Mittwoch, den 2Y. MSr; Die arme Prinzessin. Roman von Fedor von Zobeltitz. (Nachdruck verboten. ^ (Fortsetzung.) Der Kandidat strich mit der Rechnen über seine hohe, etwas vorspringende und eckige Stirn. Da schwand die Falte, die auf ihr gelegen hatte, und es wutzde ganz hell in dem Augen und guten Gesicht. „Herr Herzog, es hat manche Stunde gegeben, in der mir bange wurde und ich fragtet mich: was soll werden, wenn du immer nur an andre denkst und am wenigsten an dich selbst? Ja, solche Zeiten kamen, denn ich bin eine gesunde Natur und frei von altruistischer Enipsindsamkeit. Aber gerade deshalb bin ich geblieben — ,aus Egoismus, 'aus dem Gefühl heraus, daß ich ein unglücklicher Mensche werden würde, wenn ich Gotternegg verlassen mußte. Durchlaucht haben gehört, was Jost vorhin sagte: ein Teil von ihm sei ich, ein Stück seiner Seele. Das bin ich. Ich habe nichts aus der Welt, aber ich habe ihn. Er gehört mir —z ja, er ist mein. Als ich hierher kam, wsar er ein Kind; ich habe ihn erzogen; ich habe sein Innerstes erschlossen, ich kenne jede seiner Regungen, ich weiß, was er denkt und fühlt, er ist mrr mehr als Sohn und Bruder und Freund. Ich möchte bei ihm bleiben, solange es möglich ist. Er'bedarf meiner, Durchlaucht, es steckt viel Gutes in ihm, das will noch geweckt werden und soll treiben. Er wird keilt Held werden unter dem Fürstenhut, uird vielleicht dennoch ein Held. Sie sprachen von ihm als unserm blassen Stillsitzer und ich wiederholte das. Aber so Gott w^ill, wird sich die Blässe in die frische Farbe der Gesundheit wandeln; Manches ist schon erreicht, viel wird noch, zu erreichen sein. Und da komme ich aus einen Punkt, den rch ungern berühre. Wer tnein Widerstreben nützt nichts, ich muß Eurer Durchlaucht die Wahrheit sagen. Der amerikanische Goldstrom wird sich vielleicht über Gotternegg ergießen, doch nicht über meinen Jost, lieber ihn gewiß nicht; wie ich ihn kenne, wird er jedwede Unterstützung von jener Seite strikte ab- lehnen. Unb — und, Durchlaucht — die beiden Kinder werden größer und die Anspriiche wachsen, und wenn nicht die Ansprüche, so doch die Pflichten der Erziehung!". . . Er brach plötzlich ab und blieb mit starkem Aufatmen stehen. Man merkte ihm an, wie schwer es ihm wurde, diese heikle Frage zu berühren. Der Herzog galt für geizig; jedenfalls war er kleinlich in Geldsachen — bis zu einem gewissen Punkte. Er konnte zögern und handeln und schachern, um dann aus einmal mit voller öaitb zu geben. So wurde auch jetzt sein Gesicht finster, lind er wiegte den mächtigen Landsknechtskops hin und her. „Hm," sagte er mit knurriger Stimme, „ein Drittel der Überschüsse aus Gotternegg silid für die Erziehung der Minderjährigen bestimmt — " „Durchlaucht, die Überschüsse sind durch die notwendig gewordenen Abschreibungen so minimal geworden, daß sie kaum für die Bedürfnisse des Fürsten genügten." „Sapperlot, wovon lebt ihr denn hier?" „Ich habe seit langem gehofft, Euer Durchlaucht würden einmal darnach fragen. . . ." Velten ärgerte sich über die absichtliche Blindheit des alten Herrn .,. . „Wovon wir leben? Madame Balsour kann darüber berichten, auch Bey- fuß. Aber das Leben ist das wenigste. Es schadet nichts, daß die Armut mit uns zu Tische sitzt und daß sich Prinz Jost ein paar Hosen von mir ändern lassen mußte, um seinen fürstlichen Bruder empfangen zu können —" „Daß dich die Schwerenot!" fluchte der Herzog. „Ganz richtig, Durchlaucht: es ist zuweilen eine schwere Not. Aber sie tut uns nicht viel, soweit sie das Materielle betrifft. Prinzeß Annemarie ißt einen Teller Dickmilch ebenso gern wie Rebhuhnpastete, und Prinz Jost schlüpfte mit frö^ lichem Lachen in meine Hosen hinein. Die Armut ist auch eine Macht: sie klärt die Seelen und stärkt den Charakter. Ich würde kein Wort darüber verlieren, kämen nicht Er- ziehungsfragen in Betracht —" „Verstehe," brummte