— 1 Erstes Blatt Der Sleßener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags.— Beilagen: viermal wöchentlich Sleßener Famillenblätter; weimal wöchentl. Kreis: latt für den Kreis Gießen (Dienstag und Freitag): zweimal monatl. Land⸗ wirtschaftliche 8 Fernsprech-Anschlüsse: für die Schriftleitung 112 Verlag, Geschästsstelled l Adresse für Drahtnach⸗ richten: Anzeiger Gießen. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vormittags 9 Uhr. r e 165. Jahrgang Gießener Anzeiger General⸗Anzeiger für Oberhessen Rotationsdruck und verlag der Brühl'schen Univ.⸗Buch⸗ und Steindruckerei R. Lange. Schriftleitung, Geschästsstelle u. druckerei: Schulstr. 7 Freitag, 22. Januar 1015 ZJezugsvreis: monatl. 75 Pf., viertel jährl. Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatl. 65 Pf.; durch die Post Mk. 2.— viertel jährl. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15 Pf., ausw. 20 Pf.— Haupt⸗ schristleiter: Aug. Goetz Verantwortlich für der politischen Teil und das Feuilleton: Aug. Goetz, für Stadt und Lanb, Vermischtes und Ge⸗ richtssaal: Otto Braun; für den Anzeigenteil: H,. Beck, sämtlich in Gießen. Wechsel im Kriegsministerium. Aeußerungen des Generals v. Moltke. „(WTB Großes Hauptquartier, 21. Jan. vor⸗ mittags.(Amtlich) Westlicher Kriegsschauplatz. Zwischen der Küste und Lys fanden auch gestern nur Artil⸗ leriekämpfe statt. l Der vorgestern von uns ben bei Notre Dame verloren.. Nordwestlich Arras griffen die Franzosen beiderseits der Chaussee Arras Lille wiederholt an, wurden aber zu⸗ rückgeschlagen. Südwestlich Berry au Bac wurden den Franzosen zwei Schützengräben abgenommen, die trotz lebhafter Gegen— angriffe von uns behauptet wurden. Französische Angriffe gegen unsere Stellung südlich St. Mihiel wurden abgewiesen. Nordwestlich Pont⸗A⸗Mousson gelang es, einen Teil der uns vor drei Tagen entrissenen Stellungen zurück⸗ zunehmen. Unsere Truppen eroberten dabei vier Geschütze und machten mehrere Gefangene. Um den Rest der verloren gegangenen Stellung wird noch gekämpft. In den Vogesen nordwestlich Sennheim dauern die Kämpfe noch an. i Oestlicher Kriegsschauplatz. In Ostpreußen ist die Lage unverändert. . Ein kleineres Gefecht östlich Lino verlief für uns gün— stig. 100 Gefangene blieben in unserer Hand. Im Gelände westlich der Weichsel, nordöstlich Borzi— mow schritt unser Angriff fort. Ein russischer Angriff westlich Lopuszno, südwestlich Konstie, wurde abgeschlagen. Oberste Heeresleitung. *. Es hatte einigermaßen überrascht, daß General von Falkenhayn bei seiner Ernennung zum Nachfolger Moltkes auch das arbeitsreiche Amt des Kriegsministers beibehielt. Es hatte sich dabei nur um ein Provisorium sehandelt. Falkenhayn selbst hat, wie es in der amt⸗ ichen Meldung heißt, nunmehr darum gebeten, ihn vom Amte des Kriegsministers zu entbinden. Beim Wechsel in so hohen militärischen Aemtern in— mitten einer furchtbar bewegten und drängenden Zeit walten gewisse Besorgnisse, die im vorliegenden Falle jedoch nicht gehegt zu werden brauchen. Wer noch nie Kriegs- minister gewesen ist, muß sich in das Amt einarbeiten. Ebenso liegt die Sache beim Posten des Generalstabschefs. Herr v. Falkenhayn hatte, als er diese Stellung übernahm, durch enges Zusammenarbeiten mit seinem Vorgänger die erforderlichen Erfahrungen wohl gesammelt, um die Kon— tinuität der Entschließungen verbürgen zu können. Höchst wahrscheinlich hat er danach den neuen Quartiermeister Wild v. Hohenborn als kommenden? Kriegsminister zu seinem nächsten Arbeitsgenossen gewählt. Beide Herren sind einander nicht unbekannt, und auch das deutsche Volk weiß, daß sie beide in parlamentarischen Fährnissen ihren Mann gestanden und sich als höchst willenskräftig und befähigt erwiesen haben. So setzen uns die Persönlichkeiten der neuen Männer und die Art ihrer Erwählung über alle die Be— denken hinweg, die man in ähnlichen Fällen, z. B. unter französischen Verhältnissen, wo Ehrgeiz und Parteiherrsch— sucht die Leitern zur Macht sind, wohl hegen müßte. a Es trifft sich zufällig und gut, daß der frühere verdiente Generalstabschef v. Moltke, der jetzt in Berlin die Stell- vertretung Falkenhayns übernommen hat, sich einem Ber— liner Schriftsteller gegenüber über die Kriegslage geäußert hat. Es geht daraus hervor, daß keinerlei Verstimmung in den leitenden Kreisen herrscht. Herr v. Moltke versicherte mit Bestimmtheit: wir werden siegen! Und er hat somit das höchste Vertrauen in die neue Leitung der Feldheere. Wir eben die interessanten Ausführungen des Generals mit Erlaubnis der Zensurbehörde nachstehend wieder. Darin finden sich auch über den Ausbruch des Krieges wertvolle Aufschlüsse, und es wird namentlich dargetan, daß es dem Kaiser außerordentlich schwer geworden ist, das Schwert zu ziehen, und daß er es erst getan hat, als die Feinde durch genommene Schützengra⸗ de Lorette ging heute nacht wieder ihr hinterlistiges Verhalten ihn dazu gezwungen hatten. Auch der Reichskanzler, Herr v. Bethmann⸗ Hollweg, hat in Berlin einem Vertreter der„Associated Preß“ gegenüber, ein erfreuliches Lebenszeichen gegeben. Er hat, wie wir einem Bericht der„Frankf. Ztg.“ entnehmen, sich über die Art und Weise geäußert, wie die deutsche In⸗ dustrie sich dem Kriege anzupassen gewußt habe. Der eng⸗ lischen und französischen Kabelzensur, die in Amerika so falsch die öffentliche Meinung beeinflußt hat, wurden einige Worte gewidmet, und in Bezug auf die Schlacht von Tannen— berg, die im Auslande wenig bekannt geworden ist, fiel der Kanzler schnell ein:„Eine der größten Schlachten der Welt— eschichte, eine der größten! Die größte, darf ich wohl agen.“ Im übrigen hat der Kanzler seinem Besucher nur wiederholt, was oft ausgesprochen worden ist. Die Gefühle der Deutschen gegen die Amerikaner seien freundschaftlich und würden es bleiben. 5 * 4* Ein neuer Kriegsminister. (WTB.) Gerlin, 21. Jan.(Amtlich.) Die„Nord- beutsche Allgemeine Zeitung“ meldet: Kriegsminister und Chef des Generalstabs des Feldheeres v. alkenhayn ist unter Beförderung zum 44 77 5 8 [der Infante⸗ rie auf sein Ansuchen hin von der Stellung als Kriegs— minister enthoben worden. Generalmajor Wild von Hohenborn ist unter Beförderung zum Generalleutnant zum Staats- und Kriegsminister ernannt worden. Die an General von Falkenhayn gerichtete Aller- höchste Kabinettsorder lautet: Ihren für die Neubesetzung des Kriegsministeriums mir vorgetragenen Gründen kann ich mich nicht verschließen und ent⸗ hebe Sie daher Ihrem Wunsche gemäß von dem Amte als Staats⸗ und Kriegsminister. Meiner warmen Anerkennung Ihrer auf diesem wichtigen Posten geleisteten vortrefflichen Dienste will ich dadurch Ausdruck geben, daß ich Sie unter Belassung in der Stellung als Chef des Generalstabes des Feld⸗ heeres hierdurch zum General der Infanterie befördere. Großes Hauptquartier, 20. Jan. gez. Wilhelm R. Gleichzeitig wurde Generalmajor Wild von Hohenborn unter Beförderung zum Generalleutnant zum Staats- und Kriegsminister ernannt. Er verbleibt auf Allerhöchsten Be— fehl im Großen Hauptquartier.