Die vom Rauhen Grund. Roman von Paul Grabein. (Nachdruck verboten.) * (Fortsetzung.) . Dem Hannes- Reu sch, der — wiewohl ein heimlicher 'Spötter — sich um des Ansehens in der Gemeinde willen doch hin und wieder im Gotteshause sehen ließ, und so» auch heute, ward es unbehaglich »bei diesen Worten. Mit unsicherem Blinzeln fuhr sein Auge Umher über Altar und Chor. Er war ja freilich gut versichert, aber immerhin —! Bis ein Neubau stand, ging manche gute Einnahme verloren. Vielleicht auch, daß die Konkurrenz drunten im Unter- dorf die Situation ausnutzte. Wie iunr Beruhigung zu suchen, warf er da einen Seitenblick zu dem Sohn neben ihm, der ihn hatte begleiten müssen. Sehr zu seinem Verdruß, denn der Mannes war erst heute morgen in aller Frühe von einem Samstagbummel in Köln mit seinem Freunde Steinsiefen im Auto heimgekehrt. Nun saß er schläfrig und übellaunig neben dem alten Reusch in seinem Kirchenstnhl vorn in der ersten Reihe, wo die Honoratioren des Orts ihre Platze hatten, und hielt die Augen müde geschlossen. Man konnte es ja für Andacht halten. Mit einem geheimen Seufzen wandte da der .Hannes Reusch seinen Blick wieder ab. Hier fand er keinen Beistand. Und dem sonst so beweglichen, munteren Mann kamen graue Gedanken. Wie das wohl einmal werden lnochte, wenn er nicht mehr da war? Die Tochter wie der Sohn — Zusammenhalten hatten sie beide nicht gelernt. Vielleicht ging bald in alle Winde, was er in einem langen Leben vor sich gebracht. Aber war er schließlich nicht selber schuld daran? Was hatte er auch so hoch hinaus gewollt mit den beiden? Ein Donnerschlag, daß die Fenster des alten Gotteshauses erklirrten, -entriß den Hannes wieder diesen dunkeln Gedanken. Bei ihm daheim aber trieb er Marga Reusch, die bis dahin am Fenster gestanden und in das Toben des Gewitters geschaut hatte, aus ihrem Zimmer fort, nebenan ins Stübchen der Großmutter. Selten war es, daß^ie einmal dort, bei der alten blinden Frau, eintrat. Verwundert hob diese daher den Kopf. „Magri, .du?" „Ja, Großmutter. Ich bin ja sonst nicht ängstlich. Aber heute —" Und sie kam näher zu der Blinden. Diese nickte freundlich. „Komm, Kind — setz' dich zu mir." Ihre .Hände suchten nach denen Margas und faßten, sie wie schützend. „So — und nun nicht bangen! Wir stehen alle in Gottes Hut." Marga erwiderte nichts. 9lber die Großmutter sprach weiter. Ernst, doch gütig. „Mich freut's, daß du einmal zu mir kommst. Ich fühle es ja schon lange, daß etwas in dir vorgebt." „In mir?" ,^Ja, Magrl." Und die altem Hände hielten die widerstrebenden jungen Finger fest. „Dar quälst dich heimlich mit etwas." Marga Reusch war betroffen. Wie scharf diese lichtlosen Augen doch sahen! Aber sie schwieg. „Willst du dich denn nicht einmal aussprechen?" „Aussprechen — ? Worüber denn nur, Großmutter?" „Verstell' dich doch nicht, Kind. Ich sehe zwar nicht mehr, aber hören kann ich ooch noch. Und ich vernahm so manche Nacht, wie bu dich ruhelos im Bett warfst — lvenn droben, im oberen Stock, noch die Tritte gingen zu später Stunde." .Heiß schoß es in Margas Wangen, und nun fühlte sie den sanften Druck der alten Hand. „Du denkst an eine Heirat mit dem Gerhard Bertsckh Magri." Da rissen sich Margas Finger mit einem Anfzucken los.. „Und wenn es so wäre'?' , Ein kleines Schweifen, dann die Antwort: „Das gab' kein Glück — weder für dich noch für ihn." „Großmutter!" „hast du's mir nicht selber gesagt? Du willst ja dem Manne, den du heiratest, nicht Opfer bringen, sondern nur Vorteile haben von ihm." Marga Reusch senkte das Haupt. Ja, so hatte sie gesagt damals. Aber — war da nicht etwas über sie gekommen, etwas Fremdes, nie Geahntes, und hatte von ihr Besitz ergriffen, mehr und mehr, trotz all ihrer kühlen Vernunft. Aber gleich wieder warf sie den Kopf in den Nacken, als schämte sie sich solchen