Momag, öeit J5. November m&sS 11 iralü ÜTOsI sinnt Die vom Rauhen Grund. Roman von Paul Grabein. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Gerhard Bertsch war jetzt am Hirschen angclangt. Längs der Gartenmauer des Grundstücks ging er h n. Aber plötzlich stutzte er. Was war das für ein leises Rascheln gerade über ihm? Ein Besinnen kam itjm, ein Erinnern. Sein Blick glitt nach oben, lieber der Mauerbrüstuug sah er es im Sternenlicht weiß aus den dunkeln Büschem schimmern. Wie ein weibliches Genrand. Dtzr hielt er den Schritt am „Fräulein Reusch?" Unwillkürlich hatte er die Stimme gedämpft. Und eine sonderbare Spannung schwang in ihm, wie er ans Antwort lauschte. Nun fällt sie. „Ja — ich biu's." Da kehrte er sich ihr zu, deren Antlitz er jetzt auch ungewiß über sich wahrnahm, und legte die Arme aus die Brüstung. „Was macheu Sie denn noch hier im Garten — so spat?" Eine kleine Pause. Dann die Entgegnung. Kühl, ablehnend — und doch! Seine erregt vibrierenden Sinne waren heute hellhörig. Verbarg sich da bei ihr nicht etwas, wie sie so gleichgültig hinsagte: „Ich setze doch manchmal hier, noch des Abends. Es ist jetzt immer so schtv-ül in den Zimmern. Und ich kann doch noch nicht schlafen." „So geht's mir auch!" Und es zuckte plötzlich etwas in ilnn auf. Dunkel, dämonisch. „Wenn Sie erlauben — komme ich also noch auf ein Viertelftündchen in den Garten." Wieder ein Schweigen. Er fühlte chabei, wie es in seinen Pulsen allnrählich zu pochen begann. Schneller und stärker — ein lockend?r, wilder Rhythmus. Nun hatte sie sich entschieden. Ein Achselzucken: „Ich kann es Ihnen nicht verbieten." Wie ein geheimes Frohlocken durchfuhr es ihn. Eilends glitten seine Arme von der Brüstung, und er ging zum Gartenpförtchen. Eine Minute später lvar er bei ihr. Sie saß auf dem erhöhten Platz an der Mauer, auf der kleinen Bank, die dort unter den Jasminbüschen stand. „Guten Abend, Fräulein Marga!" Sie überließ chm ihre Hand. Die Berührung durch- schauerte ihn. Noch nie hatte er es so wahrgenommen, wie lveich diese Fingerspiüen waren. Und er hielt sie fest, während er sich neben ihr aus der Mauerbrüstung niederliest. „WaS Sie für wunderbare Hände haben, Fräulein Marga!" Ein leises Austachen. Ein feiner,, spröder Klang. Dock) suchte sie, von chm freizukommen. „Sie dürfen sich Zh« Liebenswürdigkeiten bei mir ruhig sparen." „Warum'?" „Ich weist nachgerade, was ich davon zu halben habe." „Das müssen Sie mir erst erklären." Nur fester noch umschlossen seine Hände ihre gegen ihn ankämpfenden Finger. „Alles ist Ihnen nur Laune, Augenblicksstimmung." „Kennen Sie mich wirklich so schlecht, Fräulein Marga?" „Vielleicht können Sie auch anders sein anderswo. Aber was kümmert das mich? Ich bin mir jedensalls zu gut für ein Spiel." Gewaltsam wallte sie ihm die Rechte entreißen. Aber wie mit eisernen Klammern hielt er sie. Der Streich hatte getroffen in die noch zuckende Wunde. Lodernd brannte alles wieder in ihm aus. Sein zertretener Maunesstolz, seine zertretene Liebe. Und plötzlich ein dämonisches Durchbrechen aus den Tiefen dunkler Triebe herauf. „Sie irren, Marga." Jäh beugte er sich vor. „Kein Spiel! Ich meine es, wie ich's sage." Ganz kalt wurde die schmale Hand in der seinen. „Wie soll ich Ihnen das glauben?" „Fühlen sollen Sie's!" Und plötzlich brannten seine Lippen auf ihren Fingern. Sie sprang empor. „Herr Bertsch!" „Marga, ich war ein Narr — war blind. Du bist so schön r Ehe sie es rwch hindern konnte, hatte er sie schon an sich gerissen. Ein heftiges Anfzucken bei ihr, dann erstarb ihr Widerstand. Schnrer atmeno lag sie an seiner Brust. Die Augen geschlossen. Und während seine Küsse ihre Lippen sengten, ging es durch sie hin. Ein Lösen qualvoller, verehrender Spannung, ein unhörbares Aufjauch-en besrie- igten