Die arme Prinzessin. Roman von Fedor von Zobeltitz. (Nachdruck verboten.'» ^Fortsetzung.) Annemarie kannte die Oertlichkeit. Sie klopste an die Tür rechts vom Flureingang. „Man komme!" rief drinnen Mrbringers Stimme. Da Bolko die Tür öffnete, schlug ihm eine heftig wogende grane Wolke entgegen. Es war, als fülle Pulverdampf dies Gemach. Doch Fürbringer rauchte nur stark; er studierte gerade. Es war ein seltsames Studium. Er saß auf einen: Stuhl von Strahgeslecht an einem großen Tische und manövrierte mit Zinnsoldaten; vor ihm lag ein zerlesener Band von Försters „Befreiungskriegen", in dem er zuweilen blätterte; er schob dann die Pferser^ spitze in den rechten Mundwinkel, feuchtete Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand an. den, Lippen an und wandte hierauf die Blätter nur. Er baute die Völkerschlacht ber Leipzig auf; die gedachte er in den bevorstehenden Kartoffelferien mit seinen Fungen einzuüben. Ein Schemel stand neben seinem Stuhl und auf diesem lag der geöffnete Tabaksbeutel. Fürbringer saß wie in Wolken; der graue Rauch umschwamm ihn und umzog seinen Körper mit Saturnringen; wenn der Alte den Arm reckte, um Napoleon eine andere Stellung zu geben, zerteilte sich plötzlich das Gedämpf, fuhr in die Höhe und glitt fledermausartig dre Decke entlang; die kleinen grünen Fensterscheiben erschienen wie beschlagen. t ^ Fürbringer sah gar nicht nach, wer da erntrat. Er ev- wartete einen Nachsitzer. „Bist du fertig, Karle?" fragte er und gab der Aufstellung der Alliierten eine Flankenwendung nach links; „wenn du wieder einen Klecks gemacht hast, schneid' ich dir die Ohren ab. Tritt näher, mein Sohn, aber nicht z u nahe. Du sollst Herkommen, Lümmel!" schrre er und rückte mit dem Korps Oudinot errtschlossen vor; „daß du Mir dein Heft nicht etwa mitten in die Schlachtordnung/ legst!..." Nun pruschte Annemarie lustig heraus und rief: „Herr Generalfeldrnarschall, ich übergebe mich!../' und Fürbringer schnellte in die Höhe. Er zerteilte mit der flachen Hand das olympische Gewölk, rückte an seiner Horubrrlle, und dann fuhr er zusammen wie ein erschreckter Bataillons kommandeur vor seinem General, nahm dre Pferse alerch einem Gewehr am Arm und schloß die Hacken und sagte in dienstlichem Meldeton, nrehr schreiend als sprechend, mrlr- tärisch hervorpolterird: „Euer Durchlaucht... allergehor- sanrst zur Gtelle..." t pv „, ^ „Rührt Euch," antwortete Bolko lachend und schüttelte Fürbringer die Hand. Der ritz schleunigst das Fenster auf und schleppte Stühle herbei; dis langen Rockfchöße flogen um die hohen Stulpenstiefel, der ganze kleine Mann zitterte vor inrrerer Aufregung. Da stand die Durchlaucht vor ihm in der Stube, es war ein Gotteruegg, einer aus dem alten mti, i-u cau /4 v..v v.it.| „Befreiungskriegs . seine Schlachtordnung und rief: „Durchlaucht, das lese rch eben, das studiere ich — es waren auch zwei GotterneggÄ dabei, Fürst Heinrich führte das Regiment Alt-Dessau, «ein Pferd wurde ihm unter dem Leibe erschossen, eine Kugel rrn ihm den Tschako vom Kopf, mit acht Wunden anr Lerbe fand man ihn auf dem Schlachtfelde. Und dann Prinz Eduard, Durchlaucht, er hatte Herr Fahnenträger zur Seite, der freu er nahnr die Fahne und stürmte vorwärts, fcanzoflsche Kürassiere überritten ihrr, nrarr hieb ihm die rechte Hmrd ab, die Säbel zerfetzten ihn, da ries er, was rief