t Schicksale. Roman von Heinrich Kornseld (Nachdruck verboten.) Amerikanisches Copyright by Carl Duncker 1914 ) (Fortsetzung.) Und itint hielt unten im Schloßhof ein deutscher Reiteroffizier mit seinen Leuten und begehrte Einlaß bet der Herrin des Schlosses St. Charnant. Wie ein Gespenst aus der Nacht war er ausgetaucht; wie ein Phantom; lvie menschg-ewordene Drohung künftiger gewaltiger Ereignisse. . Ein deutscher Reiteroffizier hielt mit seinen Leuten int 'Schloßhof von St. Charnant? Jetzt auf einmal wußte die schöne junge Frau sich das brausende Dröhnen jenseits der Marne zu deuten. Jetzt aus einmal aber fühlte sie auch, wie tief auf dem Grunde der Seele Gedanken und Einpstndungen zum Licht rangen, die Unter der Liebe des Gatten, unter der Trauer um den dahnn egangenen Rene drei lange Jahre verschüttet geschlafen hatten. Deutsche Truppen standen an der Marne — deutsche Schützengräben klüfteteu in wirrem Zickzack das Land ^ deutsche Offiziere hoben im blikendeu Sonnenlicht, unterm tuilchig blauphosphoreszierenden Schimmer des Mondes den Pallasch zum Sturm — deutsche Flügelhörner gellten schneidend zur Attacke! ^ Sie aber war eine Deutsche sie, Jutta, Margutse de St. Chantant! _ , , ^ Und klingend tönte ihre Stimme durch den .Raum, als sie sich erhob und dem Diener befahl: 1 „Ich werde den deutschen Offizier im kleinen Salon sprechen Laß ihn dort eintreteu" * der kosigen üppigen Pracht des kleinen Salons bildete der Rittmeister Bruuuow von den 4. schweren bapert- scheu Reitern einen grellen Kontrast. Schmutzüberkrustet die langen Stiefel, verstaubt die Uniform, im jungen, seit Tagen nicht mehr rasterteil Gesicht tiefliegende Augen und leise scharfe Lullen, die eigentlich gar nicht zu den jugendlich frischen Fügen paßten und von Tagen, von Wochen'angespanntester Aufmerksamkett, ^elbst- mtfopfernng, Selbstverlengnnng nur zu deutlich erzählten. llnd doch gattz anders diese in den Husden schlanke -veckenhaste aufgestraffte Gestalt des jungen Reiterosftzters so ganz anders, als das, was die junge Marquise seit fünf Jahren an Osfizierserscheinuttgen in ihrem neuen Baderlande gewöhnt war. So daß sie — obwohl dieser jnnge Mensch ihr noch me int Leben begegnet und vollkomnten gleichgültig war — unwillkürlich eine Sektutde zwischen den Portieren stehen blieb «mrd ihit mit einem langen Blick untfaßte. Heimat — deutsche Heimat! . Der da drüben kam aus dem Lande, wo sie einft urn? Jugend verlebt — kam aus dem Lande, zu dem sich von hier aus keine Fäden mehr hinüberzogen, das ihr nichts mehr zu bieten hatte, seit ihr vor drei Fahren der Bater gestorben, seit sie eine Waise geworden. Wehte von diesem jungen Hünen da drüben ntcht etwas zu ihr her, das sie nicht verstand — eine Mahnung, ettte Forderung, ein frohes Verheißen? Doch schon war ihr, als sie die Portieren hinter Uch zusammenfallen ließ, der juttge -Offizier rasch einige Schritts näheraetreten, nahm die Hacken zusammen und verbeugte sich respektvoll. . . „Gestatten, Frau Marquise — Brünttow. llttd tch bitte gnädigste Marquise gehorsantst um Verzeihung, loenn ich alß ein Uitbemfeiter und iln erwünschter in den Frieden dieses Hauses eindringe." Er sagte das in entern schülerhaften, wenn auch fehler- freien Französisch und besaß Selbstbeherrschung genug, titcht mit der leisesten Bewegung seine Ueberraschung