Ehrgeizes. Also nun doch am Ziel! Aber wie seine Liebkosungen dann immer iveiter autz sie einstürmten, atem- und sinnberaubend, da versank ihr langsani dies klare, Verstandes kühle Bewußtsein. Der lodernde Brand sprang über aus sie. Nun war er der chre —< nach dessen harter, herrischer Mannheit sie sich so lang« gesehnt? Ein Zittern lief durch ihre Glieder, die bisher wie betäubt seine Umarmung nur geduldet halten, unplötzlich warf sie sich ihm entgegen. Ihre eigene Leidenschaft erwachte. Sie suchte und fand ihn. * Gerhard Bertsch schlug die Augen auf. Schon voller Tag? Verwundert blickte er auf die Uhr neben seinem Bett. Wie kam das? Sonst saß er um diese Zeit doch schon längst droben in seinem Bureau. Seine Rechte strich langsam über die Stirn. Ein dumpfer Druck lag da. Wie nach einem schlveren Gelage. Er mußte einen bleiernen Schlaf gehabt haben. Was war denn nur gewesen gestern? 706 Aber plötzlich fuhr er eurpvr. Seine Augen starrten ins Leere. Daun war-f er den Arm vors Gesicht, als wollte er einen schrecklichen Anblick abwehren, und schwer sank er in die Kissen zurück. So lag er lange. Geschüttelt wie von Fieberschauern, Abwechfeliid ein Rasen gegen sich selber, daß er die geballten Fäuste sich hätte gegen die Stirn schmettern mögen, und dann wieder völlige Gebrochenheit. Verpfuscht hatte er sich sein Leben in dieser unseligen Stunde gestern. Er selber! Mit grausamer Klarheit übersah er es heute, wo sein blinder Zorn ans Eke verrauscht war. Der Zwist mit ihr war an sich nicht unheilbar gewesen. Er erst hatte ihn dazu gemacht. Denn darüber, ums dann nachher geschehen, kam sie natürlich niemals hinweg. Und selbst, wenn sie es vermocht hätte — es half nichts mehr. Marga Neusch hatte ein Recht aus ifyn seit dieser Stunde gestern. Es gab kein Zurück mehr, wollte er nicht wie ein (Äjrloser handeln. Also vorbei! In stumpfer Bewegungslosigkeit lag Bertsch so. Endlich aber mahnte ihn das Schlagen einer Uhr im Hause; das Leben ging weiter, trotzdem — seinen gewohnten Gang. Da erhob er sich und kleidete sich an. Gerade als er fertig war, Üopfte es an seiner Wohnzimmertür. Er ging hin und öffnete. Der Briefträger mit der Morgenpost. Gleichgültig nahm er die Eingänge und warf sie auf den Tisch Aber da fiel ein einzelner- Brief zu Boden. Er hob ihn aus, und seine Hand zuckten zusammen — Ekes Handschrift. Eine Weile stand er, das geschlossene Kuvert in der Hand, als enthielt es eine Entscheidung über Leben und Tod. Dann riß er es mit einem Ruck auseinander und las nun den Bries: „Lieber Gerhard! Schwere Stunden liegen hinter mir. Aber nun ist es wieder ruhig und klar in mir. Es fällt mir nicht ganz leicht, an Dich zu schreiben. Was sich zwischen uns gestellt hat, das ist so etwas Besonderes, daß es mir schwer wird, Dir davon zu sprechen. Ich bin eine eigene Natur, Gerhard. Vielleicht weil sch so ganz anders als Mädchen sonst hier aufgewachsen bin, einsam und mir selber überlassen. Ich weiß wohl, es ist manches Schroffe an mir, und mein Selbstbewußtsein lehnt sich leicht aus. So ging es mir auch in diesem unglücklichen Augenblick. Und überdies — ich war so verwirrt, erschreckt. Du wirst das gewiß schwer begreifen; aber vielleicht rechnet auch das zu den Besonderheiten meiner Natur. Nun, wie dem auch ist, ich sage mir nun, wo ich wieder ruhiger geworden bin, selber, daß ich zu schroff gegen Dich gewesen bin. Besonders mit jenem einen häßlichen Wort. Es tut mir jetzt aufrichtig leid, Gerhard. Verzeih es mir! Es war nur in-ber Erregung gesprochen, und gern niachte ich es ungeschehen. Und ganz besonders schmerzt mich bei allem der Gedanke, daß gerade der Tag, wo Du mich teilnehmen ließest an dem Höchsten, das Dich S bewegt, wo ich Dir nah kam, wie noch nie, daß dieser wne, große Tag nun einen solch trüben Ausgang