Die vom Rauhen Grund. Roman von Paul Grabein. (Nachdruck verboten.) f (Fortsetzung.) Margu wollte ihm die Rechte nur flüchtig überlassen Aber er hielt sie fest, wie in plötzlicher Ueberraschung. Sein Auge glitt über sie hin in ihrem neuen Frühlingskostüm. Von dem Hut mit den wallenden Straußenfedern bis hinab zu den Seidenstrümpfen und Halvschuhen, alles ein einziger, zartfarbener Fliederton. „Alle Wetter — so Hab' ich Sie ja noch nie gesehen!" !,,Das ist wohl weiter kein Wunder," und sie entzog ihm jetzt ihre Hand. „Sehen Sie denn überhaupt noch etwas anderes als Ihre Schornsteine und Maschinen!" „Freilich," lachte er, „fast ist's so. Aber, Gottlob, doch nicht ganz! Zum Beispiel habe ich eben eine Entdeckung gemacht." „Und welche?" „Daß es wieder einmal Frühling werden will." Sie folgte seinem' Blick, der über das erste zartgrüne Gespinst in den Gärten neben der Straße hinglitt. „Haben Sie das jetzt erst bemerkt?" „Ja — eben." Und sein Ange traf ihre lichte, duftige Erscheinung. „Oh —!" Sie lachte auf. „Das soll nun wohl gar etwas wie ein Konrpliment sein?" „Kein Kompliment — die Wahrheit." Ihre Augen streiften ihn, noch immer lachend; aber es stand darin ein eigenes Flimmern. Leichthin erwiderte sie, wie scherzend, doch mit einem leisen Unterton: „Und wenn Sie wirklich den Frühling eittbccft haben ri was nutzt es Ihnen?" „Sie denken, ich wtißbe doch nichts mit ihm. anzu- saugen?" Ein Nicken, Und ein spöttisches Zucken um ihre Mundwinkel. „Sie haben vielleicht den Wunsch danach — so gelegentlich einmal — aber Ihre Arbeit läßt Sie ja doch nicht." „Meinen Sie?" Ihre Abwehr, ihr feines, überlegenes Wesen und dazu ihre weiche Grazie — noch nie hatte sie so stark aus ihn gewirkt. Da sagte er und senkte den Blick in den. ihren: „Vielleicht gäbe es doch einen Kompromiß zwischen Arbeit und — Frühling." Sie zuckte die Schultern, immer in derselben leichten Art: „Das müssen Sie freilich am besten wissen." Und sie wandte die Augen hinaus zum Wagen. Böller Interesse betrachtete sie anscheinend die Umgebung. Auch Bertsch verstummte und zog sein Zigarettenetui.. Ein Schweigen herrschte so im Wagen. Doch nicht lange. Jetzt außerhalb des Ortest brauchte Steinsiesen nicht mehr so gespannt auf Weg und Steuer zu. achten. Halb zurüA- gewandt nach dem Hinterwagen, begcrun er nun eine Unterhaltung mit Marga Reusch. Sie ging darauf ein, mit einer gewissen Liebenswürdigkeit, die Steinsiefen offenbar beseligte. Sein Antlitz strahlte geradezu. Bertschs Mund n.mspielte es sarkastisch. Wetbermanäver! Und er stieß den Zigarettenrauch nachlässig vor sich. Aber sonderbar — diese Freundlichkeit gegen den andern reizte ihn ans die Dauer. Etwa Erfersucht? Lächerlich, auf den Steinsiesen! Und überhaupt — so tief ging das denn doch nicht, was er da heute ihr gegenitber empfand. Wie, um es zu beweisen, sah er aus seiner Seite zmN Wagen hinaus und überließ die beiden ganz sich selber. Mer dennoch fühlte er unausgesetzt Margas Nähe: Den feinen Hauch eines Parfüms, das leise Rauschen ihrer Gewänder? Es hatte das eine seltsame Getoalt über ihn. Er mußte sich ordentlich zwiir-gen, daß