Um taten Lee. No man von RobertKohl rausch. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Wenige Minuten vor halb Kehn Uhr traf der Staatsanwalt von Sieglitz in Begleitung seines Protokollführers, des eleganten Referendars Widuttnd, auf Lünzin ein. Während ihr Wagen irr derr Hof einfuhr, kam Breitenbach von der anderen Seite zu Pferd im Galopp heran itiiu> begrüßte die Gerichtsherren, mit tzaftvoller Geschicklichkeit absteigend. Ein Lächeln tvar arrf seinem Gesichte, der Anschein heiterer Frische in seinem Wesen. „Ich bitte sehr um Entschuldigung, daß ich nrich beinahe verspätet habe; gerade im Augenblick l>aben wir eilige Arbeit, ich mußte gleich nach dem Frühstück zum Borwert hinaus." „Run, Sie sind ja pünktlich zur Stelle, Herr von Breitenbach," sagte der Staatsanwalt, der mit rückwärts gebeugtem Kopfe nach den Tartben zu spähen schien, die aus gescheucht in der Luft umher schossen. „Bor allem gratuliere ich Ihnen, daß der Schurke jetzt in unseren Händen ist, der Ihnen nach dem Leben getrachtet hat." Breitenbach lachte, „dich, meinetwegen hätte der Kerk sich seiner Freiheit noch weiter freuen können. Furcht ist ein Gefühl, das ich nicht kenne." Stolz ausgerichtet stand er einen Augenblick da, ein Bild von Kraft und Gesundheit, um dann dem Stallknechte, dem n die Zügel seines Pferdes zugeworfen Hatte, zuzw- rufen: „Der Gaul soll gesattelt bleiben; ich reite vielleicht noch nachher, — vorausgeseüt, daß die Vernehmung nicht zu lange dauert." Er fügte die letzten Worte mit höflicher Wendung nach dem Staatsanwalt hinzu, der entgegnete: „Ich denke, wir werden kaum lange zu tmx haben. Der Kerl ist ja geständig, in Bezug aus das hegen Sie verübte Verbrechen wenigstens. Die Hariptsache wrrd sein, ihm auch die Tat in Garchim nachzuweisen." „Hoffentlich glückt es Ihnen," sagte Breitenbach mit unverändert heiterem Ausdruck im Gesicht und nötigte die Herren zum Eintreten, die sich unter seiner Führung in das nach der Terrasse hinaus liegende Arbeitszimmer begaben. Hier wurden die bereits genau untersuchten Vorgänge bei dem hegen Breitenbach verübten Attentat noch einmal rekapituliert; dann sagte der Staatsanwalt: „Ich werde nun zunächst den Verhafteten vernehmen. Sie halten sich wohl freund liehst zu Hause, daß ich Sie kann rufen lassen, wenn eine Konfrontierung mit Ihnen notwendig ist." Stumm und leicht sich verneigend, verließ Breitenbach das Zimmer. Kurz darauf brachten die beiden Gendarmen den Gefangenen herein. Er war wohl kaum dreißig Jahre alt, aber nur noch die traurige Ruine eines Menschen. Sein ehemals bartloses, jetzt unrasiertes Gesicht war von schmutziggrauer Farbe, seine Glieder steckten in einem abgetragenen, an verschiedenen Stellen zerrissenen Anzuge. Weil er taumelte und beinahe zu Boden gestürzt wäre, als die Gendarmen ihn freigaben. gestattete der Staatsanwalt, ihm einen Stuhl zu reichen, auf den er halb ohnmächtig, hustend und röchelnd niedersank. Als er zu reden begann, geschah es mit bayerischem Dialekt, der aber — wohl durch langen Aufenthalt unter anders redenden Menschen — schon einigermaßen abgeschliffen war. „Wenn der Herr Staatsanwalt die Gnade haben möchten, es kurz zu machen. Ich bin halt sehr krank und werd's nicht lange mehr machen. Ich hab's ja auch schon g'stand n —" „Es wird von Ihnen abhängen, wie lange die Vernehmung dauert. Wenn Sie keine Schwierigkeiten machen, wird sie rasch erledigt sein. Zunächst also die Personalien Wie heißen Sie? Wann und wo sind Sie geboren?" ,Hn Passau, im Jahre 1880. Xaver Höhenleitner^ ist mein Name. Adein Vater war Schreiner, aber die G'schäfte sind halt schlecht 'gangen. Als Kind schon Hab ich's Hungern g'lernt" „Haben Sie auch den Beruf Ihres Vaters ergriffen?" „Zuerst freilich. Aber beim Militär, da haben's mich züvechtge stutzt. Ich bin Diener