Die vom Rauhen Grund. Roman von P a «J Grabein. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Bald mehrten sich die Ameichen der Industrie, die hier in den Waldfrieden eingevrochen war. Es lichteten sich die Mume. Frei lag vor dem Auge die Bergkuppe' mit ihrer weiten Rodung. Hell schimmerte es aus. Ein mächtiger Betonbau, an vier Stockwerke hoch: Das Förderwerk mit den Aufzügen und Steinbrechmaschinen. Droben in schwindelnder Höhe fügten gerade Zimmerleute, verwegen an den Balken hangend, die letzten Sparren in die Dachrüstung. Daneben stiegen die hochragenden Essen des Kesselhauses aus. Und ringsumher, wie ein Burgwall aus vorgeschichtlicher Zeit, schwarzgraues Basaltgeröll. Das Auto hielt, und die drei stiegen aus. Vom Meister empfangen, der die Arbeiten hier oben leitete, führte Karl Steinsiefen seine Gäste überall umher, berichtete und erklärte. Er sprach zu Bertsch hin, doch seine Augen hingen an Marga Rensch. Diese aber hatte weder Interesse noch Verständnis für das, was es hier zu sehen gab. Ebensowenig beachtete sie Steinsiefens Bucke. Immer noch beschäftigte sie die Wahrnehmung vorhin da unten mit Eke von Grund. Und doppelt heiß brannte in ihr der Wunsch auf, sich Bertsch zu gewinnen — schon, um ihn nicht etwa der andern zu lassen.' So wartete sie mit steigender Ungeduld ans eine Gelegenheit, Gerhard an ihre Seite zu bekommen und sich mit ihm etwas abzusondern. Und sie bot dazu die Hand. Vor irgend einer Maschinerie blieb sie stehen, anscheinend gefesselt von dem Anblick, und zeigte mit dem Sonnenschirm: „Was ist denn das hier, Herr Bertsch?" Der Angeredete, der gerade vor ihr neben dem Werkmeister stand, blickte flüchtig zurück. „Ein Paternosterwerk." Dann wandte er sich gleich wieder an seinen Begleiter, ganz Bernfsinteresse: „Wo kommt eigentlich die Seitbahn von unserer Zeche herauf?" „Hier, Herr Direktor!" Und die beiden gingen zu der Stelle hinüber. Marga Rensch biß sich ans die Lippe. Ties bohrte sich die Spitze ihres Sonnenschirms in den Sandboden. Steinsiefen benutzte sofort den willkommenen Anlaß und trat an ihre Seite. „Nun, wie gefältt's Ihnen hier oben?" „Ein abscheulicher Schmutz!" Und sie blickte ungnädig zu ihren Füßen nieder. „Man verdirbt sich ja alle seinÄ Sachen." „Oh — wahrhaftig!" Ganz bestürzt sah auch er zu den zierlichen Schuhen von fliederfarbenem Glace nieder. „Ent schuldigen Sie nur vielmals. — Aber Sie sollen keinen Schritt mehr zu gehen brauchen. Ich fahre Ihnen daÄ Auto her. Einen Augenblick nur!" Schon war er fort und bald darauf wirklich mit dem Wagen da. Sie stieg ein. Ihr Blick suchte Bertsch. Aber der war nirgends zu sehen. Er steckte sicherlich irgendwo in einem Maschinenhans mit dem Menschen, dem Werkmeister. Da sah sie Steinsiefen ungeduldig an. „Wie lange soll man hier wohl noch warten, bis eJ Herrn Bertsch einmal beliebt?" Schnell griff er zu. Diese Gelegenheit, mit ihr allein zu sein, kehrte ja so bald nicht lvied-er.( „Bitte — ich fahre Sie gleich heim, wenn Sie wünschen. Bertsch hält sich sicher noch eine ganze Weite hier auf. Ick) hole ihn nachher ab." Und schon war er aufgesprungen, rief einem der beiter in der Nähe Bescheid zu and fuhr davon. Doch sein Hoffen war umsonst gewesen. Seine Begleiterin blieb verstimmt und schweigsam. Kurz war auch nur dann der Abschied vor ihrem Hause. Enttäuscht fuhr er da seinen Weg noch einmal zurück. — „Na — wie war's?" Ansblickend vorn Kartenspiel, bei denr er im Hono- ratiorenzimmer mit einigen Bekannten säst, rief es Marga im Vorbeigehen ihr Bruder zu. Aber sie zuckte nur die Achseln und trat rasch in ihr Zimmer ein. Heftig rist sie sich vorm Spiegel den Hut vom Kopse und bohrte die Nadel tief in das