er, rch werst nicht mehr, er rief etwas, i bewunderte seinen Schlips und die roten Schuhe und war sofort dabei, ihn auf den Holzhof und nach dem Steinsarg! hinter dem Hause zu führen. Das !var das Hauptgebiet der kindlichen Spiele gewesen. Sicher: im Schlosse mit seinen hundert Winkeln und halbdunklen Gängen spielte es sich prachtvoll; aber noch hübscher im Freien unb am schönsten auf den,. Holzhof, wo zwischen dem aufgestapelten Schlegelholz Pfaffenhütlein und Berberitzen wuchsen, wo man über die Bohlen turnen und auf den Stämmen im Wasser sich im Balancieren üben konnte. „Grete," rief Bolko, „lebt denn der alte Schnauzerl noch?" „Aber natürlich, Durchlaucht," antwortete Grete- „er ist bloß noch häßlicher geworden und hat seit zwei Jahren einen chronischen Halskatarrh!; wenn er bellenüwill, schnappt er erst nach Lust und räuspert sich, wie ein alter Mann, und bellt ei'/, so klingt es, als schreie ein kleines Kind..." „Ich muß Schnauzerl Guten Tag sagen," rief Bolko wieder, „und dann gehen wir an die Schleuse! —" Schnauzerl fuhr unwirsch aus seiner Hütte hervor, heulte Bolko an, aber dann schien es doch, als erkenne er den Jugendfreund, und das wütende Gebelfer tönte sich zu heiserer Freundlichkeit ab; er krümmte sich liebevoll und versuchte den Stummelschwanz in wohlwollende Bewegung zu setzen. Bolko vergaß Adel und Krone^ er sprang ww ein Junge auf dem Hose umher, es stand noch der alte Fauh baum an der Scheune und davor lag der Einbaum, aus dem die Kühe tranken, ebe sie in den Stall trotteten, es wuchs noch das Moos auf dem Dach der Remise, es hing die Wecb glocke an ihrem merkwürdigen Galgen gern st, es schwammen die Enten in dein kleinen ummauerten Pfuhl, es war wie in der Kinderzeit. Da stand auch noch der steinerne Sarg neben der Hintertür des Hauses; er sollte in einem wendischen Königsgrabe gefunden worden sein und aus eben dieser Zeit auch noch der Einbaum stammen. Annemarie kletterte aus den Steinsarg und baumelte mit den Beinen; Bolko setzte sich in den Thymian zu Füßen des Steinernen, und es kam ihm alles so sonderbar vor: daß er vor der Heirat stand, daß er Grete schon Sie nannte und daß sie so drall geworden! war, daß er in seiner ganzen Fürstlichkeit nun hier saß im duftenden Quendel, als warte er nur auf den lahmen Christian und eine ferner Raubrittergeschichten: „Bor hundert Jahren, da lebte eiumal..." Das Fenster klang, und der Burgmüller rief: „Prinzessin, fallen Sie nicht herunter! Wenn die Durchlaucht pardauz macht, kriege ich es mit der Madame zu tun_" Gr sah nur Annemarie. Er stand in Hemdärmeln am Fenster, denn er hatte sein Mittagschläfchen gemacht; feilt bartloses Gesicht war rot, ein lila Schimmer lag um Kinn und Wangen, das weiße Haar sträubte sich wie eine Bürste und die Augen blickten freundlich. Mm mußte Bolko sich zeigen. Da war der Burgmüller sehr verwundert, aber es kam keine Verlegenheit über ihn. Er streckte dem Fürsten die Hand aus dem Fenster entgegen und sagte: „I Durchlaucht — na, ist's denn zu glaubeil! Seine Durchlaucht hucken allergnädigst vor meiner Hintertür und lücken den Enten zu, ulld Grete meldet mir nicht einmal den hohen Besuch! Durchlaucht, ich bitte um Verzeihung. Hier stehe ich nun in Hemdärmeln, aber ich ziehe sofort meinen besten Rock an und will Eller Durchlaucht in meiner guten Stube e.np- fangen. Ich weiß, wie