der Herzog. „Es wird ia nun anders. Bolko bedarf der Ueberschüsse nicht mehr; da können sie gänzlich für die Geschwister verwendet werden." Es zuckte grimmig um die Augen Veltens. „Geizhals wollte er sagen. Aber er lächelte nur. „Die Ueberschüsse verbleiben bis aus ein Drittel dem Fürsten," erwiderte er, „daran ist nichts zu ändern. Außerdem kennen Euer Durchlaucht unfern Rentmeister schlecht. Wenn er ein paar tausend Mark übrig hat, konstruiert er die absolute Notwendigkeit, irgendwo eine neue Scheune zu bauen, ein Dach aufzufetzen oder eine Drainage anzulegen. Nur eine freie Hand kann uns helfen. . . ." Einen Aügenblick pausierte er; dann spielte er seinen letzten Trumps aus... „Auf die Zahlung unserer Gehälter haben wir seit länger als Jahresfrist nicht gedrungen. Aber wir bedürfen ihrer zur Lebensführung. Ich habe bereits ein kleines ererbtes Kapital in die Masse geworfen —" „Was?" schrie der Herzog, „Sie haben Ihre paar Kröten geopfert?" „Ich war so frei, Durchlaucht „Aber das ist ja eine niederträchtige Wirtschaft! „Gegen die Wirtschaft an sich läßt sich nichts sagen, das Niederträchtige liegt in den Verhältnissen." „Na also, Velten, das geht so nicht weiter. Ein Onkel ist zwar nur ein Onkel, und unsre Verwandtschaft mit den Gotterneggs datiert über einen Scheffel Erbsen. Aber knausrig sein will ich auch nicht —" „Das war's, was ich zu hören wünschte, Durchlaucht." — t _ „Kommen Sie morgen zu mir -- abends, zwischen Sechs und Sieben. Wir wollen einen Rehbock schießen und dabei die Sache besprechen. Wir haben sowieso ... ja, wir haben sowieso noch allerhand miteinander zu reden . . . Herr von Velten, ich weiß nicht: wenn ich Sie wäre, ob ich da geradeso handeln würde. Aber das kann ich Ihnen sagen: ich habe den 178 allerhöchsten Respekt vor Ihnen — aucb davor, wie Sie mich zu nehmen verstehen. Ich habe verschiedene scywache Seiten, und die wissen Sie resolut zu Packen. Das freut mich . . Er war wieder vorm offenen Fenster stehen geblieben . . . „Ist der Esel, der Bozenhardt, denn noch nicht da?" brüllte er hinaus. „Sum loco," rief eine knasternde Stimme zurück. Der Herzog machte zuerst ein erstauntes Gesicht, dann schmunzelte er und dann lachte er hell auf. „Haben Sie gehört, Velten?" fragte er. „Sum loco, schreit das Kamel. Das ist ein etwas fragwürdiges Latein, und ich taxiere, der Bey- fug hat es ihm einstudiert. Wenn Bozenhardt weitersauft, kann er über Jahr und Tag den Cornelius Nepos über-- setzen . . ." Unten staird die Digestionskarrete des Herzogs, und aus dem Bock saß Bozenhardt, die Zügel in der Hand, und sah sehr verschmitzt aus. Aber das „8um loco" stammte nicht von dem Herrn Schloßintendanten, sondern Bolko hatte es ihm zugeflüstert. Der war in rosigster Laune, hatte in seinem Mutwillen den beiden Braunen des Onkels ein paar glührote Georginen hinter die Ohren gesteckt und zeigte Annemarie soeben, wie man neuerdings bei Hose die Gavotte der Königin tanze. Dabei mußten Beysuß und Max, der grüne Groom, ein Paar bilden, was sie auch taten, doch nicht so recht mit dem Anstand, den die Gavotte der Königin verlangte. Max zitterte schon wieder und war angstbeklommen, und Beyfuß fand die Sache seiner nicht würdig. Aber Annemarie tänzelte munter über den Kies, hielt'das Röckchen gespreizt und machte vor Max ein unendliches Rokokokoinpli- ment. Max wurde rot, indes ein Ausdruck unbeschreiblicher Dummheit sein Gesicht beherrschte, und Beyfuß wurde immer ernster. „Finale!" rief Bolko endlich; die Madame kam, und oa mußte die Etikette gewahrt werden. Es kamen auch Jost und Otto, und endlich erschienen Herrfurth und Velten in der Tür. „Gib mir die Flosse!" schrie der Herzog Bozenhardt an. Mn der Hand des Kittschers wuchtete sich der Alte in dem Wagen; Max sollte helfen, aber er schob nur von hinten nach; es war anstrengend und ging nicht recht, und iutti