— Die Leitung der Heeres— verwaltung im Heimatsgebiet nimmt auch weiterhin Gene— ralleutnaut v. Wandel wahr. Als General v. Falkenhayn mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Chefs des General— stabes des Feldheeres an Stelle des erkrankten General- obersten v. Moltke betraut wurde, harrten noch wichtige, im Verlaufe der ersten Kriegszeit aufgetauchte Fragen or— ganisatorischer und technischer Art der Klärung. Ein Wechsel in der Besetzung der Stelle des Kriegsministers im Großen Hauptquartier war daher damals noch nicht angängig. Ein solcher ist heute unbedenklich geworden. Es ist deshalb eine getrennte Besetzung der beiden Stellen erfolgt. Sein Nach— folger als Kriegsminister, Generalleutnant Wild p. Hohen⸗ born, gehörte dem Kriegsministerium als Direktor des all— gemeinen Kriegsdepartements an. Im Felde befand er sich zuerst als Kommandeur der 30. Division, dann vom 27. No⸗ vember 1914 ab als Generalquartiermeister. General Wild von Hohenborn ist in Kassel als Sohn des Obermedizinalassessors Dr. Wild geboren. Er hat einen großen Teil seiner militärischen Laufbahn im Generalstab absolviert. Vor seiner Berufung ins Kriegsministerium war er Generalstabs⸗ chef eines Korps. 8. 5 3 *** Soissons von den Einwohnern geräumt. Paris, 21. Jan.(WTB. Nichtamtlich.) Dem„Petit Parisien“ zufolge ist Soissons auf Anordnung der Mili— tärbehörde von den Einwohnern geräumt worden. England und der Angriff unserer Luftschiffe. Berlin, 21. Jan.(WDB. Nichtamtlich.) Nach den bis— herigen Vorgängen kann es nicht wundernehmen, daß die Regierung und die Presse Englands den Angriff un⸗ serer Luftflotte auf die englische Küste nicht unbenützt vorübergehen lassen, ohne in den schwersten Beschuldigun⸗ gen gegen die deutsche Kriegführung sich zu ergehen und sie der Barbarei zu bezichtigen. In der ganzen Welt wird dies verkündet, in zahlreichen Punktstrichen über das Meer geschickt und in die entferntesten Teile der Erde gekabelt. Dabei ist an alledem nichts weiter dran, als daß unsere Luft⸗ schiffe, um zum Angriff auf den befestigten Platz Great Yar⸗ mouth zu gelangen, andere Plätze über flogen, aus denen sie nachgewiesenermaßen beschossen wurden und deren Angriffe sie durch Abwerfen von Bom— ben erwiderten und zwar bei Nacht und bei nebligem und regnerischem Wetter. Hat diese Nation, deren Flug⸗ zeuge am hellen Tage über der offenen Stadt Freiburg i. B. Bomben abwarfen, deren Schiffe wiederholt offene Städte wie Daressalam und Viktoria(Kamerun) und Swakop— mund beschossen, ein Recht, den Entrüsteten zu spielen, eine Nation, die kein Mittel scheut, ungeachtet völkerrechtlicher Auffassungen der Neutralitätsbestimmungen ihre Absichten durchzuführen? Der Luftangriff ist ein anerkanntes Mittel moderner Kriegführung, sofern er sich innerhalb der all— gemeinen völkerrechtlichen Grundsätze hält. Unsere Luft⸗ schiffe haben sich innerhalb dieser Grenzen gehalten. Die deutsche Nation ist durch Großbritannien gezwungen wor— den, um ihr Leben zu kämpfen. Sie kann nicht gezwungen werden, auf irgend ein Mittel legitimer Selbstverteidi⸗ gung zu verzichten und wird auch nicht darauf verzichten im Vertrauen auf ihr gutes Recht. Wien, 21. Jan.(WTB. Nichtamtlich.) Die„Neue Fr. Presse“ bezeichnet den jüngsten Angriff der Zeppeline gegen England als eine der glänzendsten Kraftproben der Dreadnoughts der Luft. Jetzt sei es ihnen gelungen, den Engländern wieder einmal vor Augen zu führen, wie angreifbar ihre so sicher gehaltene Insel ist. Der alte Graf Zeppelin sei herzlich zu bewundern und zu beglück⸗ wünschen, daß er es erlebte, wie die Erzeugnisse seiner Erfindungsgabe im Kriege dem deutschen Volke den größ⸗ ten Dienst leisten und den Feinden Deutschlands Verderben bringen. Aus der französischen Kammer. Lyon, 21. Jan.(WTB. Nichtamtlich.)„Progrés“ be⸗ richtet aus Paris: Die Kammer nahm gestern einen Regierungsantrag auf Pensionierung der Staatsbeamten an, die während des Krieges vor dem Feinde fallen. „Progres“ meldet weiter aus Paris: Etwa 100 mobilisierte Abgeordnete sind gestern zu einer Beratung zusammen⸗ getreten, um eine Lösung zu finden, wie sich ihre militäri⸗ schen Pflichten mit den parlamentarischen vereinigen lassen. Die Konferenz gelangte zu kelnem Ergebnis. Ein Beschluß wird später gefaßt werden. Paris, 21. Jan.(WTB. Nichtamtlich.) Der„Matin“ berichtet: Die sozialistische Kammergruppe be⸗ schloß, 21 Unterausschüsse zu bilden, von denen sich jeder mit einer besonderen Frage zu befassen hat. Der Sekretär der Sozialistengruppe wurde beauftragt, den Kriegsminister zu veranlassen, eine Liste aller Armeelieferanten sowie der Art der von der Heeresverwaltung mit diesen abgeschlosse⸗ nen Verträge zu veröffentlichen. Die Unterausschüfse, die vom Budgetausschuß mit der Prüfung der von der Armee⸗ verwaltung abgeschlossenen Käufe für Heereszwecke beauf⸗ tragt sind, haben beschlossen, das Kriegs- und Marine⸗ Ministerium um Bekanntgabe aller Aktenstücke und Rech⸗ nungsbelege über die seit der Mobilmachung abgeschlosse⸗ nen Käufe zu ersuchen. * 3* Der österreichisch-ungarische Tagesbericht. Wien, 21. Jan.(WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: 21. Jan. mittags: Die Situgtion ist un⸗ verändert. An der ganzen Front nur stellenweise Geschützkampf. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes v. Höfer, Feldmarschalleutnant. ö Wien, 21. Jan.(WTB. Nichtamtlich.) Aus dem Kriegs⸗ pressequartier wird gemeldet: Feldmarschall Erzherzog Friedrich besichtigte in den letzten Tagen die braven Truppen der ersten Armee. Die hierbei gewonnenen Eindrücke waren über⸗ aus befriedigend. In dem ganzen Etappenraume herrscht m u ste r⸗ hafte Ordnung. An der Erhaltung und Wiederherstellung der Kommunikationen wird aufs Intensivste gearbeitet. Der Gesundheitszustand der Truppen ist sehr gut, die Haltung nach jeder Richtung hervorragend. Die Truppen sind durchwegs kampfesfreudig und erwarten mit Ungeduld den Zeitpunkt der neuen Offensive. Der Erzherzog ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um mit den Offizieren und Mann⸗ schaften in unmittelbare Berührung zu treten. Bei der Durch⸗ reise durch die Festung Krakau bereitete die Bevölkerung der festlich geschmückten Stadt dem Erzherzog begeisterte Ovationen, Der österreichisch⸗ungarische Thronfolger im deutschen Hauptquartier. Berlin, 21. Jan.(WTB. Nichtamtlich.) Der öster⸗ reichisch-ungarische Thronfolger: Erzherzog Karl Franz Josef ist heute nachmittag 1 Uhr 2 Min. vom 3 Bahnhof nach dem Großen Hauptquartier ab- gereist. Die Kämpfe im Kaukasus. Konstantinopel, 21. Jan.(WTB. Nichtamtlich.) Der türkische Große Generalstab teilt mit? Die Angriffe der Russen auf der Front im Kaukasus wurden auf der ganzen Linie zum Stillstand gebracht. Hungersnot und Elend in Tiftis. Konstantinopel, 21. Jan.(WTB. Nichtamtl.) Das Osmanische Nachrichtenbureau erfährt: Es bestätigt sich, daß die Bevölkerung von Tiflis die Stadt zu ver⸗ lassen beginnt, um sich in das Landesinnere zu begeben. Die städtischen Behörden haben eine außerordentliche Summe bewilligt, um die Abreise der Familien und Beamten zu er⸗ leichtern. Sowohl Tiflis wie Kars sind vollständig von der Bevölkerung geräumt. Das Regierungsgebäude, die Moscheen, die Kirche und die großen Privatgebäude sind in Lazarette verwandelt. Infolge des Steigens der Lebens- mittelpreise herrscht großes Elend. Selbst die russischen Offiziere sind überzeugt, daß Rußland den An— griffen der Deutschen im Norden und der Türken im Kau⸗ kasus nicht widerstehen kann, sondern geschlagen werden wird. Nachrichten zufolge, die aus unterrichteten osmani⸗ schen Kreisen hierher gelangt sind, versuchen die Engländer jetzt, die eingeborene indische Bevölkerung für sich zu ge⸗ winnen, indem sie ihr die bisher verweigerten Freiheiten zugestehen. Aber die Zunahme der Gärung zeigt, daß alle diese Maßnahmen, angebliche Sympathien der Engländer gegen die Inder, ungenügend sind, solange ihnen nicht eine unabhängige Verwaltung zugesagt wird. Die letzten Kämpfe am Schatt el Arab. Konstantinopel, 21. Jan.