Am toten Sro Vornan von RobertKohlrausch. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Breitenbach hatt-e das Papier ergriffen, gab aber durch Kopfschütteln zu erkennen, daß er nichts daraus entdecken könne. Sck>e inbar im Bemühen, besseres Licht zu bekommen, trat er dann ein paar Schritte weiter an die Glastür heran, die nach dem Park hinausführte. Sobald er ihr aber mit ruhigen, scheinbar gleichgültigen Bewegungen ganz nahe gekommen tvar, verwandelte sich plötzlich sein Wesen. Er schleuderte das Papier mit jäher Gewalt beiseite, riß die Tür auf und stürzte hinaus. Eine Sekunde lang waren alle vor (Überraschung gelähmt. Bassow gewann aber gleich die Geistesgegenwart wieder urrd rief - „Ihm nach, ihm nach! Er ist der Mörder!" Jetzt kam rasches Leben auch in die übrigen. Während der eine Gendarm den Gefangenen, der hysterisch zugleich lachte und weinte, beim Arm packte, daß er nicht auch zu fliehen versuchte, rannte der Wachtmeister, in den Park hinaus, während Bassow hinter ihm her schrie: „Sein Pferd staub gesattelt auf dem Hose, als ich kam: auf ihm wird, er fliehen wollen." Hinauseilend sah er, daß der Wachtmeister seiner Weisung folgte und sich nach links in das Hans nw.udte, um über den Flur auf den Hof zu gelangen. Laufend nahm Bassow denselben Weg: ein wenig langsamer, doch gleichfalls ungewohnt beweglich folgte der Staatsanwalt ihm nach. In die Tür vom Schlosse zum Hof hinaus tretend, sahen sie noch eben, wie der Gendarmeriewachtrn elfter, dessen Pferd gleichfalls gesattelt geblieben war, zum gegenüberliegendeil Hoftor hinaussprengte. Ein paar Sekunden lang hörten sie noch den eiligen Husschlag auf der Landstraße, dann kam eine plötzliche Stille, in die nur die Schläge der Dreschmaschine gleichinäßig und friedlich hineintönten. Sie stairden, schwiegen und horchten, llild nun kam durch die ruhige Luft ein Ton, der sie zusammenfahren ließ, — der Klang von ztvei rasch aufeinander folge:.den Schüssen. Dann war es wieder still, bis der Laut eiliger Hufe neu erwachte, näher kam und sich verstärkte . . . Und jetzt erschien auch die Gestalt des Gendarmen wieder im Hoftor, der auf sie zugaloppierte, und dem sie nun ent- gegeneilten. „Was hat es gegeben? Was ist passiert?" „Ich habe ihn vom Gaul heruntecgeschossen, — es war Notwehr, Herr Staatsanwalt. Wie er benrerkt hat, daß ich mit meinem guten Pferd ihn: uähergekommen bin, da hat er sich umgewarrdt und hat auf mich geschossen. Die Kugel ist ganz nahe an meinem Kopfe vorübergeflogen. Aber da habe ich auch meinen Revolver herausgerissen und habe ihn mir herunteraebolt. „Und jetzt, — wo ist er?" „Auf der Landstraße liegt er in seinem Blute. Wiy müssen eine Bahre haben, um ihn hereinzubringen." „Ist er tot?" „Nein, — aber —" „Aber was?" „Ich glaube, er hat genug." Einen Augenblick schwiegen alle. Dann sagte BassotH sehr ermst: „Wir wollen es ihm wünschen. Dieser Tod wäre besser als ein anderer." 14. Kapitel. Man hatte den Verwundeten, Bewußtlosen aus einer Bahre in sein Schlafzimmer getragen, an dessen Tür der eine der Gendarmen Wache hielt, obwohl jede Möglichkeit einer F-lucht ausgeschlossen erschien. Der Kammerdiener Breitenbachs und eine auf Lünzin alt gewordene Beschließerin waren um ihn bemüht, nachdem der Staatsanwalt und Bassow die nächsten Maßregeln persönlich angeordnet hatten. Jetzt saßen sie einander aegeniider in dem Zimmer, wo vor kurzen! das daun so plötzlich unterbrochene! Verhör stattgesunden hatte, und warteten auf das Erscheinen des Kreisphhfikus, au den sogleich telephoniert worden war. Bassow berichtete ausführlich über das Erwachen seines ersten Verdachtes gegen Breiteubach, über den geheimnisvollen Ton, der bei dem Unfall des Knaben von der Mordstelle am toten See nach Garchim hinüberaedruugen mar und so den Weg zur Ermittelung