Nontag, den 1 , 8 . Oktober TBgBSrtZS egen solch einer wilden Tat. Der sah jetzt mit sinsterm Blick zu dem .Hausherrn hin. „Ist ja ganz gut gemeint, aber doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein! Und wir wollen Arbeit, Herr —\ kein Anmosen." Ja! Da stimmten sie alle zu mit Gemurmel und Kopfnicken. Das hatte ihnen der Frieder aus dem Herzen geredet. Doch Henner von Grund zuckte die Achseln. „Ich sagt's euch ja schon: Das steht nicht bei mix."' „Also soll's weiter so gehn, mit dem Hungern Md Darben daheim?" Ein dumpfes Grollen klang ans der breiten Brust des Langen. Wieder nur eine stumme Gebärde bei Henner von Grund. Doch daun noch ein Wort, bitter gehässig: „Ja — bedankt euch bei dem Amerikaner. Der hat's euch eingebrockt!" Das" fiel wie ein Funke in dürres Stroh. Wild glomm es auf im Auge des Frieders, und auch manch einer dev anderen ballte die Faust. Henner twn Grund war froh, die Sache von sich ab gelenkt zu haben. Er machte eine Gebärde der Berabschie düng. „Also, wie gesagt, Leute — meldet euch drüben." Da gingen sie. doch alle hinüber, bis aus zwei' den Frieder und einen Kumpan ferner Art, mit dem er sich zumeist hielt. Zn dem sprach der Lange rauh und trotzig: „Komm! Für dem sein Gnadenbrot danken war." Und er schritt mit dem Begleiter längs der Rotdornhecke hes Gemüsegartens zum Hostor hin. „Am Verhungern sind wir ja noch uit. Und wenn's so weit kömmt — nun, es gibt ja noch Reh' im Wald, und ich tveih. nne man eine 645 Schlinge stellt. Aber mit dem Amerikaner —" und in seinen Augen glitzerte eine heimtückische Wildheit auf —, .„mit dem red' ich noch ein Wort! Wenn keiner dabei ist. Ich weiß seinen Weg. Bin chm schon manchmal begegnet, wenn er abends von: Schacht heungeht, über den Berg, droben an der alten Pinge. Ich denk', ich treff' ihn wieder einmal — und das bald!" Halblaut nur hatte er gesprochen, aber- er war doch vernommen worden. Von Eke, die sich im Gemüsegarten Zu schassen machte. Da schrak sie znsaminen. Sie ahnte zwar nrcht, wer die Drohung ausgestoßen — die dichte Hecke verbarg ihr die beiden —, wohl aber, wein sie galt. Eine Unruhe kam über sie, und als ihre Arbeit int Gurten getan, suchte sie den Oheim int Hause auf. Sie er-, zahlte ihnr, was sie vorhin gehört, und schloß: „Man müßte Bertsch doch warnen vor den: gefährlichen Menschen!" Aber Henner von Grund erwiderte trotzig: „Was geht das uns an? Soll ich. et)va für ihn die Vorsehung spielen? Mag er doch selber seine Augen aufsperren! Zudem — solch Volk spricht leicht mal was hin. Ist nicht immer gleich ernst gemeint!" Damit war die Sache für ihn abgetan, aber auch Eke nahm sie nun nicht mehr so schwer. Der Oheim mochte jvohl recht haben: Nicht jede Drohung dieser Leute wurde gleich zur Tat. —f .Wieder gingen für Eke von Grmrd ein paar Tage hin m ihrem gewohnten Lauf. Arbeit in Haus und Garten, und zwiscyendnrch, einmal ein Weg hinauf in die Berge. Auch heute unternahm sie ihrer Gewohnheit gemäß ihren Vormittagsspaziergang im lichten Sommerkleid, trotz- dein im Hof Kallmann, der Pferdeknecht, beoenl'lich zum Himmel aussah und sich den Schweiß, mit dem Arm von der Stirn wischte. „Wenn die Lust so 'drückt, bla gibt e nasser Pelz." .Per sie ging doch. Zu stickig war es ja in diesein schwulen ^omm erlagen hier unten im Tal zwischen den xumpseu Vl.aueru. Auch, heute schritt sie wieder im Schatten dev Buschwerks den Muhlsiefeu hinauf. Indessen, sie rastete dort nickt. Es verlangte sie nach der freien Höhe droben. So trat sw denn aus dem Schutz des Blätterdaches hinaus