Schicksale. Roman von Heinrich Kornfeld. (Nachdruck verboten.) (Amerikanisches Copyright by Lar! Duncker 1914.) (Fortsetzung.) ©ic hatte sich währenddessen niedergelassen und auf eine stumme Handbewegpiig hin nahm auch der Bayer Platz. Und nun verhandelten sie beide Liber das Thema — so eifrig, als gäbe- es keine wichtigeren Dinge auf der Welt. Natürlich — der Doktor Darragon, dürste sich solange als Gast aus St. Chamant betrachten, als es ihm beliebte; und vor allen Dingen — als Seine Exzellenz, der Komman- dierende General, es für ersprießlich hielt. Von der intimen Szene, die sich zwischen Alphonse de Marsillargues und Marauerite Varrel an der Rasenbank abgespielt, davon erfuhr die Schloßherrin nichts. Der Rittmeister Brünnow war schon drauf und dran gewesen, ihr auch darüber Bericht zu erstatten — aber in der letzten Sekunde bekam! er die Bahne nicht auseinander. Warum eigentlich nicht, das begriff er selber nur unklar. Doch er hatte nun mal die fatale Empfindung, als käme solch ein Rapport schließlich und endlich einer Denunziation gleich. Schließlich — er konnte nicht wissen, wie die Marquise über ihren Vetter dachte und ob es da nicht Kombinationen gab, die ein derartiger Bericht für immer und allezeit zerstörte. Und wenn der Eberhard Brünnow sich auch diesen Herrn de Marsillargues ums Verrecken nicht an der Seite den schönen jungen Witwe hätte denken können; wenn schon der bloße Gedanke an eine solche Möglichkeit auf ihn wirkte wie ein brutaler Faustschlag gegen das Herz . . denunzieren tat er trotzdem nicht. Mur über dem Hin und Her, über Rede und Gegenrede war es doch fast zwölf Uhr geworden, als sich der Rittmeister endlich erhob, um sich zu verabschieden. Die Marquise reichte ihm liebenswürdig die Hand zum Abschied „Noch einmal, Herr Rittmeister — dieser Monsieur Darragon darf nach Belieben sich auf Schloß St. Chamant als Gast fühlen. Wenn ich und wenn wir alle auch die letzten Gründe seines Wunsches nicht erkennen — wer weiß, wo da die Triebfedern liegen. Und daß exi mit dieser meiner Erlaubnis keinen Mißbrauch treibt — ich bin überzeugt, dafür werden Sie und die andern Herren des Kavalierhauses schon Sorge tragen." „Gnädigste Marquise dürfen selbstverständlich ganz unbesorgt sein. Und nochinals meinen gehorsamsten Dank natürlich." Sie schüttelte leicht abwehrend den Kopf. Sie schien vollständig vergessen zu haben, daß ihre Haudüoch immer in der des bayerischen schweren Reiters ruhte. „Zu einem Dank liegt nicht die mindeste Veranlassung vor, Herr Mttmeister, da mit dem längeren Aufenthalt des Herrn Doktor Darragon ja Ihnen persönlich nicht der geringste Gefallen geschieht. „Uebrigens ein seltsames Gegenspiel — entsinnen Sie Nch no chunserer letzten Promenade im Schloßpark? Damals erbat ich von Ihnen die Aufenthaltserlaubnis für einen neuen Gast auf St. Chamant — heut tun Sie es von mir." Er lächelte. , ■ „Mademoiselle Varrel." ' 1 "Die Kleine ist mir ein lieber Hausgenosse geworden den ich nicht mehr entbehren möchte." Und der Mttmeister Brünnow darauf in geradezu phänomenalem Anflug von lebemännischer Gewandtheit: „Gnädigste Marquise — ich gehe für Sie blindlings durchs Feuer. Aber ich bin trotz alledem und alledem doch nicht selbstlos und menschenfreundlich genug, um dem Doktor Darragon ein Gleiches zu wünschen/' * ■ « Hacken, die klirrerkd zusammenschlugen — eine militärisch knapp abgezirkelte und doch respektvolle Verneigung — 1 an der Tür nochmals Hackenklappen... der Eberhard von Brünnow war gegangen. Der klirrende Klang seiner Schritte verlor sich draußen im Treppenhause, versickerte und erstickte in den dicken Läufern. Jutta hatte diesem verklingenden Ton unwillkürlich nachgelauscht. dtun wandte sie sich, den kleinen Salon wieder zU verlassen. Aber sie tat es micht. Sie trat ziellos ein