sein Blick nicht ihren schmiegsamen, tveichen Bewegungen folgte. Noch schärfer wandte er sich nach links. Wirs sollte denn der Unsinn! Und er rauchte stärker, begann an etwas Geschäftliches zu denken. Doch da streifte ihn durch. Zufall eine Falbe ihres Rocks am Knie, nur wie ein Hauch, aber eS durchzuckte ihn gleich einein überspringenden elektriscl-eal, Funken. Sofort waren die Gedanken wieder bei ihr. Die erst halb aufgerauchte Zigarette flog zum Wagen hinaus, doch im nächsten Moment griffen seine F-ingep voller Unrast von neuem nach dem Etui. Lag das etwa heut' in der Luft — an diesenr Früh- lingsahnen, bei aller Weichheit so seltsam schwer, säst drückend — oder luaren es seine Nerven? Wohl etwas überreizt von forcierter Arbeit. Denn so hatte er sich selben iwch niemals gesehen. Freilich — es war auch schon etwas Besonderes mt sie. Unwillkürlich glitt sein Blick nun zu ihr hinüber, deren Antlitz ihm abgewandt war. So sah er nur ihre Gestalt, graziös und schlank in ihre Ecke geschmiegt. Ein wenig lässig, die Knie übergeschlagen. Durchaus Dame in ihren: sicheren Sichgcben, und doch über ihrem ganzen Wesen eben jener eigene Hauch, der ihm die Nerven aufreizte. Konnte man Marga Reusch eigentlich heiraten? Es schoß ihm mit einemmal durch den Kops, llitb ganz ernsthaft gab er sich Rechenschaft. Im Grunde — warum nicht? Ihre Erziehung war bte beste gewesen, ihr gesellschaftliches Auftreten einwandfrei, gegen ihren Nns nichts zu sagen. Nein — sicher nicht! In solch einen: Klatschnest wäre ihm das unbedingt zu Ohren gekommen. Die Vermögensumstände waren ebenfalls gut — recht günstig sogar. Warum also dennoch Bedenken? Vielleicht gerade eben wegen dieser Schönheit, wegen dieses sinnverwirrenden Hauchs, der über ihr schwebte. ES mußte etwas Wunderbares sein um solch eine Frau. Aber—! Es flirrte da bisweilen etwas in ihrem Blick, das gab zu denken. Jene Kirmes siel ihn: wieder ein. So gut, wie sie — 670 ihm damals in den Arm gesunken war, im Taumel eines unbewachten Augenblicks, so gut konnte es auch wieder einmal geschehen — mit einem andern. Da kam es plötzlich über ihn. Eine starke Ernüchterung. Nein — hands off! Und ein energischer Druck erstickte die Zlgarette im Aschbecher des Wagenschlags. Aber es fiel — weif; Gott — nicht leicht, sich mit kalter Vernunft klav- zumachen. So dicht neben ihr daß jeder Atemzug den Duft ihrer Jugend und Schönheit trank. Marga hatte, trotzdem sie ihm abgewandt saß, die Unruhe sernes Wesens wahrgenommen. Und während sie nach vorn zu Steinsiefen hinsprach, mit lächelnder Gelassenheit, lauschte ihr Ohr auf jeden Laut neben ihr. Schneller ging ihr Atem. Sie fühlte die Wut ansflammen, die sie ^ltfacht. Wie ein Rausch wollte es da über sie kommen. Endlich also! Und sie harrte mit vibrierenden Nerven auf ein Zeichen chres Sieges. Das Auto hatte inzwischen seinen Weg durch, den Tal grund genommen, bereits das Unterdorf passiert und näherte sich jetzt denl Adligen Hause. Unwillkürlich richtete sich da Bertschs Blick hinüber nach dem Viereck der hoch- wivfligen ftaftanieu, deren breites Geäst noch in winterlicher Kahlheit ragte und