Der b!aue flnker. Roman von E l f r i e d e S ch u l z>. 'Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Erich sprach mit Waldemar. Der junge Mann wurde ver mühte "no ^'nnte das nicht verbergen, so sehr er sich £ve , „Warum sind Sie nicht offen Zu mir, Waldemar?" gibt Dinge, die sich schwer sagen lassen, für di, man keine richtigen Worte hat/' „Wenn unser -alter Tschammer, der Haudegen, daZ mochte ich's dabin gehen lassen. Aber Sie? — Eil gfliongcift Uojt Rasse, der den Homer auswendig kann? — Aber wozu sage ich das? Es wird wohl schon ein anderer (Mrimb vorliegen, und echte Gründe soll man achten, wenn maii sie ailch nicht kennt. Also Schwamm drüber!" „Nein.'^erwiderte Waldemar, vori Erichs Vorhaltungen gekrankt, ,,^o ist es, wie ich es sagte. Aber — nun, jetzt Jollen (Sie doch sehen, daß es wirklich Dinge gibt, über die man neber nicht spricht. Das da mit Saar — tja, mein bester Herr Wölfliu, das merkt doch ein Pferd, daß der Mann Sie, ausaerechnet Sie, mit einem ganz gesunden Haß verfolgt hat." Erich inachte ein sehr erstauntes Gesicht. „Ansgerechnet mich?" „Sie sind noch erstaunt?" „Nun ja — ich stand mit Saar sogar recht nett. Er n-ar ein charmanter Umgangsmensch. Ich kann nur sagen, immer up to äate imb gefällig." „Mer Sie müssen tiefer sehen. Rund heraus — der Menjch hat Sie genau so umschlichen und behorcht wie meine Schwester. Ich will ganz deutlich werden, Herr Wötslin. Saar hatte eine fixe Idee und hat sie seit Jahren — das kann ich beweisen — verfolgt. Mit einer enormen Zähigkeit, wie ein weidgerechter Jäger. Er machte sich Hoffnungen auf Susanne. Und Sie — ja, da kamen Sie, Herr Wölflin. Saar hin, Saar her — gestatteil Sie, daß ich das ansspreche: Er sah in Ihnen den Rivalen. So — und nun werden Sie mich wohl verstanden -haben und mich nicht weiter fragen." Erich fand kein passendes Wort der Erwiderung. Er blies den Rauch seiner Zigarette vor sich hin und träumte in die Luft. Dann begriff er endlich. Was halte Waldemar da gesagt? — Das war ihm furchtbar peinlich. Da stand auch schon Waldemar vor ihm, in den Augen Schmerz und Zorn. „Herr Wölstin —. das bleibt unter uns. Machen Sie Die Worte sielen ihm unsagbar schwer. Aber er ließ sich tn seinem Entschluß nun nicht mehr beirren. Es mustte heraus. 1 „Machen Sie meine Schtvester nicht unglücklich, wie es J-hre Schwester geworden ist!" Jetzt tvar das Wort heraus. Es gab kein Zurück mehr. Erich war erbleicht. , „Herr v. Rothkirch!" „Werden Sie nicht so fremd und förmlich zu mir, Herr Wötslin. Lassen Sie mich Ihnen sein, der ich gewesen bin." „Sie haben da zwei ganz ungeheuerliche Gedailken ausgesprochen, Waldemar, jeder stark genug, eine Seele zu martern. Ich verstehe das nicht, Sie müssen mehr sagen, ich bitte Sie." „Ich weiß, Herr Wölflin," erwiderte Waldemar ruhig uild rückte seinen Stuhl näher heran, lueif ein Husten seine Stimme dämpfte. „Ich habe zwei Worte zuviel gesagt. Das muß jetzt ausgetragen iverden. Jcki konnte nicht anders. Hören Sie mich gelassen an. Das zweite — Ihre Fräulein Schwester betressend — ick kann ja nichts aus eigenen« Wissen sagen. Ick muß sogar bekennen, daß ich mich gerade hier leider aus den Mann stütze, für den ich nur Mitleid, nicht einmal Verachtung übrig habe, auf Saar. Er hat ein Gefühl in mir erweckt, das mich nickt mehr verläßt. Das mir sagt, Ihrer Fräulein Schwester ist ein Unrecht angetan worden, vielleickt mehr als ein bloßes Unrecht — von einem aus meiner Familie, Herr Wölflin!" Waldemar brachte die letzten Worte nur mit erstickter Stimme hervor mtb wischte sich einen Angstschweiß von der Stirn. _ Da fuhr Erich auf. Seine Augen vergrößerten sich. Fast heiser schrie er den jungen Manu an: „Dietrich?" Waldemar zuckte die Achseln und sah auf den Fußboden. „Ick weiß nichts, nichts. Ich lebe nur unter einer Furcht, die mich