Nr. 199 Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. —— Die„Gießener Famillenblätter“ werden dem Anzeiger“ viermal wöchentli 1 entlich beigelegt, das „Arelsblatt für den Ureis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Seit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal. Gießener General⸗Anzeiger für Oberhessen 165. Jahrgaug nzeiger Mittwoch, 25. August 1915 Rotationsdruck und Zerlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul- straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S251, Schrift- leitung: S112. Adresse für Trahtnachrichten: Anzeiger Gießen. Mb. Deutscher Reichstag. 17. Sitzung, Dienstag, den 24. August. Am Tische des Bundesrats: Dr. Delbrück, Dr. Lisco. Präsident Dr. Kaempf eröffnet die Sitzung um 3½ Uhr. Die Verlagung des Reichslages. Der Antrag auf Vertagung des Reichstags bis zum 30. November wird vom Hause ee 8 f die wirlschafllichen Maßnahmen. Unterstaatssekretär Dr. Michaelis wendet sich gegen die gestrigen Angriffe des Zentrumsabgeord⸗ neten Dr. Pfleger wider die Reichsgetreidestelle, die frühere Kriegsgetreide⸗Gesellschaft. Die Reichsgetreide⸗Gesellschaft wurde beschuldigt, daß sie Artikel gegen Bezahlung in die Presse gebracht 12 5 daß sich unter ihrem Personal auffällig viel Juden befunden aben, und daß sie gewissermaßen als eine Versicherung gegen die Schützengrabengefahr benutzt werde. Unter ihren Beamten habe sich eine große Zahl von reklamierten Dienstfähigen befunden. Leider hat Herr Dr. Pfleger diese Vorwürfe nicht in der Kom⸗ mission erhoben.(Zuruf; Das hat er doch getan! Zustimmung.) Dann ist es nicht zu meiner Kennrnis gekommen, dann bitte ich um Entschuldigung. Mir ist gesagt worden, es wären allerdings nach dieser Richtung Unzuträglichkeiten vorgekommen.(Hört! hört!) Der Kriegsmimister hat mir das gesagt, aber er hat hinzu⸗ gefügt, daß er kein Urteil darüber habe, ob die Leitung der Kriegsgetreide⸗Gesellschaft hieran eine Schuld treffe. Die Ver⸗ handlungen darüber sind noch in der Schwebe. Die ser Vorwurf. daß die Organisation als eine Versicherung egen den Schützengraben anzusehen sei, richtet sich gegen ihre Leitung und in letzter Linie gegen mich. Es ist selbstverständlich: wenn eine Gesellschaft während des Krieges zusammengesetzt wird und mit einemmal eine derartige Riesenaufgabe übertragen er⸗ hält, dann muß das Personal sozusagen zusammengewürfelt wer⸗ den. Der ganze Bestand der wirtschaftlich tätigen Personen war bei Begründung der Gesellschaft in alle Winde verstreut, ein 1 Teil war im Felde. Da konnte man nicht fragen, ob der Jetreffende militärpflichtig sei, ob er reklamiert oder felddienst⸗ fähig oder nur garnisondienstfähig sei, ob er wegen Krankheit zu⸗ rückzustellen oder überhaupt dienstfrei sei. Von vielen Persön⸗ lichkeiten muß man sagen, es wäre gut gewesen, sie wären überhaupt nicht in den Apparat eingetreten. (Hört, hört!). Wir haben selbstverständlich im Laufe der Geschäfte immer mehr gesiebt und Ungeeignete hinausgetan. Als auf im⸗ mer höhere Altersklassen zurückgegriffen wurde, haben wir selbst⸗ verständlich darauf gehalten, daß Drückebergerei nicht vorkommt. (Unruhe.) Unter den Angestellten der Kriegsgetreide⸗Gesellschaft —und wahrscheinlich auch in anderen Kriegsorganisationen waren auch solche, die lieber am Schreibtisch sitzen als daß sie z. B. schippen(Unruhe)— es ist zweifellos, daß unter ihnen manche sind, die dem Vaterlande so besser dienen, als wenn sie schippen (Unruhe); das kommt überall bor, auch bei Behörden(Unruhe). Wir haben uns bemüht, mit den Militärbehörden in Fühlung zu bleiben, und diejenigen, die hinausmüssen, auch herauszu⸗ stellen. Am 1. Juni waren von 862 Angestellten 624 Männer. Von diesen 624 Männern waren 425 reklamiert.(Hört, hört! und Unruhe.) Seit dem 1. Juni haben wir der Militärbehörde zunächst 132 bezeichnet, die wir freigeben, die wir als nicht mehr unentbehrlich bezeichnen. Bis 0 18 sind diese alle eingefordert worden, so daß von diesen 425 Männern 114 eingezogen waren. Am 4. August waren noch 311 Angestellte reklamiert.(Hört, hört!) Nach einer ernstlichen Untersuchung sind von ihnen 171 Personen kriegsverwendungsfähig(Hört, hört!), arbeits⸗ und garnisondienstfähig sind 78, zeitweilig dienstuntauglich 47 und dauernd untauglich 17.(Lachen.) Nach einer Abrede zwischen der Leitung der Gesellschaft und dem stellvertretenden Generalkommando des 8. Armeekorps sollen die Kriegsverwen⸗ dungsfähigen von uns in der Zahl von 120 im Laufe der nächsten Zeit zur Verfügung gestellt werden. Das ist nicht erst auf Grund der Verhandlungen des Reichstages geschehen, 1 die Leitung selbst wollte diejenigen, die enkbehrlich und kriegsverwendungs⸗ n ausscheiden. Dann bleiben von den 311 Reklamierten n. 15 In zahllosen anonymen Zuschriften ist der Vorwurf erhoben worden, daß die Leiter der Gesellschaft direkt diese Zurückstellungen begünstigen; man hat sie sogar bezichtigt, sie hätten persönliche Vorteile davon. Ich habe alle diese Anschuldigungen gegen die Leiter der Kriegsgetreide⸗Gesellschaft so gründlich untersucht, als wenn ich darüber auf Grund eines Amtes Recht zu sprechen hätte. Man hat sich nicht entblödet, zu behaupten, daß einige von ihnen wegen persönlicher Vorteile die westlichen Mühlen mehr berücksich⸗ tigt hätten als die östlichen, daß sie dadurch Gewinne erzielt hät⸗ ten, die in die Taschen der betreffenden Herren geflossen wären. Eine Treuhandgesellschaft hat die Verhältnisse der Kriegsgetreide⸗ Gesellschaft genau untersucht. In unserem Aufsichtsrat sitzen die Bürgermeister der größeren Gemeinden, außerordentlich geschäftserfahrene Leute, die Leiter großer industrieller Unternehmungen, wir haben einen Beirat, worin die Interessentengruppen vertreten sind. Alle Bücher, alle Räume haben wir ihm geöffnet. Sie haben auf das Eingehendste alles geprüft. Ich hoffe, daß auch einer aus dem Hause dabei ge⸗ wesen ist, der aufsteht und das bestätigt. Sie müssen sich klar machen, daß die Gegnerschaft gegen eine solche Gesellschaft ganz natürlich groß ist.(Sehr richtig! links.) Wir haben den Handel ausgeschaltet, also sind die Händler unsere Gegner.(Sehr richtig! inks.) Wir haben die Müller, große wie kleine, nicht befriedigt. Es ist eine der vielen unbesieglichen Unwahrheiten, daß die gro— ßen Müller große Vorteile gehabt hätten. Das ist nur in ber⸗ schwindenden Fällen anfangs der Fall gewesen, wo die großen Müller daneben von Kommunen oder der Heeresverwaltung be⸗ schäftigt worden sind und die Verteilung nicht so gleichmäßig erfol⸗ gen konnte, wie es im zweiten Jahre möglich sein wird. Unsere Karten ergeben ganz deutlich, daß die östlichen und mitteldeutschen Mühlen verhältnismäßig besser fortgekommen sind als die westlichen. Die Geschäftsführer sind aus Sorge vor Vor⸗ würfen darin zu weit gegangen. Ich habe das als fehlerhaft be⸗ mängelt. Sie hätten trotz der zu erwartenden Kritik die westlichen ganz gleich heranziehen müssen wie die östlichen. Auch wenn man mit Menschen⸗ und Engelszungen dagegen redet, würden die Vor⸗ würfe immer weiter erhoben werden. So ist es mit der Land⸗ wirtschaft. Wir haben tief in ihre wirtschaftlichen Verhältnisse ein⸗ greifen müssen, aber was hat die K G für Unbill wegen der Kleie erleiden müssen. Ein agrarischer Abgeordneter hat noch im Früh⸗ jahr gesagt, er wolle zwar den Verdacht nicht zu seinem 1 5 machen, aber man könne sich nicht wundern, wenn die Geschäfts⸗ führer so mit der Kleie zurückhielten, damit ihre Geschäftsfreunde erst die anderen Futtermittel recht teuer verkaufen könnten.(Hört, dätle links.) Die K. G. hat nie mit der Kleie zu tun gehabt. Das ätten die Betreffenden wissen müssen. Es hat nie eine Organi⸗ sation gegeben, die derartig allen Interessentengruppen gegenüber wehrlos dagestanden hat. Ein westpreußischer Abgeordneter hat erzählt, in der K.-G. spreche man davon, das Getreide hätte im Frühjahr eine Keim⸗ zeit und fügte hinzu, man dächte wohl an Saatkartoffeln, was in der betreffenden Versammlung großes Gelächter und jubelnden Beifall hervorrief. Wenige Tage darauf bekam ich einen Brief der Westfälischen Landwirtschaftskammer, sie fühle sich veranlaßt, mit vollem Ernst auf die Gefahr hinzuweisen, die bei der Lagerung des Getreides in den kommenden Monaten auftrete, weil ja eine Keimung stattfinde. Man hat der K.-G. Sachunkunde, Inter⸗ essentenwirtschaft und Bevorzugung der Juden vorgeworfen.(Hört! hört!) Einen Großgrundbesitzer, der zu mir geschickt worden war, habe ich gefragt, wie sein früherer Getreidehändler geheißen hätte. (Heiterkeit.) Er hieß Schlesinger.