Samstag, den 9 . .Es war etwaA in ihrem Ton, das fiel dem Hannes Reusch seltsam aufs Herz. Fast wie eine Anklage. Und hatte rhm nicht auch die alte, blinde Frau da draußen schon ma!ichmal ganz dasselbe gesagt? Ta verstuiumte er für ein Meuchen. Doch dann kam ihm wieder der Trotz. „Man hat doch nur dein. Bestes gewollt. Und wer hat denn das> voraussehen können? — Aber es ist ja auch alles Unsinn. Nur an dir licgt's, att deinem verdammten Starr- smn und Dünkel!" Wütend stieß er mit dem Fuß nach einem Stuhl, der rhin int Wege stand, daß er polternd umschlug, und lief darin nnt stampfenden Tritten im Zimmer auf und ab. Gelassen sah Marga Reusch seinem Treiben zu. Ja, ein geheimer Widerwille spiegelte sich in ihrem Blick, wie sic dem aufgeregten Manne so mit großen Augen folgte. Als ob es gar mcht ibr Vater wäre, sondern irgend ein Fremder —j eurer denen da draußen, auf die sie mit Verachtung herabblickte, von denen sie eine Kluft trennte: Der unüberbrückbare Unterschied einer überlegenen Kultur. Und war's nicht auch so hier in diesem Fall. War ihr der Mann dort nicht fremd geworden, wie dieses Haus, diese ganze Um- gebuiig hier seit den Jahren in Wiesbaden? Wieder einmal empfand sie es mit einer Klarheit, dre sie aber weder erschreckte, noch etwa mit Trauer erfüllte. Das war ja alles nur zu natiirlich. Die Alten und die Jungen - Rückstand und Fortschritt - zwei Welten, die sich iiicht verstehen konnten, zwei unvereinbare Gegensätze ganz notwendig einfach. Unnatürlich war es nur, daß sie gezwungen war in dieser Wett zii leben, die keinen Raum str sie hatte. Mußte da nicht schließlich etwas wie Haß aufsteigen gegen die Gewalt, die sie dazu. zwang? trauen zogen sich zusammen, wie sie zu Hannes Reusch hmsah. Der aber mäßigte jetzt seine Schritte, und in seme Zuge trat ein veränderter Ausdruck; ein Grübeln Mld Schwanken. Es entging ihr nicht. Da ging sie leise auf „Vater!" Ein kosendes Anschmiegen war in ihrer Stimme. „Willst du denn nie mit dir reden lassen? Tu meinst es doch gut mit nns, Vater — nicht?" Kn^Z l ' e f I Cme legten sich ihm um den Nacken, urck) die schönen Augen bettelten stumm. So hatte sie es J mT r te - r tan ' unb uie hatte er ihr etwas abgeschlagen. Auch jetzt wurde dein Hannes Reusch dabei weich. _ "Dumme Frage!" polterte er, aber nur mühsam behielt ^lruhen Ton bei. „Natürlich mein' ich's gut miti euch. Aber was hat das damit zu schaffen?" ^ ^ Da preßte sie sich noch dichter an ihn. ^ e . g ivtrklich gut mit uns meinst, mit dem Hermann und nnr, wenn du uns glücklich machen willst ^ ^>c>cr> rntt uns in die Stadt, nach Köln! Du kannst "uch wahrhaftig Ruhe gönnen auf deine alten Tage, Vater, hast za genug vor dich gebracht, und wenn du dann noch hier den „Hirschen" gut verkaufst „Verkaufen?" m 00 WtUJ stieß Hannes Reusch die Tochter voii sich, daß sie fast taumelte. Mer er achtete es nicht. Zornrckt glühte ihm die Stirn. „Hier das Haus verkaufen, wo ich Zeit meines Lebens gesessen? Nein, nie! Eher —!" Drohend schüttelte er die Faust zu dem Mädchen hin, das dastand, ohne sich zu rühren, die Lippen fest aufeinander gepreßt. Der Anblick reizte ihn aber nur noch mehr. „Ja, setz' nur dein hochnäsiges Gesicht auf! Es hilft dir alles nichts. Hier, in dieser Stunde sag' ich dir's; ^N'icht daran zu denken ist's! Solange der Hannes Reusch! lebt, bleibt's hier, wie's ist! Bin ich nicht mehr, habt ihr mich mal rausgetragen auf dem Schrägen — dann macht meinet- halben, was ihr wollt. Schlachtet die Henne, die euch die goldenen Eier gelegt und bereu ihr euch nun schämt. Aber na — einstweilen ist's ja noch nicht so weit. Und ich denke euch den Gefallen auch noch lange nicht zu tun. — So, da hast du meine Antwort!" Damit riß Reusch die Tür auf und warf sie krachend hinter sich zu. Marga blieb unbeweglich stehen. Nur uni ihre Mund- ^ukel ging es für einen Augenblick wie ein Aufzucken. Aber gleich wurden die Linien wieder hart. Bloß keine Sentimentalität! Gefiel sich der Vater im Volksstückton, sie tat nicht nnt. llnd sie ging mit entschlossenen Bewegun- gen zu ihrem Kessel ani Fenster. Dort ließ sie sich nieder; die Arme fest verschränkt, die Knie übereinander gescküagen. So blickte sie eine Weile starr vor sich hin, ganz Wloerstaud. Aber allmählich ward ihre Miene nachdenklich. Der Anlaß zu diesem ganzen Auftritt kani ihr wieder in Erinnerung — Steinsiefens versteckte Werbung. Und unwillkürlich stellte sich ihr der Gedanke ein: War es eigentlich klug gewesen, ihn so schroff zu verabschieden? Wenn ihr dies Leben nun doch einmal unerträglich wurde und sich keine andere Möglichkeit bot — das war doch immerhin ein Ausweg! Der einzige, allenfalls noch gangbare, der sie aus dieser Misere, dieser grauenhaften Abhängigkeit herausrettete. Nahm sie Steinsiefens Werbung an, so war sie frei von der väterlichen Gewalt, ihr eigener Hbrr ' dann galt ihr Wille! Denn Steinsiefen war Wachs ulfthrer Hand; ein ergebener Sklave, beu es obenein noch ' glücklich machte, ihr dienen zu dürfen. Freilich, das war auch alles. Einen Mann durfte sie uicht erwarten in ihm zu finden. Aber wog das schließlich so schwer? Lohnte es sich, deswegen vielleicht seine letzten Chancen aus der Hand zu geben? Sie tvar vierundzwanzig letzt — worauf wartete sie da eigentlich noch? Aus das große Wunder etwa? Hier in diesem Bauernnest! Ein kalter Zug grub sich für einen Moment um die semen Lippen, Und dann kamen ihr wieder jene Gedanken- ^temsiefen war doch immerhin — äußerlich gesehen — eine annehmbare Erscheinung. Was noch fehlte, würde er Uch schon aneigneii unter ihrer Hand. Seine Verhältnisse waren gut. Er verdiente ein hübsches Stück Geld und hielt es nicht ängstlich zusammen, hatte Sinn nicht bloß fürs Erwerben sondern auch fürs Genießen, für Reisen, für das großstädtische Treiben. Er würde sich ein Vergnügen daraus machen, fte mitzunehmen und zu zeigen dort draußen in der 6/o.ßcn Welt voller ^tolz und Eitelkeit. Also — weshalb- sträubte sie sich eigentlich so gegen diesen Ausweg? War es ani Ende wirklich nicht sehr unklug von ihr? ~ ~ vielleicht, wahrscheinlich sogar, und dennoch' Da war doch noch etwas anderes in ihr, das lehnte sicki auf gegen all diese kühl berechnende Vernunft. Und Marga wußte selbst nicht: Kam das aus der Region ihres Stolzes' ihrev Ehrgeizes, der sich von frühester Jugend an ein höheres Ziel gesetzt, oder aus einem dunkeln Winkel ihrer Weibesnatur, wo ein verborgenes Sehnen heimlich die Hände ausstreckte? 1 Das schime Antlitz tief gesenkt, sann Marga vor sich hm; aber sre kam zn kemer Klarheit. 1 * (Fortsetzung folgt.) Der Helfer in der Not. Von P. Hüben er, z. Zt. im Felde. diesem Kriege ist ein Ausrüstungsstück des deutschen Sol- daten zu ungeahnten Ehren gekommen: der kleine Spaten! Wie O'-.uckde sich in Friedenszelten jeder möglichst weit in den Hinter-. fs hleß: ^Spaten empfangen!" Und ,ver dann ^Ä.