es sich gehört..." „Bleiben Sie in Hemdärmeln, Burgmüller," rief Bolko, „das Hemdärmlige paßt gerade zur Situation. Ich schno- verte Hennatsdunst aus der alten Erde und saß im Schatten des Wendensarges und ließ mir von bell Enten ettvas vorschnattern; es war so hübsch. Aber ich kolunle hinein, ich habe Ihnen verschiedenes zu erzählen..." Er lachte heiter über das ganze Gesicht; dennoch: Vieser Besuch bei deul Burgmüller wurde ihm herzlich fall er. — Annemarie und Grete fetzten sich nebeneinander aus den Rand des Einbaumes. „Er hat etwas Reizendes," sagte Grete und zerpflückte ein Gänseblümchen. „Ich habe ihn mir nicht so gedacht. Er hat etwas sehr Menschliches." „Ja," antwortete Annemarie, „wem, er nicht näselt, ist er nett. Aber wenn er den Feinen spielt, könnte n,an tfito gleich eine 'runterhauen." „Kriegt er denn nun seine Miß und bleibt Fürst von Gottes Gnaden?" (Fortsetzung folgt.) Sole. Skizze» von E. Vely (Berlin). (Nachdruck verboten.) Eine sckwüldrnckende Nachmittagsstunde' blauweih der Himmel; träge die Schritte der Gehenden, schläfrig die Gruppen der Großen und Kleinen auf dem Viktoria-Luise-Platz. Nur ein paar Jungen schreien beim Kriegsspiel und hauen auf den kleinsten, der als Russe am Boden liegt und grauen Sand in seinei schwarzen Stoppelhaare gestreut bekam. Damit er ganz echt ist. Auf den.SLeinvorsprung, der das Gitter eines kleinen Vorgartens in der Winterfeldtstraße trägt, hat sich ein blondes, krausköpfiges Mädchen gehockt. Sein Köpfchen sucht eine Stütze an den schwarzen Stäben. Auch seine Augen sind etwas müde, beharrlich aber auf die Pracht eines blühenden Rosenstrauches gerichtet, der seinen Duft hinübersendet. Die linke kleine Faust umfaßt eine halbverblühte, abgeknickte Blume. Der Mann, der das Gärtchen begoß, reichte sie ihr durch die Stäbe. Am rechten Arm trägt das Kind eine weiße Binde. Darauf steht mit sorgsam gemalten Tintenbuchstaben: „Schwerhörig!", kleiner, in Maschinenschrift, darunter: „S. Müller" und die Nummer eines Gartenhauses in der Gossowstraße. Vorübergehende sehen das kaum, lesen tut's niemand; es beachtet auch keiner das einsame, Ln sich hinein lächelnde Kind. D-er kleine Befehlshaber drüben entfaltet eine rege Tätigkeit. Er schreit den Kameraden Kn: „Nu komme, Max, nu komm' Franzos! Ün Fritz, du Russe, komm' Galopp! Hier hast du einen Rippenstoß! Hier hast du einen Katzenkopp!" Die Helle Knabenstimme überschlägt sich im Eifer, das her- -uszubringen, was ihm sein Onkel Rimbart aus einem Auch so lange vorgesagt hat, daß er es kann. Nante Kiepold kneift die Augen zusammen und hält ein Pappfernrohr über seine Stupsnase. Aba — das Mädchen mit der Binde! Er muß auch einen Verbandplatz haben. Mehr-- mals hat er schon über den Anmeldezettel am Arm von dem dummen Ding gelacht. Jetzt kann's die richtige Pflegeschwcster darstellen. „Ran, for's Vaterland!" kommandiert er. Die verträumten Blanaugen sehen ihn an, die kleine Faust schließt sich, auch der staunende Mund. „Ran, sag ich! Auf 'n Verbandplatz." Uub wie sich die Schultern ängstlich znsammenducken, hilft seine zerrende Hand nach. „Ob de nu tust, was ich will!" Ein Knabe ist ihm gefolgt und stellt sich neben das Kind. „Du läßt ihr! Se hört doch schlecht! Da steht et! Ihre Rkutter wohnt doch bei uns. Die is Wat Feines." Da richtet sich Kiepold zu seiner ganzen Höhe auf. „Achtung! Drei