Die vom Rauhen Grund. Roman von Paul Grabein. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Halten!" befahl Hemver von Grund, und er wartete still in seinen: Wagen, bis der Pflüger von oben her das Feld heruntergekomnren war. Nu:r erkairnte der aufblickend den Wagen vom Adligen Hanse und griff grüßend zur Diütze. ,,'n Tag, Stichler," nickte Herrner zu dem Alten hin. Der ivar in seinen Fahren. Sie hatten einander schon als Kinder gekannt. „Nun — doch noch bei der Arbeit^' ,^Fa — das letztemal," und der Alte lehrrte sich auf den Pflnggriff. Ernst blickte er über die brainre Ackererde hin. „Habt Fhr's dem: wenigstens gnt bezahlt bekommen?" „Wie man's nimmt. Es war wohl recht so, aber es hat mir doch in der Hand gebrannt, das Geld für meinen Acker." Düster nickte Henner von Grnnd vor sich hin. Dann fragte er tveider: „Was werdet Fhr nun machen? Euch anderwärts an- kanfen?" Der Alte am Pflug schiittelde schwer den Kopf. „Ne:: anfangen auf ntzeine alten Tage? Nein, Herr, das lohnt wohl niurnrer. Ich will zu inetuem Sohn ziehen. Der hat jetzt Arbeit gefunden, droben auf dem Werk. Freilich — es ist andere Arbeit. Unsere Väter und Bäter-väter haben rrichts gewußt davon. Nun, es nrnßde wohl halt so kommen. Es ist bei allem nur ein Trost: man wird's ja nicht lang mehr mitanzusehen brauchen." Und sein Mick glitt langsam zu den: Herrn vom Adligen Hanse. Der neigte leise sein Haupt. Einen Atomen t trafen sich die Augen der beiden in einen: (bimmen Verstehen. Dann gab Henner dem Kittscher ein Zeichen. Weiter ging es hin über das todgeweihte Gefilde, über dem ahnungslos eine Lerche froh schmetterrrd ihr Loblied sang. Nun war der Wagen a:n Waldsaum angelangt. Henner ließ halten u:rd stieg ab. Schwerfällig kam er zu Boden. „Fahren Sie weiter. Ich will zu Fuß durchs Revier. Hinten am Fischbacher Weiher warten Sie auf mich. Verstanden?" Der Kutscher bejahte und fuhr davon. Henner von Grund aber ging quer über den Hang. Mühsam, Schritt um Schritt wand er sich durch Astwerk und Gezweig. Die abgetrennten Häupter der Waldriesen, die die Mordaxt gefällt. Im Sturz hatten sie die Wurzeln aus dem Boden gerissen. Tiefe Löcher gähnten, aufgewühlt wie im Todeskanttst. Vielfach war das Erdreich, der schwarze Waldboden mit den Wurzeln herausgefetzt worden. Gleich einer Brustwehr ragte er nun senkrecht auf. Dunkel dräuend, wie von Geschossen durchlöchert. Einem Schlachtfeld glich so der Hana. Und stieg es nicht aus dem Moderduft der abgestorbenen Blätter noch wie ein bang verhallendes, letztes Seufzen? Den Kops tief gesenkt, schritt Henner von Cttund dahin. Aber als er nun mitten drin war in dieser Wirrnis und jedem menschlichen Auge entzogen, stand er still. In den: erloschenen Blick blinkte es, trüb und feucht. Da lag er nun, der Wald, der sein bester Freund gewesen war in seinein Leben. Was sollte er nun noch ans der Welt? Und eine Müdigkeit kam plötzlich über den Herrn vom Adligen Hause, daß er sich niederlassen mußte a uf einen der gefällten Stämme, schlaff in sich zusammengesunken. So saß er mit geschlossenen Angen, und durch seinen Geist, den eine dämmernde Mattigkeit befallen, zogen all die langen, langen Jahre, die er zugebracht in Sommers-' und Winterszeit hier im Schweigen des Waldes. Immer werter zurück ging dies Erinnern, bis es sich verlor in ungewissen: Grau. Ein schwernrüttges Sinnen befiel ihn. Wald und Mensch, Ncrtnr und Leben, tvar es nicht ein ewiger Kreislauf? Aus dem Dunkel kan: cs und führte wieder dahin zurück. Und keiner war, der hätte sagen können, zu welchem Ziele. Lautes Peitschenknallen, Räderknarren und harte Laute einer Menschenstnmne rissen Henner von Grr:nd aus seiner Versunkenheit. Ein Wagen kam auf ihn zu, eine Holzfuhre. Dtühsan: ächzte der Karren durch den tiefen Sand des