(Heiterkeit.) Wenn eine Gesell⸗ schaft den Getreidehandel für das ganze Deutsche Reich auf die Schulter nehmen soll, so kommt sie um den Getreidehandel nicht herum, und wenn darin in der Hauptsache jüdische Herren sind, so muß sie darauf zurückgreifen, selbst wenn, was natürlich nicht der Fall ist, eine Unterscheidung zwischen Juden und Christen gemacht werden sollte. Ich gebe ohne weiteres als richtig zu, daß unter unseren Leuten solche mit schwachem Mut und schwachem Wol⸗ Len sind, die vielleicht lieber auf dem Drehschemel sitzen als im Schützengraben; aber ich muß es unbedingt ablehnen, daß die Ge— schäftsleitung selbst eine Organisation, also etwas bewußt Ge— wolltes wäre, die sich damit beschäftigt, eine Versicherungsanstalt für solche zu bilden, die sich vor dem Schützengraben drücken wol⸗ len. Werden solche Vorwürfe in der Oeffentlichkeit erhoben, so gehen sie selbstverständlich ins Ausland und werden dort mit Wonne aufgegriffen, wie wir uns ja mit Recht über die Drückebergerei in Nachbarstaaten lustig machen. Die Männer, die an der Spitze des Unternehmens stehen, haben mir gestern sämtlich erklärt, sie müßten mir ihr Amt vor die Füßelegen. Ich mußte ihnen sagen, sie möchten abwarten, ich würde für sie eintreten. Ich kann die Verantwortung nicht übernehmen, daß die Bevölkerung regelmäßig ihr Mehl erhält und das Heer versorgt wird, wenn nicht darauf Rücksicht genommen wird, daß wir bei der Auswahl unseres Personals zunächst darauf sehen, was der Mann für die große nationale Aufgabe nützt, die der Gesellschaft übertragen ist. Daneben kommt dann die Frage, ob der Mann besser in den Schützengraben hinein oder schippen muß, wenn es sich namentlich nicht mehr um junge Leute handelt. Wenn ich sage, daß ich die Verantwortung nicht übernehmen kann, so ist das keine Redens⸗ art. Ich habe dieses Wort sonst nie in meinem Leben ausgespro⸗ chen. Ich bitte Sie darum: Prüfen Sie; es steht Ihnen nach wie vor die ganze Geschäftsführung der K.-G. offen. Aber haben Sie doch auch das Zutrauen zu mir, daß ich mir der großen Aufgabe voll bewußt bin. Wenn Sie mir das konzedieren, dann kann ich den Herren heute auch sagen, sie sollen mir die Gefolgschaft nicht verweigern, sondern weiter zu Diensten sein und mir und dem Vaterland die großen Aufgaben lösen helfen, die uns bevorstehen. Das ist so namenlos schwer, daß die meisten keine Ahnung davon haben. Sollen wir sie lösen, so dürfen wir die Leute, die an der Spitze stehen, nicht vergrämen. Man hat sogar einen Herrn als Drückeberger bezeichnet, der als Unteroffizier in einem Gefangenen⸗ lager Dienst als Dolmetscher tat und der für einen bei uns aus⸗ scheidenden Direktor als Ersatz herangezogen werden sollte, obwohl der Mann 44 Jahre alt war und obwohl sein Vorgänger, der auch schon 40 Jahre alt war und einen sehr wichtigen Posten versah, unbedingt in den Felddienst hinaus wollte. Also ich bitte um Gerechtigkeit und darum, daß man sich den ungeheuren Widerstand klar macht, gegen den wir zu kämpfen haben, und daß man sich dessen bewußt wird daß durch mangelhaft geprüfte Vor⸗ würfe wie die hier vorgebrachten eine große vaterländische Aufgabe geradezu gefährdet wird. Sorgen Sie dafür, daß wir nicht den Mut verlieren durch Tadel und Kritik, die vielfach ungerechtfertigt an der Leitung der K.⸗G geübt worden sind. Abg. Dr. Spahn(Zentr.): Ich möchte noch einmal feststellen, daß der Abg. Pfleger die hier vorgebrachten Dinge auch bereits im Ausschuß erwähnt hat. Im übrigen hat sie ja der Unterstaatssekretär Michaelis auch zugege⸗ ben.(Sehr richtig! im Zentrum.) Voon 624 Männern sind 425 rekla⸗ miert worden. Ich glaube, es gibt im Deutschen Reiche keine ein⸗ zige Behörde, wo derartiges der Fall ist.(Lebhafte Zustimmung.) Mindestens sind die reklamierten Personen in anderen Betrieben auf die Hälfte reduziert. Hier sind von 425 reklamierten nur 17 dienstuntauglich gewesen.(Lebhafte Zustimmung im Zentrum.) Der Kriegsminister hat im Ausschuß erklärt, die Beschwerden über die Verwendung dienstfähiger Personen in der K. G. seien zu seinen Ohren gekommen und erst daraufhin habe nicht die Kriegsgetreidegesellschaft, sondern das Kriegsministerium aus sich heraus Anlaß genommen, die Personen, die von der K. G. für ihre Zwecke eingestellt worden seien, untersuchen zu lassen.(Leb⸗ hafter Beifall.) Unterstaatssekretär Dr. Michaelis: Man muß unterscheiden zwischen dem, was der Kriegsminister uf Grund von Anzeigen getan hat und dem, was ganz systematisch on dem Generalkommando und uns allmählich durchgeführt wurde. Die Auswahl der Diensttauglichen aus dem Bestande unseres Personals, die wir entbehren konnten, ist unabhängig von den durch jene Denunziationen veranlaßten Erhebungen erfolgt. Abg. Wamhoff(ul.): Wir haben alle das Streben, wenn möglich die jetzige Teuerung 1 aber wenn man nach den Gründen sucht, so muß man doch sagen, daß man etwas zu viel Theorie getrieben 175 und daß auch die Statistik im ersten Kriegsjahr etwas gemißbraucht wurde. Auch wir wünschen, daß diejenigen am härtesten bestraft werden, die mit Brot⸗ und Korngetreide Wucher treiben. Die Futtermittelnot auf dem Lande ist groß. Wir leiden na⸗ mentlich an dem Mangel an Kraftfuttermitteln. Mit Kartoffeln allein können wir das Vieh nicht füttern. Eine Gersteverwer⸗ tungs⸗Gesellschaft haben wir ja, aber wir bekommen nichts von ihr. Also ich sage, der Theoretiker ist zu viel gehört worden, und der Mann aus dem Volke zu wenig.(Sehr richtig!) Glücklicherweise haben wir im Brotgetreide eine gute Mittel⸗ ernte; und wir meinen daher, daß die Brotrationen etwas erhöht werden könnten. Die Haferernte aber ist schlecht. Mein Freund Böhme hat Ihnen dargelegt, welche großen Fortschritte unsere Viehzucht gemacht hatte. Vergleichen Sie aber einmal die Tiere von früher und jetzt. Man empfiehlt, den Fleischverbrauch einzu⸗ schränken, das Fleisch an einzelnen Tagen der Woche überhaupt nicht zu verkaufen. Ich fürchte, dabei wird nicht viel heraus⸗ kommen. Es gibt sehr viele Familien, die nicht auch nur jeden zweiten und dritten Tag Fleisch essen können.(Sehr richtig!) Entsetzlich leidet die Landwirtschaft unter dem Arbeitermangel. Jetzt ist es etwas besser geworden. Bei der Verteilung der Gefan⸗ genen sollen aber auch die kleineren und mittleren Landwirte be⸗ rücksichtigt werden. Das dürfte nicht an der Aufsicht scheitern. Wenn in einen Ort 40 Gefangene gelegt werden, und jeder Bauer 2 bis 3 bekommt, so ist es nicht nötig, daß überall ein Gendarm mitgeschickt wird.(Sehr richtig!) Die Leute denken gar nicht dran, auszureißen. Sie freuen sich, daß sie aus dem Lager in die Landwirtschaft hineinkommen. Ich habe einen Belgier, dem die ländliche Arbeit so gut gefällt, daß er mir sagte, er möchte seine Frau nachkommen lassen.(Heiterkeit.) 5 5 5 In der Geschichte des Krieges von 1870/71 bildet die Pflege der Kranken und Verwundeten ein Ruhmesblatt unserer deutschen Frau. Ein gleiches Ruhmesblatt haben sich die Frauen auch in diesem Kriege erworben. Das wird wohl jeder bestätigen, der unsere barmherzigen Schwestern und Diakonissinnen hat auf den Bahnhöfen für die Soldaten sorgen sehen.(Beifall.) Wer aber jetzt auf das platte Land kommt, der sieht, wie dort die Frauen arbeiten, wie sie sich vom frühen Morgen bis zum späten Abend abrackern, wo ihnen ihr letztes Pferd und ihr letzter Knecht ge⸗ nommen ist, sie selbst hinter dem Pflug gehen, selbst pflügen und säen müssen. Auch das ist ein Ruhmesblatt für unsere Frauen. Nicht nur unsere Soldaten, nicht nur unsere Heeresleitung und unsere Regierung schreiben mit ehernen Lettern die Geschichte dieses Krieges, sondern wir alle wünschen, daß auch die Frauen ihr Ruhmesblatt in dieser Geschichte gewidmet bekommen. Sie haben es in der Tat verdient!(Lebhafter Beifall.). Staatssekretär Dr. Delbrück: Im Interesse der schwer angegriffenen Beamten der Kriegs⸗ e 1115 ich nochmals das Wort nehmen. Als diese Sachen im Ausschuß vorgebracht wurden, war weder der Unterstaatssekretär Michaelis noch ich selbst zugegen. Wir durften beide annehmen, daß diese Angelegenheit, da es sich um die Kriegsgetreide⸗Gesellschaft handelte, auch bei diesem Gegenstand zur Sprache gekommen wäre, und nicht beim Kriegs ministerium. (Sehr richtig!) Die Kriegsgetreide⸗Gesellschaft ist im vorigen Win⸗ ter gegründet worden, als die Anforderungen an Mannschaften noch sehr viel geringer waren als heute und als der Arbeitsmarkt völlig durcheinander war. Bei der Riesenarbeit, die plötzlich an die Kriegsgetreide⸗Gesellschaft herantrat, nahm man, was man be⸗ kommen konnte. Eine Organisation, von der die Verpflegung des ganzen Volkes abhängt, kann nicht zu einem bestimmten Termin ihr mühsam eingearbeitetes Personal in großer Zahl wechseln; das kann nur allmählich abgeschoben werden.(Sehr richtig!) Sa erklärt sich, daß sich in der Kriegsgetreide⸗Gesellschaft eine große Anzahl von im Laufe des Krieges militär⸗ bzw. dienstpflichtig ge⸗ wordenen Personen befand, die nur allmählich abgegeben werden konnten. Täglich erscheinen bei mir Vertreter der Industrie, Ver⸗ treter der Landwirtschaft und reklamieren Angestellte, die im Interesse unserer Kriegsbereitschaft unentbehrlich sind. Niemand findet etwas dabei.(Sehr richtig!). 8. Wenn die Kriegsgetreidegesellschaft vielleicht etwas zuweit, gegangen ist in der Reklamation(Hört! hört!), so hat sie das doch nur aus der Besorgnis getan, ob fie auch ihre Aufgaben erfüllen könnte; und da wagt man es(mit der Faust auf den Tisch schla⸗ gend) hier den Vorwurf zu erheben, daß sie eine Versicherung gegen den Kriegsdienst wäre!(Lebhafte Bewegung.) Dagegen muß ich die mir unterstellten Beamten mit aller Entschiedenheit in Schutz nehmen!