Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, 9 Sonntags.— Beilagen: viermal wöchentlich Gießener Familienblätter; weimal wöchentl. Kreis⸗ latt für den Kreis Gießen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land⸗ wirtschaftliche deitfragen Fernsprech- Anschlüsse: für die Schristleitung 112 Verlag, Geschäftsstelleßi Adresse für Drahtnach⸗ richten: Anzeiger Gießen. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Abend vorher. Gießener Heeneral⸗Anzeiger für OGberhessen Rotationsdruck und verlag der Brühl'schen Univ.⸗Buch⸗ und Steindruckerei R. Lange. Schriftleitung, Seschäftsstelle und druckerei: Schulstr. 7. JJC. 5 3 1 bbs. Jahrg 1 Dienstag, 23. November 1915 Bezugspreis: monatl. 85 Pf., viertel; jährl. Mk. 2.50; durck Abhole- u. Zweigstellen monatl 75 Pf.; durch die Post Mk. 2.30 viertel⸗ jährl. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15 Pf., ausw. 20 Pf.— Haupt⸗ schriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil und das Feuilleton: Aug. Goetz; für Stadt und Land, Vermischtes und Ge⸗ richtssaal: Otto Braun; für den Anzeigenteil: H. Beck, sämtlich in Gießen. Italien tritt dem Abkommen gegen einen Sonderfrieden bei. eB.) Großes Hauptquartier, 22. November. Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplatz. Keine wesentlichen Ereignisse. Die feindliche Artillerie zeigte lebhafte Tätigkeit in der Champagne, zwischen Maas und Mosel und öftlich von Luns ville. 10 Oestlicher Kriegsschauplatz. a Ein schwacher russischer Vorstoß gegen den Kirchhof Illuxt(sordwestlich von Dünaburg) wurde abgewiesen. Sonst ist die Lage unverändert. .„Balkan ⸗Kriegsschauplatz. 5 Bei Socanica(im Ibar⸗Tal) wurden serbische Nach⸗ huten zurückgeworfen. 0 Der Austritt in das Lab⸗Tal ist beiderseits von Po⸗ dujevo erzwungen. 0 Gestern wurden über zweitausendsechshundert Gefan⸗ gene gemacht, sechs Geschüte, vier Maschinengewehre und zahlreiches Kriegsgerät erbeutet. . Im Arsenal von Novipazar fielen fünfzig große Mörser und acht Geschütze älterer Fertigung in unsere Hand. Oberste Heeresleitung. F„ ö Vom Isonzo, wo wieder heftige Kämpfe entbrannt sind, berichtet General Cadorna„bedeutende Erfolge“; er schwelgt in Lobeserhebungen über die Vorzüge der eigenen Truppen, ihre Kühnheit,„unglaubliche Festigkeit“,„bewundernswerte Anstrengung“, aber er vermag nicht anzugeben, inwiefern eigentlich gesiegt worden ist, wo der strategische Gewinn liegt. Nach dem österreichisch-ungarischen Berichte sind die Italie⸗ ner nach kleinen Einzelfortschritten immer wieder in ihre früheren Stellungen zurückgejagt worden. Nirgends als auf einigen Posten in Italien selbst finden Cadorna und seine Kämpen Bewunderung. Im Gegenteil, Frankreichs und Englands Lippen mögen über den langsamen und ungefälli⸗ gen Bundesgenossen schon manchen Fluch nur mühsam unter⸗ drückt haben. Cadornas Heere stehen jetzt gerade ein halbes Jahr gegen Oesterreich⸗-Ungarn im Felde, und noch immer haben sie keine wesentlichen Erfolge gehabt. Ratschläge ihrer Verbündeten haben Salandra und Sonnino im Einverneh⸗ men mit Cadorna abgelehnt; sie wollen nicht für fremde Interessen und Ideale heiße Kastanien anfassen, und Joffre wartete vergebens auf der Front in Frankreich, wie die Eng⸗ länder auf dem Kampfplatz der Dardanellen umsonst ver⸗ langende Blicke auf die Halbinsel warfen. Das Maß der Enttäuschung für ihre Bundesgenossen füllten die Italiener durch ihr Fernbleiben vom Balkan. Zwar würde die poli⸗ tische Folge eines solchen Einschreitens Italiens auf dem Balkan vielleicht darin bestehen, daß Griechenland tat⸗ kräftiger als bisher seine Neutralität verteidigen würde, denn zwischen Rom und Athen herrschen schroffe Interessengegen⸗ sätze. Aber die Italiener drohen nicht einmal mit Trup⸗ penlandungen; sie verhalten sich vielmehr ganz stille. In den letzten Wochen und Tagen haben die Kriegsräte in Lon⸗ don und Paris augenscheinlich sich heftiger bemüht, das Eis s Schweigens in Rom zu brechen. Man hat den Italie⸗ nern— die danach nicht verlangt hatten— einen Platz im gemeinsamen Rate eingeräumt, und wirklich— jetzt endlich ist dem Kabinett Salandra eine Zusage abgenötigt worden. Es verspricht, keinen Sonderfrieden zu schließen und tritt der bekannten, auf Englands Antrieb geschlossenen Ab⸗ machung bei. Damit hat jedoch nur ein sehr mageres Küken in den Gutshof Greys und Kitcheners Einschlupf gehalten. Man weiß nicht, ob es sich entwickeln wird und ob es einmal Eier legen wird. Ein Versprechen kostet nichts, und Verträge sind nur Papier, das im Staate Italien wenig gilt. Die Rede des Justizministers Orlando ist eine inter⸗ essante Illustration der neuesten italienischen Abmachung. Orlando war ersichtlich heiß bemüht, dem Vierverband als Ganzem Gevechtigkeit widerfahren zu lassen. Hinter einer glänzenden Beredsamkeit verbarg er seine wahren Gedanken. Aber die von ihm gemachten Andeutungen ge⸗ nügen. Italien will seinen„nationalen“ Krieg führen, sein Ziel verwirklichen, aber nicht die Ziele anderer. Die Soli⸗ darität ist ein schöner Schmuck, etwa ein großer Feder⸗ busch, der den Soldaten größer erscheinen läßt als er ist. Es genügt den Italienern, daß Oesterreich, sein Feind, von zwei Seiten angegriffen wird. Wir helfen euch, so sagt Orlando seinen Verbündeten, wenn wir diesen Feind überwältigen.„Andere, weitläufigere Unternehmungen wür⸗ den unsere Hoffnungen am Isonzo verringern und damit auch das gemeinsame Ziel gefährden. Helft euch selber. Wir können nicht mehr tun als wir können. Die Balkan⸗ interessen sind auch für uns 5 8 aber zuerst kommt das erste gemeinsame Ziel, der Sieg am Isonzo. Dort 9 75 wir bis zum letzten Centissimo kämpfen. Ich habe gesprochen.“ Er hat gesprochen, und die Franzosen und Engländer werden von neuem die Zähne aufeinanderbeißen. Der ge⸗ meinsame Kriegsrat, die Einheitlichkeit der Kriegsführung sind für Orlando und seine Kollegen böhmische oder andere, aber nicht italienische Dörfer. England wird, nach Chur⸗ chill, seine vollen Reservekräfte anstrengen müssen. * 5* Der österreichisch⸗ungarische Tagesbericht. Wien, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Amtli i verlautbark- 22. Mobemnber 1915. amtlich) Amtlich wird Russischer Kriegsschauplatz. Nichts Neues. 5 ee 8 1 Italienischer Kriegsschauplatz. Die Italiener setzten den Angriff auf den ganzen Gör— zer Brückenkopf ebenso hartnäckig wie erfolglos fort. Besonders erbittert war der Kampf im Abschnitte von Os⸗ lavija, wo die bewährte dalmatinische Landwehr, unter⸗ stütt durch das tapfere Krainer Infanterie-Regiment Nr. 17, den vorgestern noch in Feindeshand gebliebenen Teil unserer Stellung vollständig zurückeroberte. Der Südteil der Pod⸗ gora wurde fünfmal angegriffen. Die verzweifelten Vor⸗ stöße der Italiener brachen jedoch teils im Feuer, teils im Handgranatenkampf zusammen. Im Abschnitte der Hoch⸗ fläche von Doberdo waren die Anstrengungen des Fein⸗ des hauptsächlich gegen den Raum von San Martino gerich⸗ tet. Nach starker Artillerievorbereitung versuchten die Ita⸗ liener hier in unsere Kampffront einzudringen. Ein nächt⸗ licher Gegenangriff brachte aber das Verlorene bis auf ein kleines varspringendes Grabenstück wieder in unseren Besitz. Nördlich des Brückenkopfes von Görz überschritten schwächere feindliche Kräfte südlich Za go ra den Isonzo. Abends war fta das linke Flußufer von diesen Italienern wieder ge⸗ äubert. An der Tiroler Front hat es der Gegner in letzter Zeit auf den Col di Lana besonders abgesehen, wohl um seinen zahlreichen Veröffentlichungen über Erfolge in diesem Gebiete gerecht zu werden. Das italienische schwere Geschütz⸗ feuer war hier gestern heftiger denn je; drei Angriffe auf die