Der blaue fluker. Roman von Elfriede Schal-. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) __ "Das war einer von den längst gewöhnten russischen Ueberfällen, Herr Baron. Die Mädel wachsen einem so sachte über den Kopf. Sie dürfen das den Rackers nicht böse anrechnen." Der Freiherr v. Rothkirch lachte noch immer vor sich hin. „Drei Mädel? Kein Stammhalter?" „Doch! Nebrigens nur zwei. Die Dritte — es war die, die so artig war, sich zu entschuldigen — gehört zu einem fremden Nest, Schulkameradin meiner Ilse, Lotte Wölflin." „Das war —" Rothkirch zog die Augenbrauen zusammen und sah starr vor sich hin. Die Lippen aufeinander gepreßt, hob er energisch den Kopf. „Ich möchte Ihren Kindern beileibe keine Freude verderben. Sie hatten doch wohl eins von den kleinen Anliegen." „Die Mädel wollen partout heute nachmittag mit mir in die Große Kunstausstellung. Mir paßte das schlecht. Da sollte eben noch einmal ein Erpressungsversuch in corpore gemacht worden." Da stand Rothkirch rasch auf. „Sie erinnern mich an eine böse Unterlassungssünde, Prosessorchen. Da können Sie sich wieder mal ein Bild von so einem richtigen ostelbischen Kartoffelbauern machen. Haha — wie sagte der alte Bebel gestern im Reichstag? — „Geborene Kulturfeinde!" Stimmt, oller Knabe! Das habe ich ja total verschwitzt bei den unmenschlich vielen Frak- tions- und Kommissionssitzungen. Meine Damen setzen mich ja auf Wasser und Brot, wenn ich ihnen nicht einmal vom Bildermarkt am Lehrter Bahnhof ein Krümchen berichte. Sie haben schon so wenig von dem, was man Leben nennt. Nehmen Sie mir das nicht übel, Herr Professor, wenn ich Sie alle kurzerhand einlctde, heute nachmittag meine Gäste im Ausstellungspark zu sei,: — ohne Rücksicht auf Ihre kostbare Zeit." Professor Ladenburg wiegte den Kopf. „Ich bin so frei — unter einer Bedingung freilich, Herr Baron, daß Sie mich nicht mit in die Säle schleppen. Ich bleibe bei meinem Schoppen Münchener sitzen. Mein Ae liest er und der junge Wölflin sind sachverständig. Die werden Sie gerne fuhren." „Das ist ja großartig. Also — sagen wir, um fünf Uhr? Wo treffen wir uns? — Nein, ich lasse Sie in meinem Wagen abholen. Ist Ihnen die Zeit recht?" Als der Freiherr den roten Flurteppich hinunterstteg, trat ein frischer Glanz in die tiefen Augen. Eine träumerische Milde lag über seinem Gesicht, und in einein fort nickte der Kopf, als wollte er zu etwas seine Zustimmung geben. Er ließ sein Auto, das unten hielt, langsam Nachkommen und ging dem Postamt zu, wo er eine Rohrpostkarte verlangte. „Herrn Ministerialdirektor Freiherrn v. Rothkirch, Berlin, Unter den Linden 4. Lieber Lothar? Bin heute nachmittag in Gesellschaft Ladenburgs mit den beiden Wölflins zusammen. Reise morgen abend. Enoarte Dich morgen vormittag Kaiserhof. Alex." In einer Nachschrift "fügte er bei: „Mir ist heute, als stehe ich vor einem Sonnenaufgang. Du wirst das verstehen." Tief aufatmend warf er das Schreiben in den Schütz Über der roten Glasscheibe und fuhr nach seinem Hotel. 