(Zustimmung links.) Dem Kriegsminister waren Denunzationen zu Ohren gekommen, er hatte eine Untersuchung eingeleitet, ohne etwas von den Schritten der Leitung der Kriegs⸗ 5 getreidegesellschaft zu wissen. Herr Abg. Spahn, Sie schütteln den Kopf. Soll ich das etwa dahin deuten, daß die mir soebe gemachten dienstlichen Meldungen meiner Beamten falsch sind (Lebhafte Unruhe im Zentrum.) N Von den 627 männlichen Angestellten der Kriegsgetreide⸗ gesellschaft sind kriegsverwendungsfähig, d. h. zur Verwendung im Schützengraben geeignet, 171 Personen. Von diesen 171 Personen werden im Interesse der Aufrechterhaltung eines ordentlichen Ge⸗ schäftsbetriebes der Kriegsgetreide⸗Gesellschaft nur 120 in Raten abgegeben, so daß 51 Personen, die kriegsverwendungsfähig sind, übrig bleiben, die aber nicht entbehrt werden können, weil sie in leitenden Stellungen sind. Unter den jetzt abgeschobenen Kriegs⸗ verwendungsfähigen sind nur 8 gediente Leute, alle übrigen sing ungedienter Landsturm.(Hört! hört!) Die Bemühungen zur Ver⸗ fügungstellung dieser Leute sind von der Leitung der Kriegs⸗ getreide-Gesellschaft in Gemeinschaft mit dem Generalkommando des III. Armeekorps veranlaßt worden— das stelle ich hler aus⸗ drücklich fest—: sie sind allein zurückzuführen auf die Initiative der Kriegsgetreide⸗Gesellschaft.(Hört! hört!) Insbesondere ist die militärdienstliche Untersuchung von der Geschäftsleitung selbst bei dem Stellb rtretenden Generalkommando beantragt worden, (Hört! hört!) Ein Beauftragter der Kriegsgetreide-Gesellschaft hat bei dem Generalkommando des III. Armeekorps um mili—⸗ tärische Untersuchung der Angestellten gebeten.(Hört! hört!) Ich scheue die Kritik nicht und erkenne das Recht des Parla⸗ ments zur Kritik in vollem Umfange an. Ich habe in der Kom⸗ mission wiederholt ausgesprochen, daß ich dankbar bin, wenn mir Beschwerden über die nachgeordneten Aemter und Verwaltungen vorgetragen werden, damit ich sie untersuchen kann. Ich muß mich dagegen verwahren, daß man dem Leiter und den Beamten dieser Stelle, die unter schwierigsten Verhältnissen im Kriege ein ver⸗ antwortungsvolles Amt wahrzunehmen hatten, solche Vorwürfe macht, wie sie gestern der Abg. Dr. Pfleger erhoben und sie heute der Abg. Dr. Spahn gutgeheißen hat, und das in einem Augen⸗ blicke, wo, wie Sie wußten, vom Kriegsmindster eine Untersuchung eingeleitet war, aber das Ergebnis noch nicht vorlag.(Unruhe.) Abg. Dr. Spahn(Ztr.) f 1 betont, daß man die Angaben über die Zahl der dienstfähigen Be⸗ amten der Kriegsgetreide⸗Gesellschaft heute zum ersten Male von dem Unterstaatssekretär Dr. Michaelis gehört habe; Abg. Koch(Vpt.) 1 5 Man darf es nicht immer so hinstellen, als ob allein die Groß⸗ grundbesitzer das Vaterland erretten, die größten Opfer bringen die kleinen Landwirte, die sich schwer um die Aufrecht⸗ erhaltung ihres Betriebes sorgen müssen. Man soll auch nicht so tun, als ob die Höchstpreise zu niedrig wären. Wenn das Reich genügend Kraftfuttermittel zur Verfügung stellen würde, könnten sie sogar noch niedriger sein. Unsere Ernte verspricht gut zu werden, ich habe noch kaum so entwickelte Aehren gesehen. Der Abgeordnete von Gamp hat gestern erzählt, wieviel Pferde er ver⸗ kauft hat, da hat also Herr Stadthagen einen großen Fehler ge⸗ macht, als Herr von Gamp ihm sein Gut schenken wollte und er es nicht annahm.(Große Heiterkeit.) Die Kriegsgetreide-Gesell. schaft muß mit höheren Kosten arbeiten, da die übermäßige Zen⸗ S 8 5 8 5 Träsisalfon nach meiner Auffassung die Unkosten nicht perminderk, sondern vermehrt. Die Schwei neabschlachtung war ein Fehler, es jetzt an Fett, das Volk lechzt danach, man müßte eigentlich Fettverkauf geradezu kontingentieren. Ich schlage vor, die R auf 60, Prozent herabzusetzen, wir bekämen dann mehr und bessere Kleie, wir können uns das leisten.“ 8 Ein Vertreter des Kriegsministers. stent fest: Der Staatssekretär des Innern hat sich dahin ausge · sprochen, daß der Kriegsminister, als er die Untersuchung auf Grund ihm zugegangener anonymer Anzeigen angeordnet und durchgeführt habe, nichts davon gewußt habe, daß die Kriegs⸗ getretdegesellschaft von sich aus bereits mit dem stellvertretenden Generalkommando des 3. Armeekorps in Verbindung getreten war, um eine systematische Bereitstellung von Heerespflichtigen herbeizuführen. Im Namen des stellvertretenden Kriegs ministers kann ich sagen, daß dies zutreffend ist. 2 2 8 2 Abg. Weilnböck(Kons.) f In die rosige Erntestimmung des Abg. Koch kann ich leider nicht einstimmen. Gegen die Behauptung des Abg. Segitz, die Land⸗ wirtschaft habe bei der Durchführung der wirtschaftlichen Maßnah⸗ men, insbeßondere bei der Bestandsaufnahme, ein leichtes Gewissen gezeigt, muß ich energisch Verwahrung einlegen.(Sehr richtig! rechts.) Etwas behaupten und beweisen, ist zweierleil Wenn nicht ganz einwandfreie Fälle vorgekommen sind, die wir verurteilen, so gibt das kein Recht, einen ganzen Berufsstand einen so schweren Vorwurf zu machen!(Sehr richtig! rechts.) Die Kriegsgefangenen⸗ arbeit auf dem Lande ist so teuer, daß man sich vielfach weigert, sie zu benutzen. Die Barzahlung und die Beköstigung der Ge⸗ fangenen und der Bewachungsmannschaften a m einen Tage⸗ lohn für den Gefangenen von 1,80 bis 2 Mark. Ich schätze ihre Arbeitskraft hoch ein, wenn ich annehme, zwei Gefangene, leisten dasselbe wie ein einheimischer Arbeiter. Dann kommen 3 bis 4 Mark für den Arbeiter heraus. Ist das vielleicht billig? Die eigentliche Lebens mittelverteuerung beginnt vielfach erst in der Stadt. Das gilt auch für andere als landwirtschaftliche Ergeugnisse. Die Großmühlen haben zum Teil eine xiesige Dividende herauswirtschaften können.* Unterstaatssekretär Dr. Michaelis: Die Dividenden der Mühlen sind in einer Zeit berdienk wor⸗ den, als sich die Tätigkeit der Kriegsgetreide-Gesellschaft noch nicht bemerkbar machen konnte. Von den 71 großen Mühlen schließen 81 ihr Geschäftsjahr mit dem 31. Dezember ab, weitere 10 mit dem März oder April. Die Kriegsgetreide⸗Gesellschaft hat aber erst im März zum erstenmal Aufträge gegeben, so daß die Kriegs⸗ getreide⸗Gesellsehaft auf ihre Dividende keinen Einfluß gehabt hat. Die großen Dividenden erklären sich vielmehr daraus, daß sie ihr Getreide vielfach noch zu einem Preise eingekauft hatten, der niedriger war als der Höchstpreis. Für ihr Mehl erhielten sie aber den Höchstpreis. Man kann ihnen daraus doch keinen Vor⸗ wurf machen. Andererseits kann man aber auch nicht sagen, wie ich das gestern schon in der Unterkommission ausgeführt habe, 15 der Mahllohn der Kriegsgetreide⸗Gesellschaft unwirtschaftlich ho wäre. Die Spannung zwischen dem Getreidepreis und dem Mehl⸗ preis muß unter der bestehenden Gesetzgebung naturgemäß höher sein als in Friedenszeiten. Die Schuld hieran trifft aber weder bie Landwirtschaft noch die wirtschaftlichen Maßnahmen der Kriegs⸗ getreide⸗Gesellschaft. a Abg. Behrens(Wirtsch. Vgg.): Die verschiedenen Kriegsgesellschaften haben hervorragend nützlich gewirkt. Mängel entstanden hauptsächlich auf den Gebie⸗ ten, wo es keine ähnlichen Organisationen gab. Deshalb muß auch nach dem Kriege noch dem Zusammenschluß unserer Volks. wirtschaft eine besondere Bedeutung zuerkannt werden. Große Verdienste hat sich unsere Landwirtschaft erworben, die Vorwürfe gegen sie sind zumeist ungerecht. 75 Abg. Pfleger(Zenkr.): Als ich die Vorgänge in der Kriegsgetreide⸗Gesellschaft im Aus schuß zur Sprache brachte, hat der Kriegsminister die Be. hauptungen als im wesentlichen richtig angesehen, ohne dabei mit⸗ zuteilen, daß die Leitung der Kriegsgetreide⸗Gesellschaft ihrerseits 905 die früher reklamierten Angestellten zur Verfügung stellen wollte. Der Kriegsminister ist also über den latsächlichen Hergang unrichtig unterrichtet gewesen, und darum mußte auch ich un⸗ richtig unterrichtet sein. So weit in meinen gestrigen Ausfüh⸗ rungen der Vorwurf enthalten sein kann, daß die Leitung der Kriegsgetreide-Gesellschaft Heerespflichtige absichtlich zurückgehal⸗ ten habe, um sie der Heeresdienstpflicht zu entztehen, kann ich die⸗ sen Vorwurf nach den vorgebrachten Unterlagen nicht aufrecht erhalten, und nehme ihn ausdrücklich zurück. Davon, daß meine gestrigen Ausführungen eine anti. semitische Tendenz hätten, kann nach ihrem Worklaut keine Rede sein. Das ist auch heute im Ausschuß anerkannt wor⸗ den. Der Staatssekretär hätte bei dem gegebenen Sachverhalt doch anerkennen müssen, daß ich nach Lage der Sache in gutem Glauben gehandelt habe, und er hatte zu der Form der itik, die er an meinen Aeußerungen geübt hat, demnach leinen Anlaß. e Abg, Moe, Eine Gesellschaft wie die Kriegsgetreidegesellschafk gibt selbst⸗ berständlich ihr eingearbeitetes und achverständiges Personal nur ungern her. Gerade diese Sachkunde wird aber von denen, die ihre Ware verkaufen wollen, nicht besonders angenehm empfunden. (Sehr gut! links.) Wenn man schließlich jemand vorwirft, er sei Jude, so zeigt das, daß man eigentlich nicht recht etwas gegen ihn zu sagen weiß.