rndeit Sonnenglast der Wiese. In heißdunstigem Geflimmer staild hier dre Luft. Dre Urnrisse aller Dinge verschwammen in einem steten leisen Zittern. Schnell lenkte sie die Schritte hrnuber zu den Fichten, von wo ihr warm die sonnen- geloü)re Waldwürze entgegenschlng. Schlvarzgrüne Däm- irrmutg umftng sie. Nur hier und da ein verirrtes Gvld- fUmment auf den roten Stämmen. Lautlos schritt der Lims, uder den welchen Nadelteppich. Eine feierliche Tempelstille i°». u> den Baumkronen droben ein dunkles Summen, wie das Atmen des Waldes. ®“{# s ie ^lhten stieg Eke höher hinaus an, Berghang. Sie wußte dort oben eine Halde, wo stets ein erfrischender grng. Dort wollte sie hin. Im Näherkommen klang lelse erst, dann deutlicher, Geläut an ihr Ohr. Also die Herde war dort oben. Es war ihr das nicht lieb, des Hirten wogen. Sie ging dem absonderlichen Alten, der den ihre» Geschlechts trug, sonst immer aus deni Wege. ^m te ^ ne& f,e der Wunsch nach Kühlung doch deu- . deslu rmmer schwüler, fast unerträglich wurde E^ 5 hlich die Luft hier ,m dichten Walde. Wenn doch nur endlich der Regen koinmen tvollte! . . der Wunsch sollte in Erfüllung gehen. Als sie aus Blumen trat, auf dre Waldvlöße, zeigte ihr gleich der erste Vsick zum Himmel die Erlösung bringende W^olke m ? } em f plötzliche Abkühlung eingetreten ^ gleich wurde e^> angehen. So blied nichts weiter übrig, als oort unter der wertajtrgen Maleiche Schutz zrr suchen Frei- lrch stand da schon der Hirt, aber hier galt's nicht lange zu et -’S U f5 g 6lng sie hinüber. Gerade noch zur niclev^ im md)ften Augenblick prasselte es schon her- Eke von Grund hatte nur mit flüchtigem Nicken zu dem H-rten h», geicha.it Nun stand sie ihm halb abgewandt und blickte hinaus rn den ivtbden Schwall der sich überstür^ den Regenmassen. Dichter noch preßte sie sich an ^en Stamm der Elche, denn die zu Boden schlagenden schweren ^ropfen sprrtzten ihr an dem leichten Leinenkleid empor ^01? sörKte es sich hier und da dunkler vor Feuchtigkeit. .Der Hlrt hatte zu ihr hinge sehen, in seiner unbelveg- lichen Ruhe; nun aber nahm er den dunkle rr Lodenmantel von den Schultern mrd hielt ihn ihr hin. „Da — nehmen Sie." @fc fuhr unwillkürlich ein Wenig zurück. Doch in' denr ernsten, verwitterten Antlitz des Alten bewegte es sich jetzt: „Sie könnet! ihn ruhig nehmen. Er ist sauber." Schnell griff sie nun zu. „Ich danke Ihnen." Aber der Mantel war schwer, sie kanr nicht gleich damit zustande,^ so daß der Alte zu ihr trat und half, nut einen selbstverständlichen Sicherheit. Sie dankte schweigend und verfiel dann in ein Sinnen, wahrend sie wieder in den Regenfall blickte. Wie doch alt- vererbte Kultur sich nicht verleugnete. Selbst nicht in so emein verkümmerten Sproß eines alten Geschlechts. Und unwillkürlich begann sie Tillmann von Grund von der L-erte her zu betrachten. Sie hatte ihn ja eigentlich nie aus nächster Nähe und in Ruhe gesehen. Schon als Kind war ihr von dem Oheim aufs strengste bedeutet worden, diesem alten Narren aus dem Wege zu gehen, der nun einmal den: Nanren der Grunds siihrte, aber sonst auch nichts weiter• nut ihnen gemein hatte. Er entstammte einer Seitenlinie,, die sich durch eine Mißheirat schon seit Generationen aller: Rechte und Familienzugehörigkelt begeben hatte. Diese Grunds waren so immer mehr herabgekommen, und ihr letzter Vertreter, eben der Tilbnann, war ein schwach? sinniger Mensch. Das war's, was Eke von denr absonderlichen Atteir wußte, dem sie immer in einem Gemisch von Hochmut und! Scheu aus dein Wege gegangen lvar. Mur aber