ge- nden hat. Aber wir müssen darüber hinwegkommen, Gerhard. Uno sobald wie möglich, nicht wahr. Heute nachmittag will ich noch einmal hinauf zum Buchenhof. Den Rückweg nehme ich über den Fischbacher Weiher. Dort kannst Du wich also treffen. Laß uns bann alles vergessen! Herzlich Deine Eke." ... ^krtschs Rechte, die das Schreiben hielt, begann zu zittern Noch emmal brach es los. Ein rasendes Wüten gegen sich selber. Der Brief in seiner zusammen gekrampften Faust ward zu einein festen Knäuel. Dann aber kam eine starre Ruhe Mer ihn. Eine eisige, hohnvolle Selbstverachtung. Was sollte das Tvben? Nun hinterher! Da strich er den Brief in seiner Hand wieder glatt und zerriß ihn dann in hundert winzige Fetzen. Langsam flatterten sie in den Papierkorb — zu spät. Und er machte sich zum Ausgehen fertig. Er hatte nun gerade genug Zeit aus feine Privatangelegenheiten verwandt. Droben ans oem Bureau wartete die Arbeit. So trat er aus dem Hause und schlug beschleunigten Schrittes den Weg zur Zeche ein. Aber unwillkürlich streifte vorher noch ein Blick zu dem Hause hin, das er verließ. Zum Erdgeschoß. Dort war noch ein Fenster verschlossen. Als einziges. Der rote Vorhang drinnen war tief herabgelassen, trotz der vorgeschrittenen Tagesstunde. Da glonnn es aus in seinen Augeil. Wie ein wilder Haß. —- Marga Neusch hatte mit besonderer Sorgfalt Toilette gemacht. Sie trug jenes fliederfarbene Batistkostüm, das Bertsch damals im Auto so entzückt hatte. Ihre dunkle Schönheit hatte heute etwas Sieghaftes, säst Uebermütiges. Sie scherzte und lachte mit jedem im Haus. Die alte blinde Frau hob in ihrer Ecke verwundert das Haupt. Was hatte das zu bedeuten? Und wie so oft schon seit jener Gewitter- stunde kamen ihr Gedanken, drückend schwer. Ein Gefühl oer Verantwortung. Wenn sie doch nur einmal Gelegenheit fände, Bertsch allein zu sprechen. Es wurde Zeit — hohe . Zeit. Aber die Rensch-Mntter wartete auch diesen Mittag wieder vergeblich auf eine solche Gelegenheit. Gerhard Bertsch erschien überhaupt nicht zu Tisch. Mit ihr überkam da Marga Enttäreschung. Eine starke Verstimmung. Ließ er sich so viel Zeit bis zuni Wiedersehen? Sie hatte.erwartet, daß er heute mittag mit ihrem Vater sprechen würde. Abends sollte es ja schon jeder hier im Ort wissen, daß er ihr war — auch, die drunten (intl Adligen Hanfe! Aber er kam nicht. Selbst am Nachmittag und nun auch znnr Abendessen nicht. Da wandelte sich ihre Gereiztheit in eine dunkle Unruhe. — Es war überhaupt ein grauer Tag gewesen. Auch draußen in der Natur. Früh schon spann jetzt die Dämmerung im Tat. Zwischen den schwarzen Tannenwänden lag schweigsam der Fischbacher Weiher. Düster strich das Abendgewölk darüber. Wie ein Seufzen ging es durch die Wipfel. Ans der altersmorschen Bank unter dem tief überhängenden Schutzdach der Eiche sah Eke von Grund, den Kopf in die .Hand gelehnt. Ihr Blick hing auf dem Wasser, über dessen dunkeln Spiegel ein helles Gekräufel hinglitt.. Wie von einer Geisterhand aufgerichrt. Wer mochte hier alles schon gesessen und gleich ihr so ins Wasser geblickt haben? Heimliches Sehnen wie ratlose Verzweiflung, die ihren letzten Trost suclste —-'auf dem geheimnisvoll schwarzen Grund da drunten. Unheimlich huschend strich es ihr am Haar vorbei. Als wollte es nach ihr greifen. Sie schrak auf. Nur eine Fledermaus, die jetzt weiter baumelte in ihrem Zickgack- flug. Doch ein Bangen blieb in Ekes Seele zurück. Dunkel und ahnungsvoll. Wie anhaltend das Käuzchen drinnen in ben Tannen klagte! Und nun ein jähes Aufzucken weit hinten am düsteren Himmel. Ein fernes Wetter. Der schwefelgelbe Schein blendete ihr das Auge. Für ein paar Momente senkte sie die Lider. Als sie wieder anssah, stand eine Gestalt vor ihr, die unhörbar auf dem weichen Boden herangekommen sein mußte. Dunkel