(WTB. Nichtamtlich.) Das Hauptquartier meldet: Nach Erklärungen der Gefan⸗ genen, die während des gemeldeten Kampfes am Schatt el Arab gemacht wurden, heißt das Kanonen boot, das sich unter unserem Feuer zurückziehen mußte,„Espiegle“. Es wurde schwer beschädigt und sein Kommandant, Fawler, zwei Offiziere und 17 Mann der Besatzung getötet. * ** Von der„Karlsruhe“. Berlin, 21. Jan.(Ctr. Blu.) Die„Londoner News“ melden aus San Juan auf Puertorico, daß das deutsche Kriegsschiff„Tarlsruhe“ immer noch ungehindert den Atlantischen Ozean durchfahre und im Verlauf der letzten vierzehn Tage nicht weniger als 11 Handelsschiffe versenkt habe. Lebensmittelteuerung in England. London, 21. Jan.(WTB. Nichtamtlich.) Nach dem Zu⸗ sammentritt des Parlaments am 2. Februar wird ie Arbeiterpartei an die Regierung die dringende Auf 1 8 VVV 3 4 5 b l l 7 1 1 forderung richten, schärfere Maßnahmen zur Versorgung der Bevölkerung mit ausreichenden Nahrungsmitteln zu ver⸗ nünftigen Preisen zu treffen. Die Natur der vorzuschlagen— den Abhilfe wird in einem Vericht dargelegt, der von dem Unterausschuß des nationalen Arbeiterkomitees vorbereitet und heute veröffentlicht werden soll. Er wird der Regierung pViorschlagen, alle vorhandenen Vorräte an inländischem Wei⸗ zen zum Preise von 35 bis 40 Schilling für das Quarter auf⸗ 4 zukaufen, ihn zu Marktpreisen zu verkausen, bei Erzielung eines Gewinnes dem Prozudenten eine Prämie von 5 Proz. N zu gewähren und den Rest dem Schatzamte zu übergeben. London, 21. Jan.(WTB. Nichtamtlich.)„Daily Tele- graph“ meldet aus New Pork: Der Versuch einiger Mit- glieder des Kongresses, ein Ausfuhrverbot für Weizen durchzusetzen, wird in amerikanischen Finanz— kreisen einstimmig verurteilt. Wenn ein derartiges Gesetz de ben gez würde, wie man glaubt, die demokratische Partei bei n u nächsten Wahlen eine vernichtende Niederlage er— leiden. Die Agitation ist durch das rasche Steigen der Preise verursacht worden. Nach Ansicht der Finanzkreise ist diese Preissteigerung der außergewöhnlichen Nachfrage des Aus— landes zuzuschreiben. Das Ausland soll gegenwärtig wöchent— lich 10 Millionen Scheffel kaufen. Die Kämpfe in Südafrita. Kapstadt, 21. Jan.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Die Oranjeflußlinie ist jetzt ganz in unserem Besitz. Der Feind steht jedoch in Waffen auf dem Unionsgebiet nahe der Ostgrenze des deutschen Gebietes. Eine Unterredung mit General v. Moltke. 5 Der bisherige Generalstabschef v. Moltke, der eben nach Berlin zurückgekehrt ist und augenblicklich das Amt des Chefs 5 des Stellvertretenden Generalstabes bekleidet, hat bei seiner Rückkehr einem Berliner Publizisten auf dessen Bitte eine lüängere Unterredung gewährt. Seinen Bericht leitet der Ver— fasser mit folgenden Bemerkungen ein: 0„Nach den Photographien, die vom bisherigen Generalstabs- chef von Moltke existieren, muß jedermann eigentlich den Eindruck eines robusten Natursoldaten bekommen. Aber Photographien lügen. Wir sind ja in unserem Vorstellungsleben alle von den täg⸗ 5 lich auf uns eindrängenden Suggestionen abhängig. 500 Millio⸗ nen Menschen der Erde schreit man täglich ins Ohr, eine deutsche Militärkamarilla mit Moltke habe den gegenwärtigen Weltkrieg „gemacht“. Wir wissen, daß das eine Lüge ist. Aber was un⸗ 1 lkürlich aus der Debatte über diese Frage hängen bleibt, ist * 10 halb unbewußte Vorstellung, ein Mann, über den solche r Kisernen Legenden entstehen konnten, müsse in seiner Erscheinung 5 Persönlichkeit etwas nervenlos Riesiges, elefantisch Nieder— endes haben. Dazu kommt: Moltke stand als Chef des heneralstabes an der Spitze unseres Heeres in jenen unvergeßlich rrlichen ersten Wochen des Krieges, die Wochen lauteren Sieges waren. Mit dieser Periode des Krieges, die mit ihrem jungen Ruhm im Gedächtnis unseres Volkes vielleicht immer eine der schönsten bleiben wird, ist sein Name untrennbar verbunden. Er und diese Siegeswochen sind geradezu„identisch“. Er erschien uns, da er der Verantwortliche war, als Hüne, der die Meute des an⸗ drängenden Feindes fast spielend in ihre Schlupfwinkel zurück⸗ trieb. In den aufregendsten Stunden der ersten Steigerung des Voölkerdramas stand er als ragender Antipode des unheimlichen Joffre, den die Franzosen den„schweigsamen Riesen“ nennen, da... und meisterte den„Riesen“. So etwas überträgt sich auf körperlichen Vorstellungen und läßt in einem das Bild eines „Muskelmenschen“ entstehen: massig, breit, rötlich, martialisch. Nun stieg ich, nach der Wanderung über den historischen Königsplatz mit dem bronzenen Roon und dem bronzenen Bismarck ur m kuppelleuchtenden Palast des deutschen Volkes, im Gene⸗ ralstabsgebäude die breite, dunkelrot belegte Treppe zu den Räu⸗ men des„Chefs“ empor. Auf dem ersten Treppenabsatz begegnet mir auch ein Moltke: da steht in Marmor, halb wie Cäsar, halb 4 Friedrich von Preußen, der Alte Schweiger, der dieses etzt in seinem herrlichen Bestande bestürmten Reichs Anfang mit Blut und Eisen gründen half. Fünf Minuten später„läßt Exzellenz bitten“. Zuerst, wie die Doppeltür auffliegt, ist etwas wie eine Vision über mir: der Mann, der da im Profil vor mir sit, die unbelichtete Gesichtshälfte nach der Seite der Tür, sich dann lan sam, ragend und eher hager als stämmig aus dem Schreibtischsessel emporreckt, mir ein straffes, sehniges, tiefern⸗ stes Denkergesicht zuwendet, eine lange, schmale, nervenhafte Hand zum Gruße bietet— Jönnte der nicht auch vor 45 Jahren schon * gesessen haben, genau dieselbe Erscheinung, mit genau dersel⸗ 5 adlig⸗feinen Geste, derselben Adlersilhouette? Und auch Hel⸗ a 119 v. Moltke geheißen haben? Die Aehnlichkeit in Gesicht und 2 tscheinung ist maßlos überraschend, viel überwältigender als die 5 ahnen lassen. Eine gedämpfte, dunkle, unscharfe Stimme begrüßt mich, während nun ein behutsames Lächeln den Mund, der wie die Linie eines Willens ist, flüchtig umspielt. „Sie wollen sich gewiß überzeugen,“ beginnt er scherzend, „ob ich überhaupt noch lebe, nicht wahr?“ Ich gebe zur Antwort, daß bei den Legenden, die über Se. Ex⸗ 95 in der Presse unserer Feinde im Umlauf seien, vielleicht auch schon behauptet werde, der bisherige deutsche Generalstabschef sei schon längst tot, habe sich eine Kugel durch den Kopf geschossen der dergleichen.. „und eine ausgestopfte Puppe sitzt an seinem Schreib⸗ sch.“ ergänzt der Generaloberst.„Nun, ich bin wie Sie sehen. ans lebendig. Auch meine Krankheit ist vorbei und jetzt fühle ich mich ganz gesund. Und vor allen Dingen bin ich froh, daß ich 4 7 meiner Gesundung wieder eine Tätigkeit habe aufnehmen lönnen.