Die vom Rauhen Grund. Roman von Paul Grabein. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Voller Entsetzen durchfuhr es Marga. Me V9fet*f sich herum und wollte den W-eg, den sie gekommen, zurücklaufen. Aber gleich beim -ersten Schritt wäre sie fast lang zu Boden gefallen — der enge Poiret-Rock. Also ein Entrinnen unmöglich, und hinter ihr jetzt das höhnische Auftachen der Unholde! Die Angst der Verzweiflung entpreßte ihr einen schrillen Schrei. Aber als Antwort nur wieder jenes grauenhafte Lachen, ganz nahe schon. Und j^tzt griff eine Hand nach ihr, eine ekle, schmntzstarrende Hand, tierisch behaart. Wie eine Irrsinnige gellte sie da noch einmal auf, daß selbst der Angreifer hinter ihr unwillkürlich abliest. Doch diesmal kam eine andere Antwort. Das laute 'Ausbellen eines Hundes, nun der Zuruf einer Maunes- stimme, und jetzt brach es seitlich neben ihr durch den Wald. Erst ein brauner, hochläufiger Jagdhund, dann seilt Herr — der Jäger von vorhin — und nun erkannte sie ihn: der Neffe des alten Herrn von Grund. „Was geht hier vor?" „Schützen Sie mich, um Gottes willen!" Dicht drängte sich Marga an ihren Retter. Eberhard von Selbach kehrte sich gegen ihre Bedränger. „Zurück! Auf der. Stelle — ober!" Und er erhob drohend die Büchse. Da wichen die drei langsam zurück, murmelten eilt paar unverständliche Worte und verschwanden alsbald im Walde. „Gesindel!" Verächtlich sah Setbach ihnen nach. Dann walldte er sich Marga zu. „Ich freue mich, meine gnädige Frau, daß ich Ihnen einen kleinen Dienst erweisen fouute. Allerdings nur ein glücklicher Zufall. Wäre ich nicht gerade dort oben im Eichenschlag gewesen —" Marga schüttelte noch einmal ein Grauen. Aufgeregt streckte sie ihm beide Hände entgegell. „Wie soll ich Ihnen nur danken!" Selbach führte ihre Linke an seine Lippen. „Wie gesagt, ich schätze mich glücklich — aufrichtig glücklich." Sein Blick streifte ihr schönes Antlitz, in der Erregung doppelt reizvoll, und seine Hand prestte leise die ihre, ehe er sie wieder freigab. Doch dann glitt sein Auge verwundert an ihrer kostbaren Robe hinunter. „Aber wie kommen Sie auch nur hierher, meine gnädigste Frau?" Sie klärte ihm alles auf. Dabei schritt sie langsam an seiner Seite den Weg nach Rödig zurück. Selbach hörte ihr aufmerksam zu. Aufs lebhafteste gefesselt von ihrer Erscheinung, ihrem ganzen Wesen. Es ging ihm ganz wie damals, als er sie kennen gelernt hatte beim Begräbnis ihres Vaters. Und in Erinnerung daran sagte er jetzt: „Es ist lange her, seit wir uns das erstemal sahen. Es war ein trauriger Anlast damals." Sie nickte und wurde ernster. Dabei fiel ihm auf, daß sie noch immer blast aussah von dem auSgestandeum Schrecken. Vorsorglich bot er ihr da feinen Arm. „Sie sind sicher angegriffen, meine gnädige Frau — darf ich mir erlauben?" Dankend nahnr sie an. Sie fühlte sich in der Tat nicht gut. Ihre Knie zitterten noch beständig, und von Zeit zu Zeit rann ihr ein Schauer über den ganzen Leib. Er fühlte es, wie er sie jetzt stützte, und unwillkürlich drückte er dann jedesmal ihren Arm ein tveuig gegen den seinen, um ihr einen besseren Halt zu geben. Sie ließ es ruhig geschehen und lehnte sich wirklich in solchen Augenblicken fester auf ihn, so daß er an seinem Arm ihre Schriller fühlte. Dwzu der Hauch ihrer Nähe, ihres zart schmeichelnden Parfüms — es überrieselte ihn jedesmal. Ein lange nicht mehr gekanntes Gefühl. Wichte er denn überhaupt noch, wie es war, wenn sich ein weicher Frauenleib -an einen schmiegte? Und Eberhard von Selbach umgab so ans diesem eiit*- samen Wald gang die fremde Frau mit all der zarten, ritterlichen Aufmerksamkeit, die daheim in seinem eigenen Hause nicht gewertet —# ja, als lästig empfunden wurde. Als sich Marga Steinsiefen in der Whe des Ortes von ihm verabschiedete, dankte