Samtkissen. Hassen konnte sie Bertsch bisweilen — glühend hassen! Und ihr Blick stog zum «offenen Fenster hinaus, wo droben aus dem Berghang die Zechenkamine ragten. Die weißen Hände ballten sich leidenscl)asilich und preßten sich so gegen die aufbrennenden Augen. Sollte sie sich doch getäuscht haben? * „Vorsicht — nicht anfassen!" Rasch nahm Gerhard Berich Ekes Hand fort, die an der durchlochten Eisenwand des Förderkorbes unwillkürlich einen .Halt suchen wollte, nun, wo ihr der Baden unter der: Füßen zu weichen schien, beim Einfahren in den Schacht. „Wegen der Führung, in der der Korb gleitet." Wie entschuldigend fügte er es hinzu. Aber sie nickte nur. Selbstverständlich — hier in der Grube galten andere Berkehrsformen. Tiefer sank der Korb: immer schneller und schneller^ Ein beklemmendes Gefühl dies Riedersausen, unter beständigem Schüttern und Rucken. In den Ohren dabei ein Druck wie tief unter Wasser. Eke sah sich unsicher ujm. im Schein ihrer beiden Grubenlampen. „Hier — wenn Sie einen Halt haben wollen." Und Bertsch wies ihr den Querbalken über ihrem Kopf. Mit einem batikenden Nicken griff sie danach und fühlte sich nun sicherer. Voll ließ sie die Eindrücke dieser ersten Gruhenfahrt ans sich einwirken. — 674 Die glatte, feuchtschwarze Schachtwand schien beständig nach oben zu fliegen. Nacktes Gestein und Zimmerung wechselten. Aber nur ein unvermitteltes Aufleuchten, strahlende Helle für einen Moment — irgend etwas schoß vorüber, Licht, Bewegung, Leben — aber ehe das verwirrte Auge noch näheres wahrgenommen, war es schon wieder vorbei. Nacht- dunkel um sie herum. Aber Bertsch erklärte ihr das Wunder. „Die vierte Sole, die wir eben passierten." Und noch zweimal, dreimal wiederholte sich die Erscheinung; dann verlangsamte sich das Tempo ihres Falles, nun ern Rasseln und Schüttern des Eisenbodens unter ihren Füßen — der Korb stand still. „So — angelangt. Der Füllort der zehnten Sole. Eke von Grund folgte ihrem Führer, der schon draußen stand in dem weiten, gewölbeähnlichen Raum am Schacht. Gleißendes Licht aus der elektrischen Bogenlampe begrüßte & So grell, daß das lichtentwöhnte Auge sich schmerzhaft schloß. Doch allmählich unterschied sie; das Schutzgitter am Schacht, den Mann daneben in schmutziger, blauer Bluse, der gerade an einem Strick zog und aufklopfte. Ein glocken- ahnlrcher Hall, von fern her — das Hammersignal, das droben über Tag dem Fördermaschinisten das Zeichen gab, den Korb wieder heranffahren zu lassen. Dann hörte sie Bertschs Stimme neben sich. „Kommen Sie nuii, in den Hauptquerschlag/ Sie folgten dem schmalen Doppelglcise, das vom Schacht ausgehend sich tm Dunkel vor ihnen verlor, und kamen aus denl Felsgewölbe des Füllorts in einen geräumigen, aus- ge.maiierteil Gang, der sich in schnurgerader Richtuiig erstreckte. Nun schlug ihnen die Grubenluft entgegen. Ein eigenes Gennlch: warm, stickig, dumpf, wie nach faulendem Holz. So schritten sie hinein in die Finsternis vor ihnen. <£?■ n ^r lü i c öuc ^ Leben?" Beklommen sagte es Eke. „Wir gehen dem Dunkel entgegen." „Aber kommen doch ans Licht." Frische Zuversicht und Kraft klang aus der Mannes- ftimme ihr zur Seite im Dunkeln. Der Lichtkreis der x 0 a J n & et l i^rer frcmfc) strich ja nur zu ihren Füßen über den ® Ul * ^ mmer Könige Schritte bloß wies er ihnen S i] } Friller Pfiff, dann ein diinkles, drohendes Geräusch, dav unheimlich lvuchs und näherkam. Jetzt funkelte kj r JJ aci K.? u f- tückisch gleißendes Auge. Unwillkürlich trat Eke naher zu ihrem Begleiter. "Eine Lokomotive — ein Wagenzug." Und seine Hand suchte nach der ihren. So zog er sie KT' ^ 011 16 ^? aiier - Ratternd und malmend fuhr lang- r^t CV Suö . an chnen vorüber. So dicht, daß die Wagen- vreüte si? ^ ^^^lanzug streiften. Unbewußt preßte sie beide Arme an den Leib, den sie rückwärts gegen bfp n „“h% e Mauer drängte. Aber da suhlte sie wieder seine helfende Hand auf der ihren, die das offene Licht trug Iverb^lTJblnneT halten - Sie an ihrem Körpe/^ ^ ^r-its bic fcll3enfae Wärme im Dunkel zu ihnl hin, etwas verlegen. rneh/pm l^^ch /'bchk.ungeschickt. Sie werden von memem Besuch wenig erfreut jern." sind -nun doch noch^ mid) daß Sie gekommen „Hatten Sie denn schon daran gezweifelt?" ließen."