“ Jiedes Wort aus diesem Munde führt jenes bestimmte Eigen⸗ leben der Worte geistiger Persönlichkeiten. Dieses Mannes Gesetz ist— das spürt man nun— nicht die Faust, sondern das Gehirn; vom„Muskelmenschen“ kein Atom. Ich berichtete freimütig die 3 Ueberraschung, die mir dadurch 9 daß er so ganz anders sei, als man ihn sich nach Bildern und Erzählungen vorstelle So kamen wir bald auch über die Legenden, die die feindliche Presse über ihn in die Welt gesetzt hat, ins Gespräch: daß er das Haupt der Kriegspartei gewesen und am Entstehen des Krieges ie Mitschuld trage. Dabei nahm sein reichlich durchfurchtes Ge⸗ sicht den Ausdruck grenzenloser Verachtung an. „Niemand in Deutschland hat den Krieg gewollt. Weder ir⸗ end jemand anders, noch ich. Wir sind in einer Weise heraus⸗ efordert worden, die keine andere Antwort mehr zuließ. Wir ha⸗ ben doch wahrhaftig lange genug bewiesen, daß wir den Frieden wollten. Hatten wir nicht hundertmal bessere Gelegenheit, wenn wir losschlagen wollten? Warum, wenn wir so kriegshungrig wa⸗ ren, haben wir denn nicht während des russisch⸗japanischen Krie⸗ 2 als Rußland wehrlos war, losgeschlagen? Warum nicht, als England mit dem Burenkrieg die Hände voll zu tun hatte? Und als in Deutschland doch nichts weiter sich ereignete als ein paar 5 r für das stammverwandte Volk in Afrika! Jeßt auf einmal wird das Blaue vom Himmel herunter gelogen, um zu beweisen, daß wir den Krieg vom Zaune gebrochen haben. Hätten wir das getan, es wäre unverantwortlich, wäre ein Ver⸗ 8 ic n Denn dieser Krieg, mit einer derartigen Ueber⸗ macht, ist wahrhaftig kein Kinderspiel. Das wußte man doch vor⸗ her. Für mich war es keinen Augenblick zweifelhaft, daß England mitmachen, sich am Kriege gegen uns beteiligen würde Denn nur Englands felbstsüchtige Interessenpolitik ist es, die diesen lange von ihm vorbereiteten Krieg entfesselt hat. Die ganze belgische Frage war, ganz der Art der Engländer entsprechend, nru ein scheinheiliger Vorwand. Wenn gesagt wird, ich persönlich hätte gegenüber dem Belgierkönig in einer Unterredung einmal mit dem Kriege ge⸗ droht und das vielzitierte Wort„il faut en finir“ gesprochen, so wiederhole ich noch einmal: es ist eine glatte Erfindung. Nie habe ich ähnliches gesagt, nie an die Herbeiführung eines Krieges . 9 3 b„ CCCCCCCCCCCWGGGGGGCGGGGGGGGGGGGGGGGGWGWGGGGGGGGGGGGGGGGGGGGGGWWWWWGGW Ich bemerkte, daß es ja Wahnsinn sei, dem Deutschen Kaiser, der seit einem Vierteljahrhundert für den Frieden geroürkt habe, zuzutrauen, daß er plötzlich zu einem mutwillig herbeigeführten Kriege„Ja“ gesagt haben könne. Auch Se. Exzellenz könne, gewiß, da er doch in den letzten Tagen vor dem Kriege mit dem Kaiser zusammen war, bezeugen, wie schwer dem Kaiser der Entschluß zum Kriege geworden. Bei dieser Stelle unserer Unterhaltung schlug Moltle mit der Hand auf den Tisch und antwortete, in sichtlicher Erregung, mit erhobener Stimme: „Ungeheuer schwer ist es dem Kaiser geworden! Das kann man glauben. Haben denn die Leute nie bebacht, wie riesenhaft die Verantwortung eines gewissenhaften Monarchen ist, der das Blut seines Volkes einsetzen soll? Das tut ein Mann wie unser Kaiser nur, wenn es sich um Leben oder Sterben seines Volkes handelt. Aber wir dürfen uns darauf verlassen, daß nach dem Kriege die Wahrheit über seine Entstehung doch durchdringt. Die Weltgeschichte läßt sich keine Lügen gefallen!“ „Und nun eine Frage, Exzellenz. Ich habe mir zwar, wie Ew. Exzellenz wissen, vorgenommen, militärische Details nicht zu berühren. Aber—“ „Bitte, fragen Sie nur!“ 5.. „Also frei heraus: Wie sehen Ew. Exzellenz die Zukunft?“ Er schwieg einen Augenblick. Dann sah er mir fest und un⸗ verwandt in die Augen und sagte langsam und bestimmt: „Mir siegen a 1 Wir siegen ganz bestimmt. Und nach einer Weile fuhr er fort: l „Ich habe, draußen im Felde und hier in der Heimat genug Gelegenheit gehabt, unser Volk in Waffen und im Bürgerkleide während des Krieges zu sehen. Undefür die Haltung dieses Volkes gibt es nur ein Wort: sie ist herrlich. Wie das verwöhnte Berlin insbesondere den Krieg erträgt, das ist bewundernswert. Ein solches Volk darf nicht zugrunde gehen—. aber es lann auch nicht zu⸗ grunde gehen. Wer sagt, daß wir diesen Krieg für unsere materiellen Interessen führten, hat ihn nicht verstanden. Wir sind nicht in ihn eingetreten in der Gier nach territorialem Besitz, wir führen einen Verteidigungskrieg um die Existenz unseres Volkes und damit gleichbedeutend um die Menschheitswerte, um die Weltideale und um geistige Güter. Das ist keine Phrase. Wir dürfen heute ohne Anmaßung sagen, daß Deutschland der Träger der kulturellen Zu⸗ kunft, der geistigen Entwicklung ist. Oder soll etwa Frankreich. mit seiner ermüdeten, absterbenden Kultur, England, dessen Ideale nie über den Wunsch, reicher zu werden, hinausreichen, dieser künf⸗ tige Förderer der Menschheit sein? Von Rußland braucht man ja in diesem Zusammenhang gar nicht zu reden. Solcher Aufgaben aber muß sich unser Volk bewußt sein, und es muß wissen, daß es in diesem Krieg auch um sie geht. Der Ausgang des Krieges hängt nicht alleine von der Armee ab. Zur anderen Hälfte bestimmt das Volk selbst den Ausgang des Krieges. Die Haltung, die wir hier zuhause zeigen, wirkt durch Mil⸗ lionen Fäden zurück auf die Haltung unserer Soldaten. Das weiß jeder, der den innigen Zusammenhang unseres Volksheeres mit der Gesamtheit der Nation lennt und ich habe es jetzt erneut ge⸗ sehen. Unser Heer ist eben in vollster Bedeutung ein Volksheer, unsere Väter, Brüder und Söhne sind seine Soldaten. Die sehen nicht nur auf den Feind, sie sehen auch auf uns. Ihre Stim⸗ mung, ihre Zuversicht, ihr Mut wird nicht von Zufällen, sondern wesentlich von uns hier zu Haus mit bestimmt. Darum ergeben sich die Pflichten für jeden, der zu Haus geblieben ist. Bis jetzt hat diese Wechselwirkung zwischen Volk und Heer den Erfolg ge⸗ habt, daß die Leistungen unserer Armeen fast übermenschliche waren. Und ich kenne unser tapferes Volk gut genug, um zu wissen, daß es so bleiben wird. Wir werden einen nicht bloß ehrenvollen, sondern einen Frieden, der unser Uebergewicht voll zum Ausdruck bringt, erringen.“ 1 ö Glauben Ew. Exzellenz, daß dieser Friede bald kommen wird?. „Wir müssen sicherlich noch mit sehr viel Ausdauer durch⸗ halten. Es ist noch viel zu tun, bis wir soweit sind und wir brauchen alle unsere Kräfte— das Heer sowohl wie die Be⸗ völkerung. Es kann noch lange dauern bis zum Ende.“ „Halten Ew. Exzellenz nicht die Möglichkeit für gegeben, daß, wenn etwa jetzt im Osten ein günstiger Abschluß der Ope⸗ rationen sich ergeben wird, vielleicht mit dem Vorrücken bis Warschau— daß dann das Ende des Krieges in eine erheblich stärkere Nähe gerückt sein wird?“ a 8 „Unsere Siege ii Polen sind natürlich von größter Be⸗ deutung. Und für die Franzosen ist es eine schwere Enttäu⸗ schung, daß ihre Hoffnung auf das Vorrücken der russischen Massen so gänzlich zusammengebrochen ist. Die Fortschritte in Polen wären sicherlich noch viel schneller vor sich gegangen, wenn nicht das schlechte Wetter, die Schwierigkeiten des Bodens — nichts als Morast— und die elenden Straßen sie seit Wochen verzögert hätten Aber“— dabei lächelte Herr v. Moltke ein wenig—„wir hatten uns ja vorgenommen, nicht über militärische Dinge zu reden.“ Ich erhob mich und dankte Sr. Exzellenz. t 3 „Gott wird uns weiter helfen,“ sagte er, mir kräftig die Hand schüttelnd.„Wir dürfen die feste Gewißheit haben, daß Teutschland nicht untergehen wird. Wir werden siegen Als ich die rote Treppe wieder hinunterschritt, schien mir der marmorne Alte noch einmal so zuversichtlich dreinzusehen. „Dein Erbe, Alter, ist in guter Hand,“ dachte ich.