bockte es sie doch ernnral, in das Dunkel dieser seltsamen Persönlich? kert elnzudrrngeli. ' Wie sie ihn so unauffällig betrachtete, mußte sie fest^ sollen: Es war m diesem scharfgeschnittenen, graiistoppligen Gesicht, trotzdem es auf beu elften Blick etwas Bäuerliches! hatte doch ern Besonderes.'Ja, vielleicht sogar noch eiic Familienzug der Grunds. stttunerttlich, wie er jetzt mit tief herabgezogenen Brauen unbeweglich hinaus in den Regen? stürz starrte, als wäre sie gar nicht anwesend. Da beschloß! Nb, rhn tu eine Unterhaltung zu ziehen, und so sprach sie ihn vlotzlich an, rudern sie aus den Boden zu ihren -Mß,erbeutete, lvo sich au dunkelgrünem Geranke die ersten rosigen Glöckchen der Erika zeigten: „Die Heide beginnt schon zu blühen." Tillmann von Grund wandte langsam das Antlitz her und mckte. Erst nach einer Weile erwiderte er mit bem ihm eigenen, geheimnisvoll drinkeln Ton: „Ja, wem: die Heide blüht, dann geht's mit dein Sommer wieder hinten naus." . Und versank ivieder in sein Sinnen. Dabei immer die fTradjigen, wetterbrauneii Hände um den hohen Stock ge? lallet schaute er so vorgebeugten Hauptes hinaus wie in waren *^ Ctten ' die einem gewöhnlichen Blick verschlossen .... Gs war schwer, ihm näherzukommen. Dia wurde Eke kuhil und fragte: „Kennen Sie mich eigentlich?" Er verharrte in seiner Stellung, ohne ihr einen MW zn schenken, ginhig kam es von seinen Lippen: ,,Das Fräulein vom Adligen Hanse kennt doch jedeincr rm Rauhen Grund." / A (Fortsetzung folgt.) Der Nummer der alten Zakob. Eine erlebte Geschichte aus denr deutschen Osten von P a u l B u r g, *? Ueberschwcmmrmgszciten so heimtückischen ^ E^fS^romes trug sich.vor kurzeur zu, wos ich erzähle: rr E Tilnter Zug hielt auf freier Strecke, und ein Soldat, mit blitzendem Nickelstempel m der Hand, ging von Abteil zn Abteil Dörrte jedem Reisenden, ob Frau oder Kind, Greis oder Kiiabe! Ausweispapiere ab und verfah jeden Paß mit denr Tagesstempel. Dann bummelte der Zug noch eme kurze Weile weiter, überguerte den Strom und hielt bald wieder. -turne fi»s^ U '^ ae0 x Cn aus und wanderten landein, Russeuspurcn zu temS Uni stunde. Das ist ein herrliches Wandern im lulrn Ostpreußen, man freut sich des Viehes auf den Weidcir ^ ^°tber und weckeri Felder und ist sich jeben Schritt mit 9 ^//öewußt: das ist deutsches Grenzlaud, gutes, treues deutsck>es ^nd, kern Feind hat es uns entreißen können. Auch wenn tvh* weit südöstlich, au kahlen Hausertrümmcrn und ausgebrannten Mauern vorüberkommen. berührt uns mit der wehmütigen Anteilnahme an den armen Betroffenen doch auch wieder deutscher Stolz: « orr haben Rußland getrotzt, unser Grenzland von kurzer Schreckensherrschaft befreien und den Krieg Lief hinein in das Feindesland tragen können. Es foareu die Tage, als fast an jedem eine russische Festung Net, und die Ostpreußen hatten noch leuchtendere Augen, als je. Löo wir wanderten, sangen die Mädchen aus dem Felde und riefen ven gefangenen Russen, die hier überall unfreiwillige Erntearbeit Nln, lachend und triumphierend zu: „Nun kommt keiner von euern Lrosakeil wieder ins Land! Glaubt ihr's denn iinmer noch nicht?" Aber dre mit den Tellermützen schüttelten ungläubig die Köpfe. ' x "^.asuremnädchen, dem^veit unten aii den Seen Vaterhaus und Erbe m den Flammen ausgegangen und unter die Hufe gestampft worden ist, kani in helleni Zorn und zählte den Stockrussen an den Fingern her, wieviel Festungen sie allein schon in 'diesem August verloren hätten. Nein, nicht Warschau!" beteuerte der Sprecher. „Nicht Warschau, gospedma. Eher