Geistesgegenwart darzutun, stemmte Max seine rechte L-chulter wider die Rückenverlängerung des Herzogs und arbeitete gleichwie mit Hebelkrast. Das gefiel'dem Alten. Er grrsf \n die Westentasche, um dem neuen Boy ein Fünf- groschenftnck zu schenken, aber zwischen Vorsatz und Tat drängte sich bte Ueberlegung, und da ließ er es. Ein Lob- wort schien ihm genügend zu sein. „Ein famoser Bengel, euer Grunbubech rief er vom Wagen herab; „Bolko, der muj; deiner Frau bei der Hochzeit die Schleppe tragen! Beyfuß, vergeßt mir nicht den Krabbelandiewand! Au revoir .chere madam e ! Adieu, Jungens, adieu, Klein-Annemaries dein Rad schenk' ich dir, trenn du inir „Des Sängers Fluch" von rückwärts deklamieren kannst. Adieu, Velteii, adieu allesamt. . und Plötzlich fiel sein Blick auf Otto „wer ist denn das?" fragte er. dlunemarie zog Otto an den Wagen heran. „Gestatten Euer Durchlaucht vorzustellen: Herr Otto Reschke, des Bur^ ^ «s Sohn, Studiosus medicinä, — ä ist doch richtig? — demnächst Doktor, aber nur unpraktisch, pathologischer Ana- toilr oder anatomischer Pathologe, mit Aussichten auf be- aw b Zukunst, der beste Freund Josts und Bruder von Greteu Greten kennen Euer Durchlaucht; sie ist bei allen Sn!! T ^ e i ten vornweg und wird mit mir „Des Sängers ?nnch , von hinten angefangen, zu deklanliereu lernen* bemt daraus kann sich Onkel Rübezahl verlassen: mit dem Rad, da hilft ihm kein Drücken." „Annemarie," entgegnete der Onkel, „es gibt zwei Sck) davor sollen sich Jüngling und Mägdelein hüten. Beim Jilngling heißt das Sch Schulden, beim Mägdelein Anoddrig Also, Herr Otto Reschke — na, das freut micb Wer erleuchtet Sie denn in der Wissenschaft?" '* „Gehermrat Birchow, Euer Durchlaucht." . f te f Sie ihn von mir — wir haben uns °l t ™ b ,en Haaren gelegen und waren doch U L tb aucf) N^rem lieben Alten bestellen ^d wenn er mir wieder mal Holz ab- kansen will soll er nicht o grob sein. Der handelt wie ich n e L v? b neullc | hat er mir sageii lassen: alle Juden im Umkreise von zehn Meilen, die verständen zu- nicht so verflüchtig zu schachern wie merne Herzog- Ud > e Durchlaucht. Lieber Herr Reschke, das Wort war mir nne Wohliat; das Hab' ich dem buckligen Jsa7stohn wieLr- rrzählt, und da hat er ernsthaft genickt und gesagt: „Das ist wahr, Durchlaucht, wenn ich so zu handeln verstihide als wie Sie, da war' ich heute ein gemachter Mann." Das hat er gesagt. ..." Worauf der Herzog dröhnend lachte, noch eimnal mit der Hand, an der bereits der Lederne mit der geplatzten Daumennaht saß, einen Mschiedsgruß winkte und dann dem Kutscher auf die Schulter schlug. „Vorwärts, Bozenhardt!" Die Gäule zogen an. „Was hseißt der Tisch?" schrie der Herzog. „Mensa/ schrie Bozenhardt zurück. > Der Wagen fuhr um das Fliederboskett. „Was heißt krinms?" schrie der Herzog. „Der Letzte!" schrie Bozenhardt und hieb wütend aus die Pferde ein. Jetzt war der Wagen schon weit entfernt, aber man hörte doch noch ein auffahrendes Donnerwetter. Und der Himmel stimmte ein: es zog ein Wetter über Gotternegg, ein dicker Wolkenpacken stand über dem Schlosse, und der Sturm brach los. Er kam mit plötzlicher Wucht; er fuhr nicht quer durch die Luft, sondern gleichsam von oben nach unten; ein Regen von trockenen Testen und Blättern schauerte zur Erde. Annemarie schrie auf, uud alles eilte in das Haus, der grüne Max im Teckelgalopp mit schlotterndem Faltenwurf, und ganz voll ruhiger Würde, ob auch das Wetter- grob war, der Herr Schloßintendanl. (Fortsetzung folgt.) Die Suppe des )wün Manowltfch. Skizze von Fritz Leisler. (Nachdruck verboten.) Als die ersten, Kosaken über die Grenze schwärmten, war es s^cm m spat, zu fliehen, denn rmser Gut, das zwischen Wresttzken und Soczun lugt - heute allerdings muß man sagen: tag — mtam awbald Einquartierung und wir hatten alle -Hände voll zu tun, chea rin seligen und ausgehungerten