und groß. Erschrocken fuhr sie von der Bank empor. Doch nun erkannte sie den Mann. „Gerhard — du!" (Fortsetzung folgt.) ' VK WÜU)C. Eine russische Gaunergeschichte. Pon Martin P roskauer. Im Amtszimmer des XII. Generalkommandos in Kobynsk saßen die beiden diensttuenden Sekretäre und unterhielten sich leise n , t&Q' n . TaI ' P"wel Jwanowitsch, was wollte eigentlich der Apotheker gestern abend noch von dir?" . Pmvel Jwanowitsch Swinka iüiff das linke Auge zu, schnansto Idurch die Nase und sah seinen Amtsbruder und Freund, den wirklichen expedierenden Sekretär Grigor Gawrilowitsch Kvwalesf schmunzelnd an: „Nun Brüderchen, was wird er gewollt haben?" fragte cp zurück. „Lieserungen?" rief Kowaleff. ,,'gibt's nicht. Das geht ja letzt alles durch das Zentralbnveau in Moskau — leider!" setzte er seufzend hinzu. Pawel Swiuka aber schüttelte dm Kopf. „Falsch, er will keine Lieferung." — „Also Militärbefreiung." nickte Kowaleff vÄ-stündnisinni^ „das wird auch nicht zu machen sein." — ^ -'Warrmi niäp?Setz' ihn doch etil fach auf die Liste der für Sauttalsdu'ust vorgesehenen Apotl-eÜ'r, da kommt er nie dran. Ilwiele ,ind schon vorgemerkt!" — — 707 — „Eben deswegen geht's doch nicht, du Tummkopf," belehrt« ihn Kowaleff, der die größere Autorität von beiden besah, „in dieser Liste stehen schon dreimal soviel als wir aufnehmen dürfen. Hast du vielleicht eine gmtd Ausrede, wenn die Kommission kommt?" — Swinka wiegte bedauentd den Kopf und krabbelte mit den dicken Fingern in seinenr Schnurrbart. Es war so schrde, daß das nicht mehr ging. Ueberhoupt diese Listen trzreri ein Elend! Früher lieh man sie einfach verschwinden, falls eine Kommission kani — iUird lvas nicht da war, komite nicht kontrolliert werden — , aber da war neulich diese verfluchte Verfügung gekonnnen, daß dle 'Sekretäre für ihre Bücher verantwortlich seien und daß das bloße einfache „Verschwinden" von vornherein ein Jahr Kerker einbringen würde. Ter Teufel hole die Deutschen' die waren mit ihren fortwährenden Siegen nur daran schuld, daß die hohen Herren da oben schlechter Laune wurden und dann allerhand ekelhafte Verfügungen ansheckten. Sekretär Pawel Swinka seufzte aus seinen Gedanken tief auf. Dann wandte er sich an seineil älteren Kollegen: „Was macht man da bloß. Bruderherz?" „Weiß nicht," knurrte der andere, „das will überlegt sein, was will er denn geben?" „Er hat sich nicht geäußert, ich Hab' ihn aber merken lassen, daß es unter 1000 Rubel nicht gehen wird." Grigor Gawrilowitsch Kowaleff stöhnte. „Pawel, du bist ja ein Tier, ein Ochse bist du! Für 1000 Rn- bel den Pillenmacher von: Dienst befreien — bist du ein Droschkenkutscher, daß d-n eine so billige Taxe hast? Ist der Apotheker ein Hund, daß du ihn so billig einschätzest?" — Er sprang vor Empörung aus. Da ging die Tür zunl Aller- ' heiligsten, zum Arbeitszimmer des stellvertretenden kommandierenden Generals und seine Exzellenz selbst, General Graf Timitrefß erschien im Vorzimmer. Das zornige Aufspringen von Grigor Kowaleff wurde zu einer liefen Verbeugung, auch Swinka erhob sich, eilfertig und pusteiid; und die beiden sagten wie im Chor: „Wünscheil gehorsamft guten Appetit, Euer Exzellenz, wohl m speisen. Euer Exzellenz!" Der General nickte wohlwollend und klirrte durch das Zinrmer, plötzlich blieb er stehen. „Hören Sie mal, Kowaleff, was ich sagen wollte — da sind ja Mäuse in meinem Zimmer, ekelhafte Mäuse!" schnarrte er. Koivaleff klappte wieder zusammen. „Aber Exzellenz," ries er enrpört, „wie wäre das möglich, da inuß sofort etwas geschehe?" „Ja. bitte veranlassen Sie, daß die ekligen Tiere entfernt werden, die laufen ja am Heller: Tage in meinem Papierkorb 'mm. .Also schnellstens beseitigen — Mahlzeit!" Er hob einen Finger an die Mütze und stelzte zur Tüir; Kowaleff und Swinka