Donnerstag, den U November p© AnlerhalluuZsLlall MI ZießmrrAiycigcr l^LMlAnzeiger) MW IM mäSSo r ,,Wird Ihnen die Arbeit im Haickrera denn nicht zu schwer?" fragte Eke mitleidig mit einem Blick auf seinen gekrümmten Rücken. „Enä — dat is man ja gewohnt von rung an. Sre kennen dat freilich wohl nich, die Dame und der Herr. Sie sind wohl aus der Stadt? Ich han auch a Tochter verheiratet drunten in Köln. Aber ich möcht' nimmer heraus aus unfern Bergen. Dat is so schön hier oben bei uns. Wissen Sie, was wir so oft sprechen hier im San? Dat unser Kaiser so gar nimmer mal herkömmt. Hier ist so ötel Fleiß und Religion. Da kann er sich up verlassen der Kaiser. Er hat nirgends so treue Leute wie hier." „Gewiß, Vatter — da habt Ihr recht." Bertsch wollte den gesprächigen Alten verabschiede«, doch zutraulich wies dieser Eke aus ein Kraut am Boden hin und pflückte es auch schon sür sie: „Hier — riechen Sie mal. Dat gibt 'nett kostbaren Tee für den Magen. Den ntüssen Sie Ihrem Mann kochen, wenn er mal nicht so recht zuwege ist." Eke und Gerhards Blicke trafen sich, mit vertraulichem, stummem Anlachen. Doch nun klopfte Bertsch dem Alten auf die Schulter^ — 698 — „Weiter ist es aber wirklich nicht mehr ilötig. Wir sehen bcii Weg ja jetzt schon." „Ja, gerad' da, wo die Kinder Beeren pflücken. LH, da hat's furchtbarlich, gewaltig Erdbeern." „Glaub's schon, Vatter. Aber da — nehmt Euch eine Zigarre." „Dank schön. — Doch dat tut nit not. Wir sind ja deutsche Leute, da muß mau sich schon gegenseitig helfen. Also glückliche Reis' alsdann! Und wenn Sie nachher an die Bach kommen, so halten Sie sich immer stracks rechts zum Talkops hinüber. Alsdann —" „Von da ab weiß ich schon." Freundlich nickt5 Bertsch und schritt dann schneller mit Eke aus. „Wie treuherzig das Volk hier noch ist. Man muß die Leute doch liebhaben." Eke blickte noch einmal zu dem A ten zurück. '„Ich erkenne es so recht jetzt, wo ich zu ihnen in die Häuser komme. Wieviel Herzensfreude Hab' ich nicht schon davon gehabt. Ich bin dir so dankbar, Gerhard!" Und sie hing sich zutraulich tn den Arm des Geliebten. „Das will ich auch nie wieder aufgeben. Auch später nicht, wenn wir einmal verheiratet sind." „Wäreii wir's nur erst!" „Geduld, Liebster.'" Ihre Rechte strich ihm weich über die Wange. Da hellte sich seine Miene wieder aus. Ein Glücksgefühl kam über ihn. War sie nicht sein, sanft und anschmiegend, die so stolz ihr Haupt vor den Meirichen trug. Dann schritten sie durch den schweigenden Wald. Noch" nie hatte Gerhard Bertsch so das starke Gefühl ihrer Zusammengehörigkeit gehabt, wie heute. Nichts stand mehr zwischen ihnen. Eins waren sie. Um jeden Gedanken, jede Sorge des einen wußte auch der andere. Und plötzlich kam es ihm: Sollte sie nicht auch da von dem erfahren, was ihn beruflich, beschäftigt hatte in all dieser letzten Zeit? Bon seinem neuen Plan, dem letzten und größten? Es war zwar sonst nicht seine Art, über Dinge zu sprechen, ehe sie reif paren. Aber dennoch — sie sollte es wissen, was ihn ganz aussiU'lte. Droben aus dem Talkops wollte er sich ih-r offenbaren. Und dann waren sie auf jenem Bergvorsprnng an gelangt, der fast senkrecht abstürzte zum Tal hin. Gerade über den letzten Ausbauten vom Unterdors drunten in Rödig, die sich wie schütz suchend an die Bergwand drängten. Ein wundersamer Fernblick tat sich hier oben auf, über den ganzen Rauhen Grund. Weithin streckten sich die Wiesengründe, umrahmt von Laubgrün und dunkeln Tannen. Hell blinkte das Silberband des Flusses herauf, der den Ort drunten schmeichelnd umschlang. Ans dem sattgrünen Rasen bauten sich freundlich die weißschimmernden Häuser auf, versteckt zwischen den dichten Lindenwipfeln. Bunt und lustig grüßten die kleinen Banern- gürten. Ihr süßer Levkojendust wehte herauf, erinnerungsschwer. Dätnmerstunden