g'worden ber einem der Herren Offizier'. Und hinterher Hab ich dann auch eine Stell' als Diener bekommen." Er sprach offenbar mit großer Anstrengung und hielt seine linke Hand auf die Brust gepreßt, als wenn er dort Scynrerzeu hätte. „Wo waren Sie in Stelluna und bei wem?" Ein grimmiges, grausames Lächeln flog über das graue Gesicht. Der Kopf bewegte sich mit einer deutenden Bewegung. „Bei ihm!" „Wollen Sie sagen: Bei Herrn von Breitenbach?" „Ja, bei ihm!" „Wo war oas?" „Auf seinem Gut bei Augsburg." „Waren Sie lange dort?" „Etwas über ein Jahr." „Dann wurden Sie entlassen?" „Nein, freiwillig bin ich 'gangen." „Glaubten Sie Grund zu haben, mit Ihrer Stellung unzufrieden zu sein? Hatten Sie einen .Haß auf Herrn von Breitenbach?" „Damals noch nicht." „Was soll das heißen? Sind Sie später nach weiten mit ihm zusammengekomnien?" „Eimnal nur, bis zu dem Abend, wv ich hier auf ihn g'schossen Hab'." „Erzählen Sie mir alles geordnet in Ruhe. Regen Sie sich nicht auf. Sagen Sie nttr zunächst, wohin Sie gegangen sind, nachdem Sie die Stellung bei Herrn von Breitenbach verlassen hatten." „Damals bin ich nach Amerika 'gangen." „So? Hatten Sie einen Anlaß, Deutschland &u ver-. 106 lassen? Hatten Sie sich schon so viel Geld erspart, um die Reise machen zu können?" „Nein — das nicht. Erspart Hab ich mir das Geld dafür nicht g'habt." „Woher haben Sie es dann bekommen?" Der Verhaftete schwieg einen Augenblick und preßte feine Hand noch fester ans die Brust, um dann Widerstrebend zu sagen: „Das Geld hat mir halt der Herr von Breitenbach gegeben." „Da hätten Sie doch allen Grund, ihm dankbar zu sein." Der Kranke bewegte seinen Körper hin und her, wie von heftigen Schmerzen gepeinigt. „Ich tat schön bitten, t err Staatsanwalt, lassen's die alten G'schichten ruhen. s ist eine Sach' zwischen mir und dem Herrn von Breitenbach, und 's regt mich halt so furchtbar auf und macht mich noch kränker, als wie ich's ohnedem schon bin, wenn ich das alles hier sagen soll. Ich Hab ja doch schon g'stand'n, Herr Staatsanwalt." Einen Augenblick überlegte Herr v. Sieglitz, um dann mit herablassender Freundlichkeit zu sagen: „Sie scheinen mir wirklich nicht ganz wohl zu sein, und ich werde vev- anlasseu, daß ein Arzt zu Jhrren kommt. Verzichten kann ich auf die weitere Vernehmung nicht, aber wenn gerade dieser Punkt Sie besonders aufregt, können wir ihn ja jetzt lassen. Ich werde zunächst ein paar andere Fragen an Sre richten. Wo und wann haben Sie den verstorbenen ■— ermordeten Baron von Bassow kennen gelernt?" „Gekannt Hab ich den Herrn Baron überhaupt eigentlich nicht. Was man so kennen heißt. G'sehn Hab ich ihn zweimal in meinem ganzen Leben." „Wo war das? Wann und wo sahen Sie ihn das erstemal?" „Hier in dem Zimmer da, Herr Staatsanwalt." Herr von Sieglitz brachte seinen Kopf in eine sehr unbequeme Lage, um den Gefangenen auf etwaige Zeichen der Uazurechnun9sfähigkeit hin zu betrachten. Er enthielt sich aber der Kritik über die eben erhaltene, merkwürdig Nrngende Auskunft und fragte in scheinbar gleichgültigem Tone werter: „Als Sie den Herrn Baron zum ersten Male sahen — in dem Zimmer hier, war noch sonst jemand zugegen?" „O ja, der Herr von Breitenbach." „So? Und wo haben Sie den Baron von Bassow das zwe rternal gesehen?" „In einem Wirtshaus ist das g'wesen, Herr Staats- Mwalt, in einem Dorf, nicht Weit von hier entfernt. Aber wies gherß'n hüt, kann ich nimmer sagen. Ich bin halt wenig bekannt in der Gegend hier. Wer der Herr Baron hat sich rm Wirts garten draußw mit mir niedera setzt und hat nnr zu essen geben lassen und zu trinken auch." „Trese Tatsache ist mir von anderer Seite bestätig worden. Bon dem Wirt des fraglichen Gasthauses. Er hat eure ziemlich genaue Personalbeschreibung von Ihnen ae- Een. Und wie kam der Herr Baron dazu, sich dort mit