Die vom Rauhen Grund. Roman von Paul Grabein. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Wie in einem Kerker — dachte Eke. So war ihr ganzes Leben hier gewesen, so würde es weiter sein. Wer wußte, wie lange noch. Und wenn wirklich einmal die Freiheit kam, fern fremder Wille sie mehr hier in Gefangenschaft hielt, daun wxxt es zu spät. Eke von Grund schloß die Augen. Wie um dieser trostlosen Umgebung zu entfliehen. Aber erregt hämmerten die Pulse in ihren Schläfen, jagten sich Bilder durch ihr Hirn. Es war ihr, als stände sie an eines Schiffes Bord, das eilends dahintrieb, unaufhaltsam. Und schwindendes Land lag dahinten vor ihrem.Blick — weit, weit in der Ferne. Immer blasser, immer nebelhafter ward es im Hintreiben. Bald würde es ganz verloren sein — für immer. Mit einem Ruck stieß Eke non Grund den schweren Sessel zurück und sprang auf. Weg — hinaus! Und sie riß das Fenster auf. „Kallmann!" Drüben aus dem Stallgebäude kam der Pferdeknecht. „Den Wotan satteln!" „Tut mir leid, Fräulein, den hat heut' der Herr mit eiugeipanut im Pürschwagen." Ein Zorn brannte in Eke aus. Konnte man ihr selbst dies Vergnügen nicht einmal lassen? Das einzige, das sie noch hatte! Sie warf klirrend das Fenster zu. So blieb ihr denn nur daS andere noch. Und sie ging zum Klingelzug, drüben neben der Tür. Die Anne-Marie sollte ihr den Lodenmantel bringen und derbes Schuhwerk. Aber auf halbem Wege blieb sie stehen. Ein dumpfes Pochen dröhnte durch die dämmrige Stille. Der eiserne Klopfer draußen am Portal — Besuch. Eine Seltenheit hier im Adligen Hause. Es dauerte geraume Zeit, bis die Anne-Marie erschien, ein einfaches Mädchen drunten ans dem Dorf, das sie sich allmählich für ihren persönlichen Dienst herangezogen hatte. Eke sah ihr ohne Erwartung entgegen. Wer würde da auch gekommen sein? Vielleicht der Steiger Hannschmidt von der Grube oder jemand aus dem Ort, der den Amtsvorstand sprechen wollte. Sonst empfing der Oheim ja keine Besuche werter. Doch da sah sie in der Hand des Mädchens eine Schale mit einer Visitenkarte. Mso wirklich ein Fremder. .Verwundert griff sie nach dem weißen Blättchen. Gerhard Bertsch — sein Antrittsbesuch. Da kam ihr ein leises Lächeln, trotz ihrer Stimmung. Hatte der eine Ahnung von dem Gefellschastsbedürfnis hier im Adligen Hanse! Und von den Empfindungen, die man ihm entgegen brachte im besondereil! Aber dann winkte sie dem Mädchen zu, ihn eintreten &u lassen. Und sie ging zur Nische zurück, wo sie vochov gesessen. Mit ruhigen Bewegungen ordnete sie den Tisch ein tvenig, ohne jedes Uebereilen. So schichtete sie noch ou mit Tagesanbruch. Möglicherweise ist er also zum Frühstück wieder da." Eill kurzes Schwanken, dann sagte Bertsch entschlossen: „Da meine Angelegenheit, wie gesagt, sehr dringlich ist —, würden Sie mir wohl erlauben, Ihren Herrn Onkel zu erwarten?" „Bitte," iuib sie wies auf eine Sitzgelegenheit in der Mihe, wo er stand. Mit stummem Danke nahm, er Platz. Eke wandte sick- halb wieder ihrem Tische zu, legte die Wirtschastsbelege in eine Masche und verschloß sie? Dann erst ließ anch sie sich in ihrem Sessel in der dUsche nieder. Eine Weile saßen sie so schweigend in dem großen dämmrigen Gemach. Die Entfernung, die auch räumlich zwischen ihnen lag, bvachte etwas Hemmendes, Fremdes zwischen sie. Und beide empfanden sie es, und Eke wartete auf das erste Wort von ihm. Doch es kam nicht. Da cufc schloß sie sich: Wenn er die gesellschaftlichen Formen nun einmal nicht beherrschte, so wollte sie cs wenigstens nicht daran fehlen lassen. Und sie brach die Stille: „Sie waren lange draußen?" „Volle zehn Jahre." „In Südamerika, Un'e ich hörte?" „Ja — in ChUe." „Sie waren auch dort bergmännisch tätig?" „Ich war Leiter einer Kichfer grübe." „Aber es zog.Sie mm dock- wieder nach der Heimat'?" ,Ha." ' i Es lag wie ein Ausweichen in dem kurzen Bescheide. Eke von Grund blickte eine Weile twr sich hin. Dann sagte sie langsam: „Die Zeit drüben war Ihnen osseuliar nur die nötige Vorbereitung für Ihre Aufgaben hier." Er faßte sie zum ersten Male fester ins Auge. „Woher wissen Sie das?" „Es liegt doch sehr nahe, wenn man Sch) fciaii."; ,Ä der Tat, wir kennen uns. Wenn Sie unsere Be^ Va.