1 Wüulste sitzen. Strahlenförmi Ceiesige, kegelförmige Basaltmasse, 6 zweites Blatt f Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. Die„Gießener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Feit⸗ erscheinen monatlich zweimal. fragen“ Die Duma hat das Wort. In tragischer Stunde tritt die russische Reichsduma rn Verzweifelt versuchen die Millionenheere Ruß- ands sich der furchtbaren eisernen Umklammerung Hinden— burgs und Mackensens zu erwehren. Warschau ist bedroht; das Schicksal Russisch-Polens scheint sich zu erfüllen. Noch nimmt die ungeheure Entscheidungsschlacht, die größte, die die Weltgeschichte jemals gesehen, ihren unerbittlichen Fort— gang, und unter ihrem entsetzlichen Alpdruck versammeln ich in Petersburg die Vertreter des russischen Volkes. Als Zar Nikolaus nach den ersten schweren Niederlagen seiner Armeen in Galtzien, die den Auftakt zu der jetzt drohenden Katastrophe bildeten, den Ukas an sein Volt richtete, in dem er seinen unerschütterlichen Willen kundgab, den Krieg trotz „vorübergehender Fehlschläge“ fortzuführen bis zum„sieg— eichen Ende“, und gleichzeitig die Einberufung der Volks- tretung versprach, mag er wohl gehofft haben, daß sich bis zu dem Tage des Zasammentritts der Duma die mili⸗ Miese e Lage Rußlands günstiger gestaltet haben würde. Diese Hoffnung ist bitter getäuscht worden. Seitdem der Be— scher aller Reußen zum letzten Male zu seinen Völkern sprach, hat Rußland auf den Schlachtfeldern in Galizien und len nur neue, noch folgenschwerere Niederlagen erlitten, und die so lange zum Schweigen verurteilte Duma wird just während der letzten Phase des gewaltigen Entschei— dungsringens zu Worte kommen. Hätten der Zar und seine Ratgeber dieses unglückselige Zusammentreffen ahnen können, so würden sie sicherlich das Parlament niemals ein— berufen haben. Aber heute wagt selbst der russische Allein— scher nicht mehr, sein feierliches Versprechen nicht zu alten. Das Parlament verlangt, auch einmal zu Worte zu kommen, und die militärische und wirtschaftliche Lage Ruß— lands ist so düster und gefahrdrohend, daß ihm dieser Wunsch nicht verwehrt werden kann, wenn sich nicht nach langer Zeit wieder das Gespenst der Revolution erheben soll. Die Duma hat das Wort. Wird sie wirklich den Mut und die Möglichkeit haben, offen und ungehemmt zu sprechen? Das ist die Frage. Es fehlt nicht an Anzeichen, daß die russische Regierung, die allen Grund hat, eine Kritik ihrer Handlungen wührend des vergangenen Kriegs— jahres zu fürchten, alles daran setzen wird, um der Volks- vertretung die Wortfreiheit zu beschneiden. So hat der Dumapräftdent bereits vorgeschlagen, die Erklärungen der Regierung möchten in geheimer Sitzung erfolgen, und als sich die Kadettenpartei gegen diesen Ausschluß der Oeffent⸗ lichkeit sträubte, wurde der 1— 5 gemacht, wenigstens die Debatte über die Regierungserklärungen hinter ver⸗ schlossenen Türen zu führen! Die Angst der russischen Macht⸗ er vor der Wahrheit kennt eben keine Grenzen. So hat die russische Kriegspartei, die mit Hilfe ihrer eng⸗ chen und französischen Verbündeten Deutschland in weni⸗ Monaten niederzuringen glaubte, die politische Situa⸗ n nach einem Kriegsjahr gewiß nicht gedacht. ö Auch in Frankreich und England träumte man sichs anders, als man vor einem Jahre fröhlich auszog, um Deutschland zu zerschmettern. Aber unsern gallischen Fein⸗ den fehlt niemals die Freude an der schönen Phrase, die sie über alle erlittenen bitteren Enttäuschungen hinweg⸗ tröstet. Auch die französische Kammer wird, wie die russische Duma, in den ersten Tagen des August zu einer feierlichen Sitzung zusammenkommen, in der Herr Viviani im Namen der Regierung und Herr Des chanel im Namen des Parlaments Reden halten werden. In diesen Reden ol die„heilige Einheit“ Frankreichs zum Aus- * kommen, und die anze Sitzung ist als eine Art Jubiläumssitzung anläßlich der Wiederkehr des es der Kriegserklärung gedacht. Wahrlich eine f. rbare Jubelfeier, in der die Erinnerung an ihre eigenen Niederlagen begehen wollen. Aber der Gedanke hat trotzdem auch im verbündeten England Widerhall geweckt, denn das englische„Zentralkomitee für nationale patriotische Vereine“ bereitet ebenfalls für den „ 1 165. Jahrgang Gießener Anzeiger General⸗Anzeiger für Oberhessen Franzosen die“ N 4. August Versammlungen nicht nur in Großbritannien, sondern im ganzen britischen Weltreich vor, in denen der Jahrestag des Kriegsausbruchs gefeiert werden soll. Auch in dieser ernsten Zeit gibt es heikere Momente! Die Fran⸗ zosen wollen die bald einjährige Besetzung des reichsten Industriegebiets durch die siegreichen deutschen Truppen feiern, die Engländer die Lahmlegung ihrer Flotte durch die deutschen Unterseeboote! Von einer Beteiligung der russischen Verbündeten an dieser Jahresfeier ist jedoch nicht die Rede. Und nach den Nachrichten, die über die Stimmung der russischen Abgeordneten zu uns dringen, scheint die Reichsduma, in der von„heiliger Einheit“ nicht viel zu merlen ist, wenig Lust zu verspüren, dem Beispiel des fran⸗ zösischen Parlaments zu folgen. Der Zar und der Großfürst Generalissimus werden meinen: Leider! 7 Petersburg, 29. Juli.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung der Petersburger Telegraphen-⸗Agentur: Der Ministerrat hat der Einbringung eines Gesetzes in der Dum a zugestimmt, wodurch ein besonderer Beratungs-Ausschuß für die Vereinheitlichung der Maßnahmen zur nationalen Verteidigung eingesetzt werden soll. Anklagematerial gegen die politik der Entente aus den belgischen Archiven. Berlin, 29. Juli.