zu verraten, als die Dame des .Hauses attf einen Sessel wies und ihtn tu seiner Muttersprache antwortete: „Meitt Herr — ich weiß die Person von ihrem Aust trage ztt trennen. Seiett Sie mit* willkommen aus Schloß St. Chantant ttnb scheuen Sie sich nicht, mir Ihren Atistrag zu n,ennen Denn um einen solchen handelt es sich doch vermutlich." „ . . Der Rittmeister Brüuuow hatte stumm getvartet, bis die junge Frau Platz aenontuten; dann ließ er sich gletchi- salls nieder. Ihr gegenüber. Er halte den Helm neben fernen Sessel auf den Teppich gestellt und hielt Den Säbel zwischen den Knien. Er saß ein wenig vorgebeuat; das helle Licht des Kronleuchters ließ die Konturen seines Gesichtes scharf hervorspringen. f , .... . Die angeborene und anerzogene gesellsck-aftltche sicher l)eit des deutschen Offiziers ließ ihit tticht eine Sekunde zögert!, als er gedämpft versetzte : „Gnädigste Marquise versprachen, die Person von ihrem Aufträge zu trennen. Und trotzdem fürchte ich, nur Ihren Unwillen zuzuziehen, meint ich diesem Aufträge jetzt Worte verleihe." ' _ .. , , v . „SclMten Sie sich nicht, mein Herr Ich wetg,daß dre deutschert Truppen bereits-bis in die Nähe dieses Schlosses vorgedruugeu sind und vermute, Ihr Auftrag steht damit tu .Verbind trug." Da erklärte der Rittmeister gerade heraus: „Frau Marquise — ich habe den Auftrag, mit Ihnen darüber Rücksprache zu nehmen, wieviel Offizieren nebst der nötigen Begleitmannschaft Schloß St. Charnant Unterkunft gewähren würde." ... - . ~ ^ „Bezieht sich dieser Aufenthalt nur auf lveutge Tage oder'aus längere Zeit, mein Herr?" Ein leises Lächeln überflog das männlich schone tzrestchC des Offiziers. 342 „Darüber, gnädigste Marquise, dürste letzteilendes das Schicksal entscheiden. Oder auch vielleicht der Kriegsgott oder meinetwegen der Zufall... wie gesagt — ulte möglichen und unmöglichen Elemente, nur nicht inenschliche Berechn nun st." Die schjönc junge Frau hatte sich tief in ihren Sessel Zurück gelehnt. Sie achtete kann: ans die respektvollen und doch sveimütigen Erklärungen ihres Gastes — in ihr war eine seltsame Empfindung, Was ihr da aus seinen Worten und aus dem Klang! seiner Stimme entgegentvehte... das war wie eine Ahnung von endlosen Feldbreiten, üher denen sich türkisblauer Herbsthimmel wölbte. Das war lute ein Hauch von Frische und männlicher Entschlossenheit und unbekümmertem Draufgängertum und Heldentaten, um die nicht viel Wesens ge? macht wurde. Das war wie ein Begriff voll Kraft und Mut und Mer Energie — das war der verkörperte Begriff des Deutschtums. Versunkene Jugendjahre, die unter seinen Worten auf- w achten. Ei'.r zielloses Trämnen siel sie an. Und sie merkte es kaum, und schreckte doch unvermittelt zusammen und sagte ohne tteberlegen, ohne mt beit Pariser Bett er und die alte Frau da oben ans dem Krankenbett zu denken: „Schloß Dt. Ehamant hat sechsunddreißig Zimmer, voll denen ich Ihnen zwanzig für die Offiziere zur Ber- fi'lgnng stelle. Das Doppelte an Mannschaften könnte in den Wirtschaftsgebäuden, u n t e r g e dr a cht werden." Der Rittmeister Brünnow hatte aufmerksam zu gehört, schwieg eine Sekunde, als »volle er sich das Gehörte überschlagen und berechnen. Dann verbeugte er sich dankend voil feinem Sessel aus. „DaS genügt selbstverständlich. Darf ich fragen, ob unsere Einquartierung