als Warschau fällt, kommt noch ein Schwein m den Himmel." w. * öc ^ ei J f ^te Mädchen hellauf, nahmen ihre Rechen und netzen deii Russen stehen, der beteuernd die Hände erhoben hatte. >Er sah den Mädchen iiach und achtete unser nicht einmal. Ucherall war Siegesfreude, Schafsenswille im deutschen Ostland So war es auch hier«uns ein frohes Wandern nordostwärts, Rutsche Meer wogt und die Helle Küste des umkämpften, fast schon uns gewonnenen Kurland umspttlt. Wir wanderten mit frohen Schritten ftrtb sangen. „ i» cinem Dorf erstarb uns das Lied auf den heitereir Sippen. Vor dein Amtshaus standen die Alten und die jüngste fugend, die Frauen und Mädchen geschart in scheuem Erwarten Aaum dankten sie uns unfern Gruß. Wir fanden auch in der Schenke Verlegenheit und Bangen. Es war eine große Sorge unversehens f?; Pas Dorf gekommen, aber kein einziger, auch nicht der .Gescheiteste, wußte das Wie und Woher und Warum. . , ,,Der Schandarm ist drinnen", verriet uns endlich eine zahn- rose Ulte ünd blickte aus ihren milden Augen auch auf uns mißtrauisch uiid feindselig. „Ja, lvarum stehen denn aber alle Menschen vor dem Amts- Haufe?" „Sind doch alle bestellt . . ." Ein junges, munteres Ding von etwa scchszehn Jahren wußte noch zu sageii: „Es sind zwei Herren gekominen. Da ,nuß was passiert sein." Nhic stellten wir uns neugierig rutter die Menge und warteten, bis.sich die Zungen lösten. Solchen Augenblick braucht ruan ani Ryein, un Gebirge nicht lange zu erwarten, da teilt einer sich umner bald den cmbent mit, befragt auch den frerndesten Wanderer und tröstet sich germ mit guten Worten anderer. Der Ostpreuße ist von anderem Schlage. Er schweigt und überlegt, ist ängstlich pesorgt, daß den: Gehege ,einer Zähne nur ja kein Wort entfliehe., Er wartet ab, uiid es kann zu Zeiten Stunden dauerm, bis er den Z'ünd auftut zu teuer zwar harten, aber klarsten und ani fchönsteii klingenden Provinzsprache, die wir in ganz Deutschland haben. , So warteten wir aediüdig unter den Schweigsanren. Es war ganz still rm Dorfe. Nur die Gänse schnatterten von der Weide, -und ab und zu brüllte eine Kuh auf den Wiesen. Endlich geschah doch etwas in dieser schlveigsamen Versamm- lunb.^in Fester tat sich auf. Der Gendarm steckte seinen behelm- ten Kopf heraus. „Na, wer den nun?" brummelte er und erhob dann seine Stimme, daß sie alle auslauschtcn. „Jakob, du bist ja uroljt der Netteste und der Gescherteste hier-Komm mal rein!" . Der alte Bauer Jakob,, mit seinen iveißeu Haaren alle um Hauptc>Kange überragend, nickte tatterig, setzte sich in Bewegung Und erklomnr die Trtttstufen. - Der Gendarcki hatte das, Fenster wieder Zugemacht, und der Anitsdrener, seift intb verschmitzt, schloß hinter den: Bauer die Tür fest zu. Draußen wartete man uirerschütterlich. Wir rechneten bei uns aus, wie lange es wohl iroch druieru könne, denn-wir wollten dock), wenn auch unsere Zeit drängte, gerir das große Ereignis unterleben. Mißtrauisch und abweisend, mit einem schweren, verhangenen Bttcke sah uns ein Alter an, den wir ermunternd an- sprachM. Schließlich tat sich auch die Tür wieder auf, die den alten Jakob herein,gelassen hatte; man muß nur warten können. Und das haben wir ja aUe im Kriege gelernt, oft ein banges» Warten. — . Noch tatteriger als zuvor war der alte Jakob. Und als er die paar Stufen förnilich hinabtastete, war in seinen von den Brauen übertuschten Augen etwas Seltsames, so Erschrecktes, daß man Tränen denken mochte, llrid dieser Ausdruck — wir sahen es deutlich und fühlten es noch deutlicher — er