paar Schritte dein Fenster näher, bis sie neben einem zierlichen Rokokoschreibtisch stand, dessen blinkende Platte übersät war mit altem Porzellan, grinsenden japanischen FiArcheu und allerlei gefälligem Tand, allerlei brie-a-braes, über die in müßiger Stunde vielleicht einmal das Auge wohlgefällig hinglttt. tem Rahmen herausprunkendes Spiegelchen in die Höhe, lächelte gedankenlos, stellte es wieder hin. Sie trat vom Schreibtisch fort wieder in das Zimmer hinein — da stand der Sessel, in dem sie vorhin ihrem Gast gegenüber gesessen. Noch einmal ließ sie sich nieder. Sie wußte nicht, roas sie in diesem Raum noch suchte, wo draußen all die tausend kleinen Pflichten der Hausfrau warteten, wo zahllose alltägliche Dinge ihrer Anordnung und Entscheidung harrten. Nichtigkeiten, die nicht des Achselzuckens »vert waren Und trotzdem Tag für Tag erledigt sein wollten. Deren Ruf hätte sie jetzt folgen müssen. Und tat es doch nicht, sondern faß in dem koketten geblWnten seidenen Sessel- chen, hielt die Hände im Schoß gefaltet, sah auf den Teppich unter ihren Füßen und ließ ihre Gedanken wandern. Wie die Wildtauben, die man in langer unnatürlicher Haft gehalten und denen jetzt eine entschlossene, vielleicht barmherzige Hand den Bersch tag öffnet. Da flattert es denn heraus und stürmt toild und regellos übereinander und durcheinander —, bis sich der Schwarm ordnet und in sausendem Zuge der Freiheit entgegenjtrebt. So war es auch mit den Gedanken, die hinter der Stirn der schönen jungen Witwe dnrcheinanderflatterten, hier einen Monient ausrnhten, dort sich wieder ausmachten, hin- und herirrten und nicht Weg noch Ziel zu wissen schienen — bis sich das Gewirr ordnete, bis der rechte Weg wie von selbst gefunden war. , Jutta dachte an ihren verstorbenen Gatten. Oft hatte sie es getan, oft würdx sie es vielleicht noch tun — und dennoch war es heut so ganz anders. Sie starrte auf das Gedächtnis des weiland Marquis Rene de St. Chamant wie auf ein liebes Bild, das man vor langen Jahren gekannt, das mar^ aus dem Gesichtskreis verloren und das man nun plötzlich Wiedersand. Vertraut ist es einem — und doch fremd. Weil in der Zwischenzeit, die Phantasie, die Kupplerin des Gehirns und des Herzens, so manchen fremden Zug, so manche seltsame Tönung, so manche neue Einzelheit hineingetragen. Und wenn nun das Auge kontrolliert und all das liebens- V- würdige Beiwerk der Phantasie zerflattert — dann ist das wie eine leise herbe Enttäuschung, wie ein fremdes Gefühl des Nichtbegreifenkönnens. So war es auch, als die junge Witwe heut ihres verstorbenen Gatten gedachte. Nie eigentlich in diesen drei Jahren ihrer Witwentrauer, wenn das Gedächtnis an den Dahingeschiedenen vor ihr aufwachte, hatte sie das Empfinden gehabt, als sei der Name Rens de St. Chamant nur noch ein Begriff, ein Phantom, das ängstlich gehätschelte Gedächtnis des Herzens. Heut plötzlich wußte sie: — er ist ja tot! Er ruht seit endlosen drei Jahren im Erbbegräbnis derer von St. Cha- niant! Und was meine Augen an ihm liebten, was meine Hände zärtlich berühren konnten — das ist nicht mehr! Das ist längst vermodert und zerfallen! Sie schauerte fröstelnd zusammen, als ihre Grübeleien sie zu solcher Erkenntnis geführt hatten. Sie wehrte sich dagegen. Sie wollte nicht hingeben, was sie all die Jahre als heimlichen Schatz tief auf dem Grunde des Herzens gehütet hatte. Es dünkte ihr Verrat am eigenen Leben, Undankbarkeit, Charakterlosigkeit. Aber da wars plötzlich, als höre sie wieder die nachlässig schleppende Stimme Alphonse de Marsillargues, der ihr vor Wochen in ihrem Boudoir gegenübergesessen und kühl gelächelt und lächelnd sie gewarnt hätte: „Jutta — klammern Sie sich nicht an Schatten, opfern Sie Ihre Jahre nicht mehr dem wesenlosen Schemen eines zerronnenen Glücks!" Damals hatte