Wald- bodens. Doch nun saß er fest. Mit aller Kraft zerrte das Pferd, ein alter, abgetrieberrer Gaul. Er lag keuchend in den Strängen. Aber vergebens. Wilder und roher fluchte da der Main: neben ihm. Ein landfremder Geselle, offenbar drun-, ten vom Sperrenbau. Sein scharsklinchntdes Kauderwelsch Konnte Henner von Grund nicht verstehen, wohl aber seinen wutentbrannten drvheirden Blick. Ta erhob er sich von seinem Platz. Zeit seines Lebens hatte er es nie geduldet, nie ruhig mitansehen könne::, daß man Tiere quälte. Und als sich jetzt der Mann nach einen: armdicken Ast bückte und damit ausholte nach dem angstvoll schnauberrden Pferd hin, trat Henner schnell ans dem Buschwerk hervor. „Halt!" Mit Wenigem Mick hob er gebietend die Hcuch. Einen Augenblick stutzte der Mensch, daim aber stieß er ein Wort hervor in seiner fremden Sprache, Unverstand-' lich für Henner von Grund, aber der freche Ausdruck seiner rohen Züge sagte genug, n:ü> abermals schwang er den Ast nach dem armen Tier. Alles Mut schoß den: Herrn vom Adligen Hause zum Kopf. Das ihm? Auf seinem Grmrd n:tt> Boden? Und noch einmal loderte der wilde Jähzorn seines Geschlechts ii: ihm aus. Die Rechte n:it dem derben Eichenstock zuckte empor. Aber ehe sie niedersanste, ein Wanken, Schwanken, und vornüber fiel der schlvere Leib — dumpf und hart. Der Mann neben dem Pferd hatte sei:ren Knüppel fester gepackt. Bereit zu Abwehr ::nd Gegenhieb. Doch nun Heß, er den trotzig erhobenen Arm sinken. Sein Kopf neigte sich vor. Erst neugierig, dann beunruhigt. Was war denn das? Der da vor ihm wollte ja gar nicht wieder aufstehen? Langsäm trat er näher. Indessen ibodf) noch immer den Äst in der 5)and; man konnte ja nicht wissen. Die Vorsicht erwies sich überflüssig. Der hitzige Grau- köpf machte keinerlei Anstalten, sich zu rühren. Sollte er wirklich —? Näher beugte er sich über das dem Boden zugenergte Gesicht. Aber fut^r alsbald wieder zurück. Er hatte genug aesel)en. Und sich ausrichteud spähte der Mann über die Lichtung, mit scheuem Blick. Wenn man ihn hier sah bei denr Doten, noch den Knüppel itt der Hand! Rasch warf er den Ast von sich, weit weg, und eilte zu seinem Fuhrwerk. Doch kein Schlag, kein lautes Schimpfwort inehr traf das Tier. Schweigend stemmte er sich gegen das Hinterrad, mit aller Kraft, ein halblauter Anruf nur, und den: vereinten Bemühen von Mensch und Tier gelang es. Knarrend mahlte der Wagen weiter in dem tiefen Sande. Nun war sein letztes Aechzen verhallt. Still ward es wieder. Ganz still. Der Abendschein kam und goß sein Gold über die Rodung, lieber Boden undi Stämme. Das iit die Lust ragende Wurzelwerk warf seltsame, tiefe Schatten über den verwählten Boden. Als wären es die Geister des gestorbenen Waldes, ihrer Heimstätte beraubt, die nun hier kauerten; verlorene, dunkle Schemen. Wie eine stumme Klage lief es durch das -Zittergras, das im kühlen Abendhauch erschauerte. Und horcb — nun ein weiches, baugsüßes Singen fern vom Waldrand droben auf der oberen Grenze der Holzung — einer Drossel herbstliches Scheidelied. So lag zwischen den gefüllten Bäumen seines Waldes Henner von Grund, starr und stumm, wie sie selber. Tiefer sank die Sonne, verblutete über dem Bergsaum. Die Dämmerung schlich mit leisen Sohlen durch die Stille. Weich breitete sie ihre Schleier über die Dinge. Was sie streiften, das sank saust in Schlummer. Da klang es aus der Ferne uuo kam allmählich näher. Ein glockenreines, friedvolles Geläut. Durch die Wirrnis des toten Waldes schoben sich hellbraune Flecken. Die Herde war es urrd mit ihr Tillmann, der Hirt. Langsam schritt er hinter seinen Tieren. Die in sich gekehrten Augen schweiften über das Bild der Verwüstung um ihn hier, uuo er nickte. Stumm Unb geheimnisvoll. Doch nun ließ ihn ein Laßt von dem Leitstier