üntschnst als Kinder noch heut-e gelten lassen wollen." „Jedenfalls doch noch insoweit, nin mich zu erinnern, däß Sie schon damals recht geimu writzten, was Sie wollten." „Es scheint, daß dies für andere nicht inrrner gam an^ genehm war?" „Das rnag wohl seirr." Er lächelte. „Und heute?" „Wird das kaum arrders geworden sein." „Alles irr allenr — man betrachtet also meine Rückkehr hier mit ziemlich gemischten Empflndungen." Sie hob leicht die Schultern. „Wenn man komnrt tvie Sie, ist man freilich! rML allerr willkommen." „Wie ich?" „Dr ja, Sie tverden es doch! nicht bestreiten wollen: Sie bringerr uns hier den Kamps!" Bertschs graue Augen lenchleten ans. Krrrz nur. Dann suchten sie ihr Antlitz. ,/iirch wenn es so wäre — wie dächten Sie darüber?" Ekcs Blick glitt langsarn arr der massigen, kerkerähn- 1iä-en Mauer des Gemachs hin, die mit ihrer Wucht alles Regen hier drirrnen ersticken zrr wollerr schien. Da hob sich ihre Brust in einem tiefen Atenr. „Kamps ist Leben — ich lbegrilße alles, was Leben heißt." Seine Mienen zeigten Ueberraschjnng, eine Frage stand blartn. Es entging ihr nicht, und ihr MrtW überflog «3 wie Mbwehr. Zu viel schon, was sie ihn eben von sich Haids sehen lassen! Mit irgendeinem gleichgültigen Wort wollte sie die Unterhaltung auf die Bahn des Urrpersüulalchen Urrücksühren, doch da drang ein Geräusch vom Hof herein. Das Rollen eirres Wagens. Sie erhob sich und trat ans Fenster. Run wandte sie sich ihm wieder zu. „Der Onkel — Sie haben Glück." „Ob ich das wirklich habe, wird sich jetzt erst erweisen " nrrd er stand gleichfalls auf. Bon draußen scholl die dröhnende Stimme des Gnts- hnrn, der mit Kallnrann schalt. Ein itbles Anzeichen! Und Eke von Grnrrd lächelte leise. - , „Ja — der Kamps soll nun wohl beginnen." ,,Mag er. Ich bin gerüstet." Sie sah zu ihm, der in seiner Volten Größe, straff und! anftecht, dastand, als gälte es, sich einen: Gegner mit der Waffe :n der Hand zu stellen, ttnd zum ersten Male ward sie sich dessen bewußt, daß aus dem ungeschlachten Jungen ern echter Mann aetvorden war. Gin Mann voll Kraft und ^lb^tgesuhl und doch Jugend im blitzenden Mge. Dü nickte .^-liickauf zum ersten Renkontre!" Und ging dam: hinaus; in der Halle stampfte her jchwere Tritt des Oheims heran. Henner von Grund war Bertschs Anlvesenheit draußen schon von Anne Marie gemeldet worden. Mit einenr Don- ne-noetter hatte er erwidert. Hungrig von der Jagd erst noch einen Besuch abfertigen? Zum Henker — was wollte denn der Kerl von ihm! Und mit einenr ungebärdigen Griff ritz er dre TNr ans. ^ '' Mrn — was ist gefällig?" Roch den Jagdhut auf denl Kopf, die «chse über der Schulter, trat der Gutsherr über die Schwelle; ihm rrach Dell, der schwere, hochlüirfige Brauntiger. Bertsch wandte flch langsam dem Ern tretender: zu. Ein kurzes Neigen des Hauptes, dann blieb sein Blick auf der Kopfbedeckung Henrrer vs-ri Grunds hängen. Schweigend aber nrrt Nachdruck. ^ >^Zum Donner — ; , was joirnscherr Sie von mir?" ., Wuteird entfuhr es dem Hausherrn, aber seirre Rechte den Tisch 0 ^ ^ en ^ ä t?om ^opf und warf ihn unwirsch aus Nun erst gab Bertsch Antwort. . "W komme, um Ihre Genehniigung ein zuholen zu einer Emsahrt in Ihre Grube h-, in Begleitmig des Revier- deamten — nachderu, mir diese Erlandüis von Jhrenv Steiaer ebeil verweigert worden ist." y mUmr ~~ bCl ^onnschmidt hat Sie also nici)tt reinlassm Bergra^ts'nich/des ausdrücklichen Ersuchens heS! „Recht so!" Und mit einem kurzen Rücke regte Heüüer von Grund feine Büchse auf den Tisch. Bertschs