Eingeständnisses schon vor sich selber. Und der gewohnte Hochmutsklang war in ihrer Stimme, wie sie nun erwiderte: „Freilich Hab' ich das gesagt. Und denke auch heute noch so. Aber gerade darum glaube ich, daß Bertsch ein Manu für mich wäre."» Tie Reusch Mutter wiegte still ihr Haupt. Dann wandte sie das Antlitz zu der Enkelin hin. „Wenn du schon möchtest — weißt du denn aber, ob der Gerhard Bertsch auch dich will?" Wie ein Stachel in eine offene Wunde fuhr das. Doch um so höher nur bäumte sich Margas Stolz empor. „Er wird mich heiraten!" „Bist du dessen so gewiß?" „Er wird — denn ich wil l." „Magri!" Tie Blinde erschrak. Was schlug ihr da entgegen? Ihre alten Hände tasteten nach der Enkelin. „Woran oenkst du?" „Ich weiß eS nicht, Großmutter, nur das weiß ichr Er soll mein werden, und müßt' ich —!" Sie sprach es nicht zu Ende. Derselbe rasende Donner- schlag, der in dem kleinen Gotteshause drüben alle Herzen znsammenzucken ließ, brach jäh ihre wirren Worte ab. Der zuckende Blitz, der ihn begleitete, bellte für einen Herzschlag läng dos Nachtdunkel vor der Greisin auf. Me eine auf* züngelnde Glut, brennend rot stand es ihr vor dem Mick. Eine Glut, die vernichtete, was sie erfaßte — die sich selbst zerstörte. Ihr erschrockenes Antlitz war der Enkelin zu- gekehrt. Die stand regungslos. Aber auf dem blassen, starren Gesicht flammte es. War es nur der schwüle Widerschein des Blitzes oder die Lohe eigener Gluten? * Zeche Christians glück lag heute in sonntäglicher Stille. Wie immer war Bertsch auch heute am Vormittag auf dem Bureau. Wenn der Betrieb feierte, hatte er die beste Gelegenheit, allerlei wichtige Korrespondenzen in Ruhe zu erledigen. So tat er es auch jetzt. Vertieft in-seine Schreibereien achtete er nicht darauf, wie sich inzwischen draußen der Himmel bezogen hatte. Drüben über der Bergwand schwebte es unheimlich. Ein schwarzer Riesenvogel auf schwefelgelbem Grunde. Schnell wuchsen seine Schwingen im Näherkommen. Erst wie jetzt das Telephon vor ihm auf dem Schreibtisch schrill anschtug und er den Hörer abhob, bemerkte er durchs Fenster das drohende Unwetter. Aber seine Aufmerksamkeit galt gleich wieder dem Gespräch. „Hier Bertsch." „Hier Krastzentrale — Maschinist Ebner." „Nun, was gibt's?" „Ach, entschuldigen Herr Direktor, hier bei mir ist das Fräulein vom Adligen Hause. Sie möchte Herrn Direktor gern selber sprechen." „Fräulein von Grund?" „Ja — ich bin am Apparat, Herr Bertsch Im komme gerade von der Frau Ebner. Sie ist leidend, schon sei,t einiger Zeit, und in meiner Pflege. Ich hatte ihr wiederholten den letzten Tagen geraten, den Arzt zu holen, denn die Sache schien mir nicht unbedenklich. Vermutlich eine arg verschleppte Influenza. Aber sie weigerte sich beharrlich!. Es würde auch so schon werden, dtun ist die Sache über Nacht aber sehr ernst geworden. Die Frau liegt in Fieberdelirren, und die Brust fliegt nur so. Anscheinend eine schwere Lungenentzündung, wenn nicht noch Schlimmeres." „Oh — das ist ja böse." „Ja, es muß, unverzüglich alles Nötige geschehen. Und darum rufe ich Sie an. Könnten Sie den Mann wohl sofort beurlauben, daß er zum Arzt läuft?" sofort? Hm, das ist freilich. — Die Zentrale kann ja doch nicht ohne Aufsicht bleiben. Es zieht auch gerade noch ein schweres Gewitter auf." „Aber es ist ernsteste Gefahr, Herr Bertsch. Es kann auf die Minute ankommen!" 1 „Gewiß, natürlich Zu dumm nur! Muß heut' auch grad' noch Sonntag sein. Kein Mensch hier auf dem Werk!" „Ware denn da -wirklich niemand? Es mutz sich! doch jemand finden lassen." „Gut — ich komme selber! Sofort bin ich drüben." Und schon legte er den Hörer zurück, nahm den Hut vom Haken und eilte über den menschenleeren Zechenplotz. zur Kraststation. Ganz dunkel war es inzwischen bereits geworden. Mit rasender Schnelligkeit war das Wetter heraufgekommen. Das würde einen bösen Tanz geben! Nun trat er in den weiten, hohen Raum ein. Sonst strahlend hell mit seinen weitzglänzenden Kacheln an Boden und Wänden, heute aber voll tiefer Dämmerung. Unheimlich lagen in dem Dunkel die schwarzen Kolosse der Dynamomaschinen 'da. Hinten auf dem erhöhten Absatz, wo die Schaltungen und Registrierapparate angebracht waren, zeichneten sich von der matt schimmernden Marmortäfelung Lchei menschliche Schatten ab. Ein Mann und eine Frau. Eke von Grund, die dort mit dem Maschinisten stand. Rasch kam sie ihm nun entgegen mit ausgestreckter Hand. „Wie gut von Ihnen, daß Sie kommen!" „Doch nur selbstverständlich. — Also los, Ebner, machen Sie, daß Sie fortkommen. Und gute Besserung für Ihre Frau." „Aber Herr Direktor können doch nicht selber —" „Los, los! Sie hörten ja, es könnte hier auf die Minute ankommen!" „Ja, dann mutz ich wohl! —" Und der Mann lief zur Tür. Wie er sie öffnete, putz ihnr ein aufheulender Windstotz die Klinke aus der Hand. Schmetternd flog die Tür gegen die Wand. Im nächsten Augenblick auch schon ein geradezu rasendes Hernieder- prasseln auf dem Zechenplatz draußen. Nicht zehn Schritt weit mehr zu sehen vor den niederknatternden Wassermassen. „Ein regelrechter Wolkenbruch. Wie irr den Tropen. So etwas Hab' ich hierzulande ja! überhaupt noch nicht erlebt." Und Bertsch ging zur Tür, um sie wieder zu schließe^ Aber da merkte er, daß Eke ihm folgte. Erstaunt sah ^ sich! nach ihr um: „Sie wollen doch nicht etwa?" Aber sie nickte entschlossen. „Ich mutz wieder zu der Kranken, bis der Arzt kommt." „Unmöglich. Sie haben ja keinen trockenen Faden mehr, ehe Sie halb über den Platz sind." , „Was tut's?" „Aber Sie müssen doch, auch an sich denken." * '„Nicht in einem so ernsten Fall." Und sie griff zur Klinke. Divch seine Hand legte sich aus die ihre. „Fräulein von Grund. Es ist ja Unsinn — Pardons Ich meine, es ist höchster Achtung inert, solche Gesinnung.> Aber es wäre wirklich verkehrt. Bitte, bedenken Sie: Sie können doch unmöglich mit triefend nassen Kleidern an das Bett einer Schwerkranken im höchsten Fieber!" .Ihre Rechte, die sich zuckend aufgelehnt hatte gegen den Zwang der auf ihr liegenden Hand, entspanne sich. Ta fuhr er fort: „Nicht wahr, Sie müssen es doch selber zugeben. Und außerdem, es ist gewiß irgend jemand dort im Haus bei der Kranken." „Allerdings, als ich fortging nach hier, holte ich die Nachbarin." „Nun also. Die Frau ist doch nicht ohne Aufsicht." Eke erwiderte nichts mehr. Aber ihre Rechte entzog sich nun seinem Griff. Wie eine Wolke stand es auf ihrer Stirn. Schweigend kehrte sie um in das Innere der Halle. Völlig Nacht war es hier inzwischen geworden. Nur von Zeit zu Zeit jäh durchbrochen vom fahlen Anfzncken der Blitze. Und unheimlich klang das Krachen der Donner in dem hohen weiten Raum mit seinen glatten Kachel- Wänden wider. (Fortsetzung folgt.) wie Nepomuk Lchluckebier Patriot wurde. Von Franz Reinhold Z e u z. Nepomuk Schluckebier hatte es sich herausgerechnct, daß er unter der unglücklichen Konstellation der Jungfrau und des Wassermannes geboren war. Daraus erklärte er es, daß er trotz seines Namens Schluckebier, der ihm wie ein kategorischer Imperativ aus dem Nacken saß, eingeschworener Abstinenzler und dazu weltabge- wandten Gemütes blieb. Er kannte nur die Natur und was mit ihr zusammenhing, war Schriftführer des Wanderklubs „Durch dick und diinn", Vorsitzender des vegetarische!: Vereins „Rohkost und Pslanzenbutter" und ständiger Mitarbeiter dar von siebzehn Mitgliedern finanzierten und abonnierten Vereinszeitschrift „Wasser ist das allerbest schon seit alter Zeit gewest". Das war Nepomuk Schluckebier, der beit Paßvermerk Landsturm trug und sich dieserhalb beim Bezirks-Kommando zu gestellen batte. Muß noch gesagt werden, daß Nepomuk Schluckebier, der schon so viel verdächtige Eigenschaften aufwies, antimüitariftische Gesinnung in sich trug? Nepomuk war Antimilitarist. Das heißt nur insoweit, als er in jeglicher Hinsicht „anti" war, zumal wenn es galt, seine ihm liebwerte Persönlichkeit vor irgend etwas, wogegen er eine „Antipathie" hatte, zu schützen. Diesmal konnte sich seine Antipathie nur durch einen stummen Protest äußer::, unter dem lediglich die Margarineschachtel zu leiden hatte, in die d er Uniformierte nachh er seine Zivil bro cken! packen sollte: dem: als er unter militärischem Geleite mit hundert andern zur Kaserne geführt wurde und seine Nebenleute vergnüglich sangen: „Soldatenleben, ja, das heißt lustig sein", — ja, da schmiß Nepomuk die Schachtel in einem Wutansall zur Erde und sein singender Hintermann trat ein großes Loch hinein. Also verärgert kam Nepomuk Schluckebier zur Kaserne. Was ihn: dort bevorstand, darauf hatte ihn selbst seine schwarz in schwarz malende Phantasie nicht vorzubereiten gewußt. Nach längerem Warten hieß es: „Essen fassen". Einen Porzellankumpen m der Hand, trat er als Glied einer endlosen Menschenschlange in eine halbdunkle Küche, deren fleischliche Ausdünstungen ihm als Vegetarier allein schon den Atem benahmen. Ein Anranzer machte ihm klar, daß der Napsbodeu der Erde zugekehrt sein müsse, und kaum hatte er das Gesäß gedreht, so hatte sich schon mit eineny glucksenden Schwupps ein ungeheurer Löffel 'gelbe dampfende Brüh« hinein entleert. 68f Zögernd förderte Nepomuk seinen Schatz ans Tageslicht, um ihn auf Verdaulichkeit für seinen nur vegetarisch dressierten Magen zu prüfen. Entsetzen: inmitten breiig »verkochter: Erbsen schwamm ein weißbläuliches Etwas, das sich, vorsichtig mit dem Lössel herausgefischt, als echter rechter Schweinespeck erwies, der obendrein zu lieblicher Verzierung sechs Borstenhaare und 'ein Stück Schlachthofstempel trug. Nepomuf Schluckebier starrte dies Phänomen so entgeistert an, als ob es die Grundlage einer ihm völlig unvorständlich>en Weltanschauung sei. Kalter Entsetzensschweiß gerann auf seiner Stirn. Da klopfte ihn ein breiter Bursche auf die Schulter und sagte: „Du, Kamerad, magst den „Spatz" nit? Dann gib ihn her, ich kann ihn schon noch verdrücken." Damit nahm er ihn aber auch schon mit Daumen und Zeigefinger von Nepomuks Löffel und schob das entsetzlick>e Gebilde samt >Borsten und Schlachthausstempel zwischen zwei grinsend auseinandergesckwbene Zahnreihen. Nepomuk wand sich innerlich wie ein Wurnr bei diesem Anblick, schenkte dem Manne, der ihn so ungefragt Kamerad und du angesprochen, das ganze-Mittagessen und lief weit weg, um nicht sehen zu müssen, mit welcher Wonne der Beschenkte sich auch noch die zweite Ration „in den Leib schlug". Also betrüblich begann Nepomuk Schluckebiers militärisches Dasein. Und so betrüblich setzte es sich auch fort. Beim Einkleiden erwischte er die älteste Montur, auf der Stube den härtesten Strohsack, zur Ausbildung den stimmbegabtesten Unteroffizier der ganzen Koinpagnic. Wochenlang fraß er nur aus Wut und Verzweiflung Kaffee, Kommißbrot und Suppen in sich hinein, aus denen er sorgsam alles fleischliche entfernt hatte. Seine Eigenarten ließen ihn alle Anforderungen des Dienstes und Hänseleien der Kameraden doppelt empfinden. Das versetzte ihn in solche Stimmung, daß er behauptete, der ganze Weltkrieg sei nur ausgebrochen, um die Bosheit sämtlicher militärischer Objekte ausgerechnet an ihm, Nepomuk Schluckebier, auszulassen, der nach der Behauptung seines Unteroffiziers ein so unglaubliches Subjekt war, daß selbst die ehrsamste Granate aus Schreck bei seinem Anblick zum Ausbläser werden müßte. Welche verborgensten Seelenregungen sollte unter sotanen Umständen Nepomuks Patriotismus entkeimen? Seine Seele war verschüttet, wie sein oberster Uniformknopf im Sande des Exerzierplatzes verschüttet lag, als die große Parade stattfand und der unselige Schluckebier der ganzen Kompagnie als Muster ohne Wert vorgeführt wurde. Und dennoch, so unwahrscheinlich es klingen mag: Nepomuk Schluckebier wurde Patriot. Daß dazu allerdings ganz ungewöhnliche Umstände mitspielen mußten, bedarf keiner Frage chje'hr und deshalb sollen sie nicht länger verhohlen bleiben. Ungewöhnliche Ereignisse warfen ihre Schatten voraus. An dem Tage, wo in Nepomuk Schluckebier ein neuer Mensch auferstand, der auch Fleisch und selbst Alkohol gelten ließ, der sich stolz und begeistert Vaterlandsverteidiger und Patriot nannte, an jenem weltanschauungsumwälzenden Tage, dessen ferneren Ereignissen vorerst noch nicht vorausgegriffen werden soll, — fiel Nepomuk Schluckebier beim Gewehrappell zum ersten Male nicht auf. Tie Seele seiner Braut — als welche das Gewehr dem Soldaten bekanntlich zu geltem hat — glänzte wie ein Kristalk- spiegel': darob glänzte das Gesicht des Feldwebels so zufrieden, daß selbst in Schluckebiers Seele ein Abglanz der Zufriedenheit; seiner Kompagniemutter hineinglitt und zum ersten Male die warme Helligkeit genauer Pflichterfüllung in ihr verbreitete. Dies war des Tages glückverheißender Anfang. Neponmk sang daher auch wirklich einmal mit, als die Kompagnie zur ersten nächtlichen Felddienstübung auszog, und fand, daß die Regimentsmufi.: voruauf doch etwas an sich habe, was bedeutend zwingender sei als Mandoline oder Gitarre bei den Ausflügen des Wanderklubs „Durch dick und dünn". Nachher, als fie in Schützenlinie im Walde lagen, ward's wieder ungemütlicher. Regen setzte ein und troff vom Helm mit dicken kalten Tropfen in den Nacken. Ter Waldboden war durch täglich niedergehende Herbstschauer aufgeweicht, das abgefallene Laub machte ihn glitschiger, kurzum, es war eine Situation, gegen die Nepomuk Schluckebier ohne einen Augenblick Bedenkzeit einen noch viel härteren Strohfack eingetauscht hätte, als den feurigen. Ter Halbzug, denn Nepomuk angehörte, lag auf dem äußersten rechten Flügel und hatte, wie das so üblich zu sein pflegt, bald die Fühlung verloren. Tie Sachlage war peinlich, - zumal wichtige Feststellungen über den Feind gemacht worden waren, die unbedingt dem Regiment übermittelt werden mußten. „Ein Maün!" rief halblaut der Leutnant. Nepomuk, als der nächste, dem eine solche Bezeichnung zukam- rutschte auf den Knien zu ihm hin. „Sie sind's, Schluckebier? Kann man Ihnen denn einen wichtigen Auftrag anvertrauen?" zweifelte der Leutnant. „Zu Befehl, Herr Leutnant," versicherte Schluckebier. „Also dann sorgen Sie, unbemerkt vom Feinde, diese Meldung zunr Regimentsstabe hinzubringen. Ungeheuer wichtig. Darf unter keinen Unrständen in Feindeshand fallen. Verstanden?" „Zu Befehls .Herr Leutnant." Nepomuk Schluckebier lvuchs mit der Wichtigkeit seines dluf- trages. Er erinnerte sich seiner jugendlichen Jndianerlektürc und schlängelt^ sich bäuchlings durch regentriefendes Gebüsch. Tie Richtung war ihm vorgezeichnet. Weiter zurück wagte er sich aufzurichten und huschte von Baum zu Baum. Der Feind mußte in unmittelbarer Nähe sein. Beim Knacken jedes Aestchens, beim Tropfenfall aus einem Blätterdache, dessen Stamm er angestoßen hatte, schrak er zusammen und bekam Herzklopfen. Endlich war er an einer Schneise angelangt, der er unbedenklich folgen konnte, da sie feindab führte. Aber noch nicht zehn Schritte war er gegangen, da tat sich ein Busch auf und eine Stimme rief: „Halt!" Das hören, Kehrt machen und fliehen war für Nepomuk eins. Hinter ihm ging ein unterdrücktes Fluchen los und schwerwuchtende Schritte kamen ihm bedrohlich näher. Nepomuk flog, die wichtige Meldung durfte nicht in Feindeshand fallen. Vergebens, die Schritte blieben ihm dicht auf den Fersen. Plötzlich lag vor Nepomuk ein großer Schmutztümpel, den er nicht überspringen konnte. Was sollte er tun? Sich ergeben, samt seiner Meldung in Feindeshand fallen? Ein Satz und er lag mitten im Tümpel drin, der ihn bis zum Halse mit schlammigem Brei zudeckte. Sein Gesicht lag im Kraut, das den Tümpelrand umwucherte. Seine Nase bekam eben iroch Luft und der Brei glitt durch seine Kleider hindurch bis auf die nackte, zusammenschauernde Haut. Nun waren die Verfolger ebenfalls zunt Tünrpel gelangt. Zweie waren es. Er hörte sie reden, obgleich sein Herz immer wieder dazwischen hämmerte. „Der Kerl ist verschwunden," sagte der eine. „Unsinn, die Erde hat ihn doch nicht geschluckt. In der Nähe muß er sein. Still, hörst du nichts?" „I wo, nur der Regen platscht." „Ob er nicht gar hier in den: Tümpelloch liegt?" „Ja, wenn wir an der Front wären, dann schon. So müßte der Kerl ja verrückt sein. Tier Dreck und das kalte Wasser. Ten Blödsinn trau ich keinen: Halbideoten zu." „Ich auch nicht, sehen wir halt anderswo." „Teufel auch, daß der uns entgangen ist."- Nepomuk Schluckebier .lachte das Herz in: frierenden Leibe ob seiner halbideotischen Schläue. Und doch, wären die beiden nicht bald gegangen, so hätte ihn das Frostgektapyer seiner Zähne verraten. Nepomuk hatte denn auch nicht den Mut, aufzustehen, und das war gut so, denn die beiden kamen noch verschiedentlich zum Tümpel zurück, wo sie seine Spur verloren hatten, und be- tonren immer, daß kein Efel so dumm sein könne, in dieser Jahreszeit ein Schlammbad zu nehmen. Endlich waren sie fort. Nepornuk erhob sich, steif vor Frost, mit einer Schl amu: kruste bedeckt sä dick und schwer, daß er Mühe hatte, sein Selbst vorwärts zu schleppen. Alles quatschte an ihn: vom Stiefel bis zum Helm. Eine Viertelstunde irrte er noch umher, dann kam er zum Stabe. Stolz auf seine Heldentat schlug er vorm Major die 'Hacken zusammen und überreichte ein völlig zerweichtes. Papier, das dick von Schlamm überzogen war. „Mensch, wie sehen Sie denn aus?" fragte der Major, und Nepomuk erzählte, wie er durch List und Aufopferung dem Feinde entronnen war. „War brav, mein Sohn," sagte der Major, „im Ernstfälle: Eisern es Kreuz. Ab treten, vom Sanitäter einen Kognak geben lassen." Eisernes Kreuz? Nepomuks unpatriotisches Herz tat unter der Schlammkruste einen hörbaren Ruck. Er warf sich in die Brust und empfand zunt. ersten Wale das Hochgefühl, sich um sein Vaterland verdient gemacht zu haben. Das Jn-die-Brust-werfen legte aber neue Teile des Schlammbezuges auf seine .Haut und die nasse Kälte begann sein arn:eS Gebein dermaßen zu durchschütteln, daß er all seinen Ueberzeugun- gen znm Trotz den Sanitäter aufsuchte und um einen kräftigen Schluck Kognak bat. Wie der Kognak aber aus der dickleibigen Feldflasche in seinen Magen hinuntergluckste und dort eine behagliche Wärme verbreitete, da ließ er nicht eher nach, his auch der letzte Tropfen, au seinen Bestimmungsort gelangt war :nrd Nepomuk Schluckebier, der Antialkoholiker, zu lieblichem Rausche hintüber sank. Mso wurde Nepomuk Schtuckebier Patriot und einem natürlichen Lebenswandel zugetan, der ihn den kategorischen Imperativ seines Namens fortab nicht einural mehr als unangenehm empfinden ließ. _ Liner Diakonissin. Liebe Freundin! Ste schreiben mir aus dem Feld. Auf ein paar Sätze hin, die Sie von den: einstigen Jugendgespieleu in emer Ze:t::ng gedruckt lasen. Durch die Zeitung will er antworten, denn fern Dank sei, den Tank vieler aus der Heimat Ihnen zuzuwenden, d:e ut der Fremde Schmerzen füllt. . Ich bräuchte Ihnen e:gentl:ch nur Ihren c:genen Brres zurück- zuschreibel:, die von stiller, ernster Güte durchwärmten Selten, um Ihnen den Spiegel meiner Eiupfmduugcn '.v:ederzugebcn. 