Hreitag, öcn 2 \. Dezember —I—LL! „Das ew^ge Licht scheint da herein Und gibt der Welt ein' neuen Schein, Es leucht' wohl mitten in der Nacht Und uns zu Lichtes Kindern macht." Weihnachten 1915 . iüincv Mutter Erleben. Erzählung von pauline Lange. wischen Wäldern und Wiesen liegt an einem weiten lieblichen See das Städtchen S., das den Durchreisenden anmutet wie ein Friedens-Idyll, in dem es sich etwa gut ausruhen ließe nach aller Hast und Unrast der großen Welt. Wer jedoch in dem Städtchen lebt, der weiß wohl, daß es weder tuit dem Frieden noch mit der Weltabgeschiedenheit ganz stimmt. Menschliche Leidenschast und Torheit schlagen auch hier ihre Purzelbäume und verweben Tragödien und Komödien in buntem Gewirr in das scheinbar gleichmäßige Alltagsleben. Und zahlreiche Fäden gehen von dem kleinen Orte hinaus in ferne Länder, und neuentstan- dene. teils schwere, teils glänzende Geschicke sind eng mit dem Leben der kleinen Stadt verknüpft. Und während des jetzigen furchtbaren Krieges ist es den Bewohnern von S., als seien sie plötzlich in den Mittelpunkt alles Geschehens gerückt. Sie wissen, die Grenzen ihres Vaterlandes starren von Waffen, und treue Mannen bilden eine lebendige, undurchdringliche Mauer gegen die Feinde, aber daneben ist es ihnen, als wären alle Schranken gefallen, als rückten Länder und Völker, die man sonst kaum dem Namen nach kannte, einem ganz nahe, und als sähe man in das innerste Leben und Denken all dieser Völker hinein. Und nun war das zweite Weihnachtsfest in diesem furchtbarsten aller Kriege herbeigekommen. Schon waren die vielen Pakete versandt, die wiederum einen Weihnachtsgruß zu den Lieben in's Feld tragen sollten, für die Lazarette war alles vorbereitet zu erhebender Feier am Christabend, in manchem Hause wurden frohe Vorbereitungen getroffen, weil der Gatte oder Sohn, Bruder oder Bräutigam zu kurzem Urlaub erwartet wurde. Aber im allgemeinen wollte im ganzen Orte keine rechte Feststimmung aufkommen, trotzdem die Kaufleute die lockendsten Schaufenster hergerichtet hatten und trotzdem kleine rotgefrorene Buben und Mägdelein die Naschen an eben diesen Fenstern plattdrückten, um das Verlangen ihrer begehrlichen kleinen Herzen durch das Auschauen der Herrlichkeiten zu erquicken. Sie waren die Einzigen, die mit täglich gesteigerter wenn häufig auch ganz heimlicher Erwartung dem Christfeste entgegenfchauten. Und am härtesten — darin waren alle einig — war die Frau Wiegand, die Witwe des verstorbenen Hauptlehrers, heimgesucht worden; daß sie den Mann früh verlieren mußte, war schon hart genug und was für einen guten, prächtigen Mann. Ter ganze Ort hatte getrauert, als eine tückische Krankheit vor Jahren den beliebten Lehrer schnell dahinraffte. Tie wilden Schulbuben waren ganz still einhergegangen und hatten gefühlt, einen solchen Lehrer, der trotz seiner Strenge jedem unter ihnen wie ein zweiter Vater war, fanden sie wohl nie wieder. Die Eltern aber wußten am besten, was sie an ihm verloren. Wie mancher Vater, der sich nicht zu raten wußte mit seinen Buben, war in stiller Abendstunde zu dem schlichten Vorortshause gepilgert, hatte dem Lehrer sein Herz ausgeschüttet und hatte nicht nur für seine Buben Rat gefunden, sondern weit darüber hinaus. Ja, das grüuumrankte Haus in der Vorstadt war allmählich für alle, die den Zugang dahin fanden, ein Notanker geworden — mancher Gram gebeugte hatte sich dort Trost, mancher Verzagte und Schiffbrüchige hatte sich Mut za einem neuen Leben geholt. Und wie der Mann, so die Frau. War er eine ernste tiefe Natur voller Pflichttreue, Festigkeit und großer Güte, so war die kleine bewegliche, dunkeläugige Frau scheinbar das Gegenteil und doch ganz eines Sinnes mit ihm, stets bereit, neben all ihren Hausfrauen- und Mutterpflichten seine Sorgen und Freuden ehrlich zu teilen. Sv leid ihr oft ihr Mann tat, wenn nach der Last des Tages mrd während der Vorarbeit für den nächsten Tag gar so viele Leute kamen, die seine Kraft und Zeit in Anspruch nahmen, sie wußte, seiner reichem Natur war es gegeben, vielen etwas zu sein, und sie hätte nicht den Mut gefunden, sein Wirken zu hindern, wenn sie selber auch dadurch entbehren mußte. Nur doppelt lernen, ihm alles unnötige an Kleinkram ans dem Wege zu räumen, damit seine Kraft für Größeres blieb, das war ihr Wunsch und ihr Streben gewesen, und für jeden, der kam, hatte sie ein freundliches Wort und einen Blick, der zu sagen schien: „Laß nur, es wird schon alles gut." Ein Segen war von dem kleinen Hause ausgeströmt, unbemerkt und doch fühlbar im ganzen Orte. Und was sie in Liebe und Hingebung wirkten, schien ein gütiges Geschick ihnen durch Glück