Miene blieb unbetveglich. „Sie billigen also dieses Verhalten Ihres Steigerst >,Vollkommen." „Und wollen mir auch Ihrerseits die Genehüiignng verweigern?" „Allerdings." „Auch dann, wenn ich Sie darauf aufinerksam niache, daß dies Verhalten wider das Recht verstößt?" „Auch dann." „So —Eine Weile betrachtete Bertsch! mit unbeirrter Ruhe das Antlitz des Gutsherrn, in oem es grimmig wetterleuchtete. Dann sagte er und^ließ jedes Wort hart fallen: „Das heißt — Sie wollen also den Kampf mit mix?" „Zum Teufel, ja! Wenn Sie es denn durchaus höreir wollen." Dröhnend brach Hermer von Grund los. „Oder meinen Sie, wir werden stillhalten, wenn Sie uns das! Fell über die Ohren ziehen wollen? Nein, mein Lieber, das ist nicht Landesbrauch hier im Rauhen Grund! Sie scheinen das etwas vergessen zu haben, drüben bei den Bankees. Aber wir wollen's Ihnen wieder in Erinnerung bringen. Und wenn Ihnen das nicht paßt — dann fahren Sie nur hübsch wieder rüber, wo Sie hergekommen sind!" „Ihre Ratschläge muß ich durchaus ablehnen," kühl erwiderte es Bertsch, indem er sich zunr Verabschieden ausrichtete. „Im übrigen werden Sie die Folgen dieses Verhaltens mit Ihrer Gewerkschaft zu tragen haben." Damit wandte er sich zur Tür. „Prozessieren Sie nur in Gottes Nanren!" höhnte der Gutsherr ihm nach. „Wir könnend abwarten." Da blieb Bertsch noch einmal stehen, und ans seinem stahlgrauen Auge zuckte es schneidend. „Prozessieren, Herr von Grund? Nein — den Gefallen werde ich Ihnen nicht tun. Aber den Kamps sollen Sie haben. Und vielleicht mehr als Ihnen lieb sein wird." * Es war still heilte abend im „Hirschen". Drüben in Siegen war Kriegerverbandsfest, da war schon am Nachmittag alles hinübergewandert, !vas nur irgend abkommen konnte. Marga Rensch saß allein in dem Honoratiorenstübchen. Da kern Gast dort war, hatte sie die Gelegenheit benutzt und sich an das Piano gesetzt. Es kam nur selten einmal vor. Meist verbot sich das \a schon aus Rücksicht auf den anwesenden Besuch. Das war eben auch so eine Eigensinnig- kert von ihrem Vater: Hannes Rensch weigerte sich beharrlich, ihr ein eigenes Instrument für ihr Zimmer anzu- schaflen. An einem solchen Kasten im Hause wär's grad' ßenug — und es störte sie ja niemand dort im Herrenstübchen. So kam sie fast nie mehr zum Spielen. Heilte indessen war es einmal so über sie gekommen, und sie saß delm wohl Don eine Stunde lang und inusizierte. Leichte, moderne Sachen -- all die bekaiinten Operetten mit ihren schmeichelnden, lockenden Tanzweisen, die in ihrer jungen Brust das geheune Dehnen weckten: Nach der Welt da draußen, nach der Großstadt, wo Abend für Abend das Leben rauschte: em so wundervoller Strudel von Lust, Glanz, Eleganz und Frelheit, der die Nerven in prickelnder Spannung schwingen Ileß. Dort Mltgenleßen, mitglänzen dürfen, bewuiidert imb umworben werden als eine, die dazu gehörte. Das war's, was ihr im Innersten klang, unausgesetzt, was sie sich mit quälender Phantasie ansmatte, wenn sie schlaflos in ihrem Stübchen zu Bett lag, in den Stunden, wo sie hier längst die lautlose Stille des arbeitsmüden Schlummers umfing, während zu dieser selben Zeit da draußen das Leben erst anging — das herrliche, wonikige Leben der Glücklichen, das allein wert war, gelebt zu werden! ° * So versunken war Marga Rensch auch jetzt beim Splelen m diese sehnsuchtsglühendeu Träilnle, daß sie es gaiiz überhorte, wie sich hinter ihrem Rücken die Tür öffnete. Karl Steinsiefen war es, und hinter ihm ward für einen Augenblick auch Haiines Reuschs Kops sichtbar. Aber nun nickte er dem jüngeren Manne nur noch einmal stumm zu, wie in emem Ermutigen, und verschwand dann. (Fortsetzung folgt.) 