(WTB. Nichtamtlich.) Die„Nord- deutsche Allgemeine Zeitung“ beginnt heute in einer Sonderbeilage mit der Veröffentlichung von den in Brüssel vor- 47 1 75 Berichten der belgischen Vertreter in Berlin, London und Paris an den Minister des Aeußern in Brüssel aus den Jahren 1905 bis 1914. Unter der Ueberschrift „Aus belgischen Archiven“ bemerkf die„Norddeutsche All- gemeine Zeitung“ u. a. hierzu: Die Archive der belgischen Re- 1 förderten bereits verschiedene Dokumente von geschicht⸗ icher Bedeutung zutage. Erneute Nachsorschungen führten zum Auffinden weiteren wertvollen Materials, nämlich der Berichte der belgischen Gesandten im Auslande an die belgische Regierung. Die Instruktionen an die Gesandten wurden nicht aufgefunden. Die belgische Regierung scheint sie mit sich fortgeführt zu haben, ebenso wie die auf die belgische Neutralität bezüglichen Faszikel. Die aufgefundenen gesandtschaftlichen Berichte bieten ein unge- wöhnliches Interesse als Quellenmaterial für die Vorgeschichte des Krieges. Ihre Bedeutung liegt darin, daß sie geschrieben sind von den Vertretern eines Staates, der an der großen Weltpolitik nur mittelbar und sozusagen nur als Zuschauer beteiligt war. Die Berichte können daher Anspruch erheben, als eine objektive diplomatische Darstellung der internationalen Ausbruch des Kri anz dem französi ie Westmächte in druck fanden in Ereignisse vorausahnte, die nur und in so verhängnisvoller Weise in die Geschicke Belgiens eingegriffen haben. Die heutige Sonderbeilage enthält eine Reihe von Berichten Jahr 1905 war das Jahr der russi⸗ Es war das Jahr des zwei⸗ das wie die Entente von der Name„Vogelsberg“. Es gibt Torheiten, auf die mögen Kundige noch so oft auf— merksam machen, immer wieder wagen sie sich hervor und spuken in den Köpfen Unkundiger weiter. Zu diesen Torheiten gehört der Name„Vogels gebirge“, der sich sogar in erdkundliche Lehr⸗ bücher und auf Landkarten südlich durch die Künzig vom Spessart, westlich durch die Wetterau vom Taunus und durch die Lahn vom Westerwalde, östlich durch die Fulda von der Rhön getrennt wird, im Norden an das Knüll⸗ birge reicht und den größten Teil der hessischen Prodinz Ober⸗ 215 einnimmt, heißt Vogels ber teres ist eine willtürliche, jüngere und gänzlich irri schöpfung, für die weder eine sprachlich liche Notwendigkeit 1 noch auch ein Recht besteht; sie ist im birge selbst durchaus nicht boden ständig und wird auch von keinem echten Vogelsberger gebraucht. Die Ursache des Irrtums liegt wohl in dem Gedanken, daß man ein* nicht Berg nennen könne. Das Wort Gebirge ist aber jünger als das Work Berg, und dieses meint nach seiner Grundbedeutung lediglich„das Hohe, das Erhabene“.(Vergleiche Weigand. Deutsches Wörterbuch.) Es besteht also sprachlich nicht der mindeste Grund gegen den Namen Vogelsberg. Eine 3 Erscheinung haben wir a z. B. in Namen wie Odenwald, chwarzwald, Böhmer Wald. Hier handelt es sich doch ebenfalls nicht um eine einzelne, abgegrenzte Waldung. Hier meint man vielmehr weite, wechselnde Landschaften mit Wäldern, Tälern, Ortschaften, Wiesen uff. Man beachte ferner, daß der Taunus sowohl in der Erdkunde als auch bei den Bewohnern auch „die. heißt. Zum Vergleiche darf darauf hingewiesen werden, 5 in der lateinischen Sprache mons 1 und silva= ld zur Bezeichnung ganzer Gebirge dienen. Jucleta mons sind osegus mons ist der Wasgenwald, Gabreta silva Auch das französische montagne und das Gebirge bedeuten Neu⸗ e oder eine erdkund⸗ Höhen, da Wa die Sudeten, V. der Böhmer Wald uff. englische mountain können Berg und Aus erd in seiner engeren Bedeutung unendlich viel passender für den Vogelsberg, den man mit dem erdkundlichen Schlagworte„Deut⸗ scher Aetng bezeichnet hat, als es das Wort Gebirge im land⸗ lrfi Sinne wäre. n der Vogelsberg bildet eine einzige, und zwar die größte in Deutsch⸗ einzelnen Erhebungen, wie kleine Kuppen oder Stra streichen allseitig die Täler hinab und nehmen die reichen Wasserläufe auf. 0 Geschichtlich ist der Name Vogelsgebirge gänzlich unhalt⸗ bar, da gerade in den ältessen Urkunden nur der Name Vogelsberg delegt ist. Der älteste Beleg findet sich im Weistum von Flor⸗ tak vom Jahre 1236, wo der Name Jvygelsberg lautet. Um 1370 „auf der eingeschlichen hat. Das Gebirge, das g und nicht Vogelsgebirge. d ng eschichtliches] Wö kundlichen Gründen ist der Name Berg gerade wird ein Hausbesitzer Der „2 drücklich abgelehnt, Auch Professor Dr. O. Buchner trage des„Vogelsberger Höhen-Klubs“ herausgab,— Zeit auch in einige bessere Kartenwerke eingeschlichen hat, ab⸗ zulehnen.“ „Professor Dr. W Sievers, Vertreter der erdkundlichen Wissenschaft an der Ludwigs⸗Universität zu Gießen, äußert sich in einem Briefe an mich in folgenden Worten:„Der Name Vogels⸗ gebirge ist eine Entstellung. Nicht kundige Geographen haben geglaubt, daß ein Gebirge, als welches der Vogelsberg gewiß anzusehen ist, kein„Berg“ sein könne, und in ihren Schriften den Goethe hat bekanntlich die Baukunst als eine Freitag, 30. Juli 1015 Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei— R. Lange, Gießen. Schristleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul- straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S 51, Schrist⸗ leitung: 12. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen. durch das verbündete Japan unter Ausnutzung der französisch⸗ russischen Allianz eine Brücke zu einer russisch englischen Verstäu⸗ digung zu schlagen. Das kaum verschleierte Ziel war, eine große antideutsche Kombination zu schaffen, ein Werkzeug, das, wenn Tag und Stunde günstig war, zur Vernichtung der aufstrebenden Kraft Deutschlands dienen sollte. Parallel ging diesen Anschlä⸗ gen die Tätigkeit der deutschfeindlichen Presse, die ihren Mittel⸗ punkt in London hatte und bemüht war, die gegen Deutschland gerichtete Tendenz zur herrschenden in der öffentlichen Meinung Englands zu machen. Sie fand ein Echo in Frankreich und bald auch in Rußland und verstand in der Folgezeit alle Schachzüge der gegen uns gerichteten Politik des englischen Kabinetts erst einzuleiten und dann als nationale Notwendigkeiten zu recht⸗ fertigen. Die Befürchtungen, welche diese Wühlpolitik Englands hervorrufen mußte, wurden von den Vertretern Belgiens recht⸗ zeitig erkannt und mit Sorge verfolgt. Graf Lalain g, der bel⸗ gische Gesandte in London, Baron Grein dl, der ausgezeichnete Vertreter Belgiens in Berlin, und Herr A. Leghait, der den Brüsseler Hof in Paris vertrat, wiesen mit gleicher Aufmerksam⸗ leit auf die Gefahren der sich vorbereitenden Entwicklung in ihren Berichten hin. Am 7. Februar spricht sich Lalaing dahin aus, daß die Feindseligkeit Englands auf Neid und Furcht vor den Zukunfts⸗ möglichkeiten zurückzuführen sei und daß die Agitation der Presse und die drohende Rede des Admirals Lee an das englische Publikum zu der chauvinistischen Vorstellung führte, daß Deutsch⸗ land überhaupt kein Recht habe, seine Flotte zu vermehren. Wenige Tage danach gibt Greindl diesen Gedanken noch schärferen Ausdruck und weist auf den rein defensiven Charakter der deutschen Kriegsmarine hin. Die wahre Ursache des Hasses der Engländer gegen Deutschland sei die Eiferfucht, welche die außerordentliche Entwickelung der deutschen Handelsflotte und des Handels und der Industrie Deutschlands hervorgerufen haben. Ein wesentliches Motiv zu der Entente mit Frankreich sei für Eng⸗ land der Wunsch gewesen, freie Hand gegen Deutschland zu haben. Im April und Mai, als das Eintreffen Ka uns die belgischen Berichte volles Verständnis für die Haltung Teutschlands in der Marokkofrage. Herr Leg halt macht auf den demonstrativen Charakter der Reise aufmerksam, die gleich nach Delcasses Sturz den König Eduard VII. nach Paris führte. Die Intrigen, die dahin gingen, den Zufammentritt der Konferenz. zu verhindern, treten dabei recht plötzlich zutage und führen Leghait zu dem charakteristischen Schluß, daß man wohl versucht 2 sein könne, der wohlwollenden Politik, die England Frankreich gegenüber befolge, macchiavellistische Absichten zuzuschreiben. Leg⸗ hait spricht dies in einer späteren Depesche ganz direkt aus, daß es die Schuld Delcassés war, daß er sich einbildete, über das Schicksal Marokkos bestimmen zu können, ohne mit den Interessen Teutschlands zu rechnen Auch Graf dür sel, der im Juli und August Greindl in Berlin vertrat, weist auf die Feindselig⸗ keit der englischen Politik d lo. vorübergehen, um Deutschland Schwierigkeiten zu bereiten. So habe es während des Aufstandes in Südwestafrika die Hererds als kriegführende Macht anerkannt und dem Cap verboten, uns 25 Proviant und Munition zuzuführen. Greindl verfolgt mit Sorge die Kampagne der 5 2 2 3 9 Deut d li Fi„um Rußland gegen und der* Finanz, u— 2 winnen und sieht eine Kombination ent Jahre des europäischen Friedens, jetzt ist r ü der Zersetzung geschwächt, in dem sich! reich⸗Ungarn befindet. Die neue Tripel⸗Entente, Frankreich, England und Rußland, wird den Dreibund nicht ersetzen, sondern vielmehr die Ursache steter Beunruhigung sein. Unmöglich sei der Anschluß Rußlands an Eng⸗ 1 land nicht. Die Entente sei noch unwahrscheinlicher gewesen, aber Rußland hasse Deutschland als Nachbarn, dessen Zivilisation der barbarische Stolz der Russen als Demütigung empfinde. Der jetzige Krieg bildet die glänzendste Widerlegung des Urteils, das Greindl hier über den Zustand der Zersetzung unseres österreichisch⸗ ungarischen Bundesgenossen fällte. Er verfiel demselben schweren 1 Irrtum, mit dem auch unsere Gegner in den Krieg gegangen sind. Im Oktober wirft er die Frage auf, ob wohl die Leute, die sich in England stellten, als fürchteten sie eine deutsche Invasion— die doch unmöglich sei— aufrichtig seien, und seine Befürchtung ist, daß sie den Konflikt herbeizuführen suchen, um Das würde, schreibt er, den Ueberlieferungen der englischen Politik durchaus entsprechen. Die letzte Greindlsche Depesche läuft in die Frage aus: Ich frage mich, wann Deutsch⸗ land die englische Politik durchkreuzte. Sollten es die Erinnerun⸗ gen an des Kaisers Krüger⸗Telegramm nach der Gefangennahm⸗ lands zu vernichten. Namen„verballhornisiert“. In Oberhessen heißt das Gebirge nur der Vogelsberg.“ 8. Ueber die Herkunft des Namen s gehen die Ansichten auseinander. Buchner schreibt, und Sturmfels schließt sich ihm an:„Wahrscheinlich hat die jetzt kahle, 600 Meter hohe Kuppe des Vogelsberges, 4 Kilometer nordnordöstlich von Ulrichstein, die Veranlassung zur Benennung des ganzen Gebirges gegeben.