Bergspitze wurden abgewiesen. Südöstlicher Kriegsschauplatz. Die im Gebiete von Capnice kämpfenden k. und k. Truppen warfen die Montenegriner aus ihren Stellungen am Nordhange des Goles⸗Berges. Auch östlich von Go⸗ razde sind Gefechte im Gange. Eine österreichisch⸗ungarische Gruppe aus No vo Varos nähert sich Prijepolje. In Nopvipazar erbeutete die Armee des Generals b. Köveß 50 Mörser, 8 Feldgeschütze, 4Millio⸗ nen Gewehrpatronen und viel Kriegsgerät. Der noch östlich der Stat verbliebene Feind wurde von deutschen Truppen vertrieben in deren Hand er 300 Gefan⸗ gene zurückließ. Die im Ibar⸗Tal vordringende öster⸗ reichisch⸗ungarische Kolonne erstürmte gestern tagsüber zwan⸗ zig Kilometer nördlich von Mitrowitza drei hintereinander liegende serbische Stellungen. In der Dunkelheit bemächtigte sie sich durch Ueberfall noch einer vierten, wobei 200 Ge⸗ 9 55 eingebracht und sechs Geschütze, vier Ma⸗ schinengewehre, eine Munitionskolonne und zuhlreiche Pferde erbeutet wurden. Die Armee des Generals v. Gallwitz nahm in erfolgreichen Kämpfen südlich des Pre⸗ bolac⸗ Sattels 1800 Serben gefangen. Oestlich und südöstlich von Pristina gewinnt der An⸗ griff der ersten bulgarischen Armee trotz zähesten serbischen Widerstandes stetig an Raum.. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs f v. Höfer, Feldmarschalleutnant. 1„„ g Der italienische Bericht. Rom, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Kriegsbericht vom 21. November: 5 Der gestrige Tag war gekennzeichnet durch bedeutende Er⸗ folge unserer Waffen längs der Isonzofront, besonders auf den Höhen nördlich von Görz. Die Aktion begann während der Nacht durch kühne Oeffnung von Breschen in den tiefen Ver⸗ hauen des Gegners und in den mächtigen feindlichen Verschan⸗ zungen. Bei Tagesanbruch griff unsere von der Artillerie aus⸗ gezeichnet unterstützte Infanterie das Dorf Oslawija und die Höhen nordöstlich und südwestlich der Ortschaft beiderseits der Straße San Florino⸗Görz an. Ter Feind setzte uns sehr hart⸗ näckigen Widerstand entgegen, aber durch die Wucht unserer An⸗ stürme in Verwirrung gebracht, mußte er sein Heil in der Flucht suchen, bei der er seine Gräben voller Toten, sowie 459 Ge⸗ fangene, darunter zahlreiche Offiziere, zurückließ. Darauffolgende⸗ heftige Gegenangriffe des Feindes, einige davon ausge⸗ führt unter den Rufen:„CEoviva Savoja“, um die Unserigcht irre zu führen, wurden mit unglaublicher Festigkeit zurückge⸗ schlagen, Auf den Höhen von Podgora und Cal vario, süd⸗ lich Calavia, durchstießen wir ebenfalls unter bewundernswerter Anstrengung unter dem wütenden Feuer feindlicher Artillerie zwei Reihen feindlicher Gräben und erreichten beinahe die Kamm⸗ linie. Auf dem Karst rückten wir fortgesetzt auf den Südhängen des Monte San Michele und südwestlich von San Martino, den Gegner von Graben zu Graben treibend, vor und nahmen ihm 137 Gefangene ab. Feindliche Flieger warfen gestern einige Bomben auf Schio ab und verwundeten acht Soldaten leicht. Eines unserer Geschwader führte neuerdings bei ungün⸗ stiger Witterung trotz heftigen Windes einen Flug nach dem Flug⸗ felde von Aiso viz za aus und warf mehr als hundert Granaten dort ab. Die Flugzeuge kehrten unversehrt zurück. Cadorna. Der italienische Justizminister über den „nationalen Krieg“ Italiens. Palermo, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung der Agenzia Stefani. In seiner Rede verbreitete sich Minister Or⸗ lando anfangs über die bekannten Gründe des ttaltieni⸗ schen Eingreifens. Er beantwortete die Frage nach der Natur des Krieges damit, daß der Krieg ein hervorragend nationa⸗ ler sei. Der Redner betonte, daß Italien weiter alle Opfer bringen werde, aber nach eigener 1 5 Würdigung, ohne andere Be⸗ schränkung als sie das der Solidarität erheische. Bezüglich des von vielen erwarteten Eingreifens auf dem Balkan sagte Orlando: Es bestehen besondere Juteressen Italiens an der Lage auf dem Balkan. Sie sind von schwerwiegender Natur, aber da Italien sie nicht unabhängig von der gemeinsamen Sache betrach⸗ ten kann, so könne sein Fernbleiben wie sein Eingreifen nur von. der Erwägung abhängen, was am besten zur Erreichung des wesent⸗ lichen Zieles dient. Nachdem Orlando seine Bewunderung für das heldenhafte Serbien ausgesprochen hatte, fuhr er fort: Vom politischen Standpunkt aus aber begreifen wir die ganze unschätz⸗ bare Bedeutung der Lage der Balkanvölker und unserer unmittel⸗ baren Nachbarn jenseits dieses italienischen Meeres der Adria für Italien. Nach der Betonung der Schwierigkeiten einer Spezial⸗ gesetzgebung anläßlich des Krieges erinnerte Orlando an die Frage der besonderen Stellung des Papstes. Das Grundgesetz für die Souveränität des Papstes regele nicht ausdrücklich die Lage, die sich aus dem Kriege ergeben könnte. Italien habe indessen das Garantiegesetz peinlichst beobachtet. Es erkannte und garan⸗ tierte, weitherzig ausgelegt, die besondere Form der geistlichen Souveränität, so daß der Papst sein hohes Amt im Vollbesitz seiner Rechte und Freiheiten ausübe. U Härten des Seekrieges richtete der Redner gegen den Feind hef⸗ tige Angriffe. Er gelobte daraufhin, nunmehr werde Italien aus Haß und Rache bis zum letzten Centefimo und Blutstropfen kämpfen. London, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Das Reutersche Aus Rom wird telegraphiert, daß 10 55 Italien dem Abkommen, keinen Sonderfrieden zit Bureau meldet aus Paris: schließen, beigetreten ist. Bern, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Die Rede des Mi⸗ nisters Orlando erweckt in der italienischen Presse ziemliche Enttäuschung, da sie die Hoffnung, Orlando werde in seiner Rede die Stellung Italiens zu seinen Verbündeten und die Absichten der Regierung über eine eventuelle Ausdehnung des Kriegsschau⸗ 5 platzes erörtern, nicht erfüllte. *** Die Drohungen gegen König Konstantin. Sofia, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung der bul⸗ garischen Telegraphenagentur. Das„ ho de B bt de Aufsatz des ehemaligen französischen Antimilitaristen Her vs wie⸗ der, der die Entthronung von König Konstantin oder die Wiedereinschiffung von Truppen der Alliierten fordert und bemerkt dazu: König Konstantin ist nicht zu entthroneng 8 ist nicht Tunis oder Marokko, Dahomey oder Mada⸗ gaskar. 1 7 der von der Gnade Paris oder London lebt, sondern im Gegenteil ein Herrscher, der durch den Willen des griechischen Volkes regiert und von dessen Anhänglichkeit umgeben ist. Unter diesen Umständen bleibt den in Mazedonien gelandeten Franzosen nichts anderes 1 übrig, als sich wieder ein zuschiffen und sich aus Salonikt zu trollen, wie Hervs sagt. Die französischen Soldaten, die das Feuer der Bulgaren bei Krivolac und an der Cerne Ju fühlen be⸗ kamen, haben diese Wahrheit begriffen und fragen sich verblüfft: Warum schlagen wir uns mit den Bulgaren? Und in der Tat, um welcher Unternehmung willen hat denn die Regierung der dritten Republik General Sarrail nach Mazedonien entsandt? Ein Serbien gibt es nicht mehr, und in einigen Tagen wird die bulga⸗ rische Armee eines hartnäckigen Gegners entledigt sein und, durch die mächtigen Verbündeten verstärkt, von den Eindringlingen Rechenschaft fordern, die ihren Fuß auf den geheiligten Boden Mazedoniens gesetzt haben. Mit der Todesverachtung, die unsere Regimenter beseelt und die Bewunderung unserer Gegner erweckt, werden wir die Eindringlinge endgültig zerschmettern. De werden sich die Ueberlebenden dieser schändlichen und unsinnigen Expedition an ihre Regierungen wenden und sie fragen können: Warum habt Ihr us in einen sicheren und zwecklosen Tod gesandt? London, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich. meldet