^K/^ lolclxs Ding „aufgeladen" zu bekommen, der hatte nichts Schleunigeres zu tun, als es auf anständige oder — 627 unanständige Weise loszuwerden, d. h. entweder zu „verlieren" (akas fortzuwerfen) oder einem jüngeren Kameraden zuzuschustern, lei es mit Lift, sei es mit Gewalt. Und jetzt! Jetzt ist allgemein Schrei nach dem Spaten!" zu beobachten. Jede Gruppe (6 Mann und.Führer) soll 7 Spaten und 2 Beilpicken haben, Üi . e f t ' t 10 gegen 1 zu wetten, daß beim ersten Appell keine Beilpicken mehr da sind, sondern alle Mann kleine Spaten vorigen, ja einzelne sogar daneben noch die großen sog. Pionier-, spaten mitschleppen. Woher wohl dieser Umschwung? Zunächst ohne Zweiset durch den Trieb der Selbstcrhaltuiig hervorgerufen: in vielem Kriege ilt das Eingraben zum Schiitze gegen feindliches Feuer eine Hauptaufgabe. Sodann aber hat sich der kleine Spaten " ex Ä - .^glichen Gelegenheiten zu allerlei Hilfeleistungen äußerst zweadienlich erwiesen und ersetzt verschiedene Instrumente in schönster Weise, so daß er als ein wirklicher „Helfer in der No?' «v Worden kann. Es dürfte ganz interessant sein, seine Biel l eitigreit einnial etwas näher zu betrachten, indem wir eine arivzlehende Truppe auf ihrem Marsche begleiten und bei ihren Rasten und ihren Taten beobachten. . ^ Tw jungen Krieger sind eben verladen worden, der Zug harrt des Abfahrtfignals; da kommt noch ein guter Freund dahergerannt und schwingt nne Pulle Sekt oder eine Flasche besseren Wein, die schleunigst noch mit den abfahrenden Kollegen geleert werden soll. Korkzieher ist nicht zur Stelle, also muß ihr der Hals, gebrochen werden; erst soll das Seitengewehr dazu heran, aber man weiß nicht, ob man daniit nicht Anstoß bei den Vorgesetzten erregt, lieber den Spaten herbei; und dieser verrichtet dm Liebesdienst denn auch schnell uird gelvissenhaft; er empfängt dabei gewissermaßen die ^ Laufe zu seiner kriegerischen Laufbahn, denn ein werrig von dem schaumenden Naß ergießt sich bei der Operation auch über ihn. Während der Bahnfahrt gilt 'eg vielleicht Nüsse aufzuknacken oder sonstige Sachen zu öffnen; da greift mancher lieber zum Spaten, als daß er die Arbeit mit der Hand oder dem Fuße verrichtet; z. B. wenn es gilt, Kiftchen oder Kisten mit Liebesgaben zugänglich zu machen, muß der Spaten die Zange ersetzen. Las Bahnziel ist erreicht, der Fußmarsch beginnt. Es ist aber doch etwas anderes, mit kriegsmäßig vollgepacktem „Affen" daherzulaufen, als in der Garnison die Kriegsmäßigkeit nur zu markieren; bald gibt es daher „Abbauer" und Nachzügler. Schließ- Uch liech nch der Führer veranlaßt, zu rasten und bei der Gelegen- ab kochen zu lasten. Die erste Gruppe wird zum Wasserholeni besohlen, die zweite soll Holz holen, die dritte Kartoffeln usw., die vierte die Feuerstellen anlegen, die fünfte Proviant empfangen ufw. usw. Da ist der kleine Spaten in seinem Element: er muß für kleines Holz sorgen, die Erde nach Kartoffeln umwühlen, die Feuerlöcher ausheben, die Vorratskisten öffnen und dergl. mehr; dann benutzt ihn einer, um auf ihm seine Konservebüchse über der Flamme Nwrm zu machen; ein anderer hat sich irgendwo unterwegs ein Stuck fleisch erbettelt, das etwas zäh ist und erst mit Hilfe des Spatens mürbe geklopft wird, der dritte will sich Kaffee kochen, hat aber mir ganze Bohnen, also werdrin diese auf dem Spaten mit, einem Stein (oder umgekehrt) zerkleinert. So wird das un- schnnbare Instrument zu allen möglick-en Hilfeleistungen herangezogen, und alles besorgt er gut und willig gleich einem treuem Kameraden. Wenn dann einer sich zum Dessert eine Zigarre an- stecken will, fischt ihni der Spaten auch schnell noch eine glühende Kohle aus dem Feuer. Dann aber überschüttet er die Glut wieder hiibsch mit Erde, damit kein Unheil entsteht und Speisereste, Knochenteile usw. vergräbt er sorgfältig