im eigenen Heim vergelten zu wollen! Drei frische, liebe Buben wuchsen neben dem Elternvaare heran. Und als dann der Vater und Versorger ihnen so schnell genommen wurde und die kleine Frau anfangs wie vom schlage getroffen erschien, da war es den Leuten fast übermenschlich vorgekommen, wie sie förmlich über ihren Schmerz emporwuchs. Bald hatte sie für jeden, mit dem sie in Berührung kam, wieder ihren gewohnten herzlichen Blick. Sie lernte unter Tränen lächeln bis sie die Kraft gewonnen hatte, wieder von Herzen mit denl Traurigen traurig und mit den Fröhlichen froh zu sein. Sie meinte, sie dürfe nicht klagen — sie sei überreich gewesen und hätte immer noch unendlich vieles, für das sie nicht dankbar genug sein könne. Besaß sie doch ihre drei Buben, die sie ganz nach dem Wunsche des Vaters und in seinem Sinn erziehen mußte. Tapfer nahm sie das schwere Leben in ihre kleinen, festen, arbeitsgewohnten Hände. Während der guten Jahreszeit nahm sie Sommergäste, und ihr Haus mußte immer noch eine besondere Anziehungskraft haben, denn nie fehlten die Gäste, und manche blieben bis in den Herbst hinein, kamen als Fremde und gingen als Freunde. Die Leuts staunten oft, wie die behende kleine Frau mit ihrer treuen Magd all die Arbeit schassen imd doch immer iwch frohen Mutes sei» und Zeit für ihre drei Buben haben konnte. Sie zog sie tüchtig heran zu .Hilfeleistungen aller Art, soweit ihre Schulausgaben es zuließen, aber sie gönnte ihnen auch von Herzen die nötige Erholung und konnte sich wie ein Kind mit ihnen freuen über jede kleine Freude, die ihnen wurde. Seltene Blumen und Steine, ein neu entdecktes Vogelnest, eine Einladung zu Freunden, ein gut gelungener Aufsatz, alles wurde für die Jungen zu einein Fest durch das Verständnis und die herzliche Mitsreude der Mutter. Eine Freude war es, diese Mutter mit ihren Söhnen zu sehen, und mancher Blick folgte ihr voller Bewunderung oder voller Neid, wenn sie am Sonntag gemeinsam zur Kirche gingen. Dann war es einsamer geworden um Frau Wiegand — von ibren drei Sühnen war nur der jüngste dauernd noch bei ihr geblieben. Franz, der älteste, ganz das Ebenbild des Vaters, hatte zunächst auf der Landcs-Universität, dann in Berlin Medizin studiert und bestand gerade beim Ausbruch des Krieges mit Auszeichnung sein letztes Examen. Walter, der zlveite, studierte Philologie und )var im vierten Semester und Gert, der jüngste, nach Ansicht seiner Lebrer der am vielseitigsten Begabte, dem sie wegen seiner Gaben und seiner Energie eine glänzende Karriere prophezeiten, war nach seinem Abiturium in die Schlosserlehre gegangen. Er kam mit dem festen Entschluß und ließ sich durch nichts irre machen. Er habe Luft dazu und würde es schon noch zu etwas bringen, daß seine, "studierten" Brüder sich seiner nicht zu schämen hätten, sagte er lachend. Die Mutter aber fühlte wohl, mit welcher Anstrengung sre sich mühte, das Geld für das Studium der beiden älteren Brüder aufzubringen und wollte nicht neue Lasten zu den alten häufen.' Schon verdiente er als Feinmechaniker ein schönes Stück Geld und wußte der Mutter manche Erleichterung zu verschaffen, da brach d-er Krieg aus und die drei Brüder gehörten zu den ersten, die sich stellten und freiwillig mit hinauszogen für's Vaterland. Tapfer hatte sich Frau Wiegand gehalten, als sie einen nach dem andern von sich ließ: Ich weiß, ihr zeigt euch eures Vaters würdig, behüt euch Gott zu tausend, tausend Malen. Dazu ein fester Händedruck und ein Blick so voller Liebe und Kraft und Verstehen, daß alle drei nimmer diesen Blick aus Mutterauge vergaßen — das war ihr Abschied gewesen. Dann war sie zurückgegangen in ihr einsames Haus, hatte sich still hingesetzt und Trane auf Träne war auf ihre festgeschlossenen Hände gefallen, bis es schluchzend von ihren Lippen brach: Sie sind dein, die du nur gegeben hast, du mein Herr und Gott, aber ich bitte dich, ich flehe dich an, laß diesen Kelch an mir vorübergehen! Nimm sie m deinen Schutz, führe sie zurück und laß sie in Frieden wirken zu deiner Ehre — nur diesen Kelch, Herr, laß an mir vorubergehen! «-.Sie konnte nicht hinzufügen, Herr nicht mein, sondern dein Wille geschehe — nein, sie konnte es nicht! Ihre heiße Mutterliebe lehnte sich dagegen auf ! Im Geiste ihres Heimgegangenen Gatten, rm steten Aufblick zu ihrem Gott hatte sie sie erzogen, ihr Leben hatte sie ausschließlich in ihren Dienst gestellt, ihre Seele hatte sie ihnen gegeben. Nicht weichlich und haltlos, nein, oft mit heißem Rmgen, Mit kräftigem Anpacken hatte sie sie zu guten, Willensstärken, tüchtigen Menschen erzogen. Nützen sollten sie der Menschheit, ein Legen werden wie ihr