„Magst ruhig sein——“ Uriegsbriefe aus dem Westen. Von unferm Kriegsberichterstatter. (unberechtigter Nachdruck, auch aus zugsweise, verboten. Das schöne Mädchen von Lille. Gr. Hauptquartier, am 17. Januar 1915. „Der Regen regnet jeglichen Tag“, kann man hier sagen. Denn Lille hat im Jahresdurchschnitt 170 Regentage— eine ver⸗ lockende Gegend für Schirmhändler— und ich habe niemanden getroffen, der in diesem Kriege die Stadt anders als unter strömen⸗ den Güssen gesehen hätte. Schon in St. Amand, dessen grotesk geschmackloser Abteiturm eine der verstiegendsten Katerstimmungen ist, die auf dem Weltenrund jemals in Stein verewigt worden ist, bewunderte ich die ballistische Wirkung der Pneumatiks unserer Kriegsautomobile. Denn die Spiegelscheiben der Schaufenster waren dick zugellebt mit den Schlammfaden der immerwährend durch⸗ sausenden Kraftwagen. Und wenn man sich schon einmal, auf langweiliger Fahrt, mit der Frage beschäftigt, ob diese Pepp⸗ ballistit auch ihre Rekorde aufzustellen vermag, so erlebt man in den südlichen Vorstädten von Lille die menschenfreundliche Genugtuung, daß dort die Spritzer bis an den oberen Rand der Fensterreihen des ersten Stockes reichen. Wenn man selbst vom Mützenrande bis zu den Stiefelsohlen steingrau vom Schlick der flandrischen Landstraßen angestrichen ist, daß man eine un⸗ auffällige Gastrolle als Heiligenfigur an der Reimser Kathedrale eben könnte, dann schwindet jedes Mitleid mit den korbbeladenen „ e die sich vor jedem herannahenden Kraftwagen krei⸗ schend in die Eingänge der Häuser flüchten. Man bedauert nur noch die armen Munitionskolonnen, die sich Schritt für Schritt durch diesen Morast durcharbeiten müssen, während von den Radspeichen der zähe Modder wie Kuchenteig herunterkleckt. So fuhr ich durch die Porte de Tournai, zwischen von Gra⸗ naten zerwühlten Wällen und zu Ziegelhaufen zerschmetterten Häu⸗ sern in Lille ein. Ganze Straßenreihen sind ausgebrannt und zer⸗ trümmert und in einem weiten, unabsehbaren Ruinenfelde steht nur die schöne Hauptkirche bei St. Moritz, wie durch ein Wunder gänzlich unbeschädigt. Man mußte den Eindruck gewinnen, daß die ganze Stadt durch die Beschießung und Erstürmung schrecklich f gedacht, der jast ganz Curoba dersleischen mußte.“ zerstört se. So kam ich auf die Grande Place. Da sah ich einen großen Menschenauflauf vor der„Garde“, dem Polizeigebäude, 9 4 2 8 in dessen Barockgiebel eine große Granate ein Riesenfenster 25 unarchitektonischer Gestaltung eingebrochen hat. Die chen Wachsoldaten standen in einer lebhaft nach dem Himmel deuten⸗ den Gruppe beisammen mit den im Dienst belassenen, aber ihre Uniform ohne Waffe tragenden französischen Polizisten. Immer mehr Menschen sammelten sich um sie und blickten nach oben. Und bald bemerkte ich, daß ihre Aufmerksamkeit einem Flieger galt,. der fast unsichtbar, wie eine Mücke, zwischen den Regenwolken stand. Besser als ihn sah man die kleinen Dampfballen der platzenden Schrapnells, die fortwährend weit unter dem Flieger, aber genau in dessen Richtung erschienen. Ich putzte meine Autobrille, die es schon wieder nötig hatte. und staunte nun ein wenig über das Gebaren der Einwohner. Denn offenbar betrachteten sie das Schauspiel mit jenem halb gie⸗ rigen, halb lässigen Interesse, mit dem manche Kreise der Großstadt⸗ bevökkerung einen Weltmeisterschaftsringkampf, ein Radfahrersechs⸗ tagerennen, oder in den romanischen Ländern einen Hahnenstreit und ein Stiergefecht beobachten. Nichts war von innerer Teilnahme zu erkennen. Und doch war der Flieger, was einstweilen selbst mit dem Glase nicht festzustellen war, entweder ein Deutscher, der as den französischen Artilleriestellungen heraus beschossen wurde. oder ein Franzose, der sich näherte, um über einer deutschen Truppe Bomben abzuwerfen. Auf alle Fälle hätte man annehmen müssen, daß die Liller mit allen Fibern bei diesem kleinen Stück einer Kriegsentscheidung beteiligt waren, das sie ein entgegenkommender Zufall mitten von dem belebtesten Knotenpunkt ihrer Stadt aus beobachten ließ. Auf einmal schrien ein paar Dutzend Weiber ängstlich auf. Der Flieger hatte sich plötzlich aus der Wolkenschlucht losgelöst und steuerte schnell mitten auf die Grande Place los. Die Bürger und Bürgerinnen flüchteten in die Häuser. Der Platz war in einer Sekunde wie ausgesegt. Nur die deutsche Wache, die ihre Gewehre fertig eee hatte und die französischen Poli⸗ zisten, die wohl seit Wochen das Empfinden haben mögen, auf einem verlorenen Posten auszuharren, blieben ruhig beobachtend stehen. Es ist, besonders wenn man die Wirkung der Flieger⸗ bomben aus der Nähe 2 hat, immer ein eigenartiges Emp⸗ finden, den unheimlichen Menschenvogel senkrecht über sein Haupft schwirren zu sehen. Aber man weiß dann auch, daß vor den Zufällen des Bombenfalles ebensowenig eine Flucht hilft, wie vor Regen- und Hagelschlag. Daher beobachtete ich die winzige Libelle, bis sie sich, gerade über uns, zu senken begann. Da löste sich die Spannung. Es war ein deutscher Flieger. Deutlich hatte ihn die Beobachtungsstation erkannt, die ihre Feststellung an die Wache in der„Garde“ telephonisch weiter gegeben hatte. Und ebenso plötzlich, wie er sich entleert hatte, füllte sich der Platz wieder mit schwatzenden, neugierigen Menschen. Alle diese Leute waren sehr zufrieden, daß der Flieger ein Deutscher war und 3 also vor Bombenwürfen sicher sein konnten. Jeden unserer Soldaten umringte schnell eine Schar junger Mädchen und Frauen. Als ich mir diese Szenen, immer in dicken flandrischen Reiseschlamm eingebacken, betrachtete, staunte ich über die Eleganz der Lillerinnen— und über sie selbst. Denn obwohl es so scheint, als ob das ganze, erst vor tausend Jahren dem Meere abgewonnene Flandern durch die Zerstörung der Deiche und Schleusen an der See wieder im ewigen Abgrunde versinken sollte, haben sich die Frauen und Mädchen dieser Stadt nicht entschließen können, dem großen Ge⸗ bote des Krieges jene Gesetze zu opfern, die sie für stärker und unbesiegbarer halten als den Weltbrand, nämlich die Gebote der Mode. Die große Mode von Lille, Januar 1915, schreibt aber erhöhte Sorgfalt für Bein und Fuß vor. Mögen sie draußen im Schlamm ersticken, was gehen sie hinaus! Auf der Rue Nationale in Lille, wo abends um 5 Uhr deutscher Zeit Stundenlang saß ich im Café des„Restaurant de Straßbourg“ und ließ sie draußen flanieren mit dem verbotenen Blumengarten auf den durchbrochenen Strümpfen. Von Zeit zu Zeit zitterten die großen Spiegelscheiben vom Donner des Duells der schweren Ge⸗ schütze in der Front, die ich am nächsten Tage besuchte. Am Nebentisch erzählte ein junger süddeutscher Oberleutnant: „1870 haben sich die Französinnen tadellos benommen. Mein Vater, der als 7 aus dem Feldzug heimgekommen ist, hat immer mit Achtung davon gesprochen. Aber jetzt hat sich Frank⸗ reich scheint mir, stark verändert. Was meine Leute so erleben eine Begrüßung an einem anderen Tisch machte rechtzei weiteren 49 2 4 + 1 9 1 trägerinnen wäre en, wenn sie ihn gehö e. 1 freilich wird vielleicht nach dem Kriege noch erschrecken Denn es heißt, daß die französischen Polizisten, die so höflich und unauffällig ihren Dienst weiter versehen, ein wachsames Auge auf die Töchter der Stadt haben und ihre Listen führen. Dann wird vielleicht mancher Schönen klar werden, daß die große Mission der Mode in diesen rauhen Zeiten, die den Männern gehören, bei den galanten Franzosen ebensowenig Verständnis findet wie bei den teutonischen Bären, die sich über das Gestelze auf Stöckelschuhen lustig machen, wenn sie den Boulevardbetrieb während der kurzen 1 beobachten, die den aufreibenden Wochen in den Schützen⸗ räben folgen. 