Ihnen zu unterhalten?" ' J "ÜF HE' halt eine Auskunft von mir haben mögen " „Eine Auskunft? Und worüber?" Ter Gefangene zögerte einen Augenblick und sagte dann rn dem grimmigen, haßerfüllten Tone, den er jedesmal bei der Nennung dieses Skamens anschlug: „lieber ben Herrn von Breitenbach" ; 9 " Der Staatsanwalt machte mit Schultern und Händen ?ewegung der Ungeduld. Breitenbach und immer wieder Breitenbach Man kann Sie fragen, was man will De antworten jedesmal: „Herr von Breitettbüch" Das macht ja beinahe den Eindruck wie eine fixe Idee. Da wollen wir doch zunächst einmal konstatieren, ob dieser Herr der erne so große Rolle in Ihren Phantasien spielt. Sie denn in Wirklichkeit überhaupt kennt oder nicht. Gen- darm Hoher, gehen Sie einmal hinüber und bitten Sie den Herrn von Breitenbach hierher." Staatsanwalt, ich tat' schöu bitten, V f b l n ^rrn von Breitenbach nicht daherkommen' Deil Manschen, wenn ich ihn noch einmal sehen müßt', ._, 0 ' tU sm--L llnr nu ¥ art ' Staatsanwalt." -Mühsam hatte sich Höhenleitner von seinem Stuhl Molleten Hände bittend aus gestreckt. Keuchend hob und senkte srch> seine Brust. .Aber der Staatsanwalt achtele nicht auf sein Mtten w* sagt^ zu deiil Gendarm gewendet, der bei den Worten wä Gefqngeneu an der Tür ezn wenig gezaudert hatte: „Gehen Sie. Rufen Sie Herrn vlon Breitenbach. Wir Wolken Klarheit in die Sache bringen." Die Arme sanken dem Gefangenen hinab, die Hände lösten sich auseinander, aber nur um sich gleich zu Fäusten zu ballen, die krampfhaft bebten und zuckten. So bot er ein erbarimingswürdiges Bild von Schwäche, Wirt und Verzweiflung zugleich. Es dauerte nur kurze Zeit, bis Breitenbach in Begleitung des Gendarmen in der Tür erschien. Auf seinem! Gesichte war noch immer das Lächeln, womit er den Staatsanwalt begrüßt hatte, und er fragte mit leichtem Ton: „Worin kann ich Ihnen dienen, Herr von Sieglitz?" „Kch möchte Sie bitten, sich diesen Menschen hier einmal genau anznsehen. Er gibt an, 'Xaver Höhenleitneu zu heißen und früher bei Ihnen in Diensten gestandeii! zu haben." „Gern." Breitenbach trat ein wenig näher an den Gefangenen heran, blieb jedoch immer noch einige Schritte voii ihm entfernt. Er betrachtete aufmerksam das ihm zugewandte, vom Fenster her yellbelenchtete Gesicht, ans dem die eingefallenen Augen unheinllich hervorleuchteten, schüttelte dann aber^den Kopf. „Nein, Herr Staatsanwalt, ich kenne diesen Menschen hier nicht. Ein Diener -des Namens, den Sie nannten, hat in der Tat vor Jahren einmal bei mir in Dienst gestanden. Dieser Gefangene hier ist aber Nicht mit ihm identisch." „Haben Sie ihn genau betrachtet? Er ist krank und heruntergekommen, — er kann sich verändert haben." „Ich bin meiner Sache ganz gewiß. Der wirkliche Xaver Höhenleitner, der meines Wissens in Amerika ist. hat eine Narbe über dem rechten Auge, die bei diesem fehlt." Ein erstauntes, verzerrtes Lächeln war zuerst über die noch bleicher gewordenen Züge des Gefangenen gegangen bei den Worten Breitenbachs. Jetzt aber nahmen sie den Ausdruck einer fassungslosen Wut an; sein ganzer Körper begann zu beben, und er schrie mit heiserer, entstellter Stimme: „Was, verleugnen will mich der Herr? Da niuß ich inich dem Herrn wohl a bisserl ins Gedächtnis zurückrufen. Ich keiin den Herrn schon, und ich Hab' nichts vergessen von dem, was ich g'wnßt Hab' und weiß. Auch nichts von dem Memeid, den der Herr von Breitenbach g'schworen hat vor Gericht! "AA sott Omo heißen? Streng, aber zugleich ein wenig betroffen tat Herr von Sieglch die Frage. Bretteii- bach schwieg und lächelte noch immer, doch dies Lächeln wurde nach und nach voii einer kalten Starrheit, als wenn es festge froren wäre auf seinem Gesicht. . t "Das soll heißen, tafa der hochedle Herr von Breitenbach daher gchort, daher an mei' Seit n, wo die