erdrückt." Erich atmete schwer und schloß die brennenden Augen. „Und weiter, Waldemar?" „Nichts weiter. Das übrige ist doch klar." Er stand aus und gab Erich die Hand. „Wissen Sie denn nicht, was meine Schwester gelitten hat? — Um Sie, Herr Wölflin!" Erich zog den'Kopf des Jünglings an sich und küßte ihm die heiße Stirn. „Armer Junge! Wie quälen Sie' sich mit den Leiden anderer! Ich verstehe, ich verstehe. Mir wird es hier zu eng, Waldemar. Ich fühle das Dach über mich Zusammenstürzen. Kommen Sie ins Freie, durch den Pack!" Er hakte seinen gesunden Arm in den Waldemars ein und zog ihn fort. Sie sprachen fick offen ans. Erich schüttelte einmal über das andere den Kopf. „Sie sehen Schatten, wo keine Körper sind, Waldemar." „Ich fühle zwischen den Dingen. Ich lebe transzendent. Immer im Hintergrund, sehe ich, was andere nicht sehen. Wollte Gott, es wäre so manches anders!" Erich beruhigte ihn. „Ich trage mich mit Hofft::::: gen. Ich kenne Lotte. Was es auch sein mag. Eine .Stimme sagt mir, au: Ende werden wir lächeln," 29. Kapitel. Von diesem Tage an war Erich in seiner Seele gespalten. Er war nicht mehr er selbst. Zur einen Hälfte galt sein Sinnen und Grübeln der Schwester, zur andern Sw- sänne Rothkirch. Er fühlte es, wie das junge Mädchen nur noch für ihn lebte. Der ganze Zauber ihres Wesens, der bisher wie in einer schönen Muschel verschlossen war, brach mit elementarer Gewalt hervor und streute Sonnenschein über alles, was in ihre Nahe kam. Wenn er ihre Hand berührte, glühte es in ihm aus, und der eigenartige Dust ihres Haares lähmte seine Sinne. Wo er ihr etwas zuliebe tun konnte, tat er's. Auch wenn Waldemar in ihrer Gesellschaft war, gaben sie sich, wie sie waren. Während an den Landesgrenzen Tod und Verderben die Blüte der Nation hinraffte, wuchs in: heimatlichen Frieden die Liebe zweier junger Menschenkinder zaghaft zur Knospe auf. Dieser furchtbare Kontrast erhöhte ihre Seligkeit. Die Zeitungen verbanden: Bronin mit der Außenwelt. Mit wachsendem Erstaunen hörten sie, was sie bisher nur von fern geahnt hatten, von der unermeßlichen moralischer: Größe des Vaterlandes, von der beispiellosen Opferwillig- keit aller Kreise der bedrohten Nation. Und von den: traumhaft glänzenden Sieaesmarsch in Ost und West. Da fielen alle Schlacken der Kleinlichkeit und des unreinen Denkens ab. Man fühlte sich besser und größer werden, mitwachsend mit dem stolzen Reiche. Die Herzen waren von einer heiligen Stimmung erfüllt. Wie oft jubelte es in Erich Wölslin auf, wenn die Feldpostkarle:: von Gerhard Ladenbura oder Dietrich Rothkirch kamen. Wenn er doch mit dabei hätte sein können, in Gerhards Regiment, dessen Farbe sie beide zu gleicher Zeit getragen hatten. Aber dann trat das Bild Susannes dazwischen. Sie lächelte ihn glücklich an und hielt ihn fest an der Hand. „Du bleibst! : — An meiner Seite ist dein Platz. Die Vorsehung will uns glücklich sehen." Die Vorsehung. Erich übersah sein Leben, ein Weg des Erfolges und des ruhigen Glückes. Aber in der .grauen Ferne - kamen da nicht Schatten herauf? Ihm war das so sicher, daß er die .Hand über den Augen wölbte, um der glitzernden Sonne zu wehren, die alles in ein freudiges Hell auflöste. In die Mitte des August fiel Susannes Geburtstag. Erich war nach. Bro:nberg gefahren und hatte eine edle Florentiner Vase erstanden. Mit Rosen gefüllt, wollte er s:e auf den Geburtstagstisch stellen lassen. Und Mendelssohns „Träumende Lieder" hatte er in einen Einband binden lassen, der nach seiner Zeichnung kunstvoll hergestellt war, die Lieder, die sie so meisterhaft und innig spielte. Das wollte er ihr selbst überreichen. Es war ein heller Sonntag. Er kleidete sich festlich an und ging in das Schloß hin über. Susanne saß allein ans der Veranda. Auf allen Tische: standen Blumen. Sie hörte den Kies knirschen