Mann! Hier is 'n gefangener Engländer!" Die Burschen fliegen herber, der Rote ist überwälttgt. Mer er ruft: „Söte! Lauf, lauf nach. Hanse!" Dann erliegt er der) Uebermacht, wird von Flinte und Säbel befreit, bekonrnrt nach- helfende Fäuste zu spüren und wird abtransporttert. Einstweilen hat der Befehlshaber über dem neuen Vorfall seine Ansprüche an die Schwester vergessen. Das Kind ist aufgesprungen. Eine zitternde Angst liegt in seinen Mienen. Es gleitet mit der Geschmeidigkeit eines Kätzchens an den Vorgärten bin. Rasch nur! So schnell die Füße können — fort von den wilden, bösen Jungen, die mit so gewaltsamen Spielen drohen. Trapp, trapp! hallen die Schritte. Es wagt nicht, sich umznsehen, glaubt die Verfolger hinter sich. Wagt nicht einznbiegen in die nahe Straße, wo es mit der Mutter seit kurzem wohnt. Frau Maretzki, die Pförtnerssrau, schickte es nach denl Platz. -„Da geh' man hin, sind viele Kinder, kannste mitspiel.en, Sötchen!" Es drängen sich die Gedanken, Furcht und Entsetzen in dein blorrden Köpfchen. Wenn die Jungen sie schlagen und stoßen, wie den Fritz? Irgendwie sich verstecken ! — schnell! schneller! Mit keuchendem Atem über die Krengung der Straße — Hupen ruf und wildes Brüllen verschwimmen in eins. Sötes Blanaugen starren. In dem Auto, das vor den: nächsten Hanse halt macht, sitzt ein feldgrauer Mann, ganz aufrecht, ganz stolz. Aber sein rechter Aermel ist leer. Das ist einer von den Aermsten, denen die bösen. Feinde»so viel Leid getan. Das kleine Herz puckert, daun lacht der Mund. Die schöne Blume soll der Mann haben, da freut er sich gewiß. Ganz langsam ist "der Entschluß gekommen, zu spät — denn der Feldgraue ist schon, uns denr Auto und rasch in dem. Hausflur verschwunden. Wenn Mutti nicht Söte sagt, scherzt sie v.mettt Bedenklein" — .warum', begreift das Kind jetzt plötzlich. Und dann bedenkt eö sich wieder. Das Auto wartet, der Mann wird wiederkommen — ja, und dann soll er die Rose haben. Dort ist wieder ein Vorsprung und ein kleiner Garten, da läßt sich auch aut sitzen. Allerlei Liedchen surren durch das Köpfchen. Mütterchen kann solch schöne. Mer eins hat sie neulich ganz barsch verboten: ^Maikäfer flieg'! Dein Vater ist im Krieg. Dein' Mütter ist in Pommerland —" Bang! Bum! die Haustür. Der schlanke Mann reckt sich, und zwischen den Brauen ist eine Falte. Nun wird er wieder einsteigen. Söte springt ans, ihr Gesichtchen ist rot. Mit einem Husch ist sie neben dein Ernstsehenden, hebt ihr Händchen, scheu blickt sie, aber, der sieht das gar nicht. Er spricht ein paar Worte ?u dem Fahrer, stützt sich mit dem linken unversehrten Arm und sitzt. Hupenruf oder wildes Knabengebrüll im Rücken? Söte weiß nichts wohin. Ein keuchendes Ungett'un ist plötzlich da, sie läuft chm in den Wyg und es wiüft sie um. Und dann- wird alles schwarz, der.Himmel, die Erde — Das eine Auto hält rasch wieder, das fahrende kommt zum Stillstand. Die Chauffeure und ein paar Vorübergehende eilen herbei. Am schnellsten ist der Feldgrane. Das blasse, bewußtlose Kmd hält er im Arm; guckt auf die blonden Haare, die Lider mit den langen Wimpern, den kleinen angstverzogenen Mund. Wehrt den Leuten und steigt mit der leichten Bürde ein, hebt sie auf die Knie und horcht nach dem Herzschlag. „Mit einem Arzt folgen, Gossowstraße," herrscht er dem andern Fahrer zu. Der kleine Arm mit