^^^^ ba so lange nichts von sich hören „Ich halte Wort — stets " ¥ ®?»M Ili'Khi. Sie Mt. genvolk hier unten, die jetzt nur in schiveigendem Dunkel träumten. So ging es endlos' hin, treppauf, treppa», in diesem verwunschenen Schloß; voll von geheimen Scharrern in ferner lautlosen Stille. dUlr hin rurd wieder ein verlorener! H?U ein fernes Pochen mtb Scharren, wie von Geister-, Händen. Aber nun plötzlich ein dumpf grollendes Rollen, lang hingezogen, ihnen zu Häupten. Betroffen sah Eke auf ihren Begleiter. „Es donnert! Ein Gewitter dort droben auf der Erde." „Doch nicht." Bertsch schüttelte lächelnd den Kopf. „Nur erne Sturzrolle." „Sturzrolle?" „Ja, ein kleiner Schacht von einer Sole zur nächst- tleferen, um Berge hinunterzustürzen, zum Verfüllen der strecken. Wir werden hier auch gleich auf eine treffen.^ Und- es war so. Nur ein kurzes Stück weiter, schrak Eke zurück. Dicht vor ihrem Fuß gähnte es drohend auf. Ein tiefer, schwarzer Schlund, initten in der Strecke. Gerade über ihn hin führte der Weg, auf einer lose darüber.geworfenen Leiter. „Nur ohne Sorge — ich stütze Sie." Seine Rechte streckte sich nach ihr ans'. Aber ehe er sie noch berührt, war sie schon über das Hindernis hinweg, mit zwei entschlossenen Schritten. „Bravo!" lobte er, doch war er gleich wieder vor ihr. .-die müssen inir schon die Führung überlassen. Es ist unbekannter Boden für Sie." Abermals wunderten sie durchs Dunkel hin. Und iminer noch diese Einsamkeit. Kein Anzeichen von Menscbennähe. Dies Bewußtsein der Verlassenheit, tief im Erdenschoß, hatte etwas Eigenes. So ähnlich mußte dem Pilger zumute smu in der Unendlichkeit der Wüste. Doch als sie nun in einer niederen Strecke dahin-, schritten, wehte sie plötzlich ein Duft an. Eke stutzte. Wie aus einer Tabakspfeife! Und der vertraute Geruch zauberte hier m der Nacht der Tiefe mit einemmul anheimelnde Bilder menschlichen Treibens droben über Tag vor ihre Seele: Holzarbeiter im grünen Walde; den behaglichen Mten, der mit einer Schnitzarbeit in der Feierstunde am .Herde saß. Dankbar fast sog sie da den Hauch eiii. 'Bald wußte sie auch, woher er kam. Ein winziges Licht-, lein, geheiinuisvoll wie das eines Erdgeistes, irrlichtete vor ihnen in der Finsternis und wuchs int Näherkommen. Jiann hallende Schritte, und nun stand ein Mensch vor ihnen. Der erste, dem sie begegneten in der Unterwelt. Als tt>ar's ein guter Freund, erwiderte Eke von Grund sein „Glückauf!" ^etzt erst verstand sie recht Sinn und Schön-, hert dieses alten Bergmannsgrußes. Ein Reparaturhauer war's, der an ihnen vorbeigiuq'. flch gleich daraus seitlich ab, zu einem Winkel in der Strecke. „Jetzt heißt'-! klettern. — Geben Sie mir Ihre Lampe, Sie werden beide Hände brauchen." Und er stieg bereits in einen dunkeln Schlund am Boden ein. „An hundert Meter geht's so hinab." Schon entschwand er ihren Blicken. Doch Eke folgte ihm Letter. Fest griff sie zu und tastete sich behenden Fußes den Weg hinunter in die gähnende Tiefe. (Fortsetzung folgt.) Das Perlenhalsband. Bon AI fr ein Bra tt, f S®^ 1 ® nnd durchzogen vom' R'äuch aus ttonberttoufent« Schornsteinen, glaste die Nachtnittagsluft eines - - .um ,ua ^untci «mein Sie Upv- I ü6er Stemgcwirr von New''York Das ließen an einer Gabelung den Hmiptquerschlaa Nun ain« Kettengestänge der Brooklynbrücke. zwischen dessen es erst recht hinein in dies LabNrintb „• 0 L 3 ? e 6 E cr ,l 010 elektrischen Wagen, glühend m doppelte, Licht des Straften '« das Gewirr der I Himmels und der Bai, wie kurz« dünne Bliheh in N id fer W,ren fhmmerte unb bebte in der strahlenden Atmosphäre Straßenschluchiten »wischen den hohen Gebändcwändcn sandten das vreltünige periotiwende Summen von Autolärm, Huppem Pserdegetrappel und den schleifenden Tritten der Meiischenniässen au den Mauer,i «mz»r. Es war die Zeit der Geschäfte — diel &?[* ** kf r Mwmer in den Zellen der Bienenstöcke in den A4?* Q ^ r l ^ n ^H? 1 ' Schaltern und Schreibt ischeic Istilvrvten, die Zeit, m der die Damen, sofern sie nicht in iraend ernenr Kmopalap Schokolade knabbern oder in der Palmenballe £, V 1 l 111 Öles navyrrnth, ln das Gewirr der Straßen und Gaßchen dieser Unterwelt Es wa, wie wenn sie emgedrungen wären in Bergkönigs MärcbensckiMft 55 wanden sie sich durch geheimnisvotteeng Schl Zünge y ® n®en .e durch hohe Galerien mit breiten Ramp?n wie öu einem unterirdischen Marstall. Dann wieder taten sich werte Hallen vor ihnen auf. In den glattpolierten /.^gelten sich lustig blinkend ihre Lampen und oben wölbte sich e,ne hohe Kuppel - Festsäle für das Zwer. 676 — ctne§ Gesellschastshotels Tee trinken, ihre mehr oder weniger rostspreligen und mehr oder Weniger überflüssigen Einkäufe besorgen. Um diese Zeit ereignete sich die Geschichte, die ich kurz und sachlich berichten will, schmucklos, einfach und ohne Kommentar, so wie sie sich in Wirklichkeit Mgetragen hat. Tie Handlung setzt an einer Ecke der dreiunddreißigsten Straße ein, gehemmt mcrch eme dicht rollende Wugenreihe, die erst vorbeiziehen muß, brs der Schutzmann den Arm hebt unb eine Lücke schafft, die wcr zum Ueberschreiten des Fahrdammes benützen können. Nach Ueberwindung dieses geräuschvollen Hindernisses eilt der Lauf der Begebenheiten einen Häuserblock der dreiunddreißigsten Straße entlang, um sich vor der nächsten großen Kreuzung in einen Prunkvollen Juwelenladen zu begeben, woselbst die kleine Ko- mbdre zu Ende rollt. Die Heldin ist jung, hübsch und reich, sie heißt Frau Taisy Gnfsrns und besitzt zur Zeit unserer Begebenheit den Vorzug, oaß ihr lebe Möglichkeit ungestörten Kokettierens freisteht, da, soviel fie anzunehnien berechtigt ist, ihr Mann um diese Stiinde in^seinem Bureau in der Wallstreet zwischen einem mit Papieren bemckteii Schreibtisch um einen dickbäuchigen, eisenbeschlagenen Geidschrank sicher verstaut ist. r - Held ist ein junger und eleganter Mann, der... Mer hier hreße zu Ende sprecheir soviel wie die Lösung auftischen, bevor der KUoteil überhaupt geknüpft ist. Der elegante junge ck'cann wird also zum Schluß seine Vorstellung beenden. Während Frau Griffins sich mit graziösen, elastischen Schritten rem Ziele ihrer Sehnsucht, nämlich dem Juwelenladen, nähert (daß nichts anderes ihr Ziel ist, beweisen ihr entschlossener Gang einer Mit Geld versehenen Käuferin sowie die sorgsani emporgehobene goldene Geldtasche), währeiid sie sich also der von Diamanten, Perl eil und Rubinen blitzenden und glitzernden Schau- sensterreihe nähert folgt der elegante junge Mann in sehr auf- merkiamer interessierter, ja sogar eine gewisse Spannung nicht völlig verbergender Weise. Da Frau Griffins sich weder umwendet, rwch auffällig ihren Gang beschleunigt oder zurückhält, tanu Man seitstelleu, daß sie den galanten Verfolger nicht bemerkt hat, überhaupt seine Gegenwart nicht ahnt. Vor dem Laden angelangt, laßt Frau Griffins einen uumteren