das massige Gemäuer des Herrensitzes freigab. Er hatte Eke von Grund seit jenem letzten Besuch dort im Hause nicht mehr gesprochen. Llber gedacht hatte er manchmal an sie. Ob sie wohl Wort halten und wirklich zur Besichtigung seines Werkes koinmen würde? Bald war es ja so wert, daß er ihr es zeigen konnte. Und es hatte ihn aufrichtig gefreut. In Stunden, wo er einmal frei von Arbeit war ^ «ehr selten waren sie freilich nur gewesen in dieser ganzen langen Zeit —, war ihm manchmal der Wunsch gekommen, sie wiederzusehen. Ihre gehaltene Ruhe, hinter der sich aber doch ein starkes uiid lvarines Enipfinden barg, taten ihm innerlich wohl. Uub seine Einsamkeit, die er jo lange E/ich l)erumtrug, hätte sich einer Frau wie ihr vielleicht willig aufglschl s,en. So war es bisweilen sogar fast wie ein Sehneii nach ihr über ihn gekommen. Dessen ward sich Bertsch auch jetzt wieder bewußt, jit bem Adligen Hause hinüber. Wer plötzlich fuhr er zusammen. Da war He a ~~ nur wenige Schritte vor ihm! Kaum daß er Zeit hatte im Heranflregen des Wagens noch den Hut zu ziehen „Gke von Grund!" gedrängt'"^^ hatte sich ihm ihr Nanie auf die Lippen Der Klang geheimer Freude ließ Marga Rensch schnell hermmsehen. Erst zu ihm, dann zu Gke, die gerade in i i n ' Moment neben ihnen aus dem Fußsteig längs der «e Iiir IfcrKAa rb (i' ®i lt xu p l Bf? Freundlichkeit dankte » a6tt uls sie dann neben ihm im in ihr AugcO" ^usch ertannte, trat «in kühles Verwundern sie den Kops zurückwarf lind hochmütig über die Fußgängern, hinwegsah, die dann gleich Wieder ihren Augen entschwunden war. "} at dies« Begegnung nicht entgangen. Und es fiel ihm ein: Rtchttg, das war s.r von jeher io als'^nde^'^ fl 1 '.** zwischen den beiden. Schon Ä^,.^uder. Das heißt, rm Grunde eine Rivalität, die von Maiga Rensch ansging. Sie wollte der andern, trotz ihrer vornehmen Geburt, keinen Vorrang zugesteben ^a im Gegeutetl, sie womöglich noch ausstecheu. keine B^gleiterü?^"^ "'""dte sich Bertsch daher nun an grüßten Sie sich denn nicht mit Fräulein von keinem ^Verkehr mtteinaLr^^^ ^ir stehen in öa £ os zurück. Ersichtlich verstimmt. Nock, Ton freudiger Ueberraschung im Ohr, intt die andere wahrgeuommeu hatte. ^dieselbe Schweigsamkeit. to an ifjvem zusammengerollten Schirm glättend entlang strich. Vergebens bernühte ficft Steinsiefen vom VorderslA aus, von Zeit zu Zeit durch eure Beiuerkurra ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und womöglich wieder einen freundlichen Blick von ihr zu erhaschen. Sie antwortete; nur zerstreut. Oft überhörte sie ihn ganz. Das Auto stieg jetzt den Hang hinauf, zwischen jden Haubergen hindurch. Hier und da lagen noch aufgeschichtete schanzen vom vorigen Abhau. Vereinzelt sah man auch Leute im Holz arbeiterr. Plötzlich gab es im Wagen einen Ruck. So unver- mittelt und heftig, daß Marga Rensch unter einem Auf- schrei gegen ihren Begleiter geschleudert wurde. Unwillkürlich breitete er da schützend beu Arrn um sie. „Hallo! Was aibt's?" Und Bertsch sah zu Steinsieseu. Der arbeitete mit rotem Kopf an Steuer und Bremse. Doch nun ward eine Stimme da vorn vernehlnlich, eine scheltende