623 Die Geigerin. MN? von Mix Freiherr von St Vn gl in. Die Kaffeetafel war unter den Obstbämnen auf dein Rasen gedeckt. Ein warmer Herbsttag — der zlveite Kriegsherbst. Wir hatten das Enkeltöchterchen der Gastgeber mir Taufe gebracht. Der junge Schwiegersohlt war beurlaubt und konnte daheim sein. Am Nächsten Tage sollte er wieder hinausgeben. Reich waren die Bäume behängen mit den schönsten Früchten. Es lvar ein gesegnetes Jahr. Ein Jahr hohen Stolzes, tiefen Leides. Angehörige von fast allen Gästen »oaren fürs Vaterland gefallen oder verionndet. So war die Stimmung von gedarnUfter Heiterkeit. Es klagte niemiand, aber alle schm.evzte eine Ecke der Erinnerung in ihren Herzen. 1 Da kam noch eine jugendliche, lichte Gestalt in den Garten, begrüßte das junge Paar, die Eltern und Verwandten. Ich hatte sie gesehen, als sie Kind war, und nachher nichts toieder von ihr gehört. Sie lvar eine Gespielin der jungen Frau gewesen. Ich hörte, daß sie eine hervorragende Künstlerin geworden sei. Kürzlich erst war sie von einer Kunstreise nach dem Westen zurück- gekehrt. Zwischendurch hatte sie in Lazaretten gespielt; auch in dem Vorort, wo lvir uns aufhielten, und wo ihre Eltern wohnten, hatte sie die Verwundeten durch ihr Geigenspiel erfreut. Man erzählte daß ein leidenschaftliches Temperament in ihrem Spiel zum Ausdruck komme, das jeden fortreiße. Ich sah hinüber, eine liebreizende Erscheinung, wenn auch keine blendende Schönheit. Ich stellte sie mir vor, tote sie auf dem Podium! stand und t mit kühnem Bogenstrich ihrem Instrument jene Töne entlockte, die so manchen entzückt hatten. Gewiß sah sie da schön aus mit ihrer jugendlich kräftigen, mittelgroßen Gestalt, dein schönen, dunkelblonden Haar, den nicht großen, aber ausdrucksvollen Augen, der kräftigen energischen Nase, deren Flügel, wenn sie lebhaft wurde, leise zitterten. Und lvenn sie lachte, lag eine Welt von Sonne in ihren Zügen. Ich sah sie im Geiste spielen, ich hörte ihr Klagen, Schluchzen, Flüstern, Jubeln. Die Tafel hatte sich bereits etivas geleert. Ich saß mit dem Hausherrn am Ende des Tisches. Wir plauderten. Die Geigerin laß ein paar Stühle davon, man redete von gewissen Briefen, die sie erhalten hatte. Es drangen nur einige Gesprächsbrockeni zu mir her. Dann sprack>en wir zu ihr hinüber. Ein paar Stühle wurden frei, sie rückte nahe zu uns. Nun konute ich sie genauer betrachten. Wir kamen naturgemäß auf Kunstfragen. -Ob sie Fampenfieber habe? fragte ich. Ja, stets, antwortete sie. Ob es ihr auch so gehe, daß sie in der Erregung besser spiele? Das gab sie nur in gewissem Sinne zu. Wenn sie körperlich ganz frisch sei, spiele sie nicht so gut wie in einer leichten äußeren Abspannung. Dann gerade erhöhe sich ihr inneres Leben. Alles außer ihr müsse versinken, ihr gleichgültig werden, damit sie sich ganz vertiefen und zu ihren besten Leistungen sammeln könne. Eine Dame tat wieder eine Frage nach den Briefen, von denen vorher die Rede gewesen war. Nun merkte ich aus und erfuhr einiges über das Erlebnis, das mit dem Spiel der Geigerin im Lazarett zusammenhing. Später Hab' ich auch einmal die Briese gesehen, trotzdem die Künstlerin sic eifersüchtig und voller Takt hütete; aber als ich sie sab, hatten die Verhältnisse sich geänderte Aus den Briefen sprach die glühendste Verehrung, sie schienen einen stärkeren Eindruck als alle arideren Huldigungen auf das junge -Mädchen gemacht zu haben. Der erste gleich lvar eine Bitte, die das Herz eigentümlich bewegte. „Verehrtes Fräulein! Sie verzeihen — ich kann nicht anders, ich muß Jhneii schreiben, muß Ihnen danken. Ich war unter deneii, die Sie imj Lazarett durch ihr Spiel beglückt haben. Was ich da empfand, kann ich nicht sagen. Mir ist eine ganz neue Welt ausgetan. Ihre Geige \vav die Zauberin. O, noch einmal! Nur einmal noch! Kommen Sie! Spielen Sie rwch einmal! Schenken Sie mir dies Glück! Sie werden nrich nicht kennen, aber ich lverde Sie sehen, Sie höreir dürfen. Wenn ich sterben müßte, ich möchte mir nur eines ausbitten: daß Sie vorher mir ein Lied spielen. Doch ich lverde nicht sterben. Wer ich bin? Ein Kriegsfreiwilliger vom Regiment Graf I." Mit einein BlnMenstränßchen hatte der Brief im Briefkasten gesteckt. Stach dem Konzert kain der zlveite. Die Geigerin hatte der Bitte nicht widerstehen können und noch einmal gespielt. Am Tage darauf hatte eine Hausbewohnerin eine verschleierte Dame am Briefkasten gesehen. Sie war so schnell wieder verschwunden, wie sie gekommen war. Die Geigerin öffnete und fand einen über- schiwmglichen und mänches crtläxenbeu Tank. Sie werden nrich nicht verspotten, \mm ich Ihnen sage, daß ich gestern geweint habe. Ach, und dabei must teil Sie mich kerinen! Ja, was sprach! da u'itt aus Ihrem Spiel? Sehnsucht? Ich glaube, Und ein Herz voll nnendlicher Güte. Verzeihen Sie, wenn das etwas gekünstelt klingt, id)\ drücke mich sonst anders aus. Zn Hause sagten sie iiNmer, ich sei nicht zu bändigen, und das Leben lverde mir noch einmal tüchtig Zusehen. Ich habe so in dumpfen Trieben hingelebt, es ging mir äußerlich gut, habe genossen, was sich bot, aber das Lebeir nie sehr geachtet, wenig aelenrt, über zarte Regungen gespottet. Da kam' der Ktieg. Mit Begeisterungging ich hinaus; diese Zeit der Unruhe — das lvar rttvas für wich. Drun aber bin zch Msannuengerüttett worden. rrr der Sch'lackst. bei Entbehrungen und Schrecken und durch wattige Empsrndmigen, die mich packten und nicht kosließeir. Ich sah, daß es Mächte gab-, die über mir standen. Da verlor tdfi all mein Selbstbewnßtsein, lvar wie erstarrt... Hier hat man nnr ivvhlgetan, ich empfand es dankbar, aber ich war Mld blieb' Me zersckMettert. Verlangen hatt' ich eigentlich nach nichts. Gesund werden und zu ineinen Kameraden heraus — das war alles, was ich wünschen konnte. Nun haben Sie etivas in mir geweckt, ich ahne Großes und Schönes in der Welt, ich möchte leben, tvirklich leben. Ich höre das Rauschen des Meeres in memen Phantasien und möchte niederknien, ich bin im Wald, und es trillert um mich her von tausend Jubelstimmen, eine Quelle macht die Bgeleitung dazu. Warnre Sonne hüllt mich ganzem. Und dann sehe ich eilt paar Augen aus mich gerichtet, muß die meinen Niederschlagen, und höre leisen Orgelton... Eine Schwester geht vorüber, es schnürt mir die Kehle zu, ich sah einen Heiligenschein über ihrem Haar. Nehmen Sie mein Geplauder nick)t übel, ich bin nämlich noch sehr jung. Sonst weint'- ich nur 'mal im Zorir. Wie kam das mir neulich? Wvr'S Schwäche? Ich bin vielleicht sehr krank. Aber es ist schön, krank zu sein. Aus Ihrem Spiel klang Sehnsucht, und in mir iveckte es Frieden. Walküren trugen die toten Helden nach Walhall. Es gibt Menschen, die höher stehen, als die anderen. Diese sind die Führer, niemand kennt sie. Das sind die Engel in dieser Welt voll Grauen und Haß. Mir war ein solcher Engel gnädig. Ich glaube, heut' Hab' ich Fieber. Vielleicht war's zuviel für mich, aber ^ich wüßte es Ihnen sagen, wie köstlich es war." Sie paßten auf... .Ta kam an einem Nachmittag die verschleierte Frau wieder, war abermals so schnell fort, daß man nichts fragen konnte. Duftende rote Rosen steckten aut Briefkasten, ein Briefchen lag darin. Diesmal nur wenige Zeiten. „... Morgen werde ich operiert. Einen Gruß noch vorher. Antwort iverd' ich ja nie bekommen, Und.doch — wenn es sein könnte... KomMe ich durch, so lasse ich von mir hören, selbst auf die Gefahr hin, daß Sie mich äuslachen. O, der warme Sommer! Tie Fl'ut von Licht! Morgen muß es nun sein, wtb ich schreibe, sobald ich kann. Wenn ich nicht schreibe- So segne Sie Gott! Und wandeln Sie durch die Welt wie einer seiner Engel. Und denken Sie mein..." Tie Handschrift war unleserlicher als sonst. Nun lvar es Herbst. Tie letzten Rosen. Tie letzten Früchte. Erinnerung und Verheißung. Wir saßen unter dem großen Apfelbaum. Dort hinter jenem Fenster schlummerte der Täufling dem Leben entgegen. Wir plauderten. Ich kannte den Inhalt der Briese damals noch nicht, wußte nur, daß der Verwundete auf geheimnisvolle Weise ein paar ergreifende Briefe mit Blumen geschickt habe und dann verstummt sei. , „Vielleicht ganz gut," sagte ich da. „An solcher Bekanntschaft aus der Ferne ist die Ferne manchmal das Beste. Eine Wolke von schönen Illusionen — vielleicht ganz gut so." Ta schlüg die Geigerin die Augen nieder und- wurde sehr ernst. „Ach, nein," erwiderte sie leise. „Er schrieb ja, daß er operiert lverde, und wenn es gut ginge, wollte er von sich hören! lassen. Und mm —" „Wie lange ist es her?" > „Drei Monate." „Der arme-ocr glückliche Junge!" Es wurde kl'ihl unter den Biürnien. Der Herbst abend kam. Das junge Mädchen.ging nach Hanse, und auch wir brack-en auf. Ein eigener Duft von Glück und Weh lag über dieser Welt, dko unter Schluchzen jubelt wie ehte von Meisterhand gestrichene Geige. _,_ vermochte». * Hindenburg särr gutte Vorgesetzter. Ein hübsches Hindenburggeschichtchen berichtet die in Kattbwitz erscheinende Monatsschrift „Oberschlesien". Saßen da im Garten des ersten Gasthofcs einer bedeutenden Stadt Oberschlesiens ein Geschäftsreisender mit einem Geschäftsfreunde und dessen bildhübscher Frau im Gespräche beisammen, als sich die Nachricht verbreitete, Hindenburg sei angelanat und nehme inr Speisesaale des Gasthofes das Abendessen em. Natürlich begab sich das Kleeblatt gleich hinein, und in der Tat bestätigten bratentragende Ordonnanzen, daß die Mitteilung ihre Richtigkeit habe; noch mehr: durch die halb offenstehende Tür des Speisesaales lvar der große Feldherr und sein Generalstab deutlich zu beobachten. Begeistert zog der Geschäftsreisende eine Ansichtskarte, die er als Muster in der Brieftasche führte, heraus und verglich das darauf gedruckte Bildnis des Befreiers von Ostpreußen mit dem Originale. Da blitzte ein genialer Gedanke durch den Kopf der schönen Frau: „Da müßte Hindenburg seinen Namen drunter schreiben!" platzte sie heraus. Eine vorübereikmde Ordonnanz hört das und ruft, der Generaloberst (das »rmr Hindenburg damals noch) werde das sicher tun; sei er doch ^,,ein särr gntte Vorgesetzter". Zlvci in der Nähe stehend Damen, die junge Tochter des Wirts und eine reiferen VterS, treten näher, und als die -Ordonnanz wieder- kehrt und, den Bratenteller auf den Anrichtetisch an der Tür stellend, herülbenust: „Wo. Madam, wo soll sich der Herr Ge- 624 neral oberst Exzellenz hin schreiben auf Ihrer Karte?", da legen die drei oberschlesischen Grazren trotz des Einspruches der an- lvesenben Herren, drei Karten auf den Teller, mit dem sich die Ordonnanz nach der Mitte der Tafel begibt. Durch den Spalt der geöffneten Flügeltür schauen ihm die am Eingänge Zurückgebliebenen mit begreiflicher Spannung nach. Wahrhaftig, der Musketier legt dein Generalobersten den Teller vor und spricht m ihm; wahrhaftig, der berühmteste Mann der Gegenwart lägt fick das Schreibzeug reichen und unterzeichnet die Karten! O Wonne! Die Ordonnanz kommt zurück und händigt die nunmehr die eigenhändige Aufschrift „von Hindenburg, Generaloberst, 3c., den 21. September 1914" tragenden Karten den drei Bittstellerinnen aus mit den Worten: ,Lch habe Exzelle^ gebeten, die drei Karten zu unterschreiben, und gesagt, es ist für drei junge Damen, wo eine überhaupt särr scheen ist." Die Ordouucmz erhält drei groüe Silberftücke von den drei glücklich Beschenkten. „Wer Exzellent hat gesagt," bemerkt jetzt der Soldat, „das; er nicht mehr Unterschriften geben wird, auch nicht, wo die Danken särr scheen sind . . . Wer schadt nichts," fügt er beschwichtigend hinzu, „ist Hindenburg toirklich särr gulte Vorgesetzter." * Ein U l t t m a t u m von 1420. Das Ultimatum, das heute bei uns eine so wichtige ausschlaggebende Nolle spielt, ist keine moberne Erfindung. Das bewetst eine sehr merkwürdige Verfügung des Herrn von Chantilly, Jean de Fa'yel, an die Bewohner von Sentts uom 9. November 1420, die durchaus den Cbarakter unserer Ultimatums trägt. Der Grund, der biefe scharfe Maßregel herbeiführte, ,var folgender: Jean de Fayel hatte (eS war in der Zeit der Zwistigkeit zwischen den Burgundern und den Amagnaken) die Sache des Dauphin unterstützt und forderte die Bewohner von SenliS zu gleichem Tun auf. Diese folgten bereitwillig dem Wunsche ihres Herrn, ja, sie taten noch ein klebriges, indem sie es auf sich nahmen, auch kür seine Verproviantierung zu sorgen. Eines Tages nun wurde eine für Chantilly bestimmte Sendung von der bur- gundifchen Besatzung Berras ausgeplündert. Aber Jean de Fayel machte „die von Senlis" für daS Gefchcheike verantivortlich und forderte Schadenersatz. Als die Bewohner von Senlis versuchten, ihre Uikschuld an der Tat zu beweisen, richtete Fayel ein richtiges Ultimatum an sie, das folgendermaßen schloß: „Falls Streit oder Krieg zivischen Euch und mir entstünde, so wäre das gn Eurem Schaden und nicht zu de,n meinen. Da unsere Gesetze fordern, daß wir nie Krieg gegen einander beginnen, ohne es zwei volle Tage vorher kvissen zu lassen, teile ich Euch nkit, daß ich, falls ich nicht volle'! Schadenersatz für alles das erhalte, was die von Berro gestohlen und geraubt haben, ich Euch, wenn der Dienstag kaum verstrichen, mit der ganzen, mir zur Verfügung stehenden Macht bedrücken werde. Dies bezeuge mein Siegel, das am heutigen Sonnabend, dem 9. Tage des November vierzehnhundertzivanzig angebracht wurde/ Am 11. November beschlossen die Bewohner von Senlis, die Sache durch einen freundschasklicheu Brief an den gestrengen Herrn gütlich beizulegen. * D ie „S o l d a t el o t t e". Diesen Namen hatte die Frau, die ihren Lebensunterhalt durch den Verkauf von echter Perleberger Glanzwichse fand, sich nicht nur durch ihre Teilnahme an den drei Feldzügen von 1864, 1836 und 1870/71 erworben, die sie als Marketenderin mitgemacht hatte, sondern auch durch ihren wahrhaft kameradschaftlichen Verkehr mit allem, was „zweierlei Tuch" trug. Sie selbst trug eine Soldatenmütze, und a»k einem Mllitärgürtel ihren Kasten, in dem sie ihren kleine»: Warenvorrat mit sich herumschlepvte. Dazu war ihre Jacke mit den drei Kriegs- denkmünzen geschmückt. Litte Soldaten nannte sie „Kameraden" und beehrte sie mit einem vertraulichen „Du", ganz gleich, ob's gemeine Soldatökk und Schutzlekite, Offiziere oder Polizeileutnants waren, doch machte sie insofern einen Unterschied, als sie bet höheren Chargen wohl ln diese vertrauliche Anrede ein „Herr Kamerad" einfließen ließ. „Mein Bengelchen" oder „Bengelchen" aber nannte sie die Zivilisten durchweg, ganz gleich, ob die so Angesprochenen alte ehrwürdige Herren oder junge Dachse waren. Woll-te sich jemand gegen solche Vertraulichkeiten auflehnen, so konnte die Alte „eklig" werden. „Ach, watl Ick btir die alte Soldatenlotte. Ter Kaiser hat nrir diese Medaillen verliehen l Det kam: sobald keener von euch sagen!" Und dann ging es in langem Wortschwall weiter. Sie zählte alle Schlachten auf, die sie „mitgemacht". Garrz besonders böse aber wurde sie, wenn ein alter Kunde sie verleugnen wollte und abwehrte: „Wat, Bengelchen, du willst von die treue, alte Soldatenlotte uischt wissen ? Pfui Deubel!" In Kasernen, wo sie ihre Wichse verkaufen durste, ,var sie gern gesehen, denn die alte „Soldatenlotte" machte und vertrug auch derbe Soldatenspäße. Wen», sie kam, gab's immer etivnS zum Lachen. Im Jahre 18S2 ist sie gestorben. * D e r H a s e im Kriege. Meister Lampe, dem die Jäger jetzt kvieder den Krieg erklären dürfen, ist auch zum männermoroen- deu Krieg in mancherlei Beziehung gebracht worden. Als Sinnbild der Furcht und Angst war er den Soldaten eine üble Vorbedeutung. Wenn kurz vor der Schlacht einer marschierenden Trllppe ein Hase in den Weg lief, womöglich noch auf die Truppen zu. dann »var das Unglück fertig! Bei einer solchen Begegnring mit einem Hafen muß sich früher eine Art Massensuggestion der Soldaten. die an den Unglücksbrtnger glaubten, bemächtigt haben, denn eS ist historisch erwiesen, daß allein dadklrch Schlachten ver- oren gingen. Als int Jahre 1289 die Grafen von Holstein gegen die Dt hmarfchen zu Felde zogen, lies ein Hase direkt anf die Holsteiner zu, sie verloren dadurch den Blut und ergriffen gleich dem Tier das „Hasenpanier". Als im Jahre 1601 Fürst Sigmund von Siebenbürgen zur Schlacht gegen die Kaiserlichen rüstete, sprangen im Lager der Siebeubürgener viele Hasen aus, ein sichere« Zeichen, daß sie geschlagen würden, wie eS denn auch prompt geschah. Der altgeiuelne Aberglaube an den unglück- briugenden Löffelmann ging sogar so wett, daß die biederen Schwaben beim Angriff den Feinden Schilde entgegen hielten, auf denen ein laufender Hase dargeslellt war, hier sollte also schon da» Bild des armer: Schelmen entmutigend wirken. Heutzutage hat der unschuldige Hase diesen Schrecken längst verloren, wenn auch noch tief im Volke der Glaube wurzelt, daß es »richt gut sei, wenn einem ein „Hase über den Weg läuft". Unsere braven Feldgrauen in Ost und West kennen die üble Vorbedeutung LampeS nicht mehr. Im Gegenteil, sie freuen sich immer, wenn ein Haie auf dem Gefechisfelde erscheint, er ist ihnen kein Unglücks prophet, sondern die sichere Hoffnung auf einen willkornmenen Braten. vüchertlsch. — Unser E m m i ch. Ein Lebensbild von Wilhelm Georg. Verlag August Scherl G. m. b. H., Berlin. Preis 1 Mark. — Solange die Eroberung Lüttichs als eine der glänzend- sten Waffentaten in diesem Weltkriege genannt werden wird, so lange wird auch EmnrichS Name der Nachwelt rmoergeßltch bleiben. Seiner Tatkraft, seinem persönlichen Mut verdankt das deutsche Volk btefeit überraschenden Erfolg, der nach der dumpfen Gewitterschwüle der ersten Kriegslage befreiend und zugleich ver- hetßllngsvoll wirkte. Ekirmichs Mttivirkung auf den galiztschen Schlachtfeldern, wo er unter den Augen des obersten Kriegsherrn neuen Lorbeer erntete, wird in weiten Kreisen den Wunsch erwecken, ein getreues Lebensbild dieses populäre,r Heerführers zrr besitzen. Das vorliegende, hübsch ausgestattete und mit vielen Abbildungen geschmückte Buch, aus der Feder eiileS hannoverschen, mit den Verhältnissen int langjährigen Wirkungskreise Emmichs genau vertrauten Schriftstellers, kann naturgemäß aus Wahrheit rtnd Gründlichkeit Anspruch machen. _ — 6 u Friedrich Lienhards 50. Geburtstag läßt „Bühne und Welt", Monatsschrift für das deritsche Kunst- und Gerstesleben (Verlag von „Bühne tmb Welt", G. m. b. H., Hamburg), ein Llenhard-Sonderhest erscheinen. Dieses Heit ist, was krttrfche Gründlichkeit und Sachlichkeit betrifft, auch literarisch als eine weitab vom üblichen FesttagsvatboS liegende Erscheinung zu bezeichnen. Wir können diese Schrift, in der die besten Kenner des Dichters und durchaus Persönlichkeiten von Namen zur Eharakteric- sierung de? Dichters itnb zum Verständnis unierer geistigen Frage«: bettragen, jeden: Freunde des deutschen Schrifttums nur empfehlen. Neben Lebenserinnerungen LtcnhardS enthält das Hest Beiträge von Fritz Bley, Prof. Werner Deelsen, Tr. Artur Dinter, Egbert vonFrankenberg, Alex, von Gleichen-Rußwurm Ernst Adolf Gretner, Prof. Ed. Heyck, Wilhelm Kiefer, Richard von Kralik, Ludwig Lorenz, Pros. Karl Muth, Prof. Artur Prüfer, Heinrich Dierordt, Alb. Malte Wagner, Dr. Georg Wehrung Hans Paul Freiherr von Wolzogen. • f ß b c d e f g h ÜiFeiF Weiß setzt mit dem dritten Zuge Matt. .Auflösung in nächster Nummer. .Auslösung des Mtsels in voriger Nummert Flügel, Lüge. Zchach-Ausgabe. Schwarz. Kchristleitung: Aua. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Brtthl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. N. Lange, Gießet