richteten sich tvieder auf. „Was der sich einbildet," sagte Kowaleff mit einem Kopfnicken nach der Tür zu, „m der ganzen Kommandantur sind M^iuse, da sollen ausgerechnet bei ihrn keine sein!" — „Ja. aber was macht man da?" fragte Swinka. „Garnichts." entschied Kowaleff, „meinst du ich werde mich hinstellen und Mäuse fangen?" „Nein — aber man könnte." wandte Sekretär Swinka ein, „man könnte vielleicht einen Kammerjäger — und der müßte natürlich —" er stockte und sah den Kollegen an. „Du meinst, er müßte uns natürlich 'was abgeben?" fragte Kowaleff, „ach was. was könnte er schon berechne, zehn oder vielleicht zwanzig Rubel, das ist in dieser Zeit die ganze Arbeit nicht weN." — Die Uhr schlug die Mittagsstrmde. „Es ist übrigens auch für uns Zeit, zu Tisch zu geheirj", fuhr er fort und setzte die breite Tellermütze auf. „Ja, willst du tvirklich gar nichts gegen die Mäuse nrachen?" fragte Swinka noch einmal ällgstlich. „Fang' du sie doch am Schwanz," antwortete der Aeltere ungeduldig, „ich kann nichts tun. Wer soll sie denn tvegjagen? — Das heißt — ich Hab' eine Idee!" Er schob die Hände in die Taschen mrd pfiff vor sich hin. „Halt, das geht! Sag mal, Pawel Jwanotvitsch, wo wohnt der Apotheker, der gestern da war?" „In denr schöner großen Hans an der Petersbrücke, die neue Wpvthebe von Alexei Gitschin," sagte Swinka verständnislos, „warum? Was willst du von ihm?" Grigor Garilowitsch lachte: „Mir ist eingefallen, wie matt dem- Apotheker und unserM General zugleich helfen kann. So ein Apotheker ist doch ein Giftnnscher, da kann er auch gegen Mäuse Gift legen. LU so bekommt er einen Schein, daß er im Dienst des Korpskommandos fielst ^md ist daranfhin ntilitärfvei." Swinka klatschte seine dicken Hände bei mindernd zusammen. „Bruderherz, wie dn das wieder gedreht hast," rief er begeistert," du bist doch eür Teufelskerl! Soll ich gleich zum Apotheker gehen?" »Nein, laß," wehrte sein Kollege ab, „du holst mir nicht genug Stickelchen heraus. Ich tverde ine ine Mittagspause opfern und lreher selbst hingehen. Wie hnßt der Mann?" „Mexei Scrgewitsch Gitschin." „Na gi't, ich werde das gleich erledigen. Wenn ich mich etwas verspäten sollte, so sage der E^ellenz, daß ich nrich rrr- sonlich wegen seiner Mäuse bemüht hätte!" — Ter Apotheker Gitsckstn, ein kleiner hagerer Mann mit einem fckMcirzen Mffselbart und goldener Brille, die tief in dm Nasenrücken ernschurtt, saß bei Tisch, als das Dienstmädchen einen Herrn von der Kvmmandarttur meldete, der dm Apotheker sprechen wollte. Eilfertig und erschreckt erhob- sich Gitschin und fand in der guten Stube den Sekretär Kowaleff vor, der mit weltmännischer Gewandtheit die Unterhaltung begann und auf den gestrigen Beinch des Apothekers zu sprechen kam. Gitschin errötete und ffng an, zu stottern; Kotvaleff wehrte mit rnhiger gütiger Handbewegung ab. rr .; 2 *dj Herd Gitschin," sagte er. „Sie wollen dem teuern russischen Vaterlande uiid den, Zaren — Gott erhalte ihn — in dieser schweren Zeit Ihre Tienste widmen!" — „Ja bitte, aber — ich wollte —" unterbrach ihn der 9lpo- theker. „Ihre Tienste," fuhr Kowaleff energisch fort, „die ja nicht unbedingt tut Schützengraben zu leisten sind. Oh neür. es gibt viele Männer, denen es in der Seele iveh tut. daß sie infolge» ihrer korperlicheri Beschaffenheit nicht das Gelvehr in die Hand nehmen können." Gitschin fühlte sich zu einem keuchenden Husten verpflichtet, um ec airch zu dieser Kategorie schitrerz- erfüUter Mämrer gehörte. „Jtmi haue iaj ei len Dienst, Herr Gitschin." sprach der Sekretär weiter, „der Jhnrn das beruhigende Bewußtsein geben wird, den: Lande auf Ihre Art zu dienen, indem Sie ei nein hohen Herrn Ruhe verschaffen, die er für seine verantwortliche Arbeit so sehr nötig hat." . Gitschin setzte sich auf die Stuhlkante und