sie ihn empört in seine Schranken gewiesen, hatte ihn mit kaltem Wort seines Weges geschickt — der doch solch ein Routinier des Lebens, solch ein unbestechlicher Verstandesmensch, solch ein vielgereister Wanderer durch den blinkenden Alltag des Lebens war. Damals — ja. Jetzt aber gab sie ehrlich zu . . . dies brutale Wort von dein Schatten, von dem Schemen eines zerronnenen Glücks — Wochen lagen dazwischen, daß einer es ihr spielerisch und doch überlegen hingeworfen; aber all die Wochen war dies Wort ihr nachgeschlichen wie ein aufdringlicher räudiger Hund, den kein Drohen, kein Schlägl kein Fußtritt fortzujagen vermag. War ihr nachgeschlichen und stand auch jetzt vor ihr und sah sie stumm und unverwandt an. Fast körperlich fühlte sie es. Und hob. die Hände und legte das Gesicht hinein und schloß die Augen und grübelte mit verhetzten Sinnen: „Rene — ich Hab dich geliebt und du bist all die Jahre meiner Witwenschaft treu an meiner Seite gewesen und ich Hab immer mit dir stumme Zwiesprache halten können . . . .jetzt aber seh ich dich nicht mehr, jetzt bist du fern; und wenn ich verlangend und hilfesuchend die Handle nach dir ausstrecke, dann entziehst du dich mir. „Ren6 — weshalb? — Woher mit einmal dies qualvolle Gefühl der Einsamkeit? Ist es, weil mit dem Tode deiner Mutter das letzte Band zerriß, das mich an den Namen derer von St. Chamant fesselte? Ist es, weil in mir wieder das deutsche Blut erwachte, weil mich deutsche Laute umgeben, weil deutsche Männer sich huldigend über meine Hand beugen? Bin ich dir untreu geworden, Rene de St. Charnant — und wußte es nicht, und wollte es nicht und Hab es doch getan?" So saß sie und wußte nicht, das rechts und links neben ihr zwei finstere reckenhafte Gesellen standen: Die Vergangenheit, der sie verstört nachgrübelte — die Zukunft, vor der sie erschauernd die Augen zu schließen suchte. . . Die heilige Glocke ihres Herzens aber.läutete in dieser Stunde der Angst und Not einen Feiertag für sie ein. . . eine neue Zukunft, eine neue Jugend, ein neues Glück im alten Vaterland. . * Endlos die Nacht, die diesem Tage folgte. Qualvoll langsam reihte sich Stunde an Stunde. Und fast wollte sich die Angst ins Herz schleichen, ob diese Nacht denn je ein Ende nähme. Mit einem Aufatmen der Erlösung begrüßte die arme kleine Marguerite Varrel daher das erste fahle Frühlicht, das sich durch eiinen schmalen Spalt der Vorhänge hindurchdrängte, oben am Plafond des Zimmers fahle graue Schlagschatten warf. . . Sie hob den Kopf aus zerwühlten heißer: Kissen, stützte ihn in die Hand, sah zu, wie sich au3 dem zerflatternden Halbdämmer des jungen Tages allgemach die Konturen der Möbel schärfer und schärfer herausarbeiteten. Mit müden Augen sah sie darauf hin, müd atmete sie. Sie grübelte nicht mehr, sie hatte keine Wünsche mehr, keine Gedanken, keine Hoffnungen — vielleicht auch nicht mehr Schmerzen. Die kleine Marguerite Varrel hatte in dieser. Nacht einen bitter schweren dunklen Leidensweg znrückgelegt — jetzt stand sie am Ziel. Und dies Ziel bedeutete — das tote leere Nichts; den Zusammenbruch aller Pläne und Glücksmöglichkeiten; ben kläglichen Schiffbruch am öden Gestade menschenleerer Einsamkeit. Nun wollte sie nichts mehr vom Leben — nun lag sie müd und still und hielt den Kopf in die Hand gestützt und hörte unwillkürlich auf das matte schwere Schlagen ihres Herzens. ‘ ' ? Nicht mehr füv Alphonse de Marsillargues schlug dies Herz — nicht mehr für Frankreich — : faitjm noch für sich selbst. In der stickig dumpfen Einsamkeit des jungen Morgens sanken die Minuten, reihten sich aneinander, wurden zu Viertelstunden. itub noch immer lag Marguerite Varrel apathisch in den Kissen und starrte vor sich hin bis plötzlich ein scharses, fast schmerzhaftes Aufzucken ihren Körper zusammenriß. ^ Unten