aus fernen Kindheitstagen wurden wieder lebendig. Träumerisch lehnte Eke von Grund über dem Schutzgeländer, Gerhard Bertsch stand neben ihr. Sie waren ja hier im üppig wuchernden Gesträuch den Blickeii drunten verborgen, während sie ihrerseits ungehindert hiuabschaiien konnten, gerade in die Gäßchen und Gehöfte hinein. Goldner Abendschein wob da drunten um die Herd- patten. Mit hellem Ausjauchzen warfen sich die Schwalben ru die Luft. Ranch kräuselte sich aus jedem Schornstein. Aus deil Häusern scholl das helle Singeil der Mädchen bei ihrer Arbeit. Halüvergessene Lieder, schlicht und fromm. Vor der Tür, auf der Bank saßen die Alten. Geruhsam die laiige Pfnse un Munde. .Eine Frau ging mit dem Kuchenblech ans dem Kopse zum Backofen draußen vorm Dorf. Gelvichtig hielt sich die Aelteste ihr zur Seite, den Ginsterbesen in der Hand. Em Klernchen trippelte nach, am Rockzipfel der Mutter. Von der Arbeit droben auf der Zeche kam ein Mann heim. Froh sprang ihm sein slachsköpfiger Junge entgegen und hliig sich an den Vaters Hand. U eberall auf den Gassen und aus dem Dorsaiiger trieben die Kinder ihr Wesen. Hochgeschürzt standen ein paar spreizbeinig im seichten Wasser des Flusses und suchten Blutegel. Em winziges Kerlchen sah ihnen neugierig voni sicheren Ufer aus zu. nur mit einem Hemdlein bekleidet. Undere spielten Knüppches, und auf dem grünen Wiesenplan an der Dorf- Unde drehte sich ein Reigen. Ein Lufthauch trug die hellen Klnderstimmen deutlich beraui. Monotone Klänge, kindische Worte, und doch lag ein seltsamer Reiz darüber in dieser Stunde versonnenen Abendsriedens. Aus der Jugendzeit —, was stand da nicht alles aus! Eke hob sich die Brust. Nie hatte sie stärker gefühlt, wie verwachsen sie war mit diesem Mutterboden ihrer Heimat. Und warm quoll es ans in ihrem Herzen. ~ Da legte sich eine Hand auf ihre Schulter, daß sie aufschrak aus ihrem Träumen. Gerhard neben ihr war es. Aber? sein Blick haftete nicht an dem Bilde traulichen Menschen- tiei ens zu ihren Füßen. Ueber das weite Tal schweifte er hin, mit einem erregten Leuchten, und nun wandte er sich iljr zu. „Eke — ich möchte dir etwas sagen. Etwas, das mich sehr beschäftigt." „Ja, sag' mir's!" „Sieh —" und er nahm ihre Hände, sie fühlte dabei ein fieberndes Zucken. „Ich bin noch nicht am Ende hier mit meinen Plänen. Wie es so geht. Erst bringen wir den Stein ins Rollen, dann reißt die Lawine uns mit fort." „Was hast du denn noch vor?" Und Spannung trat in ihre Züge. — „Großes! Aber höre, wie ich so darauf kam. Da drunten," er wies auf den Fluß hinab, „das Wehr Hinternn Dorf' — damit fing's an. Wie ich dort eines AoenoA vor-« .überging und das Rauschen an mein Ohr schlug, hielt's> rnid'4 plötzlich fest. In die nieder stürzen den Wassermassen mußte ich sehen, immerzu, und denken: Was für eine Kraft geht hier verloren — völlig ungenutzt. Und mit eine in mal kam mir's: Wenn rmrn die dienstbar machen könnte —> droben für das Werk, für unsere Krafterzeugung.und Beleuchtungszwecke! Eine Riesensumme würde man jährlich sparen, die jetzt dvaufgeht für tzie teure Kohle droben von der Ruhr. Und der Gedanke ließ mich nicht mehr los seit-« dem. Die ganze Nacht ging's mir durch den Köpf: Warum sollte das nicht zu machen sein? Wenn mau die Stauung nur noch etwas vergrößerte. Gefälle irnb durchschnittliche Wassermenge waren sicherlich vollrömmen ausreichend. Kürz entschlossen setzte ich mich an: nächsten Morgen hin und! schrieb nach Köln an einen ^.kannten Wasserbautechniker. Der kam, ganz im geh ein len-machte er hier am Wehr seine Berechnungen, und das Resultat war glänzend, übertraf all meine Erwartungen. /Wasser haben Sie — wenn Sie wollten, könnten Sie den ganzen Rauhen Grund mit Kraft versehen/ Scherzend sagte es mir der Mann, aber das Wort schlug bei mir