“ Sturm- fels sagt dann weiter:„Vielleicht hat auch die Kuppe der 570 Meter hohen Fugelsburg(früher Fogalesberg— Berg des Fugal, Fogal, in heutiger Form Vogel) bei dem Torfe Völzberg, 3 Kilometer südöstlich von Hartmannshain, dem Gebirge den Namen gegeben.“ Dann läge der Name eines Mannes zugrunde, der vermutlich dort im Gebiete größeres Besitztum hatte. Sturmfels meint dann weiter: „Vielleicht verdankt der Vogelsberg auch seinen Namen dem Reich⸗ tume an Vögeln, die seine herrlichen Wälder beleben.“ Welcher Bedeutung man auch immer sich zuneigen will, eines steht jedenfalls fest, zulässig ist als Name des Gebirges ausschließ⸗ lich„Der Vogelsberg“, und wir in Hessen haben nicht die mindeste Lust, uns diesen bodenständigen, alten und passenden Namen verfälschen zu lassen. Hg. * — Schopenhauer, Goethe und— die Kathe⸗ dralen. Was für wunderliche Kapriolen die Franzosen machen, um Steine zu finden, die sie gegen die bösen Deutschen werfen können, das übersteigt jetzt schon selbst die kühnsten Erwartungen. So wird jetzt in einem Aufsatze des„Temps“ Schopenhauer als Zeuge heraufbeschworen, um zu erweisen, daß die. Deutschen von alters her eine Feindschaft gegen die Baukunst haben, aus der heraus sie mit besonderer nne ihre Geschosse auf den Dom von Reims, auf die Hallen von Ypern usw. richten. Man höre und staune] Bei Schopenhauer findet sich eine Aufzeichnung, die sich mit einem Ausspruche Goethes über die Baukunst beschäftigt. 8 Art gefrorener Musik bezeich und die Ansicht vertreten, daß sie in ihren Wirkungen viele Aehnlichkeit mit der Mufik aufweise. Schopenhauer hat an dieser Auffassung Goethes Anstoß genommen. Für ihn stand die Baukunst viel mehr unter allen Künsten am niedrigsten, weil sie an den Stoff gebunden sei und sich nur mit Mühe über den bloßen Nützlichkeits-Zweck zu erheben imstande sei. Die Analogie zwischen der Symmetrie in der Baukunst und dem Rhythmus in der Musik schien ihm nur äußerlicher Art zu sein. Die Musik hat er bekanntlich als die höchste, als die absoluteste aller Künste verehrt, die uns allein das wirkliche Sein und innerste Wesen der Welt offenbare, während er die Bankunst an das andere Ende der Stufenleiter der Künste gestellt sehen wollte. Offenbar geht nun die Verschiedenheit der Ansichten Goethes und Schopenhauers in erster Linie auf eine Verschiedenheit ihrer persönlichen Geistesverfassung zurück: Goethe hatte im höchsten Maße das„äußere Gesicht“ e wie es die Griechen ö * l e 0„Kaiser Wilhelms in Tanger und der darauffolgende Sturz Delcassés in England einen wahren Sturm der Entristung hervorxief, zeigen 3 3 hin. England lasse keine Gelegenheit N scheint. Der von Deutschland geführte Dreibund 8 9 um die Kriegs- und Handelsflotte und damit den ganzen auswärtigen Handel Deutsch⸗ 5 85 5 1 9 von Jameson und seinen Kumpanen gewesen sein? Aber das ist lange her. Auch sollte man in London nicht vergessen, daß es sich um eine Rauberbande handelte, die zwar unter der Hand von englischen Regierung organisiert, aber von dem offiziellen Eng⸗ land verleugnet wurde. 5 Das sind bittere Wahrheiten, die durch den Mund dieser ge⸗ wiß unparteiischen Quellen England gesagt werden. Das Funda⸗ ment unseres guten Rechtes und des Unrechtes unserer Gegner findet hier neue seste Stützen. Die Argonnenkämpfe vom 20. Juni bis 2. Juli. II. Aus dem Großen Hauptquartier wird uns geschrieben: An der von Binarville nach Vienne le Chäteau führenden Straße ist das Gelände übersichtlich, der Wald ist ziemlich licht und zudem im Lauf der Zeit derartig zerschossen, daß hier die in drei Terrassen übereinanderliegenden, französischen Gräben deut⸗ lich zu sehen sind. Der vorderste Graben war etwa 100 Schritt von der deutschen Stellung entfernt. Weiter nach Osten wird der Wald außerordentlich dicht, Dornengestrüpp und dickes Unter⸗ a ls bedeckt den Boden, man kann kaum 10 Schritte weit sehen. Die deutsche und französische Kamyfstellung waren hier durch ein kleines Tal getrennt, dessen Sohle nicht einzusehen war. Auf der 5 1 Front dieses Abschnittes hatten Patrouillen festgestellt, daß die Franzosen im Talgrunde ein 30 Meter breites Hinder⸗ nis angebracht hatten, bestehend aus einem Gewirr von Stachel⸗ draht, einer Wand aus Drahtmaschen und einem breiten Wasser⸗ graben. Jenseits dieses Hindernisses auf halbem Hang befand sich im dichten Unterholz die französische Hauptstellung, mehrere hinter⸗ einanderliegende Gräben mit starken Eindeckungen, Blockhäusern und Maschinengewehrständen. Außerdem hatte der Feind diesseits des Drahthindernisses in Postenlöchern und einzelnen Sappen⸗ köpfen kleinere Abteilungen bis nahe an die deutsche Stellung vorgeschoben. 5 Ruhig und klar bricht der Morgen des 20. Juni an. Hüben und drüben ist heute alles früher munter als sonst: Bei den Deutschen in Erwartung des bevorstehenden Kampfes, bei den FPranzosen, weil sich im Morgengrauen gerade die Regimenter 55 und 255 in der vorderen Linie ablösen. Punkt 4 Uhr vormittags öffnen die deutschen Batterien ihr Feuer. Etwas später beginnt das Schießen der Minenwerfer. Von Stunde zu Stunde steigert sich die Heftigkeit des Feuers; die Wirkung des Artillerie- und Minenfeuers ist verheerend. Beim Feinde drängt sich alles in den Unterständen und eingedeckten Teilen der vordersten Linie zusammen, denn weiter rückwärts legt die deutsche Artillerie mit ihrem rasenden Feuer über die Verbindungslinie eine Sperre, die so leicht kein Mensch lebend durchschreiten kann. In den deutschen Gräben werden die