der Wahrheit gewiesen hatte, über die spätere Nachforschung in Berlin und Rostock. Der Staatsanwalt hörte aufmerksam, aber ein ivenig ärgerlich zu, weil die Ueberführung des Verbrechers ihm selbst nicht gelungen n>ar, und sagte schließlich: „Einen Vorwurf kann ich Ihnen doch nicht ersparen, Herr Baron; Sie hätten dem Gerichte schon weit eher von Ihren Wahrnehmungen Mitteilung machen müssen." „Mag sein, Herr Staatsanwalt. Aber cs gab da besondere Umstände, über die ich mich nicht näher äußern! möchte, die niir's erwünscht machten, persönlich den Verbrecher zu ermitteln." „Ja, dieser Breitenbach! Ich nruß Ihnen fugen, imponieren tut er mir nachträglich doch in gewisser Weise. Wenn ich bedenke, mit welcher'lächelnden Ruche dieser Mann hier die Ausschlüsse über seine Vergangenheit anhörte, die ja' nun auch wohl sicher als richtig angesehen werden müssen, wie er es mit anschaute, daß die Schlinge um ihn fester und fester ungezogen wurde, da muß ich doch sagen: alle Achtung!" „Soweit inan Achtung haben kann vor solch modernem Herrn und (Übermenschen, der beiseite stößt und niederschlägt, tvas ihm in den Weg tritt, — gewiß." Eine Weile schwiegen sie, dann erläuterte der Staatsanwalt noch, wie der merkwürdige Zufall sich erkläre, daß der Verhaftete ähnliche Absätze unter seinen Stieseln getragen habe wie Breitenbach. Er habe seinem Herrn das bereits in der Zeit abgesehen und nachgeahmt, als er noch Diener Bei ihm gewesen sei, und habe auch später in Amerika beibehalten, !vas er einmal als praktisch erkannt hatte. Nachdem alles dies erörtert worden war, begannen die Herren von anderen, gleichgültigen Dingen zu sprechen. Langsam rannen ihnen die Minuten hin, bis ein Dienen endlich das Kommen des Kreisphysikus meldete. Die Herren würde er nachher begrüßen, er sei gleich zu dem Verwundeten gegangen. Das Warten sing jetzt von neuem an, wieder verging eine halbe Stunde: dann öffnete sich die Tiir, und der Kreisphysikus Mit seinem sreuildlichen, weißhaarigen Kopf erschien. „Wie steht's?" fragten die beiden Wartenden zugleich. „Schlecht, wenn er augenblicklich auch wieder bei Besinnung ist. Er wird sterben. Die Kugel hat ihm die Lunge durchbohrt. Was hier geschehen ist, müssen Sie mir später sagen, vorläufig muß ich den Herren zwei Bitten des Verwundeten übermitteln/' „Was wünscht er?" fragte der Staatsanwalt. „Er hat mich ersucht, sofort seiner Braut Nachricht §u geben, damit sie zu ihm kommt. Hier scheint ein weicher Punkt in der harten Seele, die sich mir eben enthüllt hat. Ich habe das telegraphisch gleich besorgt. An die Herren aber läßt er die Bitte richten, dag der auch mir noch nicht bekannte Vorgang seiner Verwundung seiner Braut als Unfall dargestellt wird." Einen Augenblick überlegte der Staatsanwalt, um dann KU sagen: „Ich denke, daß ich das verantworten kann." „Ich bin unbedingt einverstanden," erklärte Ba;sow mit herzlicher Lebhaftigkeit. „Es wird gut sein, ihm zu willfahren, auch in Ihrem eigenen Interesse. An die Erfüllung dieser ersten Bitte knüpft er nämlich eine zweite. Wenn seiner Braut die wahren Vorfälle verschwiegen werden, — aber nur unter dieser Bedingung — bittet er die Herren, zu ihm zu kommen. Er will Ihnen dann die volle Wahrheit sagen." „Die Wahrheit, — uns? Das wundert mich" „Es ist nicht so wunderbar, Herr Staatsanwalt. Er weiß, daß er sterben muß." „Er weiß es?" ,Ja, — ich habe es ihm gesagt." „Ah!" „Auf seinen eigenen, bestimmten Wunsch natürlich nur. Er hat mir das Ehrenwort abgenommen, daß ich ihm volle Klarheit über seinen Zustand geben sollte, und so habe ich ihm sagen müssen, daß er höchstens noch ein paar Stunden zu leben hat." „Wie hat er es ausgenommen?" „Bewundernswert ruhig. Erst hat er geschwiegen, dann leise vor sich hingesagt: „Also verspielt." Und eine Weile darauf: „Nun