der Binde, die Hand mit der halb- cntblätterten Rose haben so etwas unendlich Rührendes. „Das Kind ist direkt in mein Fahrzeug gelaufen!" verteidigt sich der zweite Chauffeur. Der Offizier winkt ab. Das Auto saust. So nahe die Straße, es dünkt dem Mann, als vergingen Stunden. „Ach, nur eine Ohnmacht, eine tiefe Ohnmacht," denkt er. Ein unbehütetes Kind aus dein Volke. Aber so fein, fast prinzessen- hast. Konnte nicht ständig beschützt werden, darum das .Abzeichen am Arm. Da — eh das Auto völlig zum Halten gekommen und er die kleine Last emporhälten kann, fühlt er, daß sich die Beine bewegen, ein Arm sich streckt, das Köpfchen den Versuch macht, sich zu heben. Dann sehen ihn zwei tiefblaue Augen an. Ein Begreifen, was mit ihm geschehen, liegt ans dem Gesichtchen. „Tut dir nichts weh, mein Kind?" forscht er liebevoll. Ein Kopfschütteln. „So such wir mit dein Schrecken davon gekommen." Die Kleine legt ganz zutraulich die Arme um seinen Hals, als er mit ihr aufsteht.. „Nicht Mutti sagen. Ich soll doch nicht über'n Damm laufen." „Zn Mutti geh'n wir jetzt, nein, sie wird nicht böse sein — kleine — wie heißt du?" „Söfchen — aber Mutti sagt Söte — söte Teern!" „Hm! Söte Teern!", so ein lieber norddeutscher Kosename. Und ihm ist, als er das nachspricht, ein Klang aus ferner, ferner Zeit im Ohr. Manchem hübschen Ding hat er's wohl zugeflüstert. Bor dem Haufe, — die Nummer hat er von der Armbinde des Kindes gelesen — stoppt das Auto. Zwei rundliche Frauen stehen im Gespräch; erst neugierig, dann erschreckt blickt die eine mit schwarzen, unruhigen Augen auf. „Löschen, was hast'n gemacht?" „Die Kleine wurde von einem Auto niedergeworfen. Sie hat es wohl nicht kommen hören." „Na jkt!" mischt sich die andre ein. „Wer läßt 'n auch so'n taubes Dmg rumlaufen? Fein in frische Blusen ausgehen. So is et immer, Maretzkin — kennt me doch!." „Sie is doch auf Arbeit, un wenn — der Herr Major —" sie befördert den Offizier um einen Grad, „mir nu de Kleine übergeben, bring ich sie hinter. Jott, det Eiserne Erster — da gehört sich ne besondere Referenz —" und sie macht den Versuch eines Knixes. „Mein Mann is auch in Krieg. Er is 'n Osten und macht Körbe for de Munition." Die entblätterte Rose liegt mm just zu den Füßen des Mannes. Die Kleine hat sie fallen lassen und hält die Linke des Feldgrauen fest. „Wenn ich selber das Kind begleiten kann?'Ich habe nämlich das andere Auto nach einem Arzt geschickt. Muß sicher gleich hier sein." „Besser is natürlich besser," gibt beflissen die Maretzki zu. „Bergern, sagen Se doch den Doktor Besck-eid." Die Maretzki schwänzelt durch die spiegelbekleidete Voritnr dann über den gelben, steinbelegtcn Pfad zwischen zwei grünen Rasenplätzen mit armseligen Bäumchen, einem .Hintereingang zu. „Just uns gegenüber, die zwei Stuben un de kleine Küche hat" — sie schluckt eine Bezeichnung herunter „Müller! En Schlüssel Hab ich!" Er kreischt im Schloß. Sie stößt dann eine Tür ans. Alles einfach, sauber. Weiße Mullgardinen blähen sich vor einem offenen Fenster, das ein Brett mit blühcndellj Geranien hat. „Wat Söfchen ihre Mama is, die hält was auf sich un de Wohnung. Na, un auf das Kind erst. Es wird ja auch balde wieder besser hören. Un nich vor de Alttos laufen. Nee, wir sagen am besten Muttchen nichts —" Es pocht. Der Arzt. Erst drückt sich die Kleine fest an ihren