aus Athen: Die Schiffe der alliierten Flotten haben alle griechischen Dampfer im Aegäischen Meere und im 75 Mittelmeere einer strengen Untersuchung unterzogen. Das Ergebnis des Besuchs Kitcheners in Athen. Amsterdam, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Einem hie⸗ sigen Blatte zufolge meldet der Korrespondent der„Times“: Die Unterredungen Kitcheners mit dem Hönig von Griechen⸗ land und dem Ministerpräsidenten haben die Aussichten auf eine glückliche Lösung der Frage, wie die Truppen der Alliierten zu behandeln seien, wenn sie auf griechisches Ge⸗ biet flüchten würden, günstiger erscheinen lassen. Der Besuch Kitcheners in Athen kam ganz unerwartet. Kitchener war vom britischen Regierungskommissar in Aegypten, Sir Henry Mac Mahon, dem Kommandanten der britischen Truppen in Aegypten, Maxwell, dem General Horne und Oberst Fitzgerald begleitet. Die griechische Regierung gab Kitchener zwei hohe Offiziere bei. Der britische Gesandte gab gestern zu Ehren Kitcheners ein Früh⸗ stück, bei dem auch der Chef des griechischen Generalstabs an⸗ wesend war. Nachher fand ein Empfang statt 1 Athen, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich) Gestern nach⸗ mittag hatte Kitchener nach dem Besuche Skuludis bei Kit⸗ chener auf der englischen Gesandtschaft eine zweistündige Bespre⸗ chung mit dem General Dusmanis und Oberst Metaxas, dem ersten und zweiten Generalstabschef der griechischen Armse. Politische Kreise legen der Besprechung, der auch die höheren eng⸗ lischen Offiziere, die zu Kitcheners Gefolge gehören, beiwohnten, große Bedeutung bei. Das Regierungsblatt„Embros“ versichert, der König und die Regierung hätten gestern Kitchener formelle Zusicherungen gegeben, daß Griechenland in keinem Falle feindselige Maßnahmen gegen die Verbündeten des Vierverbandes ergreifen würde, und daß für die gegenwärtige Meinungsverschie⸗ denheit eine versöhnliche Lösung gefunden würde.„Embros“ fügt hinzu, diejenigen, die gestern Gelegenheit gehabt hätten, sich Kitchener nach seinen Besuchen beim König und Skuludis zu nähern, hätten den Eindruck mitgenommen, daß jetzt die schwe⸗ benden Fragen viel von ihrer Schärfe verloren hätten. Kitchener und sein Gefolge haben Athen gestern abend spät verlassen. Aeußerungen des Generals Bojadjieff. Berlin, 23. Nov. Im„Berliner Lokalanzeiger“ schilderk Kurt Kram einen Besuch in Nisch bei dem General Bojad⸗ jieff: Die Stadt macht mit ihren breiten Straßen einen guten Eindruck, sie ist fast unbeschädigt. Der General, ein junger Fünf⸗ ziger, sieht aus wie ein echter Soldat, der weiß, was er will. II. a. erzählte er lächelnd, wie er mit angesehen habe sich auch Bulgaren, Deutsche und Oesterreicher durch Gebe ichen ver⸗ ständigten. Die serbische Armee, sagte er, sei in voller Auflösung. Als Aram die Frage stellte:„Und wenn die serbische Armee zer⸗ quetscht ist, was dann, Exzellenz?“ glitt ein sichtlich helles Leuch⸗ ten über das Gesicht des Generals, der erwiderte:„Tann gehen wir mit vereinigten Kräften nach Mazedonien, um mit den Kaffern und anderen Negern fertig zu werden. Bei der Besprechung der Echo de Bulgarie“ gibt den König Konstantin ist nicht ein kaum bekannter Fürst, Dann Die„Times“ Die Franzosen landen zwar unansgese 1 en zu tzt Truppen, bis jetzt 100 000 Mann, aber sind wir mit 300 000 Serben fertig geworden, werden wir wohl auch bald fertig sein mit diesen Franzosen.“ Ein bulgarisches Lob Oesterreich⸗ungarns und Dentschlands. Sofia, 22, Nop.(WBB. Nichtamtlich) Das offtziöse„Echo de Bulgarie“ zollt in äußerst warmen Worten dem rühren⸗ den Wetteifer Anerkennung, womit man sich in Oester⸗ reich⸗Ungarn und Deutschland beeilt, Bulgarien zu Hilfe zu kommen, um die Lücken seines unzureichenden Sanitätsdienstes auszufüllen. Das Blatt schreibt: Um die Bedürf⸗ nisse der bulgarischen Armee zu befriedigen und die Leiden unserer tapferen Soldaten zu erleichtern, zeigen unsere großen Verbündeten, Oesterreich⸗Ungarn und Deutschland, einen wahrhaft brüderlichen Eifer. Jeder Tag bringt uns Beweise von Sympathie, deren Gegenstand unser Land in Gesellschaft der beiden verbündeten Monarchien ist. Aus Wien, Budapest, Berlin, München und zahl⸗ reichen anderen Städten kamen und kommen dem bulgarischen Roten Kreuz reichliche wertvolle Spenden zu. Die Monarchen und selbst Mitglieder der Herrscherhäuser, der Hochadel und die be⸗ deutendsten Persönlichkeiten der politischen und Finanzwelt gehen beispielgebend in der Hingabe an dieses Menschlichkeitswerk voran. Die wunderbar ausgestatteten Missionen, die sich unseren Kran⸗ 5 ken in den Spitälern Sofias widmen, sind liebe und hochgeschätzte G.äste in Bulgarien. Diese Aufopferung bewegt uns umso tiefer, als viele von jenen, die gekommen sind, um bei unter oft schwierigen Verhältnissen zu arbeiten, Söhne oder Brüder haben, die auf den Schlachtfeldern kämpfen. So festigt sich das an militärischen Ergebnissen so reiche Bündnis zwi⸗ schen den Bulgaren und den Völkern Mitteleuropas als eine Quelle moralischer Kraft von großer Fruchtbarkeit. Eines Tages werden die Geschütze aufhören zu donnern und die Volker werden ihre friedliche Arbeit wieder aufnehmen. Wenn 35 alles wieder in ruhige Bahnen zurückgekehrt sein wird, dann wird man die Bedeutung des großen Ereignisses des Zusammen⸗ arbeitens der Bulgaren mit den Oesterreichern, Ungarn und Deut⸗ 5 schen zu ermessen vermögen. Die jetzige Feuerprobe wird das . Band, das den Osten mit dem Westen verknüyft, unlöslich schmie⸗ 5 25 5 2 . den. In dieser Kulturarbeit werden die bescheidenen Arbeiter, die sich über die Verwundeten beugen, eine nicht minder edle Pflicht erfüllt haben, als die Tapferen in den Schützengräben. . a* 8 * Der türkische Bericht. Konstankinopel, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Amt⸗ licher Bericht: Auf der Dardanellenfront Artilleriekampf. Bei Sedd⸗ül⸗Bahr heftiger Kampf mit Bomben. Auf den übrigen Fronten, abgesehen von Plänkeleien zwischen Patrouillen, 2 von nichts Bedeutung.. 5 5 Konstantinopel, 22. Nov.(WDB. Nichtamtlich.) Das Hauptquartier teilt mit: An der Dardanel⸗ lenfront au Artilleriefeuer und Bomben⸗ kämpfe. Bei Anaforta zerstörte eine unserer Patrouillen am rechten Flügel Schützengräben, welche der Feind neuer⸗ dings anzulegen versuchte; sie erbeutete 500 Sandsäcke und Draht. Unser Geschützfeuer vertrieb feindliche Trans⸗ portschiffe, welche sich der Küste von Ari Burun zu nä versuchten. Am 21. November morgens. unsere Artillerie ein feindliches Torpedoboot, das in die Meerenge einfahren wollte. An der Kaukasusfront nichts von Bedeutung 5 Scharmützeln zwischen Patrouillen. Sonst nichts zu melden. 5 8 Die Deutschen in Indien. 5 London, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Die„Mor⸗ ning Post“ meldet aus Kalkutta: 600 deutsche Frauen und Männer in nicht militärischem Alter haben am Freitag Indien verlassen. i 5 Kämpfe in Persien. 85 Berlin, 22. Nov.(Priv.⸗Tel.) Das„Berl. Tagebl.“ meldet aus t: Wie aus Konstantinopel gemeldet wird, fanden in Persien ernste Kämpfe zwischen den russischen Besatzungstruppen und den Aufständi⸗ schen statt. Russische Abteilungen sind bei Senna und Hemadan von persis Stämmen geschlagen worden. Die Zeppelin⸗Furcht in London. 