Nlte sich den andern Alten, teilte sich allen mit. Sie blickten Mob ms Gesicht, starrten auf die Tür, die ihn ein- und aus- getaisen hatte. Und dann-gab es ein Räuspern und Raunen, ern schzoerev Schlucken, über die Augen Wischen-— — »st'vahr?" rief abgerissen etrfe Akte Jakob an Er nickte. Wortlos. Do heulte sic los und die andern stimmten mit ein. Die Alten und die Jungen weinten aus offenem Platz am lichten Tage. Wir beiden ungebetenen. Zuschauer tvarcn überrascht, amüsiert und ärgerlich zugleich, aufs höchste verlegen. „Na, Jakob, was ist denn los?" 8j ne Antwort. Tränen, die langsam, glitzernd über die runzttchen Wangen hernnterliefen. Tränen. „Ja, aber Jakob!" Meiii Begleiter, seit Jahren und Tagen bekannt im Dorfe, packte ihn bettn Arme. „Alter Jakob, was ist denn los? Ihr seid doch ein Mann, zum Kuckuck nochmal! Wer wird deim heulen? Und !venn alle heulen, so seid ihr doch wenigstens vernünfttg." „Was ist denn los, Jakob?" Der Alte schüttelte den Kopf. ^ „Na, kann euch denn keiner helfen?" , „Keiner, Herr!" Das war alles, was wir aus ihm herausbringen konnten.^ "Achlch denn?" friigte da vorlaut eine Weibesstimme. p.„Glnch, hat der Sck-andarm gesagt." Wie ein Schicksal sprach cs der Alte aus. X yx" x r denn nur, alter Herr?" fragte ich mit letzter Ge- wünschte mich weit weg ans dem Kreise der weinenden, kindischen Dörfler. „Photoaraphiert werdet ihr jetzt alle miteinander. Das hat der Herr Schandarin gesagt. — . . Mjtb geht es nach Sibirien. Oder ihr iverdet aufgehäugt) jeder kann sich s aussuchen. Das hat der Amtsdiener gesagt." Nun heulten die Weiber laut aus. Wir beide schämten uns doch ein wenig, laut hinauszulachen. „Nein, Photographieren lassen wir uns nicht, im ganzem mcht!" kreischte eine gebückte Urgroßmutter, die auf einem Sterne hockte. , Da^ trat der .Herr Gensdarm aus der Tür. Und wie zwei Scharfrichter der Photograph und sein Gehilfe hinter- ihm. Sie trugen verhüllte Kasteii uub Gestelle. . „Zu zweien angetreten allesamt hier! Mal marsch; wir lfaben keine Zeit. Die Weiber voran, daß das Geheul ein Ende nimmt. Wer nicht pariert und nickt sttllhält, wird bestraft!" Der Gestrenge strich sich feinen gesträubten Bart. Und bn Anttsdieuer hinter ihm drohte grinsend mit der Faust: „Nachher pascholl nach Sibirien!" Dieser feiste Schelm von einem wahren Falstaff gefiel mir am meisten. Ich nickte ihm zu. „ „Herr, wer sind Sie denn eigentlich «nd was wollen Sie hier? Haben Sw denn überhaupt Papiere? Zeigen Sie mal Ihre Papiere!" stellte mich der Allmäckstige, daß sic alle betroffen imb> mcht ganz ohne Mitleid auf mich sahen. .. Ich zeigte meine Ausweise vor und wurde in Gnaden citt- la.Ncii. Hinter uns begann die Prozedur. Beklommen nahte Weib- lem mu Werblein dem nntri'iglichen Auge der Photographenkamera Und intl Davon wandern hörte ich den GensdanueriewachL- meister ferne guten Dörfler belehren. . . Ihr habt doch gesehen, was der Herr da für ein Bild in fernen Papieren hatte. Na also. Bon jetzt ob' ist das eben so diesseits des Memelstromes. Was? — Was habt ihr gedacht? — Na, wo>ür ftchen denn eure Jungen und Brüder, Männer soweit drinnen in Rußland. Weiß Gott, ich wäre lieber bei denen, als euch heibringen, was eine Photographie und ein Paß ist." Das Pferd im Weltkriege. Nach einer Angabe des Grafen Dominik Hardegg gibt es auf der Erde im ganzen rund 94 Millionen Pferde. Davon entfallen auf die Länder des Dreiverbandes rund 40, ans Deutschland und Oesterreich-Ungarn zusammen rund 8Mttlionen. Me kümmerlich sreht drefe Zahl nicht neben den 40 Millionen