Vater — nur wieder- tthren mußten sie, die ihres Lebens Inhalt, ihrer Seele Trost und Freude waren. Frau Wiegand schaffte sich Arbeit. Sie war geschickt im MbN und bald hatte sie Aufträge von der Militärbehörde. Fhre alte treue Marie machte die nötigste Hausarbeit und kam niwf Cernn ö*" Hilfe. Ihre beiden Maschinen rasselten, die Gedanken flogen zu den fernen Lieben. So ging es die ganze Doche, nur am Sonnabend arbeitete Frau Wiegand nicht für Erwerb. Dieser Tag war dem Roten Kreuz gewidmet, da wurde u f n ^ und sie war glücklich, wenn sie wieder ein Paket guter Lachen abliefern konnte. v An jedem Abend aber um 7 Uhr machte Frau Wiegand Schluß mit der Arbeit und der Rest des Tages gehörte ihren Jungen. o* a 1 » C * C ? nur fe, angestrengt, um ihren Söhnen möglichst viel Liebes antun zu können. Und nicht nur diese erhielten ibre regelmäßigen Lendungen; manches Paket wunderte außerdem ins Feld für solche, die von daheim nicht mit Liebesgaben bedacht jjertg. ftmntet. Und manch treues Mutterwort trugen ihre Her,'"stärkte" ^ baä i&Ken ben Mut hochhielt und . .°bcr teilte Frau Wiegand ihre Zeit zwischen ben Verwundeten im Lazarett und ihren Söhnen Während der IS'SJLi'MSXS! S#5 r-' , . juucacgte, erfu ocnt gewaltigen Völkerringen, was ihr Herz erbittern ma ^ ert Blick in das EinzelgefchiS bft ItteaerÄZ SSiSSSSää'äsö äsä teWÄ ä s sn chrem Hause verkehrt hatte, war schwer verwundet hierher H '£l e r r .^wach erwies für den Weitertransport MMWWW s r£ w säv»;s "r&äts “ 1 ws»* feiÄsH* - -ft ft « »« »•» lieben Augen sich für immer schlossen, da gedachte Vvynen erspart bleibt, was, du hier einer Mutter Sohn hast er- ^den sehen? Und angstvoll, aus geMtertem Herzen rang e- sich empor flehend und innig: Laß diesen Kelch an mir vorüber gehen!, und dann mit einem Blick auf den lieben Toten: Herr, so du willst, laß diesen Kelch an mir vorüber geheil!, und stammelnd, zagend fügte sie hinzu: doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe! — ..Mt Tage darauf hatte sie alles zum Empfang ihres Gert gerüstet Morgen mußte er cintrefsen, aber der Morgen verging und er kam nicht. „Er wird noch nicht haben abkommen können, E?. tvrrd emige Tage später kommen," tröstete Marie, „das ist oft so. Inzwischen erhielt die Mutter Briefe von Franz und Walter. Der er ne stand in Rußland, der andere in den Vogesen Ergreifend schilderten sie oft ihre Erlebnisse und Ein- orucke, dazwischen kamen packende, kurze Schilderungen der vergebenen Landesteile, die sie berührten. Aus allen Briefen aber sfwach fester Wille und gute Zuversicht. „Jetzt wirst Du unfern „Beniamin bei Dir haben," schrieb vor einigen Tageil Franz, „noch em paar. Monate, und Walter und ich werden zu kurzer S einkehren. Ach Mütterchen, wird das schön sein! ^ hljren von Deinen großen Jungen, und wie 2j. rö ™ tun, sich nach allem Schütze,igrabenleben ein wenig bekornmen^^"^ zu lassen." Becke hatten das Eiserne Kckenz Gert aber kam nicht. Wieder vergingen acht Tage, dann kam tfrau Wiegends letzter Brief zurück mit dem Vermerk' ,Gert Wiegand vermißt". " qualvolle Wochen. „Vermißt!" dies Wort, das f°ß h f eiten bestehen lagt und in seiner Qual und Ungewiß- doch oft grausamer ist als der Tod. Frau Wiegand scheute 16 ? aT ri te n . n bas Rote Kreuz, sie reiste nach f orschen, wohin man sich wenden, was man tun mrfrf,' X? nach der Lckiwkiz: der Oberarzt und Pfarrer Ulrich, der ihrem Manne immer ein treuer Freund gewe'en wr zogen ihrerseits alle erdenklichen Erkundigungen ein — alles Uht hnilf . ®= b - ld l' na f^ m bas arme Mutterherz alles dnrch- bt hatte, was in dem steten Wechsel von auffiacker-cke - Hoffnung uub trefer Verzweiflung liegt, traf voni Regiment die Nachricht ein fallen. ' festgestellt, daß ihr Sohn in der Champagne gL nx + Butter kämpfte einen harten Kampf. Jh- armer Gert, vielleicht unter Qualen verlassen und allein geworben ohne einen lieben Freund neben sich — ohne Hilfe — obne T oft' nur für an^er- gLt^für anL geiorsl nickt weites ' Ä 0 h lhr Herz, zerrissen würde, sie konnte ÜVr ! ~ "Siehe ich bin bei Euch alle Tage," tönte eine leise Ltlmme aus ihrem Innern, aber sie war so zer cklaaen ihr war das Herz so weh und wund, daß diese leise Stimme in an tt i& n Ohr en fSirH ie ^ Tröstungen der treuesten Freunde woyi an ihr Ohr schlug, aber Nicht in ihr tiefstes Bewußtsein dran^ Das war ganz ang-süllt mit Jammer und Weh Mane umsorgte ihre Herrin in ihrer sticken Art. Sic batte fa alle drei Lohne aufwachsen sehen, sie hatte sie aus dem A m getragen und spater manchen dummen Streich der Jungen wieder gut gemacht oder ihn der. sorgenden Mutter verschwiegen Sck rhr eigenes Verhältnis zu allen