vom Ehrenhof des Schlosses her kam das rasende Knattern eines angetürbelten Motors herauf. Mit fast schneidender Schärfe.dräügte es sich hinein in die weiche verträumte Morgenfrühe. Marguerite Varrel hätte den Kops in die Kissen vergraben und sich die Ohren zuhalt^n mögen — und stand doch auf und warf den Schlafrock über und trat zum Fenster. Und gerade, als sie die Vorhänge ein geringes beiseite schob, schoß unten aus dem Portal des Schloßhofes ein langer schmalgebauter Kraftwagen heraus, gewann in win- dendre Fahrt die Chaussee, brauste davon. Vorn am Steuer der Chauffeur — rückwärts im Fond des Wagens Alphonse de Marsillargues. Marguerite Varrel hatte ihn erkannt, trotz der gelben Lederkappe; trotz der Autobrille; trotz des weiten gelben Staubmantels. Alphonse de Marsillargues hatte, ohne sich zu verabschieden, vor Tau und Tag St. Chamant verlassen. Allein. Denn sein Freund, der Doktor Darragon, hatte nicht neben ihm gesessen, als der Wagen die Pariser Chaussee^ gewann. Marguerite Varrel stand reglos und starrte noch immer auf die Chaussee, als der 60pferdige Brasier schou längst in den golddurchglitzerten Nebeln der aufsteigenden Morgeu- sonne verschwunden war. Alphonse de Marsillargues hatte Schloß St. Chamant verlassen — Alphonse de Marsillargues hatte seine kleine Marguerite Varrel verlassen, die doch einstmals seine Frau werden sollte. Hatte beides verlassen — heimlich, herrisch, ohne Abschied. Niemals würde er wiederkommen. (Fortsetzung folgt.) Der Totenkopf. Von MilhelmStolzenburg. (Nachdruck verboten.) # I, Iw Wfteigequartier Miefen auAWießlich nur Beschäftigungslose ünd Abenteurer. Hin und,wieder brachten die vqn Maska c:n- laufenden Dampfer reich gewordene Goldgräber, die ichoch, nach-- denr sie sich einigermaßen von ihrer Verwilderung erholt hatten, verschwanden. Ich liebte meine Unterkunft: O, diese Fernsicht <üi\ den Hasen von Banoouver, auf die westwärts über den Hafen wachenden kolossalischen Löwenberge! Die frilchen Vorrmttage am Pazifik verbrachte ich TM Atzschauen der wilden weltlichen Natur. Nachmittags schleuderte ich in den silbergran leuchtenden Straßen der Stadt herum, oft ohne einen Cent in der Hand, nicht sorgenlos- !und immer sehr hungrig. An diese Tage zurückdenkend, guält mach noch heute die Angst, die Beklemmung, die sich Einem! taumelnden! Mewußsein beim .Anzünden der letzten Zigarette vor dem Bankerott witteilte. „ _ Ä Wenn ich abends von meinen, den hellenden Hunger beschuncht:- aenden Gängen nach der Unterkunft zurückkam, fand ich werft dre Tür verstellt: der Manager, der sie besetzt hielt, lud nnt ernet demütigen Handbewegung zur Andacht ein. An dieser Halrdbe- iregung scheiterte jeder Neuling, sie wies, so unbeholfen sie war, ohne Umstände in einen schmutzigen Saal, der irgendwo rn der Richtung der erbarmungswürdigen Geste gelegen war. Eines wüden Abends fand ich zwei Stuhl reiben vor dem mit bunten Papierschnitzeln behängten Podium-Platz. Ernrge Frauen und Männer waren eben dabei, die gelben Zupfinstrumente zu einer ungenauer: Harmonie zu stimmen, als ein Mann crntrat, der meine Aufmerksamkeit im höchsten Maße in Anspruch nahm. Ich muß für Augenblicke abschwersen . . ., _ Nein, ich war noch nicht genötigt gewesen, dre L)chlafgelegenl)ert mit etwa achtzig Durchunddurchgerüttelten zu teilen . . Ich war es nicht gewohnt, mein Eigentum nachts unter dem Kopfkrlsen verbergen zu mülssen, nur um die Wenigen Habselrgleiten morgens vollzählig wiederzufinden. Ich war es nicht gewohnt, die träume und Phantasien elerrder Manschen auf rnich zu nehmen, nur um «sie andern Tags mät d>er unbarmherzigen Last der eigenen zu büßen ... ' . Ter Wann erregte meine Aufmerksamkeit im höchsten Maße. Er hatte von den G-enöffsn dein BeinaEn „der Totenkops" bekommen, Weil er nachts nnt einen: Totenkops