vorn aufhorchen. Ein erschrecktes, kurzes Auf brüllen, und dann ein heftiges Schnaufen mit hochgeworsenem Köpf. Wild alänzte das Weiße im Augenwinkel des Tieres. Da kam Leben in den Alten. Schnell eilten die hageren Glieder hin zu der Stelle. Und nun sah er: dort vor den Füßen des Stiers ein menschlicher Körper. Regungslos —> ein Toter. Langsamer tat Tillmann von Grund die letzter: Schritte, Und jetzt stockte sein Fuß. Der dort am Boden lag, im grünen Jägerkleid — er kannte ihn, nur zu gut. Hoch hätte er all sein Lebtag sein Haupt getragen, mit kälter Verach-- tuug an ihni vorbeigesehen, dem armseligen Hirten — und nun lag dieses Haupt doch auch in: Staube, wie alles! Erdgeborene. Da nahm Tillmann von Grund den verschlissenen^ wettergeblichenen Hut vom Kopfe und faltete die knochigen Hände. Lange stand er, den Blick am Boden, bei dem Toten, und der Abendhauch spielte leise in dem spärlichen Granhaar. So hielt doch einer derer von Grund Trauerwacht beim letzten Herrn vom Mligen Hanse. Bis die Schatten des Abends immer tiefer wurden und die Tiere Tillmanns unruhig brüllten, heim verlangend. Da trieb er ins Dorß und daun ging er den Weg hinab zu deni alten Herrenhause drunten im Grund. Zum erstenmal in seinem Leben klopfte er an, dort an dein gram verwitterten Steinportal. Und auch jetzt nicht für sich. Noch einer stand hinter ihm, ein dunkler, schweigender Gast, lind als der über die Schwelle trat, wehte es durch das Haus —, kalt und schaurig. Wie ein Hauch aus Modergrüsten. * In der Halle hatten sie Henner von Grund aufgebahrt. Von jeher hatte sie mit angesehen, was von bedentungs-, vollen Ereignissen das Mlige Haus betraf, Freud' und Lew. Nun barg sie auch den dahingeschiedenen Herrn des Hauses zur letzten Steift unter seinem Dach. Trotz der frühen NachmittaHsstunde war tiefe Dämmerung in der Halle. Nur der Schern der Kerze:: um den Sarg durchbrach sie, feierlich gedämpft. Gedrängt voll war der weite Raum. Wohl kein Mann aus dem ganzen Rauhen Grunde, der noch rüstig genug war zum Weg hierher, war ferngeblieben. Hatten sich auch die Zeiten geändert, es war doch noch etwas wie ein unsichtbares Ba::d geblieben, das den Herrn vom Lldligen Hause verband mit den Ortseingesessene:: draußen in: Gau. Run gaben sie ihm auch das letzte Geleit, vereint mit den Dienstleuten des Gutshoses. Der Altan, hinten in der Ecke, wo Henner von Grund zu Lebzeiten so gern gesessen, wer schwarz ausgeschlagen worden, wie eine Kanzel, und Pfarrer Burgmann stund jetzt dort. Mit mattem Glanz hob sich sein Greisenantlitz aus dem tiefen Schatten. Em ernster, weihevoller Duft von Lorbeer und Tcnrnengrün, vermischt mit dem Hauch der Wachskerzen wehte von der Bahre her, die zu Füßen des Altans stand. Davor saßen in der ersten Reihe der Stühle Eke und Eberhard von Selbach, nun die Herren in denk alten Hause. Laut hallte Bnrgmanns Stimme über die TraUer- gemeinde hin. Aber wer näher znhbrte, der merkte wohl: es war nicht mehr die alte Kraft darin, die ehedem wie ein stürmender Waldbach sich grollend und donnernd uns sie ergossen. Wie eine Glocke schwang sie, die durch lange Zeiten ihren ehernen Ruf geschickt, nun aber den ersten Sprung erlitten. Tiefe Bewegung bebte, wenn auch verhalten, in der Brust des greisen Priesters. Sein getreuester Mitkämpfer für die Sache des Rauhen Grundes lag dort ans der Buhre. Als ob es die Sache selber sei — so war es ihm. Und es klang das auch cui^ feitten] Worten: „Ihr Männer vom Rauhen Grund, von nah und fern seid ihr hergekommen, keiner wollte znrückbleiben, und mit ernster Trauer siebt ihr vor diesem Sarge. Und das mit vollem Fug. Denn oer hier liegt, er war der eure! Mehr denn vier Jahrhunderte steht dies alte Haus> trntzia und wehrhaft, als ein Wahrzeichen des Rauhen Grundes. Und ebensolange