ihm ein langer Blick aus ihren dunklen Augen und die Aufforderung, wenn sein Weg ihn einmal nach Köln führe, doch bei ihnen vorzusprechen. Ihr Mann werde sich freuen, ihm noch persönlich für seinen Schutz zu danken. Eke war jetzt viel allein. Ihr Mann war oft verreiste in Köln, wo er Geschäfte hatte. Eberhard Von Sellwch sagte damit nicht die Unwahrheit. Er 'hatte, als er seinen ersten Besuch bei Steinsiefen machte, dort auch Margas Bruder getroffen. Es war dabei viel von den großen Unternehmungen Hermann Reuschs die Rede gewesen, und schließlich hatte sich, nach wiederholtem Zusammentreffen, Selbach bestimmen lassen, auch seinerseits einige Anteile der Baugenossenschaft zu erwerben. Es schien ja in der Tat da ein gut Stück Geld zu verdienen zu seim Aber, was ihm mehr galt: die geschäftliche Verbindung mit dem Bruder gab ihm den willkommenen Anlaß, der Schwester häufiger nahe zu sein. s ' Marga ihrerseits sah ihn auch nicht ungern kommen. Doch endlich du Mann der großen Welt, der sie mit seiner Aufmerksamkeit anHeichnete! Sie begann sich mit ihrer Lage auszusöhnen. So saud Eberhard von Selbach ein uit* ausgesprochenes Entgegenkommen bei seinen Besuchen, das 750 — ihn bald immer tiefer cinspann mit feinem verführerischen Bann. Und er floh sein eigenes Haus, mehr und mehr. Grie empfand diese Einsamkeit als eine Wohltat. Iw bex diähe ihres Mannes bedrückte sie etwas wie ein Schuldgefühl, trotzdem sie sich immer wieder laut zurief: Er hatte iii gewußt, was ihn erwartete. Wer in den stillen Stunden durchwachter Nächte mußte sie es sich bekennen: Es war doch auch in ihr das tiefe Sehnen des Weibes. Nur dem, der den Namen ihres Gatt 'u trug, war es nicht beschieüen, es zu stillen. Aber ein anderer war da, wenn ihr das Schicksal den gelassen hätte —! Das war eS, was aus Ekes Stolä lastete. War Las nicht schon wie ein trübender Anhauch der Sünde? Um sich selber zu entfliehen, hatte sich Eke mit ernster Hingabe wieder ihrem wohltätigen Wirken gewidmet. Es füllte sie ganz aus. Nur dann und wann trieb sie es einmal auch wieder hinauf in die Berge. So war alles wie früher, als sie noch Mädchen war. Oft erschien es ihr selber wie eilt Traum, daß sie Frau sein sollte, wenn sie so allein durch den Wald schweifte. Erst die Heimkehr in das dunkle, graue Haus drunten erinnerte sie an die Wirklichkeit-. Hart und grausam. Auch heute war wieder ein Tag, wo Eke von Selbach für Stunden ganz der Gegenwart entflohen war. Mit dem Jagdgewehr über der Schulter war sie durch den Forst gestrichen. Die Kaninchen machtet: viel Schaden droben an der Wiese. Der Oheim ließ sich ja nur feiten noch blicken in seinem Revier, und auch ihr Mann kautn noch, seitdem ihn seine Geschäfte immer häufiger nach Köln riefen. Da hatte sie einmal gründlich aufgeräumt unter den Schädlingen. Kallmann, der sie begleitete, Halle den gehäuften Rucksack mit der Beute schon mit hinabgenotnmen. Sie selber war in- dessen noch etwas im Revier geblieben. Sie liebte es, den Abend anbrechen zu sehen im schweigenden Forst. Das gab der Seele Frieden, und danach trug sie jetzt so manchmal ein sehnendes Verlangeti. Gedankenverloren schritt Eke am Waldsaum hin. Es war an der Grenze des Reviers. Quer durch die Wiese neben ihr lief die. Jenseits begann die Gemcitldejagd, deren Pächter seit dem Tode des alten Reusch Gerhard Bertsch war. Leise begannen schon die Schatten durch den Forst zu schleichen. Kern Vogellam mehr unter den hohen Tannen. Draußen über der Wiese stand bereits schwer das geheimnisvolle Licht vor der Dämmerung. , . verloren glitt ihr Blick über das sattgrüne, inehr als kniehohe Gras. Aber da weitete sich plötzlich ihr Auge, und angewurzelt stand ihr Fuß. Tort — mitten in der Wiese der rote Fleck! Kein Zweifel, es war ein Bock. Jetzt warf er auf, sicherte