Angeklagten ihren Platz haben. Daß er schon lang' das ist, wozu er mich, erst g nmcht hat, ein Lump und ein Verbrecher!" „Halten Sie es für angebracht, Herr Staatsanwalt, solchen Unsinn, — solchen Wahnsinn länger anznhören?" Mit einem heiseren Lachen rn der Stimme tat Breitenbach die Frage. Aber war es der sonderbare Ton seiner Worte, war es der Klang der Wahrheit im Wutschrei des Gesaugenen, — der Staatsanwalt warf einen Blick erwachenden Mißtrauens auf den lächelnden Frager und! eiltgegnete: „Der Mann mag sagen, was er zu wissen mernt Es wird ^hnen ja voraussichtlich leicht werden, seine Behauptungen zu widerlegeii." „Ja, Herr Staatsanwalt, das dürfen's nnr nicht verbieten, daß ich ^hnen jetzt sagen tu', was jch, weiß. Diener bin ich gewesen bei diesem Herrn, bei diesen! selben Herrn von Breitenbcuh hier, — acht Iahsr sind's g'wesen i.m r vergangenen Frühjahr. Er ist nsir kein schlechter Herr a'wesen sagen, wie's ist; und ich- yav' iM darum auch Nichts Böses gewollt und hab's Maul gchalten, wie die Sach nnr ofsenbar worden ist. Das ist nämlich so g'ivesen: nähert k * u bei ^ ri ‘^ e ‘ )en Papierkorb aus- 9 leert Hab rm Arbertszirnmer von deni Herrn von Breiten- bach, von diesem Herrn hier, wo da vor mir steht, — da Hab ich in dem Papierkorb einen Brief g'funden. Zer- rrsien war er schon, aber nur so zioei-, dreimal durchg'riss'n in große Stuck', w^ s die Herrscyasien manchmal tun, iveil ' JUrr »avan denken, daß ein Wiener gern etwas tvissen 'Acht von die Heimlichkeiten von seine Herrschaft. Ich, aber, ich Hab noch kernen Diener kennen g'lernt, wo solch ernen Brief nicht 'rausklaubt aus dem andern Papier und« tn ferne Tasch'n steckt und sauber wieder z'sammensetzt wenn er Zeit hat und allein ist. Na, so Hab' ich's denn cluch g macht. Üpd ich hah.' beu Brief ganz gut wieder. K'satnmenbrächt, daß ich ihn Hab' lesen können. Und er ist g'schrieb'n g'toes'n von einem Fräulein Eugenie Neribeck, wo ich ganz gut gekannt Hab'. Weil ich öfter Hab' zu ihr mitss'n und Botschaften hintragen vom Herrn von Breitenbach und Buketter und so dergleichen. In dem Brief im .Papierkorb aber hat's g'schrieb'n, wie sie unglücklich war', und wie der Herr ihr doch versprochen g'habt hätt', daß er sie heiraten tat; und wie er nun sein Wort nicht hielte. Wo die Sach-' aber so lüg', da wollte sie nun auch dies dreißigtausend Mark wieder haben, wo sie dem Herrn von Breitenbach ein halbes Jahr zuvor g'liehen hätt'^ Und um dieses Geld, Herr Staatsanwalt, um diese dreißigtausend Mark hat sich's dann gedreht in den: Prozeß, wo das Fräulein gegen den sauberen Herrn hier angestrengt hat ein paar Wochen danach. Und weil's nichts Schristlicy,es nicht in Händen g'habt hat, ist's zum Schwur gekommen, und dieser edle Herr von Breitenbach hat einen Meineid geschworen vor Gott und vor'm Gericht." Erschöpft hielt er inne und hielt sich taumelnd an der Lehne seines Stuhles. Me schwiegen für einen Augen?- blick, dann fragte der Staatsanwalt: „Was haben Sie aus diese sonderbaren Beschuldigungen zu erwidern, Herr von Breitenbach?" Das Lächeln auf dem Gesichte des Befragten war noch starrer uird krainpfhafter geworden, aber Haltung und Stimme blieben ruhig. „Der arme Mensch ist krank, er phantasiert." „Du Lump, du Hund, elendiger!" Höhenleitner hatte emen Versuch gemacht, sich auf Breitenbach zu stürzen, aber die Gendarmen waren aufgesprungen und hatten ihn gepackt. Röchebrd sank er nun auf der: Stuhl. Herr von Sieglitz sagte mit erhobener, drohender Stimme: „Wenn Sie sich Ungehörigkeiten erlauben, werde ich sie fesseln und absühren lassen, bis Ihnen Vernunft und Besinnung zurückgekommen sind." „'s ist schon vorüher, Herr Staatsanwalt; 's war nur — aber 's rst schon vorüber. Ich will ga:iz ruhig sein. Und wo's nun einmal so gekommen ist, möcht' ich's halt los werden