dreien, hatte ihnen oft den Kopf zurecht gesetzt, wenn der Ueberinut es zu toll tr'eb a'er wehe, wenn ein Fremder etwas gegen „ih e Jungen" sagte Die m - U f ° & raöe Buben hätten, we'terte ollt ™ llch boch chre eigene Briit ansehen, ob die es wobl Lusnähme mit solchen Staatskerlen." Aber war es nach dem r m e3 ;= ^ errn gewesen für ihre Herrin $ Li, x e /* nun mc I bc r n ' dieselbe so bald nach der angreifendcn Pflege des fungen Huber das schwere Leid traf um den e aene ?ohn? In ihrer Not wandte sich Marie an Franz und bat ch der Mutter zurecht zu Hel en, wie er es früher bei schweren ^lebm en -u tun pflegte. Franz antwortete fcÄ tb“ Meine liebe Mutter. Ganz gegen Deine sonstige Art hast Du mir den Tod unsere verschwiegen, um mich zu schonen. Aber aus Deiimrr Zecken klang trotz aller scheinbaren Ruhe so viel Weh daß ick es ^ urc ^ den Tod meines lieben Huber nickt erklären ^"^e. Durch elnen Freund erfuhr ich von dem Geschick unseres u ü S l brellercht der beste von uns dreien so köftlick srisck und voller Freude an allem Schönen und doch tiefinnerlich voller ^ebensnns und Aufopferung. Du weißt es am besten was er Dir machen mit Klagest "ns das Herz ?0U Walter und Dem en verschiedenen Schützlingen wird es das-, selbe fern: aus allen wirst Du den Eindruck gewinnen, daß das Le-- .^.Schützengraben längst nicht das schliminste ist daß es neben gemütlichen Stunden auch solche gründlicher Einkebr und Mo- mente höchster Erhebiing mit fid) brE fl t Wr Wen f* rrtrb Mer aSf fiel) selbst gestellt, er lernt es. sich Aus eigener Katt zu^üelÄ — 799 — Jnit geringen Mitteln in seiner Höhlenwohimng ein gewisses Behagen herznstellen. Er lernt auch, alles mehr nach seinem eigentlichen Werte einzuschätzen. Und Hann vergiß nicht, wir sind dabei, wir dürfen mitschafsen — das ist sehr viel leichter als das bange Warteil daheim. » Und wer wie ich die furchtbaren Kämpfe in Masuren mit- gemacht hat, der weiß, wofür wir kämpfen. Was ist alle Sorge und Bangigkeit, alle Trauer unserer Lieben daheim gegen das ^lend, was wir unter den Flüchtlingen erlebt und geschaut haben. Wenn rch an Dich und unsere alte treue Marie, an all die guten tüchtigen und edlen deutschen Frauen und Mädchen in der *. e ' da überläuft es mich kalt, wenn ich mir vorstelle, daß Ihr hier wehr- nnb schutzlos solchen Mordbrennern, solcher Schande und solchem unsagbaren Elende preisgegeben sein solltet. .Versteh mich recht, Mutter; von .Herzen will ich Dir und uns wünschen, daß Walter und ich Dir erhalten bleiben: brennend wünsche ich wir und unserem sonnigen, lebensfrohen Walter ein langes Leben, damit wir alles in die Tat umsetzen können, was uns an Erkenntnis aufgegangen ist in unserem Kriegsleben. Aber gat unfcr ^brrgott es anders beschlossen, und sollen auch ich oder Walter durch den Tod unsere Treue gegen das Vaterland besiegeln so wissen wir, toofüc wir sterben. Viele liebe Kameraden habe ich fallen gesehen: junge Buben, die kaum der Schule ent- wachsen waren und reife Männer, die Frau und Kinder unversorgt zu ruckließen. Aber eine andere Größe liegt in solchem Heldentod als in dem stagnierenden, nutzlosen Leben vieler, die sich daheim .^ n r . Ersten zählen. Dies sollst Du wissen, mein Mütterchen, damit sich in Deinen tiefen Schmerz um unfern geliebten Gert nicht Blttevniss^nnd falsche Vorstellungen mischen. Das schwerste wird in dieser furchtbaren Kriegszeit von Euch Muttern gefordert. Ihr geht schrittweis'den steinigen P'ad hinauf Golgatha, Euch rvird die scharfe Dornenkrone auf das liebe Haiipt gedrückt'und erbarmungslos geht das Schwert durch Eure Leele. Wenn tmr dieser Gedanke kam in mancher stillen Nacht, da Packte mrch die Wut, und ich wünschte, ich hätte die Hydra unsrer ^emde vor Mir und könnte beit tausendköpfigen Drachen zerschmettern mit einem wuchtig'en Streiche Wir leiden Weh um Euch. Ihr deutschen Väter und Mütter, die Ihr Euer Bestes hingebt für Euer Vaterland. Aber immer wieder denke ich, vielleicht ist das Beste gerade gut genug, um als Grundstein verwandt zu werden für den Bau unserer deutschen Zu- tilnst. Wenn der einzelne durch seinen Kampf und wenn nötig, durch seinen Tod nur ein paar deutsche Familien vor der Vernichtung schützt und ihnen die Fortentwickelung sichert, so hat er nicht umsonst gelebt — so stirbt er in dem beglückenden Bewußtsein, daß er Mutter?! oabb boU erfüllt hat. Und ist das nicht das Höchste. Und nun kommt meine große, innige Bitte: gib Dich nicht zu sehr der Trauer hin uni unfern geliebten Gert, verzage und verzweifle selbst dann nicht, wenn, rvas Gott in seiner Gnade ver- huten möge, noch weitere Opfer von Dir verlangt werden sollten. „Durch