Pferden unserer. Feinde aus, - Und doch liegt das überwiegende Schwcrgelv'icht für diesen Ktieg, wie die Erfahrung gezeigt hat, bei diesen acht Millionen. Denn auch hier macht es nicht allein die Zahl, son- oeril macht es der Wert des Pferdematerials und hierin sind, wie Bezirkstterarzt a. D. M. Reuter in einem fesselnden Aufsätze uh -Pvonretheus" (Verlag von Otto Spanier, Leipzig) hervorhebt, die Machte des Zlveckundes int Vorteil. E ng la ud, das klassiM Land der Pferdezucht, züchtet schon seit Jahrhunderten nur für das Auge und für den. Sport; das Ziel der Zuckt ist die Erreichung möglichst großen G-eldgeuünnes, dagegen ist die Gebrallchs- zucht ganz vernachlässigt worden, und.so t'omnit es, daß England mit Ausnahme von Irland für Heereszwecke überhaupt keine Pferde besitzt. Nicht viel besser steht es mit Frankreich; hier kommt der Norden fast ausschließlich für den Luxus und die Land-- Wirtschaft in Betracht, da.die Norinandic nur einen kleinen Bru.ck" teil ihrer Aufzucht für das Heer abgibt. Das südliche Frankreich züchtet kleine Orieittalen, welche kaum die nötigen Maße halwn. Unk für Militärzfoecke ausreichende Berivendung finden zu köuneu' Weit erhaben über diese Staaten ragt der Koloß Rußland anit seinem riesigen Pferdereschitunr hervor, der im europäischen und im asiatischen Reichst eile zusammen über 33 Millionen Tiere verfügt. Auch in Bezug auf die verschiedeilartigsten Gebrauchs- Wecke besitzt Rußland eine unermeßliche Ueberlegenheit über seine Bimdesgeuosseu, und es könnte tatsächlich eine ganz außerordentliche AnZahl von Kavaslerieregünentern letttteu inacken iurd auch 648 feilten. Verbündet eil tu dieser Hinsicht unter die Arme greifen. Allein daOc ist es infolge seiner gwgraphisäM» ALgeschlossenheit nicht inOande, nnb so kann es nicht wimd-er nchwen, daß z. B. int sranzösisckren Heere sich bereits ein empfindlicher Pferdemangel de merkbar gemacht hat, so daß sich die Heeresleitung entschlicßeui UMßte, Kavallerieregimenter ans Fahrrädern „beritten" zur machen. Was nnn das deutsche Pferd im Weltkriege an geht, so hat die bekannte deutsche Organisationsgabe es auch hier verstanden, das zahlenmäßige Untergerricht anszngleichen Nnd die Leistungsfähigkeit des Pf-erdeinaterials aufs höchste zu steigern. So berichtet Prof. Eberlei;» von der tierärztlicher Hochschule in Berlin, daß bei einem! Reservearnreekorps das Pferdematerial, welches sich ausschließlich ans ausgchobeneu Zivilpserdeu verschiedenster Rassen zusammensetzte, vortrefflich bewährt hat. Diese Pferde, die vorher Brauerei-, Speditions- oder Arbeitspferde gewesen waren ouer als Geschäfts- nnd Kiitschrvagellpserde Verwendung gefunden hatten, hielten selbst die anßerordentlichsteir Strapaze;» überrasck>end gut aits, nnd dabei hatten die Tiere oft große Strecken, nicht feTteil 60 bis 70 Kilometer per Tag, Mrückzulegen. Was die ems-etiicit deutschen Pferdeschläge angeht, so hat sich nach den Beobachtungen des Stallsveterinärs Zembsch das Pferd der edlen ostprenßrschen Znchtrichtimg hervorragend bewährt, obivohl oft außerordentliche Anforderungen daran gestellt wurden: Gewaltmärsche von 75 bis 100 Kilometer, unregelmäßige Fütterimg, schlechte Unterkunfts- verhAtnisse, viele Biwaks in kalten Nächten ufw. Die Widerstandskraft erstteckte sich auch ans Erkrankungen. Die Hannoveraner der jüngeren edlen Zuchttichtung stehen den Ostpreußen kaum, nach, während die öolfteiner, dänischen und Holländer Pferdeschlage sich bei der Kriegskavallerie nicht bewährt haben. Das deutsche Kriegspferd hat sogar