jonglierte, und zwar so stark, daß alle im Schllaffaal Befindlichen deutlich das klatschende Aufschlagen des in den verschwitzten Händen des Jongleurs tanzenden Kopfes vernehmen müßten, nicht eingerechnet Poltern und Springen des lnn und wieder auf der: Boden faltenden Kopfes. Ein unansehnlicher häßlicher Mann von etwa vierzig Lebensjahren kam oder glitt in das Lokal. Woher erkläre ich mir die Gewißheit bei dern Eirrtteten dieses LRiannes, daß er der Totenkopf sei?! Ich will ictzt, wo die Erzählung dringlich wird, den: Rätsel nicht mehr nach spüren: aber ich verwerfe den Einwand,'daß der Mann mir die Gewißheit Auge in Auge suggeriert hat . . . Dein ist nicht so! Meine Besorgnisi, daß der Mann sich auf den im Augenblick freien Sttrhl an meiner Seite niederlassen würde, erfüllte sich nicht. Der Totenkops nahrn an der Längswand des Saales Platz, und zwar so, daß er nicht rmbedingt genöttgt war, die Vorgänge auf dem Podium zu beobachte::. Ob es ein Zufall war, daß er gerade unter däs au der Wand befindliche Kruzifix zu sitzen kam, wage ich nicht zu entscheiden, meine Vermutung spricht sich gegen einen Zufall aus. Wie dem auch sei: mich beunruhigte plötzlich die Tatsache, daß der Mann es mit einen: Male darauf abzusehen schien, sich nur mit wir zu beschäftige::; er ließ kein Auge von mir. Erst der Beginn der Gebetstunde lenkte ihn für Momente von mir ab. Ter dumme Kerl auf dem Podium, der tagsüber die Allüren eines Aufsehers, jetzt aber die eines Richters über uns einnahnr, sprach vom Adel der Arbeit; dieser Mann, der schlecht, ein Faulenzer pud ein Lump war. Den Aussatz kannte ich! schon: er lernt die Traktätchen spitzbübiger Sekten bis auf den Schlußpunkt aus dem Kopfe fertig hersagen, — hjenug davon . . . Lus der Kerl plärrte: „Gezeichnet ist jeder, der Gold des Goldes wegen nimmt, — gezeichnet wie ein Dotenköpf!" — geschah dieses: Der Unter dem Kruzifix Sitzercke war aufgesprungen und sagte oder schrie: „Halt, Bi'll, der Totenkopf bin ich. Sag schon was Stärkeres oder schweige. Tu langweilst (mit einen: breiten Grinsen und einer grandiosen Geste zu uns) diese Gentlemen. Well, du weißt, wie Gold des Goldes wegen genommen wird: Lände ft sonst nicht hier und lögst uns den Hals voll. Mach, daß du fort «mMst, Betrüger!"... NichitS ist den frommen Lumpen peinlicher, als die Störung ihrer salbadernden Gebetübungen. Zur Wiederherstellung des ver- lovengegangenen Gleichgewichts stimmte das erschreckte Quintett im Augenblick ein HeilsarMeegewäsch an. Ein Teil der Versammlung sang gedankenlos mit. Als die „Erbauung" auf diese Weise glücklich zU Ende geführt war «Pack weiß sich zu helfen), trat im Aufftteg zum Schlafsaal der Totenkopf an nrich heran. „Soviel werden Sie dock" Visionen von Dukon, Mount No Kinley, von Goldgräberzügen. .. Gegen Llbend fuhren wir. Als das Schiff den Stanley Park hinter sich ließ, wollte ich in einer Anwandlung von Dankbarkeit ^der Stadt zum letzten Male... Ter unsenttmentale Küchenchef verhiirderte es. „Kabine 13 wird von einem Vkanne bewohnt, welcher die Reise nach, Maska zUm soundsovielten Male macht," belehrte mich der Boß. „Dieser Mensch reift, Wenn er mit der Kultur unzufrieden ist, in die Wildnis zurück: lange scheint er es draußen allerdings nicht auszuhalten. Diesen Mann ivirst D u bedienen! Wenn es Dir gelingt, ihn zufrieden zu stellen, bist Du all right; mehr sage ich nicht." t Ter Bewohner von Nummer 13 war der Toten köpf. Ohne von ihm (wie mir schien) beachtet zu werden, verrichtete ich meine:: Dienst. Mit dem Näherkommen des Zieles jedoch wurde er mürrisch, wenn auch nicht unverträglich. Auch bemerkte ich jetzt, daß ihn eine heftige Unruhe befiel, wenn er allein war; er lief dann wild und aufgeregt auf Teck herum, um plötzlich in der Kabine zu verschwenden. Dort hörte ich ihn