Beschützer, dann ist sie auf sein Zureden willig. „Nichts," sagt der eilige Mann, „gar nichts. Glücksache, Kinder haben ihren Engel!" Hans von Seesen sicht sich in dem einfenstetigen Stübchen um, während der Arzt hantiert. Ein mit einer Schreibmaschine bestellter Tisch, Arbcitsatmosphäre. Er reicht dem sich empfehlenden Arzt seine Karte. Ans die Bemerkung, daß er selber kommen wird, sagt der: „Bitte! War mir eine Ehre! Lassen Sie mich Ihre Linke drlicken." Dann ist er draußen. Hauptmann von Seesen will nun auch gehen. Er streicht der Kleinen über die blonden Haare. Weich — Seide. El- wird dem Kinde Süßes und Spielzeug senden. Es hat gar so liebe Augen. Die Maretzki geleitet beit Arzt; in die Tür, der sich Seesen zu- wendet, tritt eine neue Gestalt. 196 Mutti! Söte!" Das klingt ineinander., , ^ a „ - Mein Liebling! Mein süßes Herz!" Ern zitterndes Schluchten. 'Das Kind liegt in den Armen der Knienden. , Gar nichts geschehen! Der Doktor hat es bestätigt! sagt die twhlklingende Stimme des Feldgrauen nach einer langen Pause, die er der Erschütterten willig gelassen. Da schreckt die aus. Sie meist gar nicht, dast da noch ern Fremder ist -< ja so, es brachte ja einer das Kind, und dem must fte nun danken. Mit Verden Händen streicht sie das wellige Haar zurück, erhebt .ich, schlank, geschmeidig, dann seheil sich die zwei an. Mit Blitzesschnelle erkennen sie sich. ^ Er wirst den Kops zuruck, sie richtet sich gerade. Mein Gott! — Sophie —!" nichts sonst kann er sagen. Dies Wiedersehen schüttelt ihn, rüttelt ihn, wie kein Donner auf dem bie schlanken Hände ineinanderaepreßt. Ihre Lippen beben. Dann ein Zusammenschkaaen ihrer Zähne, die hinter den offenen Lippen blitzen. Aber, sie spricht. Nicht. Sre zieht mit eurer hastigen Beivegung das Kind an sich, hält es»' die Rechte streckt sie aus — nach der Tür weisend. „Nein!" sagt er dunrpf. „So geh ich nicht. Sophie, so nicht!" Ihr Blick irrt über das Kreuz auf >der Brust, über den leeren Aermel seiner Uniform. Langsam schüttelt sie den Kopf, bleibt aber unbeweglich. Er ist bläst, auch ihn überläuft Eiseskälte „Sophie! —" es ersttckt ihm fast. „Wenn ich noch beide Hände falten könnte, tät ich's, bettelte: sag mir doch -" Da findet sie 'den Atem: „Ms dem Schlachrfeld Mut bewiesen haben Ungezählte! Kein einziger ist aber im Leben wohl solch ein Feigling geivesen — wie —" . _ . a A Nun ist sein Gesicht voll Glut. „Du — du wirst-das noch zurücknehmen — um dieses — Kindes willen." Sie hält die Meine fester. „Nein!" „Hör mich nur eine kurze Zeit an." Ein rührendes Flehen wird es. „Vergeben kannst du nickst. Aber, Sophie, vielleicht doch verstehen, tvie das kam — rvie —" Sie fasst nach der Tischkante, denn sie fühlt, daß )te schwanken wird Dadurch lockert sich ihr Arm und Säte schlüpft fort, und huscht zu dem grauen Mann, und schmiegt sich vertraulich an seine linke Seite, und sucht nach seiner Hand. ^ l a „Süte! Süßes Kind! bitte die Mutter!" Er bringt es Nicht zu Emde, denn nun, nachdem sich ihre Augen staunend noch mehr geweitet, taumelt sie. .. t Er sängt sie auf; bettet sie in den Armstuhl, halt sie, beugt sich über sie, forscht in dem Gesicht, in das ganz langsam die Röte wieder kommt, und dann zwingt er sie, vor ihr auf den sotten, zu hören. Ml seine Selbstanklagen, seine Beteuerungen, daß er sie nie, nie vergessen. Es ist ein wildes