zur Verchütung von üblen Gerüchten. mj fr ^ Fertigmachen zum Aufbruch befohlen worden. Der Marsch wird fortgesetzt bis zum Eintritt der Dämurerung. Es ist gelindes Wetter, da wird biwakiert, damit sich die Leute daran gewöhnen Wieder übernimmt der kleine Spaten die verschiedenen Arbeiten, die er schon Mittags bei der Rast verrichtet hat, dairn aber tritt etwas Neues hinzu: es werden Zelte aufgeba?ut, da gilt A'/die „Heringe", das sind die Holzstäbe, mit deren Hilfe die Zeltbahnen nach derSette zu straff angezogen werden sollen, recht fest in die Erde hineinzuhauen; Hämmer siird nicht zur Stelle, also muß der kleine Spaten heran. Nachher wird das Zelt rings nnt ernein kleinem Graben umgeben zum Schutz gegen Nässe und die ausgehobene Erde auf den Rand der Zeltbahnen arifgehäufelt, um das Ganze gegen Zugluft abzuschließcn; wenn nötig, wird auch der Boden rm Innern ein wenig geebnet. — Zu eiiiem ordnungsmäßigen Lager gehört auch eine Latrine, die natürlich ohne Spaten überhaupt nicht hergestellt werden könnte. er ? n L Ochsten Morgen geht es weiter, immer näher an die Front; plan tn er kt es sthoii an dem stets stärker werdeiiden Kanouen- donner. Bald ist auch das Gewehrfeuer hörbar und nicht lange mehr ^?^ort es, da pfeifen einzelne verirrte Geschosse auch über unsere Truppe hinweg. Man passiert verlassene Schützengräben, durch- schreitet zerstörte Drahtverhaue und muß öfters über Granatlöcher der verschiedensten Großen hinwegturnen. Die Truppe soll sich an das Regiment, das in Reserve hinter der Front liegt, heran ar- uni verschiedenen Bataillone bezw. Kompagnien verteilt zu werden. Bekanntlich haben die Reserven aber meist mehr unter dem feindlichen Feuer zu leiden als die vordersten Linieii' so geht es auch unseren jungen Kameraden; je näher sie an die' Stellung deo Regiments kommen, desto unheimlicher wird das Schwirrem der Geschosse; bis schließlich vom Regiruent aus der Befehl kommt, der Ersatz soll liegen bleiben und sich einbuddeln Also: Hmlegen!" — „Spaten heraus?" — „Eingraben!" — Nun ist der Spaten erst recht in seinem Element und es ist eme Freude, zuzusehen, wie schnell er, von kräftigen Fäusten geschwungen, den Erdboden umwühlt, ein Loch herstellt, in dem der junge Krieger genügend Platz findet und vom und teils auch an den beiden Seiten eine Erdwand errichtet, durch die kein Gewehrgeschoß hindilrchdringen kann. „So, das wäre geschaffen!" ertlart der geistige Urheber des Werkes mit einem gewissen Stolz aus seine Leistung, aber der vielerfahrene Spaten, dem der ^owenanteü Mi der Arbeit zufällt, schüttcklt den Kopf und behauptet: „Las ist noch garnichts, nur ein Kinderspiel gegen das, was wir noch leisten können und bald jedenfalls auch leisten müssen!" Und er hatte recht: noch im Laufe des Nachmittags wurden die c ? ert einzelnen Kompagnien einverleibt und schon am elben Abend rückten sie mit hinaus rn die Nacht hinein, Richtung: feindliche Stellung, um den alten Schützengraben nach Ablösung nnes L>chwefterregiments zu besetzen und von ihm aus einen neuen Graben weiter vorne auszuheben. Darüber ging natürlich die ganze Nacht hm und als der Morgen graute, hatte der fleißige Spaten geschaffen: Die Mannschaften hatten Schutz gegen feindliche Geschosse, daran konnte auch das wütende Schrapnell- und Granatfeuer des Gegners nichts mehr älidern, mit dem dieser die neue Stellung überschüttete, als er sie entdeckte. Im Laufe ^^es *?. men 0 Miu Iwch die bombensicheren Unterstände an chie Arbeit, die am nächsteir Tage fertiggestellt waren und nun immer gemütlicher, wohnlicher