und sah vo, der Stickerei auf. Ein brennendes Rot überfloß ihre Wan gen, als sie Erich Wölflin kommen sah. Sie stand auf unt g:ng ihm ein paar Schritte entgegen. Erich küßte ihr die Hand und gratulierte. „Und mein lieber Mendelssohn? — Wie soll ich Ibr, L:ebens)vürdigkeit erwidern?" Er hätte ihre roten Lippen küssen mögen. Da trat sie dicht zu ihm hin und flüsterte: „Segeln Sie heute mit? Nach Tisch geh ich ins Boot B:tte, leisten Sie mir Gesellschaft." köuigttckst"^^ Susanne — Sie revanchieren sich wirklich Sie errötete wieder. „Wenn Sie die Einsamkeit nicht schreckt? Wir sind allem." Waldemar schlürfte über die Diele. Er hüstelte wieder leise- " ^ bte ^überspitzen an die Lippen und sagte ganz „Nichts verraten." Ihre Blicke flössen ineinander in inuiaem Einverständnis. Waldemar brachte die Post. „Feldpost! Feldpost! — Ah — güten Morgen, Erich! — Ja, wenn die Feldpost nicht wäre! Wer schreibt denn sonst noch an uns?" Er schüttete die Mappe aus. Die erste Karte von Dietrich. Waldcinar las vor. „Auf Patrouille im Straßengrabein Datum und Wochentag unbekannt. Wir leben zeitlos. Gestern ein nicht übles Reiterstückchen geleistet. Mit drei Mann eine halbe Kompagnie Rothosen mitgenommen. Es fehlt in: übrigen an allem. Daher: Sendet Liebesgaben! Bor allen: Seife, Zigarren. Die letzte zwischen den Lippen. Was nun?" Die nächste Karte voi: Dietrich war für Susanne. Ein Geburtstagsgruß. Und ganz klein hinterher: „Betau: heute das Eiserne Kreuz." Darunter von andrer Hand: „Er hat es wirklich verdient. Der Schrecken der Feinde. Der Tod ist ihm nichts. Schreiben Sie ihm, gnädiges Fräulein, eine ernste Epistel mit dem Anfang: Nicht jeden Tag eine Tollkühnheit! Gf. Rochwitz. v. Loebell. Gregor, v'. Wro- blewski." Dann wieder von Dietrichs Hand: „Blasser Neid meiner Kunlpane." Waldemars und Erichs Augen begegneten sich«. „Der Tod ist ihm nichts!" flüsterte Susi, und führte das Taschentuch an die Augen. „Der Tod ist ihn: nichts!" sagte Waldemar ernst und nachdenkliche. Von: Osten schrieb Saar, Gerhard Ladeübürg aus Belgien. Las mau nicht überall zwischen den Zeilen: „Wir haben die Heimat vergessen"? War ihnen nicht der blutige Kamps! znm täglichen Brot geworden? Susanne schauerte zusammen. Dann kamen die Zeitungen. Wieder Sieg auf Sieg. „Es ist märchenhast", murmelte Waldemar. * Am Boots Platz ging Erich Wölfliu auf und ab. Ein weißer Leinenanzng kleidete die schlanke, sehnige Gestalt. Jtn Knopfloch glühte eine Rose. Vom Buchengang trällerte es leise „Deutschland über alles". Es schimmerte hell durch die Zweige. „Susi!" flüsterte er. Den Seepsad entlang kam Susanne. Glücklich lächelnd in Unbefangenheit. Erich ging ihr e:itgegen. „So haben wir Kinder uns die Feen und Königskinder gedacht." Er streckte seinen gesunden Arm ans und. küßte ihre beiden Hände. Plötzlich stand er still, wie versteinert. Jeder Tropfen Blut war aus seinen: Gesicht gewichten. Die großen Pupillen starrten auf den weißen Hals des jungen Mädchens, auf das große goldene Medaillon, das an der kunstvoll geschmiedeten schweren Kette in der: Halsausschnitt herabhing. .Susanne sah es und erschrak. „Herr Wölflin?" Er starrte noch in:u:er auf das Medaillon und rang vergebens nach einem Wort. Endlich kan: es zögernd von seinen blutleeren, zuckenden Lippen: „Verzeihung, gnädiges Fräulein — ich, bin — mir ist — es — es —" Die Worte wollten nicht heraus. „Verzeihen Sie — entlassen Sie mich — nur ist plötzlich — unwohl — geworden." Er fiel vor ihr auf die Knie und uu:faßte sie leise. Susanne stockte der Atem, als sie das Beben seines Körpers fühlte. Dann richtete er sich mühsam aus, drückte einen letzten Kuß auf ihre Rechte und ging weg. „Verzeihung!" Er schwankte. In seinem Kopse wirbelte es durchjein- auder. Der gerade Fußweg kriiinmte sich, vor seinen Blicken. Bäume und Sträucher