bereits morgen nachmittag erfolgen könnte?" „Die deutschen Offiziere werden mir jederzeit willkommen sein, mein Herr." Da erhob sich der späte Gast. Fast gleichzeitig mit der Dame des Hauses. „Gestatten gnädigste Marquise mir, meinen gehorsamsten Dank für solch hochherzige Gastfreundschaft aus- znsprechen." .,Es liegt keine Veranlassung dazu vor, mein Herr. Aber Sie werden von dem Ritt sicher!erniüdct sein und noch nicht zur Nacht gegessen haben. Wenn ich Sie daher bitten darf. . . „Gehorsamsten Dank: aber die Zeit drängt. Gnädigste Marquise wollen mir daher gärigst gestatten, mich sofort zn verabschieden." Da neigte sic nur leise den Kopf. „Werde ich das Vergnügen haben, mein Herr, Sie von morgen ab gleichfalls zu meinen Gästen zu zählen?" Der Rittmeister Brünnow verneigte sich schweigend. „Also dann werden Sie mir willkommen fein: und ans Wiedersehen, mein Herr." „Nochmals gehorsamsten Tank, gnädigste Marquise." Die Schloßherrin druckte aus den Knopf einer elektrischen Klingel. Ein Diener trat ein. „Frederic - geleite den Herrn wieder hinaus." . . letztes klirrendes Zusammenschlagen der Hacken — die Tur schloß sich hinter dem deutschen Offizier. Die rinn ge Frau war im Zimmer stehen geblieben und anscche reglos, bis sich unten im steingepstasterten Schtoß- ho, P/.".'de ge trappet erhob anschwoll schbvächer wurde — erstarb. Da wandte sie sich ab und stieg wieder die breite Frei- trepne zur ersten Etage hinauf und betrat den Speisesaal, wo Herr de Marsiltargnes noch immer am Tisch saß und seine Zigarette rauchte. „Vetter Alphonse wir werden voii morgen nach- nn'uig ab ans Schloß >Lt. Ehamant große Einquartierung haben." ^ Er erhob sich hastig. In seinen dunklen Augen flackerte es flüchtig auf. *on französischen Offizieren, teuerste Cousine?" rt'ei'., von deutschen Offizieren!" «r wich einen Schritt zurück. Um seinen schmallippigen 5.'. nnd^lief eme feine scharfe Falte. „Jutta — Sie treiben einen Scherz mit mir." „>->ch sage die volle Wahrheit, Vetter Alphiorrset Und * ibw: '" meinen Sie wirklich, ich hätte bis heut nicht gewußt oder zumindest geahnt, daß drüben an der Marne, reine hundert Kilometer von hier, bereits deutsche Truppen stehen?" Mphonfe de Marsillargues sah seine schöne Cousine stumm und tauge an. Etwas'Lauerndes war in diesem Blick „Eine Deutsche unter deutschen Offizieren!"... murmelte er zlvischen den Zähnen. Aber sie verstand es doch; sie versetzte klar und scharf: „Vetter Alphonse, vergessen Sie nicht — ich bin die Witwe des französischen Marquis Rene de St. Ehamant! Alphonse de Marsillargues saß am Schreibtisch des Arbeitszimmers', das man ihm neben seinem Schlasgemach im zweiten Stock des Schlosses St. Ehamant eingeränmt hatte. Die Fenster, die nach dem Park hinausgingen, waren weit geöffnet. Minutenlang saß er, den Kopf in die Hand gestützt, und starrte in die dichte Wipfelkrone einer uralten riesigen Kastanie, die ihre Zweige bis dicht an das Fenster heraw- schob; saß da und starrte gedankenverloren in-das dämm- rige Grün und lauschte einer Amsel, die irgendlvo in den Büschen sang. Ganz reglos das scharfe Gesicht. Nur manchmal glitt ein scharfes leises Zucken um die Augenlider — der ein-< zige Beweis, daß sein Gehirn rastlos arbeitete. Endlich schien er zu einem Entschluß gekommen zu sein. Er legte sich den Briefbogen