und vor asten Dingen sicherer ausgebaut werden, so daß unser „Helfer in der Not" immer noch Arbeit genug hat, zumal auch die Laufgräben stets Verbesserungen und Aenderungen erfordern. Daneben aber waltet er auch seines £ l n * eg am „häuslichen Herd", wie vorher am Lagerfeuer und bec der Mast, denn unsere Freunde sind dort votne in den Stellungs- tampf übergegangen, da es sich als unpraktisch (und vielleicht auch als undurchführbar) erwiesen hat, dem stets zurückweichenden Feinde' noch werter in das unwirtliche Innere des Landes zu folgen. Zu wohlverdienter Ruhe wird unser Spaten also sobald noch, Nicht komnren, er wünscht es auch garnicht, denn in den Mußestunden des Schützengrabenlebens entdecken die spitzfindigen alten und lungeii Bewohner der Erdhöhlen immer neue „Berufszweig?' für den treuen, arbeitsamen Begleiter, und dieser ist dankbar für jede Abwechselung. Nur eins hat er sich ausgebeten: niemals möchte er seinem Herrm uird Gebieter die letzte Ruhestätte auf fremder Erde bereiten helfen, sondern diesen gesund und heil wieder im Baterhause abliefern! Leider hat er, wie er klagend einst nach einem schweren Kampftage berichtete, schon manchem guten Kameraden und Freund seines Herrn den letzten Liebesdienst erweisen müssen und auch das schlichte Grabkreuz Herstellen und aufrichten helfen, das die Stätten bezeichnet, an denen die Tapfc- reii ausruhen von allem irdischen Leid! Vsvmsschtes. * Chrysanthemen. Zu unseren beliebtesten Herbst- bluinen gehört das Chrysanthemum, das jetzt mit Tausenden von Blüten unsere Gärten und öffeuklichen Anlagen schmückt. T^» Heimat der Blume ist Japan; sie wird dort in vielen Abarten' ge- zogen und ist die Lieblingsblume der Japaiier, die sie ja auch zu ihrer Wavvenblinne erkoren haben. Eine nahe Verwandte des Chrysanthemum ist die bei uns heimische „Wucherblume" oder „weiße Wucherblume", die in manchen Gegenden auch »Sternblume" genannt wird. Unsere Worte „wuchern" und «Wucherer" hattcu ursprüuglich nicht die schlimme Bedeutung, die wir heute mit ihnen verbinden, sie kennzeichneten nur ein besonders starkes Wachstum, und wir wenden sie in diesem Sinne noch aus die Pflanzenwelt an. Die Botaniker nennen die Wucherblume Chry- santhemum leucantheinuni, d. h. wörtlich ins Deutsche übersetzt' „Weißblnheude Goldblume". Derartige Farbcnkonfnsionen gehören in der Botanik keineswegs zu den Seltenheiten; gibt es doch auch eine Letula alba porpurea, also eine „rote Weißbirke". Auch Schiller spricht im .Eleusischen Fest" von „blauen Zianen"^ obwohl das Wort Zyane an sich schon so viel wie blaue Blume be- deutet. . . Wir sagen „das Chrysanthemum", und wenn es sich nur mehrere handelt, „die Chrysanthemen"; manche gebrauchen die ans dieser Mehrzahlform gebildete Einzelform „die Chrysantheme". Diese Bezeichnung ist an sich unrichtig; es gibt aber manche Bildungen dieser Art, die unser Sprachgebrauch schon längst gebilligt hat. Wir sagen „der Typus" und bilden davoii die Mehr- zahlsorm .die Typen"!; a»ls dieser ist die Ciuzelform „die Type" hervorgegaugen, der wir daun eine ganz andece Bedeiitung verliehen haben als dem Wort .der Typus". Aus Gründen der Sprachrichligkeit sollten wir freilich darauf achten, daß wir an der Einzelform .das Chrysanthemum" iesthalten und diese nicht durch die in den Sprachgebrailch eingedrungeiie Forin „die Chrysantheme" verdrängen lassen. . . In den Auslagen der Blumcn- handlungen erblickt man jetzt.