drohten über ihn: züsam menzubrechen. Entsetzt sah ihn: das junge Mädchen nach. (Fortsetzung folgt.) ltrlegrstiefel. Novelle von Max Brrtri ch. Unter den Tirolern des Ostens, den Bergbewohnern der Birko- wi:m, waren: zwei Brüder. Ihr Großvater tvar ein knickeriger Mann gewesen, hatte sich vorn Dorfschuster und Schuhhäudler durch Mrb-eit uird ertragreiche Heirat zum Bauerngutsbesitzev aufge-^ schnmngen und Zeit seines Lebens die Schusterbrille behalten mit Vorzügen und Nachteilen. so lange ihn: der Schuft er sch c m el^Stst tz e war, rückte der Mann für seine in Czernowitz lebenden drei Söhne nicht gen: einen^baren Heller heraus ; dagegen war er immer gelaunt, Schuhe und Stiefel! zu opfern. So wanderren große Säcke mit mannigfachen: Inhalt im Frühjahr und Herbst zu einenr der kinderreichen Söhne; die andere Nachkommenschaft fand sich wie zum Familientag dazu ein; allgemeines Aussuchen, Anpasscn und Scheiden auf dicken Sohlen rvar die Folge. Die Kind^skinder lernten den Spender nicht mehr als Nachfolger Hans Sachsens kennen, soirdern nur den schuhspendenden Grundbesitzer; während der alte Mann bei seinen gewohnten geringen Bedürfnissen blieb, besremrdeten sie sich mit der Welt. Die Msprüche an das Leben stiegen, wenn auch nicht so unvernünftig, daß sich ihr Ahne ihnen ganz hätte verschließen mögen. Einer der Enkel besuchte die Hochschule in Lemberg. Der war öfter im Selbstgespräch und stimmte in solchen Zeiten gern Jago zu: „Tu Geld in deinen Beutel!" Der Großpapa war weniger bereit, klassischeil Anwandlungen zu folgen, doch gestattete auch die alte Schusterbrille einen dem Studenten vorteilhaften Schritt; auf Vorschüsse, so lautete die Antwort, mußt du verzichten: sie würden zwecklosen Ausgaben dienen. Aber schicke mir unerledigte vernünftige Rechnungen zur Einsicht, und ich will dir die ausgelaufenen Beträge senden! Vernünftige Rechnungen? Der fein dressierte Verstand des jungen Menschen sagte sich, nach der ganzen Vergangenheit des Großpapas und seinen feststehende:: Gepftogenheiten wurden die vernünftigsteil Mdürf- nisse ihm nichts weiter sein als Stiefel und Schuhe. Also waren^ die Studenten-Rechnungen nüt Kanonen- und kleinkalibrigen Stiefeln, Sonntags-, Arbeitstags-, Kolleg-, Fecht-, Berg- und anderen Schuhen durchschossen, und wirklich wurden: die ständig anschwellenden Posten nicht bemängelt. Die Wucherblume gedieh, sie schlug Würzet auch bei den nicht stildier-enden Brüdern — mit dem gleichen Erfolg. Der brüderliche Dreiverband, selber erslaünt, traute dem greisen Sonderling sogar den nötigen Humor zu, aus den Grund der Dingo zu schaueil, sich aber lieber auf liebenswürdige Art bemogeln zu- lassen, als anerkanntermaßen fiir andere Zivccke als Fußhüllen tiefer in ben Beutel zw greifen. Der Mann verteidigte eben mir seinen Standpunkt. Ganz einflußlos guf Denken und Fühlen der Nachkommeio- sebaft konnte diese wirtschaftliche Grundlage nicht bleiben. Ohne sich über die Ursache recht klar zu werden, gjuckteil sie den liebens-, : würdigsten Mädchen nicht nur in die Augen, sondern eben so durchdringend am die Schuhe. Erst das Urteil über die Verfassung voll Oberleder, Sohlen mtb Msätzen entschied endgültig. Tie Erfolge waren nicht schlecht, und so wurden neue standhafte Brücken geschlagen zum Denken und Fühlen des schusterlichen Ahnen. Zwei seiner Eickel, dem Gerber- und denl Schmiedehandwerk zugetan, waren nach dem Mord von Sarajewo sofort bereit, mit einer Legion von Bergbewohnern frisch vom Leder zu ziehen. Sie sahen, gleich allen Tirolern des Ostens, ernste, erbitterte und lange Kämpfe voraus, bestellten ihr Haus fürsorglich, tränkten die Sohlen, kräftiger Stiefel mit Leinöl, verbargen sechs Paar Ersatz-Langschäfter in den geheimsten Kellerverstecken bet Uhren, Ringen und einem Sqckchen Geld und zogen mit Blumen *m Gewehr