5 London, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Die Na⸗ tionale Porträtgalerie ist mit Rücksicht auf die Ge⸗ fahren von Zeppelinbomben für die Dauer des Krieges ge⸗ schlossen worden. Die Kritik der„Times“. London, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Der militärische Korrespondent der„Times“ fordert, daß der neue Kriegsrat der Alliierten die Zahl und Beschaffenheit der notwendigen Truppen feststelle, da jetzt keine Entschuldigung mehr für Trugschlüsse über die Stärke des Feindes bestehe. Die alliierten Regierungen müßten über die Verteilung der maritimen, militärischen und finanziellen 5 Lasten entscheiden. Diese Feststellung gebe erst die Grundlage, um die englische Werbefrage zu beurteilen. Eine andere notwendige Entscheidung sei, an welchen Fronten die Alliierten sich offensiv und an welchen sie sich defensiv verhalten müßten. Der Ver⸗ fasser verlangt, daß die Nation die Wahrheit kennen lerne und bemängelt, daß, während das Ergebnis des Werbe⸗ feldzuges von Lord Derby frühestens am 11. Dezember bekannt sein werde, das Parlament in Ferien gehen wird und erst im Februar sich wieder versammeln soll. Ein etwaiges Wehrpflichtgesetz könne daher erst im März eingebracht werden, und die auf Grund des neuen Gesetzes ausgehobenen Truppen könnten den Feldzug von 1916 nicht mehr beeinflussen⸗ 1 4 5 Der Lebensmittelverkehr in Frankreich. Lyon, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.)„Progres“ mel⸗ 5 det aus Paris zu der Regierungs vorlage betr. die auch Festsetzung der Lebensmittel preise, die morgen von der Kammer erörtert werden soll, daß der Minister des Innern einen Zusatzantrag eingebracht hat, wonach Wucher mit Lebensmitteln, Heizmaterial, Bodenerzeugnissen und allen für die Landesverteidigung notwendigen Stoffen mit Gefängnis bis zu sechs Monaten und mit Geldbußen bis zu 5000 Franks bestraft wird. . Das 25⸗jährige Regierungsjubiläum 4 der Königin Wilhelmina. Berlin, 23. Nov.. heutigen 25jährigen Regie⸗ 25 önig in Wilhelmina von Hol⸗ a n England bedroht aus Rache für seine unverbrüchliche Neutralität. Die Königin begehe ihr Jubiläum in einer schweren Zeit. Umso⸗ mehr dürste ihr heute der Tribut der se für ihre Persönlichkeit und ihr Regententum gezollt werden. Zum Kabinettswechsel in Portugal. Paris, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Der„Temps“ 9 aus Lissabon: Ueber die Gründe des Rück⸗ tritts des Kabinetts Castro wird folgendes bekannt: Die Mairevolutionäre hatten im Parlament die Annahme eines Gesetzes erzielt, das die der Regierungsform feind⸗ lichen 24 und Beamten ihres Amtes zu ent⸗ und eine größere Anzahl anderer Offiziere abgesetzt werden. In seiner Eigenschaft als Marineminister widersetzte sich Castro der Absetzung dieser Offiziere, gegen deren republik⸗ feindliche Gesinnung nur Vermutungen vorlagen. Dieser Entschluß erregte bei einigen höheren Marineoffizieren große Unzufriedenheit. Es kam zu Zwischenfällen, welche die Diszi⸗ plin im Heere und in der Marine zu untergraben drohten. Um den Streit zu beenden, trat Castro zurück.— Das Parlament ist auf den 25. November einberufen worden. Björnson in Malmö. Berlin, 23. Nov. Björn Björnson hielt, wie dem „Berliner Lokalanzeiger“ aus Kopenhagen gemeldet wird, am 21. November abends seinen Vortrag über die Ein⸗ drücke von drei Fronten, der vor acht Tagen in Kopen⸗ hagen unmöglich gemacht wurde, in Malmö. Der Vortragende wußte die Anwesenden während zweier Stunden in atemloser Spannung zu halten. Er gab sich ersichtlich Mühe, nur die mensch⸗ liche Seite des Krieges zu beleuchten und jede Parteinahme zu ver⸗ meiden. Es war aber unschwer zu erkennen, daß seine Sym⸗ pathien auf deutscher Seite sind und daß er darin mit dem an⸗ wesenden Publikum übereinstimmte. *. * Der Krieg in Deutsch⸗Ostafrika. Paris, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Der„Temps“ meldet aus Le Havre: Man meldet aus amtlicher Quelle, daß die belgischen Kongotruppen in Verbindung mit den englischen Truppen des Ugandagebietes und Aequatorialgebietes Deutsch⸗Ostafrika vom Norden und Westen zu bedrohen beginnen. Gleichzeitig marschiert eine aus freiwilligen Engländern und Buren aus Rhodesia, Transvaal und dem Oranjestaat gebildete Kolonne vom Süden gegen Deutsch⸗Ostafrika, welches bald vollkommen umschlossen ist. Infolge der großen Entfernungen und ßpe⸗ schränkten Transportmittel wird jedoch noch einige Zeit 0 bevor die Unternehmungen gegen die letzte deut⸗ sche Kolonie in Afrika genauer festgelegt werden können. London, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Das Reu⸗ tersche Bureau meldet aus Ostafrika: Die Deutschen sind sehr stark und beherrschen den Tan ganyika⸗See. Die Offiziere und die Bemannung des deutschen Schiffes „Königsberg“ befinden sich bei den Truppen, die auf 4000 Weiße und 30 000 Schwarze geschätzt werden. Die baue sind ins Inland transportiert worden. Neu⸗ langenburg ist eine der stärksten Stellungen. Der Bericht Reuters fügt hinzu, die Stärke des Feindes und sein Be⸗ itz von schwerem Geschütz verursachte beträchtliche Sorge. Bisher konnten die Briten und Belgier sich be⸗ haupten(), die Deutschen mußten sich in jedem Falle zurückziehen.(Daß die militärische Lage in Ostafrika den Engländern Sorge bereitet, wollen wir gern glauben.) — — Der Seekrieg. London, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Die britischen Dampfer„Mer⸗ ganser“ und„Hallamshire“ sind versenkt worden; die Besatzungen konnten gerettet werden. Aus dem Reiche. Die Lebensmittelversorgung. Berlin, 22. Nov.(WTB. Amtlich.) Der Beirat der Reichsprüfungsstelle für die Lebensmittel⸗ preise trat Montag vormittag in seinem Ausschuß für Kartoffeln, Gemüse und Ob st unter dem Vorsitz des Präsidenten Dr. Kautz wiederum zu einer Sitzung zusam⸗ men. In der allgemeinen Aussprache über die Kartoffelver⸗ sorgung der Bevölkerung fanden die Bemühungen der Reichskartoffelstelle volle Anerkennung. Es wurde dem Wunsche Ausdruck gegeben, durch Einwirkung auf Landwirte und Händler eine. schnelle Beschaffung der ange⸗ meldeten Beträge und der weiter erforderlichen Winter⸗ vorräte zu sichern. Sollte, wie mehrfach angenommen wurde, eine Zurückhaltung der Händler vorliegen, so müßte ihnen gegenüber von dem den Städten zustehenden Enteignungs⸗ recht Gebrauch gemacht werden. Von den Eisenbahn⸗ verwaltungen sind schnellste Beförderung und Maß⸗ nahmen gegen Frostgefahr zugesagt worden. Nach einer Mit⸗ teilung des Eisenbahnzentralamtes wurden zwischen dem 28. Oktober und 16. November 9 Millionen Zentner Speise⸗ kartoffeln befördert. Es ist anzunehmen, daß sie meist nach dem Westen bestimmt waren, so daß die immer noch be⸗ hauptete Kartoffelknappheit füglich behoben sein sollte. In der Erörterung wurden u. a. Fragen etwaiger Sonderpreise für wirkliche Saatkartoffeln und einer erweiterten Beschlag⸗ nahme unter Herabsetzung der Höchstpreise gestreift. Von dem Vertreter des Kriegsministeriums wurde erklärt, daß auch die Heeresverwaltung unbedingt an dem Höchstpreise für Kartoffeln festhält. Weiter wurde über eine Festsetzung von Höchstpreisen für Gemüse, Zwiebeln und Sauerkraut verhandelt. Eine eingehende Erörterung fand über die Bemessung der Sauerkrautpreise statt. Man war ferner darüber einig, für Obst, solange die Preise eine angemessene Höhe bewahren, von einer Höchstpreisfest⸗ setzung abzusehen. Endlich wurde über Höchstpreise für Fett⸗ ersatzmittel, in erster Linie für Marmeladen, aber für Aepfelkraut, Rübenkraut, Bienenhonig und Kunst⸗ honig verhandelt. Aus Stadt und Cand. Gießen, 23. November 1915. Ein Gießener Flugversuch aus dem Jahre 1785. Was unsere Feldgrauen in Feindesland nicht alles aufstöbern! Schreibt da kürzlich ein Wetzlarer Herr, der als Sanitütshunde⸗ führer in den Champagne steht, an den Verein für Luftfahrt in Gießen, daß er in der Bibliothek eines zerschossenen Schlosses in Frankreich eine Reisebeschreibung aus dem Ende des 18. Jahrhunderts gefunden habe, in der auch ein Besuch Gießens und ein damals von einem Gießener Bürger unter⸗ nommener Flugversuch beschrieben wird. Titelblatt und viele Seiten des Buches fehlten, so daß der Schreiber des Briefes über Herkunft und Verfasser des Buches keine Angaben machen konnte. Diese Frage fand aber auf unserer Universitätsbibliothek ihre sofortige Beantwortung, dank der genauen Kenntnisse des Herrn berbibliothekars Dr. Ebel in Gießens Geschichte und Literatur. Die fraglt Stelle entstammt dem Werke:„Sammlung inter⸗ essanter und durchgängig zweckmäßig abgefaßter Reisebeschreibungen für die Jugend“ von J. H. Campe, das in Wolfenbüttel 1786 erschienen ist; sie hat also den bekannten Verfasser von Robinson. Crusoe zum Verfasser und ist der Beschreibung einer Reise ent⸗ nommen, die Campe selber im Jahre 1785 von Hamburg bis in die Schweiz unternommen hatte. Campes Besuch in Gießen dürfte nicht bloß wegen des Flugversuches, von dem er berichtet, sondern auch wegen seiner allgemeinen Bemerkungen über das damalige setzen gestattet. Auf Grund dieses Gesetzes sollten General Jayme Castro, ein Oberst, vier Oberleutnants Gießen unser abe verdienen. Es sei 1 97 gestattet, die Stelle seiner Reisebeschreibung, auf die die Aufmerksamleit in 125 9 e 5. 