können sie's wissen." Zuletzt hat er mir den Auftrag gegeben, den ich den Herren bereits übermittelt habe." „Wir wollen keine Zeit verlieren," sagte der Staatsanwalt. „Lassen Sie uns zu ihm gehlen." Der Kreisphysikus machte eine zustimmende Bewegung und schritt voran. Das Krankenzimmer, vor dessen Tür der wachehaltende Gendarm stand, lag am selben Korridor nach dem Gutshofe hieraus. Der Arzt betrat als Erster das Gemach, die beiden anderen folgten. Die alte Beschließerin, die am Bette des Verwundeter: gesessen hatte, grng auf einen Wink des Kreisphysikus hinaus; nun waren sie allein mit dein Sterbenden. Jetzt endlich war von seinem Gesicht das maskenhaft starre Lächeln gewichen, matt waren die Züge zusammengefallen. Er hatte die Augen geschlossen gehabt, öffnete sre aber jetzt; sie waren halb schon erloschen und blickten wie durch einen Schleier. Mit leiser Stimme begann er mühsam zu sprechen. „Ganz nahe kommen, — können sonst nichts verstehen. Muß es kurz machen, — habe nicht Zeit. Mer sollen wissen, wer und was dieser Breitenbach war. Kein schwarzer Verbrecher, für den Pitaval nicht zu. gebrauchen, Herr Staatsanwalt. Hinauf habe ich gewollt auf die Höhe, — das war's." v ' ' Langsam, in Absätzen kamen die Worte hervor. Als er letzt infolge der Anstrengung für einen Moment ganz verstummte, schob ihm der Arzt ein Stückchen Eis in den Mund. Nach einer Weile begann er dann von nettem. „Gut war Heruntergewirtschaftet, — zu Hause Misere kennen gelernt — wollte aus ihr heraus — hab's fertig gebracht!" " Ein kurzes Lächeln der Zufriedenheit umzuckte seinen! Mund und lreß einen leisen, stolzen Glanz auf dem grünlich bleichen Gesicht zurück. „Nicht nur genossen, — auch gearbeitet — wie ein Pferd. Gilt kam in die Höhe — war auf dem besten Wege. Da kam Hagelschlag — Mißernte, — brauchte Geld, —i eine große Summe. Damals die Geschichte passiert — mit dem alten Fräulein. Lieh mir das Geld von ihr, — war in mich verliebt, — auch was vorgeschwindelt von Heiraten, — nie daran gedacht. — Hat mir das Geld ailfgedrängt ohne Schuldschein, — hab's ihr später wiedergeben wollen, — hätte bewußten Brief sonst wohl besser vernichtet. — Mer zweite Mißernte, — ärger als die vorige. — $ b verklagte mich, — Hab' den Eid geschworen, daß ich ihr niaus schuldete." „Schonen Sie sich, ruhen Sie einen Augenblick," mahnte der Arzt, und röchelnde Laute aus der verwundeten Brust unterstützten seine Mahnung. Aber Breitenbach bewegte abwehrend ungeduldig die H)and und fuhr nach ganz kurzer Unterbrechung fort: „Keine Zeit mehr, Doktor — ich fühl's. Bin fortgegangen voll dort — Lünzin gekauft. — Ist lnir gut gegangen —i aus dem Wege zur Höhe. Wollte auch gut nlachen — soweit ich konnte. — Bei ihr unmöglich — aber Testament gemacht in meinem Schreibtisch — dreimal die Summe von damals — für milde Stiftung. — Faild auch das Mädchen, das ich liebte — wäre BekröilUllg meines Lebens gewesen. — Ist anders gekommen — Bassow hat sich auch in sie verliebt. Wollte seine Frau verlassen — sie heiraten. — Gerade da- lnals der Höhenleitner zurückgekommen — in Szene, die der Kerl mir machte,.auch noch der Bassow hereingeplatzt — alles gehört — auch vom Meineid. Hat ihn gefreut — hak ihn gefreut! Meinte Mittel zu haben — daß ich-zurücktreten müßte — voll Werbung zurücktreten. Zuerst still gewesen, ganz still. Aber im Geheimen gehorcht — spioniert — weiß es von ihln selbst — wollte Beweismaterial — mich unmöglich zu machen! Ich — Doktor geben Sie nlir noch ein Stückcheil Eis — die Zunge wird mir so trocken." Der Arzt willfahrte ihm, und nach einer Pause vermochte Breiteilbach weiter zu sprechen. Aber seine Stimlne war noch hohler und schwächer geworden. „In einer Gesellschaft war's — nach Tisch — er hatte getrunken. Da zuerst herausgekommen mit seinen Gedanken — lächelnd, scheinbar int Scherz. War eine Drohung — hab's gefühlt. Hat mir keine Ruhe gelassen — wollte wissen, was er vorhatte. War damals nach Rostock gefahren —. wußte, daß er in Berlin war. Habe ihm telephoniert — untet einem Vorwand — sollte mich treffen auf der Heimfahrt. Ist atlch gekommen. Coupe itoch andere Leute — konnten nicht reden. Erst auf dem Wege nachher — Hab' ich ihn ausgehorcht. War wie ich — wenn ein Weib in Frage stand. Sah, daß er keine Rücksicht üben würde — illich ins Zuchthaus bringen. Haben geredet, gestritten — immer mehr in Wut. Er drohte mir — drohte mit offenem Wort — da hat nlich's gepackt — habe mich auf ihn gestürzt — habe ihn erwürgt mit diesen Händen." Zuckend bewegten sich seine Finger, ein ferner Abglanz wilder Wut kam noch einmal in seine brechenden Augen. „Ein Mensch war uns begegnet — ist hinterher verhaftet worden. Schien mir besser, wenn Leiche nicht auf nreinenl Grund und Boden. Habe ihn auf den Rückeil genommen — in sein Zimmer geschleppt. Wußte, der Park war verschlossen und leer — um diese Zeit. Schlüssel zur Tür steckte in seiner Tasche — nahm ihn heraus, öffnete,. Ließ die Tür angelehnt — brauchte hmterher nur zuzu- hiehen. Niemand hat mich gesehen. Aber zuerst im Dunkellt ins Zimmer — Papiere vom Schreibtisch herunter — hat mich verraten. Licht geinacht — Sachen weggenommen — Raubmord. Mit Tischdecke Teppich abgewischt — keine Fußspuren — Sachen hinein gewickelt — in toten See. So ist's gewesen — ich kann nicht mehr.^ Er schwieg undi schloßt die Augen. Mehr und mchiv zeigten sich die Boten des nahenden Tlodes auf seinem Gesicht. Eine tiefe, lastende Stille trat ein, in der man die, aufgeregten Atemzüge der drei Männer iutt> Breiteubachs Röcheln doppelt laut vernahm. Der Arzt beugte sich nieder und versuchte, dem Verwundeten eine bessere Lage zu geben. Sonst rührte sich keiner. Sie stmiden und warteten auf den Tod.. M IN der noch sonnevergoldeten Dämmerung desselben Tages wandelte Bassow im Park von Garchiin neben der Baronin langsam aus urtd ab. Sie hatten lange und lebhäft Pespvochen; Bassow hatte ausführlich berichtet, was er in den letzten Tagen und Stunden versucht und erlebt hatte. Jetzt waren die beiden verstummt und gingen eine Weile still nebeneinander hin. Endlich sagte die Baronin: „So ist nun dies DrunAe fort aus meinem Leben. Und Ihnen habe ich dafür zu danken. Ich habe ja selbst auch versucht, etwas zu erreichen, und wenn ich hierblieb, wenn ich Breiten-- bachs Nähe suchte und immer wieder mit ihm sprach, ihn ausforschte, so geschah es ja nur, weil ich hoffte, daß er sich doch schließlich einmal durch ein unbedachtes Wort verraten und mir einen Beweis in die Hände geben sollte. Diese Hoffnung hat mich damals auch so verwandelt, so heiter unb froh gemacht. Erreicht habe ich selbst mein Ziel ja freilich nicht. Ihrer Umsicht, Ihrem Eifer, Ihrer unermüdlichen Tätigkeit —" Er lehnte den Dank mit einer leichten Handbeiveguug M und entgegnete lächelnd: „Ach nein, Baronin, das alles hat mir nicht gehvlfen. Was mich endlich zum Ziel geführt hat, war etwas anderes. Man kann es' einen glücklichen Zufall nennen, für mich selbst aber heißt es anders." „Und wie nennen Sie's?" „Mein-Gefühl für Sie!" Er wartete einen Augenblick auf eine Antwort von ihr, doch da die Baronin ihren Klopf nur tief herabsenkte und still zu Boden blickte, begann er von neuem: des Rätsels Lösung barg. Aber ich war so voll von Reue und von den: Wunsche, wieder gut zu machen, Ihnen eine Freude zu bereiten, — und wenn ich daran dachte, den zerstörten Pavillon wieder aufzubauen, so war es mir eigentlich nur ein Symbol für Ihr ganzes Leben, das ich wieder aufzubauen mrd glücklich und froh zu machen wünschte." Sie sah nicht auf ihn, sondern immer noch aus den Erdboden zu ihren Füßen, wo