letzten Vorbereitungen getroffen: Hunderte von Sturmleitern zum Erklimmen der vorderen Grabenwand stehen bereit, die Bajonette werden aufgepflanzt, jeder legt sich seine Handgranaten zurecht, die Pioniere sind mit Drahtscheren und mit Gerät zum Ueberwinden der Hindernisse ausgerüstet. Alle Uhren sind auf die Sekunde gleich gestellt. Um 8 Uhr 30 Minuten rmittags wird das Artillerie- und Minenfeuer bis zur letzten, ößten Heftigkeit gesteigert, und dann— um 8 Uhr 50 Minuten ittags,— bricht auf der ganzen Front der Sturm los. Fort- gerissen von glühendster Begeisterung und dem todesverachtenden Willen zum Siege stürzen sich die braven Leute auf den vordersten 3 Graben. Ohne selbst zu wissen, wie, durchbrechen ste im Handumdrehen das Drahthindernis. Viele bleiben im tacheldraht hängen, zerfetzen die Kleider, fallen hin, springen wieder auf, und weiter gehts, den seuerspeienden Blockhäusern 25— 5 Zur gleichen Zeit hat die Artillerie ihr Feuer weiter nach rückwärts verlegt. Zu beiden Seiten der Straße nach Vienne le Chateau gelingt der Sturm am schnellsten, hier hat das vor⸗ itende Feuer am furchtbarsten gewirkt, in einem einzigen Anlauf werden die drei französischen Gräben und die Wagen- arrikade drüben auf dem nächsten Höhenrücken genommen, die sten Offiziere und etwa 100 Mann fallen in den genommenen äben und Unterständen den Siegern als Gefangene in die Hände. dichten Walde geht es langsamer vorwärts: Hier kommt es im dersten französischen Graben zu einem heißen, erbitterten Nah⸗ pf. Jedes Maschinengewehr, jedes Blockhaus, jede Schießscharte, Unterstand muß hier einzeln angegriffen und genommen den. Unsere Leute vollbringen in dem ihnen unbekannten abengewirr, mitten zwischen den Hindernissen, im Kampf gegen en unsichtbaren wohlgedeckten Feind, Heldentaten voll Kalt⸗ lütigkeit und Todesmut. Ein Trupp Württemberger mit ihrem arferen Führer, Leung N ac sich trotz des heftigsten von allen Seiten auf sie nieder⸗ prasselnen Feuers oben auf das Dach und machen mit Revolver⸗ chüssen und Handgranaten durch die Schießscharten die Besatzung d ihr Maschinengewehr unschädlich. Von einem Nachbargraben zu Tode getroffen, fällt der heldenhafte junge Offizier. Eine kleine Abteilung stürmt bis weit in die feindlichen rückwärtigen Stellungen hinein, verliert aber die Verbindung mit den Kame- raden und wird abgeschnitten. So sind es oft gerade die Tapfersten, die im Drang nach vorwärts allzuweit vorstürmen und dann dem inde in die Hand fallen. An einer anderen Stelle des Labordoͤre— es, an der der Sturm auf ganz besonders starke Hindernisse und Befestigungen stößt, gelingt es Leutnant Walker, mit einer mpagnie in ein schmales Stück der feindlichen Stellung ein⸗ zudringen. Von vorne und beiden Seiten durch weit überlegenen Feind eingeschlossen, ohne rückwärtige Verbindung zu seinem Ba- taillon, hält er sich stundenlang im rasendsten Feuer. Endlich um 8 abends brechen aus beiden Flanken neue Kompagnien zu todesmutigen Kameraden durch. Alles, was sich in den stellt, bird niedergemacht oder gefangen genommen. Ebenso heiß und blreig tobt der Nahkampf im östlichen Teil des Labordsre⸗ Werkes. Zwei der tapfersten jungen Führer, Leutnant v. Spindler und Fähnrich Kurz, vom Infanterie-Regiment„Kaiser Wilhelm“ Nr. 120, gelingt es, mit wenigen Leuten in den feindlichen Graben hineinzuspringen und ihn nach rechts und links aufzurollen. Beide ssen ihren Heldenmut mit dem Leben bezahlen. Ihr gutes deutsches Blut ist nicht umsonst geflossen. Als es Abend wird, sind e eee eee eee ee ee eee eee eee eee: 8 hatten, während Schopenhauers Geist nach innen gerichtet war. as folgert nun der Mitarbeiter der„Temps“ hieraus? Er er⸗ kennt in der Geringschätzung der Baukunst bei Schopenhauer eine a rr aus der die angebliche deutsche Feindschaft gegen ie Baukunst zu erklären sei. Dabei bekennt er selbst, daß man Schopenhauer wahrhaftig nicht als einen Vertreter des Pan- ermanismus bezeichnen könne; sehr behutsam aber weicht er der itzlichen Frage aus; warum man dann nicht lieber Goethe in böherem Grade als Schopenhauer als Vertreter des deutschen Tenkens ansehen soll. Daun müßte man freilich auf eine besondere Empfänglichkeit der Deutschen für die Baukunst, auf eine besondere N.— der Baudenkmäler durch sie schließen. Aber das würde 75 sranzosen natürlich nicht in den Kram passen, und die Logik, deren sie sich so oft, und gewiß auch nicht ohne Recht, rühmen, wird hübsch bescheidentlich in den Winkel gestellt, wenn es gilt den bösen„boches“ etwas am Zeuge zu flicken. e Eine dichterische Weltkriegprophezeiung. Am 13. Juli 1889 starb in fast sechzigjährigem Alter auf seinem Gute Stiftungstal bei Graz Robert Hamerling. Kurz vor seinem Tode hat der berühmte Dichter eine Weissagung nieder⸗ chrieben. Unter den zahlreichen Prophezeiungen, die den Welt⸗ krieg und seine Folgen vorausgesagt haben, beanspruchen die fol⸗ genden Verse dieser Weissagung ein besonderes Interesse: .