5 5 so merkwürdiger Weise gelenkt worden ist, hier mi Campe erzählt ier 1„% Der Zweck meiner Reise erlaubte mir nicht, mich hier(in Mar⸗ burg) zu verweilen. Ich reisete daher mit der nemlichen Diligence, mit welcher ich gekommen war, nach einer Stunde weiter und kam noch an eben dem Tage, wiewohl etwas spät, zu Gießen an. Auch hier gedachte ich mich nicht aufzuhalten, sondern erst in Frankfurt auszuruhen. Aber es geschahe anders. 5 3 Ich fand nemlich in dem Posthause, wo ich abtrat, eine ziemlich zahlreiche und vergnügte Gesellschaft vor, die indes anfangs eben so wenig von mir, als ich von ihr, Notiz zu nehmen schien⸗ Jeder blieb für sich; jene bei ihrem Glase Wein, ich und meine Reisegesellschaft bei unserm Abendbrod. Unterdes mogte man, ich weiß nicht wie, meinen Nahmen erfahren und nun war ich auf einmal mitten unter liebenden Freunden, die mich, da ich mich wieder nach der Diligence verfügen wollte, plötzlich umringten, mit liebreicher Gewalt zurückhielten, und, noch ehe ich eingewilligt hatte, meinen Koffer herunter nehmen und ins Haus bringen ließen. Gegen Härte, Unbilligkeit und Ungerechtigkeit kann ich mich stemmen, aber gegen Wohlwollen und Güte vermag meine Seele nichts. Ich mußte mich also ergeben und bleiben, so wenig dies auch vorher in meinem Plan gewesen war. 5 Einer in dieser Gesellschaft war der berühmte Orgelspieler, der Abt und geistliche Rat Vogler, dessen seltene Fertigkeit auf der Orgel viele meine jungen Leser kennen werden, weil er seit einigen Jahren an den vorzüglichsten Orten Deutschlands, so wie in Frankreich, England und Holland, sein Spiel öffentlich hören ließ. Das Verlangen, diesen Virtuosen,(um den es Schade ist, daß er seine Kunst seit einiger Zeit zu einer bloßen Künstelei oder Spielerei erniedriget) hier spielen zu hören, trug zu der Ver⸗ änderung meines Reiseplanes nicht wenig bei. Hierzu kam ein anderer Umstand, welcher gleichfalls einen Bewegungsgrund dazu bergab. Man erzählte mir nemlich, daß sich dermalen ein Mann in Gießen aufhalte, der die Kunst zu fliegen erfunden haben wollte und, wo nicht morgen, doch spätestens übermorgen den ersten Versuch damit anstellen würde. Dies mit anzusehen, schien mir gleichfalls der Mühe werth zu seyn. 5 Unter allen Menschen sind mir diejenigen, welche die Masse der menschlichen Kenntnisse und Geschicklichkeiten neue Erfindun⸗ vergrößerten, von jeher die interessantesten gewesen. Auch dann, wenn ihre Versuche mißlangen, bewunderte ich in ihnen noch die Kühnheit, mit der sie sich über das Bekannte und Gewöhnliche zu erheben strebten, und sie blieben mir daher, auch wenn sie fielen, noch in ihrem Falle beachtenswerth. Auch war ich immer der Meinung, daß man Geister dieser Art, selbst wenn sie sich in das Reich der Unmöglichkeit zu verirren scheinen, keineswegs abschrecken, sondern vielmehr auf alle Weise ermuntern und unterstützen müsse. Denn auch verunglückte Versuche können lehrreich werden, und man hat nicht selten gesehen, daß aus einer verfehlten Erfindung eine andere entstand, die der menschlichen Gesellschaft zu noch größe⸗ 5 Nutzen gereichte, als diejenige, auf die es eigentlich ange⸗ ehen war. Ich hatte daher am folgenden Tage nichts angelegentlicheres, als den Mann, der die Kunst des Dädalus wiederherzusteklen verhieß, von Person kennen zu lernen. Ich fand ihn bei einen der berühm⸗ testen hiesigen Ne reh dem Hrn. Schlettwein, jetzigen Eutsbesitzer im Mecklenburgischen, dessen Anverwandter er war. Er hieß Meerwein, und ich lernte in ihm einen Mann von sehr lebhafter Einbildungskraft kennen, der seiner Sache so gewiß war, daß er sich so, wie er nächstens in der Luft zu erscheinen glaubte, schon in Kupfer hatte stechen lassen. Er zeigte mir die schon fertigen Flügel, deren er sich bedienen wollte; allein sobald ich diese gesehen hatte, konnte ich es nicht mehr der Mühe wert halten, des damit anzustellenden Versuches wegen länger hier zu bleiben. Denn es war mit mehr als bloßer Wahrscheinlichkeit, es war mit Gewißheit vorauszusehen, daß die Sache unausgeführt bleiben würde, weil offenbare Unmöglichkeiten dabei vorausgesetz waren, wie meine jungen Leser selbst finden werden, wenn ich ihnen eine Beschreibung dieser Flügel mache. Jeder 7 war ein großes Oval, ohngefähr 70 58 lang, und in der Mitte ohngefähr sechs bis acht Fuß breit. äußere Rand bestand aus ziemlich schweren hölzernen Latten; der Zwischenraum war mit einem Netzwerk von Bindfaden ausgefüllt, und an demselben hatte er eine Menge papierner Lappen von glei⸗ cher Größe dergestalt befestigt, daß sie wie Schuppen über einander lagen, und, wie die Federn der Vögel, von der Luft bewegt werden konnten. Beide Flügel wurden durch ein Leder zusammengehalten, doch so, daß die damit vorzunehmende Bewegung dadurch nicht gehindert wurde. 5 Seine Absicht war nun diesg. Er wollte sich, auf einer Anhöhe stehend, durch Hülfe gepolsterter Riemen an diese Flügel festbinden lassen, und sich alsdann von der Anhöhe herab⸗ werfen. Dann hoffte er es nicht bloß in seiner Gewalt zu haben, sich schwebend zu erhalten, sondern auch durch eine leichte Bewegung der Flügel sich gemächlich fortzuschwingen. Allein man durfte das Gewicht dieser ungeheuren Flügel nur gefühlt haben, um mit völli⸗ ger Gewißheit vorherzusehen, daß es ihm unmöglich seyn würde, die geringste Bewegung damit vorzunehmen, sobald er keinen festen Standpunkt mehr haben, sondern in freier Luft schweben würde Ich äußerte ihm diese Bedenklichkeit; allein er eee daß er alles wohl berechnet habe und seiner Sache gewiß wäre Auch hat er sich nachher, wie ich auf meiner Rückreise, erfuhr, durch keine Vorstellungen abschrecken lassen, sondern den beschlosse⸗ nen Versuch wirklich angestellt. Allein dieser Versuch fiel so aus, wie man vorhersehen konnte. Zum Glück war der Ort, von welchem er sich herabstürzte, eben nicht hoch, und die ausgebreiteten großen Flügel hielten seinen Fall doch so viel auf, daß er nicht gar zu unsanft niederstürzte. Er soll indeß die Hoffnung, seine Erfindung zu Stande zu bringen, keineswegs aufgegeben haben. l Ich brachte diesen Tag auf die angenehmste Weise zu, indem ich theils verschiedene der hiesigen verdienstvollen Professoren kennen lernte, theils Hrn. Vogler die Orgel schlagen hörte, theils von einem meiner neuen Freunde, in Gesellschaft verschiedener würdiger Männer auf einem sehr angenehm liegenden öffentlichen Landhause bewirthet ward. Gießen ist eine Hessen⸗Darmstädtische Stadt und Universität an der Lahn von ungefähr 700 Häusern und etwa 5000 Ein⸗ wohnern. Die alte Befestigung dieses Ortes ist sehr unbedeutend; aber die angenehme Lage desselben, die außerordentlich wohl⸗ feilen Preise der meisten Bedürfnisse des Lebens, der gute esellige Ton, welcher hier, sogar unter den Professoren, ja sogar unter den Studenten zu herrschen scheint, müssen diese Stadt zu einem angenehmen Aufenthalte machen. Es giebt hier z. B. Regierungsräthe, welche nur 200 Gulden, d. i. ungefähr 112 Thaler einzunehmen haben, und doch, so. sie unverhei⸗ rathet bleiben, so ziemlich damit fertig werden. Welch ein Abstich egen das theure Hamburg, wo ein sogenannter Ochsenschreiber eine 2000 Thaler, ein sogenannter Zehnpfennigsknecht seine 4000 Thaler schwer Geld einzunehmen hat, und vielleicht kaum damit auszukommen weiß!