Frauenstimme, und sie sahen, was es gab. Ein altes Weiblein war ihnen entaegengekommen^ hinter sich einen fteineit Wagen hoch beladen mit quer gepackten Schanzen. Die herausspießeriden Aeste waren den Rädern des Autos bedenklich nahe gekommen durch das' ratlose Hin und Her der Geängstigten. Nur durch das Plötzliche Herumwersen der Maschine war sie vor ernstem Schaden bewahrt geblieben. Doch nun schniähte sie ansgeregt, mit der Faust drohend, hinter deni jetzt wieder schnell, davonratternden Wagen her. Steinsiefen lachte laut, indem er sich noch einmal nach ihr umdrehte. Marga Rensch aber löste sich aus Bertschs schützendem Arm mit einer säst heftigen Bewegung. „Fahren Sie doch vorsichtiger!" ^Scharf klang es zu Steinsiefen hin. Der sah betroffen „Pardon ^ es war ja nicht meine Schuld, Fräulein Marga." Auch Bertsch batte zu der Alben zurückgeblickt. Fetzt kehrte er sich den Herden wieder zu. Mit seiner gewohnten! Gelassenheit sagte er: „Das wird sich noch oft begeben; sie zetern, und wir kahlen doch. So ist's immer in der Welt. Das Nene bricht sich Bahn — trotz allem." Und sein Blick suchte mit einem Aufleuchten drüben am Berg dre Kamine seines Werks, die sich hell von dem dunkeln Waldhintergrund abzeichneten. Dann erst sah er zu seiner Begleiterin hinab. „Es ist doch gut abgegangen?" . Sie kaum merklich, die Lippen znsammengepreßt, erne stecke Falte zwischen den Brauen. ^ öo schwiegen sie alle drei auf dem letzten Teil der Fahrt. . Dann näherten sie sich dein Ziel, dem Basaltbruch droben. Schon weithin kündete er sich an. Der Hochwald, ber^hier den^ Bergrücken bedeckte, bot ein Bild der Verbreiter Fahr- ne Wunde -- VVU VUÜ UiC üvflftlLtj't'Cfß jenffen Hmt; an den Rändern hingen abgerissene Wurzel. sa,erw Rechts und lcnks lagen die gefällten Bauniriesen- noch das dürre Laub an den Zweigen. Tief wühlten sich die Wagenspuren m die welche tzninuserde. ' 9hm tauchte mitten in der Waldeinsamkeit eine Loko. mobile auf. Wie verrrrt stand der blanklackierte Leib der ganz neuen Maschine hier zwischen Baum und Busch, Mit Hellem Gezwitscher flatterte von dem eisernen Koloß ein« Tannmelse ans, die sich zwischen den Speichen des malmen, den Schwungrads em Zusluchtsplätzchen gesucht hatte. iFortsctzung folgt.) ^ ~ I - J Der kurze Moritz. Krngserzählung von Max Karl Böttcher, Chemnitz, Bezirkskommandos standen Hundert« von Man», t o Boärrksfeldwebel verlas. Nack iedem Namen erscholl laut das geforderte „Hier-, und der Ansgerustne trat vor den strengen Feldwebel und wurde dann von einem Unterofsthher letcu 1 iriiilo 11 ifff auisestÄlten, tadellas ausgerich- l teu .Lnipp zpgeteilt, und siehe da; ans dem üwßen, großen- 671 — M: geordnet dastehenden Männerhaufen )mxb allgemach eine ntüi- tanjd) ganz leidlich aussehende Formation. Wieder der Aufruf des Feldwebels: Emil Anton Moritz Schober! Schweigen. Vchobt? Feldwebel mit gehobener Stiinme: Emil Anton Moritz Großes Schweigen. n . ^ er ^ldwebel mit rollenden Augen und wahrer Stentor- vrmme: Emrl Anton Schober. „ . aus der hintersten Reihe, ertönte ein „Hier' ![£? iinrflfifrt, speckig, fleckig, mit zerschlissenem Wams, JJH ¥£■ c r *^ durch die Männerrnauer und stand nun mrt schiefem Blick vor dem Feldwebel und luchste zu dem Gewaltigen, der Mindestens ein und einen halben Kopf größer war als er, empor. ... ;A a ' rum Donnerwetter! Warum leisten Sie sick> den Luxus, fcv? auflTufenzulassen? Jetzt ist Krieg, mein bester Frerurd! bva rft rede Minute kostbar, verstanden! Hören Sie schwer?" „Ich? Nee, Herr Hauptmann!" sagte lläglich der Kurze, verstandet/?'"