Durcheinanderhetzen von Worten. Ein Chaos von Seufzern und Bitten. Söt-e steht und sieht ans die beiden mit den unschuldigen Kmderangell. „Ja, Sophie, damals! Du. schutzlos aus dem Elternhanse hinaus in das Babel Groststadt. So rührend in Deiner Lieblichkeit. So romantisch das Finden der Nachbarskinder. Hochfliegend dem Ehrgeiz. Heimlich süß unsere Liebe. Der blutsunge Leutnant. Die kindliche, kleine Musikschülerin —. So mußte es denn.kommen, wie es kam. Liebe zu dir, Leichtsimr am Spieltisch. Und dann mem Vater vor der erdrückenden Last der Ehrenschuld. Dsn Rock aus- ziehen und Libers Adeer? Oder die reiche exotische Senat —' Da bricht ihm die Stimme. Sie, die reglos dagesessen, feine emporgereckte Hand abwehtrend, nimntt da auf, wo er abbricht „Du gingst. Ließest mich. Schriebst erst, als du klug und herzlos gewählt. Ich war' mit dir gegangen — um die ganze Erde. Hätte dich nie verlassen." , ^ , . ..... Er senkt den Kopf. „Wie du mich verachtet haben wirst!" „Unsäglich." Dann streckt sie beide Hände von sich. „Gerade das gab mn die Kraft!" ,Hch fand dich nicht. Niemand wußte von dir — und ich ^ die^tadjt kurz auf. „Deine Hilfe annehnren? Ich hätte mich ja selber verachtet. Nie dir antworten auf deine Fragen — alles allein. Mein Vater hat's nicht mehr gewußt, er starb zu rechter Zeit. Das —i" sie deutet hinüber nach dem Schreibtisch — „ist freilich das Resultat aller scheiternden Kunstpläne geworden. Banale Arbeit! Selbstgewollte. Sie und mein. lletneS Erbe haben mir ermöglicht, mein Kind —" > Da kann auch sie nicht weiter. Sie stiert auf den Boden. Es ist ein paar Sekunden etwas Stumpfes in ihr. „Söte, sag dem ftemden Mann, daß er nun gehen soll ►—< uns allein lassen." ' ^ „Allein lassen?" Hans von Seesen schüttelt den Kopf. „Nein! Ich geh nicht! Komm zu mir, Söte!" Das Kind gehorsamt. „Mn söte Deern!" > Da gewahrt er den Zug von Weiche unt ihre Lippen. „Söte, sag dem Mütterchen, was ist: Daß ich freigeworden; und sag auch, daß wir zusammenbleiben müssen. Frag, ob dein Mütterchen nicht meint, daß ich gebüßt habe und bezahlt. ich meine Ehre fleckenlos vom Schlachtfeld heimgetragen — und sie ihr in den Schoß lege. !Und sie bitte, daß sie mir ihr« Rechte gibt —• weil ich ja keine mehr habe." Das Bedenktein bewegt das rote Mündchen, es' hat gar nichts verstanden und begriffen, aber es schlingt die Arme um den Mann in dem grauen Rock, und küßt ihn, und lacht und gurrt wie eine kleine Taube. _ . , .. . n „ , Sophie schreit auf, Hans von Zeesen zteht sie mit der Stuken an sein Herz. „Söte Deern, denk groß in großer Zeit!" Da küßt sie ihm die Schulter, da wo der Armstimrpf sich ab zeichnet. Söte hebt ihr nachdenkliches süßes Gesicht und fragt daml mit der hellen Stimme: „Ich Hab einen Papa?" Vevmsschtes. »Der preußische Adler in einem englischen Wappen. Eine alte englische Adelssamilie, die der Grälen von Hyndford, sühn den preußischen Adler im Wappen. Und zwar kam das so: Nach der Schlacht bei Mollwitz wurde John Carmichael, Graf von Hyndford, von Georg II. als Gesandter in Friedrichs II. Lager geschickt. Hier unterstützte er den König ln seinen Unterhandlungen mit Maria Theresia aufs beste. Von Friedrich aber erbat er nach Abschluß des ersten BreSlauer Friedens als einzige Belohnung, sein Familienwappen mit dem preußischen Adler schmücken ztl dürfen, was ihm gern gestattet