Soldaten Väterchens zu befriedigen. Freister,, konnten wir nicht verhindern, daß maucyem armen Huhn hermtücki,cherweise der Hals umgedreht wuroe, oder daß ein fettes Schwein nach dem andern verschwand, aber wenn man sich nun einmal mit der Tatsache der Kosaken- ^oral aogefuuden hatte und vor allem, wenn mm weder in Wort 'chweri-and zu leisten sich erdrc,stete, war cs ein ganz >redliches Auskommen mrt den Burschen. Wir hatten einen Unteroffizier und etwa zwei Dutzend Mann U f bU hatte ihre liebe Not, die unersätt- lrchen Mäuler alle zu befriedigen. Se waren nicht sehr answnchs- voll, aber was sie bekamen, nuißte reichlich sein und gut gewürzt. Braten und backen mochte die Mamsell für die „Drackmannchen"- mcht gern, dafür kocche sie ihnen desüo msthr Suppm, steife Haferbreie oder wenn es hock.! kam ein tüchtig gepfeffertes Schwarz- feKff* r^i c luarcil m die Suppen und das hatten selbst, die Kosaken bald heraus. So lange die Herrlichkeit mft unseren Vorräten an.Erbsen, AoHnM und Linien wahrte gab es nie Anlaß zu Klagen, aber als sw erschöpft waren und die Kartoffelsuppe eine ständige Er- ^sttstzettel wurde, fing das Murren an. Besonders Iwan Iwanowilsch, der Unteroffizier, behauwete, sein Magen • r^ C t €rtra t en ' Gs hals ihm aber nichts, Mam,ell war nichl zu bewegen, ihm eme Extrawurst zu braten ^nsolgdesien entwickelte ftif) zloijchen Uni alten Niädchcn und eine herMtiche Feindschaft, die letzten Endes ^vch wieder die .Hühner und Hahne entgelten mußten. . „ Bitten, alles Drohen und Befehlen hast nichts: Kar- ^Muppe gehört^ auf den täglichen Tisch und Iwan Jwanowitsch mugte bald emsehen wie machtlos er m biefemt Falle war. stvar Ä^rtmal am Tag, er wolle „das deutsche Weibs-. MM den Hals umdrehen, aber wenn die Kärtoffelsuppc mifa ^?? Öen r^J+^ e ' m tätet* Fettttoße schwammen und an der kein ^alz gespart ivar, schmolz doch sein allzu hartes Fleisch und erlangte tüchtig zil. Aber wehe, iveun einmal weniger Fwti oder weniger Salz,darui war! Daun gab es ein sürchterliches Domier- wetter und Mamsell lief den ganzen Tag mit hochrotem GE ,ctucr Üi.l 1 ' Iwan Jtva nowitsch war noch eine Gl licke stunde Vorbehalten. Wahrend die Russen bei uns schwelgten und die Umgegend braiidschätzten, wälzten sich imMer größere feindliche; Grenze und die wildesteii Gerüchte drangen bis Un Cl ' ^amseltchen aus der Aufregung ß?** Tages als sie gerade dabei lvar, ihre Kartosfelfupp« Es, dw Deutscheu Tönten. Mämsellchen hätte «m liebsten laut aufgeiUbelt. aber sie durfte sich ja nicht verraten Dingen verstanden die Herren Kosaken keinen Spaß uiid v^lvan Jwarrolvitich hätte die Gelegenheit, unser arnres Main- 179 Wch mfm über das verdorbene Gericht, und im Geiste sahen wir Aion den roten Hahn auf unserm Dache. Aber es blieb alles still — unheimlich! still. Es war, als planten die Unmenschen irgend eine besondere Rache. Unsere arme Mamsell ging bleich wie der Tod einher. In dieser Nacht voll schrecklicher Llbnungen hat keiner von uns ein Auge zugemacht ünd Mainsellchen gelobte im Stillen, wenn sie diesmal noch mit dem Leben davonkäme, wollte sie morgen den Kosaken eine be--? sonders gute Kartoffelsuppe kochen. . . Auch! am anderen Dage blieb alles ruhig. Die Kosaken waren schon früh ausgeritten, um zu kundschaften oder — um ihren furchtbaren Streich gegen uns vorzubereiten. Unsere Angst war noch nicht verschwunden. Mamsellchen aber blieb ihrem Gelübde treu und kochte eine Kartoffelsuppe, nach der sich, wie sie meinte, der Zar selbst die Finger hätte lecken können. . Uw die Abendzeit kamen unsere Kosaken zurück und brüllten wieder nach Essen. Iwan Jwanowitsch mqchte ein Gesicht, als wollte er Uns alle ans sein Bajonett spießen. Mamsellchen trug siegesgewiß ihre Suppe auf. Gierig wartete ne in der Küche ans ein allgemeines Freudengeheül. Ja, diese Kartoffelsuppe war ihr Meisterstück! Das Geheul brach