einzelne gelbe Lind enb lütter den kommenden Herbst ankündigten, und sagte mit unsicherer Stimme: „Sprechen Sie nicht mehr davon. Sie haben es zehnmal wieder gut gemacht, wenn Sie mir unrecht getan haben." „O nein! Sie wissen ja gar nicht, wie voll ich war von Zorn und Mißtrauen gegen Sie. Wie ich am Abend nach der Beisetzung meines Vetters hier im Park umhergelaufen bin und gegen Sie die Fauste geballt und gerufen habe: Hüte dich vor mir! — Ach" — er schüttelte mit einem besonderen Lächeln den Kopf — „ich erschien mir sehr tugendhaft und groß in nleinem Rächeramt. Und ich hätte mir selber doch nur immer wieder sagen sollen: .Hüte dich vor ihr!" Sie antwortete auch jetzt nicht gleich. Es war für einen Augenblick so still, daß man das leise Knistern der ab gefallenen Blätter aus dem Boden vernahm, wenn ihr Kleid sie streifte. Darm aber senkte sie den Kopf noch ein wenig tiefer und sagte ganz leise: „Vielleicht haben Sie doch recht gehabt." „Recht — worin?" „Daß ich mich vor Ihnen hüten sollte." „Baronin, wie darf ich das verstehen?" „Ach, fragen Sie mich nicht weiter. Ich habe schon zu Viel gesagt. Ich weiß ja selbst nicht, wie es gekommen ist—" „Was denn? Was denn? Darf ich es glauben, hoffen, daß ich etwas bedeute für Sie, für Ihr Leben?" Nun blieb sie plötzlich stehen, und hob -den Kops mit einer stolzen Bewegung. „Ich habe Sie keimen gelernt. Sie sind ein Mann, der die Wahrheit liebt. Auch ich habe das Bedürfnis, wahr zu sein. Mögen Sie es denn wissen: ja, ich habe Sie liebgewonnen in diesen schwerer! Wochen. Vielleicht war es mit, — ich habe häufig darüber nachgedacht, — weil Sie sich so fern von mir hielten. Weil wir unter einem Dache wohnten und doch Fremde und Feinde schienen. Meine Gedanken suchten Sie, weil ich Sie nicht sah. Wir Frauen sind ja darm schwach: es lockt uns, wer ums zu verschmähen scheint. Vielleicht — ach, es ist eigentlich töricht, ein Gefühl zergliedern zu rvollen, das über uns kommt wie ein Schicksal!" Nun war auch er verstummt; eine gewaltige Bewegung erstickte ihm die Worte. Dann trat er nahe zu ihr heran, legte die Hände sanft auf ihre Schultern und küßte sie mit ehrfurchtsvoller Bewegung auf die Stirn. „Daß dies Schicksal zum Glück für dich wird — dafür laß mich sorgen. Zum Glück für dich und für mich." Die Notlüge. Skizze von Walter K a u l f u 0. (Nachdruck verboten.) Freds Angehörige wußten, daß es mit seinem Leben zu Ende ging. Und doch taten sie dem Kranken gegenüber so, als ob der beginnende Frühling auch ihm neues Leben einhauchen rperde. Das ist immer so, wenn ein in der Vollkraft seiner Jahre stehender Mensch dahingerafft wird. Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf. Das ganze Sinnen und Trachten des Kranken war auf die Zukunft gerichtet. Mehr als in der letzten Zeit sprach er in diesen Tagen, da die Sonne so verftihrerisch durch das Fenster der Krankenstube lachte, von seinen Plänen und Wünschen. ' „Wenn Friede! kommt," meinte er, „wül ich ihr alles selbst sagen. Es wird in der Tat noch alles gut werden." Aber Friede! kam nicht mehr, würde nie mehr kommen. Sie war ein junges lebenslustiges Ding von kaum 20 Jahren. Sollte sie sich an ein zu Ende gehendes Menschenleben ketten? Als die Krankheit Freds sich nun jahrelang hinzog und Aussicht auf Besserung nicht zu enoarten war, hatten ihre ?lngehörigen sie darauf aufmerksam gemacht, daß es ein Verbrechen an der eigenen Jugend sei, wenn sie sich weiter an den kranken Fred hängen würde. Man war auf Weinkrämpfe und Szenen gefaßt und fand doch nur ein junges Mädchen, das den Dingen mit kaltem Mute eutgegensah. Sollte sie Fred nie geliebt haben? Auf die unausgesprochene Frage hatte Friedet keine Antwort gegeben. Sie wollte die anderen nicht in ihr Inneres sehen lassen, wollte niemand zeigen, daß sie sich eigentlich