(Sehr richtig! links.) Wir find gegen jede Drücke⸗ bergerei. Aber den gleichen Vorwurf könnte man auch gegen unsere Industrie erheben. Wollte man aus ihr alle waffenfähigen Män⸗ ner herausnehmen, so hätten wir wahrscheinlich leine Granaten mehr zu verschießen.(Sehr richtig! links.) Die Landwirtschaft arbeitet gewiß mit höheren Unkosten, aber sie bekommt auch sehr viel höhere Preise. Bei den Höchstpreisen für Getreide haben führ. Aufschläge zu einem künstlichen Zurückhalten der Vorräte geführt. 5 5 5 Abg. Dr. Stresemann(Natl.): Die Hauptgrundlagen unserer bisherigen Wirtschafkspolitik sind durch den jetzigen Weltkrieg ins Schwanken gekommen, Ich weise auf die lebhaften Erörterungen in der Oeffentlichkeit über unser wirtschaftliches Verhältnis zu Oesterreich⸗ Ungarn hin und darauf, daß anscheinend ein wirtschaftspoljti⸗ sches Einvernehmen unserer Gegner gegen uns geplant ist. Bei der ee dieser Fragen möchte ich die Regierung bitten, ihnen nicht nur rechtzeitig Rechnung zu tragen, sondern auch den be⸗ teiligten Kreisen, die bereits umfangreiche Vorarbeiten geleistet haben, Gelegenheit zu geben, sich zu äußern. Alle diese Fragen hängen mit der allgemeinen Frage der Ueberführung unserer Wirtschaftsverhältnisse in den Friedenszustand zusammen. Präsident Kaempf unterbricht den Redner, da seine Aus- führungen nicht mit den zur Beratung stehenden Ex nährungs⸗ fragen zusammenhingen. 5 Das Haus vertagt sich. Nächste Sitzung: Mittwoch, 2 Uhr? Weiterberalung. Schluß 7 Uhr. Was wird Bulgarien tun? „Das Heer erwarttt kaltblütig den entscheidenden Augenblick und wird seine Pflicht vollständig erfüllen!“ so erklärte der bulgarische Kriegsminister General Jekow dem Vertreter der Wiener„Neuen Freien Presse“. Was sollte damit gesagt sein? Galt es, in letzter Stunde einen Druck gegen die Türkei auszuüben? Nein, denn das bul⸗ garische Abkommen mit der Hohen Pforte war soeben in aller Freundschaft perfekt geworden. Um das Signal des bulgarischen Kriegsministers richtig zu verstehen und zu würdigen, erinnern wir an eine andere bulgarische Ver⸗ öffentlichung, an jene Erklärung, die der König der Bul⸗ garen am schmerzlichsten Tage seiner Herrscherlaufbahn kundgab:„Erschöpft und ermüdet, aber nicht besiegt, mußten wir unsere glorreichen Fahnen für bessere Zeiten zusammenfalten... Erzählet Euern Kindern und Enkeln von der Tapferkeit der bulgarischen Soldaten und bereitet sie vor, eines Tages das ruhmvolle Werk zum Abschluß zu bringen, das Ihr begonnen habt. Ferdinand.“ Ist dieser Tag jetzt nach der geschickten und glänzenden Einigung mit Konstantinopel nahe? Täglich kommen, so wird uns von einem Mitarbeiter über Wien geschrieben, Massen bulgarisch⸗mazedonischer Flüchtlinge über die ser⸗ bisch⸗bulgarische Grenze, und ihr Anblick, ihre Klagen über unerhörte serbische Greueltaten erregen das bulgarische Volk, auch die Friedfertigsten, aufs äußerste. Die Zahl der mazedonischen Flüchtlinge wächst mehr und mehr an. Schon haben sie etwa 50 000 wehrfähige Männer in ihren Reihen, die große Lust bezeigen, den Kampf gegen Serbien auf eigene Faust zu beginnen. In diesem Falle kann man in Sofia nicht mehr Gewehr bei Fuß zusehen. Denn bedeutende Volksteile Bulgariens würden ganz von selbst in den Krieg mitgerissen. Also erscheint es besser, mobil zu machen und den Krieg zu erklären. Wie denkt man an den leitenden Stellen in Sofia über das Kriegsproblem? Der König, so berichtet unser Mitarbeiter weiter, spricht noch mit Trauer und Schrecken von den Enttäuschungen des Jahres 1913. Er hoffte bisher, beim allgemeinen Frieden, ohne Blutvergießen das mazedonische Gebiet, das ihm im Bukarester Abschluß verloren ging, vollständig, womöglich vergrößert, zurück uerhalten, eine Hoffnung, die noch von manchem bulgari⸗ schen Politiker geteilt wird, gegen die sich aber vom Stand⸗ punkt des Außenstehenden manches einwenden läßt. Der Ministerpräsident Radoslawow ist zwar auch willens, die Neutralität Bulgariens so lange als möglich zu wahren, aber er sieht doch politisch klarer und tiefer. Seine Sym⸗ pathien sind, wie die aller seiner Minister, ganz besonders des Finanzministers Tonschew, aufssseiten des kämpfenden . Zweibundes. Er spricht, nebenbei gesagt, recht gut deutsch, er hat es in Prag gelernt, wo er studierte, und ist ein persönlicher Freund des österreichisch-ungarischen Gesandten, des Grafen Tarnowski. 0 Es ist jedenfalls sehr erfreulich, daß die bulgarische Intelligenz 7 die beiden Zentralmächte ungemein ein⸗ genommen ist und ganz gewiß zu mindestens vier Fünftel auf deutsch⸗österreichischer Seite steht, es ist ferner erfreu⸗ lich, daß auch das Offizierskorps, obwohl ein großer Teil von ihm in Rußland seine Ausbildung genossen hat, durch die Erfahrungen des letzten Krieges belehrt, in seiner großen Mehrheit für Oesterreich, noch mehr vielleicht für Deutsch⸗ land, eingenommen ist. Hindenburg hat in Bulgarien tausende von begeisterten Verehrern, Endlich ist mit großer Genugtuung festzustellen, daß die größere bulgarische Presse, vor allem„Kambana“, Dnevnik“ und„Utro“, auf deutsch⸗ österreichischer Seite stehen, da der„Mir“, der sonst russo⸗ phil war, wie mehrere andere russophile Blätter, nach und nach in etwas ihre Ansichten zu revedieren beginnen, kurz und gut, daß überall Fortschritte in der Gesinnung der Bevölkerung konstatiert werden können. Was Bulgarien will, wenn es in den Krieg eintreten sollte, hat das offiziöse Blatt Kambana kürzlich in folgende Worte zusammengefaßt:„Wir sind entschlossen, das ganze Mazedonien bis zum Fluß Bitritza zu besetzen. Von der Türkei haben wir nichts zu verlangen, und mit Ru⸗ mänien können wir in Frieden leben. Es liegt in unserm eigenen Interesse, daß ein starkes Rumänien zwischen uns und dem russischen Bären liegt.“ Soweit die bulgarischen Stimmen. Und vom Stand⸗ punkte der siegreichen Zentralmächte kann man nur hinzu⸗ fügen: Wie ganz anders könnte Bulgarien auftreten, wenn es ie i 159 5, an die österreichisch-ungarische Monarchie grenzte, und wie Rent anders wird 1 Zukunft um das e Balkanproblem stehen, wenn, wie zu hoffen ist, eine solche Angrenzung her⸗ beigeführt wird, sei es im Kriege selbst oder im Friebens⸗ vertrage! Bulgariens Politik strebt nach dieser Abgrenzung! Die bulgarische Armee steht schlagfertig da, genau so schlag⸗ fertig wie damals am Vorabend von Kirkilisse. Aber— das Ziel ist ein anderes, und es wird eine von den vielen Ueber⸗ raschungen dieses Weltkrieges geben, wenn Radoslawow seinen nächsten Schachzug tut. Das Kabinett Venizelos. Athen, 24. Aug.(WTB. Nichtamtlich) Die„Agence d'Athenes“ meldet: Das neue Kabinett setzt sich wie folgt zusammen: Venizelos Ministerpräsident und Mi⸗ nister des Aeußern, General Danglis Kriegsminister, Fre⸗ gattenkapitän Miaulis Marineminister, Mikhalakopulos Volkswirtschaftsminister, Repulis Finanzminister, Diaman⸗ tidis Verkehrsminister, Teiromokos Unterrichts- und Kul⸗ tusminister, Cafantaris Minister des Innern, Rectivan Justizminister. Außer Danglis und Cafantaris haben alle Minister dem alten Kabinett Venizelos an⸗ gehört. Das Kabinett leistete gestern abend den Eid. Serbien und der Vierverband. Berlin, 24. Aug.(Priv.⸗Tel.) Die„B. Z.“ meldet aus Sofia: Hiesige russophile Blätter melden aus Nisch: Nach der Geheimsitzung der Skupschtina sei mit Sic heit anzunehmen, daß Serbien den Ententemäch⸗ ten keine befriedigende Antwort erteilen werde. Das hie⸗ sige extrem russophile Organ„Duma“ sagt, die Aktion Entente sei als gescheitert zu betrachten. Aus Hessen. Aus dem Kriegsausschuß der Zweiten Kammer. rb. Darmstadt, 24. Aug. Der Kriegsausschuß der Zweiten Kammer trat heute vormittag zu seiner sechsten Sitzung zusammen, der als Regierungsvertreter die Herren: Minister des Innern v. Hombergk, Ministerialrat Schliephake und Geh. Landesölonomierat Müller beiwohnten. Zunächst erstattete Abg. v. Helmolt einen ausführlichen Bericht über die Frage der Versorgung mit Futtermitteln. Er gab eine Uebersicht über den Futtermittelmarkt, der überall eine starre Futtermittel⸗ knappheit erkennen lasse, welche ihre nachteiligen Einflüsse auf die Viehhaltung und natürlich auch auf die von der Viehhaltung ab⸗ hängige Milch- und Fleischproduktion äußere. Die Erhöhung der Milchpreise insbesondere werd zu Unrecht auf zu hohe Produzenten⸗ gewinne zurückgeführt. Der Berichterstatter erörterte dann ausführ⸗ lich die Gründe des Rückganges in der Milchproduktion und be⸗ — Kuunst und wissenschaft. — Eine Kriegserinnerung an Brest⸗Litowsk. Der eiserne deutsche Ring, der sich jetzt um Brest⸗Litowsk schließt, erinnert daran, daß hier schon einmal, vor 120 Jahren, um die Befreiung Polens vom russischen Joche erbittert gestritten wurde. Damals herrschte als Zarin aller Reußen Katharina II., die in ihren späten Lebenstagen. ganz unter dem Einfluß von Platon Zubow und anderen Günstlingen aus alttatarischem e stand. Ter Nationalheld Polens, Thaddäus Kosziusko, hatte nun, sein Volk in den Verzweiflungskampf gegen die damals übermäch⸗ tigen halbasiatischen Horden geführt. Die Begeisterung der Polen war ungeheuer: im Lager Koszins tos sah die durch ihre Memoiren bekannte Gräfin Potocka„schöne Damen mit den schief sitzenden polnischen Mützen auf dem schwarzen Gelock Karren schieben, die mit Erde für die Verschanzun gefüllt waren“. Sie„beneidete sie“, und ihr„Kinder schlug 5 bei den Nachrichten von unseren Siegen“. Aber das sollten alles Eintagssiege bleiben. Als der Herbst kam, wurde die Kaiserin von der drohenden Türkengefahr in Südrußland, der unheimlichen Erbschaft des dämonischen Po⸗ temkin, befreit und konnte nun ihrem besten Feldherrn, dem be⸗ rühmten Suwarow, Befehl geben, sich mit seinem Armeekorps Fife Warschau, den Mittelpunkt der Insurrektion, zu wenden. Zwischen Brest⸗Litowsk Eu deutsch: litauisch-Brest), das später um die Mitte des 19. Jahrhunderts bei Anlage der ge⸗ waltigen Festungswerke an derselben Stelle völlig neu aufgebaut wurde, und Kobryn, bei dem Dorfe Kruptschiz oder Krupzhee, kam es am 18. und 19. September zu einer Schlacht, die eigentlich . 