auch programmmäßig aus, aber Mamsell erlebte keine Freude dran. Unter ein paar wuchtigen Kosakenfußtritten splitterte die Kuchentür ausemander. Mit verzerrtem Gesicht, blaurot vor Wut sprang Iwan Jwanowitsch in die Küche. Mit einem brutalen Grift schüttelte er die erschrockene Mamsell hin und her. Weißer Schaum stand ihm vorm Munde und fürchterliche Kosaken fluche sausten ans das arme Mädchen herab. Endlich ließ er sie los, aber nur, um. seine Knute zu schwingen, die rm nächsten Augenblick auf Mamsellchens bleiches Gesicht geklatscht wäre, wenn ich, durch den Lärm angelockt, nicht dazwischen getreten wäre. Mit Mühe gelang es mir, Jlvan Jlvan olvitsch solveit zn beruhigen, daß er die Ursache seiner Wut angeben konnte. Nun, da hatten wir die Mahlzeit! r "Derr Kartosfelsnprp! Derr Kartoffel supp'!" brllllte er fort- geietzt. Wir versuchten, ihn: klar zu machen, daß uns das Vorkommnis leid täte, daß wir aber alles getan hätten, um heute! me stippe sjo delikat wie möglich ztr machen.. Hwan Jwanolvitsch hörte gar nicht zu. Seine einzige Antwort war immer wieder: „Derr Kartoffelsupp!" Aber als Mamsellchen sich soweit von ihrem Schrecken erholt Hatte daß sie sich selbst verteidigen konnte, fuhr Iwan Jwano-, wltsch Nean: „Du verd.Deutschmensch! Iwan Jwano« witsch lml l sich Kartoffel supp mit die kleine Krebs, oder." .. A'le GevEe war nicht mißzüver stehen. Seine „Kartoffelsnpp Mit die kleine Krebs" aber hat Jlvan Jwanolvitsch dock) nicht mehr Kommen, denn noch in derselben Nacht kamen die Deutschen Wi r kl ick'i. Der neue vien?tanzug. Ein Kriegscrlebnis. Das erste und dritte Bataillon waren in der Morgcndämme- rung Mif einer über Nacht gebauten Pontonbrücke über den Muß vlngestoßen, lou i.Ulten zunächst am linken Ufer in ReservesteUung lregenblnben inrd erst, am nächsten Tage folgen, wenn die beiden anderen Bataillone euren genügend starken Brückenkopf angelegt hatten. In den russischen Schützengraben war es still und ruhig, nur hur und wieder knallten ein paar vorlaute Gesellen in dev Gegend herum; zum Angreifen aber schienen sie keine Lust zu haben. Las war unserem Regiments stab, der Lei uns auf den: linken Ufer lag, recht nach dem Herzen, denn wenn die Russen an gegriffen Hätten, dann wäre es wohl kaum möglich gewesen, die weit vorgeschobene Stellring zu halten, da das Gros unserer Armee ans den morastigen Wegen nur mühsam vorwärts kam. Und noch einen guten Tagemarsch von uns getrennt war. Erst zwei Tage später, als unser Kor^ längst den ganzen Flußlauf besetzt hatte, griffen die Russen im Morgengrauen unseren inzwischen recht stark befestigten Brücken- köpf an, indem zugleich ihre Artillerie wie. unsinnig darauflos! schoß, allerdings ohne besonderen Erfolg, denn die meisten Granaten platzten im Wasser. Gegen Mittag wurde das Feuer aber schwächer und schwächer. Offenbar hatten sie nicht mehr genügend Munition, und das sollte ausgenutzt lverden. Unser Bataillon ging unter dem spärlichen Feuer zugweise über die Brücke, um zunächst die beiden anderen Bataillone zu unterstützen, die sim gegen hageldichte Schützenketten zu wehren hatten, und dann m gemeinsamem Gegenangriff den Feind wieder in seine alte Stellung zu iverfen und Kampfraum für die nachfolgenden Truppen zu schaffen. Wohlgemut ging es vorwärts, aber noch nicht zwei Kompagnien waren über den Strom gegangen, als eine einsame Granate mitten auf der Brücke zersprang und ein Joch zerstörte. Langsam sanken die beiden Pontons mitsamt den Lauf- brettern und Geländern in die Tiefe. Ein paar beherzte Leute der o. Kompagnie erboten sich sofort, die Brücke inmitten des heftiger werdenden Gewehrfeners auszubessern, und in wenigen Minuten hatten wir auch schon das gesunkene Brückenstück durch einige Planken und ein paar MaurerUammern ersetzt, so daß der Rest ms Regiments mit nur wenig Zeitverlust den Fluß überschreiten