spielte nervös arr semec Brille: „Ja, dürfte ich fragen — ich bin gern bereit —" sagte er. handelt sich um Se. Exzelleirz den konrmandieren Genera! Grafen ^imitresf, der in seinem Arbertszintmer eine Unzahl Mäuse hat, die voll Zeit zu Zeit zu beseitigen lvären." „Mäuse?" fragte Gitschin gedchnt und halb ohne Verständnis. „Jawo'bl, Mäuse." sagte der Sekretär ruhig. „Mäuse. Herr Apotheker, die Sie beseitigen sollen. Es ist ja nicht anzunehmen, daß me Mäuse gleich auf einmal verschwinden, deshalb würde ich Ihnen einen Schein ausstcllrn, der Sie für Kriegsdauer ziun! Dienst tu der Kommandantur beruft." Er sah den Apotheker mit kühlen Augen abwarteiid an. Gitschin rutschte auf seinenr Sitz hin und her. Tos lvagte man chm zu bieten, dein zweiter: Vorsitzenden des „Verbandes zur Hebung des Apothekerstandes", einem studierten Manne? — Aber Jj. Apoll sein Zorngefühl ailfgestiegen tvar, so rasch verflog es. Gitschin spürte, daß er dem Sekretär nichts entgegnen konnte, ronn ..biue Ablehnung bedrntete die sichere Einberufung zum Vcckitärdiensr — und lieber wollte er Mäuse fangen oder sonst etwas tun. Und schließlich war die Idee gar nicht schlecht, er brauchte ja nicht selbst auf die Mäusejagd zu gehen. Er erhob sich also und "streckte Kowaleff die Hand hin: „Ich darrte Jhrren Herr Sekretär, ich werde dieses Amt sehr gern übernehmen!" Auch Kowaleff erhob sich. „Gut, das ist erledigt. Nun noch eine Kleinigkeit. Ans die geringe Bezahlnrrg rverden Sie wohl verzichten ivvllen, es sind ia nur ein paar Rubel!" Gitschin »ickte erfreut, er hatte gar nicht gedacht, so billig davon zu kommen, da fuhr der Sekretär fort: „Und außerdem bitte ich Sie, für die WoWätigkeitskasse, die Ihre Exzellenz, die Frau Generalin. leitet, einen Beitrag zu stiften. Ter General legt ^größten Wert darauf, daß die Herren vom Dienst der Kommandantur sich stets wohltätig zeigen." „Aha, das dicke Emde", dachte Gitschin kummervoll und erwog, »velche Summe er dem Sekretär „zur Weitergabe" an diese geheimnisvolle Kasse anoieten sollte. Eigentlich wolle er 1000 Rubel geben, aber der Sekretär sah so imponierend aus — also 2000 'Rubel— und die Bemerkung von den Herren der Kominandantnr hatte ihm doch so schön geklungen — also noch 500 Rubel Mehr. ' _ . „Ich würde Sie bitten, Herr Sekretär, wenn es Ihnen keure Umstünde nracht, Meinen bescheidenen Beitrag gleich mitzunehmen." Bei dem Worte „bescheiden" runzelte Kotvaleff die Stirn, schwieg aber und machte nur eine zustimnrcnde Bewegung. ,^d) dachte -— ich dachte 2500 Rubel", sagte Gitschin zögernd. Kotvaleff knöpfte rvortlos den Rock zu und wandte sich zur Tür. ' „3000 Rubel," rief der Apotheker ihm angstvoll nach. Koiva-- lesf drehte sich um. Seine salbungsvolle Ausführlichkeit vort vorhin war wie weggeblasen. In Geldsachen liebte er knappe, klare Erledigung. -„4000," sagte ^cr trocken, „nicht eine Kopeke weniger!" — „Mer Herr Sekretär, mein bester Herr Sekretär," ffrhr Gitschin ans. „Wenn ich 'sage 4900, sc» bleibt es dabei, äere ApoAeker Gitschin," sagte Kot:ml-esf mit einer Kopföewegun^ in die L>mbe hinein, „Si-e werden doch nicht sagen wollen, datz >L>:e s:ch ern solches .Haus .und eine solche Einrichtung leisten können und mcht 4000 Eichel für Ihre Exzellenz übAg haben? Wer wie mir «ist es gleichgültig. Dann lassen wir die ganze Geschichte." — , ^ . . Gitf-chin schstukte ern paarmal, daun sagte er: „Als-o girt, 4000 Rubel, Herr Sekretär. Darf ich bitten, mrt in mein Duraon -u kommen?"