noch nie so recht zu den! Manne hingezogen gefühlt hatte, der jetzt dem Tode entgegeir- ging. Sie hatte ihn gern, wie junge Mädchen eben öfters einen anderen Geschlechtsgenossen gern haben, der geistvoll und zugleich witzig ist. Llber Liebe, richtige Liebe empfand sie nicht für ihn. Sie hatte schon längst das Verhältnis lösen wollen, es aber in ihrer Gerechtigkeitsliebe nie dahin gebracht, offen zu erklären, wie es um sie stand. Sie vertraute der Zukunft, die schon von/ selbst einen Ausweg finden lassen würde. Wie die Zukunft sich gestaltete? Fred wurde krank, unheilbar krank Das gab ihr einen Anhalts- Punkt, dem Verhältnis — das nach ihrer Meinung doch nie einen glücklichen Ausgang verbürgt hätte — ein Ende zu bereiten. Was sie nicht erwartet hatte, trat ein. Freds Viutter — der Vater war schon vor einigen Jahren gestorben — war keineswegs überrascht, daß sie von ihrem Sohne lassen würde. Sie verstand es ja nur zu deutlich, daß die Jugend Freude und Fröhlichkeit! suchte. Und doch hatte sie oft im Geheimen erwartet, daß Friede! sich mehr um den Kranken gekümmert hätte. Sie wußte, wie der Sohin das Mädchen abgöttisch liebte, wußte, daß er es kaum verwinden würde, wenn sie ihm von der Llbkehr der Geliebten! Mitteilung machte. Aber sie sagte nichts. Sie konnte Friede! ja nicht zwingen, tveiter zu dem Manne zu halten, der stets in dem Glauben gewesen war, eine treue und ergebene Braut zu besitzen. „War Friede! noch nicht da, Mutter?" fragte der Kranke jeden Tag. „Nein, mein Sohn. Sie ist verreist und wird erst in einrgen Wochen wiederkommen." Die Mutter vernreinte, der Sohn müßte ihr an den Augen ablesen, daß sie die Unwahrheit sprach. Aber er war zufrieden! mit der Antwort. Er war von der Anhänglichkeit des Mädchens überzeugt und wartete. Wartete mit einer Geduld, die in Erstaunen setzte. Die Tage schwanden und die Wochen. Friede! kam noch immer nicht. Die Mutter saß am Bett und tat, tvas sie als Krankenpflegerin nur tun konnte. In seinen Fieberträumen war Fred immer mit seiner Fri-edel zusammen. Die. Mutter lauschte. „Friede!, du meine einzige süße Friede! du, gehe nicht von mir. Ich bitte dich so herzlich darum." Ter Kranke warf sich auf seinem Lager herum und seufzte tief. „Ich habe dich ja so unsagbar lieb, so lieb aus übervollem Herzen." Und als Friede! nicht kam, auch auf Bitten der armen Mutter nicht ein einziges Mal kormnen wollte, da wurde der Kranke noch unruhiger. Seine Fiebertränme mehrten sich. Je weniger festen Schlaf er aber bekam, um so mehr nahiuen seine nur noch geringen Kräfte ab. Tie Mutter verfolgte alte diese Vorgänge mit Besornis. Am nächsten Mittag legte sie Blumen auf die Bettdecke des Krankenlagers. Fred schlief gerade. „Wenn er erwacht," dachte die Mutter, „und er sieht die friedlichen Kinder Floras, fvird er sich denken können, wer sie ihm gesandt hat." Sie seufzte. „Mutter, Mutter," rief Fred später, „wer sandte mir diese himmlischen Blumen?" „Fliedel, mein Junge. Sie wird nun ja bald selbst kommen." „Wirklich, Mutter?" Ein glückliches Lächeln huschte über das Gesicht des Kranken. — Dasselbe Gespräch wiederholte sich in den nächsten Tagen regelm-äßig. Fred bekam Blumen, er fragte, von wem. sie kämen. die Mutter sagte immer „von Friedel". Da aber tvurde eines! Tages der Kranke ernst. „Mutter, l?at Friede! soviel zu tun, vast sic gar nicht einmal heraufkommen kann? Warum sendet sie mir nicht meine Lieblings- blumen, Meißen Nieder?" Tie Mutter erschrak. Was sollte sie darauf antworten. „Sie ist doch, verreist," sagte sie.schnell. Ta sie aber den Mick des Kranken auf die Blumen gerichtet sah, empfand sie das Mckogische ihrer Antwort und setzte deshalb schnell die Worte hinzu: „Tie Blumen hat sie hier schriftlich bei einem Gärtner bestellt." Ms sich Fred hiermit zufrieden zu geben schien und den Kops ruhig in die Kissen drückte, mußte die Mutter hinauseilen. In g-roßer Menge rollten ihr die Tränen über die eingefallenem! Wangen.