bereit, griff nach der Feder und schrieb: Lieber Doktor, ich danke Ihnen für Ihre Zeilen, die ich mit der heutigen Frühpost erhielt. Ich ersehe aus ihnen, daß unsere Leute in Paris die verzweifeltste Gehirncqnilibriftik treiben, weil ihnen das Wasser nachgerade schon'bis ans Kinn reicht. Lieber Doktor, diese Klagen Jeremias aus den Trümmern Jerusalems hätten Sie sich füglich ersparen können. Ich vermute auch ohnedies, daß ich 511 den einigermaßen intelligenten Zeitgenossen gehöre. Worauf es ankommt, ist einfach - einen Gegenschachzug zu ersinnen, um der verdammten Baisseipekntaiion das Wasser gründlich ab- zugraben. Wie die Dinge im Frankreich dieser Stunde stehen, sintksie allerdings niederschmetternd trostlos; das ist so der richtige Boden, auf dem die Baissespekulation goldene Berge zusanlmcnscharrt. Sie schreiben mir, unsere Regierung habe ihren Sitz nach Bordeaux verlegt. Wer hat diesen Wahnsinn ausgeheckt? Gab es im großen Paris, gab es im großen Frankreich denn nicht outen einzigen entschlossenen Mann, der diesen Feiglingen von Ministern rechtzeitig in den Arm fiel? Die französische Regierung in Bordeaux dos schon allem wäre ein hatbvcwlorener Feldzug. Dieser Entschluß ist etne grenzenlose Selbsterniedrigung vor der ganzen Kulturwelt! Dieser Entschluß muß notwendig unsere Verbündeten an der Themse und Newa noch stutziger und pe'simisttscher machen! Sie wissen, lieber Doktor — ich Persönlich habe noch stets und zu jeder Zeit gegen die Poinearesche Manier, sich mit Unterstützung des Credit Lyonnais und der Banqne de' France Bundesgenossen zu werben, respektive sie bei guter Stimmung zn halten, -inobtl gemacht. In der Boulevarovresse wie auch in ra^ dikal nationalen und privaten Zirkeln. Genützt hat es keinen Pfifferling. Dieser Poincars ist der Ruin des französischen Nationalbewußtseins! Und leiht jetzt seine Hand dazu, daß diese Feiglinge von Ministern das Spiel schon nach den ersten paar Zügen verloren geben und sich nach Bordeaux flüchten! Wahnsinn, Doktor — ein hirnloses stupides erbärmliches gemeines Verbrechen an Volk und Vaterland! Die Baissespekulation natürlich jubelt und unser nationaler Kredit verliert jetzt auch noch seinen letzten Rückhalt. Lieber Doktor - ich sagte Ihnen ja vor acht Tagen, daß ich meine Tante und. meine Cousine in St. Ehamant be,uchen wollte. Sie schüttelten darüber den Kopf: denn uach Ihrer Ansicht ga.b es natürlich wichtigere Fragen und Probleme, als zwei mehr oder weniger nebensächt- ltchen Damen die Hand zn küssen und vor ihnen den Kavalier zu spielen. Recht haben Sie. Und so ivill ich Ihnen denn verraten, daß dieser Reise eine tiefere Veranlassung zugrunde liegt. Und daß nicht nur ich, sondern Nut alle, die wir am gleichen Strang ziehen, ein geweik- 343 ttgeS Stüch.vorwärts kommen werden, wenn mein Plan glückt. ^ Ich sage es ohne falsche Bescheidenheit, lieber Freund- !