— Was aber die Sitten der hiesigen Studie⸗ renden betrifft: so war es mir, bei meinem dreimaligen Aufent⸗ halte an diesem Orte ungemein auffallend, auch nicht einen unter ihnen zu bemerken, der etwas Sonderbares affectierte, sich durch einen liederlichen oder abgeschmackten Anzug auszeichnete, oder durch Grobheiten gegen Fremde unkluger Weise sich ein lächerliches Ansehn zu geben suchte. Aber freilich ist ihre Zahl hier auch nicht groß, die Mannszucht hingegen strenger, als sie auf deutschen Universitäten gemeiniglich zu seyn pflegt. * Krieger⸗Weihnachtsspende 1915. Die für den 25. und 26. vorgesehene Sammlung des Roten Kreuzes bezweckt die Aufbringung der Mittel zu einer Weihnachtsspende für unsere Feldgrauen im Felde und in den Lazaretten. Jeder wird gerne sein Scherf⸗ lein dazu beitragen und ich. eine Weihnachtsfreude be⸗ reiten helfen, wenn er sich dessen erinnert, was unsere Truppen in den 16 Kriegsmonaten geleistet haben, daß sie uns den Feind fern gehalten und unsere 1 Gaue vor Verwüstung bewahrt haben. Sicher sind die Zeiten schwer und die Lebenshaltung hat sich sehr verteuert. Wi wäre es aber geworden, wenn wir den Feind i nd hätten? Wer daran denkt, hat gewiß eine Gabe zu Mainz verstarb und auf wurde. Die beiden Kri die während der Tauer des Krie Sumeng Wieder, wie die letzte, als wird sensammlung in den Häusern und auf den vor gehen. Diesmal kommt noch ein Ver⸗ von Ansichtspostkarten dazu, die hoffentlich n e e weer fe weben aer vun en, sie werden aber nur einmal an jede kommen, ebenso werden von innen die Ansichtskarten nur einmal in den Wohnungen angeboten werden, während die Sammlung und der Kartenverkauf auf der Straße an ee pete auch die Kapelle des hiesigen Ersatzbataillons spielen und zwar am 25. Nov. vorm. von 11½—12/ Uhr am Liebigdenkmal und nachmittags von 3 Uhr ab in der Süd⸗ Anlage, am 26. November vormittags von 11 bis 12 Uhr im Garten der Alten Klinik und nachmittags von 3 Uhr ab vor der Universität in der Ludwigstraße. * * Militärische Ausbildung der Jugend. Der für den 14. November vorgesehene größere Uebungs⸗ marsch mußte der ungünstigen Witterung wegen ver⸗ schoben werden. Er findet Anfang Dezember statt. Am letzten Mittwoch abend entwarf nach den allgemeinen Uebungen Feldwebel Stang sehr interessante Schilderungen aus Erlebnissen des 168. Infanterie⸗Regiments in den beiden ersten Kriegsmonaten an der Hand seines Tagebuches, wofür ihm aufrichtiger Dank wurde. Am Samstag abend fand eine N e in dem Wiesengelände zwischen Annerod und Rödger Straße statt. * Im Soldatenheim findet morgen von 3 Uhr an Streich⸗ Konzert der ganzen Kapelle des Ers.⸗Bat.„Kaiser Wilhelm“ unter Leitung des Kapellmeisters Hermann statt. * Die Wirkung der fleischlosen Tage schien in der ersten Zeit nach dem Inkrafttreten der betreffenden Verfü⸗ gung recht zweifelhaft werden zu sollen. Freilich richteten sich alle, die gewerbsmäßig Essen verabfolgen, also Wirtschaften und Penstonen, mit ihrer Speisefolge prompt auf die Neuerung ein, schon um der wachsamen Kontrolle, mit der an den meisten Orten das Fleischverbot umgeben war, keinen Anstoß zu bieten. Wo aber nicht die äußeren Mittel des Zwanges angewandt wurden, sondern wo man mur an die Einsicht des Publikums appellierte, da schien es zunächst, als ob man wie mit so mancher Anrufung volkswirtschaft⸗ lichen Verständnisses einen Schlag ins Wasser getan habe; denn in der ersten Zeit drängte sich an den Vorabenden der fleischlosen Tage die Menge der Käufer in den Metzgerläden so, daß die Verordnung fast wie eine Ironie erschien. Das hat in der letzten Zeit ganz bedeutend nachgelassen. Man wird den Grund für die fortschreitende Gewöhnung an die fleischlose Zeit darin suchen müssen, daß gar manche Hausfrau eine vollständige Umwälzung in ihren altererbten Gewohnheiten eben nicht von heute auf mor⸗ gen vornehmen kann, daß neue Erfahrungen für die Ausnahme⸗ tage zu sammeln sind, daß es Vorurteile zu überwinden gilt usw. Hier in Gießen liegen, wie wir hören, die Dinge jetzt so, daß man sich von der Fleischverordnung sehr wohl Erfolge versprechen kam, denn die Umsätze in den Metzgerläden vor den fleischlofen Tagen sind ständig zurückgegangen und fallen gegen⸗ wärtig kaum mehr ins Gewicht. Es handelt sich dabei um das Be⸗ stehen der Probe, ob ein förmliches Fleischverbot auch für den prwaten Haushalt notwendig sein wird, oder ob die Hausfrauen uud auch die Eßeherren Selbstdisziplin genug besitzen, das als wotwendig Erkannte aus freier Entschließung durchzuführen. Die Metzgereien solsen fübrigens mit der Einschränkung ihrer Be⸗ triebe um ganzen nicht zrnzufrieden sein, was ber dem immer empfindlicher werdenden Personalmangel auch lein Wunder sst. So würden dieser Tage enter hiesigen großen Meßgerei, die sonst fünszehn Grsellen beschäfligt, die seßken besden einberufen, und der Jihaber wird Kriegsgefangene beschüftigen müssen. * Vom Frankfurter Viehmarkt. Der bisher fast leere Schweinemarkt heute eine kleine Zu⸗ nahme zu i 422 ine waren angetrieben, die kurz nach eginn wieder zu Höchstpreisen völlig t waren. Seit Jahren zum ersten Male befanden sich Schweinen Angebote für Tiere der geringsten ttät, unreine Sauen und i Eber, die für schnell an den Mann 6 einen Auftriebes am die ise für die übrigen Vieh⸗ en. Bei N ie Hausse kaum merklich, die N n aber gingen 3—5 Pfg. das Pfund Schlachtgewicht in die Höhe, die ersten drei Qualitäten Kühe 10 Pfg., 7 und 10—12 9 die drei geringeren Qualitäten sogar 14—16 Pfg., 16—20 Pfg. und 17—18 Pfg. Zum Teil wurde bezahlt. Am Kälbermarkte wurden 5—10 Pfg. über N höhere Preise erzielt. Schafe gingen etwas herab. Landkreis Gießen. + Rodheim b. Hungen, 23. Nov. Dem 1 d. L. Wilhelm Hröll von hier, der in einer Fußartillerie⸗Munitions⸗ kolonne im Osten steht, wurde das Eiserne Kreuz 2. Klasse verliehen. Kreis Alsfeld. e. Groß⸗Felda, 22. Nov. Der Metzgergefelle Karl Rohrgaß von hier, Kanonier im Feld⸗Artillerie-Regt. Nr. 22, erhielt zu dem Eisernen Kreuz nun auch die Hessische Tapfer⸗ keitsmedaille. 5 5 Kreis Büdingen. » Borsdorf, 23. Nov. Den Tod fürs Vaterland starb am 4. November im Lazarett zu Kragujevac infolge eines Becken⸗ schusses der Gefreite Willi Schmidt, Inhaber des Eisernen Kreuzes. Er ist der 7. Kriegsteilnehmer aus unserer Gemeinde, der den Heldentod erlitt.. Kreis Schotten. Herchen hain, 22. Nov. Ber zählreichem nd e— 1 Gotbeshause die U. da n fensive in der Champagne schwer verwundet wurde, im L dem heimatlichen Friedhofe bestattet n Kriegervereine von Hartmanns hain und Her⸗ chenhain waren mit umflorten Fahnen erschienen. Liebende Hände hatten den Altar und die dahinter angebrachte Gedüchtnistafel mit Kränzen geschmückt. Die Gedächtnisrede hielt der Ortsgeistliche Pfarrer Römer. 0 Kreis Friedberg. Q. Bad⸗ Nauheim, 22. Nov. Unter Führung des Gesang⸗ vereins„Frohsinn“ haben sich die Gesangsabteilung des Turnvereins 1860, die„Concordia“ und der Zither⸗ klub zu einer Sänger vereinigung zusammengefunden, bestehen soll. Ein öffentlicher alle stimmbegabten ein, sich dieser Vereinigung fruf ladet ießen.