8. Kapitel. Gerhard Ladenburg machte ein süßsaures Gesicht. Ihm war eÄ höchst unlieb, den Bärenführer bei einem „Banausen von Kohl und Korn" zu machen. „Nur in deinen: Geschäftsinteresse, Papa. Sonst brächten mich keine zehn Pferde in das Leinwandmagazin!" Erich Wölflin wollte zum Abend Nachkommen. Er hatte genug an den Ladenburgscheu Reißbrettern zu schaffen'und man wußte, daß er sich von seinem Pensum nichts abhandeln ließ. Aber die Mädchen waren aus dem Häuschen über den netten Onkel aus der Polackei, der ihrem strengen Papa so rasch den Kopf zurechtgesetzt hatte. Neidlos winkte Erich den beiden Roth tückischen Automobilen nach, die pünktlich um fünf llhr davonrollteni Ilse grüßte noch einmal lachend mit dem roten Sonnenschirm hinauf. „Süßes Diirg!" flüsterte Erich und warf sich auf die Arbeit. Er hatte es kaum bemerkt, daß die Frau Professor ihm auf dem Rauchtisch ein Fläschchen Aßmannshäuser zurechtgestellt hatte. „Nun lassen Sie sich die Zeit nicht- lang werden. Ich gehe ein Stündchen hinaus zu Taute Matchen." Er begleitete die elegante, bewegliche Frau, die ihn wie einen zweiten Sohn bemutterte, zur Tür. Die Rothkirchschen Pläne, in die ihn sein Lehrer schnell eingeführt hatte, forderten sein vollstes Interesse heraus. Es lag in ihnen eine stürmische Großzügigkeit. Mit Sorgfalt trug er die gegebenen Maße in das Blatt ein, änderte, fing von neuem au und setzte plötzlich einen dicken Blaustist- strich in den Lageplan, an der Stelle, wo das alte Herren-, haus stand. Es war ihm in dem begrenzten Raum, den die umfangreichen Scheunen und Stallungen festlegten, im Wege. Er schob es in den riesigen, verschwenderisch bemessenen Park hinein und vergrößerte mit wenigen kühnen Strichen das Hobgebiet, daß ein vollkommen neues Siedelungsbild entstand. „Nein — das geht dem Meister temt doch wohl über die Hutschnur! Zunick, Octavio!" Resigniert hob er die Reißnägel heraus und spannte ein neues Blatt auf das Brett. Die erste SklM faltete er zusammen und steckte sie in die Brusttasche. „Wie predigt der Meister? — Die kleinliche Enge hassen, ist schien und groß. Aber noch« größer ist es, im engerv Raum geschickt eine Welt zu bergen!" Während er so mit den Maßen der Wirklichkeit kämpfte, strahlte die Helle Svmniersonne über dem Ausstellungspark. Alexander von Rothkirch war dort schon eine halbe Stunde frül-er int Mietsautomobil eingetroffen und hatte für einen sreuudlsthen Platz Sorge getragen. Dann ließ er sich auf einem Sitz vor der großen Eingaitgstreppe nieber und zeichnete träumend mit seinem Ebenholzstock Figuren in den Sand. Der wohlige Sonnenschein löste in seinem Innern eine weiche Rührung aus. Nein — es war nicht der Sonnenschein. Etwas anderes war über Mittag durch Herz und Nerv gezogen, etwas unsagbar Heißes, das die Schlacken seines düsteren Seelengrundes wegschmolz wie Wachs und ihn von einem Alp befreite. War er derselbe? —i Er sah sich wie in einem Spiegel, leicht, jung und elastisch. Ein Neugeborener. Dann fuhr wieder cm nebliger Hauch über die blanke Fläche, und ein müdes Auge starrte ihn an. Zn der Mitte der breiten Gartenanlage reckte ein marmorner Schwertkämpser die festgemeißelten Glieder. Unter dm Marken Augenbrauen schoß ein todverachtender, ein verächtlicher Blick hervor und bohrte sich dem Gegner in das Herz, von dem scharfen Schwert gefolgt. An diesem Blick blieb der Träumer hängen. Jener Kämpfer — „Alex — du — du selbst!" ^Er richtete sich mit einem schmerzlichen Empfinden hoch. Da yorte er das Signal seiner Wagen. Der blanke Sonnen- Mieiln brach wieder hernieder und fegte die Nebel fort Mit leichtem, fröhlichem Schritt stieg er einige Stufen hinan. Das