einmal laut und schmerzlich stöhnen. . Den Tag vor unserer Ankunst in P. R. hatte ich ben Eindruck, daß er mich zu sprechen wünsche; ich sah, daß er mich beobachtet, mich scharf ansah, wie mau den ergründen :nöchte, dem man ein Geheimnis nuv er trauen will. Am lAbend geschah folgendes: Der Totenkopf, der seit geraumer Zeit alle meine Bavegungen aufmerksan: verfolgt hatte, stellte mich endlich mit der: Worten: „Hören Sie! . . . Wenn Sie frei sind, erwarte ich Sie in meinen: Salon. Ick habe mit Ihnen zu sprechen . . . Eilen Sie!" Nach Ablauf einer Sttrnde klopfte ich bei ihm an. „Keine Umstände!" rief er, „Treten Sie ein! . ." Nachden: er mir mit vollendeter Höflichkeit einen Sessel zuge- schoben und mich gebeten hatte, seinen: Whisky znzufprechew, schloß er vors ich ttg die angelehnt gebliebene Kabinentür. „Mein Name ist Joe Brighton", sagte er, „ich ziehe ihn dem anderen, de:: Sie kennen, vor. Hören Sie:" „Ich reise zun: fünften Male nach Alaska. Ich weiß nicht, welche Zwischenfälle meine Reise ins Innere des grauenvollen; Landes am oder auch schon vor den: Ziele aufheben oder in Frage stellen werden. (Sie kennen Alaska nicht!), — ob ich auf der trail, ans einem Gletscher, auf einen: wirlpool oder aus dem Golde meinen Hals breche: da ich für nichts stehe lind den Ausgang nicht kenne, will ich vor dieser vielleicht letzten Fahrt endlich die Gewißheit haben, ob ich schuldig bin Unterbrechen Sie mich nickst! Höre:: Sie mich ruhig an! Vielleicht ist die Geschichte die selbstverständlichste von der Welt, vielleicht nicht . . . Machen Sie cs sich bequem . . „Lieben Sie tzin liegen, well, so legen Sie sich ineder. Ich Werde mich jedenfalls niederlegen. So!" Damit ließ er sich inmitten der Kabine auf den Booen nieder. „Sie sind lange genug im Lande, um die Geschichte jener gräßlichen Goldgräberkatastrophe von White Horse zu kennen. Well, ich gehörte zu den Unglücklichen, die mit erfröre:«:: Händen den vereisten Patz ersteigen wollten: das Gepäck aber warf einen nach dem anjdern zu Tal. Zerschmetterte Körper versuchte:: immer wieder den Aufstieg. Kämpfe Mann »vider Mann, Kämpfe des Wahnsinns Und Deliriums räumten furchtbar unter uns aus. Well, es war ein Kämpf ums Leben! „Hören Sie weiter!" „Als ich als Erster den Paß erstiegen liatte, als ick als Erster in Sicherheit :var, schrie einer der Gefährten, war's Wahnsinn, Haß oder Vergeltung: „Star—te als Tote::köpf!" Gleich daraus stürzte der Schreier ab: aber ein entsetzliches Geheul von hundert Stimmen: „Star—te als Totenkopf!" verfolgte mich noch jenseits des Passes .... Niemand in der Zivilisation kennt rnich, niemand bat auch nur eine Ahnung, wer ick bin: aber :vo ich gelse und )vo ick iMr, tuscheln Sichtbare und Unsichtbare das Schrecken slvort: ..Der Totcnkopf!" _ 404 Beantworten Sie mir eine Frage: Besteht t>ie Möglichkeit, iwB von feiten getrennt von uns lebender Meirschen eine geistige Verfolgung wider uns satanisch eingeleitet und betrieben werden kann, an der mir notwendig zugrunde gehen müssen?" Er sah mich starr, dann seltsam lauernd an. Ich antwortete, daß ich Beeinflussung fremder Kräfte aller- dings des öfteren verspürt, daß ich diese, da ich sie auf Autosuggestion Zurückführe, jedoch beharrlich durch verstärkte Indolenz unschädlich gemacht hätte. „Diese satanischen Verfolgungen gibt es", sagte er. -.Hören Sie weiter." Nach entsetzlichen Strapazen stieß ich auf Gold. Ich erspare ^zhnen dre Aufzahlung der technischen Details der Goldgewinnung, die interessiern Sie doch nicht. Jedes Nouget, das ich fand, hatte die Form und den Ausdruck eines Totentopfes ... In jedem Sieb, das ich schüttelte, rollten Köpfe . . . Trinten Sie, brennen Sie sich eine Zigarette an! Wenn ich meinen Spaten in den Sand stieß, schnellte er zurück; er war auf Widerstand gestoßen . . . Köpfe! . . ? Meine Lagerstatt rollte nachts von rechts nach links, von links nach rechts — wie auf Kugellagern. Wenn ich mÄH erhob- fiel ich ... . Mich schau—telten Köpfe . . . Trinken Sie, trinken Sie doch .... Tie Funken von den knisternden Holzscheiten wirbelten als Köpfe. Entsetzt war ich augesprungen.