konnte. Heinrich Walldorf, der sich schon in Frankreich das Eiserne Kreuz geholt hotte und jetzt bei dem Fernsprechtrupp war, legte unterdessen ruhig feinen Draht und gab dann mit Gleichmut und Gelastenhut die Befehle des Regimentskommandeurs weiter, der noch auf dem linken User weilte. Als ob er gar keine Nerven, habe, lag der „Hängtsie" gemütlich auf dem Rücken nnd rief den Kameraden, wenn er gerade Zeit hatte., ein Scherzwort, einen oder flonst etwas zu, worüber sie lachen mußten. Plötzlich, als die Russen mit frischen Kräften gerade einen neuen Angriff Machten, um uns um jeden Preis zurück und in den Fluß zu werfen, schnitt Walldorf eine höchst lächerliche Grmiaffe und redete voller Eifer und Unmut in den Fernsprecher hinein. Auf einmal sprang er auf unk fuchtelte mit den Händen ut der Luft umher. „Da soU doch lieber gleich der Teufel hineinfahren, als so erne verflixte Mikadokngel!" rief er und schüttelte zornig den Kopf.. „Hat mir doch das verdammte Rnssenpack meinen Draht kaput geschossen. Jetzt sitzen wir da mit unseren Talenten und öer Oberst drüben, und können drahtlos telephonieren, wenn wir Lust haben. Jetzt ist die Verständigung futsch!" ... Trotz dem Ernste der Lage mußte ich über seine komische Entrüstung lachen, ober er. hatte recht: wir saßen unter Umständen schon m der Tinte, wenn die beiden Stäbe keine Verbindung mehr hatten. Die Leitung auszubeffern war unmöglich, denn wie hätte man in dem heftigen Feuer mitten im Fluß die zerrissenen Drähte suchen sollen! Wie sie ausbessern! Glücklicherweise flaute der neue Angriff der Russen abermals ab, denn unsere Maschinengewehre, die vorzüglich ausgestellt waren, hatten die dichten Reihen förmlich niedergemäht. Mio von dem hohen Uferdamm aus sah man das ganze ,veile Blansteld mit Luten, Verwundeten und Flüchtenden bedeckt. Kein Geviertmeter Boden, auf dem nicht ein Russe gelegen hätte. Was ubng war, wälzte sich in toller Flucht waldeinwärts. Lachend atmeten nur ans. In diesem Augenblick kam der Bataillouskommandeur heran und fluchte iuie ein Fuhrmann, weil kr. keine Antwort vom Regiments stab bekäme. Als er von dem Mißgeschick hörte, rief er sofort nach Freiiviltigen, die sich über den Muß zu schwimmen trauten, und beim Regiment Bericht erstatten sollten. . Sofort sprang Walldorf vom Boden, und da sonst niemand in der Nähe war, der schwimmen konnte, wurde ilstn auch gestattet, den ziemlich reißenden Strom zu überqueren. Ohne weiteres zog er sich aus, schnallte das Koppel um die nackten Hüften, um daran einen neuen Sprechdraht nachzuziehen, und stieg entschlossen in die kalte Flut, die noch immer unrer dem Feuer des Feindes lag. Mit bangem Herzen folgten wir dem lvackercn Mann, der schwer gegen die Strömung zu kämpfen hatte, und dazu nock' durch den Draht behindert wurde. Rund um ihn schlugen Granaten ein und Gelvehrgeschosse, aber unverdrossen strebte er vorwärts .und erreichte nach einer guten Viertelstunde glücklich das andere Ufer. Wir beobachteten ihn, lvie er vorsichtig aus dem Wasser kletterte, den Draht ordnungsmäßig nach sich zog, befestigte. und dann den Damm hinanstieg. Hell stand sein Körper vor dein duntten Wald, der ein Stück weit vom Ufer begann. Es Mißte für die da drüben eine eigentümliche Sehenswürdigkeit sem, denn trotz des feindlichen Feuers sprangen die Mannschaften auf und umringten ihn. Wrr hörten deutlich ihr Gelächter, aber wir sahm durch unsere Gläser auch, wie Wall- dors unberührt davon seinen Weg verfolgte und dann vor dem ebenfalls lachenden Regimentsführer in seiner ganzen paradiesischen Schönheit, nur mit dem Koppel angetan, stramm und aufrecht feine Meldung machte. Wir sahen, wie ihm der Oberst gnädig zulächelde, wie er ihm die nasse Hand schüttelte, wie Walldorf stramm seine Wendmrg machte und wieder anr den Fluß znschritt, um herüberzukomnien. Und er kam. Triefend und zähneklappernd