ein. Wieder allein mit mir, erwog ich den Gedanken, ruhig und ernsthaft, und kam zu dem Schluß: Ja, warum nicht? Wenn man denn einnral schon daran ging, das Wasser auszumchen — weshalb nicht in vollem Umfange? Und siehst du, da wuchs es in mir urid reiste zum Entschluß: Wenn man, statt bloß das Wehr hier am Dorf zu vergrößern, den ganzen Fluß staute, drunten am Tala.rs- gang, wenn mau bei uns im Rau Heu Grund täte, was man ja schon anderwärts gemacht, eine regelrechte Talsperre baute, Millionen von Kubikmetern Wasser ausfing und in Kraft umsetzte — was für Ausblicke boten sich dal Das würde natürlich weit hinausgehen über den ursprünglichen Rahmen. Nicht mehr bloß um unser Werk han- oelte es sich dann.'Eine Fernversorgung mit Kraft und Licht kam' in Frage für die ganze Landschaft, ihtb weiter, innner weiter zogen sich die Kreise. Ungehobene Schätze liegen hier noch im Laude: Erz, Holz, Basalt, wohl haben wir sie, aber keine Industrie, die sie voll verwertet an Ort und Stelle. .Haben wir aber erst hier die nötige .Mast, so kommt auch die Industrie. Und nmt ihr ein neues, gewaltiges Leben. Die Scholle, die jetzt Hunderte nährt,, Tausenden wird sie Brot geben. Geld wird ins Land! strömen, Wohlstand und Kultur. (Fortsetzung folgt.) Lritzelcs großer Tag. Eine Skizze von Josephin e«iebe. Der kleine Junge tat eine Reise. Eine kurze Fahrt war öS nur, ein paar .Haltestellen weit, mit einem Bähnchen, das sein sacht durch bte Welt lief und nicht ime ein langer stolzer Schnellzug allen Nestlcin an der Nase oorbeirannte. Aber die mit dem Bähnchen reisten, waren es zufrieden; man kam doch an sein Ziel, und unterhaltsam war es auch; Bekannte fanden sich leicht zusammen, man hörte dies und das aus der Umgegend, und nach einer Stunde batte man das behagliche Gefühl einer überstandenen Weltreise. Ter kleine Junge saß stumm im Fensterwinkel und formte hinaus, er war noch immer ein bißcheft überrascht durch die Reise. Die Muhme, in deren Hause er letzte, hatte geftem gesagt: „No wenn schon einer ntitsoll, mag's emal Fritzelc sei!" Also zog Fritzele am Morgen seine besten Höschen an. half die schweren Butter-- und Eierkorbe schleppen uub fuhr in die Stadt. Nun sah er da und wunderte sich, daß sich niemand über seine Reise wunderte. Aber den Mitfahrenden schien es ganz selbstverständlich zu sein, daß Fritzelc da war, es sah ihn niemand recht an. Er war w auch mir ein kleiner Junge, wie es viele gibt, gar nicht hübsch, er hatte blaßblondes Haar, viele, viele Sommersprossen, die Nase war zu klein und der Mund zu groß geraten. Seilt Vater war im Krieg, und das lvar auch nichts Auhergelvöhnliches, denn vieler kleinen Jungen Väter sind im Krieg, sie, kämpfen, leideit und sallen vielleicht. Fritzeles Mutter aber war still ans der Welt gegangen, che das ungeheuere Leid anhub; sie war so anspruchslos gestorben, wie sie gelebt hatte, uird als ein paar Wochen nach ihrem Tod der Krieg ausbrach, da hatte die Muhme Fritz geholt, auf einen Buben wehr kam es in ihrem Hause nicht an. Der Vater schrieb selten, kurze Karten nach seiner Art, die Muhme sagte- dann: Vater läßt grüßen, damit war es abgetan. Niemcnrd redete von dem fernen Vater, der war ja kein Ortseingesessener, und niemand ahnt-e etwas von Fritzeles hungriger Sehnsucht, etwas vom Vater zu hören. Tie Bubeil auf der Gasse, die Väter draußen hatten, blähten sich: „Meiner ist mit," oder sie redeten von Brüdern und Vettern, und dann sprachen sie von Schützengräben und Unterständen, von Handgranaten und Maschinengewehren, als hätten sie's gesehen. Dann sagte Fritzelc wohl: „Meiner ist auch, dabei." „Wo delm?" forschten die andern, mid da er es lkicht wußte, höhnten sie: „Er schreibt Dir woll oste, weil Du's so ^eitait weißt." Wenn die. Glocken Sieg läuteten, hieß es wohl rm Dorf, der war