^" ^ Blödjtnn! Herr Feldwebel ist mein Diensttitel, „Jawohl!" ^ „Quatsch, jawohl! Warten Sie gefälligst, bis Sie gefragt werden. Beim Militär kann nicht jeder quasseln, wenn er Lust hat, und wenn ick) sage: verstanden, so ist das selbstverständlich, daß Sie verstanden haben. Sie scheineil mir ein Drückeberger zu Erstandenohen Vorgesetzten^ vor dem sogar der Fel" Äl d^ Jnbegnff aller Gewalt, stramm stand, so verblüfft, daß er errötete 7 und ein anderer im hinterm Glstch dem Milrtürische Disziplin iroch ein dunller Begrisf war ries keck' der iurze IRorfel" All-s fa&f m der' FeLw^l Wird?"^' äm Gttede hat nur der zu sprechen, der gefragt ~ -r 1 ? ©tunbmt hieß Rekrut Schober nur: der kurze Moritz ^lich ber, böswlllrgen Lnleraden hatte er noch einen anderen Spitznamen. Straßengrabentapezierer. — Man hatte näm'ich ent- tz«. daß Emil Auton IMritz Schober seit 14 Jahrm bkrL Heimat- und rechtlos war. Ms Landstreicher von der faulantmütt- gen Sorte, als Fechtbruder, war er durch die Gaue gezogen, aller Ordnung Er Zeitbegriffe und Arbeitsfreude bar Daher das menschenscheue Wesen, daher die Furcht vor jeder Uni- ^efen fürchtet? ™ fnnFtllJ emen Widersacher, ein gendarmarttges ^Oivritz" Rekrnteiizeit war für ihn uiid ferne Vor- uE g'erade eine Zeit der Wonne. Ungesckstckt, täppisch, dickfellig, faul und schmutzig, voller Landstreicher- machte er sich und deii Kameraden und Bor- ^ ber ivohlwollenden Art voller Takt fernes Korporalschaftsführers, des Unteroffiziers verdanken, daß er einigermaßeii mit der Nlili- Larischen Ausbildung der anderen Schlritt hielt und daß er nicht krnsllrch mit dein Sttafgesetz BekrrnntschafL machen mußte. Nur in eiiienr Tienstzw'eig war er Meister, da ließ er die Ka- nwvfr ^ luter - ^' r .Vatrouillendienst, im Heranschleichen Mi den Gegner, tm Ausspionreren. Während er rede A-rt des Exerzierens mu> vor allem das Badengehen in die städtische Schr^mmanstalt haßte, war er aufgeräumt und bester- Laune, wenn i ^blddreiist mit Vorpostenausstellung angesetzt lMimährrgen Praxis als Landslreiä^r verband ^ Zweiter, sich durch Gestrüpp zu winden, sich zu verstecken, dein laiischendeii Und jpähendeu Gegner auszuwerchen und sich migeschen und Unbemerkt an Ven Feind heranznpirschen. Wer Eigenschaft besah er, die viele seiner üblen wett machte und die erklärte, daß er von der Behörde überhaupt zur C-inberusuug geangelt lverden konnte: seine Kviegsbegeisterungs ^"anipftsfreude. Er hatte sich, der er dock) heimatlos gF wesen, freiwillig einer Torfbehörde gestellt uiid war dort registtiert worden Er freitte sich in der Tat ehrlich aus den Tag, da er kalnpsrers war und mtt rns Feld rücken konnte. Ob er den: bei Er