vom Herzen. Ich weiß ja so nicht, ob ich noch lang' werd' reden können." „Glauben Sie noch Tatsächliches und Sachdienliches Mitteilen zu können, so sprechen Sie." „Mer ein wenig rasch, wenn ich bitten dürfte," warf Brertenbach in hochmütigem Tone ein. „Ich habe keine Zeit, um noch lange diese tollen Erfindungerl eines wahrscheinlich vom Trurrk zerrütteten Gehirns anhören zu können." ' Der Staatsanwalt ignorierte den Zwischenruf und forderte nur durch eine Bewegung noch einmal den Gefragten znm Reden auf. (Fortsetzung folgt.) Zriihling im Winter. Skizze von Georg Per sich. (Nachdruck! verboten.) JU der Nacht ging es wieder in die Schützengräben — der eine hierhin, der andere dorthin. Ta hatte ihn der alte gute Bekamrte aus dem Zivilleben Uild jetzige Kriegskamerad Lindner iwch zuvor im Quartier aufgesucht Er wollte sich etwas erzählen, und kramte nun unermüdlich! m gemeinsamen Erinnerungen. Wie lag das alles so fern! Wert hörte nur mit halbem Ohre an. «••s /Ä ei 'r batten wir unser Koftünifest in der KuUstlerklau.se. Sie als Montechr oder Kapuletti — einer aus der Sippe Romeos oder Julias. Ich, in Vorahnung kommender kriegerischer Ereignisse, als Wallensteinscher Arkebusier. Sie wissen doch noch?" Ehlert nickte zerstreut. „Ueberhaupt die Kostüme! War das eine Pracht! Und das Menschengewimmel urrd die Stinrniung.' Man wird die Feste der Künstlerklanse zu Hause vermissen!" „Es geht auch so," nreiute Ehlert. „Menu inan sonst nichts zu vermissen hat —!" ; „Freilich Es auch so! Es geht alles! Aber unter Uns: lew tun nur die Madels doch,, das; sie schon den zweiten Winter Nicht tanzen können!" „Sie lverden andere Gedanken haben'" <*, S w "<* »wäS SÄSi4u?Ä? ( “ Lmdner fühlte de;: Spott heraus und erwiderte etwas hitzig: „Hat er auch. Und das ist mir erklärlicher, als wenn jemand, der gesund und munter vor einem steht, in bezug auf gewisse Erlebnisse tut, als hätte er schon Lethe getrunken." „Seren Sie nur nicht gekränkt," besänftigte ihn Ehlert. „Sie sollen jö recht haben. Aber mir dürfen Sie auch glauben: an vieles, was vor dem Kriege war, erinnere ich mich tatsächlich nur dunkel. Und von dem übrigen ist mir mindestens die Hälfte gleichgültig geworden." Lindner schüttelte in entschiedener Mißbilligung den Kopf. „Das nämliche hat mir schon mancher der Kameraden gesagt. Man darf es nicht unwidersprochen lassen. Wir werden doch, wenn; wir . den grauen Rock ausziehen, wieder an das Alte anknüpfenj müssen, fallen nicht vom Himmel auf die Erde herunter, sondern kehren ut das Leben, ie als Arkebusier gegangen — vielleicht wäre es anders gekommen!" Ehlert mußte lachen. „Beruhigen Sie sich, Lüidner — der Prinz hat keine Absichten ans die Dollarprinzestin! Mer die nächste Ansichtskarte aus dem Schützengraben .soll sie trotzdem haben." „Uild dann noch eine und noch eine, von drüben wird geantwortet und zuletzt — Schicksal nimm deinen Lauf! Uebrigens wundert sich auch meine Schwester, daß Sie so selten von sich hören lassen. Die Damen daheim," setzte er anzüglich hinzu, „können sich wohl nicht vorstellen, daß einenr hier draußen das Gedächtnis schivindet und daß von dem, was darin kosten bleibt, ernem mindestens die Hälfte gleichgültig ist." „Fräulein Gertrud hat mich auch gerade nicht verwöhnt. Schon vor dem Kriege, schon ans jenem Künstler feste, als sie mir Tanz auf Tanz abschlng, war ich offenkundig in Ungnade" „Ihr Erinnerungsvermögen kräftigt sich zusehends, werter Freund uiid Kanipfgenosse!" antwortete Lilldner und entnahm ;einem^Notizbuch einen Brief, den er Ehlert reichte. „ „Die letzte schwesterliche Post! Etwas für den Schützengraben! Nehmen Sie mir! Es hnrb Ihnen doch ein Genuß sein, selbst zu lesen, lote angelegentlich sich Fräulein Jane in Pennsylvania nach rbrenr Ritter erkundigt hat. Meine Schwester verbreitet sich ausführlich darüber." Ehlert zögerte. „Mer darf ich denn-" . „M' stehen keine Geheimnisse drin. Wenn Sie ihn mir nur bei Gclegeilheit zurückgeben wollen." Da nahm Ehlert den Brief.