witrde. . ^ »Der m i l i t ä rische Gei st bei den Völkern des Altertums. Aach bei den Völkern des Altertums suchte man die gleichen militärischen Tugenden anszubilden, wie in der Jeht- zeit, lind es sind hübsche Anekdoten überliefert, die dies beweisen. So ist der niibedingle Gehorsam der Soldaten dilrch folgende Geschichte geschildert. Ein Grieche halte seinen Feind überwunden und bereits das Schwert zmn tödlichen Streich auf das Haupt deS vor ihm Liegenden erhoben, als er das Signal zum Rückzüge vernahm. Sofort sank feitte Hand, ohne den Schlag geführt ju habem und der Grieche folgte den Kameraden. Nach der Ursache seines Handelils befragt, erwiderte er: „Es ist besser, seinem Führer zu gehorchen, als einen Feilld zu töten!" — Die löbliche Eigenschaft der Verschwiegenheit des Soldaten über die beabsichtigten Heeresbewegungen, die jetzt den Mannschaften nicht oft genug an« befohlen werden kann, wird ebenfalls durch eine Anekdote aus dem Altertum illustriert. Als der römische Feldherr Metellus, so wird berichtet, von einem seiner Offiziere gefragt wurde, wohin die Armee zunächst marschieren werde, gab er zur Antwort: „Wenn ich glaubte, daß meine Kleidung etwas davon wüßte, würde ich sie sofort ausziehen und ins Feuer werfen!" VNchertisch. — Auf deutscher Wacht. Ein Ostpreußen-Roman von L. Malten. Preis 4 Mk. (Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin W 57.) In diesem Roman gibt die bekannte Verfasserin ein lebenswahres und gut gesehenes Bild vor« den Menschen und Stimiuungen des deutsch-russischen Grenzlandes kurz vor Ausbruch des Krieges. - H a n d b u ch d e r K u n st w i s s e n s ch af t. Heraitsgegeben von Unw.-Proi. Dr. Fritz Biirger, München. Mit ca. 5000 Abbildungen. In Lieferungen im Abonnement ä Mk. 1.50. Akademische'Verlagsgesellschast, Neubabelsberg). Lieferung 32. Eurtius, Die antike Kunst. Heft 2. L. Eurtius, der Verfasser der Abhandlung „Die antike Kunst", beginnt nach grundlegenden Betrachtungen und nach der Entwicklung seiner Gesichtspunkte seine Ausführungen über ägyptische Kunst in der vorliegenden Lieferung. Nachfühlend wird auch dein Fernstehenden mit Hilfe der geistreichen Abhandlung klar, daß, „wer sich in die ägyptische Kunst vertieft, eine Weile ihre Grenzen vergessen kann; denn ihre Schöpfungen haben den inneren Reichtum des in seiner Tiefe erfaßten Lebend/ Magischer Quadrat. In die Felder nebenstehenden Quadrats sind die Buchstaben AADFLLLLLOOOOO 0 8 derart einzutragen, daß die wagerechten u. senkrecht.Reihen gleichlautend folgendes bedeuten: 1. Eine Form des Skatspieles. 2. Ein Toilettenartckel. 3. Person aus einer modernen Oper. 4. Nordischer Männername. • Auflösung in nächster Nummer. Auslösung des Silbenrätsels in voriger Nummert Ilerculanum — Lulenspiegel — Aocturno - Bohrscbacli — Ibykui — Kanonier - Ironie — Birmingham — 8esostrts — Lralo — Nadelhölzer; Henrik Ibsen - Rosmersholm. u der S ch a ch - A ii f g a b e in Nr. 43 tmsereS Jamilien- blatteS, Weiß zieht und fetzt in fünf Züaen matt (Auflösung Nr. 44), ging unS von einem Mitglieds unseres Stadttheaters eine Lösung zu, die nur eine- Zuges zur Matlsehung bedarf. Indem matt T b 4 nach b 8 zieht, wird der schwarze König dilrch L c 3 matt- aeseht. Schttftleitung: Aug. Goetz. - Rotationsdruck urtb Verlag der Drühl'jchen Universitäts-BuA- und Steindruckerei, R. Lange. Gießen.