das vielgerühmte russische bei weitem an Gebrauchsfähigkeit, man möchte sagen: Intelligenz übertroffen. Erbeutete Kosakenpferde erwiesen sich in der Regel für den deutschen .Heeresdienst unbrauchbar und mußten erst in den Gestüten nnd Remontedepots für das deutsche Reglement herangebildet werden. Erwähnenslvert ist mich, in wie hohem Maße sich das ö st e r ei chr - sch e Kriegspferd bewährt hat. So flößte nach den Berichterstattungen ganz besonders das bisher noch wenig beachtete kleine ritthenische Baiierripferd geradezu Bewunderung ein. Dieses trotz seines niederen Körperbaues sehr ausdauernde und unermüdliche Ruthenenpferd hatte in Galizien an Stelle des schweren Zugpferdes, das sich dort als weniger hierfür geeignet erwiesen hatte, sogar einen sehr großen Teil der Trainlast zu bewältigen. Der Weltkrieg hat erwiesen, daß die sich int Jrrtume befinden, die das Pferd für Kriegszwecke überlebt hielten. Der Wert des Pferdes im Kriege ist vielmehr nur gestiegen nnd in vielen Fällen hing der militärische Erfolg im Weltkriege davon ab, wer am längsten über marschfähige Pferde zu verfügen hatte. Von welcher Wichtigkeit das Pferoematerial geworden ist, hat sich namentlich aus den: östlichen Kriegsschauplätze wiederholt gezeigt. So ist bekannt, daß dort einmal ein ganzes deutsches Armeekorps von den Russen vollständig eingeschlossen war. Nach dem Berichte eines Mitkämpfers hat ein Artillerieoffizier, der btc Lage übersah, den Befehl gegeben, mtt allen verfügbaren Kanonen im stärksten Galopp auf eine bestimmte Höhe anfzufahren und sofort das Feuer zu eröffnen. Dadurch gelang es, den Rückzug des Heeres- teiles zu decken, Tausende zu retten und dein Fencde »roch empfindliche Verluste beizubringen. Der Erfolg war somit nur durch die Pferde ermöglicht worden. ___' vermischtes. • Was Armlose leisten. Verschiedene verblüffende Beispiele dafür, wie der völlige Verlust der Arme ausgeglichen werden kann, sind in letzter Zelt angeführt worden, da man sich jetzt bei der Kriegsbeschädigtenfürsorge mit dieser Frage besonders beschäftigt. Der bekannte Kenner der Geschichte der Medizin Professor Euaen Holländer, lveist nun iit der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift" daraus hin, daß es bereits viele Jahrhunderte hindllrch eine ganze Klasse von K ö r p e r k ü n st l e r n gab, die aus körperlichem Miüwachs ihren Erwerb zogen. So gab es unter den sabrellden Gesellell eine besondere Gattllng von sogenannteil Fußkünstlern, die aus Märkten und Plätzen herllmzogen llnd dem erstaunten Publi- kum zeigten, lvie man durch Fleiß und Nebung dahin komillen lanu, statt der verloreileu Arule und Hände die Beine und Füße ebeilso geschickt zll gebrallchen. Die Reklamezettel dieser reUeubett Gaukler weisen zum Teil interestarlte bildliche Darstellungen aus. So zeigt z. B. ein Kllpser alls dem 18. Jahrlnrndert ein mit den Füßen arbeitendes Mädcheil, das mit deil Füßen das Spinnrad dreht, Karten itnb Würfel spielt, wie es die Umschrift des näheren erläutert: „Dieses Bauernmädchen arbeitet mit den Füßen; ohne Hände »lacht sie sechs Stück: erstlich fabelt sie die Nadel ein, zweitens näht sie. drittens strickt sie, viertells spielt sie mtt den Karlen; fünftens spinnt sie; sechstens ivirst sie mit zwei Würfeln, solches geiviß schön zu sehend DaS Uuglallblichste in dieser Hinsicht hat aber lvohl ein Mann geleistet, den der berühmte Kriegs- chirllvg Ambroisc Pars im 24. Buche seiner Chirurgie nach der Behandlung der küustlicheu Glieder erlvähnt lind abbildet. Der gänzlich armlose Mann