-- r „. "Erster Brighton", sagte ich, -.wenn Menschen leben, die in bösem Sinne über uns Macht gewinnen, dann wird auch ein gerechter Wille gesorgt haben, daß Menschen sind, die mit der lautern und edeln die böse Macht der andern treffen und entwaffnen " In diesem Augenblick wurden draußen Stimmen laut. „Man sucht Sie," sagte der Totenkopf, „gehen Sie, unser Ge- sprach rst ohnehin zu Ende. Wohl hebt „Gut" „Böse" auf, aber ich jelbst muß das Gute wollen. Ich tat das Böse, als ich über dett Schrei der Stürzenden znm Golde ging. Der Fluch ist nicht in den Wind gesprochen, denn einer starb, um die Vollstreckung leben Zu können. Was wissen Sie, der Sie gewohnt sind, in Städten zu leben, von der Ehrlichkeit vegetativen Hasses . . . Gehen Sie jetzt, man ruft zum zweiten Male . . dvol 9toom von R. P. mußte andern Tages gegen sieben Uhr abends ^schlossen werden. Ein neu zugereister Goldgräber hatte mtt grpsenen Billardbällen eine Gruppe Pioolspieler bombardiert: diese hatten in der Notwehr zum Browning gegriffen. Wer der Tote war, erfuhren ioenige. Ohne sonderliche Zrvischenfälle ist er begraben worden. vermischtes. eLSi? C * ^ w- m ^,1 udenburgs Di ü tz e. Eine eigentümliche Streitfrage, die unlängst bie Gemüter junger schwedischer Rekruten m Helsingborg erhitzte, hat, wenn man dem Aftonblad Glauben schenken darf, durch ein vom Generalstabschef Ludendorff unterzeichnetes Telegramm in liebenswürdigster Form ihre Lösung V* ^ ie !“ n 9 en Soldaten entdeckten nämlich bei der Durch- sicht llli.strlerter Zeitschriften in einem Gasthmis eine Photographie, die Generalfeldmarschall Hmdenburg mit seinem Generalstabsches ? ^^-^E^kische darstellte. So weit ivar alles klar, aber nun befand sich auf dem Arbeitstisch »wischen den beiden Heerführern eine Mutze, die alsbald zuni Gegenstand erregtester Diskussionen wurde Die Frage, ob die Muhe Hmdenburg oder Ludendorff gehörte. Sa Ut J?«L™! ln ]!i et wachsender Leidenschaftlichkeit erörtert, und der ^rtstrert zwischen deii beiden feindlichen Parteien drohte in Tät- Da besänftigte der Vorschlag einer direkten, fef)r höflichen Anfrage bet Hmdenburg mit einem Schlage die aus geregten Gemüter. Nach einer Woche bereits traf die folge,ibe graphische Antwort Ludendorffs ein: .Die Mütze gehört natür- Fmh^ n n C h bUr0 '* ^ "E Frau sagt, daß ich keinen so großen Kopf habe. UebrigenS besten Dank für die Aufmerksamkeit. Trinkt aus Friedensschlust"" * l °* Sd & aumn,cin * Die Liquidation folgt nach ?^^E>rgliche französische Tabakregie. Dab die von der französischen Regierung als Monopol hergestellten Dabak und Streichhölzer, mancherlei zu wünschen übrig lassen, war schon nn Frieden eine allgemein be- kaume Tatsache. Neu aber ist es, daß die französische Tabakregi^ V, entschlosseir hat, die Soldaten mit ebenso sinnreicher ^lwsorge zti erfreuen. In den von der Tabakregie hergenellten Tabakpaketen fand man nämlich in letzter Keil ver- v?rrostete nn? gerade zum Tabak gehörige Gegenstände, wie alte, ^rrosiele und verbogene Haarnadeln. Das Blatt L'Oeuvre, dem ^.Dabakpaket mit solch überraschendem Inhalt von der Front zu- Sffit bie Entrüstung Über eine derartige Un- Öm dlahe fei. .Deun nach reiflicher Ueberlegtutg L^. wantm die französische Tabakregie Nadeln in ihre Pakete .eckt, sicherlich einzig und allein dantit zu beantworten, daß hier eme gemütvolle Vorsorge zum Ausdruck kommt. Gegner der megterung behaupten mit Unrecht, daß dies nur der Gewohnheit der Tabakregie entspricht, ihre Pakete mit allem