„Deutsches Voll, die weite Erde wird vor dir im Staub erzittern. Denn Gericht wirst du bald halten mit den Feinden in Gewittern. Englands unberührten Boden wird dein starker Fuß zerstampfen, Ueberall wird auf zum Himmel hoch das Blut der Feinde dampfen. Und den tönernen Giganten Rußland stürzest du zerborsten, In der Ostsee reichen Landen wird der reiche Adler horsten. Desterreich, du totgeglaubtes, eh die zwanzig Jahr vergehen Wirst du stolz und jugendkräftig vor den vielen Völkern stehen, sie werden dich, erzitternd, beugend sich vor deinem Ruhm, 7 „Leutnant Sommer, erstürmen ein Blockhaus, war der größte Teil des L und die gesamten Stellun⸗ ern beider See nach Vienne le Chateau im Neft der Württemberger und der preußischen Landwehr. Mehrere heftige Gegenangrifse der Franzosen werden abgewiesen. Sieben Offiziere, 627 Mann, 6 Maschinengewehre, 15 Minenwerfer, mehr als 1000 Gewehre und viel ät, Waffen und Munition sind die Beute der Sieger. Kriegsbriefe aus dem Westen. Von unserm Kriegsberichterstatter. (unberechtigter Nachdruck, auch aus zugsweise, nerboten) Kloster Oelenberg. l Großes Hauptquartier, 21. Juli. Unweit von Mülhausen, bei dem Dorfe Reiningen, liegt in der oberelsässischen Ebene auf einem niederen Hügel das Trappisten⸗ kloster Oelenberg. Es ist durch eine lange Vergangenheit mit der Kulturgeschichte des Landes eng verwachsen. Im elften Jahr⸗ hundert von der Gräfin Heilwig von Egisheim, der Mutter des einzigen Deutschen, der auf dem Stuhle Petri gesessen hat, Leos IX., für Augustinex gestiftet, kam es, nachdem es die Wechsel⸗ fälle des Bauern-, der Schweden⸗ und der Franzosenkriege leidlich überstanden hatte, im 17. Jahrhundert an die Jesuiten. In der großen Revolution wurden Kirche und Kloster mit allem Reichtum an Andenken, die sie einschlossen, sinnlos zerstört. Dann erwarben die Ruinen im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts Trappisten, unter deren Fürsorge der wüste Platz wieder aufzublühen begann. Aber schon in der Revolution von 1830 erschienen Räuberbanden, die unter dem Losungsgeschrei„Freiheit und Menschenrechte“ die kaum aus den dürftigsten Anfängen herausgediehene Anstalt mit Brand und Plünderung bedrohten. Da zog einer der Patres, der frühere österreichische General von Geramb, seine alte, in mancher Schlacht pulvergeschwärzte Uniform an und stellte sich an die Spitze der ordnungsliebenden Bauern der Umgegend, die sich, Protestanten und Katholiken ohne Unterschied, mit Sensen und Dreschflegeln bewaffnet hatten, um das„Freiheits“-Gelichter zu vertreiben. Angesichts dieses Widerstandes ließen es die Blusen⸗ männer nicht auf einen Kampf ankommen, sondern zogen schleu⸗ nigst ab. Seither war dem Kloster eine Zeit ruhiger Entwicklung beschieden gewesen und dank dem Weitblick seiner Aebte und dem Fleiße sowie der vorbildlichen Lebensführung seiner Väter und Brüder kam es zu Wohlstand und großem Ansehen. Namentlich auf dem Gebiet der Landwirtschaft und des Gartenbaues leistete es Mustergültiges und wurde zum Lehrmeister für die Gegend. Außer Elsässern waren es namentlich 11 die in das Kloster eintraten. Und merkwürdigerweise hat es stets als„deutsch“ gegolten, obwohl es auch in der Zeit, wo unter Napoleon III. die gesamte elsässische Geistlichkeit ohne Unterschied der Konfession sich gegen die Verwelschung der Schul- und Kirchensprache wen⸗ dete, meines Wissens nicht mehr hervorgetreten ist als andere 8 Anstalten, die sich damals als Hochburgen der alten olkssprache bewährten. gegen hat sich 1870 das Trappisten⸗ kloster Oelenberg dadurch ausgezeichnet, daß es aus eigenem An⸗ triebe ein Lazarett einrichtete, in welchem deutsche Soldaten eine sehr liebevolle Pflege fanden. Das hat kein Geringerer als Moltke anerkannt, der das Lazarett während des Krieges besucht hat Auf sein Eingreifen ist es dann auch zurückzuführen gewesen, daß während des Kulturkampfes Oelenberg nicht aufgehoben wurde. Es war inzwischen eine stattliche Anlage geworden. Zwar ver- rieten seine Gebäulichkeiten nach außen nichts von seiner fast tausendjährigen Geschichte, aber sie waren, wenn auch in langen Zeitabständen, hintereinander erwachsen, wie es eben die Geld⸗ mittel zugelassen hatten, doch in einer strengen Einheitlichkeit zu⸗ sammengehalten. Denn die Trappisten, die reformierten Zister⸗ zienser, fühlen sich als Erben des Geistes der großen Baukünstler, welche den slawischen Osten Deutschlands missioniert und uns als Andenken daxan die herrlichen Abteien hinterlassen haben, welche sich in den kiefernumrahmten Seen der Mark Brandenburg spie⸗ geln, Streng nach alter Bauregel steht die Kirche, alle übrigen Gebäude beherrschend, nach Osten, nach Sonnenaufgang, gerich⸗ tet. Im Süden schließt sich daran das Viereck des Kreuzganges, dann die übrigen Räume, Kapitelsaal, Sakristei, Sprechsaal, Stu⸗ diensäle, Speisesäle und abgetrennt die Wohnungen der Laien⸗ brüder. Es gibt nichts Organischeres, als den alten Klostergrund⸗ riß. Und auch darin waren die Oelenberger Trappisten die wahren Erben der Mönche, die Chorin erbaut haben, daß sie die Werke der Menschenhand zu Gottes Ehre mit Schönheit schmückten. Ich kenne keine schönere neue Klosterkirche, als die erst 1905 ein⸗ geweihte des Klosters Oelenberg, die ganz in romanischem Stile ausgemalt und mit wundervollen Glasmosaikfenstern geschmückt Alles das war; denn heute ist das Kloster eine Ruine, die schlimmer zugerichtet ist, als sie nach der französischen Revolution ausgesehen haben 4 a 1„ a Während ich in Mülhausen weilte, hörte ich, daß die Fran⸗ zosen von den Vogesenhöhen aus mit weittragendem Geschütze schwersten Kalibers plötzlich begonnen hätten, ohne jeden Anlaß in das friedlich weit hinten in der Ebene gelegene Kloster hinein zuschießen. Man hatte den in Mülhausen wohlbekannten Abt gesehen, der bei der Kommandantur vorgefahren war, um für seine Ordensbrüder die Erlaubnis zur Abreise zu erwirken. Auch einzelne Patres und Brüder hatte man gesprochen, die ernst und wortkarg — das völlige Schweigegebot hat für sie der Krieg aufgehoben— das Unglück berichteten. Ich beschloß sofort, das Kloster zu be⸗ suchen, zumal mir mitgeteilt wurde, daß die Franzosen mit meh- reren eingestellten Batterien geschossen hätten und daher voraus— sichtlich ihr Zerstörungswerk bald vollenden würden. 