stieg er aus dem Wasser, begrübt von den lauten Beifallsrufen seiner Kameraden, machte er, ohne auch nur den Vdund zu verziehen, bei dem Bataillonskommandezrr seine Meldung, wie er es zuvor bei dem Rcgimenlsführcr getan hatte. „Das haben Sie brav gemacht ,K>amerad!" sagte der Major lächelnd. „Ich werde Sie znm Eisernen Kreuz ciiircichen und dabei auch den neuen Dienstanzug da nicht vergessen. „Das Kreuz Hub ich schon, Herr Major!" „Mchtig! Na, so kann man das nicht sehen! Also was anderes! Aber zie'hen Sie sich nur an, damit Sie sich Nicht erkälten." Am nächsten Tag, als wir die Russen nicht nur aus ihrer alten Stellung, sondern noch ein paar tausend Meter weiter zurückgeworfen hatten und abgelöst worden waren, erhielt Walldorf zu seineni Kreuz auch die Tapferkeitsnuchaille. „Wenn das so weiter geht, dann krieg ich auch noch den Pour le mßrite," sagte er feixend. Und mit seinem auffälligen, federnden Gang, über den wir so gelacht hatten, als uns Walldorf zum erstenmal begegnet war, ging ec langsam und kopfnickend davcm. vermischter. * S o l d a t n n d B ü r g e r. Auf die versckiedenartigeSchätzung die der Soldatenstand im Lause der Zeit erfahren hat, mach! die bekannte Famiiienzeitschrist „Das Buch für Alle" (Union, Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart) in dem neuesten, wiederum sehr viel Abwechslung bietenden Heit aufmerksam. Aus gMem Eisen, sagt ein chinesisches Sprichwort, macht man keine Nägel, aus tüchtigen Menschen keine Soldaten. Und diese Meinung, daß der Auswurf der Menschheit für den bunten Rock gerade gut genug sei, hat unter allen Kulturnationen bis ins 19. Jahrhundert hinein bestanden. In Bayern zum Beispiel wurden Schwerverbrecher noch am Ende des 18. Jahrhunderts zum Militärdienst verurteilt, was mit Znchthausbestrafuiig auf der gleichen Linie stand. Ein Umschwung bahnte sich schon durch Friedrich ben Großen und weiter durch die Reformen Scharnhorsts und die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht an. Aber selbst dann blieb zunächst noch in weiten Kreisen die Geringschätzung des Soldatenstandes bestehen. Die Stadt Berlin kam noch im ersten Jahrzehnt nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht wiederholt darum ein, ihren Bürgerföhnen möge das Dienen erlassen werden. Der Oberpräsident v. Schön sagte in Königsberg zu einem Herrn v. Wolff, der in Uniform erschien: „Sie kommen in Livree und könnten den Rock des freien Mannes tragen I* Bunsen stellte in London das militärische Gefolge Friedrich Wilhelms IV. in Bausch und Bogen vor: „Das da sind preußischen GardeoPzierel" Wie anders heute, wo bei unS und unseren Bundesgenossen des Königs Rock das beste aller Ehrenkleider ist. Wir wissen gut genug, warum, und erleben die Gründe für diese Wandlung alter Anschauungen voller Stolz und Begeisterung jeden Tag. So hat der Soldatenstand die ganze Skala der Wertungen durchmessen - von der tiefsten Verachtung bis zur unbedingten Hochschätzung. * Bismarcks Konfirmationsspruch. Superintendent Pank, der Prediger an der Dreifaltigkeitskirche in Berlin, der später in Leipzig amtierte, pflegte, wenn er feinen Konfirmanden ihren Konstrmationsspruch sagte, daran die Bemerkung zu knüpfen: „Diesen Spruch müßt ihr euer ganzes Leben hindurch als treuen Begleiter im Gedächttiis bewahren, wie es Fürst Bis,narck getan hat!' Und dann erzählte er, wie er im Jahre 1880 mit dem Fürsten zusammengetroffen und wie dieser, als er vernahm, daß Prediger Pank an der Dreifaltigkeitskirche amtiere, gesagt habe, dort sei er auch einst von Schleiermacher konfirmiert worden. »Wissen denn Eure Durchlaucht auch noch/ so habe Pank gefragt, „Ihren Konfirmationsfpruch?" — „Ja/ antwortete der Fürst, ^er lautete: „Was ihr tut, das tut dem Herrn und nicht d^n Menschen." „Nicht wahr/ hatte Bismarck hinzugefügt, „ein besserer Spruch konnte mir nicht gegeben