geistigen Verlotterung u.id Dösigkeit eine gewisse Ganner- schlanhert und Vagabundenbereck>iiung nicht fehlte, hoffte, durch wackeres Verhalten vor denv Feinde ein neues Leber: gründen zu komien, daß nach denr Kriege vielleicht kein Mensch nach semem Vorleben fragen würde uird es ihm, vielleicht ordensgeschmückt, errnoglicht wittde, irgend eine gesicherte Stellung zu erhalten, das ließ sich natürlich nicht feststetlen. ' nun ging es fort! Blumengeschnttickt standen die wohlaus'- gerüsteten V^minschafteii aus dem Kaseriienhof, empfingen Patronen und eiserne Ration und formierten sich dann zum Abmarsch. 9iur einer stand unter ikmen, dem niemand einen Abschiedsgruß zu- wiilkte, dem niemand ein Blümlein reichte: der kurze Moritz Er war ia fteiindes-, heinvat- und liebelos. DaS tat dem wackeren Unteroffizier G-ieske leid. Er schickte einen der zahllos vor dem Kasernentor aus den Auszug wartenden Jimgen mit einer Mark zun: nääKen Blumeiiladen und wenige Minuten später hatte auch der ftirze Moritz rote uiid weiße Nelken an Brust und Gewehr. Und jetzt staiiden dem Burschen wahrlich die Tränen in den Augen, und als ihm Vizefeldwebel Beck noch einen Taler schenkte, heulte er los Me ein Sckuloßhund. So viel Liebe und Achtimg war ihiu feit eineni Jahrdutzend nicht beschert geiveseri. Und nun iM Felde. Der kurze Moritz hatte bald weg, daß die Anforderungen, die nmn in der Gariiison an die Rekruten gestellt, ein Kinderspiel gewesen waren gegen die Sttapazen dicht vor denr Feinde, er ,hatte aber arrch bald weg, daß die ganze Art des Ber- ^hrs zwischen Vorgesetzten und Untergebenen und zwische:: den Kanieraden selbst ein anderer, ein freierer, gemütlicherer war als dahcml und das geftel dem Fechtbruder von ehedem ganz aus-, nehmerrd. Und stehe da, er taute aus. Sein scheues Wesen, sein ängstliches Lrrchsen nach rechts und links, eine alte Fechtbriider- ^"wohnheit, legte er nach und rmch ab. Das Requirieren, daS püren auf Feindes Spur, wobei immer Gefahr drohte, das Ueberimnd-en von Hiiidernissen, all das war chm bis zu einem geiviffeii Grade aus seinen! Bummlerleüen vertraut, ans der Zeit, da Gendarnr und Nachllvächter und Schutzmann seine Feinde waren. Und Enill Anton Moritz Schober, der krumme Rekrut, ward binnen kurzer Zeit ein recht brauchbarer Feldsoldat. Dabei hatte er [eine Ohren allüberall, hörte auch durch sein Lauschergeschick von höheren Vorgesetzten so inancherlei, was wohl nicht für den einfachen Mann besttmmt war, und so stieg auch sein Selbst- bewußtsein und Selbstvertrauen. Und wenn er für eine geschickt angeführte Patrouille vom Major belobt worden lvar, da glänzten setne kletnen verschniitzten Luchsäuglein voller Stolz, Und in sttller Stunde, wenn er sinnend im Unterstand hockte, zweifelt« er selbst manchmal daran, daß er, der Soldat Emil Wtou Moritz Schober, derselbe Mensch sei, der noch vor Monaten fechtend durch die Gaue gezogen und nur bei Mutter Grün genächtigt hatte. Und so envachte in ihm der Ehrzeiz. Er rvolltei höher hinauf, er, Anton Einil Montz Schober, wollte avancieren! Ach, welch holder Traum, wenn er könnte Gefreiter werden! Gefreiter! Diese