überall Chrysanthemen mit Riesen« bluten, die oft die Größe eines Kinderloses erreichen. Allgeniein hält man diese großen Bliimen für eine Abart des gewöhnlichen Chrysanthemums, das aus den Blumenbeeten eine Blüte nach der anderen hervorlrcibt. Das ist aber ein Irrtum; es handelt sich "Ni ein und dieselbe Pflanze. Tie Riesenchrysanthemen sind durch Hypertrophie (Ncbcrernährnng) z»l ihrer eigeiiartigen Form ge- tL' — 628 — langt. Jeder kann dies zu Hause durch einen interessanten Ver- such seffstellen, indem er zwei gleichartige junge Chrysanthen^umpflanzen in zwei Blumentop'e ,:ebcneinander ani den Balkon stellt. Tie eine Pflanze behandelt man auf dieselbe Weise wie alle übrigen Balkonblnmen, und sie cittii>icfelt sich zu einem Strauch, der viele Blüten trägt. An der anderen Pflanze aber Lagt man nur einen einzigen Stengel anskominen und belaßt auch an diesem nur einige wenige Blätter. Zeigen sich die Blütenknospen, so werden diese bis au^ eine einzige abgeschnitten. Die zarte Pflanze wird ferner überreichlich gedüngt, und man steht bald, daß die dicken, fleischigen Blumenblätter der einzigen Blüte eme nngewohn- liche Länge erreichen; infolge ihrer Länge und Schwere können sich dre Blumenblätter nicht ausrecht erhalten, und sie langen glerch langen Locken von der Blüte herab, die selbst einen ungewöhnlichen Um ang annimmt, da ihr alle die Kraft zukomnU, die sich bei der ersten Pflanze ans viele Blüten verteilen muß. Dazu tritt lisch der Einfluß der starken Düngung. Das, was^ jeder aus seinem Balkon im Kleinen vornehmen kann, tut der Gä.tner tu seinem Treibhaus im Große,:. Das Riesen-Chrysanthemum rst also — um einen etwas drastischen Vergleich zu gebraucben — unter den Chrysanthemen das, was die Stopsgans unter den Gänsen rst. * Ein arm- u n b beinloser Akrobat vor vier- hundert Jahren. Armlose Feldherren hat es gegeben und armlose Künstler. Seltener scheinen die arn,losen Akrobaten gewesen zu sein, die gegenwärtig gleichsam als eine Art Ermutigung für unsere Kriegsbeschädigte!', wie dies z. B. jetzt im Berliner Zirkus Busch geschieht, ihre Künste vor einem großen Publikunr zur Schau stelle,i. Hin und wieder wird aber doch auch auS früherer Zeit von Männern berichtet, deren Willenskraft groß genug war, den Verlust von ArmGN und Beinen durch beständige Hebung der ihnen verbliebenen Gliedmaßen wettzuniachen und sich in Künsten auszuzeichnen, die die größte körperliche Geschicklichkeit erfordern. Als im Jahre 1545 in Berlin die Toppelheirat des Kurprinzen Johann Georg von Braiidenburg mit Sophie, der Tochter des Herzogs Friedrich IL von Pegnitz, sowie eines Prinzen von Liegnitz mit ö#r Tochter deS brandend urgifchen Kurfürsten gefeiert ivurde, fand nach dem feierlichen Beilager ein Turnier statt, bei dem es ziemlich gefährlich zuqmg. Der Chronist Haitis der uns diese Fest» lichkeiten beschreibt, bei denen es au' ein Menschenleben nrehr oder weniger offenbar nicht ankam, in, Gegenteil die Lustbarkeit durch das Totraufen von ein paar Menschen nur erhöht ivurde, beschreibt auch die erftannlicheu Vorführungen eines atm» und beinlosen .Kerls-, der mit dein Halse, also wohl mit dem Munde, ein Wurfgeschoß mehrere Schritte weit entsenden und dantit treffen konnte: .Den Montag her,lach haben Markgraf Hans von Cüstrin (der Bruder des Kurfürsten) und Herzog Wilbelm von Braudenbiirg ,ntt einander scharf gerannt und ein solches hartes Treffen getan, daß die Pferde auf dein Hintern sitzend gegangen und dennoch beide Herren sitzen blieben. ES hat aber Herzog Wilhelm dem Herrn Markgrafen Johannsen den Schild entzwei gerannt bis auf den Hals, und wäre um eilt weniges getan gewesen, wenn es Gott nicht sonderlich