Nacht zum Licht" — das sollte für jeden einzelnen die Losung sein in dieser schweren Zeit. Wir brauchen starke, todes mutige Frauen. Du, Mutter, bist unzähligen Menschen ein Segen LbÄcF" es bleiben, bis der Herr Dich entläßt aus seinem ^5st der Krieg zu Ende, da sind erst recht tüchtige Menschen unserm Lande notig. Dir, mein Mütterchen, danken wir Sohne alle^ Beste, was in uns ist. Du bist uns mehr gewesen, wre wir es Dir re danken können, aber noch darfst Du nicht an Ausrilhen denken. Die außergewöhnliche Zeit verlangt außergc wohnliche Leistungen, Vielen mußt Du noch zurechthelsen mit Deiner großen Liebe. Deinem mütterlichen Verstehen, mit Deiner Kraft und Deiner goldigen Klarheit. Man muß jetzt wohl lernen, "ganz „Werkzeug zu werden und sich vom Höchsten Platz und Aufgabe anweisen zu lassen. Unsere Mutter n»ar ifnmer unser Stolz und die Sonne unseres Daseins 7 - nun strecken viele die Hände nach Dir ans und Du wirst ihnen geben aus dem reichen Schatze Deines Herzens. Bleibe ich am Leben, so können wir vielleicht in vielem zusammenwtrken; ich könnte mir nichts lieberes denken Grüße un- sere gute Marie; es ist mir ein Trost, sic bei Dir zu wissen Ich habe viele Tage an diesem Briefe geschrieben' Du wirkt Mutteron bie Settd rusammenfügen. Lebe wohl, meine geliebte m .. . In Dankbarkeit Dein Sohn Franz Noch bevor dieser Brief bei der Mutter eintraf, kam ein schreiben aus dem Regiment ihres Sohnes 11 Hochverehrte Frau schwer, Ihnen f daß wein Freund, Ihr edler, herrlicher Sohn Franz, den He den- tod starb. Gestern machten die Russen einen Narbten .,riffix Ute wich in der Dunkelheit mit einer kleinen Mteilung'm^inel „ nte ^u welt vvrgewagt; schon waren wir umringt und wären rettungslos verloren gelvesen, ivenn nicht plötzlich Ihr Solm mit scnien Leuten erschien, sich mit solcher »S a bm S b r“A berfC r tbe !" c m ä n Nucht davon eilte. Wir waren sÄ f' s,v lb 9} ^af Jhrm SoHn eine verirrte Kugel 9 ei; .®erto(mms des Feindes einstellen wollte Ich eilte zu thnr. lebe Hilfe war ,edoch vergeblich. Er lebte ettva noch Heute haben soir ihn begraben, aus einem schönen freien Platz nn Walde, wo schon manche unserer Kameraden ruhen. Ein Freund hat ein Kreuz angefertigt und will die Worte darauf schnitzen, die auch der Feldprediger seiner Rede am Grabe zu- Srund^e legte: „Er hat sein Leben gelassen für die Brüder!" >>>ch komme mir Ihnen gegenüber wie ein Schuldiger vor, wen der freund für mich sein Leben einsetzte. Er gehörte zu unfern Besten, ich kenne keinen Zweiten, der so ganz los von sich wäre, dem so sehr die Pflicht alles war. Und doch hatte wohl keiner eme größere Liebe, in Lust und Leid ein tieferes Wttter- leben sur die Kameraden als er. Im Dienste streng gegen sich und ^ ßl ? e a 5 ei i* e ' - üar sobald die Pflicht erledigt, wie ein Freund und Bruder snr alle. Er war ein tüchtiger Offizier, und wie oft hat er als Arzt aus dem Lchlachtfelde geholfen. ^ch wage kein Trostwort hinzuzufügcn, verehrte Frau — l J m 9 e Bitte; sehen Sie in mir einen treuen Freund ^hrev Lohnes, der Ihre Trauer teilt und den Heimgegangenen me vergessen wird." ß, Noch mehrere Briefe kamen von verschiedenen Vorgesetzten und ^!^^oen und alle legten beredtes Zeugnis ab von seiner tüch- |S' ~Das Eiserne Kreuz wurde der Mutter geschickt und .Dogebllcher. Fast gleichzeitig traf fein letzter Brief ?{”* Jo^s-r? n lm i ^s. War der ganze Brief nicht wie beT Geist seines Vaters in ihrem EUZ lebendig gewesen ? War es nicht, als hätte er sie im voraus sollen für dav bittere Leid, das sein Tod ihr anfbürdete? rver sie war noch zu zerschlagen von allem Schweren, um seine ganz zu erfassen Sie brach zusammen und wochenlang un ^ die gute Marie, um durch sorgsamste Pflege die schwache zu heben. Der alte gute Pfarrer Ulrich der selber schon einen Lohn verloren und noch zwei andere im Felde wußte sie am besten auszurichten, war,er doch ihr und ihres Augenblick an, wo sie hier ihr Heim aus- Äugem Er kannte die Tapferkeit der kleinen Frau und wußte. - daß sobald die körperliche Lchwache gehoben war, ihre Seele sich wieder ansrichten wurde! Als Pfingsten herankam, machte sich Frau in hSrr£ Ir-f a Teb ^ er T Garten zu schaffen, wo der Goldregen, in voller Blute stand und wo Flieder und Jasmin ihren Duft ans- Aouchten. Marie hatte das Haus von oben bis unten geputzt und festlich geschmückt — „als ob Gäste kämen", aber, dachte Frau Wie- ^"0 traurig, die arme Marie braucht wohl'eine Ablenkung. Am nächsten ^.age ledoch als Frau Wiegand im Garlen ruhte, erschien r^^orrer mit schlecht verhehlter Aufregung. „Liebe Freundin/ sagte er, „ich bringe eine große Freude, noch heute kommt jemand, der