einen Moment, mißtrauisch nach dem Holz auyend, doch äste mm ruhig weiter, den Kopf wieder tief im weichen Gras verborgen. Aber Ekes scharfes Auge hatte genug gesehen, das selten schwere Gehörn erkannt. Der ganz alte Bock war es, der stets hier oben stand, aber auf der: selbst der Onkel so oft vergebens gegangen war. Und nun lief er ihr hier im Zufall über den Weg! Das Weidmannsblut fing da an in ihr zu pulsen. Ein schnelles Abschätzen: gut hundert Meter. An sich nicht zu Mel. Aber es war kaum noch Büchsenlicht, und sie hatte nur die Kugel im Lauf. Doch ganz gleich — die Gelegenheit fern nicht wieder. Vorsichtig nahm sie das Gewehr von der Schulter, entsicherte und machte fertig. Aber das leise Knacken, kaum hörbar, war doch durch die Abendstitle gedrungen. Sofort war der Bock wieder auf seiner Hut, ein blitzschneller Blick und er hatte ,ie erspäht. Mt großen Flüchten wollte er ab- £?2 en ' hrnnber ws Nachbarrevier. Doch schon peitschte der Schuß durch das Waldesschweigen. Ein wilder Satz nach PJJF 1 ' r berichlagen, und der Bock war verschwunden im men Gra e Gleich zwar tauchte er wieder auf. Aber ein ;l? T *! er v u V, r wll Kopf und Hals, als schwämme £1 bcc .Grasflut. So arbeitete er sich langsam hinüber zum Holz hin. c?« lhu uur krank geschossen. Die 5nrgel hatte^die Hinterlaufe gelahmt. Wie ärgerlich! Sie ri Ct v!- °r 1t ? jer - freilich — das Zwielicht. Voch alsbald, wie sie den weidwunden Bock sich so binschlev- r C * n '^^leid. Sie suchte in ihre,:, Patronen- gürtet obwohl sie wußte, dcp! da m nichts mehr steckte. Das Tier! Nun wurde es sich hin^uälen, drüben im Holz, irgertbiro in der a^ckung. Wer weift, wie lange noch. Bis es elend► einqing. Oder die Wüchse kamen. Unschlnslig ging sie auf den Bock zu, der bei ihrer Annäherung seine Anstrengungen vermehrte. Angstvoll traten ihm die dunkel glänzenden Lichter ljervor. Ratlos blickte sie um sich. Was sollte sie beim nur machen? Sie bereute jetzt lebl)ast den voreiligen Schuft. Der hitzige Jagdeifer war mit einem Mal verflogen. Sie sah nur noch ein armes, leidendes Tier vor sich. Jetzt brach es drüben im Holz. Wie unter herannahenden Tritten. Sie wandte den Kopf hin, und selbst der schwer- kranke Bock Verhielt und sicherte nach der neuen Gefahr. Ein Mann trat dort ans dem Wald ins Freie. Beim ersten Blick erkannte sie ihn. Ihr Herz schlug auf: Gerhard Bertsch. Auch er stutzte, »nie er sie gewahrte. Doch nun traf sein Auge den Bock, der beim Anblick des zweiten Bedrängers mit einer verzweifelten Anstrengung die Mchtung seiner Flucht äiidern wollte. Bei seinen qualvollen Bemühungen runzelte sich Bertschs Stirn. „Haben Sie denn keine Patronen mehr im Laus?" Rauh klang es zu ihr hin. „Nein — ich habe mich ganz verschossen." Betz rückt kam es von ihr zurück; säst beschämt. Ein kurzes Besinnen bei ihm — er war zwar in der Jagdjoppe, hatte aber kein Gewehr bei sich bei seinem Abendgange durchs Revier. Daun warf er seinen Stock aus der Hand und griff entschlossen zur Tasche, wo er den ^Nickfänger wußte. Mit drei großen Schritten war er bei dem Bock und seine Linke packle das Gehörn. Nach einem kraftlosen Aufbäumeu ergab sich der Bock in sein Schicksal. Mer er stieß in Todesangst einen langhallenden, röchelnden Laut aus. Eke schauerte zusammen. Wie tueim ein Mensch starb! Und sie schloß die Augen vor der entblößten Klinge, die schon nach dem Nackeii des Tieres zuckte, im Gnadenstoß. Ein jähes Berstiunmen. Als Eke scheu wieder aufsah, tag der Bock schon auf der Decke mit brechenden Lichtern. Aber die schlanken Läuse ruderten noch krampflj-ast durch die Lust. „Das arme Tier!" „■iiiur noch Reflexbewegungen. Er ist schon hinüber." Mit demselben rauhen Tou erwiderte er es und streifte die Klinge an einem Büschel Gras ab. „Mensck)eu haben es nicht so gut. Die leben