dabei und jener, und ehrfurchtsvoll wurde der Name genannt, und jedesmal dachte Fritzele: ob Vater da war? Einmal, als die Glocken wieder tönten und sangen, als ihre Stimmen in bcu Lüften von dem Gewaltigen schrien, was in der Ferne geschahen war, lief Fritzele zur Muhme und forschte: „Warmem Vater dabei?" „Je je, was weiß ich, wo der is." Die Mich me war eine geplagte Frau, die froh war, tvenn sie des eigenen Mannes Kriegswegen im fremden Land halbwegs folgen konnte, doppelte Last, doppelte Sorge lag auf ihr, und sie sagte abwehrend und detch trösttmd: „Wie soll ich's wisse, aber der tut scho sei Sach!" Darauf schwieg Fritzele, wie er es oft tat, denn es dauerte -bei ihm immer geraume Zeit, ehe er mit Frage und Antwort zureckst kam, meist hatten dann die anderen schon weiter geredet und gedacht. Wie schwer cs ist, wenn einein die Worte nicht so recht -aus dem Munde wollen, das spürte Fritzele wieder an diesem Reisemorgen. Ta saß nämlich im vollen^ Abteil ein Soldat, einer, freut jeder das schwere Traußengeivesen ansah, aber trotz der Furchen im Gesickst, trotz des fernen Blickes erkannte Fritzele doch in ihn» den Ignaz' Neuhäuser aus seinem .Heimatdorf. Ganz sicher, der Uliißte es sein, himmelgcrn hätte er ihn darunt gefragt, aber eine Haltestelle kam, lief vorbei, wieder eine, noch eine, Fritzele blieb stumm. Und dann tat die Mnhnre flink die Frage, weil sie bekannte Namen hatte nennen hören, ob er nicht Ignaz Nenhäuser sei, der mir ihrem Vetter zusammen ansgezogen fei? Wohl, wohl, der wäre er. „Tort sitzt sein Bub!" Fritzelc wurde es heiß und kalt unter den vielen Blicken, die (ich aus ihn richteten. Und da streckte der Feldgraue auch schon die Hand nach ihm aus und zog ihn zu sich heran, hob lihn auf fciic Sfttie und streichelte ihn ungelenk. ,,^e dem Schirmer seiner, das is einer," und noch einmal wie im schweren Erinnern: „Das is einer." Im Abteil schwiegen auf eiumol alle, und alle sahen sie nur auf den Soldaten und auf den kleinen Jungen. Jeder dachte: Der weiß nun was von dem seinen Vater. Es rührte sie seltsam, dieses Wissen, hinter dem vielleicht eilt großes Erleben stand. Eine Frau griff rasch in ihren Korb und brachte ein paar Birnen heraus, die streckte sie Fritzele hin: „Da nimm." Ta kam schon eine braune feste .Hand über die Vauklehne, die hielr ein Stiick Kuchen. „Das is für den Buben," klang es. Fritzele merkte es kaum, daß seine Taschen sich mit Gutsachen füllten, er sah nur immer den Soldaten an. Würde der nun nicht von. seinem Vater redett? Und wirklich begann der Mann zu erzählen. Er gehörte auch nicht zu jenen, die leicht uub rasch die Worte nreisü'rn, aber von dem Sturmangriff droben in Flandern, im nmwühlten Land, konnte er doch reden. Vor und zurück, vor und zurtick und doch wieder vor, und 100 Meter Land waren erobert gewesen. „Nich mehr, aber das geht nu mal nich «anders, daö is dort so. •Storni hatten wir den Graben. Die drüben dachten, sie schießen uns raus, proste Mahlzeit. Herrgott, haben die gefunkt! Immer los, immer los, aber rvir blieben. Ein paar von Unfern lagen draußen, die Hattert nicht ztrrückgekonnt, nu stöhnten sie, und wir hörten'S und formten nich helfen. So ivas, bas hört mer, wenn die Granaten noch sc, pfeifen. Auf emal spricht Schirmer, „ich hol se". „Dann kommste nich wieder." Er Meint: „Auch so. ich kamt's Gestöhne nich mehr höre." Also er raus, auf den Bauch hin. ! Erst haben's die drüben nich gemerkt, heildumm sin se manchmal aber dann ging's los. Schirmer bracht doch einen, freilich, er hatte selbst was weg. „Nu bleib," sprachen wir. „Nee," meinte er, ..halbe Arbeit mackste er ttich." Er wieder raus, wieder rein. Alle dreie hat er so geholt. „Un?" Jemand fragte es atemlos, ein tiefes Seufzen ging durch den Rattm. Ignaz Reuhäuser strich sich über das Gefielst, seine Stimme klang gepreßt: „Er hat's Eiserne, nu freilich. Ja, ja, das is einer. Sei stolz auf Deinen Batter, Bub." Fritzeles Gesicht leuchtete, ein frommer, feierlicher Scheiil lag darüber, und wieder schauten alle auf den kleineik Jungen, fast ehrfurchtsvoll, denn sein Vater hatte das getan! Ein Mann sah sich suchend um, hatte er denn nichts für den Kleinen? Er kramte in seinen Taschen und brachte endlich ein kleines schwarz-weiß-rotes Schildchen hervor, das drückte er Fritzele in die Hand: „Das is für Dich." „Aber sagt doch, wie geht's dent Vetter, is er freil?" Die Muhme fragte es dringlich, doch Neuhäuser schien die Frage nicht zu kören, stumm saß er eilt paar Augenblicke da, dann lwlte er seine Brieftasche heraus, Bilder waren drin, eins nahm er und gab es Fritzele, „da is Dein Vater mit drauf, ich schenk^ Dir." Ter Junge griff aufgeregt mit beiden Härchen danach, dev Kuchen, das schtvarz-»veiß-rvte Schildchen sielen zu Boden, er beachtete es gar nicht, nur das Bild sah er, das allein. „Weis' mir's mal!" Die MuHme wollte das Bild saften, aber der Junge stielt es krampfhaft fest, ganz trotzig und kampf-- bereit sah er aus. Gleich riefen ein paar Mitreisende auch enst, schuldigend: „Er freut sich so sehr". Die Muhme bedrängte den Kleinen auch nicht weiter, sie neigte sich zu dem Feldgrauen hinüber und flüsterte ängstlich: „Er is woll gefallen?" Neuhäuser nickte. „Im Lazarett liegt er, aber 's wird nich mehr. Der Doktor spricht, wie'n Sieb zerschossen wär er. Nu ja, auch dreimal den Weg." Jtt dent Mteil wurde es füll. Eine Frau weinte leise, sie dachte au die Söhne draußen, imr die Muhme seufzte schwer; „Dann is er 'ne Waise"". Fritzele hätte an dem Wort vorbei, er spürte auch nichts von dem Mitleid, mit dem ihn in diesem Augenblick jeder sanft umhüllte, ihm fehlte das Begreifen für den ernsten Schluß. Glückselig dachte er nur an des Vaters Heldenstück, 'an das Bild, das ihm gestörte, und er hatte nur den einen Wunsch, die Geschichte noch einmal zu hören, damit er sie selbst den Kameraden aut der Dorfstraße erzählen könnte. Nun sollten die nicht mehr spotten. Er sah flehetkd zu dem Feldgrauen auf und wisperten „Noch mal"". Dock) der ließ ihn von seilten Knien rutschen, denn! die Muhme war anfgestanden: der Zug hielt und die Frau mahnte: „Komm, wir müssen 'raus."" Strahlend und nun zutraulich geworden, schlug Fritzele in alle die Hände ein, die sich ihm entgegen streckten. Er reckte sich trächtig, die hatten ja mm alle die Geschichte von seinem Vater gehört, und er fand es gar nicht verwunderlich, daß er znm Abschied noch allerlei gute Dinge erhielt. Mit vollgestopfte« Taschen, das Bildchen fest in der Hand, so kletterte er vergnügt der Muhme nach. — Der T a in e n z n l i n d e r — die neueste H tt t m o b e! Während sich die Männerwelt nach Möglichkeit von der >ckt- überlieferten „Angströhre"' zu befreien stiebt, hat der Zplindertmt, *uie ans New ?)ovf berichtet wird, dort seinen fvmmiiliierenben Einzug in die Franenmode gehalten. Nun ist cS allerdings nicht ganz der altbekannte Zplmder, den die Herren zu tragen pflegen, sondern es ist ein halbhoher steiler Hut. der Mnn Schneidertleide getragen und daher nur wenig ansgescinnnckt wird. Einer dtcer .ivciblichett Zylntderhüte" ist z. B. ans schwarzein Biber berqestetlt turd wird in Berbtndnng mit einem flaschengrünen Schleier ge- treuen, der — tnehr originell als schön — diagonal gtier über das Gesicht gelegt wird. Ein aitdcrcr dieser Tamenzytinder fellr sich als eine Art hatbboben Topshutes dar^und ist mit Hermelin aiiL- geziert, während eine dritte Form, bte der eines hohen Herren« zplinders aut nächsten komnu. in Berbindtmg mit einem reich verzierten spanischen GesichtSjchleier getragert wird. Die Liste der Formet) dieses modernsten Htttes wird schließlich noch durch den „Mitscherlntt" veroollständigt, der nach dein Muster der alten englischen steifen Kntscherhnto gearbeitet ist tind einen schmalen, nach oben gebogenen Rand on'iveist. Dieser letztere Hut trägt ganz und gar das Gepräge der Männerinode, während man int übrigen bestrebt ist, bem Damenzvlindrr durch die erwähnte Berbittdnng mit Schleiern, Bekzscbmnck oder mich kurzen Federsttttzett ein zierlicheres und wetblieheres ^lnSsehen ztt gebeit. " BiSmarck als guter Kam «red. Bismarck bat bekanntlich zuerst in f'otSdam bei den Gardejgqern seiner Militärpflicht genügt nnd ließ sich dann zur Gretscwatder Jägerabteilitng ver- setzen, rnn da nebenbei seinen juristischen imb landwirtschaftlichen Studien obzuliegen. Im Februar 18 LV trat bei dieser Truppe der spätere Förster Kottwitz ein, der das folgende Gefchichtchctt ztt be- rtr&tPH weiß: »Ich bekoin den Einjährigen von Bismarck zum Vordermann. Sein freundliches, kameradicba thches Wesen, ge- paart mit forsche»», schneidigem Auftreten, machte ihn bei allen Jägern bclieli* Außer tlnn qnl> es nur noch einen (Miijäbrineii, einen Studiosus, der mein Nebenmann war. Mute März kamen wir eines Tages von einer Schießübung he m und begegneten zurückkehi enden Störchen Meinen Nebenmann, den erivälmten Einjährigen. wandelte die Lutz an, eine Probe seiner Schi'tzserNg- feit abzuleqen, und gesagt, aetan — er schon, und ein Adebar fiel tot zur Erde. Dies bemerkten mehrere m der Nabe beschäftigte Landbewoh er und erhoben ein großes Lmnento. Infolgedessen kehrte der ctivas voranfgeaanaene Leutnant ^zurück, um fetzzutzelleu. wer den Schutz abgeaelen Hude. Seme Frage nach dem Attentäter blieb eriolgloS, so da,; er sich gezwungen sah, die Büchsen zu revidieren. Als er mit der Untersuchung des eruen Gliedes, in denr Bismarck stand, durch ,var, verlaniclne legrerer schnell seine Büchse mit der des hinter ihm stehenden Attentäters, so daß auch die Unteriiidninq des zweiten Gliedes fruchtlos ansfiel, trotzdem das erpus delicti, der Storch, vor aller Augen dalag. Der Leutnant erklärte also kaltblütig und kurz: »vier hat keiner geschosse'i." Man kann wohl sagen, datz jemand, der in solchem Falle treue Kameradschall hielt, eS auch vor dein Femde bis auf den Tod aetan halte, denn aar so ge-ahrlos ,var dieser Büchsen- ivech'cl ivohl nicht. Wäre er heiuevft mor£)en, l-ättc bevfctmLMhiqeJOcl'ei Helfer des unzeitgemäßen Schützen wo l eine recht hartes trase erhalten. » Die Empfindungen eines Verwundeten während der Schlacht. Einen interessanten Beitrag zur Psychologie der Verwundeten während des KanipseS bildet der folgende, in der .Gazette de Lausnun " veröffentlichte Feldvotzbrres eines russischen Ossi-ierS: » . . . Plötzlich haue ich das Ee-uhl. als erhielte ich einen Hamn'crichlag iu den Nucken. Ter Ltoß n'ari mich z»t Boden, eigentliche Schmerzen emo and ich aber nicht. Und ich kraote mich erstaunt, was denn eigentlich geschehen sei. Es war, als trügen ineine Schultern eine sehirere "atz, und ich dachte, dag eine Granatenexplosion in der tlmgebrmq »nich mit iZrde und Sand überschüttet habe. Ich i erfurhte mich zu erheben, aber es ging nicht. Etire leise Uebelkeit befiel inrch, und ich blieb liegen. Tie Uebelkert wurde stärker, meine Schultern schiene» zl, brennen. Ich rührte mich nicht von der Stelle und wartete die Ereignisse ab. DaS Säulen der Granaten und Schrapnells nahm zu. Es gelang mir, eine.» Sack unter meinen 5voi>> zu schieben. Ich empfand Furcht: we,m plötzlich ein neues Geschoß inich t eilen würde? Ich hob den 5ro»s: die Granaten platzten in ziemlicher Entfernung von mir. Einige Soldaten läge,» regungslos auf dein Erdboden aus- gestreckt. Durch Zufall fei mein Blrck aus meine Sande: "e wäre», voll von Blut, ebenso meine Brun und die eine Schulter. -Ich bin verwundet,- dachte ich obue Ueberraschrmi, »ich kann ni > t weiter." Un» »»ach diesem Gedanken wurde es völlig ruhig in mir. So blieb ich zehn Minuten lang ohne Gedanke,!, ohne Emv- fnduiigen Dann, als der Schmerz an Heftigkeit zunahm und im,„er brennender wurde, umkrampfte ich den Lack und schleppte mich mitblatti dahin, bis ich aufgeiunden ivürde." * F a s a n e n w a „ d e r u n g e >,. Tie kürzlich erfolgte Te nunq der Faianenjagd lenkt unseren Blick aut dies dankbarste Ein- Hei,iiung4ob,elt der Neuzeit. Mau kann wohl behaupte», datz dieser »Kleiuasiate' nicht allein schon über die E mbeunung binauSgedieben ttz. sondern als beimücheS Wild genommen werden kann. Demgegenüber mich es betreiben, datz man es not) immer ui bt sich selbst und der Eigenentivickluna überlußt. sondern in folgsamer Verwahrung »lud Bewahrung hält, mit anderen Worten, daß man es geradezu zähmt Tie Freiheitsbeschränkung, die damit verbunden i k ge'ällt de», Vogel aber nicht, er mu» wandern. UeberaU, >vo eS unter zureichender Deckung geschehe,, kann: Ctrauchivuchs. Gräben, Ackerfurchen, betzandeues Feld, ändert er häufig seinen Aufenthalt. Zu dieser seiner Neigung, umberzuwandern. koinmt noch eine andere Veranlassung, die ihn untzät macht: eine gewisse Leckerhastigkeit. Eigentlich i't er ein„Alles'rener", ober dabei gebt ihm die Abwechselung in der Versorgung über alle« Doch der Egoismus deS Atenschen hält ihn mindestens in der »halbwtl en Zähnnnig-, anstatt ihn »vild werden z»> lasse»,. Tab die Jägerei fenten Eudes da lei am schlechtesten fährt, fangt schon allmählich au zii dämmern, denn bei der andauernden ZSH-nung beginnt der Fasan, der üderhcu.'t schon etwas dumm veranlagt ist. tinmer ^dümmer- zu werden. waS auch nicht wundern kann. Infolge der Bewahrung und Versorgung durch Menschen kennt er den »Kamps tuns D sein- nicht, der auch tm T,erleben die Intelligenz u>ecft; ihn» werden weiter die Eier genommen, und die Aufzucht der Jungen wird ihm versagt, —- was bleibt ihm noch vom LebenS- zweck? Ein »Zuhause- iu, eigentlichen Sinne hat er nicht, er geht dahin, wohin ihn Leckerhaitiqkeir und Zufall treiben. Ter Vogel tut daiuit auch da- Klügste, d. h. er sucht sich frei zu machen Von einer Bevor,nundunq, die schließlich die Erhaltung seiner Art — nicht am wenigsten auch durch Inzucht — bedroht und gefährdet. -- Büchertisch. — Fleischlose Küche. Speisezettel für alle Jahres reiten und Diätetüche Präparate. Von Elfriede Beetz. Preis 90 Psq. (Poitzo I» Psg.) Verlag E. Abigt, Wiesbaden, bringt für den PitvathanShalt, Sanatorien und Pentzonale «iw. in sachgemäßer Zusammenstellung ein kleines Handbuch für die diätetische Küche, das überall als Ergänzung der allgemeinen Küchenhandbücher wertvoll itz. Der geringe Preis genauer jedermann die An- schäum,q, und da man m teiirer Zeit vielfach den Fleisct genutz ein- schränkt — es geltz auch lo recht aut — so werde» abwechslungsreiche Küchenzetiel ohne Flei! > gerichte recht willkommen sein, ,vo mau im Haushalt? sparen will und mutz! — AuS der Mappe einesKriegsberichterstatterS. Im deutschen (trotzen Hanvtguartier und bet der Wenarmee. Bon Julius Hirsch, Kriegsberichterstatter. Zweites Bändchen. Leipzig 1915. Hesse L Becker Verlag. Kart. 1 Mk Das zweite Bändchen des Werkes „Aus der Mappe eines Kriegsberichte'natterS- enthält wt dcrum eine Fülle ieffelnder Berichte. Hirsch, der eimtae österreichische Kriegsberichterstatter bei der Wetzarmee, erzählt ungemein anschaiiltch und leb ndig. Wobltiieud berührtes, datz er dem Leser zumeul srelmdliche Bilder zeigt, also auch d,e Poesie des ZtriegeS zu inrem Rechte kommen läßt. Hl.sch er,veitz sich auch als geschickter AuSirager. Was er beim Herzog Albrecht von Württemberg, bet Erzellenz von Bistznq., dem General» goiineriieur von Belgien, und beim Senator Strandes, dem