hier eine Weile bei Ihnen rasten möchte, ich erhielt weben ein Telegramm aus Berlin." — „Walter", rief Frau Wiegand und scpon bog er um die Ecke und die Mutter schloß ihrem letzten Sohn ans Herz. Von Tag zu Tag richtete fio M) nun sichtlich auf, ihr Herz konnte sich nicht satt sehen an dem zum ,Manne gereiften stattlichen Lohn. Ihr „Sonnenkind" hatte sie ihn immer genannt — das war er auch geblieben trotz aller Erfahrungen und der tiefen Trauer um die geliebten Brüder. Er hatte o^onzenv Brief und seine Tagebücher gelesen, nird es war, als ob er des Bruders Erbe antreten wollte. Und kam am Abend Pastor Ul- lieblichen Margret, die seit der Mutter Tod mit ihren 18 Jahren schon dem Vattr den Haushalt führte, und sab Frau Wieganh. wie ihr großer ^unge unruhig und verlegen wurde und hb'Olludernd zu lhnr ausfah, wenn er au; ihres Vaters Bitte von dem Krieg^leben erzählte, da keimten leise Hoffnungen: UU'',Die wuchsen und verankerten sich in Frau Wiegands, Mutterherzen und schlugen Brücken in eine lichte Zukunft wo der Krieg anfgehort hatte, seine Schrecken zu verbreiten. Pi«., 2^ n t e nid *' kfltj das grausame Geschick nur eim. Pause eintreten ließ, ehe es zu seinem letzten und furchtbarsten Schlage am holte. Kaum 14 Tage war Walter wieder an die Front zurückgekehrt, hatte beglückt geschrieben und die Mutter beruhigt es scheine un Moment ganz friedlich, wenn auch die Fra mojen durch ihr Lchießen sur die nötige Abwechselung sorgten da'kam aus der chirurgischen Kltmk der Universitätsstadt die Nachricht Frau Wiegand mochte wenn ihre Kraft reicht, zu ihrem Sohne Wolter kvnlinem Derselbe sei leider sehr schwer verwundet li« müsse sich auf Furchtbares gefaßt machen. Mer er sei bei klarem Bewußtsein er selber habe Hoffnung ans Genesung und nage großes Verlangen nach seiner Mutter J tiaju Cvr fam; der starke Mann hatte offenbar geweint. £* s?OlAtUe die arme Mutter nach der Universitätsstadt und ehe sn. ans Ziel kamen, kannte sie ihres Walters Geschick Von der herrlichen Gestalt ihres Sohnes existierten nur noch Hanvt und Rumpf. Der Arzt hatte keine Hoffnung mehr" Walt" dagegen, der sonst so^ Klardenkende, glaubte fest an seine Gc- MUUS'.. ertrug aNe schmerzen wie ein Held und hoffte, mit Hilst tunstlicher Gliedmaßen dereinst doch seinen Berns an-üben u können. Kein Wort kam über Frau Wiegands Lippen, nur LLü.Minute',- s-i',e letzten W»rte WrenU; M Sie'und"die tit frÄlÄ'Ä'.■ 3 » veraesse nie ^te ait uit«, 1 vv— * imn ^uijcuuujcc zu icnocn. lLe LL Gott «ftr "e>vußti°s. rief „Meine liebe, eilt Laut wie ein zu Tode getroffenes Tier. ~ , Dann richtete sie sich auf und trat die Wanderung zu ihrem Äcm Ruhig und gefaßt trat sie an sein Schmerzenslager: nur als sie seinen bangen, fragenden Blick sah. da sagte sie inn-g mit weder Stimme; „Mein armer, armer Bub!" ‘ ' meiuhM.h 2 1 Wochen, wo der Arzt und die Sckm'tnein 2M"en. es sei, als ob ein Engel täglich der armen Mutter sie Wre Mutterliebe meisterte den Sck'mei- Ihr Junge, ihr Lonnenstrahl Uit — litt ItcbcimciifdiUdJe: da / 800 mußte sie stark sein. Sic konnte ihn nicht den: Tode abringen, aber sie konnte ihm seine Schmerzen und sein Sterben erleichtern. Ihre Erfahrungen bei dem armen Huber kamen ihr statten und das Mutterauge wußte jeden Wunsch, jede leiseste Regung in der Seele ihres Jungen zu lesen und das war gut, denn ec sprach so leise, daß sie ihr Ohr ganz nahe an seinen Mund bringen mußte, um ihn verstehen zu können. Liebe Freunde, die er durch seine Studienzeit in der Stadt hatte, brachten ihm täglich Blumen und allerlei leichte, zarte Leckerbissen, und für alles -war er rührend dankbar. Sein Haupt, das still und geduldig auf dem weißen Kissen ruhte, war schöner als je. Tie blonden Locken um- rahmten ein bleiches Antlitz, aus dem seine tiefblauen Augen förmlich verklärt herausschauteu. Ter Arzt glaubte, daß Walter sich immer noch, fest an das Leben klamnrere, die Mutter aber hatte den Kampf um Resignation in ihres Sohnes Seele gefühlt. Eines Tages bat er sie, ihr doch noch einmal den letzten Brief von Franz vorzulesen, wenigstens dm Anfang. Sie tat es, und als sie an die Stella kam: „Sollten auch ich oder Walter durch den Tod unsere Treue gegen das Vaterland besiegeln, so wissen wir, wofür wir sterben", da sah er die Mutter mit seinem lieben, schmerzlichen Lächeln an und flüsterte: Ich habe Kinder so lieb und wollte ihnen mein Leben weihen — dann brach er ab, die Mutter aber sah ihn innig an und sprach: „Ja, grein goldiger Junge, für die Kleinen, die du so liebst, hast du dein großes Opfer gebracht." Er nickte leise, ganz leise, die Tränen flössen ihm aus den Augen, bie Mutter trocknete sie