Tmb Hut als siegessicherer Landsturm rüs Feld, bewährten sich als tapfere Schützen und Ivaren immer beckder Hand, den Gegner zu versohlen, wenn 8er Einbrecher auch zäh war wie Galgenleder. Jede Kugel traf nicht. Der rauschende Strom herbstlichen Regens aber bahnte sich den Weg umso sicherer iir jeden Halskragen, ergoß sich tagelang über den ganzen Körper, floß in die Stiefel und verband sich mit dem raschen Fluß zu Füßen der Legionäre. Und im Winter froren die nassen Kleider zur Nachtzeit glashart, weit man kein Feuer anzünden durfte. Im Sonnen- scheiu wurde der Schaden wieder geringer, und der Körper erholte sich. Nur das Schnhzeug wurde von Tag zu Tag empfindlicher trotz Oel und Fett Und schnürte gleich spanischen Stiefeln den' Geist der Kämpfer ein; denn die Krieger hätten darauf gebrannt, den Feind „anzugehen" und tagtäglich die höhere Erlaubnis erwartet. Nun begann sich das frostige Bcinlcdcr zu sträuben gegen Gewaltmärsche. , Tie Geplagten versuchten, die Hülle nachts abzulegen und verschlimmerten, ba3‘ Nebel: die Füße wollten morgens überhaupt nicht mehr, hinein mrd fühlten sich bedrückter als durch den ganzer: lauge,: Krieg. Ta behielt die Mannschaft die Fußbekleidung an und fror Mit ihr an den Boden. Man zog! d:e Stiefel! äns und nahm sie gleich dem liebsten Freund schlafend an die Brust, unter den Rock, um sic geschmeidig zu erhalten. Das half. Dock, weil auch ihre Sohlen dünner wurden, riesen die Stiefel gleich iIrren Besitzern dennoch stürmisch nach Mlosung. „Wenn wir nur," sagte der Gerber, „unsere Reserve Langschäfter hätte::!" Der Schmied stimmte leuchtenden Auges zu. Einige Kameraden hörten von der Oase und hätten gern geholfen, zu holen und zu teilen; denn neue Kommißstiefel, sagten iic, konnten die in Mahala bewahrten ersehnten Ideale gewiß nicht ersetzen. Allein in und bei Mahala, nicht weit von des Reiches Grenze, lagen die Russen. Wie viele, in welchen Stellungen, das blieb noch zu erblichen. Da entschloß man sich, den Blick zu erweitern. Eine schleichwache drrrfte Katze sein, die Maus im Dunkeln zu beobachten. Und Schmied und Gerber durften gehen, mit neun Genossen, durch Sprühregen, über weiche Wege. Fünf zur Rechten, sechs zur Linken, so katzelten sie sich zum russischen Nest vor. Durch Wassergräben schlängelten sie sich: zu versinken drohten sie im Sumpf. Die „Trittchen" saugen und spritzen Wasser :vie Pumpen. Bon Lichtkegeln werden die Patrouillen gepackt, gehetzt wie Schmetterlinge vom Netz. Bon feindlichen Scheinwerfern, von Suchern entfernter befreundeter Mteilungen — w:r will das entscheiden? Mer in Czenwwitz nistet sich Sorge und Aufregung ein. DeM ein Reiter hat gemeldet, eine Kompagnie rücke auf Mahala vor. Eine Komvagnie? Trotzdem man in Czernowitz kurz vorher mindestens so viel erfahren hat: der Feind besitzt Geschütze, Maschinengewehre, zählt drei oder vier Bataillone! Was will dagegen die Kompagnie ausinchte::? Wer hieß sie vormarschieren? Gleichviel — sie soll aus den Klauen gerettet werden, in die sie geraten n:uß. Nur nicht Zeit vergeuden mit Nachforschungen! Aufklären n:ag sich der Zwischenfall später! Jetzt handeln: täuschen wir den Russen in Mahala Macht und ernsten .Angrift vor, um die paar Draufgeh er zu retten. Und sofort fliegt der Befehl zur Artillerie ins Feld: Mahala beschießen! . Auf Sturmesflügeln kommt das Echo des Befehls zurück: zu Befehl! Wo Totenstille war, ist die wilde: Jagd losgegängen. Die Geschütze wettern ihr Machtwort nach dem Ziel: Granaten und Schrapnells beteiligen sich am Feuerwerk: die Lüfte keuchen u:ü> wimmern: aus das Lager der Russen fallen tausend Mörser aus Teufels Küche. Kurz vor dem Ziel der Geschosse stutzen die beiden Häuflein, der todesmutigen Streiswache. Sie losen das Rätsel der Artillerie-Beschießung nicht, suchen und finden sich imb sind