zu füllen, nur mcbt mit Tabak. Wir aber glauben als gute Patrioten, daß diese k De ? P cr ' tcn8 in dem Empfänger süße Erinnerungen erwecken und daß sie zweitens als praktischer Pfeifenreiniger dienen fouen i . . . ».d Der beste Zeitungstitel für die Fahrt der »Deutschland . Bekanntlich wird der Kunst, sensationelle Ereignisse mit einer möglichst sensationellen ZeitungSüberfchrift zu versehen, am meisten von den amerikanischen Blättern gehuldigt, die bet solchen Gelegenheiten wahre Wettkämpfe veranstalten, um sich gegenseitig zu überbieten. Als nun die ganze Welt durch die Ankunft des HandelS-D-Bootes „Deutschland" in Baltimore überrascht wurde, war die besagte Titelfrage erklärlicherweise von be- sonderer Wichtigkeit. Nach Ansicht der Amerikaner schoß in diesem ?^L'^w York World den Vogel ab. indem sie über die erste Nachricht in Riesenbuchstaben die fünf Worte setzte: »Hut ab vor Jules Verne!" Die „Daily News- aber, die dies berichten, wollen auch nicht zurückstehen und erklären darum, sich einen noch AEvenund treffenderen Titel atisgedacht zu haben, nämlich die drei Worte: »Deutschland unter alles". Wobei das sinnige Londoner xlE sicherlich nur sagen will, daß die .Deutschland" als erstes Handelsschiff unter Wasser gefahren fei. Eine Tatsache, der wir nicht zu widersprechen brauchen! vüchertisch. ^"palsant: Der Horla, DaS Loch. Die Taufe, Onkel Julius, Miß Harnet. Denis. Das ist der Inhalt von Nr. 33 der »Brel tlitera tur", die die besten Novellen und Romane aller Fär der graben 2*4 Verlag der »Weltliteratur", München 3, . ^ Ela s zum Kriegsschauplatz 1914/16", Bibliographische Institut in Leipzig unter besonderer Be- rUMchtigung der gegenwärtigen Kriegslage aus 21 Hatlpt- nnb arten . LUS »Meyers KotiversationS-Lexikon" zusammen- Esibllt hat, ist jetzt in 15. Auflage erschienen. Die Karten sind reich- alttg, ubersichtlick gezeichnet, .mit Gebirgsdarstellung versehen, klar n r.« Farbengebung und zuverlässig. Der Atlas enthält eine Ueberstchtskarte von Europa und Karten der russischen Ostseeprovinzen, von Westrußland itnd Galizien, Ostgalizieit und seinen Grenzgebieten, von Mittelrrtßland und dem Schwarzen Meer, er zeigt die Balkanstaaten, Elsaß-Lothringen, Nordostfrankreich unb Belgien, den französisch-belgischen Kriegsschauplatz, deren -Haupt- kampsgebiete tu klaren und in großen Maßstäben gehaltenen Sonder- karten von Verdun und vom Oberelsaß, ferner von Westflanderii und der Champagne, vom Argonner Wald und von der Woevre vor Augen geführt werden. Es folgen Karten der Nordsee und Großbritannlens, der italienisch-österreichischen Grenzgebiete, des Sudtiroler Grenzgebietes, der Länder des Mittelmeeres, von Vorder-/ asten, vom Nil-Delta, vom Suezkanal und eine Weltkarte mit den Kolonien. - Bonge illustrierte K ri e q s a e s ck i ck t e DerKrie^ 1914/16 in Wort und Bild". 87.-89. Heft. (Preis je 30 Pfennigs Deutsches Verlagshatis Bong & Eo., Berlin W. 57, Potsdamer Straße 88. hem nt ische Spiele. Bon Dr. W. Ahrens. .Aus Natur tmd Geisteswelt , Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen. Band 170. (V und 114 S.) 8. Gcheftet Berlin ISI6° 8 ®' 1CUbtlCC ' Ceip} ‘ 8 H" k « .krli-^^Eegsteuerg es etz v o m 21. Juni 1916 und mw&J* • U C S: 8 .f v 0 m J- Juli 1913. Erläutert von Pro- feffor Dr. jur. Fritz Stter-Somlo. Im Anhang: Gesetz über vorbereitende Maßnahmen zur Besteuerung der Kriegsgewinne vom 4. Dezember 1915 nebst den AusführungSbestimmungen des Bundesrats vom 27. Januar 1916 und Preußens vom 11. Februar 1916 gebundenes Mir? ^ ® erlin w 9 ' Linkstraße 16. Preis Logogriph. Wassergespenst ohne Herz, du lebtest mit ,e" in den Sagen, Aufkläning nennt dich noch heut' ebenso, aber mit „g". Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Kreuzrätsels in voriger N umm er! R 8 0 beb a h e Rhab arbar