4 über das Schicksal der Revolution schon entschied. Auf polnischer Seite kommandierte Sierakowski, dessen persönliche Tapferkeit leider erfolglos blieb gegen die überlegene Strategie Suwarows. Am Abend des 18. waren die polnischen Truppen trotz helden hafter Gegenwehr nach Brest⸗Litowsk zurückgedrängt; die Russen folgten über den Bug und vernichteten den Rest der Armee am 19. Sep⸗ tember. Die Polen hatten sich wie immer tapfer geschlagen, aber ihre ganze Artillerie war verloren, und der Weg nach Warschau stand den Russen offen. Heute klingt der Tubaton der Welt⸗ lehrte anders, und der Fall von st⸗Litowsk mag eine späte Vergeltung für die Greuel sein, die die Russen hier vor vier Menschenaltern an den Kämpfern für ein freies Polen verübten. — Die wilden Büffel von Bielowice. Die deut⸗ schen Truppen, die jetzt die Bahnlinie Bielostok—Brest⸗Litowsk überschritten haben, nahen nunmehr dem berühmten Wal de von Bielowice, der eine der seltsamsten und eigenartigsten Naturerscheinungen in ganz Europa darstellt. Während das Bie⸗ lowice umschließende Gebiet der alten litauischen Provinz Grodno die Gestalt einer spärlich bevölkerten, zum größten Teil baum⸗ losen Ebene hat, ist der im Mittelpunkt dieses Landstriches liegende Wald von Bielowice ein Kleinod eigentümlichster Art. Es ist ein echt nordischer Urwald von 50 Kilometer Länge und 40 Kilometer Breite, also 2000 Quadratkilometer Flächeninhalt. Er liegt abgesondert für sich, einer Insel vergleichbar, umgeben von Feldmarken, Torfschaften und öden Heiden. Im Inneren des ldes finden sich nur einige wenige Ansiedelungen der Menschen, in denen aber keine Landbauern, sondern bloß Forst⸗ leute und Jagdbauern wohnen. Der Wald besteht zum größten Teile aus Kiefern, daneben auch aus Eichen, Linden, Birken und Weiden. Die Bäume erreichten hier ein unerhörtes Alter, eine wunderbare Höhe und gewaltige Stärke. Der Wald zeigt heute noch dasselbe Gepräge wie vor Jahrhunderten, vielleicht vor Jahr⸗ tausenden. Und diese Wildnis, die sich aus der ältesten Zeit bis in unsere Tage erhalten hat, beherbergt heute noch das größte Säugetier des europäischen Festlandes— den Büffel, den ge⸗ waltigen Bisonstier. Ter Bison lebt gegenwärtig nur noch hier und in einigen Waldungen des Kaukasus, auf der übrigen Erde ist er ausgerottet worden. Im Walde von Bielowice werden die Büffel durch strenge Gesetze geschützt, und wenn diese Gesetze nicht durch Jahrhunderte hindurch beobachtet worden wären, hätte der Büffel sicherlich aufgehört, ein europäisches Tier zu sein. Die Könige und Großen des Reiches Polen und Litauen ließen. sich die Erhaltung des Bison mit Eifer angelegen sein, und auch heute noch wird er durch strenge Vorschriften des Zaren geschützt. Jetzt aber dringt der Lärm des Krieges bis in diese letzten Schlupf⸗ winkel ungebändigter Natur. Noch ist das Schicksal der Büffel von Bielowice unbekannt. Werden sie von den Russen gefangen nach Minsk gebracht? Oder werden die Könige des Urwaldes in das Bereich der Geschütze kommen, deren dumpfes Grollen bereits bis in das Diclicht ihrer wilden Hermat dröhnt? — Das Grab Fra Angelicos entdeckt. Das Grab des großen Malers der Frührenaissance, dem seine Zeit den Namen eines„engelgleichen Bruders“ beigelegt hat, ist, wie aus Rom gemeldet wird, jetzt wiederaufgesunden worden. stand außer Zweifel, daß die Kirche Santa Maria sopra Minerva in. Rom die irdischen Ueberreste des Dominikanermönches Fra Giovanni da Fiesole beherbergte, aber der Umbau einer Kapelle der Kirche, in der sich der Grabstein des Malers befand, im Jubiläumsjahre 1600, hatte die Spuren der Grabstätte verwischt. Man vermutete, daß das Grab sich gar nicht in ammittelbarer Nähe der heutigen Stelle des Grabsteins befände, aber alle angestellten Nachforschungen in den unterirdischen Gewölben der Kirche blieben erfolglos, bis man schließlich an die Ausgrabung der ursprünglichen Grabkapelle ging. Dort stieß man, etwa zwei Meter von dem eingemauerten Grabstein entfernt und in einer Tiefe von 1,30 Meter unterhalb des gegenwärtigen Bodenniveaus der Kirche auf ein Mauerwerk, das in seiner künstlerischen An⸗ lage auf ein Grabmal des Quattrocento schließen ließ. Wirk⸗ lich fand man hier einen Sarg, der einen noch fast unversehrten Schädel mit vier Zähnen enthielt. Da aber andere hier entdeckte Reste menschlicher Knochen auf die Existenz von zwei Gräbern an dieser Stelle hinwiesen, mußte man seit der Identifikation äußerst vorsichtig zu Werke gehen. Ein genauer anatomischer Vergleich erst des Totenschädels mit dem Kopf des Künstlers, Es] diesf der auf dem Grabstein wahrscheinlich nach der Totenmaske mo⸗ delliert wurde, stellte mit einiger Sicherheit fest, daß es sich hier wirklich um das Grab des Künstlers handelt. Der Toten⸗ schädel ist bereits in einen Schrein. geborgen, der die Ausschrift trägt:„Schädel, zugeschrieben Fra Giovanni Fiesole bei der Wiederauffindung 21. Juli 1915.“ Der Grabstein wurde an einer Stelle eingemauert, die der neuaufgefundenen Grabstätte entspricht. Zur Seite wurden vier kleine Bronzesäulen ange⸗ bracht, die das ursprüngliche Grabmal zierten, das in seiner strengen Schlichtheit von großem künstlerischem Wert ist. Man beabsichtigt, die Mauerwand, in der der Grabstein sich befindet, mit der Kopie eines Freskos von Fra Angelico zu schmücken. — Die englischen Seebäder im Kriege. Das Leben in England ist durchaus nicht so unberührt vom Kriege geblieben, wie die Engländer es sich in optimistischer Ueberhebung ausmalten. Die Londoner Straße trägt den bunten und erregten Stempel bewegter Tage, das soziale, Leben muß mehr als einen harten Eingriff spüren, und auch auf dem Lande und an den Küsten hat die Art des Lebens einen durch den Krieg merklich veränderten Charakter angenommen. Selbst die bekanntesten Bade⸗ orte an der Südküste— wie Hastings, Bognor, Brighton— die wegen ihrer, der Hauptstadt nahen Lage der Lieblingsaufenthalt der Londoner im Sommer sind, diese lauten Erholungsstätten begüterter Leute, konnten sich nicht den Einwirkungen des Krieges entziehen, wie sich aus einer Schilderung in der„Times“ ent⸗ nehmen läßt:„Die Südküste bietet beim ersten Anblick; das sommerliche Bild, das wir gewohnt sind. Die Hotels und Miet⸗ häuser sind voll, und man möchte glauben, daß die Leute hier wie sonst reichlich viel Geld ausgeben. Aber dieser erste Eindruck ist trügerisch, denn das Ferienleben an der Südküste weist in inungen auf, die neu und iesem Jahre eine Menge von Ers 5 in bezeichnend sind. Vor allem sind die Besucher nicht mehr die⸗ selben wie in friedlichen Zeiten. 5. sonst während ihres Urlaubs weite Reisen ins Ausland zu unter⸗ nehmen pflegten; und auch die sonstigen Besucher der Ostküste haben sich wegen der und man sieht viele Badegäste, die sich früher mindestens in Trouville zu vergnügen pflegten. Besonders Brighton ist star r besucht, aber— un ein außerordentlich ruhig. Auffallend ist der Mangel an Männern. Nur zehn Prozent der Badegäste sind Männer, und es sind meist bejahrte Leute. Die jungen Leute sind selten, und sie werden nicht sehr freudig oder liebenswürdig betrachtet, man wünscht sie an einem wichtigeren und ehrenvolleren Platz. Darum ist es auch nicht verwunderlich, daß die Lustigkeit der jungen Mädchen stark gedämpft erscheint. Ja es ist wirklich erstaunlich, mit Stille alle sonst so fröhlich lärmenden Feriengä 60 0 r Es sind viele Leute hier, die Bedrohung zur See diesmal mit dem Gebiet um Brighton begnügt. Eastbourne z. B. ist voller Leute, die unter anderen Umständen wohl viel weiter gereist wären. Und auch die Orte, die keine vorteilhaften Strandanlagen für Kinder besitzen, sind diesmal Ai dir ich von Kindern überfüllt, dies ist eine Merkwürdigkeit— es ist 8 4 4 1 0 Seebädern ist die Front zum Strande in lichtlose Schwärze Dr. Al 6 e folgenden Antrag der Abgg. v. 9 orell. Angenrod, Ue bel, Dr. Web er 100 Genossen „Wir beantragen: die Gr. Regierung zu ersuchen, nach⸗ 7 e durchzuführen, bezw. beim Bundesrat zu. 10 Fleisch- und Milch sind den Lan lmolt, Lang, läßt, ist stimmten chloß sich eine ausgiebige Erörterung an, an welcher ich aut die Regierungsvertreter beteiligten. Verschiedene Redner babligten in einer besseren Organisation des Milchhandels in den Städten ein erfolgreiches Mittel gegen allzuhohe Milchpreise. Auch die genossenschaftliche Organisation des Milch- und Fleischverkaufs wurde von einem der Redner in Anregung gebracht. Zum Schlusse wurden noch einige Mißstände gerügt, die bei der Brotverforgung und bei der Kleienverteilung zutage getreten sind. Die Großh. 