Blick über die Fülle der ausgestellten Jtiwelen streifen, woraus sie ihren kleinen Fuß aus eine Drahtgeflechitmcttte vor dem Eingang setzt und mit einem entschlossenen Griff der weißbehandschuhten Rechten die Glaslure aufküngt. . HZster dem Ladentisch erhebt sich ein alter feiner Herr, äugen scheinlich der Inhaber des Geschäftes, um sofort zu einer liebens- würdigen Verben gulig zusammenzuklappen. Frau Griffins trippelt zu der verführerisch ausgestatteten Tischplatte und verlangt lächelnd und zwttscher^ ein bestimmtes fünfreihiges Perlenhalsband zu sehen. Der alte Herr macht ein breites, sonniges Gesicht uud bringt ein Lederetui herbei, von dessen türkischblauem SamMetgrund das fragliche Schmuckstück milchweiß und seuer- spruhend deu Aiigen der Käuferin entgegenbliukt. Frau Griffins betrachtet das nt mehr als einer Woche so heiß begehrte Juwel, legt ihre Goldtasche vor sich aus den Ladentisch und stößt einen " ÄESn .kleinen Seufzer aus. „Ja," sagte sie dann, „das ist s. Ich fürchtete schon, es sei bereits verkauft." Sie nimmt dav Halsband ans dem Kästen, streickch mit den behandschuhten Fängern über die leise knisternden Perlenreihen und meint dami, den Kops ern wenig aus die Seite legend: „achttausend Dollar, Nicht wahr?" Ter alte Herr nickt, nimuit das Schmuckstück behutsam aus ihren Handln, hält es gegen das durch die Straßentüre einfallende Sonnenlicht und erwidert: „Ja, gnädige Frau. Es wird ganz wunderbar zu ihrem Teint Pässen." ™ ©'efdö'äft mirb abgeschlossen. Frau Griffins öffnet ihr Geldtaschcheu und beginnt die Tausenddollar-Scheinc aus die Tisch- platte zu zahlen. In diesem Augenblick aber öffnet sich geräuschvoll die Ture und herein stürzt, — das Gesicht gerötet, dm Hut aus dem glatten Scheitel verschoben, entrüstete Zornesfalten auf der Stirn, mit blitzenden Augen, — der junge Mann. Mit wenigen schnellen Schritts eilt er an den Ladentisch. Und während ^^..alte Herr erschrocken einen Schritt zurückweicht und Frau J?? r u ^ r überraschende Hereiustürzeu sprachlos dasteht, wirft der elegante Herr sich in die Brust und schreit wütend, y? l P e ^l/eiid, lmt bem ganzen Stimmaufwand ehrlicher" Entrüstung: „Ha, Elends, habe ich dich endlich er- also verschwendest du das Geld, das dein Gatte in harten Monaten der Arbeit verdient!" Sprichts Und versetzt, von der schnierzlichen Wut eines ties ?na!?a ; ?+ Ehemann esmi tfortg er i s sen, Frau Griffins einen Schlag ins Gesicht, der die hübsche junge Frau, einer Ohnmacht mehr als nahe über die Brüstung des Ladentisches sinken läßt. Hieraus er- greift der Gatte wutschnaubend die acht Tausenddollar-Scheine und verlaßt nnt eiligen Schritten den Laden, dessen Türe er sich ins Schloß wirft, so daß, die vielen Glas- Klirren von fick/gchen"^^ ^aume ein erschrecktes und klagendes Ä C "?^ in Ä e -J >err[c % in dem Laden eine ebenso peiu- ^ Stille, wahrend der letzten Sekunden durch das entsetzt nnsetzerche Sckstuchzen der jungen Fran unterbrochen „Oh, gnädige Fran, gnädige Frau , , nlst der alte Herr, M sich plusternd und prustend von der Aufregung dieser ehe- .?rhvlt .hat, „um Gotteswillen, ich bringe Ihnen ein Glas Wasser!!!" Frau Griffins richtete ihre zusammengesunkene, von immer heftiger werdenden nervösen. Schluchzen geschüttelte Gestalt ruck- weise auf, Zieht umständlich mit bebend suchenden Fingern ein winzig kleines, seidenbesticktes Taschentüchlcin hervor und drückt es abwechselnd gegen die gerötete Backe und die vom Weinen nassen, ach so hübsch in Träneil schwimmenden Mgcn. ?Wch!