linde und beide wußten, sie hatten sich verstanden und trugen zusammen ihr großes, unsagbares Leid. -- Daß er, der alle Qualen so geduldig erlitten, endlich sanft einschlummern durfte wie ein müdes Kino, war der armen Mutter ein großer Trost. Pastor Ulrich holte die Leiche heim^ und neben dem vorangegangenen Vater fand dieser letzte der Söhne seine - Ruhestätte. Tic ganze Pflege hatte Frau Wiegand üb erstanden, ohne zu- sammmzubrechen. Als sie aber in ihr einsames Haus zurückkam, da erschrak Marie über den Ausdruck ihrer Herrin. Aus dem wachsbleichen Antlitz blickten die großen braunen Augen fragend, wie in weite Ferne gerichtet, und um ben Mund lag ein Zug, als ob er nie Meder lächeln könne. Und so blieb es durch Wochen und Monde. Die Leute aus der Stadt brachten heimlich Marne allerlei gute Sachen für ihre Herrin, aber dieser selber gingen sie aus dem Wege. Sie hatten Scheu vor dem übermenschlichen Leide. Pastor UlrW und der Oberarzt kamen öfter, aber sie sprachen wenig. Frau Wiegands täglicher Gang war auf den Friedhof, der nicht weit von ihrem Haufe war. Hier traf sie eines Morgens mft Margret zusammen, die an Watters Grab kniete und bitterlich weinte. Dieser jugendliche Kummer drang in das Herz der Mutter, sie schloß Margret in ihre Arme, und zum erstenmal flössen auch ihr die erlösenden Tränen. So war Weihnachten he ran gekommen und immer noch war Frau Wiegands Antlitz wie aus Erz gemeißelt. Pastor Ulrich tat das Herz weh, und er zermarterte sich in dem Gedanken, der armen Mutter einen kleinen Trost zu spenden an diesem ersten Heilig- Abend nach all den furchtbaren Schicksalsschlägen. „Herr Gott, hilf mir, ich weiß mir keinen Rat", seufzte er, als er sich immer gleich hilflos fühlte. Frau Wiegand hatte Marie vorgeschlagen, in die Christmette zu gehen. Marre verstand den Wunsch der armen Mutter, an diesem Abend allein zu sein. Sie versprach zu gehen, sorgte für ihre Herrin und ging dann ganz leise in ihr Stübchen und schloß die Tür hinter sich zu. Frau Wiegand aber schloß die Läden und zog die Vorhänge zu. Sie wollte nichts sehen von Christbaumglanz — sie hätte am liebsten die Weihnachtsglocken angehalten —, nur allein sein, ganz stille an diesem Abend, der sonst der schönste des ganzen Jahres für sie gewesen war. So saß sie im Dunkel und dachte au all die. Weihnachtsabende, die sie hier in demselben Zimmer als glückliche Gattin und Mutter erlebt hatte. Und als sie so ihr ganzes Leben durchdachte, da kam ihr der sehnsüchtige Wunsch, wenigstens die Bilder ihrer Lieben um sich zu haben. Sie zündete die Lampe an und holte ülles herbei, was sie an Photographien ihres Mannes und ihrer drei Söhne besaß. Da rvar zunächst das Brautbild von sich und ihrem Manne. Wie viele köstliche Stunden, wie viele liebe Erinnerungen^rief dies Bild in ihr wach und wie viele Hoffnungen Ihrer jungen Seele. Und alle diese Hoffnungen hatten sich ihr erfüllt, weit über Bitten und Verstehen. Welch ein Glück war ihr an der Seite dieses Mannes geworden. ^ Wie reich beglückt war sie gewesen vor Tausenden, wie iyalit sie sich geistig entwickeln und wachsen dürfen durch das innige Zusammenleben mit ihm. Und welche Freude hatten sie beide an ihren Buben gehabt' Me hatten sie sich vom ersten Lallen der Kleinen an über reden kleinen Fortschritt gefreut und was hatte sie alles für die Erziehung ihrer Kinder von dem Vater gelernt. Tann nahm sie die verschiedenen Bicher aus der Kindheit ihrer Jungen. So viele, drollige, liebe Geschichten sielen ihr ein, so viel neckischer Uebermut der kleinen Gesellschaft, daß sie zuweilen vor sich hiulächeln mußte. Dann kam das Schulstadium, wo sie sich in die Interessen rmd in die Begabung eines jeden ihrer Jungen hineinzuarbeiten versuchte. Es waren oft schwere Jahre gewesen, ihre drei Rangen hatten ihr weidlich zu schaffen gemacht, und bei dem Gedanken lächelte sie den Bubenbildern zu. Und die vielen Sommergäste hatten viele Arbeit gebracht, und der Garten sollte auch besorgt werden. Um 4 Uhr morgens war sie oft anfgeständen- und manchen Abend erst nach Mitternacht ins Bett gekommen. Aber sie war kräftig und gesund gewesen, und Freude hatte doch jeder Tag gebracht neben aller Arbeit — o so viele Freude! Was war sie doch für eine glückliche Frau gewesen. Und sic nahm die Studentenbilder ihrer beiden Aeltesten zur Haud und dachte an all die Sorge, mit der sie ihre Jungen allein in die große Stadt mit all ihren Gefahren gelassen hatte. Und an ihr -Dankgefühl- als sie ihr in jeden Ferien heim kehrten mit derselben Lauterkeit und Kindlichkeit ihres Wesens, mit dem köstlichen, jungsh-aften Uebermut und dem Ernst und der wachsenden