— Die letzten Sammlungen des Roten Kreu⸗ zes für die Weihnachtsbescherung unferer Truppen im Felde ergaben— reichlich gespendeten Liebesgaben 5000 dert. Wen dieser entfällt auf die an den Samm⸗ lungen 7 7 6 Vereine ein Betrag von nahezu 1300 Mark.— Der Erfolg Winterkur ist bis jetzt ein ausgezeichneter. An den Sonntagen namentlich ist der Besuch des Kurhauses, wo keerfullt und der Kurkapelle stattfinden, so stark, daß beide Säle ind. —— Gerichts saal. l Marburg, 22. Nov. Das Schwurgericht be⸗ schäftigte sich heute mit einer Anklage gegen den schon vielfach vorbestraften 26 Jahre alten Tagelöhner Daniel Keßler aus Gießen wegen Sittlichkeitsverbrechen, die er im Januar und 155 in der Gegend von Hassenhausen begangen haben soll. Das ericht erkannte auf 2 Jahre Zuchthaus. Leutnant Immelmann bei der Arbeit. Daß es dem jungen Leutnant Immelmann gelungen ist, in kurzer Zeit sechs große Kampfflugzeuge an der Westfront zum Abschuß zu bringen, ist aus den Tagesberichten der Obersten Heeresleitung bekannt. Da ist es interessant, die Schilderung eines Augenzeugen über einen der letzten Luftkämpfe des kühnen Offiziers zu lesen, die der„Flugsport“ mitteilt. An einem sonnigen Herbstnachmittag, so schreibt der Zuschauer, zieht über Lille ein Doppeldecker seine Kreise. Ein alltägliches Schauspiel! Da naht sich ein anderer Doppeldecker. Ist'n Freund oder Feind? Jetzt ist er zu erkennen— ein englischer Kampfdoppeldecker! Hinter ihm her stürzt in rasendem Fluge ein kleiner schneller Eindecker. Er trägt die großen„Eisernen Kreuze“ unter den Trageflächen. Schon hat er den Feind erreicht und überschüttet ihn mit einem rasenden Schnellfeuer aus einem Maschinengewehr. Aber auch der Engländer antwortet. Der deutsche Doppeldecker kommt seinem kleinen Bruder zu Hilfe, und bald ist die Luft vom Geknatter der Schüsse der drei Flugzeuge erfüllt. Lange tobt der che Kampf hin und her. In engen Kurven umkreist der deuts Doppeldecker den englischen Kamyfflieger, um ihm den Weg zum Heimathafen abzuschneiden. Währenddessen beschießt der kleine deutsche Eindecker sein Opfer wütend bald von unten, bald von oben. Nichts hilft dem Engländer: versucht er zu steigen, so steigen auch seine beiden Verfolger; sinkt er, so senken auch diese sicg Da stürzt der Engländer plötzlich fast senkrecht in die Tiefe. Schon glauben die dem aufregenden Luftkampf zusehenden Feldgrauen, er wäre getroffen und atmen erleichtert auf. Doch nein. Er richtet sich wieder auf und strebt in schnurgeradem Fluge den englischen Linien entgegen. Aber er hat die Rechnung ohne den deutschen Eindecker gemacht. Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, stürzt ihm dieser nach. Schon hat er ihn wieder erreicht und überschüttet ihn von neuem mit rasendem, Schnellfeuer. Immer tiefer fliegt der Engländer, in geradem Fluge auf die französischen Linien zusteuernd. Doch es gelingt ihm nicht, sie zu erreichen. Der Eindecker ist auf sein Opfer herab⸗ 1 5 der Engländer wehrt sich verzweifelt. Da plötzlich steht ein Motor still, eine Kugel hat wohl das Herz des Flugzeugs getroffen. Der besiegte Engländer muß niedergehen und landet glatt auf einem Acker dicht hinter einer Hecke. Kurz darauf, fast gleichzeitig, kommt auch der kleine Eindecker dicht neben ihm ur Erde. Aus dem Führersitz springt sein einziger Insasse, ein — junger Leutnant, und betrachtet mit ernster, stiller Miene seinen be⸗ siegten Gegner. Die Insassen des englischen Kampfdoppeldeckers, zwei englische Offiziere, sind verwundet und werden von den. deutschen Sanitätsmannschaften abbefördert. Dann steigt der deutsche Flieger wieder in seinen kleinen Eindecker, wirft an und ent⸗ schwindet bald darauf den Blicken. Am nächsten Tage aber band es im deutschen Heeresbericht in kurzen, schlichten Sätzen, die den Sieger durch Erwähnung seines Namens ehren:„Nordwestlich von Lille zwang Leutnant Immelmann einen englischen Doppel⸗ decker in 4000 Metern nieder. Dieser Offizier hat damit in verhältnismäßig kurzer Zeit vier feindliche Flugzeuge zum Ab⸗ sturz gebracht Vermischtes. *Der Magen Berlins. Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß wir nach der letzten Viehzählung vom 1. Oktober mehr Stücke Rindvieh haben, als im Frieden. Damals gab es in Deutschland 21 Millionen Stück, jetzt sind es aber 21 900 000. Welche ge⸗ waltigen Ansprüche daran die Stadt Berlin macht, beweisen die statistischen Zahlen, die jetzt für den September 1915 abgeschlossen vorliegen. Daraus ergibt sich, daß der Magen Berlins sehr reich⸗ lich versorgt ist. So wurden in diesem Monat auf dem städtischen Viehhof nicht weniger als 144000 Stück Vieh aufgetneben, und 55 50 26 800 Rinder gegen nur 13000 im gleichen Monat des orjuhres, 14 100 Kälber gegen 10 000 im Jahre 1914, 45 800 Schase gegen 38 000 im September 1914. Nur der Auftrieb von Schweinen ist von 125 000 Stück auf 62 000, also um die Hälste, gesunken. In den öffentlichen Schlachthäusern wurden 17000 Rinder, 12 000 Kälber, 35 000 Schafe und 56000 Schweine ge- schlachtet gegen 11 000, 13 000, 10 000 und 117000 im Vorjahre. In der Zentralroßschlächterei wurden nur 485 Pferde geschlachtet, von denen 451 zum Verbrauch und zur Tierffitterung gelangten. 'Der Rekord⸗ Verwundete. Die Serie der märchen⸗ haften Verwurdetenberichte, in denen die englische Presse das Un- glaublichste zu leisten weiß, wird durch den„Daily Chronicle“ wieder um einen seltsamen Fall bereichert. Wie das Londoner Blatt behauptet, gebührt dem englischen Artilleristen W. Birch die Ehre, der meistverwundete Soldat im Weltkriege zu sein:„Birch trat vor einem Jahr in Militärdienste. Er kämpfte in Flandern und erlebte dort viele aufregende Abenteuer. Das Ergebnis seiner Erlebnisse war, daß er mit nicht weniger als 180 Schrapnell⸗ splittern im Kopfe zurückkehrte. Natürlich befinden sich diese Splitter nicht mehr an Ort und Stelle, da sie von den Aerzten aus dem Kopf entfernt wurden.“ Und voll Stolz und Verständnis für echt englische Reklame fügt„Daily Chronicle“ hinzu:„Dieser Verwundetste aller Verwundeten gehört als Setzer dem Personal des„Daily Chronicle“ an!...“ Märkte. f Gießen, 23. Nov. Markibericht. Auf dem heutigen Wochenmarkte kostete: Butter das Pfd. 1,90— 0,00, Hühnereier das Stück 17½— 20 Pfg., Käse das Stück 7—9 Pfg., Käsematte 1 Stück 3—0 Pfg., Kartoffeln der Zentner 3,75 bis 0,00 Mark, Milch das Liter 26 Pfg., Aepfel der Zentner 6 bis 8 Mk., Spinat 20—22 Pig. das Psund, Wirsing 10— 15 Pfg. das Stück, Gelbe⸗ rüben 10—12 Pfennig das Pfund, Rotkraut 15—25 Pfennig das Stück, Rosenkohl 20—25 229 das Pfund, Kohlrabi 6 bis 8 Pig. das Stück, Weißkraut 15— 25 Pfg. das Stück, Birnen 7 bis 15 Pfg., bessere 600 00 Pfg. das Pfund, rete Rüben 7—8 Pfg., römisch Kohl 6—8 Pfennig, Zwiebeln der Zentner 27—28 Mk., Nüsse 100 Stück 50—60 Pfg., Blumenkohl 20—50 Pfg., Tomaten das Pfund 25-30 Pfg., Sellerie 6-10 Pfg. das Stück, Endivien 1012 Pfg. Marktzeit von 8 bis 2 Uhr. fe. Frankfurt a. M. Viehhofmarktbericht vom 22. Nov. Aufhrieb: Rinder 2251(darunter Ochsen 221, Bullen 34, Kühe und Färsen 1996), Kälber 441, Schafe 208, Schweine 422. Marktvperlauf: Bei flottem Handel wird in allen Viehgattungen geräumt. Preise für 100 d Lebend⸗ Schlacht- 5 Ochsen. gewicht We ausgemästete, höchsten Schlacht⸗ Mk. Mk. wertes, 4-7 Jahre alt. 73—77 133140 Junge fleischige, nicht ausgemästete und ältere ausgemäs tete 6772 122—130 Bullen. Vollfleischige, ausgewachsene höchsten Schlachtw. 68—70 120—125 Vollfleischige, jüngere„ 62—65 112—118 Färsen, Kühe. Vollfleischige ausgem. Färsen höchst. Schlachtw. 