weiter — auch mit durchschnittenem Lebensnerv." . Da zwang es ihren Blick hin zu ihm. Zum ersten Male iah sie ihn seit jener Stunde des Abschieds und erschrak. Wie hager er geworden war im Gesicht, so scharf und finster die Züge. Und da an der Stirn die brennend rote Narbe! War das alles nur von dem kaum überstandenen schweren Unfall, oder —? Unruhig begann es ihr in der Bimst zu pochen. Irgend em Wort suchte sie, einen Dank für seine Hilfe, ein Wort der Teilnahme für ihii, nach der ernsten Gefahr, in der er geschwebt. Aber die stehle war ihr wie zugeschnürt. Da deutete er aus den Bock zu ihren Füßen. Starr und steif hatten sich jetzt die Läuse in die Lust gestreckt. „Es ist vorbei. Soll ich iiyn Ihnen aufhüngen? Drüben an einem Baum, bis einer von Ihren Leuten kommt?" Sein harter, kalter Ton, der jede persönliche Aniiähe- rung zwischen ihnen weit loeg ivies, gab auch ihr das Gleichgewicht wieder. Sie schüttelte das .Haupt und zeigte ans den kleinen Grenzgraben hinter ihnen ans der Wiese. ‘ „Der Bock siel in Ihrem Revier. Er gehört Ihnen." Und mit kurzem, schweigendem Gruft ioandte sie sich ab, zurück in die eigene Jagd. (Fortsetzung folgte ttameraoeit. Vorrvühnachtsskirze von An na Lahr (Friedenau). . Spinne!" schimpfte der Thüringer, als er den Kops auS dein Unterstand geschoben hatte. „I^net's?" fragte eine Stimme hinter ihm ans der Tiefe „W dnsch-t!" UnwNllürlich zögerte er doch einen Augenblick ehe er sich lpeiter aus dem Schltipfloch reckte. Naß, iraß mx heute die Welt. Und drinnen war cö so schön trocken. Wenn man dableiben könnte! Mer da drängten die anderen fcf;ou nach: „Nun mach doch Irir 'Ä?.."Ern '»ir ja doch! ' ,,*„■> sind iric ja schließlich nicht!" X — 7öi — Und bann standen sic alle draußen im eisigen Tezembcrregen, der halb Schnee, halb Wasser »vär. „Acks was! Kragen hoch! Und nachher, »venn wir zurück sind, einen ordentlichen Schluck!" Daniit stapfte Hinrich Thedens voran. Er war bei Hauidurg zuhause und verstand nicht, »vie man über das Wetter so viel Worte verlieren konnte. Hans Bollßardt. ix*r Thüringer, schwieg und folgte. Wie an etwas sehr Helles, sehr Fernes, dachte er an die rauhen, sonnr- oen Winter seiner Berge, an schnecbeladenc Wälder unter frost- klaeem Himmel. Wie einen Feind empfand er die trübe Fruchtigkeit des niederen Landes, einen schleick)enden Feind, der ihm all seinen Frohsinn stahl. Zwei andere schlossen sich noch an. Und so ging cs fort in den grauen Tag hinaus. An Ausschieben war ja nicht zu denken. Wenn man zum Fest überhaupt einen Daum l)aben -wollte, so mußte man ihn sich eben lwlen. Von der dritten Kompagnie hatten sie heute hertelephoniert, daß sie noch ein paar junge Tannen geschlagen hätten. Wer noch welche davon haben wolle, könnte kommen. Das halten sich die von der ersten Kompagnie natürlich nicht zweimal sagen lassen; denn wo sie selber lagen, gab cs nichts als Pappeln an der Chaussee und gebeugte Weiden den stillen, kleinen Bach entlang. Ohne Weihnachtsbanm aber ging es doch nicht. Ta ivar seiner, der darauf verzichtet hatte. Und »vcnn man sich auch lns ans die Haut duvchweichen lassen mußte — das »var eben klicht zu ändern. Vonv-ärts! Zum Sprechen freilich verging den vieren bald die Lust. Jeder hatte gerade genug mit sich zu tun, um gegen den Wind anzu- kämpscn, der über die kahlen Hügel dahcrpsiff witb einem die faheu Tropfen nur so ins Gesicht schleuderte. Aus Küstenwache komtte es nicht schlimmer sein. Man fror bis aus 'die Knochen. Auch mit der Deckung war es manchmal faul bestellt. Alber znm Glück besland offenbar beim Feinde wenig Neigung, in dcm^chand- wetter scharfe Ausschau zu halten. Ta plötzlich liest der Sturm etwas nach. Es gab erst eine kurze Pause, daun noch eine. Tann flaute er ab. Nur die Wassergüsse fielen noch iniablüssig aus