5 a 7 5 1 Die. 0 Lillerimmen! Im Museum ihrer Stadt steht der be⸗ rühmte Wachskopf des„schönen Mädchens von Lille“, der bei dem Streite unt die Florabüste oft genannt und von Blandy in dem Roman„Mon ami et moi“ verewigt worden ist. Dieser Kopf ist, wie seine Berliner Schepester, ein umstrittenes Rätsel der Herkunst, wie der von ihm verkörperten Künstleridee nach. Im Profil von klassischer, unnahbarer Reinheit, von vorn von kaum verhaltener Sinnenfreude erfüllt— ich habe übrigens nur Kopien gesehen, da das Original bei der Beschießung in ein unbekanntes Kellergewölbe verborgen worden ist. Eine Dame, in der ein ungebändigtes Dirn⸗ chen steckt, aber doch das„schöne Mädchen von Lille“, dessen Name genügt, um es zu einem Ideal der Stadt zu machen. 5 85 kann sein, daß die Lillerinnen sich selbst jede für ein wan⸗ delndes Rätsel halten, wenn sie, wenige Kilometer von den Schlün⸗ den der ermähenden Guß . der männ ahlkanonen, den Ruf ihrer Vater⸗ stadt, die Mode vorläuferin von Paris zu sein, auch während der Kriegsmonate in tändelndem Gleichmute verteidigen. 5 Ein Zug gefangener Franzosen kommt, begleitet von ein paar deutschen Landsturmleuten 4* aufgepflanztem Bajonett, von der Kommandantur her die Rue Nationale herunter.. trotten die Rothosen einher. Man sieht ihren mageren grauen Gesichtern die Entbehrungen des Schützengrabenkrieges an.„Sieh doch, wie schmutzig diese Leute sind,“ sagt eine der Lillerinnen zu ihrer Begleiterin; und beide raffen die Röcke und treten ein paar Schritte zurück, um die beneideten Goldkäferhalbschuhe und die durchbrochenen Strümpfe vor den auf den Straßenkot klatschenden Soldatensohlen zu retten. Aber keiner von den Franzosen und ihren deutschen Begleitern sieht sich nach ihnen um. 5 Arme Lillerinnen! Ihr werdet den Krieg nicht begreifen. Aber auch für euch wird es ein Erwachen geben, ich fürchte, ein Er⸗ wachen mit Schrecken! 13 W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter. Aus dem Reiche. Scheidemanns Neujahrsgruß. Die Leipziger Volkszeitung schreibt:„Genosse Philipp Scheide⸗ mann, Mitglied des Parteivorstandes, hatte an seine Solinger Wähler einen tiefgefühlten Neujahrsgruß gesandt, den die„Bergische Arbeiterstimme“ auch prompt veröffentlichte. Im Inseratenteile stand der Gruß, neben den Glückwünschen der Bäcker, Fleischer und Gastwirte an ihre Kunden. Die Solinger Wähler sind ihrem Abgeordneten aber gar nicht dafür dankbar. Kürzlich waren die dortigen Parteigenossen zu einer Versammlung zusammen, und da wurde an dem Insergt Scheidemanns eine lebhafte Kritik geübt. 5 Redner äußerten sich zu der Sache, aber nur einer versuchte, ihn zu verteidigen; dieser eine meinte, Scheidemann werde so etwas gewiß nicht wieder tun. Es wurde gewünscht, daß Scheidemann in einer Parteiversammlung das Inserat doch einmal näher er— läutern sollte.“ g 5 g Wenn man weiß, daß Reichstagsabgeordueter Dittmann, ein intimer Freund Liebknechts und der Rosa Luxemburg, Chef- redakteur der. Arbeiterstimme“ ist, so kann man ver- stehen, daß Herrn Scheidemann nur der Inseratenteil des sozial⸗ demokratischen Blattes in Solingen zur Verfügung stand, wenn er seine Wähler zum„Ausharren bis zum Siege Deutschlands“ er⸗ muntern wollte. Hier ist sicher der alte Spruch angebracht:„Das läßt tief blicken.“. 0 Die Leipziger Frühjahrsmesse. l 1 21. Jan.(WTB. Nichtamtlich.) Als ein Be— weis für die Kraft und Stärke des Wirtschaftslebens in Deutschland ist der kürzlich vom Rat der Stadt Leipzig im Einvernehmen mit den Aussteller- und Einkäuferkreisen gefaßte Beschluß anzusehen, die Leipziger Frühjahrs- messe in den Tagen vom 1. bis 15. März abzu⸗ halten. Die an dem Messeverkehr beteiligten Geschäfts— treise werden nach den Versicherungen ihrer Fachverbände wie in Friedenszeiten durch zah— reiche Aussteller vertreten sein und ebenso ist auf das Erscheinen zahlreicher Einkäufer nicht nur aus Deutschland und Oesterreich-Ungarn, sondern auch aus den neutralen Ländern Holland, Dänemark, Schweden, Norwegen, den Vereinigten Staaäten von Nordamerika, Italien usw. mit Bestimmtheit zu rechnen. In Leipzig selbst wird den Ausstel— lern von den Messehausbesitzern und auch vom Rat der Stadt durch Ermäßigung des Mietzinses für die Ausstellungs— räume um 50 Prozent in weitgehendstem Maße entgegen— ekommen werden. Auch gelangen in den Hotels und Gast— öfen die normalen Preise wie außerhalb der Messezeit zur Anwendung. Berlin, 21. Jan.(WTB. Nichtamtlich.) In der heutigen Bundesratssitzung gelangten zur Annahme: Der Ent⸗ wurf der Bekanntmachung betreffend vorübergehende Abgaben— freiheit für Salz, eine Aenderung der Salzabgabenbefreiungs— ordnung und die Ausführungsbestimmungen betreffend das Ge— setz über die Erhebung einer Abgabe von Salz; der Entwurf einer Verordnung über eine Aenderung der Bekanntmachung über das Verfüttern von Brotgetreide, Mehl und Brot vom 5. Januar 1915; der Entwurf einer Verordnung über eine Aen— derung des Gesetzes betreffend Höchstpreise vom 4. August 1914 in der Fassung der Bekanntmachung vom 17. Dezember 1914, der Entwurf eines Beschlusses über die Sicherstellung des Hafer— bedarfs der Hceresverwaltung; der Entwurf einer Bekannt- machung wegen vorübergehender Einfuhrerleichterungen für Fleisch usw.; die Vorlage betreffend Errichtung einer Untersuchungs— stelle für ausländisches Fleisch in Saßnitz; der Entwurf eines Besoldungs⸗ und Pensionsctats der Reichsbankbeamten mit Aus nahme der Mitglieder des Reichsbankdirektoriums für 1915; der Entwurf einer Bekanntmachung über die Geltendmachung von Ansprüchen von Personen, die im Auslande ihren Wohnsitz haben, und der Entwurf einer Bekanntmachung betreffend die Fristen des Wechsel⸗ und Scheckrechts für Elsaß⸗Lothringen, Ost⸗ preußen usw. Berlin, 21. Jan.(WTB. Nichtamtlich.) Der„Reichsan⸗ zeiger“ veröffentlicht eine Verordnung des Reichskanzlers, wo⸗ durch die Aus⸗ und Durchfuhr von elektrischen Glüh- lampen sowie deren Bestandteile verboten wurde.— Ferner wird eine Bekanntmachung veröffentlicht, betreffend die Anrech— nung des Kriegsdienstes auf die medizinische Ausbildungszeit. Mannheim, 21. Jan.(Priv.⸗Tel.) Für die Hinden⸗ burgspende wurden nach der„Neuen Bad. Landes ⸗Ztg.“ von Mannheimer öffentlichen Körperschaften, wie Stadtgenkeinde, Han⸗ delskammer und Rotes Kreuz 39 000 Mk. bewilligt. Durch Pri⸗ vatspenden wurden 39 500 Mk. von einem kleinen Kreis Mann- heimer Persönlichkeiten aufgebracht, so daß jetzt im ganzen die Hindenburgspende 78 500 Mk. beträgt. a Aus Stadt und Cand. Gießen, 22. Januar 1915. Die Fürsorge für Kriegs beschädigte. 