688 Sie erzählen von den Männern, die draußen in den Feldlazaretten verwundet und »krank in Eure Hände kommen, und tapfer mtb wortlos ihre Pein $u tragen wissen. In scAoeren Taben und Nächten /habt Ihr manches Leid mit den armen, tapferen Feldgrauen getragen und — so bescheiden schreiben Sie —- ein klein bißchen Liebe ihu.cn 'geben dürfen, habt das Vorrecht gel-abt, Vertreterinnen ihrer Frauen daheim $u sein, habt sie trösten dürfen, wenn die Schmerzen zu groß wurden, und ihnen die müden Augen zum letzten Schlaf schließen dürfen. Tas erzählen Sie, die sich durch solchen Dienst begnadet fühlt, uub erzählen weiter, wie Ihr still vor der Heiligkeit des Todes der Helden gestanden seid und Euch Tränen in die Augen, gekommen sind. Ihr habt in Euren Friedhof Einen um den Andern gebettet, so daß jetzt über achthundert dort ruhen, und habt die Gräber geschmückt, daß diese nicht öd und leer, nicht der Liebe bar waren an Allerheiligen, an Weihnachten, Ostern, Pfingsten und wieder an Allerlxiligen. Ihr wäret Euch des Vorzugs bewußt, mit hinausziehen zu dürfen, um die Pflichten der Mütter, Frauen und Bräute zu übernehmen. Wenn die Hilflosen nicht haben schreiben können, habt Ihr Briefe für ^ie Lieben daheim geschrieben, habt die letzten Grüße geschickt, die zitternden Hände geführt zur Unterschrift, und als der Tod eingetreten, die sorgsam aufbewahrten Briefe der Frauen und Bräute in den Brustbeuteln oder Brieftaschen wieder sorgsam gepackt und nach Hans gesandt. Aber auch viele, viele habt Ihr gesund und besser pflegen dürfen, habt die Feste des Jahres, ernste und schöne Feste, mit ihnen gefeiert, habt ihnen die Weihnachtslichter entzündet und die Blumen des Frühlings Md Sommers gebracht, habt Scherz mit Euren „Kameraden" getrieben und seid auch Teilnehmerinnen ihres sonst verschlossenen Vertrauens geworden, ja, sogar heimliche Poeten gab's Unter den Landstürmern zu beraten ... Hören Sie die eigenen Worte hoimgegeben, gefüllt mit ergriffenen Gefühlen? Wer, der das liest, steht nicht in diesem Augenblick neben Ihnen? Tausende Hände wollen nach Ihren Händen langen, tausende Stirnen sich vor Ihrer Stirne beugen. Ein Vierteljahrhundert bald ist es, über das hinlveg plötzlich der Gruß der heimatlichen Erinnerung aus Frankreich her zu mir kam. Ick) bin erschrocken daran, wie jene töricht schöne Zeit wieder aufbrach. Die noch, adeligen Geruch gebende Herrenmühle draußen hinterm Schloßgarten am geheimnisreichen Mühlkanal, mit den Pfauen und Putern . . . Gern ging ich dort hin. Und wissen Sie auch noch, toie Sie im „Kasino" mit dem seiner Herkunft nach nicht recht in den Rahmen passenden Studenten tanzten? Der hatte einen Frack seines Vaters aus alten Wiener Handtverkssesellentagen an, mit Mottengüugen in den Aermeln, darunter eine geblümte, viel zu weite Seidenweste. und eine weiße, steife Teckkrawatte unterm Umlegt agen eingespannt. Und nach dein ersten Walzer setzte er sich, vom Schwindel gedreht, vor der ganzen juchenden Gesellschaft, neben Ihren: Stuhl aufs Parkett . . . Oh, Sie waren damals schon Samariterin und schirmten beit Ungeschickten. Jetzt sind wir beide durch den goldenen Rauch der Jugend tief ins Ernste und Weitere geschritten. Doch das Andenken wird noch einmal von einem hellen Segen umlegt, ich darf das Nichtige, bedeutungsvoll geworden, hervorholen, wenn ich mir Sie fetzt als eine der Frauen vorstelle, die ich im edel geweihten Sinn ihres Tuns „Schwest-ec" nennen darf. Schwester Emilie, alle, denen in diesen Monaten des Grauens Ihre Hand und Ihr Mund fürsorglich war, sprechen diesem Namen «aus als einen immer teuren, und nehmen ihn gleich! einem inneren Stern mit fort, in die Erde oder über die Heimat! hin. Sie haben einer Schar von Männern Ihre Liebe gegeben, und eine Schar von Frauen muß Ihnen in Liebe danken. Ter Krieg hat wohl auch in das Spiel der Geschlechter einen neuen, schweren Sinn gebracht. Mädchen, die ihre Wünsche verschlossen und