- Er las ihn int Graben am nächsten Morgen, nachdem der Feind den üblichen Morgengruß herüberkartätscht hatte, und wieder Ruhe emgetreteit ivar. Nach langen, gränckicheii Regentagen schien die Sonne und in den Weidenbüstheil unten am Wasser zwitscherten Stare. Sie kümmerten sich nicht um Winter und Faschingszeit, nicht mit Kanonendonner und Gewehrgeknatter. Für sie war Frühling und ivar Friede. Und die Solidaten legten die dicken Mäntel ab, so warmi wurde.ihnen in der milden Lust, und horchten nach dein sorglosen Geschwätz der Vögel und dachten auch an Fn'ihling und Friede' — Friede nach ruhmvollem Sieg. — Das ivar ein Brief, wie ihn Ehlert nie bekommen batte. Ans leder Zeile blickte das Antlitz eines lieben, kluger: deutsckxm Mädchens. Die Stellen, die von ihm hairdelten, gefielen ihm am wenigsten. Was dre Schreiberin da sagte, klang fast ein ivenrg gereizt. Und die Satze über ihn und die Amerikanerin — i»ar Fräuleitß Gertrud denn eifersüchtig? Eifersüchtig! Daraus folgte — - und plötzlich verstand er ihr verändertes Wesen ihn: gegenüber seit jenen: Feste vor z»ve: Jahren. — 'Tie. KaiiittÄden Statten nicht geglaubt, Ehlert so schreib- lustig sein konnte. ... \ vU *wi* n . n ? CH dienstfreien Zeit saß er in: Unterstände mrd schrieb und schrieb. Zehn Setten für Fräulein Gerttmd Lindner. noch erne kurze LAitteittmg für Fi^md Lindner im Schittzengrabei: vor der znfammengesäwssenen Mühle ^Verzichte Nochmals uiid feierlichst auf Fräulein Jane in 108 ®eitnMtwmim $>abe mich orihibltd) uitb füt Lebenszeit idiibet» orientiert — in heimatlicher Richtung. Brief von dort gelesen, möchte ihn aber noch behalten zur weiteren Gedächtnis- und L>erz- stärkung. Da de auch nicht den erste,! Grub nach Amerika gesandt, sondern nach Deutschland, wo man heute nicht au Maskenspiele und Künstler feste denkt, aber an den Frühling — den herrliäM Fruh- lüdg, der kommen will und kommen muß. Schon fühlen wir ferne Nähe!" _ . vermischtes. • Berlin zur Zeit des Großen Kurfürsten. Noch war Kölln an der Spree die Residenz, Berlin ein gar geringer Ort An den hölzernen, baufälligen Häusern mit Stroh- ,u,d Schindeldächern standen volllandige Bäume, rankten Wetnstöckc sich hinauf. Wer einen dieser Bäume imb Weinstöcke beschädigte, dem wurde die rechte Haiid abgehaiien. Auf den uu gepflasterten, kotigen Straßen liefen ganz ländlich Schweine ,md aridere Haustiere ilmher. Die Straßen waren so kong, daß befohlen wurde: ..Jeder Boiler, der z,i Markte kommt, soll rückwärts euie Fiihre Kot mstnehmen." Für die Erweiterung und Verschönerung Berliiis tat der Große Kurfürst viel. Das halbverfallene kurfürstliche Schloß wurde repariert, wüste Baustellen augcbaul. Eine steheride Garuisoll belebte die Stadt, die Eiriivoh'ierzahl stieg von 6000 auf 20 000. Friedrich Wilhelm baute ein zierliches Lusthaus und legte dabei einen darnals viel bewruiderlen Lustgarten rrach holländischer Art an Bon ihm imd seiner zweiter, Gemahlin Dorothea sind drei neue Stadtteile angelegt worden: Friedrichstadt, Friedrichswerder und Dorotheenstadt; sie bildeten die Hauptteile der künftigen Residenz, die nun mächtig zu ihren. Glanze arlfstieg. Zur schöiien Liiidenallee pflanzte die Kurfürstin Dorotbea den ersten Baum. Seit 1680 wurden die Ltraßeu nachts erleuchtet. Anfangs ging die Beleuchtnng die Reihe herum. Immer aus dem dritter, Hause >nußte eine Laterne mit eurem brennenden Lichte nach der Straße z,i ausgehäugt werden. Erst einige Jahre später setzte mau die Straßenlaternen auf hölzerne Pfähle. Es erschien eine Straßenordiumg, in der es hieß: „Wer arrs den Höfen und Ställen der, Unrat auf dre Straßen