Die arme Prinzessin. Nom an von Fedor von Zobeltitz. (Nachdruck verbaten.) (Fortsetzung.) Nun läutete die Dorsglocke den Feierabend ein. Das Sonneurot war blaß geworden, wie matter Dunst über schwelendem Feuer, und die Schatten verstärkten sich. Ein feiner Nebelumzog die Wälder des Fläming. Der Himmel nah-m an Bläue zu, die sich, dunkler schattierte- die Lichter- funkcn in der Natur erloschen einer nach dem curdern. Der ganze Glanz verging, und die Dämmenmg Hub an „Ich muß heim," sagte Annemarie. „Ist das nicht Bey- fuß, der mich holen will?" „Ja," entgegnete Otto und äugte über die Wiese, „das ist er. Und ich weiß auch, weshalb er kommt. Mit mir im Zuge fuhr Ihr Herr Bruder, Durchlaucht der Fürst." „Was — Bolko'?" Der Student nickte. „Unerwartet wie ich. Wir haben uns einen Leiterwagen genommen nird sind hergerattert; ich stieg aber schon am Borwerk aus. Ihr.Herr Bruder war in Zivil. Dabei eine Frage, Durchlaucht: Wie geht es Prinz Jost?" . . „Nicht gut, Herr Neschke. Er hat ewig 'was; er ist schrecklich zart. Sie besuchen ihn doch?" „Aber natürlich. Notabene, wenn Sie glauben, daß er es gern sieht."' „Ach, Herr Reschke, das ist doch selbstverständlich!"... Annemarie zuckte mit den Schultern. Und dann fragte sie neugierig: „Sind Sie schon Doktor?" „Nein, noch uichit. Uebers Jahr vielleicht." „Und wahrhaftig Mediziner?" „Wahrhaftig Mediziner. . Beyfuß kam näher. Seine Silhouette wuchs: ein kantiges Schattenbild. Es war alles eckig an dem Mann; die Schultern, sielen fast rechtwinklig, ab nnd das Gesicht bildete ein hartes Viereck. Das war Beyfuß, der letzte der Getreuen. Er war einmal Feldwebell-eutuant gewesen, zur Zeit, da es diese Charge noch gab, und war dann auf allerhand Umwegen Schloßverwalter in Gotternegg geworden. Aber er wohnte mit seiner Frau, an der, im Gegensatz $u ihm, alles rundlich war und geschwungene Kurve, allein im Schlosse. Residenz des Fürsten war schon seit lanaen Jahren, seit Auslösung des Hofhalts und dem Zerfall der Glorie, daS „alte Haus". Sechs Schritt von der Gruppe entfernt blieb Beyfuß stehen und zog seinen Zylinderhut: ein Monstrum von Hut, im Schwarz eine Bronzetönung und die Krempe nebelgrau. Auch der dunkelblaue, langschjößige, eng zugekiröpsteRock mit seinem hohen Kragen und dem merkwürdigen Faltenfall der Schöße hatte etwas Borweltliches und Unwirkliches. Beyfuß stand wie angegossen und sagte kein Wort, und die Prinzessin ries: „Lieber Bevfuß. ich komme schon! Sie woll'n mich doch holen? Soll'n wieder einmal der Koni- stabler sein? Ich konrme schon . . ." Und dann gab sie Grete einen Kuß und Otto die Hand nnd ging auch wirklich Sie schritt nicht, sondern sprang au der Sette von Bew suß daher. Es war ein lustiges Tänzeln, und nicht auf dein schmalen Wege, mondern im Wiesengrün, ein Zucken der Füße und Stehenbteiben und wieder ein Weitehr Hüpfen. Alb- weiten lief sie voran und machte dann kehpt und lief wieder zurück oder raffte eilte Handvolt Butterblumen und Margareten aus dem Grase auf oder pflückte eine Pusteblume und zerblies sie in die Luft. Und hatte hundert Fragen: Wie sieht Bolko ans? Ist er ivirklich auf einem Üerter- wagen gekommen? Trägt er iinmer noch die Schnurrbartenden spitz in die .Höhe? Hat ihn Jost schon gesehen? Schläft er im roten Zimmer oder im Delfter Kabinett? Was hat Madame zu dem Uebersalt gesagt? Gibt es Quark znm Abendbrot oder nein, heute gibt es wohl einen warmen Braten? — So fragte sie nnd noch viel mehr. Beyfuß antwortete immer sehr kurz, aber äußerst respektvoll und mit einer halb heiseren, wie eingerostet klingenden Stimme; uird wenn er antwortete, neigte er devot das Biereck seines Kopfes nach dem Rechteck der Schulter hinüber. Mötzlich blieb Annemarie stehen. Am Parktor tauchte eine^große, vierschrötige Gestalt aus. „Herr Belten!" rief die Prinzessin und lief dem Hünen mit ausgebreiteten Annen entgegen. Der fing sie auf, strich rasch einmal mit seiner starken Hand zart und leicht über ihr Haar nnd faßte sie dann, Beyfuß hinter sich lassend/ an die Rechte und schritt links weg mit .ihr in den Park hinein. „Prinzessin," sagte er, „ich