einschmeichelnde Bild der drei jungen Mädchen in den Men, farbigen Klerdern bezauberte ihn wie eine sein zu- samniengestimmte Sinfonie. Er ging ihnen entgegen und druckte ihnen die .Hände, ohne .Vorstellung, wie alten Be- kannten. m ^ * e ” uen "ns ja bereits, Papa Ladonkmrg," rief Rothkirch lustig aus. „Willkommen, bester Professor! Guten Tag, junger Freund!" Labenburg unterdrückte sein Erstauiten über die Wand- "vi Vormittag mit dem Freiherrii vorgegangeii ,, »ES ist ein liebliches Plätzchen, dieser Park unter der rasselnden Eisenbahn, nicht wahr, Herr Baron?" Rothkirch nickte Öffentlich finden Ihre Daincn heute das, was sie will,schew Darf ich Sie zu meinen, Tisch führen?" ki.oÄr/« Kaffee lieh sich der Freiherr „einen Moment" w die Ausstellung führe». Gerhard Sabcnbnro »ab sich wider Erwarten reichlich Mühe, dem alten Herrn den Spaziergang LAS ""d nutzbringend wie nur möglich zu ninchen. Die M^?e» beurlaubten sich bald und trollten ihre eigenen Söesre Spater ließen sie sich nur ab nud zu blicken, wie die bs verlangte. Erst zum Abendtisch waren alle wieder vollzählig beisammen. Gerhard Ladenburg zog die Uhr. „Es ist gleich acht. In fünf Minuten ist Erich hier." r seinem fiel es auf, daß der Freiherr jetzt ganz schrveia- &rs!!. U ? e s ^ ,l ? en die Mädchen an, ausgelassen zu färben und hänselten den jungen Maler, der ihnen nichts' blieb ilird allerlei kleine Schwächen des übermütigen ^ arten öffentlichen Kritik ilnterzog. Als das " .^'ßte Papa Ladenbnrg einschreiten und -Plaudereien.einer gewissen Charlottenburger Kinder- st l e ein wenig emdammen. Das half auf einen Augenblick. wsVux r ? mmt bm Bursche träumend her", summte Gerhard Ladenburg, erhob sich und ging dem jungen Wölflin ent- gegen, der die Gesellsckwft schon gesund!!! hatte Professor Ladenburg machte ben Freiherrn mit Erich bekannt om ft ™ ei A l letzt selber Meister." eäfP^Ps^'s^arässss mm äüs—*»• '*» ejebören nun mal zusammen." Betomn,g"^° b(X 5re i^ tr fiinK sechsmal^und sagte mit rc? a 7~\ mnu üehört zusammen." Es ivlurde serviert und unter Scherz und Ernst aeaessen und getrunken. Mit Aufmerksamkeit betrachtete Rothkirch die jungeii Leute. Sein scharfer Blick zog einen deutlichen Strich zwischen den beiden Familiennestern. Die Ladenburgs alle- jamt, selbst das Nesthäkchen, die vierzehnjährige Trude, die selber noch nicht recht wußte, in ioelche Altersklasse sie eigentlich hineinrangierte, unruhiger Chatupagner, Kinder der tanzenden und singenden Großstadt, mit einer beneidenswerten, durch natürliche Anmut gemilderten Keckheit begabt — die beiden Wölslins von einent derberen Schlag, mehr bodenständig langsamer in Rede und Geste, eine frische, kraftvolle Gesundheit ausströmend, jeder eine seltsame Träutnerei in den Augen. Wenn sie allein miteinander zu tun hatten, marert sie wie zwei Vögel, die zu weit vom heimatlichen Nest und nun den einen Gedanken hatten, gemeinsam uw- gefahrdet wieder nach Hause zu kommen. Der Aristokrat in Rothkirch entschied sich für die Laden- ^6scheu Kinder, der einfache Mensch in ihm für die Wolflrns. Aber der Gegeusatz der Familieii wurde in der seinen Erziehung, dem offenen Wesen, der heiteren Lebeus- bejahung völlig verschmolzen, die sie alle auszeichnete, und das gerade war es, was den Freiherrn immer mehr an den kleinen Kreis fesselte, in ben er heute geraten