rasch entschlossen, die Lage auszunützen. „Ein Wink von oben!" sagen sie sich. Soldat, du junges Blut, Du bist so hock) geboren. Hast immer frohen Mut: Drum wenn Kaiwnen brause::, So darf es dir nicht grausen; Wer's Glück hat, kommt davon. Wer Angst hat, springt davon! Furchtlos gelangen sie an den Zugang des an einigen Stclkcn brennenden Ortes mit der kopflos gelvordenen Besatzimg. Schnellfeuer! befiehlt der Führer der Patrouille, und in das Konzert der- Feldgeschütze prasselt ein Patronenhagel. Da halten die nächsten Moskalen keine zehn Pferde. Sie sehen sich verraten, umzingelt, dem Tod oder der Gefangenschaft geweiht. Die Beine in die Hand: nur rascheste Flucht kann helfen! Wie Besessene jagen sie davon. Die frohe Botschaft fliegt zun: Kommandanten, und die Geschütze schweigen. Wie ein böser Spuk sind die Geister des Kampfes verschwunden. Der Patrouille ist das Tor geöffnet: „Wer's Glück hat, kommt davon!" Sie sind wie aus einen: tollen Traum erwacht und werden nmjubelt von Lercken, die an ihre neue Freiheit noch gar nicht glauben wollen. Eine wohlbefetzte Tafel, von den Russen in Stich gelassen, tut gut nach Wochen der Entbehrung. Und ein Dach über dem Kopf — Herrlichkeit! Und erst gar die neuen, trockenen, geschmeidigen Langschäfter am neuen Tag — Wunder über Wunder! Sieg auf ganzer Linie. Und die Sieger wie neu geboren. llnd mit frischen Kräften weiter d'rauf, Kameraden — wir elf von den Tirolern des Ostens! Auf neuen Stiefeln zu neuen Zielen! _ vermischtes. ' Ein B ad e o in n i b n 8. Was aus einen: Kraftomnibus nicht alles werden kann! Ein Dürkopp-Omnibus, der ln den Bergen Süddeutschlands in Friedenszeiten den: Fremdenverkehr gedient hatte, wurde nach Kriegsausbruch der Etappen-SanitätS- Krastivagen-Abteilung einer Heeresgruppe zugeteilt. Er >var der üngste und der modernste nicht inehr, und als zweckmäßigere Ver- vundetenlahrzcuge als der brave, nicht-luftbereifte und langsam ahrende Kraftomnibus aus de>: süddeutschen Bergen zur Genüge bereitgestellt waren, dachte man daraus, den guten alten Omnibus in anderer Weise nutzbringend zu verwenden, llnd da erlebte er eine sehr ehrenvolle Auferstehung als BadeomnibuS. Wie Stabsarzt Dr. Flennning in der «Deutschen Medizinischen Wochenschrift* berichtet, hat sich der OnrntbuS in feiner neuen Bcstimmum: ganz vortrefflich bewährt. Hcrvorraoeud zweckmäßig arbeitet der Motor, 576 bet folgende Arbeit verrichtet: Er saugt und drückt daS notwendige Kaltwasier »»» den Kaltwasserbehälter auf daS Dach deS Wagens, erwärmt das Wasser im Warmwasserbehälter, drückt das warme Wasser durch die Brausen und erwärmt die Lust des Badehanses. Mehr kann man von einem Motor billigerweise wirklich nicht verlangen! Der Wagen ist mit Zinkblech auSgeschlagen und wird vorn durch einen »vasserdichten Vorhang in der ganzen Breite deS Wagens nochmals abgeschlossen, so daß die Bade»»den einen zng- freien Zugang habe»». ES erhalten daselbst 31 t gleicher Zeit sechs Mann 4 Minuten lang ,vari»»es Wasser von 30 bis 35 Grad und in der sanften Minute kaltes Wasser. Die Hochstzahl der Badende»» innerhalb zehi» St»n»de>» eines Tages betrug 1037 lami; das war in einen» zerschossenen Dorfe »»n,oeit Ppern. Ko»»nte der Bade- On»nibus nicht in die Nähe eine- noch brauchbaren Nanines znn» Entkleide»» herairgezogen »verde»», so »vurde et»» z»veiler Oiuntbns haru»ontkaart»g »r,it »hm verbunden. Dr. Flen»n»ing berechnet die .Koste»» des Brausebades mit Hin- und Rückfahrt, unter der Voraussetzung eines Preises von 50 Pfg. für das Liter Benzol, aus 12 Pfg. für dei» Kopf. * Ein Mörder als Mitautor der Großen Englische»» Enzyklopädie. Der kürzlich gemeldete Tod des beratendsten engl.Philologen »u»d Hera»»sgebers der Großen Englischen Mznklopädie, Sir James A. M. Murra»), hat z»»r Ausdecku,»g eines Menschenschicksals geführt, wie