8. Darmstadt, 22. Jan. Unter dem Vorsitz des Geh. Regierungsrates Dr. Dietz fand gestern im Sitzungssaale der Landesversicherungsanstalt in Darmstadt eine Bespre⸗ chung betr. die Fürsorge für die Kriegsbeschädigten statt, zu der von seiten der Regierung die Ministerialräte e und Dr. Weber sowie Obermedizinalrat Dr. Balser vom Königl. Sanitätsamt Frankfurt, Generalarzt Dr. Lindemann vom 18. Armeekorps ent- sandt worden waren. Weiter waren vertreten u. a. Ober— e Köhler-Worms, Oberbürgermeister Dr. Dullo⸗ Offenbach, Oberbürgermeister Keller-Gießen, Veig. Dr. Külp⸗ Mainz, Oberkonsistorialrat Nebel für das Rote Kreuz, Kommerzienrat Fröhlich für die Han⸗ delskammer, Oekonomierat Leithiger für die Landwirt- schaftskammer sowie Gewerberat Falk-Mainz für dieHand— werkskammer, eine Reihe von Aerzten, Industriellen, auch eine Anzahl Damen.. Der Vorsitzende der Landesversicherungsanstalt Dr. Dietz begrüßte die Versammlung und machte sie mit dem Zweck der 1 belaunt, der darin bestand, einen Ausschuß zu wählen, der die Fürsorge unserer hessischen Kriegsbeschädigten baldigst in die Hand nimmt. Denn die Frage bedarf rascher Lösung, die Fürsorge muß schon mit Beginn der Heilung eintreten. Vielfach sind im Reiche schon Vorbereitungen getroffen, und die Kaiserin hat veranlaßt, 9 R . 8„j ˙.A. daß die Friedenserfahrungen der Deutschen Fürsorge auch für die Kriegsbeschädigten bereit gehalten werden. Die Mili⸗ tärbehörden treten in entgegenkommenster Weise für die Heilung der Verkrüppelten ein, doch bleibt noch eine Haupt- aufgabe, die„soziale Fürsorge“. Es muß ein möglichst hoher Grad der Erwerbsmöglichkeit geschaffen und vor allem den Beschädigten selbst der feste Wille dazu beigebracht werden. Die Leute sind möglichst ihrem Beruf zu er⸗ halten. Hierzu müssen Aerzte, Schwestern, die großen Arbeitgeber, wie Staat und Gemeinde und die Arbeitneh— merverbände mithelfen. Die notwendige Ueberführung in andere Berufe müsse schon im Lazarett beginnen, und man hat z. B. in Wiesbaden mit Unterricht schon sehr gute Erfolge erzielt. Der zu bildende Ausschuß hat die Hauptaufgabe, die Fragebogen über die einzelnen Verwundeten entgegenzunehmen und dann durch Vermitt- lung der einzelnen Lokalausschüsse die Verhandlung mit den Militär- und anderen Behörden in die Wege zu leiten. Unter Kriegsbeschädigten sind nach der Ansicht des Redners 5 die infolge von Erkrankung Erwerbsunfähigen zu ver— tehen. In der Aussprache versprach Generalarzt Dr. Lin- demann⸗ Frankfurt das weitgehendste Entgegenkommen der Militärverwaltung, das aber der Mithilfe der Zivil— behörde und der Bevölkerung nicht entbehren könne. An der Aussprache beteiligten sich noch Redakteur Knoblich— Darmstadt, Medizinalrat Dr. Rebentisch-Offenbach, Tr. Dullo⸗Offenbach, Beig. Külp⸗Mainz sowie der Vor— sitende. In den Ausschuß wurden gewählt: Geh. Reg.-Rat Dr. Dietz, Dr. Rebentisch, Oberkonsistorialrat Nebel, Generaloberarzt Dr. Grünert, Ober-Medizinalrat Dr. Balser, Falk⸗ Mainz, Fröhlich⸗Darmssad, Leithi ger-Darmstadt und die Oberbürgermeister der Städte Mainz, Darmstadt und Gießen. * W ** Sicherstellung der Volksernährung während des Krieges. Die hessischen Han⸗ delskammern haben in ihrer Konferenz vom 19. Jan. 1915 folgende Erklärung einstimmig abgegeben: „Die hessischen Handelskammern geben der Ueberzeugung Aus- druct, daß, wenn auch genügende Mengen von Lebensmitteln in Deutschland vorhanden sind bezw. erzeugt werden können, um die Ernährung der Bevölkerung dauernd zu sichern, es zu diesem Zweck doch unbedingt notwendig ist, alle Maßnahmen zu treffen, um eine volle wirtschaftliche Ausnubung derselben herbeizuführen. Hierzu gehören weitere staatliche Anordnungen, wobei nötigen— falls auch vor scharfen Eingriffen in die Privatwirtschaft nicht zurück uschrecken ist, ferner eine nachdrückliche und planmäßige Ein⸗ wirkung auf die möglichst reichliche Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte in richtiger Auswahl, endlich eine eingehende Auf- klärung der gesamten Bevölkerung über die sparsame und rich⸗ tige Gestaltung der Ernährung. Die Kammern erklären sich bereit. ihrerseits ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Sonderinteressen an der Erfüllung dieser Aufgaben, soweit sie dazu berufen und imstande sind, mitzuwirken.“ Die Handelskammern haben gleichzeitig an das Mini— sterium des Innern die Bitte gerichtet, wegen der Auf— klärung der Bevölkerung eine Besprechung mit Vertre⸗ tern der beteiligten Kreise— damit diese Auf⸗ klärung überall planmäßig und nachdrücklich geschieht. , Die Sammlungen für die Reichswoll⸗ woche werden morgen Samstag, den 23. Januar, be⸗ ginnen. In einer Bekanntmachung des Oberbürgermeisters in vorliegender Nummer werden die zu diesem Zwecke vor— genommene Bezirkseinteilung sowie die Abholungszeiten für die Spenden bekanntgegeben. Das Einholen derselben hat die Jugendwehr übernommen. Ueber Niedergang und Aufstieg im Leben der deutschen Sprache sprach gestern abend im Allgemeinen deutschen Sprachverein Geh. Rat Prof. Dr. Behaghel. Wie für so viele Erscheinungen des täglichenfLebens und der Entwicklung habe man, so sahrte der Redner aus, auch für die Geschichte der deutschen Sprache früher ein goldenes Zeitalter angenommen, in dem alles besser und schöner gewesen sei. Die fortschreitende Naturwissenschast hat in dieser Auffassung einen Wandel geschaffen, indem sie zuerst die Tatsache erwiesen hat, daß es früher genau so gewesen ist, wie heute, daß die Gegenwart die Lehrmeisterin für die Vergangenheit ist, daß das Zweckmäßige das Unzweckmäßige Zweckstrebigkeit das Wesen der Entwicklung sei. In diesem Sinne ist der Gegensatz zwischen alter und neuer Zeit nicht so groß ge— wesen, wie man gemeinhin annimmt. Der Vortragende ging als— dann den Gesetzen und Wegen nach, an die sich das Werden unserer Sprache im Emzelnen gehalten hat, dem Verblassen der sinnlichen Bedeutung der Wortbildungen zu gunsten der gedanklichen Beweg— lichkeit der Sprache und der Entwicklungsmöglichkeitreligiöser und sitt- licher Anschauungen; er untersuchte sodann die Momente, die sür die Umformung der volltönenden, vokalreichen Sprache unserer Vorfahren in die beweglichere, tonlosere unserer heutigen Zeit maßgebend ge— wesen sind, die Vorzüge der Wortzusammensetzungen, die letztere uns er— laubt, die allmählichen Verschiebungen in Gebrauch und Bedeutung der Fälle, der Zeitkonstruktionen sowie der Wortableitungen, der Mehrheitsbegriffe usw., das vollkommene Verschwinden einzelnes Wortbildungen aus dem Sprachgebrauch. Alsdann bewies der Red— ner unsere Pflicht zur Bekämpfung des in gottlob großenteils vergangener Schwäche des Volksbewußtseins liegenden Fremd- wörterunwesens. Schon die Tatsache, daß der Mann aus dem Volke so oft am Fremdworte scheitere, und daß ihm so die Freude an der Sprache als dem Verständigungsmittel mit den Volksgenos— sen genommen und vergällt werde, lasse es als patriotische Pflicht erscheinen, wie im Tun und Denken, so auch im Sprechen deutsch zu sein.— Die Versammlung dankte dem Redner durch herz— lichen Beifall. * Wohltätigkeitskonzert. Das von den Ge⸗ sangvereinen Bürgergesellschaft, Gemütlich keit, Harmonie, Heiterkeit, Liederkranz und Maschinenbauer, denen sich noch eine Anzahl„frei— williger“ Sänger zugesellt haben, mit Unterstützung der „kriegsfreiwilligen“ Musikkapelle in Aussicht genommene Wohltätigkeitskonzert findet nunmehr endgültig am Sonntag, den 7. Februar, in der großen Aula der Universität statt. Die sorgfältig zusammengestellte Vortrags folge enthält auch eine, den heutigen Zeitumständen Rech— überdauere und die], e nung tragende Ansprache, die in liebenswürdiger Weise Herr Geh. Kirchenrat Prof. Dr. Eck übernehmen wird. Zum Vortrag kommen u. a. auch die prächtigen altnieber⸗ ländischen Volkslieder des kürzlich verstorbenen Kompo- nisten Kremser, in denen so recht die Stimmung un⸗ seres Volkes zur jetzigen Kriegslage einen mächtigen und ergreifenden Ausdruck findet. Die in dieser Sammlung enthaltenen Einzellieder werden von hiesigen geschätzten Kräften gesungen werden. Die nächste Gesamtprobe zu den Massenchören ist morgen Samstag abend 9 Uhr im Saale des Felsenkellers(s. Anzeigenteil). Eine Annahme von Feldpaketen findet in diesem Monat nicht statt. 