sitzt in diesen: Hanse das Geschlecht des Grunds, selber trutzig und wehrhaft wie sein Haus. Ein rechtes Herrenbeschtecht. Allzeit sind sie hoch- erhobene:: Hauptes über ihr Eigen geschritten — selbstherrlich und hart. Gar oftmals haben wir es verspürt^ auch an ihm, dem nun ein Stärkerer die Hand äufs Haupt gelegt hat. Manchen Strauß Huben wir ausfechten müssen mit ihm, manchen heiße:: Zorn haben wir auf ihn gehübt. Aber dennoch, ihr Männer, er war der unsere! Heute> an seiner Bahre, fühlt qß auch der, der ihm Melleicht bei Lebzeiten grollend fern gestanden. Denn keiner, wie wir hier auch alle stehen, keiner, sag' ich, hat mehr unsere Heimat geliebt, denn er! Das war es, wus ihn mit unA verband, was ihn uns verbindet auch noch übers Grab hinaus. Liebe zur Heimat — sie ist uns das Teuerste, was wir haben. Darum ist uns auch der teuer, der diese Liebe hegt und pflegt wie wir selber. Ein deutscher Dichter — kein Sänger aus unserem westfälischen Gau, aber dennoch ein kernig deutscher Maun, unserer Art wesensverwandt — hat es einmal gesagt in einem seiner schönsten Werke: „Der ist in tiefster Seele treu, der so die Heimat liebt!" — Ja, treu in tiefster Seele, wie rauh auch oft ihr äußereck Anstrich war, das wur er, der Tote da. Und, ihr Leute vom Rauhen Grund, ich frage euch: Was kann man einem Manne besseres nachrühmen als Treue? So laßt uns denn auch ihm die TreUe halten, im Erinnern übers Grab hinaus! Treue um Treue — das! Wort hat ja von jeher gegolten hier bei uns im Rauheu Grund. . . (Fortsetzung folgt.) Aöolph von Menzel. (Zu seinen: hundertsten Geburtstag, 8. Dezember.) Bon Alfred Bratt. Tie Wiederkehr des Geburtstages Adolph von Menzels rust in jedem Jahre voi: neuem mit aller Deutlichkeit das Bewußtsein ins Gedächtnis, daß mit Menzel eine der künstlerisch, kwturell und auch rein menschlich bedeutsamsten Persönlichkeiten des deutschen Kunst- und Gesellschaftslebens dahingegangcn ist. Ein Repräsentant jenes Deutschland, dessen geschichtliche und gesellschaftliche Entwicklung — in sich abgeschlossen — all das schuf, woraus unsere Heu- tige Geistigkeit beruU. Denn das Deutschland der Menzet-Zeit hat mit seinem gewählten Kreis in Kunst und Wissenschaft führender Männer sein besonderes Gesicht; und die Werke seiner besten Söhne wirken heute schöpferisch nach und gehören auch in Zukunft, ständig fortdauernd, zu unserem festen Besitz. Es i)t das Deutschland der Menzel, Fontane, Meyerheim; es ist die letzte Epoche von Alt-Berlin, das sich niittlenveile aus der ideellen auch zur kommerziellen Fühverin des deutschen Landes entwickelt hat. Wie zur Goethe-Zeit Weimar als der Sannnelplatz deutscher Kultur und im besten und gesteigertsten Sinn deutscher Geselligkeit gelten mutzte, so war jenes vor dem letzten und endgültigen Zeitraum weltstädtischer Entwicklung stehende Berlin glerchfalls als geistig schöpferisches Zentrum von für alle Zeiten historisch gewordener Bedeutung. In jener Zeit, in >der das Leben noch weniger lustig, weniger nach dem Llugenblickserfolg jagend, dafür aber umso geordneter und in sich geeinter verlief, besah Berlin noch einen festgefügten, sichtbarlich zusammengehörenden uub auch zu-' sammensteheriden Kreis von Männern, die einander verstehend, anseuernd und ergänzend, die ideale, nichtmaterielle Gestaltung, der Zeit und des Lebens Markant vertrateri und direkter und erkennbarer beeinflußten, als dies Im Getriebe der heute nach alten Seiten fiebernden, auf allen Gebieten, mit allen Erscheinungen wctteisernden Grotzstadt möglich ist. Während der Name einer Unserer lieutigcn kulttiretten Grützen späterhin nur die Erinnerung aii ein von den verschiedensten Stimmungen, Richtungen mrd Entwicklungszweigen gemischtes Zeitgefüge wird wachrusen können, versinnbildlicht der Name Adolph von Menzels erne kompakt gestaltete, mit einem einhigen offenen Blick zu überschauende Zeiteinheit. In dem weniger umfangreichen, weniger zersplittertes Kreis des Vergangenen mutzte auch der einzelne Große von mehr elementarer Erscheinung und die Allgemeinheit mehr versinnbildlichender abgeschlossener Wirkung seili. Darum ist es vollkommen richtig, vollkommen bildhaft, von eineni Berlin M>enzels oder Fontanes zu sprech>en. Wenig abenteuerlich und durch Ueberraschungen und wider- streitende Weisungen oder merkwürdige Sck>icksalsfügungm ver- blüffeiid, war Menzels, künstlerischer Entwickelungsgang umso gesünder und durch seine grotze Ehrlichkeit und Vertiefung der Arbeit gekennzeichnet. Die engste Umgebung, in deren Umrahmung der junge Menzel aufivuchs, bereitere ihn zwar nicht küustteruch, tu gewissem Sinne aber doch! technisch auf die Kunst vor, &u der er durch angeborenes, edles Talent, durch Herz und Verstand berufen ward. In der lithographischen Anstalt, deren Besitzer Menzels Vater war, konnte der junge, von frühester Kindheit scharf beobachtende Künstler die ersten rem technischen Anregungen, gewissermaßen die Anregung zum Handwerk seiner Sendung empfan- geic. Als der alte Menzel nach Berlin übersiedelte, stürzte der damals erst fünfzehnjährige Sohn sich mit Elfer und höchst ernsthaftem Streben ans Studium und Uebung seines innerlichsten Interesses. Er bildete sich mit außerordentlich ernsthaftem Streben zunr grössten Teile ohne fremde Hilfe fort. Uiid als er 1893 seine erste 'selbständige Arbeit großen Formats — dm aus sechs ltto- graphischen Federzeichnungen bestehenden Zyklus „Künstlers Erden- wallen" — herausgab, erregte er sofort durch die Sicherheit und neuartige Kühnheit der zeichnerischen Behandlung und durch t>eu im hohen Grade zutage tretenden Llusdruck einer ebenso eigenwilligen wie kraftvollen Persönlichkeit die 'Aufmerksamkeit der Verständigen. Die gesonderte, eigene Wege gehende Bedeutung der zeichnerischen und graphischen Schöpfungen Menzels gewann Namen und feste Form, seine Stellung war — wenigstens in den anfänglichen llnirissen — bald gekennzeichnet. Seinem unermüdlichen Forschersinn auf dem Gebiete seines Schaffens, seine ununterbrochene, aufs Gewissenhafteste unternomrnene und ständig fortgesetzte Vertiefung in die neuesten und komplziertesten zeichnerischen Probleme, seine einige Nachprüfung des Errungenen und mit zäher Arbeitskraft fortgesetzte Inangriffnahme des noch zu Erringenden machten ihn auch zum heute leuchtcriden Vorbild des rein künstlerischen Zeichners. Als Maler trat er 1837 mit feinem ersten grotzen Oelbitd — der „Rechtslönsultation" — hervor. Die Vorzüge des Zeichners waren auch in dem Maler wirksam, UNd der scharfe, höchst eiyenmächtige Geist seines überreichen Talents macht ihn auch ans diesem Gebiete zu einer bedeutsamen Erscheinung. Sein Urelement aber war von Anbeginn die zeichnerische Seite der bildenden Kunst, und sie ist es auch bis zu seiner letzten Zeit geblieben. ' Die Zähigkeit unentwegter, ungemein scharfer Beobachtungen aller, auch der kleinsten Erscheinungell des Lebens war Menzels grundlegendes Kunstwerkzeug. Sie war der niemals auch nur durch einen leisen Hauch getrübte Spiegel, der alles aufnahm, was ihm des zeichnerischen Festhaltens oder Verarbeitens wert erschien. Und der Reflex dieses Spiegels, durchdrungen von der Individualität des Gestaltens, gab das Werk, wobei ein stets klares und arls dem Bollen schöpfendes Können den Vermittler spielte. Fern allem, was einseitig genannt zu werden verdient, iweressierte Menzel sich für alles, was den Stift eines wirklichen Mnftlers zu reizen vermag. Seine besondere Liebe aber gehörte. der persönlichen Welt Friedrichs des' Grotzen, dessen Gestalt und Zeit für alle Ewigkeit festzubalten, ihn: als seine Hauptaufgabe erschien Und tatsächlich auch seme Hauptaufgabe wurde. So widmete er |. B. der Illustrierung der „Geschichte Friedrich des Großen" sein ganzes, innerlichst empfundenes Können. Doch was immer Menzel schuf, mochte es sich um die kleinste Gelegenheitsskizze oder eine lange überlegte und groß ausgeführte Arbeit handeln — stets ging er mit der — von allem Philistertum freien, echt deutschen Gründlichkeit ans Werk, mit dem Höchstmaß künstlerischer Achtung und künstlerischen Gewissens, die jedes einzelne Blatt von seiner Hand kennzeichnen. Auch in diesem Sinne war er, der alles in bester Weise deutsch enrpfand, ein Deutscher vorzüglichster Art. !Ats Mensch war Menzel durch die gleiche grundehrliche Ueber- lcgthcit, durch unerschütterliche, manchmal selbst vor knurrig erscheinender Unhöflichkeft nicht zurückschreckende Wahrheitsliebe und eine starke Dosis scharfen Hunrors arlsgezeichnet. Diese letztere Eigenschaft machte den kleinen Mann mft dem eindrucksvollen, prüfend festlich geneigten Kops zu einem gefürchteten Kritiker. Der Ruhm seines Könnens und seiner Person erwarb ihm auch im Ausland eine große Zahl unbedingter Bewunderer, zu denen auch der sonst vor allem, was „Kollege" hieß, höchst respektlose Franzose Meissonier gehörte. Uns aber bedeutet Menzel einen unvergänglichen Besitz echt deutscher Kunst, ein Testament, das wir stets Hochhalten werden. vermischte». * Krieg dem Straßen lärm. In dieser Zeit des wildesten Kriegslärms, da ganze Landstriche Wochen- und monatelang unter dem Donner der Geschütze erzttjern, ist in Amerika ein 2lpostel der Ruhe auierstanden, mit dessen t 1ven und der Feuerverzinkm:g den großen Vorteil, daß ein Metallverlnst der Münzen selbst nicht entstehen kann. Außerdem ist die Legierung gegenüber der einfachen Verzückung viel widerstandsfähiger, so daß eine Rostgefahr völlig -ausgeschlo-ssen ist, der Ueberzug müßte denn schon zuvor durch Saurem oder starke mechanische Zerstörung stellenweise oder ganz entfernt sein. Die neuen Geldstücke stehen den Nickelmünzen in Bezug ans ihre Haltbarkeit durchaus reicht nach, Bedenken dieser Art sind daher völlig ungerechtfertigt. "Antike Größe. I,: seinen Kriegserinnernngen aus dem deutsch-französischen Kriege berichtet General v. Liegnitz eine erschütternde Begebenheit. General v. Dianstern, der Führer des 9. Korps, hörte nach den Schlachten voll Wörth und Spichern, daß sich in St Ingbert Verivuudete d«S 77. Regilnents, bei bem sein Lieblingssohu als Hanptmann ftmib, befänden. Er ging mit Major v. Bronsart durch die Häuser uub salld aiict) bald einen 77er^chwer verwundeten Unteroffizier. Der General fragte: „Kei,i:e,: Sie den Hallptmalln von Manstein?" Ter Unteroffizier erwiderte mühsain mit wert allfgerissenen Augen: „Jawohl, Exzelle>,z, mein ftom- pagniechef!" General v. Ataiisteii: fragte langsam weiter: „Wissell Sie. >vie es ihm geht ?* Die Antwort lautete: „Es geht ihin gut, er ist als Held gestorben 1" Der General gab den: Unteroffizier die Haild lind sagte: „Es freut inlch, daß Sie baä aussprechen, er war m ein Sohn!" General v. Liegilitz fügt hinzu: „Die Szene in ihrer Einfachheit und Größe wurde dem Plutarch zur Zierde gereicherr; ein Held des Altertums hätte nicht großartiger seinen Verlust anffaffen können." * Deuts che Landwirtschaft in Mazedonien. Das Terrain, ans welchem sich gegenwärtig die Kämpfe zwischen den Bulgaren und Franzosen abspielen, so schreibt uns ein Mitarbeiter. ist auch für uns Deutsch von besonderem Interesse. Denn in dem Raume zwischen Krivolack, Rosoman, Kavadar und weiterhin bis in die Nähe des Borderdurchbruchcs Demir Kapu haben sich schon seit Jahrzehnten deutsche Landwirte angesiedelt, deren Betriebe vorbildlich für ganz Mazedonien geioorderr sind. Das bedeutendste und größte Gut, in dem Umfange mm mehr als 2500 Hektar, ist dasjenige des aus Siiddeutschlcmd stammende:: Herrn Zeißet, Palikura. Die Deutschen bauen hier arrßer Mais, Weizen und Tabak insbesondere Mohn zur Opiumgewinnung. Das Opium wird an chemisch-pharmazeutische Fabriken (zum großereir Teile in Deutschland) abgesetzt und bringt in guten Jahren sehr reichen Gewinn. Der Tabakbau war in den letztem Jahren der türUschen Herrschaft infolge der Schikane:,. der namentlich in den Händen der Franzosen befindlichen türkischen Tabak-MonopolverwalUrng lnehr Und mehr zurückgegangen, doch hatte mau dafür Mohn gepflanzt. Die deutschen Landwirte haben im Laufe der Jahrzehnte sehr schwere Zeiten dirrchgemacht, namerrtlich t>ei den uneter holten Aufständen in Mazedonien. Auch unter dem Komitatschi-Unloesen hatten sie viel zu leiden. Sie waren genötigt, den Geheimkvnntees sehr beträchtliche Abgaben zu entrichten und mußten auch ein Auge zudrückeu, wem: ihre Leute zu einem Zuge gegen die Gegner der Kvmitatschis requiriert Hunten. Trotz alledem kamen die deutschen Laichwirte dank ihrer Tüchtigkeit voran, und insbesondere Herr Zeißet errang sich ein derartiges Ansehen, daß er von der Bevölkerung als der Fürst von Mazedonien bezeichnet wurde. In den: Feldzuge der verbündeten Balkanstaaten gegen die Türkei litten die deutschen Güter in Mazedonien nur wenig. Dagegen wurden sie in dem Kriege Bulgariens gegen die Serben und Griechen stark in Mitleidenschaft gezogen, da in der Nähe große und erbitterte Kämpfe ftattfmchen. Noch mehr aber haben die Güter seit Beginn des Weltkrieges zu leiden, zumal ihre Besitzer genötigt waren, nach Saloniki zu flüchten, um nicht in den serbischen Konzentrat tionslagern interniert zu werten. Die Felder blieben zum größeren Teile unbestellt, und wo dies auch der Fall war, geschah es zugunsten der serbischen Regierung. Am Vieh, Mobiliar, Ackergeräten und an Baulichkeiten wurde außerdem ein enormer Schaden! angerichtet. _ Vüchertlsch. — D i e Karikatur im Weltkriege von E r n st Schulz-Besser. 106 Seite,: mit 1l5 Abbildungen. Preis Mk. 1,80. Verlag von E. A. Seeinann in Leipzig. — Die Karikatur spiegelt die Empfindungen und Leidenschaften der verschiedenen Völker, ihre Svmpathien und Antipathien wider, und es ist eine alte Wahrheit, daß die Kultur, oder oft — die Unkultur, nirgends nackender sich ausdrückt als im Spottbilde. So erfahren wir in den: bei E. A. Seemann erschienenen, vorzüglich illustrierten Buch Schulz-Vessers, wie im treulosen Italien, schon viele Monate, bevor es aktiv in den Krieg eintritt, mit feindlichen: Gelde neue Witzblätter gegründet werden, die sich die bedeutendsten Karikaturisten zu sicher,: wissen und die Aufgabe haben, zum Kampfe gegen Deutschland und Oesterreich zu Hetzen. Wir sehen, wi» in den VerSchrlstleltung: Aug. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Br: einigten Staaten uitter den beispiellosen deutschen Siegei: die zu- nächst rein deutschfeindliche Stnniuung selbst in antideutschen Blättern allmähllch vernünftigeren Anschauungen weicht und wie statt häßlicher Karikaturen aus die führenden Männer dieselben Künstler, die eben noch bissige Spottbilder gegen das Deutsche Reich veröffentlichten, nun Hindenburg, Mackensen und anderer, deutschen Heerführern restlos ihre Bewunderung im Bilde zollen. Das alles wird mit Humor und Geschmack vom Verfasser vorgetragen, und in den 115 Abbildungen bekommt der Leser gleich eine ganze Karikaturensammluilg über den Weltkrieg aus allen Ländern, bis nach Japan! — Dr. Dessauers Hausarztkalender 1916, Bearbeitet von Dr. Orlowski. Würzburg, Verlag von Kurt Kabitzsch. Preis Alk. 1. — Zum zweiter: Mal liegt uns dieser nützliche Kalender vor,jnit mancherlei Verbesserungen versehen und in: ärztlichen