bin Ihnen entgegen gekom-- men, weil ich ein Wort mit Ihnen sprechen wollte. Ihr Bruder Bolko ist eingetroffen, Sie wissen es, und morgen wird Fürst Hemfurth erwartet, und ich denke mir, da wird es wieder allerhand Szenen geben —" „Denk' ich mir auch," siel Annemarie lachend ein. „Nun ja, dagegen ist nichts zu machen, nnd zur Klarheit muß es schon kommen. Aber ich habe Sorge um Jost. Er ist so leicht erregbar und seine Gesundheit sowieso nicht die beste. Ich möchte ihn von den Unterredungen zwischen dem Fürsten Herrfurth und Bolko fernhalten — und davet sollen Sie mir Helsen, Annemarie." Die Prinzessin nickte und hing sich an den Arm BeltenSr. „Das tu' ich gern," sagte sie. „Es ist richtig: Jost regt sich nur auf, und Bolko macht doch was er will. Aber bet den Verhandlungen wird Jost notwendig sein! Wenn Bolko wirklich abdanken nruß, geht der Fürstentitel auf Ihn über." „Das sind Diuae fanntieurechtlicher Natur, die sich von selbst verstehen, jedenfalls nicht zu vermeiden sind. 5)ch meine: dagegen kann sich Jost gar nicht wehren. ?lber das Vorher möchte ich ihm ersparen. Sie üben einen starken Einfluß aus ihn aus. Sagen Sie ihw, es sei durchaus nickt 126 — nötig, das; er der Aussprache beizuwohneir habe, und versuchen Sie ihn zurückzuhalten. Er kann ruf)hj in seinem Zimmer bleiben." Annemarie roch an einer Rose am Wege. „Gut. Ich weiß sogar noch etwas Besseres. Der Otto Reschke ist angekommen. Ich werde Beyfuß zu ihm schicken, er möge morgen früh Jost besuchen." „Sehr schön. Das ist vortresslich. Die betbeu Freunde werden sich viel zu erzählen haben, und dann hat Jost seine Mlenkung. Ich danke Ihnen für die gute Idee." Annemarie knickste. „Es ist mir eine Freude gewesen, Monsieur. Ich sage Monsieur, weil wir heute unfern fraw zösischen Tag haben —" „Eh bien — eontinnons eit franyais —" „Halten Sie Monologe!" ries Annemarie. „Ich habe Hunger und will erst einmal in die Küche, zu sehen, ob es zu Ehren Bolkos einen Festbraten gibt! Au revotr, Monsieur le Baron! . . ." Das war er wirklich. Er war ein Freiherr von Velten und Paßte mit seiner Armut in dies Fürstenhaus, ans dessen Krone das Gold verblichen war. Er stand mutterseelew allein auf der Welt und war der Letzte seines Geschlechts. Da hatte er den Freiherrn aufgegeben und fallen lassen, wie ein nutzlos gewordenes Kleidungsstück, wie etwas Abgetragenes oder auch wie eine hindernde Last. Vor fünf Jahren war der arme Kandidat nach Gotternegg gekommen, damals in der Hosfnung, in Muße seine Studien' beendigen und sein Gehalt als Sparpfennig zurücklegen zu können. Er hatte gerechnet, ein Jahr werde er hier bleiben, nicht länger. Nun waren fünf daraus geworden, und ein Jahr reihte sich an das andere, und es wurde eine Kette, die ihn fester und fester umschlang. Er hatte Jost und Annemarie heranwachsen sehen, und an der liebevollen Zärtlichkeit, die ihm die Geschwister entgegenbrachten, erwärmte er sich sein verwaistes Herz. Auch diese Kinder standen allein wie er selbst, und es wäre ihm schwer geworden, sie zu verlassen. Denn er war ihnen mehr als der beratende Mentor: er war ihnen Vater und Mutter zugleich, er hegte eine um so größere Liebe zu ihnen, als sie in einer Dürftigkeit lebten, die sich auch durch Fleiß und Arbeit nicht bannen ließ: sie waren bemitleidenswert und wollten es doch nicht sein. Da hielt er denn aus in dieser freiwilligen Verbau- nung, von entern Jahr zum andern, und noch mehr konnten es werden. Er zwang sich, nicht an die Zukunft zu denken; er wollte es nicht. Er sschante Annemarie nach, die hurtig davonsprang. Ihr dunkelrotes Wollenkteid flammte noch ditrch das Grün, das sich in Fliederhecken über den Rasen schob. Sie war querüber das Rondell gelaufen und mitten durch die Boskette und streifte im Fluge ein paar Hände voll Blätter ab, die warf sie in die dunkelnde Luft. Dabei stieß sie einen jubelnden Schret aus, einen Jauchzer, unartikuliert, einen Laut der Seligkeit. Sie war immer voll Frohsinn und jauchzte oft grundlos, als müsse der Sonnenschein, der ihr Herz füllte, sich in Tönen ausströmen. So war die Kindheit Annemarie«-