verhütet, daß er ihn, den Hals abgerannt. Tero- wegen alle Fürsten und Herren, so dantals auf der Bahne geivesen, sehr erschracken, eilends von den Pferden gefallen und zr,gelaufen sind ... ES haben auch mehr Herren vom Adel gerannt inid gestochen, aber ain Mittwoch haben sechzig Paar zu Rosse in ganze:: Kyrissen (Kürassen, auf der Bahn tnrnieret, und indein daß inan dem Ritterspiel zugesehen, ist einer vom Fenster vom Domturm gedrungen und herabgesallen. Der hat einen anderen, so darunter gestanden, tot gefallen »md ihme hat es nichts geschadet. Auch ist damals ein Keri ohne Arme und Hände da gewesen, der hat mit den Füßen und Löffel,: effen, eine Nadel fädeln lind andere Dinge tun können, die fast unalattblich zu sein scheinen; bat mit dein Halse Holz hauen und einen Teller an der Wand mit der Spitz« barten aus etliche Schritte treffen können. Es habeit auch der Noß- buben einen auf der Bahn totgeranst. . / • D i e Katze im Schützengraben. Einer Katze, die an* scheinend die Bezeichnung „Soldatenkatze* mit vollem Recht verdient. wird in einem holländischen Blatte die folgende Schilderung gewidmet: »Seit fast einen, Jahre hanst eine Katze in einem Schützengraben im Mergeln et. In ständiger Geiellfchaft der belgischen Soldaten ist sie selbst bereits ganz militärisch geworden. Wenn sie nach einer Feuerpause den Lärm der ersten explodierenden Granaten vernimmt, erhebt sie sich anS ihren: Schlummer und richtet sich stolz und kriegerisch auf. Sie springt zwischen die Soldaten und schmiegt sich schmeichelnd au ihre Beine, als wollte sie ihnen Mut znfprechen. Tie Bomben inachen ans sie gar keinen Eindruck mehr. Sie sieht sie heransausen und erwartet kaltblütig die Explosion. Eines Morgens erblickte n,an die Katze, die anscheinend allzu reichlich ae'rühstückt hatte, auf einer zerschossenen Blauer anSgestreckt. Sie blieb den ganzen Tag da liegen, trotzdem die Beschießung airste:ordentlich heftig war. Von Zeit zu Zeit ivurde sie durch die Explosion einer Granate mit Staub übersch it et. Tann schüttelte sie sich ein wenig und nahm gelassen ivieder ihre bequeme Stellring ein. Die Katze kennt jeden einzelnen Soldat, n, sie ißt und trinkt mit der Mannschaft. Sie wacht wie der beste Posten und bulbet feine Mails und Ratte in ihren: Schützengraben. Trotzdem es noch keine Kriegsauszeichnungen für Tiere gibt, erzählt man, daß die belgischen Soldaten für ihre Katze eine Auszeichnung verlangen wollen. . * Wie viel Kaffee wird in eine m Jahre getrunken? Es ist ein geradezu ungeheurer Strom von Kaffee, der taffen- und schluck,veise in jedem Jahre drirch die Kehle der Menschheit rinnt. Ter Jahresverbrauch an Kaffee beträgt nämlich in: Durchschnitte nicht weniger als eine Milliarde und 300 Mll- lionen Kilogramm- Ein volles Drittel dieser Kasseemasscn verbrauchen die Bereinigten Staaten; das zweitgrößte Kaffeetrmker- land aber ist unser Vaterland, welches einen Jai resverbranch von 139 Millionen kg hak. Es folgen Frankreich »nit 110 Millionen, Sesterreich-Ungarn mit 57 iflionen, Belgien mit 40 Millionen, Holland mit 30 Millionen, Jlaliei: mit 28 Millionen und Argen- tillien mit 14 Millione,: kg. Auch in England werden nur 14, tu Rußland sogar nur 12 Millionen kg Kaffee im Jahre verbraucht. — Es liegt auf der Hand, daß in diesen beiden Ländern der weit verbreitete Teegenuß dem Kaffeeverbrauche Abbruch tut. 11 Mil- Honen kg Kaffee im Jahre verbraucht noch die Schweiz, während alle aiideren Länder hinter dieser Verbranchsziffer Zurückbleiben. * Teure A ust e r n. Diesmal .wird bei Beginn der Auslernsaison