schleie, im Herbst zu Speisefischen herangereift. In den Forellenbächen wurde ourch die von den Behörden rege unterstützten Bereinigungen schnellwüchsiger Besatz geschafft, der ebenfalls un Herbst genügend herangewachsen sein wird. Zur weiteren Besserung der Fischereierträge werden eine Anzahl behördlicher Verfügungen für die Winterzeit vorgeschlagen, wobei auch eine Beurlaubung der Mannschaften in den Fang- und Abfischzeiten wünschenswert erschiene. Auch könnten die Mindestmaße der Schonzeit, unbeschadet des Fortbestandes unserer Fische, für die Kriegszeit noch wesentlich herabgesetzt, manchmal sogar ganz ausgehoben werden. * Beim Film ist nichts unmöglich! Das folgende Geschlchtchen, welches beweist, daß die modernen Filmunternehmer - wenigstens in Amerika — sich durch nichts verblüffen lassen und in lhrer Entschlossenheit, die Güeratur der Flimmerleinwand zu erobern, selbst die kühnsten Erwartungen übertreffen, weiß .Paris midi* zu berichten. Vor kurzem, so erfährt das Blatt, erhielt Anatole France von einer New Yorker Filiugesellschast die telegraphische Anfrage, ob er die Erlaubms zur Verfilmung seines' Romans ^Thais geben wolle. France, der bisher noch nichts mit der Kmokunst zu tun gehabt hatte, wollte diese unerwartete Anfrage mit einem Scherz erwidern, indem er zurücktelegraphierte, daß er für die Erlaubnis 75 000 Mk. verlange, lltrt so größer war sein Erstaunen, als er die lakonische Antwort erhielt, daß sein Vorschlag angenommen und das Geschäft als abgeschlossen zu betrachten sei. Jedenfalls eme Ueberraschung, die man sich gefallen lassen kann! Magisches Aua-rat. In die Felder nebenstehenden Quadrats find die Buchstaben BEEHHNN00OOORRRR derart einzutragen, daß die wagerechten und senk, rechten Reihen gleichlautend folgendes bedeuten: 1. Ein BlechblaSinstrument. 2. Ein Holzblasinstrument. 3. Eine Pstanzengattung. 4. Römischen Kaiser. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Gleichklangrätsels in voriger Nummer: Granate. bchujtlettuaa: Aua- Goetz. - Rotationsdruck und Aerl»g der Brühlljchen UniversitätS-Buch- mld Steindruckerei, R. Lange, Gießen.