— er ist klug, dieser Plan; verdammt klug! Warten wir also ab, inwieweit ich mich darauf verstehe, Ideen in W i r klichke iten umzusetz e n. In ettva acht Tagen denke ich wieder in Paris z,u sein. Diesen Termin gebe ich Ihnen deshalb, weil ich Sie dringend und inständig bitte, mir nicht mehr hierherzuschreiben. Denn von hellt nachmittag ab werden wir große deutsche Einquartierung im Schloß haben allem Anschein nach auch höhere Offiziere darunter- und daun ist die Hoffnung, daß hier anlanaeudc Briese llns Bewohnern des Schlosses ungeöffnet übergeben werden, eine wehr als problematische. Werde?: Sie also nicht ungedul- dig und warten Sie ruhig, bis ich Ihnen persönlich wieder die Hand drucke. Vielleicht stehe ich dann schon als der Herold günstiger Nachrichten vor Ihnen; vielleicht auch nicht . . . zumindest werden wir d a»t n über eine große Reihe zweifelhafter Magen, die mich fett Wochen behelligen, absolute Klarheit haben. Und werden durch diese Klarheit auf die eine oder andere Weise die Möglichkeit siudeu, von jetzt an scharf und wohlüberlegt ans uilser Ziel loszugehen. Ich drücke Ihne:: im Geiste die Hand, bitte Sie, Marguerite von mir zu grüßen, und bin bis aus unser Wiedersehen Ihr Mphonse de Marsillargues; So lautete der Brief, den der elegante Pariser Flaneur uoch einmal sorgsam überlas, hier und da in Einzelheiten verbesserte, ehe er ihn in das bereits beschriebene Kuvert schob, versiegelte. Die Adresse lautete: Monsieur le docteur * v 1 Paul Darragon Rue Lasajette 137 Paris- (Fortsetzung folgt.) Der Garten öes Zräulein von vemiebet. Bon Rudolf Michael. (Nachdruck verboten.) Durch die nackten Aeste der Bäume sab ein schläfriger Hiuuuel Und die Wolken schienen zu meinen, so griesgrämig kamen ge von Westen her gezogen und schleppte;: ihre vollen grauen Bäuche langweilig vorüber. Nur bisweilen, wem: der junge Wind vom Meere Ach> bahmtersctzte, dann hasteien sie vorbei wie eine satt.' Herde a'ni! Abend, bl'e der Hund hetzt. Deni: das Mer war nicht weit An frischen, klaren Tagen konnte Man es in der Luft spftren Dann stand ein salziger Hauch unbeweglich über Baum und Acker. Und das faule Wässerchen seitab vom Dorfe bekam einen schnelleren Atem. Butsch und Ki-ant in: Park waren ein bischen verwildert Gläserne Scherben lagen biÄvcilen untern: Gras, die der Staub trübte und die der Regen '.nieder hell lausch Und aM hohe!: Rosenbusch gleech rechts vow Tor hing wirklich noch ein braunes, vergrämtes K'nöspchen und schien zu fragen: „Wo war denn die liebe Hand d:e mich pflücken sollte?" Alle zivei, drei Tage latschte der alte Gärtner Grothkopp durch den Garten, hatte die Fäuste hinterm Rücken ineinander gelegt uird plstlofophierte mit großen, wunderlichen Augen in den grauen X'NNi'Mel hinein or w-, 11 >> S io /u...... ...- . 1 .v 1 ay rr 1 ' T w"' "UV vuse gao2 NIM, ,eu amy die letzten Burschen und auch die letzten Väter als Wehrmämiel .ns Feld gegangen waren. Im das große Feld an der Grenze, das Granaten pflügt, mit Blut düngt und mit Eisen besät. _ Tee Beete und Rabatten waren nicht sauber ab ge steckt. Manches sotranchlem munte diesen Winter draußen zubringen, ivährend es loii|t mit peni Kopf unter die warme Erde kriechen konnte. Und in einein Winkel der Motte träumte sogar noch eine verlassene, leere Wemslafche von dem süßen Rausch eines warmen Sommer- abends. Aber der alte Gärtner hatte bei solchen Betrachtungen gern ein „gutes Wort, so oft er mit seinen Pflanzen sprach: „Laß man, KrcNitlein, die draußen schlasei: jetzt auch nicht immer warm!" f , "F schließlich, für wen sollte sich denn der Garten auch schmucken? Das Fräulein Berta Von Bennebek war im vorigen Früwahr fortgereist, und darum war's wirklich nicht nötig, daß der Gart«, gezrert dastand »vie ein Bursch, der freien geht, und ein ^ungfranlem, das am Sonntag den Schatz erwartet. Dazu war der Galten denn auch ju alt. Er hatte ja auch selbst Einsicht. Er wußte, daß Acker Und Obst die menschliche Hilfe setzt viel dringender! brauchten als Rosen, die nur düsten, und Lilien, die nur gefallen wollet«. Dem Gärtner Grothkopp ging's ztvar zuerst ein wenig gegen den Strich. Aber er fügte allmählich sich doch drein, »veil er sah, daß es eben nicht anders ging. Und memt Karl Brüdgaw, der dürre Küster-, ihn manchmal nach Wetter und Land fragte, dann antwortete er nur hart: „Die Saat geht auf!" Und daber schlug er meistens noch mit der Farist so derb auf den Tisch, daß der dürre Küster es beinahe bereute, überhaupt gefragt zu haben. Bor nun gerade einem Jahr hatte Wilhelm Grothkopp seine Herrin abreisen sehen. Da war er mit ihr noch ein letztesmal durch den Park gegangen, obwohl ein feister Schnee in flimmernden Flocken über Gras und Weg taumelte. Den beiden schien's aber wie ii' i r ’ - Labe Blüten, die der nichtsnutzige Wiird von den vollen Obstbauinen wirst. „Tja, gnädiges Fräulein, das kann ich mir m: garnrch vorstellen, wie das werden soll," hatte der Alte gesagt und traumend ins Wecke gesehen. Frätstein vo^ Bennebek hatte sich mit einem Lächeln aü- gem'.cht, das lute falsche Perlen glänzte. ,,Na, Grothkopp, wenn'-s m:r draupen nicht gefällt, komme ich bald wieder." Der Alte schiei: ungläubig und zuckte in der Nase wie ein Pferd in der Nüster. wir sistd alt, gnädiges Fräulein. Sie gehen in die Wüste." weefer letzte ^atz klang wie das letzte Urteil eines sterbende»: Philo- fophen. Ernst, trocken und geheimnisvoll. Sie wendeten scharf um und gingen den Weg zurück. * Tas Fräulein horchte hell auf. „Wüste, Grothkopp?" Und nach einer Weile. „Ich muß doch auch mal etwas von der Welt setzen.' An dem bunten Tuch, das das Fräulein über dem silbern schimmern den Haar ttwg, zerrte ein ungestümer Wind, so daß es flatterte wie eu: L-egel, eine Flagge auf See. „Bin tifcx vierzig H.ahre über d:e,e Wege gelaufen, Grothkopp. Bin ausgelassen über die Hecken gefprungen und später vorsichtig drum 'rum gegangen. Jciut tft die Zeit nochmal lang geworden, Grothkopp." ^ „ ^ Cl ‘ ? itc ^irtner nickte tiefsinnig vor sich hin, und ein hellerer Glanz trat wie ein Blinklicht in seine Augen. Hastig bückte ^ s:ch, hob eine^Glasscherbe vom Beet und warf sie bisiig über kfte Gartenmauer. Tann schluckte er ein vaarmal lvie an einem un* oequemen Bissen. „Gnädiges Fräulein, hätten früher heiraten müsfen." Cr sah sie plötzlich an. als wolle er die Wirkung seiner polternden Worte beobachten. „Nu is es einsam hier." .. I'-'liulein von Bennebek schwieg eine Zeitlang. Em feines, lcifcs Abfclnedsweh legte ftch wie ein Spinngewebe um ihr aus- guellendes Herz. Wirklich. Lie ließ hier nichts zurück, fehlen Mann, ferne Schwester, kein Kind. Und der alte Grothkopp zerrte Nun doch gutmütig grausam ai: all dem lieben Tand, der ihr Z-nneres erfüllte. „Ach, Grothkopp, reden Sie nicht so! Sie wissen doch auch, wie alles war Ist wohl einer hier gewesen, den ich hätte nehmen sollen?" Ter Alte getraute sich keine Antwort. Das Fräulein fuhr fort und sprach halb mit sich selbst. J-hre Stimme zitterte sanft. „Ich Hab mich doch nicht verschachern wollen. Itnb von allen, die hier »raren. Hab ich keinen gemocht. Nein!" , Weg für Weg schritten sic ab, nur Zeit zu geivinnen für ihr lellsam trautes Gefpräch. Aber es konnte auch so scheinen, als wolle das» Fräulein noch überall hin ihren Fuß setzen, bevor sie m btc Ferne reiste. Der nasse Kies ftnrschfe gar nicht unwillig wie fönst. Die schneeigen Flocken hatte,: sich müde Mtanzt. Fräulein vo'.i Bennebek »vnrde lebhafter. I)lber heute W ganz anders. Las ift cm wundersam starkes Gefchleckst, Grothkopp. Die Ackers- lcnte habe ich ja immer gern gemocht. Heut ist das! ganze Vaterland voll von solchen Leuten." Ter Gärtner tvarf einen scheuen Blick nach rechts über das fchmale, vornehm ernste Gesicht des Fräuleins, als beftirchte er, daß jie mehr sagen könne, als« er hören dürfe. Denn neugierig war er »virklich nicht, der Alte. Nur ein plstlosophischer Hang ms allgemeine bewegte ihst. „Grothkopp, sagen L>ie nicht, daß ich alt getrwrdei: bin Das tut mir iveh, verstehen Sie? Aber dies' Wunder muß ich mir ansehcn. Hab lange genug hier im stillen Garten gehockt So emgetrocknet bm ich noch nicht!" Lauter, mit einem Hauch ver-, steckten Trotzes sprach sie diese Worte. Und der Alte stammelte verwirrt. „Ja, gnädiges Fräulein, wenns sei»: muß. . Rein, nein, mein lieber Grothkopp, so bös wirds nie werdtm!"' Und dave: klopfte ne ihm lächelnd ans den geknimmten Rücken, während veni Alten die Kn:e zitterten. Denn sie kannte ihn und wußte, wav der refigiiierte Alte Tratte sagen »vollen. „Wenns sei»: muß. Dann reiste das Fräulein von Bennebek ab. _ ?lls der Wagen mit dein einen Pferd über die Landstraße dem Torf zu rollte, stand der alte Gärtner am Torweg, die Mütze in der NF', sfeif und unbeweglich »vie ein Bildwerk, mit den: Wmcker-i blick crues Kindes. Denn er tvar nicht mehr ganz Herr seiner Seele. _ Fräulein Berta von Bennebek reifte über Berlin nach dem Süden. Unendlich rollte der Zug. Weiter und ferner. Aecker und Wälder flogen zur Seite vorbei wie fortgewehtes Spielzeug. Das Fräulein trug eine schwarze, seidene Haube und ei»: sclAickteS »ilbernes Ir eu z als Nadel über beut Mantel. „Schwester Berta, kommen Sie nur, »vir verdurste»: ja!" rief eine lachende Stimme ans de»,! Abteil. Da ging sic hinein zu den andern. Ihr Gesicht »vor U"kg und froh. Verhaltenes Feuer bebte in ihrer Gestalt. Das Hans im Garten blieb nun still zurück. Eine verlastene Geliebte. .Es sab hinter seftwn staubigen Feuhern den F:.hsting quellen, sah den Sommer m vielen Farlwrn sich über dem Rasen 344 wiegen uitb den Herbst nü'ibc in sich zusammenfallen wie einen springenden Brunnen Alle -»vei, drei Tage schob der alte Groth- jppp über die vom Kies knirschenden Wege, die Hände lnnterm Meten ineinandergelegt, und die Augen verloren im Mbel des, winterlichen Himmels. Fräulein von Bennebck jchneb tvvyl einen Gruß, aber der war kurz und nichts als eben ein Lebenszeichen. Bei den Türken irgendivo im Sonnenbrand schände sie ome harte, zähe Arbeit. Sie'sah Sterbenden in das letzte Aufleuchten dev tapferen Augen und sie führte Genesende zu ihrem ersten Spaziergang Als aber ivieder der Fnihling vor den .Toren rüstete und schwärmend über.das Land ziehen wollt«, kam Berta von Bennebek zurück Unerivartet wie die ersten Blüten über Nacht. ^Lchmäler war sie im Gesicht geworden, noch zarter. Nur die Haut trug 1 einen goldbraunen Schimmer von südlicher Sonne. Der Alte " tm im ^ sckiautc aus vollen, blanken Augen wie ein Kuid. nun sind wir wieder da. Das war eine herrliche, i Ernst iinbedingter Wahrhaftigkeit. ^ — Mit dem soebeli erschienenen Jitliheft beginnt die Münchner Kunstzeitschrist „Die Kii nst" (F. Brilckniann A.-G., München), da? letzte Quartal ihres lausenden Jahrganges. Haben un§ die schöne»», stets versch»ve»»derisch aiisgeslatteteii Monatshefte seit Beginn des Krieges des öfteren durch ihren, in dieser Hinsicht allerdings ganz besonders gewählten Inhalt auf die Zeitereignisse und -Stimmungen. soweit sie von der Kunst berührt wurden, hingewiesen, so ist das vorliegende Heft ohne jede kriegerische Note der tendenzlosen Knickt gewidmet imb erfreut bei genußreichem Durchblättern nach allem ilns an§ den uieten erscheineiiden Zeitschriften entgegentönenden KriegZgeschret doppelt. — Walter Püttiier ist ein mit altöre»» und neuere» Arbeiten reich illustrierter Aussatz gewidinet. Nicht minder reich ist der Aiifsatz über den kürzlich verstorbenen Dresdener Maler Oskar Zwintscher. Richard von Poschingers Kunst (f 1914) wird vorgesührt uub ein illustrierter Bericht über „Kunst in Kölner Privatbesttz" beschließt den erste»; Teil des HesteS. Der zivelte, der angewandten Kunst geiuibmete Teil behandelt ausschließlich österreichische Kunst. - Deutscher Mille (Kuustivart). Zweites Junibest 1916. (Kriegsausgabe zu ermäßigtem Preis. Vierteljährlich 3 Mk. Verlag von Georg D. W. Eallwey, München.) Der Leitnussatz erörtert die Möglichkeit der Friede,»svermilttung durch ^Imevifa. — Weiter behandelt Wolsgang Schumann die „Ausgaben des Theaters", Paul B e k k e r »vürdigt Max Neger. Diesem Aussatz ist eine Zeichnung von BudzinSki beigegeben, die Reger am Klavier zeigt, ohne Wissen des Künstlers gezeichnet, wohl das letzte künstlerische Bildnis Negers überhaupt. — Ferner enthält dgS Heft einen Aufsatz über das „Deutschtum in Rußland" von eine»» Deutschrussen, sowie einen über den „Wiederaufbau Belgiens" von eineln Sachverständigen. - D i e W e l t l i t e r a t u r, München 2, Färbergrabe»» 24, die jeden SainStag für 0,10 Mk. einen der besten-Romane oder Novellen der Weltl»terat»»r bringt, gibt in ihrer neuesten Nummer 28 Schiller: Prozeß imb Hinrichtung der Grasen von Egniorit und von Hoorne; Belagerung von Antwerpei». — Die Schweizer Illustrierte Z e i t u n g , Verlagsanstalt Bingier & Eo., Zofiiigen, bringt in ihrer izeuesten Nninmer 28 »vieder interessaijte Bilder vom Leben nnb Treiben bei unseren Feinde»», so z. B. afrikanische imb hinterasiatische Kulturträger. — Praktische O b st v e r w e r t u n g ohne Zucker, stiebst Anhang über das Dörre»» »»»»d die Berwendu»»g voi» stlbfällen. Äon Dr. J/Kochs, Vorsteher der Versllchsstalioi» für Obst- »»nd Gen»Üse- verwert»»»»g a,» der Kgl. Gärt»»erlehra:»stalt Berlin-Dahlem. Verlag von Paul Parey in Berli»» 8^V 11, Heden»an»»straße 10 und 11. Preis 25 Pfg Zcherzratse!. Bor»» i»nb hinten Holz uud Strick. ^Bitte schön, »nir a»»ch ein Stück I" Nichts befomm’ ich? ! A»»ch »»icht schlecht l Nu»», dann ist sie n»ir's erst recht. Auslösung in nächster Nummer. Auflös»mg des Magischen Quadrats in voriger Nmmner: G Y P 8 r s 0|P P 0 3 | A S |P A | A Schristleitung: Aug. Goetz. - Rotatio»»Sdr»,ck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-B»»ch- und Steindruckerci, R. Lange, Gießen.