- . r Einige Tage später erschien ein kleiner rothaariger Mensch mit schwarzen blinkenden Mattenangen int Sekretär zimm-er des Generalkomnvandas, stellte sich als Gehilfe des Wothekers Git- s-cliin vor und s^te, er käme wegen der Mäuse. Sekretär Swmka führte auf KotoalefsS Geheiß den Gehilfen in das Zimmer des Generals, tos der kleine Rothaarige einem Bittet einen krümlickien Teig enlitahm, den er mit einer merkwürdig sicheren .Handbewegung in kleinen «r»cken unter die Möbel schleuderte. In einigen Mr- rrulcn war er fertig. Swinka hatte interessiert z-ngesehen. „Gist?" fragte er. . ^ „Starkes Gift," antwortete der Rothaarige nnt heiserer Stimme, „die Mäuse werde:: sich wundern." Und damit Lnrpsahl er sich twcier. Nach emigcir Wochen sagte der General Graf Dunitreff,^ während Kowaless mit einer Unterfchriftsmappc vor ihm stand, plötzlich: „Hören Sie mal, mir fällt da was ein — Sie sollten doch diese verdammten Mäuse beseitigen lassen?" „Ist geschehen, Exzellenz," beiuerkte Kowalest, „ein Fachrnann besorgt bas jede Woche pünktlich." „So? Na, weniger scheinen es nicht geworden zu sein, etjer mehr — die Biester sitzen schon in allen Schränken." Kowaleff machte ein bestürztes Dienstgesicht und verließ das Zimmer. Er war fest entschlossen, sich nun nicht mehr mit dieser alberne,: Mäusogeschichte yu befassen. Aber als -er die Schublade seines eigenen Schreibtisches auszog, fand er. daß die Mäurfe eine Liste zerfressen hatten, an der er einen Morrat laug gearbeitet hatte. Nun empörte er sich sehr und ließ den Apotheker komme::, dem er im Nomen des Generals die heftigsten Vorwürfe machte. Der Apotheker tat seinerseits sehr bestürzt und versprach, seinen „Gehilfen" zur Verantwortung zu zielen:. Als er zuhmrse au kam, sckxickte er sein Diensdnädchen fort und lieh den angeblichen sGehilseu, in Wirklichkeit einen armseligen Kammerjäger, holen. Der kleine Rothaarige mit den scheu hermnflackeruden Augen erschien unk nrußte sich von dem erzürnten und ängstlich um seinen Schern besorgten Llpotheker die heftigste,: Worte sagen lassen. Der Kammerjäger zuckte die Ll-chseln und erklärte, das verstände er nicht, denn so ein Gift, wie sein Gift, gäbe cs in ganz Rußland nrcht wieder. Ms der Kammerjäger in seiner Wohirung weit draußen in der Vorstadt LebenSsrucht. <• cjmm us.mbe der Gedichte Friedrich L i e n h a r d 4. Greiner &. Pfeiffer, Stnttga,t 1915, ES hat sich viel krili'che Unzulänglichkeit an Fritz Lieuhaid berangeiraut und ihin Evi«onentum und gestaltm'gsschiva-he Meünnuugstüchtlgkeit aninkreiben versucht. Welcher Platz Lienhard in der Gegenwartsdichtung gebührt. darüber kann man sich aus eigener Ueberrengunq kein besseres Urteil bilden, als wenn man den eben erschiennen Semmclband .LebenSlrucht^ zur Hand niinint, der ein unüber- treülicheS ^laterial «ün'utidzivanzi ijährigen dichterischen Schaßens zusammen aßt PS kann in dielen wenigen Zeilen nicht der Verinch ge-acht werden, Lt-nihards poetische Senkung au4 leinen Werken Hera 4 berznletlen und zu begründen. Aber »vec den t^edichlband zum G'gennanö der Beschäitlgunq in Stunden des RachdeukenS wollte. der wird wißen, ivohm Lienhard gehört: Tiefer deulscheile Dichter steht an bewußter Sendung über nlanchen,, den wir zu un! re» grüßten zahlen, an Gestallungskrast und poetilchem Gefühl würdig neben ihnen. — Das trautste Marjellchen. Eine Erzählung von Agnes Harder: niit zwöli Zeichnungen von Heinr. S u l e m i h l. Be> lag Friebrist. Andreas PerlheS. ^l.-G., Golba. - AgneS Harders trautste- Marjetlchen lst von den 'Büchern, welche das E, loben unserer Zelt dein jugendlichen Gemute nadeznblinqen verfuchen, eines der nach Form lind Gehalt anzieliend'len. Tie unterbattende Erzählung, d,e ziiglerch eine uuau'dringliche, doch feste erzieherische Wirkung ausübt, ist geivissenhaiteir Eltern und Erzieherin als Ge» schenk (besonders auch zu Weihnachten) für zem- l iS z,vol'sä!irige Kinder sehr z» empfehlen. Es ist die Geschichte eines kleinen o'l- preu&i ctieii AiädchenS, daS mit seiner Mutier vor den Außen flüchit-n muft und dessen SchtUsal sich nach »nancherlei Bedräng« nisten und