es so seltsam »»»»d »vidersvr»»chsvoll nur das Lebe»» selbst 311 dichte»» vermag. Die Geschichte deS Dr. Minor, dem neben Murra») das Ha»»ptverdienst ai» derSchaff»»ng des englischen Sprachwerkes z»»ko»»»u»t, erschien z»»erst i,n „Strand Magazine^ und erregte so großes Aussehen, daß sie in kurzen» die Spalten der größten englischen Blätter beherrschte. Der Verfasser, dessen Aussnhrungen ans authentischem Material beruhen, eröffnet die erstaunliche Tatsache, daß der geschätzte Mita»ltor der englischen Enznklopädie — ein i»»ternierter Mörder »var. Der in seiner Art einzig dastehende Verlaus der Begebenheiten verdient es, in kurzen Umrissen »viedergegeben zu »verden: Es war die Gewohnheit Sir Murrays, jedesmal, »venu er eine Analyse eines neuen Wortes ausgestellt hatte, diese an seine an de»» verschiedensten Orten >voh,»ende»» wissenschaftlichen Korrespondenten z»»r Be»»»teilung und zur Ergänzung zu senden, bevor die Arbeit endgültig ihren Platz in der Enzyklopädie erhielt. Bald halte Murray entdeckt, daß die besten philologische»» Unters»»chunge»r, die ihm zugt»»gen, sowie die bedeutendsten und zahlreichsten Kommentare von etnent gewiffen Dr. M. E. SDitnor stan»n»ter», deffen Adresse Dorf Crorvthorne, Berkshire, la»»tete. M»»rray nahn» an feinem imbefmmten Mitarbeiter das lebhafteste J»»tereffe, um so »»»ehr, als er sich bald sagen »nnßte, daß Dr. Minors philologische Kenntnisse kau,»» hinter seiner eigenen Wiffenschaft zurückstande»». Tie »viffenschastlichen Leistungen Dr. Diinors steigerten sich im La»»fe der Korrespondenz in solchen» Maße, daß Murray daS Profefforeilkollegiun» der Oxford Universität aufforderte, den geheimnisvollen Gelehrten durch eine ossizielle Einladung der Universität zu ehren. Ties geschah auch-, aber »vie stau,»te Sir Murray, als eine kurze Absage als Antwort einlies. Sein Jntereffe »vurde d»»rch diese Weigerung noch stärker, und er bat den »nerkwürdigen Wiflenschastler brieflich un» Aus- klärung. Hieraus schrieb Tr. Minor, daß er gesundheitlich an der Re»se nach Londo,» verhindert sei, daß er sich aber freuen würde, wenn Sir Murray ihn» die Ehre seines Bes»»ches er»ve»se,» »volle. Murra») trat sogleich die Fahrt an und bestieg in Crowthorue den Wage»», der ihn in» A»»strage des Gelehrten erwartete. Unbeschreiblich aber »var die Verblüffung des großen Sprachforschers, als der Kutscher einen Seiten,veg einschlug u»»d schließlich vor den» Tore von Droadrnoor, der berühinten Anstalt für geisteskranke Verbrecher, L>alt »nachte. Im Verlause einer langen Unterredung mit den» Letter der Anstalt erfuhr Murray, daß Tr. Minor, der gelehrte Korrespondent, der ihn» an 8000 philologische Analyse»» von höchster Bede»»t,lng gesandt hatte, als Mörder in Broadn»oor interniert »var. Dr. Minor »vurde Sir Murray vorgeslellt, und dieser lernte in ihn» einen jo feinen, gelehrten Mann kennen, daß er auch späterhin die regste Korrespondenz mit ihn» unterhielt. Seltsamer »och als diese Geschichte ist der Bericht von Tr. MinorS Mordtat. Dr. Minor, ein gebore,»er Anrerikaner, der ursprünglich als Arzt in seiner Hei,nat tätig »var, hielt sich längere Zeit zun» Besuch in London auf. Eines Nachts, es n»ochte schon 2 Uhr sei,», begab er sich, von einer Gesellschaft hkimkehrend, zu seiner Wohnung. Tie Nacht »var hell uitb ruhig. Vor der Hanstüre begegnete Dr. Mino»- einen» cinsamen jungen Manne, der zu seiner Arbeit ging. ES »var ein Mann, den er nicht kannte, überhaupt noch niemäls gesehen hatte. Ganz ruhig, ohne irge,»d einen erkenntlichen Grund zog Tr. Minor seinen Revolver, zielte auf den friedlichen Passanten und tra» ihn tödlich mit zwei Schliffe»». Ohne sichtbare Gemüts- beivegnng, den rauchenden Revolver noch in der Hand, rief er hieraus einen Sch»»tzn,ani» »n»d ließ sich abführen. Vor den Schranken des Gerichtshofes