Teil gründlich durchgearbeitet von Spezialarzt Dr. Orlowski, der die Fortführung übernommen hat, nachdem Dr. Dessauer auf den: Felde der Ehre geblieben ist. Treffliche Leitsätze, ärztliche Ratschläge und Verhaltungsn,aßregeln für Erkraukuugsfälle soivie gesundheirliche Winke werden aus jedem Kalenderblatt voi: eurem lebenserfahreneu Arzt geboten. . - Das große Welt-Panorama (W. Spemann, Stuttgart) bringt als diesjährigen Hauptjchlager eine höchst lebendige Erzählung aus den, Großen Krieg: „Mit Emden und Ayesha" mit zahlreichen lebenswahren Photographien und packenden ^ Originalzeichnungen von Künstlerhand. Der auch in seinen übrigen Beiträgen reiche und ungemein stattliche Band wird bei Jung und Alt zweifellos wieder freudigen Beifall finden. — Original - Tagebücher kriegsgefallener Gegner. Bearbeitet und herausgegeben von Willy Norbert. (Vita, Deutsches Verlagshans, Berlin-Eharlotteirburg. Preis eines jeden Bandes geheftet Alk. 1.50, gebunneu Mk. 2,—.) Band I: T o m m y's Tageb u ch. Allfzeichmuigen eines gefallenen Eng- länders. En: typischer englischer Söldnersoldat spricht, ein nach- deuklicher Naturbursche, weit herumgekou:n,en und herumgestoßen. Warum er Soldat wurde? Es war das bequemste, seine Haut zu verkaufe::, und so ziemlich gefahrlos ivar cs ja auch. Krieg, wirklichen Krieg, gegen ebenbürtige oder gar überlegene Feinde? Die grbls ja gar nicht, u»id ivo sie es gäbe, würde Old England es schon verstehen, andere gcgei: sie vorznschieben. — Band II: Passioi, el' S Tagebuch. Auszeickvrungen eines geialleueu französischen Landwehrmannes. Jil Passionel's Tagebuch tritt uns ein Franzose entgegen, der auf ©runi> seiner hohen geistigen Fähigkeiten sich früh in die fi'lt>renben Kreise seines Volkes empor- zuschwingen vermochte. Die Grundlage seiner Erfolge bildete der fanatische Haß, der auf die Spitze gelnebene Chauvinismus gegen Deutschland. Seine Erinnerungen lesen sich wie eur aufregender Rornan. — Blockade, Roman von Meta S ch o e p p (Verlag Ullstein & Co., Berlin-Wien). 3 Mk. — Dieses Buch von Meta Schoepp wird durch ein Vorwort ein^leitet, das einen Dlaitag des Jahres 1912 schildert, de». Tag, an den: im Hamburger Hasen als sichtbares Zeichen unserer Kraft und Einheit der stolze „In,Orator" vom Stapel Ite*. Den Traum von Deutschlands See»iiacht, der danmls herrlich veravirtlicht ivar, zeigt der Roman in: Lichte des ersten deiltschen Frührots. Er spricht vom Jahre 1848, da Georg Heriveghs Lied vom Meer allen Patrioten teuer war und in der Paulskirche *u Frankfurt die Nationalversammlung eine deutsche Kriegsflotte jn gründen beschloß. Der jungen deiltschen Helden gedenkt die Dichterin, die im Kampf gegen die Dänen, auf den Schanzen des Danevirken, ihr Blut hiuströmten, des schimpflichen Vertrags voi: Malmö »>nd des Sieges bei Eckerniörde, dessen Rach- richt der Klang der Osterglocken durch das den Frühling erharrende Deutschland trug. Sie zeigt Hamburg und Breme»: unter den: Druck der Blockade, den Stillstand der Schiffahrt, die kühnen Hosfurmger: der Floitenpartei, die begeisterte Tätigkeit des Prinzen Adalbert von Preußen, Englands Doppelspiel und die Hemmungen, die der Kleinstaatjammer den: großer: Werk bereitete. Durch den Roman geht ein starker Ton, der Ton eines vaterländischen Gelöbnisses. Magisches Vuadrat. ^ In die Felder nebenstehenden Quadrats sind _die Buchstaben A A B E E ö ö I I II Rßß T T derart eil,zutrage,:, daß die wagerechten u. -senkrecht.Reihen gleichlautend folgendes bedeilten: 1. Wünscht sich mancher Jüngling. -3. Ein Gesangsstück. 3. Schweizerischen Gebirgsstock. 4. Ist beim Bäcker zu finde,:. .Auflösung in nächster Nummer. r ____ & Auflösung des Gleichklangrätsels in voriger Nummer: Die Hefe. 'schen Universitäts-Buch- und Cteindrnckcrer. R. Lange, Gießet