würfe, dein solle er vom Gassenmeister wieder ins Haus geworfen werden." Jeder Hausbesitzer mußte vor seinem Hause die Straß' bis zur Bütte derselbe i auf seine Kosten pflastern lassen. Wir sehen hier rrn kleinen, was die Hoher,zollern dem Staate im großen gewesen sind. Sie haben den Staat aus dem Zustande der Uufuttur und partikularist ischen Zerrissenheit herausgehobeu, aus einem Kor,glou,erat von Sonderlandschaften eine staailiche Eirrheit ceschaffen ur,d derselbe!, einen Geist einzuhauchen verstander,. Welcher Anteil dem Großen Kurfürster, daran gebührt, sagte seu, großer Nachkomine, wenr, er am Sarge desselben ausr,ef: ,Meine Herren, der hat viel gelai,!" • Die rasierender, Pariserin,, er,. Nach dem „Matin" ist ein großer Teil der Damen aus der besten Pariser Gesellschaft in nicht geringer Verlegenheit. S'e stehen vor der Endprüfurig als Krankenschwestern, sollen an einer Prüfung auch ihre Fähigkeiten im Rasierer, und Haarschneiden vor ben Examensherren zeigen, wissen aber nicht, wo sie die rrnglücklicheri Objekte arrftreiben können, an deren Häupter sie ihre Härtde in dieser Fertigkeit üben könnten. Ja, eine schreibt einen ganz trostloser, Brief: „Mein Mann weigert sich mit aller Energie, mir sein Haupt anzuvertrauen. Ji, der gleichen Lage befinden sich auch die anderen Damen. Kinder habe ich nicht. Meme Portierleute habe», nur eine Tochter. Mein Dierter steht an der Front. Ich rvandte rnich au meinen Friseur, der rnich doch seit Jahren kennt, aber er wagt es nicht, mir die Köpfe seiner Kunden anzuvertrauen/ Nun ist sie ganz verzweifelt, und in ihrer Trostlosigkeit ivendet sie sich an der, „Matin" um Rat. Das Blatt antrvortete: „Wurden Sie es nicht richtig finden, sich vertrauensvoll au die Zensur zu wer,den?" Fast will es schemerr, als sei um dieses Ratschlages willen die Verlegenheit der Pariser helfenden Darner, erst erfunden worden. Denn ,ver sollte besser schneiden können als die französische Zensur? • Der größte vorweltliche Fleischfresser. Im Arnerican Museum of Natural History ist nach einem Berichte der Wochenschrift „Prometheus" unlärrgst das Skelett des größten bisher bekannt gewordenen Fleischfressers aufgestellt worden, ein „T y r a i, n o s a u r i e r" von 16 Bieter Länge und arrfgerrchtet 6 Bieter Höhe. Es ist ein Dinosaurier, der gegen Ende der Kreide- zett lebte. Nach Größe und Bau war er ein Extrem seiner Art. Derartige größere pflanzenfressende Rtesenreplilten wurden schon in Amerika und Ostcstrsta in älteren Jurafelser, ,tnd der früheren Kreide gesunden; dagegen sind die bisher bekannt gervesenen Fleischfresser bieierJMtt etwa ein Drittel kleiner als das jetzt ausgestellte Tier. Das Skelett bildet eu,e Flgur der vauptgruppe in der Kreide- Halle des New Parker Museums, die drei Skelette umfaßt und eine Kampfszeue aus dunkler, ferner Vergangenheit darstellt. DerTyrau- nosaurier war ein äußerst mächtiges Tter, lebhaft und schnell in seinen Bewegungen. Er zeigt ferne Berwarldschast mit Eidechsen, Krokodilen und Vögeln. Wie bei der, Vögeln sind seine Knochen hohl; ebenso erinnern seine Hintergliedrnaßen in Form und Bauart a n der Vögel. Die langen, kräftigen Hinterbeine hatler, den Körper aufrecht, wobei er durch den langen Schwanz gestützt wird. Die Vorderbeine, die nicht mehr zur Fortbewegung benutzt wurden, sind rndiinentär und verkünunert und dienen zum Fassen und Halten. Der massige Kops ist ausgerüstet mit 13 dolcharttgen Zähnen il, jedem Kiefer, die irnmer von neuem nachwuchser,, sobald einer abbrach; der größte ist etwa 12 Ztm. lang. Der Tyranno- saurus mar irnstande, den Karnps mit jedem Tier seiner Zeit auszunehmen, und war anscheinend der Herr seiner Zeit. Die Fundstelle der Skelette ist in Montana in der Nähe des Missouri, wo durch Zufall bei der Jagd mehrere große Knochen gefunden wurden. Eine Expedition in dtese Gegend brachte das erste derartige Skelett zutage, das mit Dynamit aus hartem Sandstein gesprertgt werden mußte, und später wurde in derselben Gegend auch ein weiteres Skelett gesiutden. _ Vüchertisch. — Der Kunstfreund. Zeitschrift der Bereinigung der Kunstfrennde. (Herausgegeben und verlegt von der Bereinigung der Kunstfreunde, Ad. O. Troitsch, Berlin-Schöneberg^) 3. Jahrgang. Nr. 1/2. Inhalt: Zehn Jahve nach dem Kriege 1870/71. Theodor t eufr: Die Politik. August Döppner: Der Roman. Hermann ienzl: Das Theater. Hugo Tnfftter: Die Musik. Robert Breuer: Die bildenden Künste. — G e tn ü s e b a u im Kriegsjahr 1916. So betitelt sich das soeben erschiene,te Kriegsflugblatt Rr. 4 der L a u d w i r t s ch a f t s k a ru m e r f ü r d a s G r o ß h e r z o g t ,t ni Hessen, bearbeitet von Obst- u>,d Weiubauustveklor F. P f e i' f e r, z. Zt in einer,, Darinstädter Lazarett. Dieses Flugblatt ist für alle geschriebei,, Landwirte und Gemüsezüchter, Laudsraum und Stadtfraueu, und ist geschriebei, in Berücksichtigung der durch den Krieg gegebener, Verhältnisse. Es zerfällt in einen allgemeiner, Teil, in welchem alle für die Kultur selbst wichtiger, Gesichtspunkte kurz zusammengestellt sind, und einer, rveiterer, Abschnitt, in welchem au Hand eines Gacteuplanes und zweier Verzeichnisse erläutert wird, ivre man ein Stück Land richtig arrsnützen kam,. Es ist da angegeben, welche Gemüsearten und Sorten Beet für Beet zur Anpflanzung korurueu können, rvelche Düngung sie verlangen, wann und auf rvelche Abstände sie zu säen und zu pstauzeu sind und dergleichen rnehr. Das Flugblatt ivird kostenlos au alle Juteresseuteu durch die Lar,dmtrtschastskam>ner in Tarrustadt, Allee 6, abgegeben. — Kriegsschädei, und Kriegsschadenersatz. Von Hermam, Weck, Rechtsanwalt. Geb. 4 Mk. Osiland-Verlag, Eharlottenburg 2. Dieser Veröffentlichung darf inan ohne rveitcres zuerkennen: sie ist zeitgemäß. Alle Welt steht ja unter dein Eindruck der ungewöhnlichen Leistur,qen, dre das Deutsche Reich in militärischer, finanzieller rrrrd organisatorischer Hrusicht vollbringt, trotzdem ihm durch d,e Lahmlegung serues Außer,Handels die Kräfte nicht unerheblich eutzogeu sind. Der Verfasser entrollt das gesauste Bstd dieser ruiltelbareu und all' der umuitlelbaren Schäden, die uns der Krieg verursacht hat, ivobei die Deutschen in den Schutz- gebielen und die Auslanddeutscher, nicht vergessen sind, auch nicht die Werte in, Ausland, die der, Deutschen in der Heimat gehören. Bei dieser Betrachtung und bet der Feststellung der Berechtlgung zum Schadenersatzanspruch (alle wichtigen älterer, und neuester, Gesetze und Verordnungen sind in, Wortlarrt eingefügt) vergiß, der Veriasser nicht, auch zu sagen, was das Reich und rvas die einzelner, tun müssen, um das etwa Wiedergewouueue für die Zukunft zu sichern; und rvas au den, bestehenden Landes- und Völkerrecht gebessert werden sollte, damit die Welt für alle folgenden Zeiten zuverlässig betreffs des Kriegsschadenersatzes unter,vresen ist. Es sind hiernach nicht nur die Kriegsbeschädigten selbst, die das handliche Buch mit seu,er ausgezeichueteu Stoffcmteilung begrüßen werden. Auch den Politikern und Volkswirten, wie der, Juristen wird es eine willkommene Gabe fein. Sdjer^rätfel. wei Worte nenn' ich dir inhaltsschwer, ärmst oit im Theater sie Hörer,. Der Hausfrauen Festtag ist freudeleer, Wenn des Kuchens Entwicklung sie stören. Der Mägdelein Furcht vor den Worten ist groß, Auch sind sie der Buben gefürchtetes Los. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Kreuzrätsels in voriger Nummer: I ü P g r o u ü 1 Igaanodon Qrünunter Polonaise d t i Schrrstleitung: Aua. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen U„iversitäls°Buch- und Steindruckerei. R. Lange. Gießen, 0 6 8 n r e