vermochte Dr. Minor keinerlei Grund Uiv seine Xat anzugeben, und die Aerzte erklärten ihn für da« Opfer einer sonderbaren und seltenen seelischen Erkrankung. Er wurae in die Anstalt vo»» Broadn»oor gebracht und lebt noch heute, -ras j>l die »oahrhafte Geschickte eines Mannes, der sich un» die Philologie ganz a»»ßerorde»ltliche Verdie»»ste crivorbe«» hat. _ - * ® P !L e c ^" rs Daterla»»d. ES »var in» Te»»tsch- < etterre»chtschen Kriege 1866. Eine Ko»npag»»ie hatte einen Aus- trcig erhalte»», der sie »veitab von den übrigen Truppenteilen geführt Hatte. Der Auftrag »var gel»»ngen, aber die Ko»»»pagnie fand de»» Weg z»>r Heeresgruppe nicht zurück. Der Pren»ie'rleutnant war ii» einiger Verlegenheit. K»»rz cntschloffen requirierte er einen vührer. Nachdem diesem mit Erschießen gedroht und alle Folterqualen der Hölle vor Augen geführt »varen, setzte »»'.an sich in Bewegung. An der Spitze der Führer, ein echter Böhme, »»eben ihn» der Kompagnieführer und die übrigen Offiziere. Der Kompagnie- sührer griff in die Tasche »mb holte daraus zwei Zigarren, seine letzte»». Tie Kameraden halten schon lange nichts mehr zu rauchen. Wer w»rd , 00 hl die zweite Zigarre bekon»men? dachte jeder von den Offizieren unwillkürlich. Ter Herr Premier zündet sich eine Z»garre an und ,»ach einem kurzen, aber ersichtlich schweren Kainpf gibt er die andere Zigarre den» Führer. Gleichzeitig reicht er ihn» dte brennende Zigarre, dan»it sich der Böhrne die seine daran an- zunde. Der aber steckt unter fren»»dliche»n Grinsen die bre»»»»ende Zigarre des Kon»pagnief»"»hrers in den Mund und die a»»dere t»» die Hosentasche. Dte Verblüffung war groß, aber schließlich »var man auf de»» Führer angewiesen, und niemand sagte etwas. Als aber endlich die Koi»»pagi»ie z», den» gewü»»schle»» Truppenteil stieß, »»einte ein junger Fähnrich: „Schade »un die Zigarren, er hätte vielleicht auch ohne die richtig geführt!" — „Fähnrich, »nerken Sie sich, erividerte der Preinier, „für das Baterla»»d ist kein Opfer äu groß!' vüchertisch. — Billige Kriegsbücher. In Hessk'S Volksbücherei dieser gediegenen, von der Ftrn»a Hesse & Becker Verlag in Leipzig herausgegebenen Sammlung, sind »vieder einige Bändchen erschienen, die in der jetzige»» Zeit besoi»dereS J,»tereffe erregen »md sich a»»ßerden» vortrefflich als Liebesgabe»» eig»»en. Nr. 1016 bringt unter dem Titel „K r i e g s b »l d e r aus O st »»,» d West" Erzählungen und Skizzen des bekannten Schriftstellers Karl P a u 11, Nr. 1021 („Ungarns Heldensöhne") außcrordentlich seii»e Stin»m»»ngs- btlder von Thomas Aloly, die von der Opferivilligkeit unserer tapferen Bundesgenossen erzähle»». Die beiden Nummern 1023 und 1023 (jede in sich abgeschlossen) e»»thaltei» prächtige Feldpostbriefe und innige Gedichte, die »mter de»»» gute»» Titel „Helden und Kameraden" zusan»»»»engefaßt sind und in beueti auch der Humor z»r Worte kommt. Endlich sei die w»»>»derhübsche Hu>»»oreske „Kapitän Möller" des »veitbekani»ten Volksschri'tstellers Hei»»- rich Bandlow (Nr. 1030) er»vähnt, die a»»ss ergötzlichste schildert, »vie eir»st englische Seeleute von eineu» biederen deutschen Kapital» hinters Licht geführt ,vurde»». Ter niedrige Preis dieser Bändchen (je 20 Pfg.) erlaubt es selbst den» Aermsten, sie einen» Krieger ins Feld z»» senden. Die Ausstattung ist, wie bei alle»» Bändchen vo>» Hesse's Volksbücherei, mustergültig: großer, deutlicher Druck auf gutem Papier. — Der Wille siegt! Ein pädagogisch-kultureller Beitrag zur Kriegskrüppelfürsorge von H a ,» S Wü r h , Erziehungsdirektor im OSkar-Helene-Heim, Zehlendorf-Berlin. Verlag Otto ElS»»er, Verlagsgesellschaft m. b. H. Berlin. 1915. Schach-Ausgabe. Schwarz. Auflösung in nächster Nummer.. Auslösung des Tauschrätsels, in voriger Nmumer: Vach — Onfet — Nase — veder — Aft — Rab - — Vase - «and 9 Don Carlos.