5 Je mehr ich mich Oelenberg näherte, desto mehr fiel mir eine wahre Völkerwanderung der Landbewohner auf, die in Sonutags⸗ kleidern nach dem Kloster pilgern und ihm einen Beileidsbesuch abstatten wollten. Für die eigenartige Stellung, die das Kloster sich zu schaffen verstanden hat, ist es kennzeichnend, daß auch die evangelischen Bewohner der Umgegend aufgebrochen waren, wie man auch in Mülhausen nur Worte des ingrimmigsten Abscheus egen diese barbarische Tat der französischen„Befreier“ hören onnte. Die mitleidigen Leute kamen aber nicht an ihr Ziel. Ju hinlänglichem Umkreise waren alle nach dem Kloster führenden Straßen abgesperrt, und auch ich wurde ausdrücklich gewarnt, daß ich mich auf eigene Verantwortung in einen Bereich begäbe, der in der Zone der frauzösischen Batterien liege. Aeußerlich standen die Gebäude noch ziemlich aufrecht. Nur der mit einem großen Kreuze überhöhte Dachreiter der Kirche war vollständig von Granatsplittern abgedeckt, so daß er aussah wie das Balkengerippe eines Vermessungsgerüstes, an dem ein paar lockere Bretter im Winde klapperten. Aus dem Hofe konnte man in die beiden Schlafsäle der Patres sehen, deren Wände von zwei Granaten weggerissen worden waren. In den Außenmauern der Kirche waren ein paar Breschen. Die Mauer zu dem Klostergarten war fast ganz umgeworfsen. Aber viel schlimmer sah es innen aus. Das feine Ziergewölbe über dem Altar der Kirche war zertrümmert und lag teils auf dem Altar und teils vor ihm. Ein Volltreffer war durch die Orgel gegangen, hatte diese in einen Haufen Spaltholz verwandelt und war dann auf der Chorempore, glücklicherweise als Blindgänger, liegen geblieben. Zu der Empore konnte man nur noch unter Lebensgefahr auf einer aus allen Fugen hängenden Stiege hinauf⸗ turnen. Alle Fensterscheiben der Kirche waren zertrümmert, alle Fenster des Kreuzganges durch eine einzige Explosion hinausgebla⸗ sen worden, so daß nur noch die leeren, ballonartig auseinander geblähten Bleiperglasungen vor den Höhlen hingen. In den beiden Schlafsälen hatten die einschlagenden Granaten die harten, kistenartigen Pritschen, die den Trappisten als Bett dienen, ebenso wie die um jedes Bett gehenden Holzzellen kurz und klein geschlagen und durcheinandergeblasen. In den Studien⸗ sälen konnte keiner der Brüder sein Lesepult mehr erkennen, alles war zu Spreu und Splittern zermalmt. Das alte Bild eines beten⸗ den Heiligen, das an der Wand 55—.— hatte, war wie von Schrotschüssen durch Prellstücke des Mauersteines zerfeßzt. Der Pater Prior führte mich in seine schlichte Zelle, die bisher verschont geblieben war. Hier lagen in einer Ecke auf⸗ gesammelt die Grangtstücke, darunter eines von acht Kilo Daß nicht alles in Flammen aufging, war lediglich der Geistes⸗ lag eine weiße deutsche Kava en i blutiges Einschußloch zeigte und u hatte den einzigen Men schen 1 55 der de 4 worden war, einem Pierdeburschen, der den iere aus dem brennenden Stall zu retten, mit dem Lel t büßen müssen.. 5 0 165 Ein trauriges Bild der Verwüstung bot die wertvolle Kloster⸗ bücherei dar. Zwar waren die kostbarsten Handschriften recht⸗ zeitig gerettet worden, doch war noch Unersetzliches genug 155. Grunde gegangen, da die Franzosen diesen Raum mit Bran 8 bomben beschossen und die Bücher sofort Feuer gefangen hatten. gegenwart einiger Soldaten der Stallwache zu verdanken, welche mitten im Granatenhagel in den Raum eingedrungen waren und die brennenden Bände durch das Fenster in den Hof geschleudert hatten. Nun wax man eifrig damit beschäftigt, den Rest der Kostbarkeiten zu bergen. g Die Patres und Brüder hatte ein gutes Geschick bewahrt. Die Granaten in dem Schlafsaal, die keinen lebend übrig ge⸗ lassen hätten, waren eine knappe halbe Stunde vor Schlafenszeit angekommen. In die Kirche war mitten in der Morgena geschossen worden. g 8 Nun waren die Patres abgereist, um sich in 1 Klöstern ein Unterkommen zu suchen Nur der Pater Prior und der Pater Scheffner sowie einige Laienbrüder waren zurückge⸗ blieben, um die wertvolle Ernte des Klosters zu bergen. Für sie hatte die deutsche Militärverwaltung bombensichere Unter⸗ stände unter der Erde bauen lassen, in die sie sich bei einer neuen Beschießung flüchten konnten. Denn eine solche wurde stündlich A kater bet hiez, Serbe Bic ee nd leider iese r g nicht g 2 war kaum nach Mühlhausen zurückgekehrt, als ich nahe Granateneinschläge in schneller Folge vernahm und hörte, daß Kloster Oelenberg brenne. 