995 1 S nach n 55 Sande dieser 0 ge tragen zu wollen. Die nächste Sitzun⸗ Aus⸗ schusses findet am Freitag, den 27. August statt. 1 new Vork zur Uriegszeit. 5 Eine länderin, die in den letzten Monaten die Vereinigten Staaten bereiste, veröffentlicht in den„Daily News“ eine inter⸗ essante Schilderung des New Porker Lebens während des Welt⸗ krieges:„Aeußerlich scheint New Pork nur wenig vom Kriege be⸗ xii zu sein. Außerordentlich stark wirkt der Gegensatz zwischen dieter Dollarstadt und London— dem London von 412 5 seinen überall auftauchenden Gruppen von jun, Leuten in Khaki, mit den verwundeten Soldaten, in deren Augen sich noch Bilder des Schreckens zu spiegeln scheinen, mit der Dunkelheit, den vor den Zeppelinen verhüllten Nächten und mit der jetzt auf⸗ erstandenen Entwicklung des geistigen Lebens, das sich mit anderen Dingen beschäftigt als dem Aufhäufen von Geld und der vein materiellen e den nächsten Tag. Am Abend meiner Ankunft in New k erschien mir der Broadway wie ein Pfad durch Geld abgestumpfter Seelen. Der Inhalt der zahllosen Licht⸗ reklamen betonte diese Atmosphäre des geistigen Todes. Jeder Satz, der von Vorübergehenden ausgesprochen wurde, enthielt das Wort„Dollar“. Es ist unglaublich, wie oft man dieses Wort hier an einem einzigen Tage zu hören bekommt. Der größte Krieg, den die Welt jemals sah,— hier in New Pork erscheint er weit, weit entfernt und ganz unwirklich, wie etwas, das auf einem anderen Planeten vor sich geht. Und es gibt ja auch nichts, was den Leuten hier die Schlachtfelder Europas lebendig vor Augen zu bringen vermöchte. Die Zeitungen bringen die Kriegs⸗ ereignisse in rein geschäftsmäßiger Darstellung. Lokalgeschehnisse — wie die des Polizeileutnants Becker und die Frei⸗ lassung des Mörders— erregen weit mehr Interesse als die Nachrichten von einer Schlacht oder dem Untergang eines Schiffes. Das sse der New Vorker an kriminellen Sen⸗ sationen ist durch den Krieg nicht verringert worden. Allerdings n die meisten Buchläden besondere Schaufenster mit englischer, französischer und deutscher Kriegsliteratur eingerichtet — und diese Bücher auch von ernsthaften Leuten gelesen. Aber im Grunde hört man doch überall von den Leuten auf der Straße, daß sie„ g vom Krieg haben“; sie wünschen alle, daß die Kriegfi den„Schluß machen“. Ich habe vielen Straßen⸗ rednern zugehört, die von zahllosen Neugierigen umdrängt waren. Keiner all dieser öffentlichen Redner beschäftigte sich mit dem Thema des Krieges. Mitteilungen über Rockefeller und Abhand⸗ lungen über Bibelstellen schienen ihnen weitaus wichtiger zu sein. Ueberall sind Suffragetten an der Arbeit, um die Begeisterung des Publikums vor den für den 2. November angesetzten Wahlen aufzustacheln. Ihre Methoden sind oft äußerst seltsam. So erlebte ich in einer großen Freiluft⸗Versammlung, wie ein Preis von. zwei Hühnern für 1 der Versammlung ausgesetzt wurde, das am besten die Wahlberechtigung der Frauen darzulegen wußte. Und die Menge hat ihre Freude daran, denn sie kommt nicht, um Belehrung anzunehmen, sondern um sich nach Möglich⸗ keit zu unterhalten. Die Suffragetten spielen in ihren Reden öfters auf den Krieg an, doch nur, um ihre persönliche Sache besser zu ü Sie sagen:„Eine Regierung, die den Frauen gegen⸗ über ebenso verantwortlich ist wie den Männern, würde es sich viel gründlicher überlegen, ohne zwingendste Notwendigkeit einen i u beginnen. Darum laßt die Mütter wählen!“. In e e vermag. Die Za im Handel erhältli ost⸗ 2 Generälen und anderen bekannten Militärs ist ver⸗ schwindend klein. Die Frauen 12 dem immerhin durch größere Sparsamkeit Rechnung. Wie ein Kaufmann mir mitteilte, werden zwar ebensopiel Kleider wie früher gekauft, aber zu billigeren Preisen. Doch auch diese Bewegung gleicht mehr einer Art Vor⸗ sicht, als wirklich durch den Krieg bedungener ernsthafter Sparsam⸗ keit. Die Ansichten über die Frage, ob die Vereinigten Staaten noch in den Krieg hineingezogen werden könnten, sind so geteilt, Die Stimmen scheinen an Klang verloren zu haben, man hört kaum helles Gelächter— besonders abends, wenn über dem im Dunkel verborgenen Meere die Sterne leuchten. Hier und in den anderen E= taucht. Der Besuch von Badeorten wird als Notwendigkeit für die Gesundheit betrachtet, er hat aufgehört, Luxus und Vergnügen eee — Zur Charakteristik unserer heutigen Sol⸗ datensprache. Im Feuilleton der Nummer 189 unseres Blattes erschien unter der angegebenen Spitzmarke ein kleiner Auf⸗ satz, der die Wichtigkeit der neubildenden Kraft unserer Soldaten⸗ sprache betonte und unter diesem Gesichtspunkt dazu aufforderte, einschlägiges Material zu einem Sammelwerke beizusteuern, das 1 fred Wolff in dem Grenzboten angekündigt hat. Aus unserem Leserkreife macht man uns darauf aufmerksam, daß bereits im Jahre 1905 der inzwischen verstorbene Straßburger Professor der kranischen Sprachwissenschaft Paul Horn, der als Reserveoffizier das Thema ebenso wie als Sprachforscher beherrschte, ein Werkchen über die deutsche Soldatensprache geschrieben hat, das übrigens im Verlage von Alfred Töpelmann in Gießen erschienen ist. Das Büchlein, das nebenbei eine ige Lektüre bildet, enthält eine Fülle wertvollen Materials für die deutsche Wortforschung. Bereits zu Beginn des Krieges sa t nun Prof. Dr. Karl Bergmann in Darmstadt, Mathildenstraße 26, alles neue Ma⸗ terial, um das Büchlein, um dieses bereichert, nach Friedensschluß in neuer vervollkommneter Gestalt ausgehen zu lassen. Er hat in der Presse schon wiederholt Aufrufe veröffentlicht, man möge seine bereits recht ansehnliche Sammlung neuer Ausdrücke bereichern helfen, und er hat auch in mancherlei Zeitschriften, so in der Zeit⸗ schrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins, in der Zeitschrift für den deutschen Unterricht, in den Artilleristischen Monatsheften usw., für seinen Plan geworben. Man wird also wohl behaupten dürfen, daß auch bei ihm, dem außerdem die von Horn hinter⸗ lassenen überreichen handschriftlichen Nachträge zur Verfügung stehen, die systematische Sammlung des gesantten Materials in — allerbesten Händen liege. 5 5 0 5—̃ daß sich in diesem Punkte keine bestimmte Stimmung herausfinden läßt. Man erzählte mir hier mehr als einmal von der großen, Anzahl ju Leute aus England, die während des Krieges nach Amerika gekommen sind und hier als Studenten oder Angestellte leben. Der Krieg scheint die Deutschamerikaner geschäftlich kaum geschädigt 15 haben. Und man kann nicht zweifeln, daß die meisten ihrem ein 19 05 Vaterland treu geblieben sind. Man frage den deutschen Kellner im„Hofbräu⸗Haus“, wie der Krieg enden werde; sofort antwortet er:„England wird geschlagen— es ist bereits schwer geschlagen!“ Und so ist es fast bei allen Deutschen.“ Im felde crwarten unsere Angehörigen den regelmäßigen eingang des beimat⸗ blattes. Um eine Unterbrechung in der Zustellung zu vermeiden, wolle man den feldpost/Bezug d. Gleßener Anzeigers für monat Sept. Ichon jetzt erneuern Alle rostamter nehmen die Bestellung entgegen. der monatliche Bezug be⸗ trägt mk. 1.07 einschließlich der Um⸗ schlag⸗öcbühr. Außerdem vermittelt dic Bestellungen wie bisher auch die Geschäftsstelle des bichener Anzeigers R In der Rigaer Bucht. Nicht zum ersten Male hat die große Bucht, die hinter ihrem natürlichen Schutzdamme vorgelagerter Inseln sich tief ins baltische Land hineingräbt, ihre Wasser von Kriegsfahrzeugen durchpflügen sehen. Noch in den 2 1853 bis 1855, während des Krim⸗ krieges, haben englische Kriegsschiffe wiederholt bei der Insel Runs gelegen, um die Küsten Kurlands, Livlands und Estlands von hier aus unter Beobachtung zu halten. Für gewöhnlich freilich ist die Rigaer Bucht vielmehr der Schauplatz eines friedlichen Schiffs- verkehrs, der ihre stillen Wasser rege belebt; wie ein Magnet das Eisen, so zieht die stattliche Menge der die Bucht befahrenden Schiffe Riga, die große Dünastadt, an, also daß der Kurs, den die die Rigaer Bucht befahrenden Schiffe einschlagen, in der großen Mehrzahl der Fälle immer derselbe ist: sie fahren vom Eingange der Bucht nach Riga oder sie steuern von Riga auf den Ausgang der Bucht zu. Wer aus der offenen Ostsee zur Rigaer Bucht will, der muß die verhältnismäßig schmale Einfahrt zwischen der kuri⸗ schen Küste und der Insel Oesel passieren. Die kurische Küste wird von dem kräftig gebildeten dicht bewaldeten Vorgebirge Domesnäs beherrscht, während die Insel Oesel mit einer langgestreckten Halbinsel die Einfahrt begrenzt. Zu beiden Seiten liegt hier deutsches Land. Denn die elaner sind ein Menschenschlag deut⸗ scher Zunge, einst, in grauer Vorzeit, als Seeräuber und kühne Seefahrer gefürchtet, noch heute als besonders kräftig und intelli⸗ gent bekannt. Die harten Männer der Insel Oesel haben sich nur zögernd und widerwillig