Sehnsucht aller Mannscliaften, dieser Gipfel der „Gemeinheit". Ja, ja, aber wenn Millionen tot Felde stehen, kann nicht jeder Gefreiter lverden, auch wenn man einmal ?!. ne Lbiwillige Patrouille mit Erfolg erledigt, wenn man auch für die hungernde Koiupagnie mit Detektiv-Spürsinn eine verborgene Sau requiriert. Für ein Schtvein kann man in der deutschen Arinee noch längst nicht Gefreiten-Knöpse beanspruchen. Und so geriet der kurze Moritz ins Grübeln, wie er könnt« avancieren. Und wie er so sann, es war an der Niedergebranntens Windmühle von Beeelaire, und dabei ein von der schweren Ar- tillerie ergaunertes Stück Speck von der Grüße eines leidlich aus- gew ach jenen Kürbis verdrückte, da kamen ein paar hohe Generale geschritten, blteben uirwett von ihm stehen und unterhielten sich eifrig. Ten kurzen Moritz, der sich hinter eine Ecke gedrückt, sahen ste Nickt. I . „Soeben hat mir ^Leutnant Iwan gemeldet," Hub der General- maxor an. „^er Flieger?" fragte die Exzellenz. „>vawohl, Exzellenz, er hat gemeldet, daß er das Munitions-4 oepot der schweren englischen Arttllerie entdcL hat." „Donnerwetter! Wenn da mal 'ne Vomoe drauf krachte!" „Er hat zwei Dinger falleit gelassen, leider gefehlt." „Schade! Sehr sck-ade! Da wären die schweren Mörser 'mal auf einen halben Tag ohne Futter und wir könnten dann stürmen! Wo liegt das Depot?" „Dicht an der Brücke über den L^-Fluß, am Südansgana von V.-Hein, etwa neun Kilonieter vor tlnscrer vordersten Lmie." Und im Weiterschreiten sa.fte Exzellenz uocl>: „Veranlassen Sre, daß morgen ein Flngzeuggeschwader konzentriert wird, das wollen wtr aus das Depot hetzen I" Und Moritz, der die Ohren gespitzt und alles gehört hatte, sagte trocken vor sich hin: „Ich werde üas schon diese Nacht besorgen! Und er trollte sich zu seiner Kompagnie, die momentan gerade zur Artilleriedeckung kommandiert war.und lieh sich von einem Offiziersstellvertreter eine Generalstabskarte und suck-te dann den Südausgang von V.-Hem und die von dem General benannte Brücke, dann meldete er sich-lbei seinem Kompagnieführer. — ,,jca, Moritzche, was haste denn aus dem Herzen?" fragte der leutscllge Offizier, der den allzeit tätigen Bagabund a. D. gut leiden mochte. „Ich möchte um Erlaubnis bitten, diese Nacht etwas unternehmen zu dürfen." ^ „ . . . „Nanu??! Willst Du vielleicht cm Schwein requirieren? „Nein, Herr Leutnamit, ich,will das ArtMerredepot der englischen schweren Mörser gasförmig machen!" . . , . ' „Junge, bist nicht gcsckreit! Das ist ein großer Plan, und dabei wirst Du mit flöten gehen!" „Ganz egal, Herr Leutnant — aber ich schaifs! Und er cj> zählte seinen Plan. Da ließ 'ihm dev Kompagnieführer die gewünschteil zwei Handgranaten geben, und nun rückte Mvritz bei eiw- tretender Dunkelheit ab. —• Die ihm vom Leutnant angebotena Unterstübung von noch zwei oder drei Mann lehnte er ab. Zunächst pirschte er sich seitwärts, um nicht in das eigene Feuer zu kommen, und dann ging er rasch vorwärts. Das Gewehr quer über dem Nucken und in der Hand eine der gefährlichen Stielgranaten, so huschte er von Busch %n Busch, von Hecke zu Hecke. — D