Verlusten schließlich doch noch zun: Gilten ivendet. Tie Berlasteiln hat seiner Ta!t davor behütet, ohne doch der Farblosigkeit anhetinzulallen, die schrecklichen Vorgänae zu siark zu ullterstreichen und so daS kindliche Gefühlsleben einer Verletzung auSzuseyenr — T e u b n e r s kleine S v r a ch b ü ch e r. I. F ra nzöf i lch. Seeons äs framjais. Kurze Anleitung zun: raschen >>nd sicheren Erlernen der iranzosiichen Sprache^ Für den mündlichen und schriftlichen freien Gebrauch von Professor Tr- Otto Bo ern er. 3. Aust. Mit einer Karte .von Frankreich, einem Plane von Paris und ei er sranzösischen Münzta'et (VIH m:d 2bö S.) geb. Alk. 3.4". II. E >i g l i s ch. Eiiglinh Lewin. Ki,rze praktische Anleitung zum raleben Erlernen »er englischen C vrache. Bon Professor Tr. Oskar T h i e r g e n. b. A ufi. Mit drei Einsichten und emeni Plane von Loildoil, zivei 2ext* kärtchen sowie einer Ntünztaiel. (VIIl und 251 L.) st. geb. OJif. 2.40, Bei lag von B. G. Tenbner, Leipzig und Berlin, 19l£>. - Ter lernbegierige Feldgraue in Feindes! nd betreibt seine Sprach- siudien in den iuelsten Fälle» ivobl nicht um ihrer selbst ivillen. sondern ans praktischen Grüliden und ein Lehrbuch, das vor alle«: d e en iliechnuug trägt, ist besonders degrüße,ls,verl. Darum haben sich ai,ch „Teubners Kleine Sprachbücher", die nur für den itu* inutelvar praktischen Gebraiich gectgnele Sprachstone für die Er- lerniuig der Sprache bentitzen, »vät)re«ld des iirieges zahlreiche Jrelmde er>vorben. — Belgien sonst und jetzt. Ueber 200 Aufnahmen an4 dem Lande zwischen Maas nnd Schelde, nebst einer Ei> leitnug von Tony Kelten. T'liter Conderbaud von .Uni Vaterland u>id Freiheit". Verlag von vertnaun MontanuS. Siegen, Berlin, Leipz g. 1— 30. Tanseiid; kartoiilert 2, - Alk., geb. 2,st0 Alk. — Tic Montanas-Bücher haben dank ihrer Aeichhaliigkeit an wahrhens- getrelnii Aufnahmen ans dem gronen Völkerlr>eg und dank ihrer bei billigen Werken bisher kaum gekannten künstlerischen Ausstattung einen so groben Erfolg erzielt, daß man jedem weiteren Bande der Sammlung mit Spannung enlgrqensieht. Ter soeben ers aienene Bel teu Band dielet in mehr als einer Hinsicht Ueberraschung. Tiefer Band ist nicht eine der alltaali en Kriegsbildersammluiigen. Er zeigt in der ersten Abteilung belgische Stä te. belgische Land- schasten und belgische Naturschönheilen. Tie zweite dlbteilnug bringt die flämischen Baudenkmäler ruid die unslerblichen Weite der niederdeutschen Blei ter vors Auge und wird auf solche Weise daS Verständnis l ir das besetzte Land rnehrell und versöhnlich wirken bet den Beivohnern belgischer Städte. Tie Einleitung stammt a,lS der Feder deS bekannten Schriit eUers Tony Kelle-i, der als Llirem- bnrger sich seit vielen Jahren nnt Belgien beschäftigt hat, und denr w,r schon so manchen schätzenswerten Beitrag üd.r Lan> »nd L-nte in Belgien verdauten. Er hat es verstanden, in einer gedrä gien Tarstellnng das Wissens,verleite über Belgien sonst und jetzt in ansprechender Forin darznbielen. Charade. Eins, zwei und drei kreut ungemein Die Haus'rau, wenn es echt und fein. Wer solches zum Geschenke bringt, Der achte ivohl, daß nichts z^ripilngt. DaS Vie'te ist bald schlank lind schmächtig, Bald stark und in den Formen inächttg. Am Nathans ist'S est hoch gestellt. Beim Schachturnier eS metnalS fehlt. Aus jenen Drei n errichtet, stand Das Ganze im Ehmescnland, Wo es als Zierde eig'ner Art Zu Nanking einst beivundert ward. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Dechisfrier-Aufgabe in voriger Nummert Es gibt nur ein Glück! Tie Psiicbt; Nur einen Trost: Tie Arbeit: Nur einen Genuß: Das Schöne. Earmen Sylva. Kchrtstleitungr Aug. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Brühi'schen Untversitäts-Buch- und Stelndruckereh R. Lange, Gießen