8 tit 75 schweren Granaten, zugleich aus drei Batterien, die Franzosen das Kloster in Trümmer geschossen. Hier gibt es keine Ausrede, keine Entschuldigung. Dies ist eine verbrecherische Freveltat, für die kein militärischer Vorwand vorlag. Es ist der alte französische Geist, der hier gewaltet hat, derselse Geist, der die blühenden Abteien und prangenden Schlösser der Vogesen in den Raubkriegen Ludwigs XIV. in Ruinen verwandelt bat, jener echt französische Hunnengeist, der darauf ausgeht, Ge⸗ biete, die er nicht gewinnen kann, in Wüsteneien zu verwandeln, jetzt die ihm erreichbaren Teile des Oberelsaß, wie ehedem die Pfalz und die Ufer des Rheins. W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter. Vermischtes. Lynchjustiz auf den Wochenmärkten. Man schreibt uns: Die übertriebenen Preissorderungen, denen die deutsche Hausfrau in der letzten Zeit vielerorts auf den Wochen- märkten begegnet und die bereits Gegenstand lebhafter Erörterungen in der Presse geworden sind, haben hier und da bei temperament⸗ vollem Publikum zu Maßnahmen eigenartiger Selbsthilfe geführt. So kam es jüngst in Erfurt auf dem Markte zu einem großen Skandal zwischen Käufer und Händler, der fast in Tätlichteiten ausgeartet wäre, wenn nicht die Hand der Obrigkeit rechtzeitig eingegriffen hätte. Die Erfurter sind sehr schlecht auf ihre„Höken“ zu sprechen, was auch nicht wundernimmt, wenn man erfährt, daß die Hausfrauen, die angesichts der ganz unverhältnismäßig hohen Preise nicht kausen wollten, gelegentlich Liebens würdigkeiten einstecken mußten wie:„Ihr sollt nur froh sein, daß Ihr Über⸗ haupt noch was zu fressen kriegt!“ Ein nicht alltägliches Bild konnte man vor kurzem auch auf dem Wochenmarkte zu Gera beobachten. Dort forderte eine sich besonders anmaßend gebär dende Bäuerin von einem Herrn einen offenbaren Wucherpreis für ein Stückchen Quarkkäse. Der Käufer verzog keine Miene, bezahlte wortlos den verlangten Preis und ließ sich den Käse geben, um ihn im nächsten Augenblick— der Verkäuferin ins holde Antlitz zu schmieren. Der Vorgang erregte eine gewaltige Heiterteit, der sich selbst ein gestrenger Hüter des Gesetzes nicht entziehen konnte, so daß er der keisenden Bäuerin mit dem Käsegesicht noch obendrein einen Verweis erteilte. Ein Fall ganz besonders gewaltsamer Justiz aber trug sich in Schweinfurt zu, wo sich die Käufer namentlich von den Butter- und Eierhändlern derart übervorteilt hielten, daß sie kurzerhand einen vernichtenden Angriff auf die Marktvorräte unternahmen. Es entwickelte sich eine richtige kleine Schlacht. Man bewarf die Verkäufer mit den Eiern, und große Klumpen Butter flogen wie Geschosse durch die Luft. Erst alt die Polizei mit eiserner Faust eingriff, gelang es, die Ruhe wieder her- zustellen. Große Mengen Butter und viele Hunderte von Ciern aber bedeckten das Kampfgefild, ein Anblick, der allerdings kaum geeignet war, die blindwütige Vernichtung unserer wertvollsten Nahrungsmittel als den rechten Weg zur Ausrottung des Markt- wuchers erscheinen zu lassen. Märkte. Jo. Wiesbaden, 29. Juli. Heu- und Strohmarszt. Bezahlt wurde sür Heu(altes) 5,00— 5,80 Mk., Heu(neues) 0,00 bis 0, Mk., Stroh(Richtstroh) 2,80—0,00 Mk., Krummstroh 2,30 Mk. Alles für 50 Kilo. Die Ausuhr wurde flott abgesetzt.— Frucht- markt. Auf dem heutigen Markt war nichts angefahren. —— Kirchliche Nachrichten. Israelitische Religionsgemeinde. N Gottesdienst in der Synagoge(Süd-Anlage). Samstag. den 31. Juli 1915. 6 Vorabend: 7.45 Uhr. Morgens: 8.30 Uhr. Nachmittags: 4.00 Uhr. Sabbatausgang: 9.05 Uhr. —————— K.———ͤ——ͤ—ͤ—— Monatl. Uebersicht der Todesfälle in der Stadt Gießen. Monat Juni 1915. ö Einwohnerzahl: angenommen zu 32 90(inkl. 1600 Mann Militär). terblichkeitsziffer: 28,40%,, Nach Abzug von 37 Ortsfremden: 15,00. Er Kinder Es starben an 5 5. N ar Zul. wachsene im! 1b. 0 Altersschwäche 6(I) 6(I)—— Masern 1—— 65 Diphtherie 2(2) 155 17 2(0 Keuchhusten 1— 1— Wundkrankheiten 1 K—* Tuberkulose der Lunge 7(2) 7(2)—— 5 Tuberkulose anderer Organe 4(2) 2(2)— 2 Lungenentzündung 5(3) 402) 10)— Influenza 1 1— 8 angeb. ererbter Syphilis 1— 1— anderen Krankheiten der Atmungsorgane 1 1—— Krankheiten der Kreislauf- organe 5 5(8)—— Gehirnschlag 7(1 7(1)—— anderen Krankheiten des Nervensystems 5() 2(1)— 9 Magen- und Darmkatarrh 1(8)— 100— anderen Krankheiten der Ver- dauungsorgane 6(4 5(3)— 10) Blinddarmentzündung 2(J) 2(I)—— Krankheiten der Harn- organe 4(2) 402—— Krebs* 460 463—— anderen Neubildungen 2(2) 2(2) 5— Selbstmord 2() 2()—— Verunglückung 5(3) 5(3)—— anderen benannten Todes- ursachen 5(50) 65(5)— 1 Summa. 78(7 65(% 1% J Anm.: Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viel 0 der Todesfälle in der betreffenden Krankheit 74 nd — des Ostens nennen, zweites deutsches Kaisertum...“ 3 1 2 4 die meisten von giftigen Gasen gelb angelaufen. Auf ihnen N 5 auf irts nach Gießen gebrachte Kranke kommen. 1 5 1 2 8 e f— 2 8 * 1— 2 S 8 1 2—— b 3 b E 7—— 12 87 7 8— 3 f f 8—— 11 2 9 5 5 — 3 3—————— K 0 8 5——— 5—— . 8 5 3 2—— —— 2 12 2 2. 2 2 ö——. 2—— 4* N 0— 88. 1—— 1— r* 9— 2 2 5 b 5 16— 2 J N 2 2 8 5 2 1 4 — 7— 8—* 4„— 8 1— b S 5— * ö—— 8 4—* f N 8 18* 1— 8 5 8— 2 388 78„58 8 ———————— a 2 e 7 5— 8 5 ——*—— 2 8 2 5 7 5 4— 1 28— 8 E 5 8 . 7 4 1= 4 14 2—— 5 2 —— 5 . f— 4 3 — 8 3 1 8 8 —.— 9 S 5 1 2 0— 8— 7 . 2 5 2 1 0— 3 1.5 5— 8 5 2 2 5 8 8 1— —— 2 2— 2— J— 2 8 8 8— 98 14.—— 2— 0——— 2 8 2 2 7— 5 1— 5 5 2 4 5 4 8 5 S 2 i 5 3 — 3 9 2——— 8*— 2 2 2 28 77—— 5 g * 2— ö*. 3= 2 8 7———— 7 ——— 8*———— 83 223—— 5 2* 2 4 52————— 2 3 S8— 2——* S— 2 2— *.— 8— 8 2 2 8 2 2 8 5——— 2 2 8„ 8— 8 1 5 2 —— f—. 5 f 8 N g 2 7 Sr 1 2 2— 3 2 S — 5 85 5— 5 2 222— 5—— 2—*— 2 85 8 4 8 2 5 2 2 — 4 6— 4— 1——— 2 5 98 2* 2— 8 6 8 2 5*—— ö 5*— 8——— 2 6 2— 2— 8 —— 2 8. 2 f— a 2— 6 0 2.5 1 8 5 5— — 5 2— 1 2—— De*— 2 8 K 0. 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