das regcnsatte Land, in dem da und dort breite Pfützen ansblänkerten. „Weihnachtsloetter!" spottete eine Stimme. Ein Mann von der dritten Kompagnie stand mit einem Male vor ihnen. „Wollt euch wohl eine Tanne holen? Kommt man mit!" * Wie ein Traum! von Häuslichkeit und Geborgensein war der kurze Aufenthalt in dem engen, aber trockenen Fuchsbau der Ka- meraden gewesen. Tazu der kräftige Trunk, der einem inwendig so schon heiß machte! Tann wieder hinaus in die frostige Nässe. Ter Wind hatte sich nun ganz gelegt. Man brauchte sich nicht mehr gegen ihn zu steunnen und schritt leichter aus. Tazu war es inzwischen dämmerig geworden, und die vier konnten sorglosev zugehen. Schliestlich liest auch der Regen nach und löste sich in perlenden Nebel auf. Immer schemenhafter wurden die Gestalten der Männer, lvie sie im Grau des unsichtigen Nachmittags vorrücktcu. Je zwei hatten einen Tanncnbauin gefaßt. Sie hielten ihn niedrig mit hörenden Armen. Dann und lvann schleiften die Zlveige an der Erde, das; es aussah. als Urnen es schleppende Decken von Bahren, die über das verlassene Land getragen wurden. „Halt! Es ist nun schon so dunkel, dast wir wohl gefahrlos den Rrchtweg nehmen können." E-chweigcud folgten die anderen. Hinrich Thebens hatte recht. Nur bald ir:S Warme.! Nur bald in die enge Behaglichkeit, die tm llntcrstaird auf einen wartete, wo die kleine Petroleum- lampe vom Balken herab über Tisch und Schemel leuchtete und wo trockener Tabak war. Ta wieder ein „Halt!" Was gab es denn? Tie beiden Hintermänner wurden ungeduldig: „Wozu stehen wir hier? Haben wir nicht schon Wasser genug im Schuh?" m f ,n &“ — Pause — — „wir sind hier bei den» Gräbern!" „Ach so!" r ... ^ i l £ uoch ui der tiefen Dämmerung, die traurige, stillen Lmgcl. Längst lutttc der Sturm ihnen die Kränze entführt Zu 'urcgtbarer nackter Oede starrten diese letzten Nulu'stättcn di Uebcrlebenden an. „Hier liegt Karl Brandes," sagte der Hambergcr langsam nitd eine Hand brach einen Zweig aus der Tanne, die er trug und legte ihn sorgsam über das kahle Grab. „Und hier Paul Wendel," fügte der Thüringer bei. „Der so! auch was haben!/ Und auch er griff in die dichten Nadeln uni brach emcn Zweig ,iir ben loten Kameraden. meldeten sich auch die beiden anderen: „Und hier lieg eru tZrennd von mir!" „Und da!" „Und der ist auch einer von uns!" 'sie hatten es gar nicht nötig, sich hcrabzubeugen, um im zu nehmenden Dunkel die Inschristen zu eutzissern. Sie wußten aus )o, wo leoer lag. Der war ein Landsmann von einem der vier der sogar cm Torsgenosse gewesen. Vergessen war seiner. „Und die sind von der dritten Kompagnie," sagte einer. „Denen ihr Grab sokl auch nicht leer bleiben." * „Habt ihr sic?" . , Der Aufenthalt auf dem Jricdhos der Gefallenen hatte ihnen doü- Zeit gekostet, und cs war schon spät, als sie endlich zurückkamen. „Habt ihr sie?" rief man sie aus dem Unterstand an. Und dann waren sie hinutcrgekrochen und hatten die Bäume nachgczerrt. Merkwürdig war das gegangen. Und dann war das Licht der Lampe darauf gefallen. Ja, und dann hatten die andern, die daheim geblieben waren, gelacht und gelacht, und das Höhnen »rollte lein Ende nehmen. „Das sollen Weihnachtsbäuine sein?" „Nette Bescherung!" „Besenstiele sind das!" Ta hatten Hinrich Thebens und Hans Bolkhardt und die andern beiden zum erstenmal ihre Bäume wieder angesehen und toaren sehr kleinlaut geworden. Mit zwei prächtig gewachsenen, prangenden Tannen waren sie drüben aufgebrochen. Mit zwei mageren Stecken, an denen nur da und dort noch ein einzelner Zweig in die Luft starrte, standen sie nun da. „Ihr Helden !" „Euch schicken mir auch bald wieder!" „Ihr habt euch schön reinlegcn lassen!" Das flog ihnen nur so von allen weiten an den Kops. „Es waren aber wirklich schöne Bäume," wehrte sich der ^hurmgcr. „Ihr hättet sie nur sehen sollen!" „Wir sehen sie ja! Wunderschön sind sie!!" „Tic Franzosen haben euch »vohl Löcher hineingeschosscn, ja?" „Nein, aber — —" begann der Hamburger und stockte wieder und sah seine Begleiter hilflos an. Tie schwiegen auch wie auf den Mund geschlagen. Ein Musketier, dem die 'Sache zu dumm wurde, stieß den Thüringer mit dem Ellbogen in die Seite: „Red' doch ein Wort!" Ta begann der. Sehr langsam kam dann die ganze Wahrheit heraus. Tenn Hans Bolkhardt, der sonst so zungenfertig war, sprach heute sehr ungeschickt. Aber seltsam — keiner unterbrach ihn mehr. Vor aller Augen standen plötzlich die einsamen Gräber, auf denen kein Schmuck, keine Blume, kein Blatt mehr gewesen »var, die ganz leer, wie verwahrlost da gelegen hatten. Und sie begriffen mit einem Mal: recht hatten die vier getan! Kein Lachen ivar mehr zu hören, kein spöttischer Blick streifte mehr das karge Grün der arg geplimderten Bäume, als der Erzähler zu Ende war. . Eine Pause entstand. Niemand konnte die Worte finden, die er suchte. Verlegenes Männerschweigen. Ta schob der Musketier, der vorher den Thüringer zum Reden aebrackst hatte, langsam eine Hand in die Tasche und zog einen Tabaksbeutel hervor, und langsam ging er auf die vier zu und bot erst Hinrich Thebens an und dann Hans Bolkhardt und dann den beiden letzten. Und da brachte nock) einer Tabak zum Vorschein. Und noch einer. Und alle boten an. Und die vier verstanden, daß dies Anerkennung bedeuten sollte. Und sie griffen zu. Ta waren gar keine Morte mehr nötig. Das Uriegrbiible. Bon Käthe Röse-Strang. Sie wohnten weit hinten im Erzgebirge, in einem stillen, »veltcntrückten Dörflein. Bis zur letzten Stunde hatte das Weib geschasst — und jetzt, nach langen, schweren Stunden, hielt sie das im Arm, »vorauf ie sich schon lange gefreut hatte. „Das Büblc!" Und sah's nicht ganz aus »vie der Vater? Wie schab, daß er nicht dabei war. jetzt eben — — und das große Büble sehe kunnt — wie würd er sich sreie! So schrieb das Weib mit steifer, ungelenker Hand — dem Fernen ein Briefle, kurz und bündig: „Es ist ba— — das Büblc." Bald stand das arbeitsam? Weib wieder aus. sie mußte halt leißig schaffen, um das Geschäft zu hallen. Bei dem leeren Webstuhl des Mannes stand jetzt das Bübic, und wenn das fleißige Weib aufschante-so sah es grab m die blauen Augen — und die waren grab so »vie die des Vaters. Sie mußten alle helfen, die fünf anderen Buben, die ihr der liebe Gott noch geschenkt hatte, damit man ja recht sparsam cbte, um den Vater bei seiner Heimkehr zu erfreuen. Sie Parten sogar das Holz, das der Warnt* gekauft bitte, ehe er iu den Krieg ging — und holten sich znm brennen Reisig aus min Walde. ..Gelt mai Büble," er soll's gut habe, der Vater." Und weil»! dann mal ein Feldbricf kommt . . g'eicbwi? an wen . . . sic lesen ^hn doch alte im Tors. Das sind die Siegesblälier des Dörfchens, das nicht einmal eine eigene Kirche hat. Da läuten leine Glocken . . . aber daheim, inr Kämmerlein, da sprechen sic mit ihrem Herrgott so ganz einfach: „Nur net den Meiuigcn! lieber Gott!" So beten sie alle — alle die aniteu Mütter — Frauen — — und Bräute, und dann gehen sie getröstet all ihre Arbeit. „Gelt mai Büble!, das wird der liebe Herrgott scho mache." „So wie's.ihm recht is!" „Grad so!!", «Armes verlassenes Weiblein —! Ter Postfcanzel drückt ihr ein eiliges Papier in die Hand —- und rennt weiter . . . che sie fragen kann, was das soll. -Wie ihr nur glei is! fie kanns net lesen . . . so merkwürdtz zittrig . . . sind ihr die Beine-. c r ,, „Geh' schau Peterl kumnr mal daher . . . ivas da steht —! Er liest nach Kindcrart, laut und langsam: Grenadier Huber — — Zustand sehr ernst! Hafenlazarett Hamburg. — „Büble! Kleines ! er is krank dai Voder--! Sie wimmert, geirrt-ein Weilchen. Aber