Präsidenten der Kaiserlichen Zioiloerwaltung für die Provinz Aut« wcrpeu. er ahren hat, itz von büchtzern Interesse. Dasselbe gilt von den Abiclm'tten über bte Tätigkeit der Kriegsberichterstatter, über das Leben in Lille, über Antiverpen, über B üg,e us>v. — Afrikanische Köpfe von K a r l Peter s. Sam«»» luug „Männer und Völker- (V.rlag lllltzeiu & Co.i, 1 Mk. — Diese Schrill von Karl Peters fü rt n itten hinein in die Alacht- iraoen unseres eit -lkers. deren Entscheidung durch den Weltkrieg bedingt i't. Tie Umivan lung des schwarzen Erdteils z»> europäischen Schutzgebtelen, ivie üe wahrend des >9. Jahrhunderts sich vollzog, ist der Gegensinnd des auch iu feiner Form ganz perfön- lichen BucheS. Es keunzeichuet mit der Wahr'eil des Lebens einige der Männer, die als Heirscher über große Reiche, als Eroberer oder Fors.ber in der Geschichte des neueren Afrika hervo,getreten sind: Paul Krüger, Eeerl Rhodes, Meneltk, Emin Pascha und Leopold, König der 'Belgier. D te Schicksale des Burensiaats vom Freilieitskampf gegen England bis zur Unterwerfung, von Krüger biS Bolha werden in einer packenden Zusammen' elluna dargetze- t. RhodeuaS Begründung wird geschildert, die barbarische Hobelt Meneliks, der durch die '1 ernicktung der Italiener bei Adua den Europäern ein valt bot, die Münsal Emin Paschas, des deutschen Gelehrten, der die hut sche Aeguatorialprovinz vor dem Mbadi-?- mils rettete, uub zuletzt die Schaffn'.ig der Kongokololiie. In allen Beru't Hungen wein 'Peters den Emllntz der Londoner Polttik nach, ihre Arbeit mit Hilfe von Pretzmtiiaen, ihre Mitzachliing internationaler Verträge. Kühl spricht er über das England von heute, das er durch das Beismel des Deutschenfreundes Rhodes beschämt, und in fetzen Richtlinien g>bt er die Notwendigkeiten an, die das kommende Friedens,verk nns bringe»» wnd. - Hess es Bolksbücheret. Nr. 1032, 1039, 1040, 1047 bis 1050. Preis jeder Nummer 20 Psg. Leipzig, Hesse & Becker Verlag. — In HesseS.Volksbücherei^ sind ,nieder eiilige Bändchen erschienen, die sich vortrefflich als Liebesgaben eignen Nr. 1"33 bringt unter dem Titel „Ter Humor als Arzt- liebeusivürdiae Humoresken des Wiener Schriftstellers und Nervenarztes Wilhelm S t e k e l. Nr. 1039 gemütvolle Kriegs,lovellen von Lutz Wall ne r („Die Soldatenbraut-), Nr. 1040 vier Erzählungen der iHonia,iKi,irU»kr.ietin Erika Grnve' Lör ch e r, bereit Ge- sanittitrl »llms Eliaii" den Boden bezeichnet, auf dein sie sich ab- spielen. vir.!"47, „Unser Hi denburg", ist ein vortreffliches Volksbuch, in den, Hans E. Schlüter alles Winensiverle über den Feldherrir veieinigt hat, 9lr. 10-18 („Aus HindenburgS Jagd- gründen-, eine Samnilung guter otzpreußischer Geschichten von Lo Lott, die dem Generaiieldmarschall v. Hmdenburg gewidmet sind. Eine Erzählung von G. Haufmn n n, »Ein Krtegs-- beschädigter" (Nr. 1049» schildert in echt volkstümlicher Weise die seelische Gesundung eines Schwerverivundeten und darf als em Trotzbüchlein für alle KriegSbeschädigteit bezeichnet und als ivlcheS ,varm empfohlen werden Nr. Io80 eublicb enthält Groteslsn und Humoresken deS bekannten Journalisten C. Äl. Bratter,.,Dcr KriegsfondS der Trommel-). Diamanträtsel. In d,e Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a aaabeeee ii kkllllrrrs8ttv derart eiuzutragen, datz die »vagerechten Reihen folgendes bedeuten: 1. Einen Konsonanten. 2. Älöchte n emand gern werden. 3. Terrtschen Fli,ß. 4. Ein Musikinstrument. 5. Ein Tier. 6. Babylonische Gottheit. 7. Einen Konsonanten. Die senkrechte und wagerechte Mittelreihe ergeben daS Gleiche. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Gleichklangrätsels in voriger Nummer: Ocker. Schcistleitung: Ana. Goetz. - NotatiouSdrilck unb S^rlag der Briihl'schen UniversitälS-Duch- und Steindnickeret, R. Lange, Gießen