werden!" Zn Hause erzählte dann Prediger Pank seinem Küster von dies^Begegnung mit dem Fürsten, der Küster blätterte in alten Konfirmanden-Registern und man jand, daß gerade der fünfzigste Jahrestag der Konfirmation Bismarcks bevorstand, und da meinte der Küster, man mflffe dem Reichskanzler einen Jubilänniskonfirmattonsschein schreiben. Das geschah; der Schein, der mit einfachen Randzeichnungen um den Text und mit dem Bilde Schleiermachers geschmückt war, wurde von der Fürstin Bismarck dem Gemahl an seinem Gedenktage auf den Frühstückslisch gelegt. Fürst Bismarck freute sich sehr über diese Gabe, die fortan seinen Schreibtisch schmückte, und zum Prediger Pank sagte er bei der nächsten Begegnung: „Der Spruch soll mein Lettstern bleiben I" Bücherlich. — Das literarische Echo. Halbmonatsschrift für Lite- raturfreunde. Verlag: Egon Fleischel & Co., Berlin W. 9. 2>oi 1. Aprilheft ist soeben mit folgendem Inhalt erschienen: Harry Mayc: WaS singen unsere Soldaten im Felde?; Anton Bettelheim: Marie v. Ebner-Eschenbachs „Stille Welt"; Stefan Zweig: Eine Faksimileausgabe; Friedrich Rosenthal: Der Schauspieler in der Literatur II; Kurt Martens: Flugschriften über den Krieg IX« — Echo der Bühnen. - Echo der Zeitungen. — Echo der Zeitschriften. — Echo des Auslandes. — Kurze Anzeigen usw. - BongS illustrierte Kriegsgeschichte „DerKrieg 1914/16 in Wort und Bild". 69.-71. Heft. (Preis je 30 Pfennig.) Deutsches Verlagshaus Bong & Eo., Berlin W. 57, Potsdamer Straße 88. — Band Nr. 1054 von Kürschners Bücherschatz: Vier Könige. KriegSroman von A. Gaber. 113 Seiten Umfang. — Preis 20 Pfg. - Hermann Hrllger Verlag, Berlin W 9, Potsdamer Straße 124/125. — Das Schwert d e 8 Geistes. Ein KonfirmationS- eschenk. Gottes Wort für den täglichen Gebrauch, ausgervählt, mit eitwort und Lesetafel versehen von H. Schöttler, Generalsupertn- tendent von Ostpreußen. - Handausgabe : Oktavsormat. 43V Seiten stark. In Leinen gebunden 2 Mk., in echtem Leder 4 Mk. — Berlin W. 35, Verlag des Evangelischen Bundes. — Der Bölkerkrieg, illustrierte Chronik seit dem 1. Juli 1914. Heft 69, 70. Preis je 30 Pfennig. Bearbeitet und herauS- gegeben von Dr. C. H. Baer, Verlag von Julius Hossmaim, Stuttgart. — „Das Gröbere Deutschland". Wochenschrift für deutsche Welt-, Kolonial- und Kulturpolitik. (Verlag »DaS Größere Deutschland", Dresden A., Wallsttaße 15.) Das sehr reichhaltige Heft 19 derZeitschrift enthält folgende ivertoolle Beiträge: Major a.D. Romberg: „Die Fürsorge für die kriegsverletzten Offiziere." Prof. Dr. Großmann: „Englands Kampf gegen die deutsche chemische Industrie." Prof. Dr. Pohl: „Der Untergang des Dampfers „Friedrich Arp". Cornelius Himber: „Ein Blick auf die Schweiz". Dr. Rud. Roeder: „Die Tätigkeit der deutschen Banken im Weltkrieg". Erich Lüienthal: „Deutschland, Deutschland über alles". — Rudolf Dämmert: Der serbische Feldzug. Erlebnisse deutscher Truppen. Mit 67 Abbildungen aus Kunstdruckpapier und 2 Karten. In festem Umschlag mit Titelillustration Mk. 2,—. In Leinen gebunden Mk. 8,—. Verlag von Bernhard Tauchnitz, Leipzig. - Der Honorarertrag ist dem General-Feld- marschall von Mackensen für die Kriegersürsorge zur Verfügung gestellt. _ lcönigspromenade. Man darf die einzelnen Wörter und Silbe»t nur in der Weis« miteinander verbinden, daß man — wie der König auf dem Schachbrett — stets von einem Feld an« auf ein benachbartes übergeht. rühm' ich beste von wie die se weit allen so fallen zer haar 'ichlech und entzwei sie rühm' um ein zu ter fie ging' daß ich möglich ohne schlecht fen fie er als A sei so schaf Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Kreuzrätsels in voriger Nummexz S H P eia brr Sebas tian Hirso kkah Parth enoA i k n a n o n h n Schristleitung: Aug. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Brühlfchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.