68-73 126— 135 Vollfleischige ausgem. Kühe höchsten Schlacht- wertes bis zu 7 Jahren. 63—69 117—128 Wenig gut entwickelte Färsen.. 58—63 116—126 Aeltere ausgemästete Kühe. 53-59 106—118 — min Bar über G Mäßig genöͤhrte Kühe und Feen... q 46-50 232—100 ering genährte*... 37-43 85—98 er. Feinste Masta 3 80—84 133—140 Mittlere Mast- und beste Saugkälbern.. 7580 125—133 Geringere Mast⸗ und gute Saugkälber.. 70—74 119—125⁵ Geringe Saugkälb rn.„ 60—66 102—112 Schafe. Weidemastschase. 5 Mastlämmer und jüngere Masthammel.. 56—60 122—130 Bollsleisch n 10 ollfleischige weine von 5 kg Lebendgewicht 2 108.00 00.00—.— ollfleischige Schweine unter Lebendge wicht 78.00— 98.00—.— Vollfleischige Schweine von 100 bis 120 kg Lebendgewict 118.00— 118.50—.— Vollfleischige Schweine von 120 bis 150 kg Lebend gewicht 129.00 00.00—.— Unreine Sauen und geschnittene Eber 103.00— 00.00 te. Fraukfurt a. M., 22. Nov. rucht ⸗ und Futter · mittelmark't. Der Geschäftsverkehr ist äußerst ruhig. Umsätze fanden vereinzelt in Futtermitteln statt. Getreide geschäftslos. Tendenz fest. Man notierte: Leinkuchen 78—79 Mk., Kleie 51 bis 53 Mk., Futtermehl 4345 Mk., Biertreber 52—56 Mark. Alles ab Station, nominell, per 100 Kilo. fe. Frankfurt a. M., 22. Nov. Kartosfelmarkt. An⸗ gebot und Nachfrage gering, da die Ausfuhr aus Hessen gesperrt. fe. Wiesbaden. Viehhofmarktbericht vom 22. Nov. Auftrieb: 313 Rinder(darunter 58 Ochsen, 11 Bullen, 244 Kühe und Färsen), 218 Kälber, 152 Schafe, 194 Schweine. Marktverlauf: Geschäft lebhaft, geräumt. Die Nachfrage an Schweinen überstieg den Auftrieb. Preise für 100 Pfd. Lebend⸗ Schlacht- Och sen. gewicht. Vollfleischige, ausgemästete, höchsten Schlacht⸗ 1 Mk. wertes im Alter von 4—7 N 5 70—76 1380—140 Junge, fleischige, nicht ausgemästeie u ältere ausgemestete n 64—70 116—130 0 2925 e Schlacht 60-65 105—112 Vollfleischige, ausgew. höchsten achtw.— Vollfleischige jüngere. 56—60 96—104 dusgemdfete Förzen böchst Vollfleischige, ausgemästete Färsen höchsten Schlachtwertees.„„ 687% 61886 Vollfleischige, ausgemästete Kühe höchsten Schlachtwertes bis zu 7 Jahren.. 62—69 112—125 Wenig gut entwickelte Färsen. 60—68 109—126 Aeltere ausgemästete Kühe und wenig gut entwickelte jüngere Kühe. 5482 98—112 Mäßig genährte Kühe und Färfsen 40—54 82—100 Kälber. Feinste Mastkälb e.. 90-00 155—00 Mittlere Mast- und beste Saugkälben.. 77—85 129145 Geringere Mast- und gute Saugkälber... 68—77 113-129 Geringe Saugkä lber. 60—68 100—119 Schafe. Weidemastschafe: Mastlämmer und jüngere Masthammel. 50—55,00 120125 Schweine. b Ke 100 l Vollfleischige Schweine von 8d bis Lebe deri, 10800 Vollfleischige Schweine unter 80 kg Lebendbew. 7893 Vollfleischige Schweine von 100 bis 120 kg Lebendgewicht. N.. 11800 4 2 Vriefkasten der Redaktion. keinonyme Anfragen bleiben unberücsichtiat.) Uriegsverwendungsfähig. Ein besonderer Unterschied zwischen den beiden Bezeichnungen besteht nicht. Näher auf den Gegenstand einzugehen, verbietet natürlich das militärische Interesse. U 1s bedeutet Untauglichteit für das stehende Heer, die Ersatz⸗ reserve und den Landsturm wegen Hysterie, Neurasthenie oder Ischias. Meteorologische Beobachtungen der Ssation Gießen. 2„ 2 22 23„„ Nov. 3 8 S 28 882 5 SS S Ss 3 Wetter SS Zs S S 2 Ai e 5 6 8 Fes 22. 2— 473,5 4,2 71—— 0 KlarerHimmel 22.9—— 1,7 3,6 88—— 0 2 1 23. 7— 4,3 2,9 87— 10[Bed. Himmel Höchste Temperatur am 21.— 22. Nov. 1915= ++ 4,5 0 Niedrigste„„5 Niederschlag: 0,0 mm. Amtlicher Wetterbericht. Oeffentlicher Wetterdienst, Gießen. Wetteraussichten in Hessen am Mittwoch, den 24. Nov. 1915: Ziemlich wolkig, bis auf leichte Niederschläge meist trocken, etwas Letzte Nachtichten. Eine griechische Protestnote. Geuf, 23. Nov Das Pariser Auswärtige Amfk erwartet morgen den vollständigen Text der Athener Protestnote, die von Briands Pressebureau mit den Worten gekennzeichnet wird, diese griechische Protestnote werde viel ernster zu nehmen sein, als die seinerzeit von Venizelos ausgegebene. Ueber den Inhalt des Protestes verlautet, Griechenland sehe sich durch die im Namen des Vierverbandes ausgesprochenen Drohungen Kitcheners nicht zur Eröffnung der Feindfeligkeiten gegen Deutschland, Oester⸗ teich⸗Ungarn, 1 und die Türkei veranlaßt. Genf, 23. Nov. Wie der„Stampa“ aus Athen gemeldet wird, wird der Abbruch der diplomatischen Bezie⸗ hungen zwischen Griechenland und dem Vierverband als nahe bevorstehend angesehen.—„Echo de Paris“ berichtet aus Athen, die Note der englischen Gesandten sei mit offensichtlicher Gleich⸗ gültigleit aufgenommen worden. Der Ministerrat war am Montag bis um 3 Uhr früh und abends von 5 bis 6 Uhr versammelt. Ein russisches Heer gegen Rumänien? Kopenhagen, 23. Nov. Das„Echo de Paris“ meldet aus Petersburg: Die russischen Militärkreise geben als Grund für die Einstellung der Offensivbewegungen in Galizien und Wolhynien an, daß wegen der unsicheren Haltung Ru⸗ mäniens 200 000 Mann in Bessarabien zusammengezo⸗ gen werden müßten. Italien und seine Verbündeten. Zürich, 23. Nov. Die„Idea Nazionale“ berichtet, daß an der nächsten Vierverbands konferenz in Paris im Auftrage der italienischen Regierung der italienische Botschafter DTittoni teilnehmen wird. Aus amerikanischen Munitionsfabriken. Rotterdam, 23. Nov. Aus New Vork wird berichtet, daß die Untersuchung nach der Ursache der großen Brände in den Bethle hl⸗Werken, wo Munition für die Alliierten verfertigt wird, das Vorliegen von Brandstiftungen ergeben hat. In Cleveland wurden zwei städtische Beamte des Auswanderungs⸗ amtes verhaftet unter der Beschuldigung der Bestechung und An⸗ stiftung zum Ausstand in den Munitionsfabriken. Beide Beamte sind aus Ungarn e Aufruf! Am Donnerstag, den 25. November 1915, abends 7% Uhr findet im Stadttheater eine Festvorstellung zur Feier des Geburtstages eiuer Finiglic. Hoheit des Großherzogs 1. Vorspiel zu„Egmont“ von Ludwig van Beethoven, ausgeführt von der Kapelle des Ersatz⸗Bataillons des Infanterie⸗Regiments Wilhelm“ Nr. „Kaiser 116 unter Leitung des Musikleiters Bruno Herrmann. 2. Die Karlsschüler schauspiel in 5 etten von Heinrich Laube. Der Reinertrag wird zu einer Weihnachtespende für unsere Krieger verwendet. Ich ersuche die Bürgerschaft, durch zahlreichen Besuch den vaterländischen Zweck in vollem Maße sicherzustellen. Der Oberbürgermeister. Keller. 9138 B — Danksagung. ä nahme bei unserem schweren Verluste, ins⸗ besondere für die trostreiche Grabrede des [Herrn Pfarrer Heinebach und die aner— kennenden Worte der Vorgesetzten und Kollegen des Verblichenen, sowie für die Zahlreichen Kranzspenden sagen wir auf diesem Wege herzlichen Dank. Familie Häuser. 25 Leihgestern, den 22. November 1915. 9129 Jahresversammlung Gberhessischen vereins für innere Mission Mittwoch, 24. November N 3 Uhr nachm., im Gemeindesaal, Kirchstraße 9. Pfarrer Bechtolsheimer:„Hat die evangelische Kirche in diesem Kriege versagt?“ 8 Uhr abends: Gottesdienst in der Stadtkirche. Predigt: Pfarrer Grotb(Rödgen). 19140 Alle evangelischen Gemeindeglieder sind willkommen. Philosophenwald. ab: Wellfleisch mit Kraut, abends von 6 Ubr ab 2 Metzelsuppe z Wozu sreundlichst F. Harnickel einladet Aeparaturen an Schreibmaschinen aller Systeme führen in eigner Spezial- Werkstätte gewissenhaft aus Franz Vogt& Co., Giessen Goethestr. 32. Fernruf 2 Wasserdichte Westen mit Wollfutter Mk. 12 außerordentlich bewährt u. viel verlangt (1 Pfd.-Paket per Post). Westen in Leder, Pelz, Wolle usw. Gummi- und Regen- hautmäntel 18150 Ausrüstungsgegen- stände für Offiziere, Hannschalten u. Pierde Anlerligung in eigner Werkstatt Aug. Kilbinger Seltersweg 79. 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