na! so gehts doch niunner — mrd das wird der liebe Gott ihr doch netz alltun! Sie must dem kranken Mann das. Büble bringen . . . dann wird er gesund. Ob's auch die Doktorsch'nur richti machen .... er rst h-rlt gar so eigen der Huber-. So fährt .das arure Weib mit allen t sechs Kindern ... ohne Aufenthalt nach Hamburg. Ihre einzige Nahrung ist das Brot in der grosten Ledertasche. Sie halten schon auS den Durst . . . lind das Büble — das Kleine hat ja feine Kost. . . das Beste was e 7 gibt . . . und was es ohne einen Blick auf die Mitreiselcken wohlich in sich aufniinmt. Es ist halt lang, so eine Reise, denkt die Frau, die nia über die Grenzen des Dorfes hinaus gekommen . . . Llber, sie fahren ja zum Vater, den sie gesund machen Iviollen . . . und einmal hats ja doch ein End. — — Endlich! nach tagelangem Fahren, stehen sie müde, durstig, aber dock freudig, vor dem Lazarett, das den Vater birgt. Das Weib taumelt . . . n>as das irur is, ivas da driuns so merkwürdig ist ... in der Brust ... an der das Büble sei flaumiges Köpfte birgt. So merkwürdi — —! Ja, und wie nur die Leut da drinne . . . auf sie und die Kinder schaue! Und . . keines weist genau Bescheid . . zuletzt einer . . der )veiß es . . Und er sagt es zögernd . . mitleidig. Sie 'versteht nicht ganz, drum sagt sie: „Lassens mi nur zu dem Huber, wann er auch sehr krank ist, das Büble . . . daS Kleine, mach ihn schon gesund —!" Da sagt ihr's der Mann . . . ivas iirut selbst das Herz abdrückt, angesichts der Frau mit all den Kindlein . . . und er will sie halten, daß sie nicht fällt. Sie aber starrt . . . immer nur grad ans . . . dann stammeln die Lippen Worte . . . abgerissen: „Huber . . . du mai arm's Ludersch!" Dann will fie ihn sehen den Mann und läßt sich mit den Kindern zu ihm führen. Es ist ganz füll dort bei dem lieben Vater-und sie sind es auch. Das Weib kniet inmitten der fünf Kinder vor der Bahre und hält dem stillen Schläfer das Büble bin. „Franz'l wird sind da . . . und dahier das Büble — Und das iBüble. . das Kleine. . . lacht über die blitzenden Kerzen und die bunten Blumen. Dann nehmen sie Mschied . . für immer. „Leb wohl mai Franzl . . und . . . nimms net so Harb . . . wann i di net zur Erd bett . . . i must halt spore . . für die Kinner . . und für das Büble . . . das Kleine!" Vüchertisch. - Jo s e p h A u g. 2 u x: F ranz Schuberts L e b e n s- l i e d. Ein Roman der Frenndichait. Geh. Mt. 3,50, geb Mk. 4.50. (Verlag von Grethlein & Eo., G. in. b. H., in Leipzig.) - In den letjten Jahren ist mancherlei über Schildert erschienen, die eine oder andere Episode seines Lebens wurde Gegenstand sentimenta- lischer Schilderung; aber gerade dadurch ward das Verlangen nacl) dein bisher noch fehlenden eigentlichen Schubert-Roman all- gei'nein rege, der die Züge des Genilts tveit erlaßt. Diesen Roman hat nns Jos. Aug. Lux beschert. Der echt Wienerische Schubert ist in dein Bache, das bcn Genius glücklicherweise frei von aller krank- hafien Sentimentalität zeigt unb vor allein frei von der if)nt fälschlich aligedichteten Trunksucht, die in bein uon seinei'. Tuzfrelliiden gelegentlich gebrauchten imb allzu betonten Spottnamen „Schwammerl" ivie ein altes, immer wiederholtes Unrecht liegt, mit denr einmat auißeräumt iverden must. Lnr war ivie fein anderer dazu berufen ; er hat hier ein blühendes Werk geschaffen, darin er zugleich die österreichische Seele und insbesondere seine Wiener Heimat erklärt. Der echt Schuberlsche Grlmdtoil ist in dem Blich, Wieiier Heiterkeit mit einem Zug tiefer Melancholie verwebt und veredelt. Es ist die Stimme des 'Wiener Genius loci, die heule noch -ortklingt in den stillen länbt;cf)eu Borstadtgassen und Winzerhäusern an: Fuße des Kahlenbergcs, der Heimat des Autors, in benfelbeu Worren unb Nedewendiuigsn, ivie sie mrs beu