5 Warnung. Ohne irgendwelchen Auftrag und ohne Genehmigung sammelt eine unbekannte Frauensperson in der Stadt Geldbeträge angeblich für Liebesgaben. Da es sich offenbar um ein betrügerisches Unternehmen handelt, wird von der Polizei hiermit gewarnt. ö g Kreis Alsfeld. (X) Alsfeld, 20. Jan. Der Stadtvorstand zu Alsfeld, dem das Präsentationsrecht für die hiesige 2. Pfarrstelle zusteht, hat Pfarrer Christoph Möbus aus Üdenhau— sen, Kreis Alsfeld, gewählt. Starkenburg und Rheinhessen. O Darmstadt, 21. Jan. Die heutige Stadtverord⸗ netenversammlung beschäftigte sich in einer sehr lebhaften Aussprache mit der unverhältnismäßigen Steigerung aller Lebensmittelpreise. Stadtv. Aßmuth wies auf Grund einer amtlichen Statistik nach, daß die Preise für Kartoffeln um 40 Proz., für Hülsenfrüchte um 80—100 Proz., für Butter um 40 Proz., für Eier um 50—80 Proz., für Fische um 80 bis 100 Proz. und für Leder und Schuhe um 40 Proz. gestiegen seien und daß auch die Schweinefleischpreise trotz des amtlich festgostellten großen Ueberangebots durch die Metzger von 90 Pfg. im Oktober auf jetzt 1,10 Mk. und für Speck auf 1,30 Mk. erhöht wurden. Der Obermeister der Metzgerinnung, Stadtv. Lautz, vermochte zwar die Berechtigung dieser plötzlichen unmodivierten Fleischverteuerung nicht nachzuweisen: er bestritt aber die allge⸗ gemein als feststehend bekannte Tatsache der Preiserhöhung um 20 Pfg. und gab nur 10 Pfg. Erhöhung zu, meinte aber, daß an der ganzen Preiserhöhung nur die amtliche Feststellung des Tleischreichtums und die Aufforderung Schuld sei, sich mit Schweinefleisch als Dauerware für später zu versorgen. Die ganze Haltung der Versammlung bewies, daß man die Verteidigung der hohen Schweinefleischpreise als vollständig mißlungen betrachtete und es wurde besonders festgestellt, daß we⸗ der in Mainz, noch in Frankfurt jetzt so hohe Preise gefordert würden. Die Versammlung verwies zum Schluß der Aussprache einstimmig einen Antrag Aßmuth an den zuständigen Ausschuß, in welchem die Stadtverwaltung ersucht wird, in An⸗ betracht der fortgesetzten, zum großen Teil unberechtigten Prais⸗ steiger ung aller Lebensmittel in weiterem Maße, als bisher, den Ankauf aller hauptsächlichen Nahrungsmittel zu betätigen und eine Detail versorgung der Stadt an Lebensmitteln herbeizuführen: 1. Durch direkte Abgabe an Minderbemittelte zum Selbstkostenpreis oder unentgetliche Ab⸗ gabe an Bedürftige, sowie Abgabe an Kleinhändler zu bestimm⸗ ten Verkaufsbedingungen und 2. die Schlachtung und Aufzucht von Schweinen im städtischen Schlachthof auf eigene Rechnung zu organisieren und die Waren zum Selbstkostenpreis an Minder⸗ bemittelte abzugeben.— Wie von der Bürgermeisterei auf An⸗ frage mitgeteilt wurde, ist eine besondere Kommission mit der Feststellung desjenigen städtischen Grundbesitzes beschäftigt, der sich für die Bebauung mit landwirtschaftlichen Produkten verwenden läßt.— Aus dem vom Oberbürger⸗ meister Dr. Glässing erstatteten Vortrag über den Stand der Gemeindeangelegenheiten Ende 1914 ergibt sich, daß sich die wirtschaftliche Lage in vielen Punkten wesentlich gebessert hat. Der Gesamtaufwand für Armen- und Unterstützungswesen betrug 1914 469 748 Mk. gegen 423 129 Mk. in 1913. Die Wochenunterstützungen sind auch während der Kriegsdauer bis jetzt nicht gestiegen. Der Aufwand der offenen Armenpflege stellte sich 1913 auf 1,52, 1914 auf 1,51 Mk. pro Kopf der Be⸗ völkerung. Die Neueinlagen bei der städtischen Sparkasse betrugen 1913 rund 10 570 000 Mk., 1914 dagegen 11000 000 Mark. (Mainz, 20. Jan. In der letzten Sitzung der Stadtverordneten teilte der Oberbürgermeister ein Schreiben des Feldmarschalls v. Hindenburg mit, in wel⸗ chem dieser für die Hindenburgspende der Städte, welche ins gesamt zwei Millionen betrage, seinen Dank ausspricht. Für die Kriegs-Getreidegesellschaft G. m. b. H. hat der Oberbürgermeister 100000 Mark gezeichnet. Die Städte erhalten das Geld mit 5 Prozent verzinst. Der Ueber⸗ schuß wird dem Reich für die Hinterbliebenen von Kriegs⸗ gefallenen überwiesen. Das Getreide kommt erst in den Han⸗ del, wenn das Brotgetreide von der letzten Ernte zu Ende geht. Die Stadtverordneten waren mit der Zeichnung ein— verstanden.— Die übrigen Gegenstände waren nicht von Bedeutung.— In der nichtöffentlichen Sitzung wurde be⸗ schlossen, zur Erbauung des Wasserwerkes das dem Hess. Staate gehörige Gut„Schönauerhof“ bei Nauheim an⸗ zukaufen. Die Stadt hat auf 30 Jahre jährlich an den Staat 25 000 Mark zu zahlen. Der Amtsgerichtsgehilfe Raab, der auf dem Hypothe— kenamt bedeutende Fälschungen vorgenommen und damit viele Landleute betrogen hat, wurde im Felde in Frankreich, wo er als Feldwebelleutnant stand, verhaftet und gestern hierher ins Untersuchungsgefängnis eingebracht. Kreis Wetzlar. w Weßlar, 20 Jan. An Stelle des am 22. August 1914 für das Vaterland gesallenen Kreis-Hochbaumeisters Eichhof ist der Regierungsbaumeister Diplom-Ingenieur Veit von Konstan; zum Hochbaumeister des Kreiskommunalverbandes Wetzlar gewählt worden. Hessen⸗Nassau. X. Hanau, 21. Jan. Die Stadtverordneten haben heute beschlossen, den Etat für das Jahr 1915 genau im Rahmen des Ctais für 1914 aufzustellen. Die Steuer soll wie alle Gebühren, Beiträge usw. mit den gleichen Beträgen wie im Jahre 1914 ein- gesetzt werden. Derjenige Fehlbetrag, den das Jahr 1915 durck Wenigereinnahmen und Mehrausgaben erbringt, soll ebenso wit der Fehlbetrag des Jahres 1914 durch Aufnahme eines Dar; lehens nach Beendigung des Krieges gedeckt werden. Grösstes Leistungsfähigkeit durch Gross- Einkauf für eigene Geschäfte in: Giessen, Nürnberg. Erlangen. Am- berg. Würzburg. Schweinfurt, Fulda Aschaffenburg u. weitere Verkaufsstellen Springmanns 8 chuhwarenhaus Giessen— Bahnhofstr. 58. Gewaltige Vorrate grosse Abschlüsse ermöglichen es uns noch, trotz der bedeutenden Steigerung der Lederpreise gute Schuhe zu billigen Preisen ue r ———— Jehuhe erden garn tener! Wir verkaufen, solange Vorrat, 736 4 noch zu billigen Preisen Schuhhaus W. 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Lahn, Dutenhofen, 20. Januar 1915. Die Beerdigung findet Samstag, den B. Januar 1915, um 2 Uhr in Allendorf à. Lahn statt. 0354 l a * Präzise 2*— 7 658 Der vorbereitende Ausschuß. 3 Die kee e Hinterbliebenesf: D Musgrave 8 SSS 3 F 80 ae Familien Findt und Hölscher. 3 5 2 g.. derborf u. b. S5, 22, Jantar 1015. Original Dauerbrandöfen 5 0 Die Beerdigung findet am 24. Januar, N. g 8 a 2 nachmittags 3 Uhr in Sichertshausen statt.! sowie andere renommierte Fabrikate in a* i grösster Auswahl zu billigsten Preisen 50 2 5* a UVoranzeigel fulonidl u. dorischnle Micnhergg. N. Emil Pistor Nachf., Marktstr. 0 Unterricht und praktische Uebungen. Vorzügliche An⸗ Dauerbrenner 500 stellungs icht, vorläuf Ain heimischen Betrieben. Tahv Ab Samstag, den 23. Januar 1915: e 5 Feinde ringsum ee,„ Feldpostschachteln Hervorragendes Zeitgemülde aus der Gegenwart. sabrizieren und halten in gangbaren Größen am Lager Christ K Herr, Gießen Achtung! 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