benlitzte außer den Füßen noch die Hals- tnrd Rllnlpsnluskltlatur zll allerlei Handllingeil, die sollst mit de»» Händen auSgesührt lverden. Auch die Umstände, die zu seinem Tode führten, sind sür einen Armlosen höchst merkwürdig. „Vor,reuigen Jahre,»", so schreibt Pare^ „ist hier in Parts ein 40jäbriger Mann gesehen worden von vierschrötigem Wuchs, welcher, obivohl er ohne Arme war, alles das, »vas man sonst mit den Händen zu verrrchten gewohnt ist, gleich lvirkjain erledigt. Mit der Schulter u,ld dem Rumps, Kops und HalS schlug er ein Beil in einen aufgeslelltcn Pfahl mit einem so sicheren und starken Schlag, ivie ein anderer Mann mit der Hand, und mit solcher Macht handhabte er die Fuhrmannspeitsche, daß sie wie mit einem ehernen Schlage knallte, im übrige»» aß er mit den Füßen, trank und spielte Karten und Würiel mit ihnen: endlich als Raubmörder gefaßt, >v»lrde er an» Kreuze erdrosselt und gerädert." * M o l t t e i n Verlegenheit. Daß auch Moltke eillmal in Vcrlegeuhelt gekommen ist. wird >nan kaum glauben. U»rd doch ist es so. Bet einer Abendgesellschaft in sei,lem Hause beialiden sich zwei Brüder, die beide als Hauptleute im Generalstab standen. Der General trat an eine Gruppe heran, in der sich eiiler der beiden Brüder befand, und fragte, nachdem er am Gespräch teil- genommen: „Sageil Cie n»at, wie heißt doch gleich der große Offizier da drüben ain Ofen?" „Das ist nieln Brllder, Exzellenz." lautere die Antwort. Ein leises Lächeln glitt über das Gefichl des Generals, als er für die Auskunft dankte. Bald darauf trat Moltke an den anderen Offizier, nach den» er geiragt hatte, heran »rnd ließ sich mtt diesem in ein Gespräch ein. Plötzlich sab >i»an, als er fich abwandte, »vieder jenes ihm eigene kindliche Lächeln über seine Züge gleiten. Man fragte den Offizier, wonach Molrke sich erkundigt habe: „Wer der Offizier da drüben se»." „Und ivas haben Sie geantwortet?* „Daß e§ inein Bruder iit." An diesem Abend gab es (Srak Moltke aus, z»r erfahren, wie dre beiden Brüder hieße»», mit denen er sich z»»sa»n»nen befand. Büchcrtisch. — Das Schwert des Geistes. Gottes Wort für den täglichen Gebrauch ausgewählt. mit Leitwort »»nd Lesetasel versehen von H. Schökiler, Generatsllperintendent von Ostpreußen. — Sedezformat. 410 Seiten. Preis gebd. m 1,20. Berlin W 35. Vertag des Eva»»gelischen Bundes. Diese Ausgabe ist in erster Linie für »injere 1 opferen Krieger gedacht, wird aber jedein anderen evangelischen Christen ebenso willkommen sein und sich deshalb a»lch vorzüglich zu Geschenkz,vecke»l ei inen. — @ mannet ©ei bei. Sein Lebe»» uub eine Auswahl ait8 seine»» vate»lä»»dischen uub religiöse»» Gedichten. (Volksschristen zun» großen Krieg Nr. 56/570 Berli»» IV 35, Verlag des Evangelischen Bundes. 40 S. 20 Psg. — Der „Lahrer Hinkende Bote" für 1 9 1 G (Verlag Moritz Schauenburg, Lahr i. Baden) brt'lgt eine Ueberschau der geschichtlichen Vorgänge von» A»»sbr»lch des Krieges bis zur Er-- oberung Warschaus audi iit einer humorvollen Standrede vom „Feldzug der Dal eimgebttebenen" — einer beherzigenswerten Mahnung an alle Hausväter »ind Hausfrauen. Auch seinen ar»S dein Volksleben geschöpften Erzähl»»ngen »vird cS nickst a,» Teil- r»ahn»e fehle»», ui»d auch als Ratgeber tut der Kalender gute Dienste. Schach-Aufgabe. Von B. Prikr»)l in Prag. .Auflösung in nächster Nummer. .Auslösung des G^elchklangrätsels in voriger Nummert Laute. Schristleitung: Aug. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Brüht'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lgnge, Gießen