-Sie schämte sich vor sich selbst ob der Notlüge, die sie nun täglich gebrauchte. Auch in Fred ging eine seltsame Veränderung vor. Bisher hatte ec die Blumen immer für einen Liebliugsgruß seiner Friede! gehalten. Böller Inbrunst hatte er daher dre duftenden Blüten an seine Lippen gedrückt. Jetzt hatte er erkannt, wer ihm in Wirklichkeit die Blumen brachte: die liebe Mutter, die ihm den Kummer ersparen wollte, den der Zurücktritt Frredels ihm bereiten würde. Tenn das eine ivar ihm min so klar geworden, das; Friedel sich von ihm losgesagt hatte. Gewiß ivar das eine bittere Erkennt-' uis, aber er war auch noch der mitfühlende Mensch, der sich eingestand, daß es anders gar nicht sein könnte. Wohl hütete er sich, seiner Mutter von dieser gemachten Entdeckung Mitteilung zu machen. Brachte sie ihm Blumen, so freute ec sich, wie er sich ehemals gefreut.- Das. Ende kam überraschend schnell. Ms eines Tages die Mutter ihm gerade frischen Flieder in die Hände gedrückt hatte, erfaßte der Kranke in einem plötzlichen Impulse die Hände der Mutter und drückte einen Kuß darauf, dami sank sein Kops zurück in die Kissen. Die Mutter mußte ihrem Sohne die Augen Andrücken. Aus dem Gesichte des Toten lag ein freudiger Schimmer. „Er ist mit dem Gedanken hinübergegiitteu. in das andere Reich, daß ihm seine Friede! die Treue bewahrt hat." So dachte die nun recht unglückliche Mutter. Hätte sie gewußt, daß der Kranke selig entschlafen war ick dem Bewußtsein, eure so treue und aufopferungsvolle Mutter zu besitzen, die er so frühzeitig verlassen mußte, so lväre ihr das gewrß eine frohe Genugtuung gelvesen, aber eine bittere Enttäuschung. Vüchertisch. — Handbuch der Kunstwissenschaft. Herausgegeben von UniversilätsprosessorDr. Fritz Burger, München, in Verbindung »nit den Universitätsprofessoren Tr. Brmckmann-Karlsruhe, Enrtins- Erlangen. Egger-Graz, Grtsebach, Herzfeld. Hildevrandt und Wnlff- Berlin, Iantzen-Halle, Diez und Aeuwirth-Wien, Pinder-Darm- stadt, Graf Vitzthum-Kiel, Wackernagel-Leipzig, Weese-Bern, Willich und Oberbibliothekar Leidiuger - München. Mit ca. 50')(> Abbildungen. In Lieferungen zum Subskriptionspreise k Mk. 1,50. (Akadennfche Berlagsgeselkschast, Nenbabelsberg.) Lieferrmg 20 . Burger, Deutsche Malerei der Renaissance. Hest 8 . Ties ist tatsächlich das Unioersalhandbuch, das zum ersten Male eine Ueber- sichl über das gesainte Gebiet kunstgeschichtlichen Forschend gestattet. Keineswegs sind nun in diesem großartigen Werke allein mit Bienenfleiß Ergebnisse ans Ergebnisse gebucht und registriert, so,:- deru die ganze Materie ist subjektiv durchdrungen, geformt und wird meisterhaft mit iinauldrmgljchem, feinfühligem pädagogischem Verständnis frei von jeder Einseitigkeit donnerten Forscher-Selhst- bewtchtsems vorgetrageu. Der Leser vernmg die Eraebnisse fast selbit „achzuprüfen; denn das Werk bringt die Objekte, die im Mittelpunkt der Abhandlungen stehen, in so zahlreichen Wieder- gaben, daß man sich nicht entsinnen kann, einen so »lngeheuren Schatz wertvoller, schöner Abbildungen beisammen gesehen 511 ha Herr. Tabei herrscht eine Ordnung im Chaos, die nicht nur äußerlich ist, sondern die geiltoollflL Durct>dringling der sprödesle»r Stoffe verrät Burger, der verdienstvolle Herausgeber des Handbuchs, hat in der vorliegenden Lieferung das 8 . Heft seiner großen Abhandliinq über deutsche Malere, erscheinen lassen. Er beschäftigt sich darin mit njicm ebciiso interessanten ivie vielinnstrittenell Gebiete, mit der Malerei von Tirol und Voralberg. — Rüstige LLetterarbeit auf allen Gebiete», der Musik be- wie'cn aberiuals .B r e i t k 0 p s L H ä r t e l s M i t t e t l »i n