keine große Nachfrage nach den: kostbaren (ftemi&mtttel lein. Trotzdem aber wird die Auster diesmal recht teuer sein, ivegen der Unsicherheit für die Austcrnsifcher. Jedoch lange nicht so teuer, rvie sie 1370 in Paris war. Damals haben Austern den höchsten Preis erzielt, der wohl je dafür bezahlt ivurde- Am 30. Te^mber 1870 fand im Hotel Dronot in Paris eine kleine, aber sehr eigenartige Versteigerung ,ta!t. Es wurde,: dort 24 Stück leere ^lüstern- schalen versteigert. Diese stammten von den: einzigen T»,tzend Austern, das während der ganzen B.lagernng von Paris Dorthin getaugt war. Wer diese zwölf Austern gegessen hatte, ist nicht bekannt geivorden, inan iveiß nur, daß sie, als sie nach Paris famen, mit 10a Francs bezahlt wurde,:, und zwar von einem Restaurant, das sie zu einen: enisprechend hohen Preis an den üppigen Gast vertäust haben dürste. Eine:: weil Höherei: Breis aber erzielten die leeren Austernschalen. Sie gingen bei der Auktion in der: Besitz eines reicher: amerikanischen Saminlers, Mr. Harry Stuart, über, der das Stück mit 32 Francs bezahlte, also 2i Stück mit 768 Francs. _ Vüchertijch. — Wiking-Bücher. Bd. Io: Robert FnchS-LlSka, AnS Vaterland, ans teure ... (Verlag dec Wiking-Bücher, Leipzig.) In Leinen 1 Mark. — Ter No man hat den Vorzug, ein getreues Bild auS der Zeit des sich vorbereitenden Weltkrieges zu sein. Ter Verfasser schildert arrschaulich ihn: gut vertrante Verhältnisse i,: Argentinien und stellt die gesunde, schönere u>:d reiche Welt deutschen Wesens und deutscher Art diese,: gegenüber. Durch die vcrfchiedeuei: Ertebniffe des Helden und der Nebenfiguren werden wir mit dem Leben der Passagiere und der Besatzung eines Südamerika-Dampfers bekannt. Ans der Insel Madeira erfahre,: die Reisenden von den: Fürstenmord in Serajewo; in Deutschland an- gelangt, geraten sie in die ungeheure Erregung beim Beginn der Verwickelungen Lesterreichs und Serbiens. Ter ausbrechende Weltkrieg treibt den Helden akS Freiwilligen an die Westsroist. ßti lebendiger und aufregender Darstellung leben wir das tapfere Erhalten einer bayeri'chen Batterie mit, die, in einen: Gehölz versteckt, den: mörderischen französischen Gesehütz'euer standhält. Erblindet kehrt Zuckholt nach feiner Heimat, einem Nordseedorfe, zurück und wird durch die Liebe eines friesischen Mädchens seinem Hetmatboden wieder zugest'ihrt. Gut gesehene, scharf uinrissene episodische Gestalten teils erilsten, teils humoristischen Charakters laufe,: durch, die Erzählung, die, dem Preise deutscher Erde geweiht, deutsches Weser: und deutsche Treue verherrliche,:. Buchstabenrätsel. ab, de, dis, el, en, gern, gri, ost, ra, se, sel, ster. Aus Vorsteher: den Silben und Buchstaben sollen fünf Wörter gebildet und derart untereinander gesetzt werden, daß die Anfangsbuchstaben von oben nach unten und die Endbuchstaben von unten nach ober: geleser:, der: Namen eines Romanschriftstellers bezeichnen. ES bedeuten aber die einzelnen Wörter folgendes: 1. Heldin einer mittelalterlichen Sage. 2. Einen Vogel. 3. Beliebten Badeort. 4. Nebenfluß der Donau. 5. Ein Tier. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Schach-Ausgabe in voriger Nummer: Weiß. Schwarz. 1. D a 3 - d 6 1. f 5 — f 4 2. D d 6 - c 7 | 2. L b 8 nimmt c 7 3. T e 8 — a 8 Schach und Matt. Zieht Schwarz im ersten Zuge L b 8 oder 8 ä 7, so gibt Weiß in: zweiten Zuge ans a 8 oder b 8 Schach und Matt. Auf andere er e Gegenzüge des Schwarzen entscheidet Weiß ivie oben 2. Ddti bis c 7 f. Schristleitung: Aua. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen