Samstag, den 25. September v: :^sSm Im SfitlöBar ll Der blaue Anker. Roman von E l f r i e d e Schulz. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Lothar v. Rothkirch hatte das Grab seines Bruders gefunden. Für die Ueberführung, die erst in einigen Wochen möglich war, hatte er alles vorbereitet. Er kam nach Bronin zurück. „Acht Tage nach meinem Tode spätestens!" lautete sein Eid. Er saß im Salon der Schwägerin bei Frau Nataly. Sie hatte den Brief des Gatten gefaßt in die Hand genommen und erbrach ihn mit zusammengepreßten Lippen. Die Blicke Lothars hingen an ihren Zitgen. Sie las, und die Tränen fielen aus das Papier. Sie las ruhig und unbeweglich bis zum Ende, sah vor sich hin und gab Lothar die Hand. Er war über das feste Wesen der kleinen Frau erstaunt. „Du wie er, Nataly — ihr seid beide Helden gewesen euer Leben lang, im kleinen wie im großen. Helden —" „Ich habe geahnt, Lothar. Es ist ja so furchtbar. Das jahrelang in sich tragen zu nrüssen! Ganz auf sich allein angewiesen — niemand, der tragen hilft — es ist furchtbar. Aermster, du hast es mit deinem Leben gesühnt." Ihre Stimme zitterte. Dann brach die Freifrau in ein langes Schluchzen aus und las den Brief noch einmal. „Meine Teure, mein treuer Lebenskamerad! Wenn Du diese Zeilen lesen wirst, bin ich nicht mehr. Bei Gott, ich habe.den Tod nicht mit Gewalt gesucht. Ich bin einer uw- erbittlicheit Schicksalspflicht gefolgt. Aber wäre ich zurückgekehrt, es wäre ein Leben gewesen, nicht weiter zu ertragen. So war mir der Tod eine Erlösung. Ich werde gestorben sein im Schmerz um Dich, die ich zurücklassen mußte. So soll dies die Beichte meines Gewissens sein. Ich habe neben und unter Euch ein Leben der Lüge geführt, ein Leben voller Schuld. Damals, als mich in Schlesien das Unselige traf, das mein Dasein fortan verfinstern sollte, glaubte ich nicht eine Stunde mehr leben zu dürfen. Lothar hat mich aufrechterhalten. Teuerste — damals, das war kein Ueberfall durch eine räuberische Hand, lvie ich Euch bis zuletzt glauben machte, das mich niederwarf. Nein — ich fuhr zur Konfirmation von Lothars Lncie. Bei Niederwiesenthal warf ich eine geleerte Weinflasche aus dem Bahnsenster, wie man das so oft tut. Das Unglück wollte es — sie traf ein Menschenleben voller Pläne und Hofsf- nungen und zerschmetterte es. Es war kein anderer als der Vater der beiden Wölflins. Der blaue Anker meiner Uhr und meiner Knöpfe, Onkel Eberhards Seemcrnnsvermächtnis, sollten mich kennzeichnen. Zu meinem Glück, muß ich heute sagen. Sonst hätte meine unselige Tat noch mehr zerbrochen, und nichts hätte ich gutmachen können. Wenn wir, Lothar und ich, auch die Ankerstücke in die Oder versenkten und wenn ich auch alles übrige hier im Hause, das den Anker Eberhards trug, vernichtete, meine Tat wurde wachgehalten. Gewiß— ich bin einen Augenblick feige gewesen. Ich hätte nuf- stehen, öffentlich bekennen und offen büßen sollen. Ich hätte vielleicht die halbe Last gehabt. Aber ich habe das nicht getan. Ich habe die Zukunft dem Schicksal anheimgestellt. Mit Lothar habe ich unmerklich für die beiden Waisen gesorgt. Ich habe ihnen den Lebenspfad geglättet, wo es nur ging. Und das gütige Schicksal hat es mich erleben lassen, daß es mir zuletzt noch gelungen ist, sie in mein Haus zu führen. Das übrige hast Du miterlebt, und heute wird Dir vieles verständlich werden, was Dir ein Rätsel war. Nun ich das geschrieben habe, wird mir mein Herz leicht. In mir wird es hell wie ein Sommertag, und der Gedanke soll Dich trösten: ein Glücklicher ist gefallen, nur mit einem bitteren Schmerz um Dich in der Brust. Vollende nun das Werk der Sühne, Du, meine Teure und Unvergeßliche. Ich bin nicht blind durch Bronin gegangen. Ich habe es gefühlt, daß das sühende Schicksal ein Band zu schlingen begann, das unsere Kinder an die jungen Wölflins binden wird. Tue dies letzte und tritt der Schickung, was sie auch bestimmt, nicht in den Weg. Ich weiß, daß wir auch hier eines Sinnes sein werden, wie immer in unserem reichen, schönen Leben. Noch einen Druck Deiner treuen Halld, noch einen Blick in Deine treuen Augen. Mein letzter Gedanke bist Du. « Dein Alexander." Es folgte noch eine Nachschrift: „Ich überlasse es Deinem Ermessen, das Geheimnis des blauen Ankers unseren Kindern mitzuteilen. Erich Wölslin soll es von Lothar erfahren. Alex." Frau Nataly stand auf und sagte zu ihrem Schwager: „Und du hast ihm tragen helfen — ich muß dir danken." Dann suchte sie Waldemar und sprach lange mit ihm über Susanne und Dietrich und lenkte über auf Wölflins. Jetzt sah sie alles klar. In ihrem bedrückten Geiste malte sich eine neue Welt. In ihrem Turmzimmer, drei Fenster in den Park hinaus, lag Susanne. Das Leiden stand ihr auf der Stirn geschrieben. Jedesmal, wenn jemand eintrat, heftete sie fragend den Blick auf den Mund des Kommenden, als müßte von dort ein erlösendes Wort fallen. So matt sie war, sie schlief mit Hoffnung ein und erwachte mit neuer Erwartung. Diese Zähigkeit war bewundernswert. Er mußte ja kommen, er konnte sie hier nicht liegen und verdorren lassen. Was hatte sie ihm getan? Das unbekannte Verhängnis, das Geheimnis des blauen Ankers mit den vier Sternen auf dein Medaillon des Onkels Eberhard — es mußte der Tag kommen, wo sich diese entsetzliche Dunkelheit aufhellte. Die Mutter trat ein und setzte sich auf den Rand des Bettes. Sie streichelte ihrem Kind Haar und Stirn. ..Wie füblü du dich. Susi?" „Mutting, wie immer die letzten Tage, ganz gut, wenn das hier," sie zeigte nach den Schläfen, „dies Hämmern und Dröhnen nicht wäre. Und hier — über dem Herzen — ach, das war alles zu viel für mich!" Sie sah zur Decke, um die eine seine Rosengirlande lief, und sann. „Du grübelst immer, Kind. Nun komme einmal her, so ganz nahe mit deinem müden Köpfchen. Nein, nein, du brauchst mich nicht anzusehen. Jetzt will eine Mutter mit ihrem Kinde sprechen, so, als wenn du noch vier Jahre alt Wärst, wo man vor der Mutter noch keine Geheimnisse hat, wo das ganze Kinderberz noch der Mutter gehört, durch- ichtig wie ein schöner Kristall. Und wo es, wenn die Mutter ragt, nur eins gibt: ein klares Ja oder ein klares Nein. Und nichts dazwischen, was die Großen so dazwischenzulegen gewohnt sind. Kind, sage mir offen, gibt es etwas auf dieser Welt, was dich wieder gesund und froh machen könnte?" Sie nahm leise ihre Hand. Da fühlte Susanne die wahre Mutterliebe, und es strömte beseligend nach ihrem Herzen. Ein seines Not flog über ihre Wangen wie ein Windhauch. Die Lippen öffneten sich ein wenig. Das junge Mädchen richtete sich etwas hoch und verbarg das Gesicht im Schoß der Mutter und schluchzte leise: „Susi?" Sie hob die Augen zur Mutter und flüsterte: „Mutting — ja!" „Ist es Erich Wölflin, Susi?" „Mutting!" Sie umklammerte ihren Arm und preßte ihre Hand. „Susi — er wird kornmen. Onkel Lothar führt noch heute abend nach Berlin und wird ihm sagen, daß jemand hier auf ihn wartet. Er wird kommen." Da fuhr eine stille Kraft durch ihre zitternden Glieder. Sre siel der Mutter um den Hals und küßte ihr die Tränen aus den Augen. „Mutting — Mutting — ich sterbe vor Freude!" _ Kind, halte dich fest zusammen. Rege dich nicht aus. Sreh, das Auge deines Vaters schaut jetzt auf uns her- rneder, und ich sehe fein Lächeln, und wie er dich segnet. Ich schicke dir jetzt Waldemar. Ich muß gehen." „Mutting!" . Die Lippen weit offen, mit brennenden Augen sah sie der Mutter nach, die sich in der Tür noch einmal umdrehte und ihr zulachelte. „Erich — du kommst! Mein Gott, ich sterbe vor Glück!" 33. Kapitel. Wölflins waren nach Charlottenburg zurückgekehrt. Lottes heißer Wunsch, in Dietrichs Nähe bleiben zu Kursen, hatte dem unerbittlichen Befehl des Stabsarztes: „Absolute Ruhe und Schouung" weichen müssen. Sie hatten ihre alte Wohnung wieder bezogen. _ «* »« om 23. September. Die Heldentat des „II 9" vvr Hoek van Holland durchbrauste die deutschen Lande . Tage stand Lothar v. Rothkirch vor der Tür Wölflins und schrieb unter den Namen seiner Visitenkarte: „Professor Nermann." Aber dann zerriß er die Karte und nahm eine andere. „Nein — Lotte Wölfliu könnte da sein." A drückte am Kliugelkuopf. Ein Mädchen öffnete. ,^ch mochte Herrn Wölfliu sprechen." Sie führte den fremden Herrn in Erichs Arbeitszimmer. Die beiden Männer standen sich gegenüber. „Ich hatte noch nie die Ehre, Exzellenz. Bitte." IT? bmen Sessel vor. Sie nahmen Platz. Der .Nmisterialdirektor zog langsam die Handschuhe aus und legte sie auf den Tisch. ns il • l e ^.hen, Herr Wölslin, ich mache einige Umstände. bin ganz offen — es wird mir nicht leicht, für das, was mich zu Ihnen führt, das richtige Wort zu ftuden. Ich komine, uiu den letzten Wunsch eines Gestorbenen M erfüllen, meines Bruders, des Rittmeisters Alexander v. Rothkrrch" ' Erich war aufgestandeu. >, '-Ach sehe es aus Ihren Augen, Herr Wölfliu, daß ich ch^VAch-cht- ubergehen darf^ Ich spreche zu einem die Hand Sterte, Er erhob sich und reichte Erich „Vorzeitig, mit einer schmerzenden Wunde sind zwei Väter in das Grab gegangen. Ihr Vater, Herr Wölflin, und der Vater Susannes, meiner Nichte. Mein armer Bruder hat das Unglück seines Lebens schwer getragen und hat es mit seinem Tode auszugleichen gesucht. Er wird Ruhe im Grabe finden, wenn der Sohn des stilleu, vortrefflichen Mannes, den seine.Hand traf, ihm das Größte gewährt, was ein Menschenherz in einem solchen Falle gewähren kann, die Verzeihung. Wenn Sie dem, der an seiner Stelle hier steht, das schwere Wort in die Hand geben: „Seine Schuld ist gesühnt!"" Mit schmerzlicher Bewegung, kaum eines Wortes fähig, nahm der innge Mann die Rechte des alten Herrn in seine beiden Hände. „Es ist schwer gesühnt. Sie ruhen beide in Frieden." „Als ich vorhin von meinem Bruder sprach, nannte ich ihn den Vater Susannes. Herr Wölslin, auf Bronin wartet jemand auf Sie, uiid ich handle im Aufträge meiner Schwägerin, wenn ich Sie bitte. Sie dringend bitte — ach, bedarf es noch eines Wortes? — Wer wollte sich dev Schickung in den Weg stellen?" Fassungslos fafo Erich den alten Herrn an. „Exzellenz — Verzeihung, ich muß mich erst sammeln." „Wann kommen Sie? Darf ich ein Telegramm senden i—j morgen ¥' „Exzellenz!" „Der Krieg hat auf Bronin schwere Wunden geschlagen^ Herr Wölslin. Sie werden vernarben in den: Glück dev Kinder. Ich bin aus dem Gleichgewicht gekommen seit dem Tage, an dem ich meinem Bruder das letztemal — ich wußte, daß es das letztemal sein sollte— ins Auge sah. Der heutige Tag gibt mir meinen Frieden wieder." Sie sahen beide still vor sich hin. „Herr Wölslin — Sie sagtest bei meinem Eintritt: „Ich hatte noch nie die Ehre." Ich, muß das berichtigen. Sie sahen mich in Niederwiesenthal und dann noch einmal > es war in Görlitz — Professor Reimann." Erich maß ihn von oben bis unten und erschrak. „Ja damals in Görlitz, als Sie mich anriefen — das war ich wirklich. Und dann, jedes Jahr habe ich Sie einmal gesehen, und ich war glücklich, dann jedesmal meinem Bruder berichten zu können: „Erich Wölslin ist wohlauf, und Schwester Lotte blüht wie eine Rose." Das hat ihn in den langen Jahren aufrechterhalten." „Exzellenz — heute fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Meine dunklen Ahnungen bestätigen sich. Wie oft ftaate ich mich: „In wessen Hand ist mein Lebensfaden?" — Jetzt weiß ich es. Wieviel Dank schulde ich Ihnen, tvieviel Dank!" Der Ministerialdirektor wehrte ab. „Verzeihung, Herr Wölslin — Ihre Fräulein Schwester? Ist Ftaulem Lotte hier? Ich möchte ihr die Hand driicken und ihr meine Mückwünsche aussprechen. Dietrich hat mir sein Glück gemeldet. Warum durftest du das nicht erleben, Bruder?" * Erich eilte hinaus und brachte Lotte mit. „An meines Bruders Stelle wird mein Auge wie das eines Vaters Sie schützen, mein Kind. Werden Sie glücklich!" „Doktorchen, aber heute kann ich aufstehen?" „Nein, Kind, Sie dürfen noch nicht. Sie würden vor dem Bett in die Knie fallen. Sie sind stoch nicht stark genug" „Ich bin ja gesund, Doktorchen, ich fühle mich wieder, wie rch war." ' ,,©te müssen noch ein wenig wartest, es hilft nichts." „Nur ein halbes Stündchen, lieber Doktor, Sie müssen es erlauben." L>te durste ausstehen. Mümmri-KIathrin half ihr die Treppe hinunter auf die Veranda, die in der herbstlichen Sonne lag. Der Duft der roten Rosen, der letzten desj Jahres, die Mümmri-Kathrin dem Gärtner abgepreßt hatte, drang süß betäubend herüber. Waldemar stand neben ihr. Er sah die Schwester zärtlich an, die ans jedes Geräusch lauschte. ' ß „Wenn unser Schloßbau eingeweiht wird, Susi, heißt es „Herr Professor Erich Wölflin". Onkel Lothar Hut es mrr verraten. Und natürlich auch „Frau Professor"." Susi lächelte. „Ach, Waldi, ich bin ja so glücklich. Wem: ich nur ihn habe." ' P . . ® a stürmte Evi herein. Susannes Wannest färbten sich fieberhaft rot. ß „Sie kommen." Mt einem jubelnden Aufschrei sank Susi an die Brust des Geliebten. Sie fanden kein Wort in ihrem seligen Mitck. * Mit militärischen Ehren wurde Alexander von Rothkirch zur Gruft seiner Väter gebracht. Als die schweren Bronzeneren des Erbbegräbnisses sich schlossen und der Strom der Leidtrageirden durch den Park zurückflutete, lösten Susanne und Erich sich zur Seite in einer: stillen Gang und sprachen von den vergangenen Tagen. Und da kam die Frage, vor der Erich gezittert hatte: „Liebster, warum gingst du von mir? Was hat dir der blaue Anker getan?" „Mein Liebling — heute nicht. Wenn einmal eine stille Stunde kommt zwischen unfern Glückstagen, dann werde ich es dir sagen. Onkel Eberhards Seemannszeichen soll uns ein ewiges Symbol sein: Unsere Herzen fest verankert, eins im andern! Und über uns die Sterne der andern Welten, die Hoffnung auf ein Glück bis ins Grab." Im rechten Augenblick. Ein Kriegserlebnis irr Livland von Lothar Wende. Die geschlagenen Russen wurden scharf verfolgt. Das Bataillon zog als Spitze der Seitendeckung mit umgehängtem Gewehr ohne Tritt durch Livland. Seit dem frühen Morgen waren die Feldgrauen auf den Beinen. Der Regen kam aus dem grauen Himmel, bald stärker, bald schwächer. Das Wasser plätscherte an den. Mänteln herunter. Die schweren Tornister drückten, die Riemen gruben sich tief in die Schaltern der Soldaten ein, und so stapften sie müde, hungrig durch die weiche, breiige Erde, die sich an den Stiefeln festzusaugen schien. Die Mittagspause ist vorüber. Der Regen hat aufgehört. Windzug zerreißt die grauen Wolkcuschichten, jagt die Fetzen am Himmel hin lind her und trocknet die Kleider der Soldaten. Endlich das Signal: Das Ganze halt! Alles atmet erleichtert auf. Neue Kommandos. Die Kompagnien marschieren auf, ziehen sick in Zügen auseinander und setzen die Gewehre zusammen. Die Tornister fliegen herunter, Zeltbahnerl und Mäntel werden ausgebreitet und jeder packt aus, was er noch Genießbares hat, denn daß die Feldküche noch rechtzeitig yerankommt, ist ganz ausgeschlossen. Das weiß jeder und richtet sich ein. Die Ruhe dauert nicht lange. Ein Dragoner prescht über das Feld heran und bringt dem Bataillonsfübrer einen Befehl von ber Brigade. Der liest, bescheinigt der Oroonnanz den Empfang des Befehls und ruft dann laut über die lagernde Truppe: ,,Die Herren Offiziere!" Was sick) nicht schon in der Umgebung des Bataillonskommandeurs befand, eilt im Laufschritt herbei. „Merne Herren! Wir haben einen anderen Auftrag. Wir schwenken vor dein nächsten Dorf Jauischki nach Westen, nach dem Torf und Gut Sattkunny ab und begeben uns dort für heute ins Quartier — wenn das Dorf frei vom Feinde ist. Sattkunny ist nach der Karte 15 Kilometer entfernt. Bei den Wegen werden wir wohl vor Einbruch der Dunkelheit nicht dort sein können. In einer halben Stunde brechen wir auf." „Fertig machen!" Das Kommando läuft durch die Reihen. Die Mäntel werden gerollt und ausgeschnallt, das Gepäck umgehängt, und weiter geht's. Eines jener riesengroßen Kruzifixe, an denen die Litauer früher nm Brot, Gesundheit und Frieden beteten, ragt au einer Straßenkreuzung weit ins Land hinein. Hier geht der Weg rechts ab auf einer ziemlich guten Straße dem Dorfe Sattkunny zu. Vorbei aeht s an blumigen Wiesen, an Feldern in goldener Fülle, über dre niemand erntend schreitet, vorbei an einzelnen Gehöften, von den Bewohnern verlassen und von der wilden russischen Soldateska geplündert und niedergesenat. Scheues Vieh treibt sich auf herrenloser Weide herum und ragt beim Nahen der deutschen Soldaten in wilder Flucht davon. Ein Waldstreifen taucht auf. Die Spitzenpatrouillen schwärmen aus und nähern sich vorsichtig dem Gehölz. „Bataillon h—a—lt! Dritte Kompagnie, erster Zug, in der Richtung auf den Wald vor uns schwärmen!" Das Gewehr in der Hand, zieht die Schwarmlinie auf den Wald *u und hindurch. Weit und breit nichts Verdächtiges. Nur das Knistern unter den Tritten brechender Zweige unterbricht die Stille. „Wald vom Feinde frei" und »Dorf rn Sicht" wird nach rückwärts gemeldet. Das Bataillon hat den Wald durchschritten und macht einen Kilometer weiter vor erner Erdwelle Rast. Die Spitze wird zurückgepfiffen und «ne Gruppe der Spitzenkompagme zur Aufklärung nach vorn gesandt, ob das Dorf vom Feinde besetzt ist. Die neun Mann legen ihre Gepäck ab und marschieren los, das Gewehr schußbereit in der Hand und au fdeni Wege jede natürliche Deckung benutzend. Das Dunkel schleicht langsam und Mvelgend herbei und hüllt die Gegend in grauschwarze Schleier. Kmcksch ft m te0t b e IeÖte @trecFe Dor ben Gebäuden vor den /'® 0 ' 0 * Heißt es drauf los!" sagt der führende Unter- osnSler. „Sie, Schröter, der Radfahrer Dahms und ich nehmen me Mitte, drei Mann halten sich auf zwanzig Meter Abstand rechts und drei links von uns." Geräuschlos nähern sich die ® r J*W>en ben Gebäuden. Rauch strömt aus dem Schornstein de^, Wohnhauses — also sind Menschen dort. Doch kein Lebenszeichen regt sich Ein typischer Litauerhof mit seinen vielen einzelnen Wirtschaftsgebäuden liegt vor ihnen. Die rechte Gruppe hat das etwa fünfzig Meter weit von den eigentlichen Wirtschaftsgebäuden abgebaute Dörrhaus erreicht und durchsucht. Keine Seele ^Vohnhau^ Mittelgruppe betritt den Hof und geht auf das Flüsterte da nicht jemand, knackten da nicht Gewehrschlösser? Die drei Soldaten bleiben stehen und lauschen in das Halbdunkel. Nein! Tie Kameraden sind's, die soeben den Hof rechts und links betreten. Der Unteroffizier knipst seine Taschenlampe an und laßt den Schein über den Hof leuchten ... da blitzt's und kracht's von allen Seiten. Ein Schnellfeuerhagel prasselt über die neun deutschen Soldaten, und eine Anzahl Russen stürzt aus den Gebäuden auf sie zu. Der Unteroffizier und ein Mann ■ e 5rx l ?^^ em ^uer zusammen. Der Radfahrer springt auf lerne Maschine und ist blitzschnell verschwunden. Dem Musketier Schroter hat eine Kugel das Gervehr aus der Hand geschlagen, und ec ist, ehe er sich's versieht, und ehe er noch daran denken, kann, sich zu wehren, gefangen. Der Rest der Patrouille flüchtet m großen Sprüngen in die Dunkelheit, und ein Hagel von Blei strebt hinter ihnen her. Die Wohnhaustür wird aufgestoßen, ein breiter Lichtkegel quillt über den Hof, und Schröter sieht an den „roten Blitzen" aus Wolle auf den linken Aermeln der einige zwanzig Mann starken Russen, daß er einem Fernsprechkommando in die Hände gefallen ist. In wilder Flucht sauste der Radfahrer Dahms auf seinem Rade die Strecke zurück, die er vor einer halben Stunde zu Fuß, sein Rad führend, gekommen war. Je schneller er Meldung von dem Ueberfall bringen kann, um so eher winkt seinen verwundeten oder gefangenen Kameraden Rettung. Wenige Minuten verstrichen nur, und doch dünkte ihm endlos die Zeit, bis ihm vom Vorposten seines Bataillons ein „Halt, wer da?" zugerufen wird. Hier hatte man die Schüsse gehört, der Kommandeur schon seine Anordnungen getroffen, das Dorf zu umzingeln und anzugreifen. Inzwischen war der gefangene Schröter in das Haus geführt worden, wo ihm ein Feldwebel das Koppel abnahm, ihm die Daschen ausleerte und damit verschwand. Zwisck)en russischen Soldaten neben semeu beiden schwer verwundeten Kameraden liegend,^ hät er genug Zeit, nachzudenken.. Viertelstunde auf Viertelstunde verrinnt, dann hört er einige russische Kommandos,, uiid nunZchiebt man ihn die Treppe hinauf in das Obergeschoß in ein großes Zimmer, wo eine ganze Reihe russischer Offiziere vor Karten und Fernsprechapparaten sitzt. Alle paar Minuten schnarrt em Apparat und wird von einem der Offiziere bedient. Vor dem Ranghöchsten liegt der Tascheninhalt des Gefangenen. Er blättert in den Briefen und im Taschenbuch und schiebt dann alles mit ein paar Worten einem anderen Offizier zu, der ebenfalls zuerst darin blättert und sich dann in gutem Deutsch in gemütlichem Tone an Schröter wendet: „Na, Freundchen, wo kommen Sie denn her?" Dem Gefangenen fährt es blitzschnell durch die Sinne; nur nnerHfyrotfen einen Bären aufbinden und die Russen hinters Licht führen, denn lange kann die Rettung durch die Kameraden nicht ausbleiben. „Wir waren eine versprengte Patrouille, Herr Leutnant, mehr kann und darf ich nicht sagen." „Das glaubt Ihnen kein Mensch, nur raus mit der Sprache! — Ihr Schade soll es nicht sein!" „Herr Leutnant, mein Fahneneid — nnd tvenn Sie mich totschießen lassen, ick darf Ihnen nichts sagen." „Nur nicht so heftig, Freundchen! Also, wo war Ihr Bataillon heute früh?" „Herr Leutnant, ich. . ." „Schon gut. schon gut! Hier haben Sie einen Schnaps. Setzen Sre sich da in die Ecke und stecken Sie sich eine Zigarette! an. Das bringt Sie auf andere Gedanken." Der Russe klopfte dem Gefangenen vertraulich auf die Schulter, befahl ein großes Glas Schnaps für den „Memiez" und reichte ihm eine Zigarette. Behaglich sog Schröter den aromatischen Duft des Rauches ein, während der Offizier weiter in seinen Papieren blätterte. „Wie heißt doch gleich Ihr Divisionsgeneral?" fragt er plötzlich und unvermerkt nach minutenlanger Pause. Llber ehe Schröter noch den Minid aufmachen kann zu einer Antwort^ da krachm Geivehrschüsse — Waffenklirren, Fluchen und Schreien auf russisch urck deutsch dringt ganz aus der Nähe, und alles über- tönt das brausende „Hurra!" stürmender deutscher Soldaten. Baff von dem plötzlichen Ueberfall springeii die Offiziere auf und stttrzm die Treppe hinunter, um die Abwehr zu leiten, bis auf einen, der ans Fenster tritt, die dichten Hüllen fortschiebtj und, die Augen nahe an die Scheiben pressend, hinausspüht- Seinen Revolver hat er auf dem Tische liegen. Da envacht in dem gefangenen Schröter die Unternehmungslust. Er sieht auf den Tischen die Haufen russischer Karten und Papiere, sieht die schönen, in Betrieb befindlichen Tckephoimpv-rat«. sicht bat Re- !wl«r, siecht sich im Geiste von serwem Hcmptm-nn belobt Und mit dem Eisernen Kren^ geschmückt, . . Gedan!^ "nd kichn^e Ent- schlntz sind eins. Mit einem Satze sprrngt er an dal Trsch, reltzt den Revolver au« der Tasche, der Russe wend et si ch, erschreckt drrrch das Geräusch, jäh nnd entsetzt um-Schröter zielt-, ent Knall: der Offizier bricht zusammen. Mm gilt es, die Papiere zu erbeuten. Unten im daus tobt wütender Äanctf. Jeden Augenblick können die Russen herausstürmen. um die Papiere zu vernichten - Mit allen erreichbaren Gegenständen verrammelt Schröter die Tür, und mit dem Revolver bewaffnet stemmt er sich mit der ganzen Kraft und dem ganzai Gewicht seines Körpers gegen die verbarrikadierte Tur. sichm pol- tert's die Treppe hinaus. Menschmleiber werfen fufc gegen die Schranke. Säbel hacken prasselnd dagegen und «evoloer- bugeln reißen splitternde Locker in die Füllung, schon l'k Schroter an Arm und Beinen v«vmndkt, seine Kräfte verlassen ihn. ein furchtbarer, gewaltiger Anprall durch die brechende und naä^ elende Tür, der mutige .Verteidiger erhalt einen furch barrtt Stoß gegen den Kopf, der ihn kraftlos zusammenbrechen laßt, und schon stürmen die Russen ins Zimmer, nmnvch zu retten, was zu retten ist. Aber schon springen auch deutsche Soldaten die Treppe lyrnouf, ins Zimmer hinein und überwältigen die Russen, eye sie etwas vernichten können. ^„ „ . n .. Ein paar Woche,, später erhält Schroter rm Lazarett das Eiserne Kreuz, und mit dem Glückwunsch teilt ihm ft'» 5>aupt- mann mit, daß die erbeuteten Papiere von grotzter Wichtigkeit für unsere Heeresleitung gewesen sind. vermischte-. »Der feste Geisel. In diesen Tagen, in denen wir uns oft über Heldentaten unserer bl men Jungen zu freuen haben, verdient das Bravourstück eines deutschen Schiffes aus dein Jahre 1870 der Vergessenheit entöltet zu werden. Vom Ausbruch deS Krieges bis zum Okt. 1870 lag der Hamburger Dampfer ,WestfaIia in New York vor Anker - der Krieg hatte das Auslaufen verzögert. Endlich, im Oktober, kam von Hau,bürg der telegraphische Befehl, die Heimreise auzvtreten, aber sich nicht langen zu lassen. Dawar nun leichter gesagt als ansgesi"ihrt, denn vor dem Hafen kreuzten, scharf auipasseud, zwei französische Kriegsschiffe. darunter der Kreuzer .Latouche Trouville". TreseS französische Schiff hatte ein Jahr früher die Schiffbrüchigen des Hamburger Dampfers »Germania* gerettet, eine Tat. die mit der Verleihung des Noten AdlerordenS zweiter Klaffe an den braven Kapitän belohnt worden war. Der Kapitän der gestrandeten „Germania* war aber 1870 Kapitän der „Westfalia", und wenn er nun den Halen verließ, war er in Gefahr, von denselben Kapitän gefangen genommen zu werden, der ihm ein Jahr vorlrer so freundlich beigestanden hatte. Nach allerlei vorsichtigen Erkundigungsiahrten wurde schließlich die Fahrt doch unternommen, denn es hatte sich ergeben, daß die französischen Schiffe weit kort waren. Trotz aller drohenden Gefahr dieser Reise hatten sich fünf Passagiere eiugefunden. Eine Weile ging alles gut. Ueberall standen Beobachtnngsposten aus Deck, und als gerade ein Lotse das französische Schiff an- gekündigt hatte, wurde die „Latonche Tronville", schnell näber- kommend, auch schon gesichtet. Nun hieß es handeln, jeder Augenblick war kostbar. Teer- und Peiroleunsiässer waren schon bereit gehalten und sie flogen aus ein Zeichen des Kapitäns in den Ofen - die Maschine verdoppelte ihre Geschwindigkeit und die alte „Westfalia* flog nur so über das Wasser. Die Paffagiere standen bleich dabei, denn das waren für sie recht unangenehme Augenblicke einer doppelte, Gefahr. Diese ungemütliche Zeit dauerte aber nicht lange, denn bat) wurde es klar, daß trotz aller Anstrengungen das große französische Schiff die Heine „Wessialia* nicht einholen konnte. Der Kreuzer mußte znrückbleiben, und ein Kanonenschuß, den er dem Hamburger nachsandte, lraf nicht. Ein donnerndes Hurrah war die Antwort ans diesen Gruß. Eine Viertelstunde später war von dem französischen Schiffe nichts melxr zu sehen, und die .Weslsalia" kam nach zehn Tagen ^wohlbehalten in Hamburg an. „^W pflegte der Kapitän später zu sagen, „wenn der Kessel nicht so standhaft und fest gewesen wäre, hätten wir nicht entkommen können. Aber der feste Kessel, der hat un« herausgeriffen.* ' ©in Fliege nsaugeapparat. Die Verbreitung der Fliegenplage in allen Kulturländern und die damit verbundene Uebertragnng sck>ädticher Keime hat e men Amerikaner veranlaßt, einen Apparat herzustellen, der bei Verhältnis inäng aerin en Betriebskosten gute Erfolge im Kampfe gegen die lästigen Insekten verspricht Er beruht am demselben Gedanken, dem wir die Bakunmreinignng verdankei, und besteht ans einer elektrisch betriebenen Sangtrommel, die sich ans eine kreiswrmige Bleirde öffnet; darüber befindet sich eine elektrische Lampe. Wird nun der Strom eingeschaltet, so wird jede Fliege, die sich der mit irgend einer Süßigkeit bestrichenen Blende nähert, in die Trommel gesogen, die sie in einen daran angeschlosje >en Kasten schleudert: bei Nacht läßt man die Lampe leuchten, die auf die Blende scheint und die die Wirksamkeit des Apparates auch i>, der Dunkelheit gewährleistet. Die ganze Maschine wiegt nur ungefähr 80 Pfund und wird von einem Motor von einem Dreißigstel Pferdestärke getrieben, der ebensoviel Strom brarlcht, wie eine Lampe von 16 Kerzenstärken. 'Da« Festmahl auf derGrenzscheide. Daß der grausame und an Schreckniffen so reiche Krieg zu Zeilen auch ein- mak der Urheber eines Geschehnisses von geradezu idyllischer Lieblichkeit werden kann, zeigt die nachstehende Geschichte, deren Schauplatz das deutsch-holländische Grenzgebiet ist. In Boertauge, einem bereits jenseits der Grenze liegenden Oertchen, so schreibt uns ein Mitarbeiter, wohnt eine ehrsame holländische Familie, die, ,oie da- tn den Grenzbezirken gang und gäbe ist, sich mit einer auf der andern Seite lebenden deutschen Familie durch Heirat verschwägert hat. Jüngst hatte nun das Oberhaupt in der holländischen Familie Geburtstag, zu dessen Feier auch die beiden deutschen Der- tvandte», zivei Bruder, eiugeladeu wurden. Ta jedoch iusolqe de- Krieges die Greuzkoiitrolle sowohl von deutscher wie von holländischer Seite ai'ßerorden-lich scharf ist unö den beiden Brüdern daS Ueberfchreiten der holländischen Grenze verweigert wurde, so war guter Rat teuer. Aber die Leute wußten sich 511 helfen. Von jenseits kamen die Holländer und von diesseits die Deutschen bis unmittelbar au den Grenzstrich heran. So konnten sie sich wenigstens unterhalten und eiiiauder die Hand geben. Und plötzlich verfielen sie auf eine lvahrhaft großartige Idee. Tie Holläiider brachten geschwinde ein Tischlein herbei, das mit zwei Beinen nach Deutschland hingestellt wurde, ivährend die beiden anderen Beine in Holland blieben, so daß die Grenzscheide mitten unter dein Tisch durchlief, den die Holländer alsdan i für ein Festmahl herrichteten. Die deutschen Brüder saßen vftichtgemäß am deutschen Tischeiide und ihre Verwandten a>n holländischen. So ivard dos Problem der gemeinsamen Geburtstagsfeier auf die einfachste Weile gelöst und von Nation zu Nation eute gar verlockende Brücke geschlagen, ohne daß Gesetz und Recht verletzt worden iväre. Kriegsurlaub. Feldgrau, in Wehr und Waffen, Wie ihn der Graben gab, Biegt in die Heimatgasse Ein Wehrmann freudig ab, Und frohe Kinder tragen Den Jubel vor ihm her, Anffliegt manch' trautes Fenster, Ein Grüßen kreuz und quer. Atlf Mutter- Armen zappelt Ein kleiner Mann heran, Liebreich nimmt ihn sein Vater Als seinen Jüngsten an. Im Straßenkampf der Liebe Hielt'st Wackrer, du nicht stand. Spürst du die heiße Träne, Die sich im Auge fand? G r 0 ß e n - L i n d e n. F e r d. B a ch. äftotcnrätje!. AuS jedem der folgenden Zitate ist ein Wort zu nehmen, fo daß sich ein neues Zitat ergibt: 1. Das ertrage wem's gefällt 1 2. Tie Zeit geht ailirecht unter ihrer Last. 3. Tie Menschen sind nicht immer, ivaT sie scheinen. 4. Hier sind wir versammelt zu löblichem Tun. b. Tie West wird schöner mit jedem Tag. 6. Ter rechte Mann an der rechten Stelle. 7. Unter vielen schliminen Dingen ist das schlimmste eine scharfe Zunge. Auslösung in nächster Nummer. Auslösung der Skat-Ausgabe in voriger Nummer: Abkürzungen: t r — Treff, p — Pique, c — Coeur, car — Carreau trB = Treff-Bube. pA — Pique-Aß, cD — Coeur-Dame usw. Im Skat liegen carA und carK. Vorhand (V.>: pZ, pK, pB, p7, cK, cB, c7, carD, car9, car8. Hinterhand