^n ist der alte Herr eilfertig und besorgt mit dem Glas Wasser zuruckgekehrt, das Frau Grifseus ergreift, um müh- lam, ihre Erregung bekämpfend, einige Tropfen zu nippen. Tann herricht wieder das nur von dem Schluchzen der jungen Frau unterbrochene Schweigen, bis der alte Juwelier, sich wie ein Vater über die reizende, so schinerzvoll überraschte Frau beugend, mit gütiger, zugleich aber infolge der getäuschten Berkaufsaussicht dunkel gefärbter Stimme sagt: „Mein Gott, gnädige Frau, wie konnten ^ie auch ohne Wissen und Willen Ihres Herrn Gemahls ein so teures Objekt erstehen wollen! ..." cf™ ^^tissiino gesteigertes Msschlnchzen ist die Antwort, ^^lfius, mühsanl ihr Sprachvermögen wiedergewinnend, endlich in die Worte ausbricht: „Ach, ach ... ich, ich... Ein erneuter Wemkrampf läßt dm Satz unvollendet . . . Vor einer verdächttg ausseheiiden Whiskykneipe, aus einem rleineu, schmutzigen Platz inmitten des Bowery genannten Armen- und Verorecherviei-tels: Ratternd hält eine Autodroschke vor der Kneipenture, und heraus springt der elegante Herr, der vor zwanzig Minuten das Unglück in dem Juwelenladen angerichtet: Mi. entlohnte Chauffeur fährt davon, der junge Mann stellt sich brettbemig vor die Türe, klopft gegen die Holzwand und ruft halblaut und dringlich: „Jimmy, Jimmy!..." Türe öffnet sich, und Jimmy, ein auf den ersten Blick ? - gefährlicher Großstadtgauner kenntliches Jndividium, tritt auf das Pflaster. „Hallo, Vom," ruft er leise, „ist's gelungen?" Ter junge Mann, dessen Rainen wir aus diese Weise erfahren haben, nimmt vUmmt) unter den Arm, geht mit ihm einige Schritte, drückt ihn in einen dunklen Häuserdurchgang und erwidert mit einer rauhen, aber nicht humorlosen Stimme: „Und ob! Ich sagte dcr ja, daß der Vrick nicht fehlschlagen kann' . . . Hier," diö Vollarscheme aus der Hosentasche ziehend, „achttansend!" Ein ebenso heiseres Lachen ist die Antwort, und der dunkle Gang, m dessen Tiefe die Beiden sich verlieren, verschlingt jedes weitere Gespräch. In dem prächtigen, vornehm-halbdunklcn J'uwelenladen ist der seme alte Geschäftsinhaber noch immer über die uiiglückselig schluchzende Frau Griffins gebeugt. Endlich, nachdem das letzte heftige Weinen in dem seidenen Taschentüchlein ersttckt ist, richtet sich Frau Grissins zur ganzen Größe ihres zierlichen Persönchens aus und schreit: „Mein Gott! ... Mer... ach ... ich kenne diesen Mann ja gar nicht! . . ." . Gin Aufschlag und ein lautes Klirren. Ter Ladenbesitzer hat r" der Bestürzung des Staunens mib Verstehens das noch halb- gesullte Wasserglas auf den Boden geworfen, wo es in zahllose Scherben zerbricht. _ vermischtes. cv * Das „Fahrende Volk" zur Kriegszeit in F ran k r e i ch. Vas folgende Stimmungsbild über das Leben der französischen Jahrmarktsleute und Schaubudeubesitzer wäbrerid des Krieges findet sich im „Jourmal": „Hinter den Befesttgiings'- gebitten, im nickwärtigsten Bereich der militärischen Zone stehen elende Hütten, aus Holzbrettern und ärmlichem Material hergestellt, von armseligeir Gärtchen umgeben. Zerzauste Kinder balgen sich zlmschen Hunden, Katzen und Gänsen. Manchmal klappert ein müdes, verhungertes Pferd nnt einem Karren vorüber. Zerrissene Wäschestücke flattern an Sckinüren, als Zeugen rmgswni herrschenden Annut. Hierher hat sich das fahrende Volk der Jahrmärkte zurückgezogen, das ehemals durch Fraiikeeich zog, durch den Krieg aber seiner Tätigkeit beraubt wurde. Ihre Gerate, die tut Verlaufe vieler Jahre mit harter Mühe erworbeir wurden, ruhen in -Lchuppeitt ivo sie langsam durch Wind und Feuchtigkeit zerfallen. Tenn die jungen und kräfttgen Leute, die sich sonst ihrer bedieuteii, sind au der Front. Uud die Frauen blieben zurück, allein mit deii Greisen uiid Kindern. Sie sind blaß und verängstigt unter der Last des Kummers und der Sorgen. Wenn man mit ihnen spricht, hört mau fast nichts