Reife, sobald es ihr Stu- dium oder tiefere Lebensfragen galt. Sie hatte das alles vielleicht doch als zu selbstverständlich hingenommen, obgleich sie durch ihre Gäste oft traurige Sachen über die moderne Jugend gehört hatte. War sie auch wohl dankbar genug gewesen für all das unsagbar viele Gute, das ihr geworden war? Sie nahm die letzten Bilder ihrer Söhne zur Hand in der feldgrauen Uniform. Uird dann las sie, einen nach dem andern. die Briefe ihrer Söhne — beim Jüngsten fing sie' an und durchlebte nochmals mit jedem der drei ihre Heldenlaufbahn. Und immer größer wurden die Pausen, in denen die Mutter sann und grübelte, und so kam sie endlich zu dem letzten Briefe ihres Franz. Sie las ihn aufmerksam und ging ihn nachdenklich nochmals durch. Und jetzt in der großen Stille fand sie vielleicht erst volles Verstehen für dieses Vermächtnis ihres Aeltesten. Wie hatte er durch seine Worte ihrenl armen Walter geholfen, so daß ihneir beiden vor seinem Ende der Tod nicht nur als Erlöser, nein, als ein« Brücke, als ein Uebergang in ein neues Dasein erschienen war. Ja. sagte sie in Gedanke!:, mein armer Bube, der liebe Herrgott hatte deiner Seele eine schöne, edle Behausung geschenkt. Der Feind hat ihn dir zertrümmert, diesen Tempel deines Leibes, aber- die Seele konnte er dir nicht zerstören. Die ist in Trümmern noch wach gewesen und ist ihre eigenen Wege gegangen, bis sie heimfand zum Vater. Nur die lange, lange Trennung — die ist , gar so hart? — —, — Und wieder sah sie in den Brief ihres Franz. „Durch Nacht zum Licht" las sie und erscknruerte. Bedurfte es -einer so grauenhaften Nacht für uns arme Menschen- damit wir uns endlich zum Lichte durchzuringen vermöchten? Und es siel ihr ein — -es war ja die Weiheuacht, die Stunde, in welcher man das große Mysterium feierte, daß aus der Weltennacht das ewige Licht, der Christ, geboren wurde. Und s i e wollte beharren tu der Nacht ihres Grams und nicht zum Lichte dnrchdringen.? Sie las die letzte Bitte ihres Franz und weinte bitterlich, und dann sagte sie laut vor sich hin: „Seid getrost, meine lieben Jungen, eure Mutter wird von euch lernen und nicht hinter euch zurückstehen. Mein Franz, sei ruhig, deine letzte Bitte soll mir heilig sein!" Sie grübelte: welche Arbeit hatte er wohl vor: ihr gewollt? Da sah sie ihren Walter, ihr Schmerzenskind vor sich und rief aus: Ich kann noch fragen? Deinen armen Leiderlsgefährten, solchen, die durch den Krieg zu Krüppeln wurden, soll ich helfen. Ja, dachte sie: „Durch Nacht, durch finstere Nacht zum Lichte?" Nein Franz, ich will mich nicht meinem Schmerze hingeben, ich will sehen, ob mich unser Herrgott noch gebrauchen kann. Mein Heiland hat sein Leben gelassen für die Menschen, und meine lieben Jungen sind seinem Beispiel gefolgt — ihre Mutter will nicht hinter ihnen zurückstehen! Herr, mein Gott, hilf mir in meiner großen Schwachheit!" Sie saß und sann noch eine ganze Weile, dann rief sie ihre Marie, reichte ihrchie Hand und sagte: „Du hast es schwer mit mir gehabt, du gute Seele? Ich wollte keinen Weihnachtsabend haben — ich wollte allein sein mit meinem Schmerze. Aber der treue Gott fand den Weg durch oie verschlossene Tür und zündete mir ein Weihnachtslicht an, das uns mit seiner Hilfe leuchten soll zu einem neuen Leben, wie es unserer Helden würdig ist! — Ich werde nach dem Feste mit Herrn Pastor sprechen, der wird alles in die richtigen Wege leiten. Mft seiner Hilfe werde ich unser Haus zu einem Heim für verkrüppelte Krieger machen. Fünf bis sechs können wir ganz gut aufnehmen. Daun kann jeder seine Behaglichkeit haben und wenn möglich, irgend eine Tätigkeit ausüben. Das wird sich alles gestalten lassen mit Hilfe der Freunde. Ich werde versuchen, den Arnren ein Heim zu bereiten und du wirst weiter meine treue Helferin sein, nicht wahr, Marie?" Marie stürzten die Tränen aus den Augen. „Wie würden sich unsere lieben jungen Herren freuen, wenn sie dies sähen," stammelte sie. Als Frau Wiegand an diesem Abend schlafen ging, da war es ihr, als seien ihre lieben Jungen ihr ganz nahe. Und als Pastor Ulrich von dem Weihnachtserlebnis und denk Entschluß seiner alten Freundin hörte, da stieg aus seinem Herzen ein heißer Dank empor und er versprach, alles Nötige in die Hand zu nehmen, damit ihre Pläne verwirklicht würden. Margret aber kam eines Abends zu Frau Wiegand und als diese sie ans Herz schloß, bat sie innig: Um deines Walters willen laß mich ein wenig dein Kind sein und laß mich teilnehmen -an deinen: schönen Werk. (Nachdruck verboten.) Schrfttleftuna: Aug. Goetz. - RotattoicSdruck und Verlaa der Brühl'fcben UmverfftätS'Buch- und Sleindruckerei, R. Lange, Greben.