dem Kreuze und Schwerte der deut⸗ schen Ordensritter gebeugt, um dann mit der Geschichte des Deutsch⸗ tums in Livland dessen hauptsächliche Wandelungen und Ent⸗ wickelungen zu teilen. Zwei Tage verzeichnet die Geschichte von Oesel, deren Schreckensgedächtnis noch heute in der Erinnerung der Inselbewohner fortlebt. Der eine ist der 23. Juli des Jahres 1343, als die Esten nach heimlicher Borbereitung sich erhoben und an einem Tage alle Deutschen mordeten, alle Kirchen und Klöster zer⸗ störten und eine Schreckensherrschaft antraten, die sie dreiviertel Jahre inne hatten. Der zweite Unglückstag von Oesel fiel in das Jahr 1710: das war, als Scheremetjew mit russischen Truppen. über den gefrorenen Sund rückte und alles, was er fand, ver⸗ nichtete. Damals wurde auch der Hauptort der Insel, Arensburg, mit der Domkirche verbrannt, nur Schloß und Festung wider⸗ standen. Das Bischofsschloß, ein massiger, schmuckloser Bau, steht noch heute und Aren g ist gegenwärtig eine freundliche Klein⸗ stadt, die als Seebad recht besucht und beliebt ist. Hat das Schiff die Einfahrt zur Bucht durchsteuert und Oesel zur Linken hinter sich gelassen, so treten die Küsten bald aus⸗ einander, um schließlich nur noch in verschwimmenden Linien fern sichtbar zu bleiben. Die Küsten der Rigaer Bucht zeigen ver⸗ schiedene Bildung und verschiedene Bilder. Ihren größten Reiz entwickeln sie zweifelsohne an der Westseite, am kurischen Strande. Dort begleitet die Bucht ein waldiges, liebliches Hügelland, das zwischen Tukkum und Dondangen manchen statt⸗ lichen Herrenhof in seiner Einsamkeit birgt und dessen blaue Kämme das Bild der Bucht auf dieser Seite gar anmutig abschließen. Anders ist der Charakter der Ostküste des livländischen Strandes. Dort lagern sich öde, hügelartige Sandwülste und tausendjährige Dünenbildungen um das Meer herum bis tief ins Land hinein, und die Vegetation wird neben weiten Heide⸗ flächen von düsteren eintönigen Nadelwäldern beherrscht. In solcher landschaftlich nicht eben hervorragender Umgebung liegt denn auch die einzige größere Stadt der Rigaer Bucht, Riga selbst natürlich a. mmen. Das ist Per nau mit seiner wohlgeschützten Bucht, Livlands beliebtester Seebadeort, wo für die Behaglichkeit der Sommergäste in geschmackvoller Weise gesorgt ist. Eine Gründung aus dem 13. Jahrhundert bietet Pernau in seiner Geschichte die Eigenheit, daß es mehreremal die von Gustav Adolf gestiftete Universität Dorpat hat beherbergen müssen. Als die Stadt 1710 vor den Russen kapitulieren mußte, befand sich ade wieder ein Teil der aus Dorpat geflüchteten Professoren in Pernau, und noch heute erinnert an Pernaus akademische Zeit der sogenannte Aka⸗ demiespeicher, d. h. das in einen Speicher verwandelte einstige Akademiegebäude. Bis 1830 ist Pernau Festung gewesen, aber vor allem war es immer eine rege Handelsstadt, deren Ausfuhr noch am Ausgange des 18. Jahrhunderts die Revals übertraf. Heute ist es ein freundliches, reges Städtchen, das bei der Einfahrt mit seinen Kirchtürmen und Anlagen ein hübsches Bild bietet. Es ist mur ein kleiner Teil der die Rigaer Bucht befahrenden iffe, der seinen Weg nach Pernau findet; das große Fahr⸗ wasser führt westlich der Insel Runö der Dünamündung zu. Aber obgleich das eben genannte Eiland an dieser großen See⸗ verkehrsstraße liegt, so ist es doch ein völlig weltentlegenes Stück Erde. Von einem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts leben⸗ den Runöer Pastor wird erzählt, daß er nur einmal im Jahre Kunde vom Festlande erhalten habe, aber auch heute noch emp⸗ fangen die Runber nicht öfters als einmal im Monat ihre Brief⸗ post. Sie sind Schweden von Abkunft und sprechen eine Abart des Schwedischen. Das Gewerbe, das sie neben Ackerbau und Vieh⸗ zucht am liebsten treiben, ist der Seehundfang, dessen Erlös sie meist einmal jährlich auf ihren eigenartigen, halb en, mit zwei Masten versehenen Schiffen nach Riga führen. Eine anmutige, abwechslungsreiche Insel ist es, an deren Küsten sich dank der viel⸗ jach vorgelagerten gewaltigen erratischen Blöcke die Wucht der Wellen bricht. Ihr Dorf, das etwa in der Mitte der Insel ge⸗ legen ist, besteht aus 27 Gehöften mit etwa 250 Bewohnern und weist ein ehrwürdiges Holzkirchlein vom Jahre 1644 auf, das der 1 Magdalene gewidmet ist. Viel Urtümliches hat sich im beben der Runöer noch erhalten. Fremde Dienstleute finden sich im Hofe wenig oder gar nicht; die Bewohner des Hauses und des Hofel bilden in der Regel nur eine Familie, unter denen ein Familienkommunismus herrscht, der durch den geringen Familien⸗ zuwachs ermöglicht wird. Die Runöer heiraten viel untereinander und vielleicht trägt dieser Umstand zum Rückgange der Bevölkerung bei. Aber sie wohnen auch so weltentlegen— wo sollten sie sich andere Frauen herholen? Diebstahl ist auf Runö unbekannt, und die Feldstücke der einzelnen Besitzer sind weder durch Grenzsteine noch durch Feldraine getrennt. 0 Weit und still ist die Rigaer Bucht noch in der Gegend von Runö, dessen gefährliche„Gründe“ das Schiff vorsichtig meiden muß. Je mehr es sich aber der Dünamündung nähert, um so belebter wird die Bucht und mehr und mehr nähert sich auf beiden Seiten das Land. Schon kommt die uralte, längst in Trümmer; gesunkene Zisterzienserabtei Dünamünde in Sicht, am Strande werden die von den Rigaern bevorzugten Badeorte erkeunbar und nun öffnet sich breit und majestätisch das Bett der Düna und. schlank vom Himmel zeichnet sich in der Ferne der Petriturm ab. Riga ist in Sicht! Aus Stadt und Cand. Gießen, 25. August 1915. Die Zaungäste der Obsternte. Nach den angenehmen Wochen der süßen— und sauren— Kirschen und all der saftigen Beeren ist jetzt die Zeit der Fruchternte gekommen. Ganze Berge von Pflau⸗ men, Trauben, Aepfeln und Birnen locken mit ihren Farben und ihrem Duft in den Schaufenstern und drohen wieder einmal das mühsam in der Schwebe gehaltene wirtschaftliche Gleichgewicht unserer Hausfrauen zu stören. Natürlich üben diese Früchte auch wieder eine unwiderstehliche Lockung auf allerlei Obstdiebse aus, und nicht jeder der Bestohlenen mag darüber so nachsichtig und verständnisinnig urteilen, wie der weiland Husumer Amtsrichter Theodor Storm, der eines Tages„inserierte“: Die verehrlichen Jungen, welche heuer meine Aepfel und Birnen zu stehlen gedenken, ersuche ich höflichst, bei diesem Vergnügen womöglich in⸗ soweit sich zu beschränken, daß sie daneben auf den Beeten mir die Wurzeln und Erbsen nicht zertreten. Trotzdem, trotz aller Warnungen, Verbote und Strafen, stirbt aber die Sippschaft der Obstdiebe wahrscheinlich nie aus. Es liegt uns gewissermaßen im Blute, das Obstmausen, seit unsere Ahnfrau, Frau Eva, im Paradiese die erste ver⸗ botene Frucht naschte. Frisch vom Baum gepflückt schmeckt eben alles besser. Eine dritte Gruppe von„Interessenten“ sind die Zaungäste. Ja, wem gehört denn eigentlich das überhängende Obst? Darauf sei geantwortet: Solange es noch hängt, dem, an dessen Baum oder Strauch es fest⸗ sitzt; sobald es aber abfällt, dem, auf dessen Grunde es liegt. Das Auflesen fallenden Obstes von Landstraßen⸗ bäumen wird freilich nicht mit gleicher Duldsamkeit be⸗ handelt. Denn wer ist hier„Nachbar“? an kann sich doch nicht gut als„Allerweltsnachbar“ aufspielen. Und es hilft auch nichts, wenn man sich etwa darauf beruft, daß doch 5 der Obstgenuß als höchst bekömmlich empfohlen Wird Schon in unserm alten deutschen Recht waren in diesen Dingen ziemlich enge Grenzen bodega. Wer reiste, mußte sich— wo es durch einen Wal Wege halten oder ein Horn blasen, um nicht für einen d ging— auf gebahntem Dieb angesehen zu werden. Dagegen durfte er, wenn sein Wagen unterwegs schadhaft wurde, unangefochten Holz hauen, um ihn auszubessern. War es ihm nicht möglich, vor Anbruch der Nacht eine Herberge zu erreichen, so war es ihm vergönnt, Speise für sich und Futter für sein Pferd 95 aus der Mark zu nehmen. Ferner er sich, wenn er Appetit darauf hatte, ein Gericht Fische oder Krebse fan und ein Feuer anmachen, sie zu sieden, doch mußte er alles an Ort und Stelle verzehren, und durfte nichts aus der Mark mitnehmen. Im allgemeinen galt für solche unge⸗ ladene Gäste der Rechtssatz: drei sind frei. Der Reisende durfte sich drei Aepfel vom Baume brechen, drei— oder vier— Trauben in die Hand schneiden und den Handschuh voll Nüsse pflücken. Mit überhängenden Zweigen aber wur⸗ den nicht viel Umstände gemacht. Jeder, dem solche irgendwo im Wege waren, durfte mit einem Leiterwagen oder Schlitten darunterfahren und mit einer Axt weghauen, was er konnte; was dabei auf sein Fuhrwerk fiel, durfte er mitnehmen, das andere sollte er liegen lassen. Wer heut⸗ zutage nach diesen Grundsätzen verführe, könnte den schön⸗ sten Prozeß besehen. * Auf dem Felde der Ehre gefallen. (Aus Hessen und den Nachbargebieten.) Ersatzreservist Gustav Siebenborn, Inf.⸗Rgt. 121, aus Geiß-Nidda.— Unteroffizier Hermenn Ganz, Res.-Inf.-Rgt. 222, aus Darmstadt.— Kriegsfreiw. Fred Liß, Inf.-Rgt. 221, aus Eberstadt bei Darmstadt.— Musk. Chr. Lenhardt, Inf. Rgt. 49, aus Offenbach a. M.— Leutnant d. Res. Heinz Schlörb, Jnf.