g e n" oru de.ien soeben Nr. 118 erschienen ist. An der Spitze dieser .tn'.iuner wird eine neue instruktive Aiisgabe von Joh. Seb. Bachs Lriavterwerken augekündlgt, für die Ferruccio Busoni als Heraus- ge<'cr lnw Egon Petr, als Mitarbeiter geivonl,er, ftub. Wolst im ' 50. Geburtstag ll. April 1916) veranstaltet ore -l--.nl ig-.haudlmlg iwch eine besondere Gesamtausgabe, indem sie aue »eine in 25;ähr'.ger Arbeit cutftaubcneu Bach-Arbeitei, in <> Va.i .eii darbieret. Ferner wird H. Zilchers Deutsches Polks- 1 1 cc ci • t'. ■ f nugckundigt. Das Werk, dessen Widnutirg der Kaiser " C:1 bat, oe reinigt 16 deutsche Volkslieder ails „Des Knaben die u» ihrer Gesamtheit ein Abbild deutschen Wesens 3 11 ^ eui scheu K > iegs- und L-oldatenliedern und mit neuem, ze tgeinaßem Text versehenen geistlichen Gesängen gesellen sich allerlei billige Ausgaben der Volksausgabe Breitkops & Härtel, in bie jetzt Auch ein Franz Abt- Album mit 16 seiner beliebtesten einstimmigen Lieder und zwei Gustav Merkel-Nlavieralbums aufgenomiuen sind. Wichtig ist auch d,e angekündigte Volksausgabe von' Rich. Wagners einstimmigen Liedern, darruiter nenn bisher nnbekannte. .f 7 ,.^ongs i l l u st r t e r t e K ri e g s g e s ch i ch t e „Der Krieg 1914/lb in Wort und Bild". 63.-65. Hekt. (Preis je 30 Pfennig.) Deutsches Berlagshaus Bong L Eo., Berlin W. 57 , Potsdarner Straße 88 . - ^ ^ ^ c r G e b u r t e n-^l ll sg l e i ch rr a ch d i e s e in K r i e g e. Das Gesetz auf den selbstgeivollten Knaben. Friedrich Robert. Verlag für Bevölkerungsfragen, Berlin W. 35. Preis 60 Psg. Grctzener Hansfrauen-Berein, .Es werden noch immer, besonders in letzter Zeit, wo die Steigerung der Fleischpreise mancher Hausfrau Herz neu beschwert,, viele Klagen laut über die Knappheit des täglichen Brotev. Wir möchten deshalb auch an dieser Stelle aufs dringendste empfehlen, kein frisches Brot zu perbrauchen. alter das Brot ist, desto mehr gibt es für uns aus, desto b/kommllcher ist es auch. Eine gute sparsame Hausfrau sorgt stekv für erneu Vorrat von uichrereu Broten, der so zu ord- nen ist, daß das früher gebackene zuerst verbraucht wird. Zn emem geregelten und sorgfältig geführten Haushalt darf es remerlci Schwierigkeiten machen, das Brot loenigstens suns Tage alt werden zu lassen, bevor es angeschnitten wird. W 0 ch e n - K ü ch e n z c t t e l. „ v j? n ^: Fleischbrühsuppe mit Sago, gekochtes Ocksten- fleisch, Wrrsrnggemüse, Kartoffelschnce. Montag: Suppe von der übrigen Fleischbrühe mit Gerste, Schwarzwurzeln mrt Klößchen, Salzkartoffcln. Dienstag: Weißkrautsuppe, Reisbrei, gekochtes Dörrobst. Kartoffelbrei^' Bohnensuppe, Rotkraut ohne Fett gekocht,*) ... ^ 0 nnerstag: Suppe von Suppenivürfeln, Krauskohlge- nrust, Kastamen, Salzkartoffeln. Freitag: Haferstockensuppe, Fisch (vom städtischen Fischmarkt) m der Düte gekocht, Senftunke, Kartoffeln. Belicchm'rohes Obst ^ ^ Kartoffelsuppe mit Zwiebeln, nach Kochanweisungen. Das Rotkraut, lute üblich vorbereitet, wird mit etwas Wasier, ^ott, aufs Feuer gesetzt, mit Salz, Essig, Zucker und rcüch- versehen, aljo mehr Acpfel als nwn gewöhnlich nimmt, ^st.das Rotkraut fast gar gekocht, so werden 1—2 rohe Kartoffeln darüber gerieben, und dies zusammen iroch etivas kockien lassen. Auf dresolbe-Werse läßt sich auch von Weißkraut bayerisches Kraut kochen. Berdes kann sehr empfohlen werden, es wird niemand das Fett vermissen. *) Siehe Kochanweisung. Schach Ausgabe. Bon H. Brede. » b c d m m % r »• > ^ « MW 'SV///?/ EM ^ « M MW ^ «iS KK M MM Weiß jetzt mit dem fünften Zuge Aiatt« Auslösung m nächster Nummer. Auslösr tg des Zitatenrütsels in voriger Numme'kr Das schwere Herz wiid iricht durch Worle leicht. ^^n.llcimug: Aug. Goetz. RotalwuSdruck und Verlag der Brühl'icben UnwersitätS-Buch- und- Ste»»rdruckerei, R. Lange, Gießen.