Hebert ieserungen der Schnberlzeit uub ihres freundschaftseligen Personenkreises hervor- tö'nk. Das edelste, unsterblichste Wien, darin sieh der trauni- hä'llptige Wienenvald, das sonnige Weiilland und die blaublickende Doiiau zu einem llncnisgesuilgeneii Dreiklang verinählen, zu einer echt Schilbertscheii Weise, >i,achte der Dichter als ein unverlierbares Stück österreichischer Seele dein deutschen Geist darbringen — diese Note darf in der kommenden Eiltwicklttl'.g nicht fehle;:: denn detltscher Geist und österreichische Seele gehören unlösbar zusaulinen. _ Gicherrer Hausfrauen-Berein. Es muß immer Mieder darauf h in ge w iesen werden^ welch eilt gutes, eiweißhaltiges Nahrungsmittel wir m den Fischen haben. Sind auch Schellfische, Kabliau usw. teurer g-eworden, so ist doch Klippfisch billig und sehr ergiebig. Klippfisch kanu als vollwertiger Fl et schersah aeltmt und sollte deshalb viel mehr Beachturig finden. Er tagt sich in mannigfacher Form besonders fnr beu Abendtisch verwenden. Sonntag: Endiviensuppe, gerollter Hammelbug, Kümmet- kvant, Kartosfelflocken. Montag: Sagosuppe mit Maggi, Eintopfgericht von toeißen Rüben, übrigem Hammelbraten mit Trmke und Kartoffelscheiben. Dbenstag: Bicttcrmilch suppe, Kartofselpsannknchen, Heidelbeeren. Mittwoch: Gelbe Rübmcsnppe, Dörrfleisch, Bntterkoht, Salzkartoffeln. Donnerstag: Fisckstraict *), Pellkartofüln, Apfelkäse *), Vanille tunke von Magermilch. Freitag: Kartoffelsuppe, He senklöste mit Obfttnnke. Samstag: Gerstengrützsuppe, Karwffclblättchen mit roten Rüben. Kochanwersungen. Fischkrant: Sauerkraut wird tags zuvor wie üblich gekocht (2 Pfundp Va Pfund Klippfisch 24 Stunden gewässert, darnach in kochendes Wasser gelegt und ganz langsam Ih? Stunden mehr ziehen als kochen lassen. Eine ausgestrichene Austaufform mit Kraut belegt, darauf Frschstüctze und so abwechselnd, oben muß Kraut sein: dann mit einer einfachen Gemüsetunke begossen, obenauf etnms Wecklnehl gesirerct, Fettstöckchen darauf und im Ofen gebacken, für 5 Personen. Apfelkäse: ly* Pfund Aepsel, 1 Liier Wasser, 14 Pfund Zucker werden gekocht, durch ein Haarsieb geschlagen, Säst einer ganzen, Schale einer halben Zitrone, 30 Gramm rote Gelatine dnrchgemischt, in eine umgespülte Form gegossen und erkaltet gestürzt, für 10 Personen. » Vackwerk. E i n f a ch e Keks: 15 Gramm Anunottium loerdeu mit 4 Eßlöffel lamvarmer Milch ausgelöst, mit 3 Eiweiß und 2 Eigelb, einem Päckchen Vanillin, 75 Gramm Butter, 200 Gramm Zucker stark gerührt, dann mit Mehl soviel es annimmt (IY 2 —2 Pfund) gewirkt, ausgelvellt und mit einem Glas oder einer runden Form ausgcstochen und langsan: gebacken. Wasserspringer: 1 Pfund Zucker, 150 Gramm Wasser werden 1 Stimde stark gerührt, 1 Zitrone, Saft und Schale, und 1 Pfund Mehl, das mit l 1 /» Pakete Backpulver gemischt ist, darunter gerührt und gewirkt, dann dm Teig ruhen lassen, bis ep steif ist, und in Anis so raren ausdrückm, über Nacht stehen lassen, und langsam backen. Hon igkuch en: 1 Pfund Zucker, 4 ganze Eier. 2 Eßlöffel Bienenhonig 1 Stunde stark gerührt, 2 Messerspitzen Natron, 1 Messerspitze Zimmt, HZ Messerspitze Nelken, 1>ü Pfund Mehl. Nach Belieben nmh Zitronat und Ponwranzenschale. Ansgeivellt, mit viereckigen Lebkicchenfoeinen ansstechen und langsam backen. *') Siehe Kochanweisnng. Slat-rrufgadc. Vorhand jagt Grand an auf folgencke Karle: 4- I*S t-t i 4» i- J O <> | m <> <> 0.0 _ lll®/ <>] Vorhand benft, ihre vier Asse und zwei Zehnen heimzuknegen bekommt aber gar keinen Stich. - Wie mußte die Kartenverteilung sein und wie gespielt werden'? Auslösung in N-üchster Nummer. ?luslösung des Logogriphs in voriger Nummer: Föhre, Fuhre, Fähre. Kchrislleitnng: Aug. Go-tz. - RolatioirSdruck und Verlag der Bn'ihl'schen UnirersitärS-Buch' und Stelndnickerei, N. Lange, GlcßrL