-Rgt. 115, aus Bensheim.— Füsilier(Lehrer) Phil. Martin, Elisabeth-Regiment Nr. 3, aus Büttelborn. Müller, Inf.-Rgt. 174, aus Wetzlar. * * Vermißtenermittelung. Die e ee igen der bei Le Quesnoy(31. Oktober bis 2. November) Ver⸗ mißten werden, wie man uns mitzuteilen bittet, zu einer Besprechung auf Sonntag, den 29. August, 2 Uhr in den„Felsenkeller“ 7 Gießen eingeladen. Da Ermitt⸗ lungen bis jetzt erfolglos waren, wird ein Zusammenschluß der Betroffenen zum Zwecke gemeinsamen Vorgehens be⸗ absichtigt. 5 ** Der Hessische Schutzverband für entlas⸗ 11 Gefangene hat soeben den Rechenschafts⸗Bericht für das Jahr 1914/15 herausgegeben. Die Einnahmen des Vereins im Jahre 1914 sind danach gegenüber den Vorjahren nur um ein Geringes zurückgegangen, sie betrugen 11 706,86 Mark. Die Haupteinnahmequelle, die Mitgliederbeiträge, hielt sich fast auf gleicher Höhe. Zurückgegangen sind die Einnahmen an„zurück⸗ empfangenen Kapitalien“ und an„Geschenken“. Beide Rückgänge sind auch durch die Zeit leicht erklärlich. Die Darlehensempfänger konnten in Anbetracht der durch den Krieg hervorgerufenen Ver⸗ hältnisse, insbesondere infolge der Teuerung, das Scherflein nicht erübrigen, das sie dem Schutzverein vertraglich zugesichert und meist pünktlich abgezahlt hatten. Im Berichtsjahre wurden ins⸗ gesamt an Unterstützungen 7059,65 Mark verausgabt. An außer⸗ ordentlichen Unterstützungen für Nichtpfleglinge wurden veraus⸗ gabt in 1911: 286,55 Mark, in 1912: 122,43, in 1913: 44,90 Mk., in 1914; 138 Mark. Die Gesamtausgaben betrugen 9955,96 Mk. Ueber die persönlichen Verhältnisse der Pfleglinge des Jahres 1914 sei folgendes bemerkt: Von den 166 aufgenommenen Pfeg⸗ lingen wurden im Laufe des Jahres 6 wieder gestrichen, so daß für die statistischen Zwecke nur 160(1913: 210) zu berück⸗ sichtigen waren. Unter diesen waren 25(39 im Jahre 1913) weibliche Gefangene(18,4 Proz. gegen 18,6 Proz. im orjahre). Dem Familienstand nach waren 46(61) Pfleglinge noch ledig, 109(141) verheiratet, 2(5) verwitwet und. Musketier Wilh. 3 c geschteden. 5 Von den 160 Pfleglingen waren 55(34,4 Proz. gegen 33,8 Proz. im Vorjahre) zum erstenmal bestraft. Versicherungsschutz gegen Schäden durch Flieger und Luftfahrzeuge. Aus Versicherungskreisen geht uns folgende Zuschrift mit der Bitte um Veröffentlichung zu: „Die meisten deutschen Feuerversicherungs⸗Gesellschaften gewähren jetzt auch Versicherungsschutz gegen Explosions⸗ und Brandschäden, die durch Bombenwürfe und Beschießung von Fliegern und Luftfahrzeugen entstehen. Diese Gesellschaften übernehmen die Haftung für solche Schäden in der für die Versicherungs⸗ nehmer einfachsten Art, daß die Ausdehnung der Haftung ür diese Schäden zu der Feuerversicherung bescheinigt wird. Die Prämie, welche diese Gesellschaften für die llebernahme dieser Haftung berechnen, ist mäßig, da es sich bei ihnen nicht darum handeln soll, hiermit besondere Geschäfte zu machen, sondern darum, in dieser außergewöhnlichen Zeit einer etwaigen Beunruhigung der Bevölkerung Rechnung zu tragen. Ob wirklich ein Be⸗ . für die Bevölkerung besteht, Versicherungsschutz gegen solche Schäden zu nehmen und dafür Prämie aufzuwenden, er⸗ scheint allerdings fraglich. Von erheblichen Sachschäden durch Flieger und Luftfahrzeuge hat man noch nicht gehört. Zudem ist grundsätzlich durch Reichsgesetz ein Ersatz solcher Kriegsschäden durch das Reich nach Maßgabe eines zu erlassenden Spezialge⸗ setzes in Aussicht genommen. Jedenfalls halten es die meisten. deutschen Feuerversicherungs⸗Gesellschaften nicht für angebracht, in dieser Zeit etwa durch eine geschäftliche Propaganda für die Versicherung gegen Fliegerschäden eine vielleicht ganz unbe⸗ gründete Beunruhigung in die Bevölkerung hienzu⸗ tragen.“ Landkreis Gießen. ro. Alten⸗Buseck, 22. Aug. Herr Wilh. Wagner von hier wurde zum weltlichen Mitglied der Dekanats⸗ synode, Herr Wilh. Becker X. zum Stellvertreter ge⸗ wählt. Nach Abschluß der Wahlhandlung gedachte Pfarrer Hartmann des verstorbenen Lehrers Hübner und fand u. a. warme Worte des Dankes dafür, daß der— selbe bis kurz vor seinem Tode fast ein Jahr lang ohne Vergütung das Orgelspiel bei den Kriegsbetstunden besorgt hatte. * Hausen, 23. Aug. Dem Jäger Schad von hier im Regiment Jäger zu Pferd Nr. 13 wurde die Hessische Tapfer⸗ keitsmedaille verliehen. O Lang⸗-Göns, 24. Aug. Vor einigen Wochen berichteten wir von dem von Herrn Pfarrer Weber zu Lang-Gens herausgegebenen Gemeindeblatt, das unter dem Titel„Kriegs- brot“ an die Gemeindeangehörigen sowie die im Felde stehenden Söhne des Ortes ausgegeben wird. Inzwischen sind vier Nummern des Blattes erschienen. Der Titelkopf des letzteren zeigt die wohl- gelungene Ansicht der Pfarrkirche zu Lang-Göns. Die fleine Zeitung bringt nach wie vor kirchliche Nachrichten aus der Ge— meinde, ein Geleitwort des Herausgebers, Kriegsbriese aus dem Felde, ein lausendes Verzeichnis der zum Heeresdlenste einberusenen Lang⸗Gönser und anderes mehr. Das verdienstvolle Unternehmen muß aufs beste geeignet erscheinen, die Bande zwischen der Heimat und ihren fürs Vaterland kämpfenden Söhnen zu pflegen und fruchtbringend zu gestalten. O Göbelnrod, 25. Aug. Den Tod fürs Vaterland st a r b am 10. August in Russisch-Polen in der Nähe von Cholm der Landsturm⸗Rekrut Milhelm Velten, Sohn des Heinrich Velten v. von bier. Er hinterläßt eine Witwe und ein Kind. Es ist schon das dritte Opfer, das unser Dörschen dem Raterlande bringt. Kreis Schotten. ? Eschenrod, 23. Aug. Den Tod fürs Vaterland starb der Musketier Wilhelm Jost im Res.⸗Inf.⸗Rgt. 224. aus Nieder⸗Bessingen. delte es sich nicht um den Waldarbeiter und Maulwurfs⸗ und Rattenfänger P. von Mühlsachsen, sondern den Landwirt P. Weiterhin wurde nicht der Landwirt E. aus Mühlsachsen, sondern ein Landwirt gleichen Namens aus Bindsachsen von der Anklage des Feldfrevels freigesprochen. Gießener Strafkammer. th. Gießen, 24. Aug. 1 Märkte. fe. Fraukfurt a. M., 24. Aug. Auf dem heutigen Heu⸗ Waffendiebstahl. Vier junge Burschen, von denen der älteste das 16. Jahr überschritten hat, die anderen drei jünger sind, haben eine Wald⸗ hütte des Schützenvereins in Butzbach erbrochen und daraus zwei Gewehre und ein Terzerol gestohlen. Dem älteren Burschen fällt auch noch die Unterschlagung eines Geldbetrages von 130 Mark zur Last, die er zum größten Teil verjubelt hat. Der Gerichtshof erkannte auf Gefängnisstrafe von 6 Monaten, einer Woche und gegen die beiden jüngsten Buben von je 3 Tagen. Der Vorsitzende erklärte, daß die Strafkammer die Angeklagten zu einer bedingten Begnadigung empfehlen wird. 8 0 Wegen Verbrechens gegen die Sittlichkeit wurde der geständige, knapp 16 Jahre alte Dienstknecht Karl Sch. von Fleschbach zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Ver⸗ handlung wurde hinter verschlossenen Türen geführt.— Wegen der gleichen Straftaten wurde der 15 Jahre alte Emil R. von Homberg a. d. O. ebenfalls zu einer 6monatigen Gefängnis⸗ strafe verurteilt. Schwerer Diebstahl. 5 Der 22 Jahre alte Taglöhner Joh. Hch. P. von Klein⸗Krotzen⸗ burg und der 25 Jahre alte Artist Fritz V. von Gießen sind ge⸗ ständig, im August v. J. in der Villa Sommer am Fuße des Schiffenberges einen Einbruchdiebstahl verübt zu haben. Sie haben dem Gebäude zweimal hintereinander einen Besuch abgestattet und beim zweiten Male abends in der Dunkelheit zusammengevackt, was ihnen in die Hände gefallen ist. Nachdem man den Raub, der aus Betten, Wäsche, Decken, Kleidungsstücken, Wurst, Zigarren, Wein und aus Schmuckgegenständen bestand, in 5 große Päcken verstaut hatte, wurden diese in die Hütte des Männerturnvereins in der Nähe des Schreiberwegs geschafft. Am anderen Tage machten sich die Genossen in Begleitung der Ehefrau V. und deren Mutter auf den Weg, um das Diebsgut in die Wohnung des V. zu holen. Damit hat sich die Ehefrau V. der Hehlerei schuldig gemacht. Die beiden Männer sind mehrfach vorbestraft. Der Gerichtshof billigte ihnen jedoch in Rücksicht auf ihr Geständ⸗ nis, und weil es sich bei den früher begangenen Diebstählen nur um Gegenstände von geringerem Wert gehandelt hat, mildernde Umstände zu. Es wurde gegen P., der eine 6monatige Gefängnis⸗ strafe wegen Unterschlagung verbüßt, unter Einbeziehung dieser Strafe auf 1 Jahr 9 Monate Gefängnis erkannt. Der Artist V. wurde zu 1 Jahr 4 Monaten Gefängnis verurteilt, von denen 4 Monate durch die Untersuchungshaft für verbüßt erklärt wurden. Seine Ehefrau erhielt wegen Hehlerei einen Monat Gefängnis, von denen 14 Tage durch die erlittene Untersuchungshaft als verbüßt angesehen wurden. * Eine interessante Frage des Jagdrechts behandelte der Strafkammerbericht in Nr. 194 unseres Blattes. und Strohmarkt war nichts angefahren. Durch einen Irrtum unseres Berichterstatters sind in dem unter der gleichen Ueberschrift erschienenen Bericht einige Namen nicht richtig wiedergegeben. Bei dem dritten Freigesprochenen han⸗ Gal Gal Preis 20S eld 508fck 7 — 12 Gol Zigaretten Wilkommensfe Liebesgabel 812 52 5 5 8 10 fd SH massig verpadit porfofrei! dps mrteig Herbal 1 f. 0 Orient. 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