anderes, als Klagen. „Ach, mein Wann!" . . . „Meine di-ei Söhne stehen im Feuer!" . . . Sie senken die Stimnie, wenn sie von deii Gefallenen sprechen, damit ihre weinenden Nachbarinneil nichts vernehmen. Und immer tvieder dieselbe traurige Feststellung: der Jahrniarktsberuf ist erledigt, vollkounnen erledigt. Es ist vorbei Mit dem farbigen Tumult der Manege und dem Lärmen der Leierkästen. Eine Greisin, an deren Rock ein kleines Kind sich ängstlich klammert, erzählt, daß sie sich von Bordeaux ans bis hierher durchbetteln mußte. Und nach dem Kriege, so meint sie wird es noch schlimmer lverden. W lvird zuviel Verluste, zuviel Geldsorgen und zuviel Trauer geben, als daß die Jahrmärkte An- Uaug finden könnten. Außerdem sind bis dahin alle Gerätschaften zerstört oder billig verkauft, uni den Kindern etivos zu essen aeberi zu können und sich selbst lvenigsteus vor dem Verhungern zu bc- wahren. Einige der Frauen handeln mit wertlose Gegenständen., andere verkaufen Blumen, Kriegsphotographien und „Undenken aus dem Felde". Außerdein sind die Jahrmarktsleute aus bitterer Not selbst zu Lumpensammlern geworden, und die zweinial wöchentlich stattsindenden .Lumpenmärkte sind von ihnen bevölkert. Vor einem Rollwagen, aus dem lautes Gebrüll ertönt, erklärt eins Jahrmarktsfrau, das; dies die lebten drei Löwen^sind, die von einer reichhaltigen Menagerie übkig geblieben. Sie würde sie gerne verkaufen: Jeden Löwen für •— 100 Frs.! Tenn unendlich ist das Elend, das der Krieg diesen Leuten gebracht hat . . * WaS d i e Londoner über die Zeppeline sagen. Tie Zeppeline sind gegenwärtig das Tagesgestnäch in allen Kreisen der Londoner Bevölkerung. Selbst die Nachrichten von den Kriegsschauplätzen treten in den Hintergrund vor der Tatsache der deutschen Luftangriffe, die alle Gemüter beschädigt. In Hinblick auf den gegenwärtigen Erregungszustand in London mtb auf die Kundmachung der Admiralität, die „mit dem Publikum in Verbindung zu treten wünscht, um die Meinung der einzelnen Bevölkerungskreise in dieser aktuellsten aller Angelegenheiten kennen 311 lernen, veröffentlicht die »Daily Mail* einen Artikel, der in interessanter Weise die S t e l l u n g n a h m e des Londoner Publikums zu den Zeppelin-2lngriffen untersncht. „So lange die Zeppe in« "Angriffe noch eine unausgeführte Drohung waren/ schreibt das Blatt, „begriff man in London noch nicht bie Schrecken dieses Krieges. Als wir aber erkennen mufften, datz die betitfcl.cn Luft-- schiffer unsere Grenzen überflogen, dag England nicht mehr eine unantastbare Insel ist, begam» London ?,u erwachen. Und die inhaltlosen Versicherungen der Regierung haben in der Bevölkerung eine Fülle dringender Fragen, Errvägrmgen nnb Beschrverden laut iverden lassen. Eine Frau äußerte auf meine "Anfrage die Meinung, dag »die Regierung das Erscheinen der Zeppeline über London nicht 511 verhindern suche, weil die Luftangriffe auf den Fortgang der Re- krutiernnq anfeuernd wirkien*. Ich konnte nur erwidern, das; inan trotz der zahllosen Fehler unserer Regieruna nicht annchmen könne, dag sie so verrückt sei. Aber die falsche Meinung dieser Frau ivird von vielen Leuten geteilt, und dies ist das traurige Resultat unserer GeheininiSkräiiierei und Berlufchungsweseus in dieser Angelegenheit. Wenn das Volk keine genügenden Erklärungen erhält, erfindet es eben eigene „Gründe*. Qmtnev gewaltiger mehren sich die Fragen, warum die deutschen Luftschiffe auf ihrem Wege nach London nicht ziirückgetrieben werden; unb »veun das Publikum iricht bald eme befriediaende ^Intirort erhält, ivird der Stolz jener, die noch an die britische Unberührbarkeit glauben, euren schweren Stotz erleiden. „Tie ganze Sache ist zu sehr in Geheiuinisse gehüllt.