abgetan haben, stehen als Helferinnen vor den Betten der Soldaten. Manches Auge, das vordem anders nach ihnen geschaut, mag sich jetzt aus deni Schalten des Todes und dev Last des Schmerzes, betroffen und erstaunt zu Euch aufheben. Verwandelt wird es fortan sein- und greift sein Blick wieder nach einem Frauenwesen, wird diesem ein Strahl Eures Wesens zum Schutz mitgegeben sein. Auch die Geliebte wird ihm Schwester werden. Wie zwei reiner geordnete Schichte sehen wir die Geschlechter nebeneinanderstehen und in einanderwirken. Tas danken wir Euch, die das schönste und zarteste der Opfer dent Vaterland hingeben. Grüßen Sie auch Schwester Alwine wieder, die bei Ihnen als eine Freundin der Heimat ist. Ich sehe deren Bild merkwürdig: ein schmächtiges, feingliedriges Fräulein, dem-die blauen Adern durch die Schläfen und die Stirn schienen, ist eine Heldin geworden unterm Kugelregen. Seien Sie nicht bös über die offene Art dieses Gegenbescheids. Aber das Herrliche gehört an den Tag! Ihr Hans Heinrich E h r l e r. Büchertisch. — Ueberdie so iv i ch t i g e lLr n ä h r u n g S f r a g e bestehen in den weitesten Kreisen nur ganz unklare Vorstellungen. Von dem Reformator un'ercc Ernährung Dr. med. M. Htndhede ist soeben ein neues Buch erschienen unter dem Titel .Moderne Ernährung." (Theoretischer Teil: Breis gebunden 1,80 Nit. Verlag von W Vobach & Eo., Leipzig.) Tie allgememverftändlichen Ausführungen fegen jedermann in die Lage, sich mit dieser Lebensfrage zu beschäftigen. Dr. nicd. HindhedeS bahnbrechende Untersuchungen erregen seit Jahren Aussehen in wistenschaftlichen, sowie Laienlreisen. Ein unter dem Titel „Prattlsches Kochbuch zum System Dr. Jpinb.fbe* erscheinender 2. Teil gibt jeder Hanssrau Einleitung, die bahnbrechenden Lehren Dr. Hkudhedes auch in die Praxis umzuseheu. Beuellungen auf Dr. med. Hindhedes Buch „Moderne Ernährung* nehmen alle Buchhandlungen entgegen, wo eine solche nicht bekannt ist, bestelle man beim Vorlage W. Vobach & Co, Leipzig. _ Gictzcner Hansfrauen-Berein. Die neue Bundesratsverordnung betr. „Einschränkung des Fleisch- und Fettverbrauches" ist anr 1. November in Kraft getreten. Sie legt uns Hausfrauen neue Pflichten auf. Wenn auch die privaten Haushaltungen noch nicht von den Vorschriften betroffen werden, so wollen wir Hausfrauen es doch für unsere Pflicht ansehen, die neuen Bestimmungen streng zu befolgen. Also: Dienstag und Freitag kein Fleisch. Montag und Donnerstag keinerlei Gebratenes. Samstag kein Schweinefleisch. Dieser Gesichtspunkt soll denn auch in Zukunft bei Aufstellung unserer Küchenzet^l maßgebend sein. Sonntag: Hafermehlslippe, Rostbraten mit Blumenkohl und Kartoffeln. Montag: Braten (Rest vom Sonntag), kalt ausgeschnitten, Spinat und Kartoffeln. Dienstag: Tomatensuppe, Wirsingkotetetts*) mit Kartoffeln und grünem Salat. Mittwoch: Weißkraut mit Hammelfleisch (Eintopfgericht). Donnerstag: Suppe mit Gersteneinlage, Suppenfleisch und rote Rüben, Salzkartoffeln. r e i t a g: Klippfisch mit Sauerkraut und Kartoffelbrei, amstag: Kartoffelklöße von gekochten Kartoffeln mit Dörrobst. Kochanweisungen. Wirsingkoteleits: Wirsing wird abgekocht, sein gemahlen, dazu kommt 1 Ei, Pfeffer, Salz, etivas geröstete Zwiebel, soviel vom Tage vorher gekochte, geriebene Kartoffeln, daß sich die Koteletts formen lassen, dann werden dieselben paniert und g-ebackeru. *) Siehe Kochanweisung. In dem Küchenzettel vom 30. Oktober ist ein sinnentstellender Druckfehler unterlaufen. In der Kochanweisung zur „Brotsuppe" muß es heißen: für 5 Pfennig Brot, anstatt 5 Pfund Brot. Schach-Ausgabe. Schwarz. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: 'Most, Vost, Rost, Frost, Trost, Ost. Schrisrleituna: Aug. Goetz. - RotatiouSdruck und Verlag der Brübl'schen UniversttärS-Buch- und Stemdruckerei, R. Lenge, Gießen