* nieint einer. »Die offiziellen Berichte über die Lustangrlsfe fiub nachgerade ein kindisches Spiel. Tie Zeppeline kennen sich ganz genau aus lind wissen ihren Weg zu finbeit. Wir dürfen dies lmv jenes nicht erfahren, während >nan iu Berlin alle Einzelheiten der Angriffe kennt unb über uns lacht. Teiiil die auierikairischen Blätter veröffentlichen qenaue Berichte über die Zepelinbejuche in London. Was ist der Siml und Zweck der Geheimtuerei unserer Regierung? Warlnn erfahren wir nicht die Namen lind Adressen der getöteten und verletzten Perfonen ? Man stelle sich bloß die Angst und Sorge vor, die diese Uinstände bei der Provinzbevölkerung auslösen müssen, die so über das Schicksal ihrer in London Icbcubca 'Angehörigen im Unklaren gelassen ivird. Und die Gerüchte, die naturgemäß im Umlauf sind I Alan kömlte manchmal verrückt lverden. . .* Ganz allgemein hört man überall dieselbe Frage: „Warum verhindert die Regierung nicht die Angriffs der Zeppeline?" Jeder Londoner wünscht heute Ailtwort auf diese Frage. Die Londoner lvollen ,vohl die Verdi»,lfelimn der Straffen ertragen, die durch die Behörden verfügt wurde, aber sie ivollen nicht länger den geisligen Nebel dulden, mit den» sie in Angelegenheit der beutfehen Luftangriffe umgeben werden. Tie Regierung, die die Zeppeline nicht abzuwehren verinag, sollte rvissen, daß sie m i t dem Feuer spielt...* * Das erste künstliche Bein. Tie erste sichere Nachricht über den künstlichen Ersatz eliies Gliedes, also über eine wirkliche »Prothese* sind?,» ,vic bei Herodot (300—484 v. Ehr.l Gm Grieche i»ai,iens Hegesistratos aus Elis soll sich nach dieser Quelle einen Hol fuß haben lnachen lassen, nachden, er, um au§ spart Mischer Keltenhaft zu entkoiiilnen, sich feinen einen Futz vorher selbst ab- geschilitten hatte. All' antiCen römischen Darstellungen sind danil »iehrfach derartige »Prothesen* oder ihilen ähnliche Gebilde fest- gestellt worden. Etilfache Stelzfüße für Unterschenlel und Oberschenkel iverden aucl) im Tal.nud schon erwähnt. Ein größeres Interesse wandte sich aber, ivte iit der „Deutschen militärärztlichen Zeitschrift* aiisgesührt ivird, den künstlichen Gliedern erst im 331 ittelalter mit den» Aufblühen der Echmiedckunst zu Kuust- bciue mit Gelenken tailchen zuerst um die Mitte deS 16. Jahr- hiliiderts auf und iverden von da an stetig vervollkommnet, um in ihrer ' ebrauch cfähigkeit der Natllr inoglichst liaheznkomn'en. Da solche Plotbesen sehr kostspielig sind, sorgt heute in Deutsch! n,d die Reihsregierung bah'ir, daß jeder Kriegsbeschädigte ein wirklich brauchbares Ersatzglied lefommt; sie nimmt mit Erfolg sogar darauf Bedacht, daß diese Ersatzstücke voi» vornherein so geballt iverden, daß die betreffende»» Leute bamit »hren besonder u Berus ivie ii» gernilden Tagen allsüben könnerl. Die neuei e Ebiruraie strebt sogar an, für die Betätiglllig der Gelenke in solchen Prothesen anstelle voi» Federi» die noch erhalteilei» tDhiöfeln des Stumpfes lltttzbar zn lnache,». _ Gietzener Hausfrauen-Bereiu. Es ist anzunehmen, daß unsere Mitglieder die Gelegenheit, billig Weißkraut durch den Verein zu kaufen, genutzt haben. Wir zeigen nun in dem Wochen-Küchenzettel, in welchen verschiedenen Formen das Kraut zu verwenden ist. Sonntag: Speise von Kalbfleisch *), Salat und Kartoffeln. Kürbis, roh, fein geschnitten oder gehobelt mit Zucker bestreut. Montags Suppe von Hafergrütze mit Magermilch gekocht. Gelbe Rüben (5—6 Teile) und Aepfel (1 Teil) zusammen, Kartoffeln. Dienstag: Brotsuppe*), Pikante Kartoffeln*) und Salzgurken. Mittwoch: Suppe von Reiswürfel, Eintopfgericht von Weißkraut und Kartoffeln. Donnerstag: Kohlsuppe*), Himmel-und Erde