war. Er wuchs rn das genau abgetönte Milten, das ein jahrelanger Famitlenverkehr erzeugt, wie von selbst hinein und fand hier das, was er in seinem Hause — . Bei diesem Gedanken stockte plötzlich alles Fließerrde rn chm. Er sah in der Heimat Weib urrd Kinder sitzen, still, rn einer fremden, abgemessenen Ruhe, in der schwülen Unbestimmtheit, die seine Lebensart ihnen aufgezwungen 1«, aufgezwungen hatte — aufgezwungen! Es schlich grau auf ihn zu, wie er jetzt daran dachte, daß dort die Meise nun schon seit Jahren so lautlos! verzttterten wie die Rinae auf dem Wasser, in das von ungefähr ein Steinwurf fiel. (Fortsetzung folgt.) Aus den Zährten des hessischen Lazarettzugs T Bon Dr-H- Steiner, Pfarrer zu Deckcnbach (Oberhesse,: h z. Zt. frerw. Krankenpfleger im Lazarettzug T. 1. Herrliche Frühlingstage liegen hinter nus. Air einem ivannen Nachmittag verließen wir unsere Heimatstation Dacmstadt. Dröli- nend fuhr un er Zug bei Worms über den Rhein. Ruhig und sicher streßt der vaterländische Strom dahin. Die treue Wacht unserer rampfendcn Bruder hat es verhütet, daß irgendein Feind seine User bcnlhren konn e. Die baherisckie Pfalz gewährt eine Fülle lieblicher und sonniger Bilder. Wir werden nicht müde, im Vorbeieilen die Berge und Taler, Felder und Dörfer und fremrdlichen Menschen zu grüßen. Wir haben uns auf der Plattform detv MannschastÄ- u QCl l • n J l // tü Ä l uud Klappsessel,i häuslich niedergelassen, i.m Ae Niedliche SchonlMt unseres Vaterlandes voll auskostci: rii fönnert ist bereits Nacht, da wir' das Saargebiet und Lothringen dnrchsahrm Unsere Augen dürfen immer neue Wunder schauen. Riesenhafte, vielgestaltige Bauten tanck-eu gespenstisch neben unsereni Zug aiif. .Aus ihrer Mitte schlagen hohe Feuergarben empor. Der ^A .^weln der Hochofen und Bogerilampen wechselt mit deni bläulichen Licht der werten Maschinenhallen und tausend anderer Lichter, An den Bergabhangen bezeichnet Heller Schein die Berq- werkserngaiige. Zu dem allen tritt noch das Licht des Vollmondes Sem fahler Schern mischt sich mit deni vielgestaltigen Lichtiu^r und verwandelt besonders die hohen. Rauchsäulen zu wunderbaren, fügsam tu großer Höhe verfluchteiiden -l.'rr können uns nicht satt sehen an dem mächtige,: Jndnstriefcuerwerk des neuen, großen Derttschlands. Da mitte!! und Lärm und Lichten,leer der Eisenwncke huschen am Bahndamm erir paar Baume un duftigen, weißen Blütenschmuck w ¥ Ieg m ? rrfjen ' das uns der Mond vor. zaubert. Neben den tosenden, grellen Werken des rastlosen, ino- dernen Menschen die alten ruhigen Werke der Natur: sie sndh^-- lrch, ivre am ersten Tag. ' ; ' ™ Viorgeii erwachen wir bereits auf Frankreichs §^den. Mrdfrankrclch bretet schöne Landschaftsbilder. Wir fahren durch das breite Maastal. Weithin dehne,: sich an beiden Ufern die grünen Werden. Große Scharen von Kühen und Rindern, meist Ä^er Heeresverwaltung angekauft rrnd von derrtschcn Land- ö-^Eüten bewacht, werde,: hier wie in Friedensz eiten. Junge Pferde tumnieln sich aus srischei: Triften in der Morgenluft Aus der Ferne grüßt uns ein Kranz von Dörfern. Niedrige Hohen grenzen das brerte Tal ab. Und das alles' taucht die Sv, ne k ^ freundliches Licht. Schöne Bilder dZ FriedE dnn steine? Staw^rch zerstörte Häuser aus. Das Bahnhofs viertel rr^^r "willen Stadt ist völlig vernichtet. Hoch ragen die ftebeir- Mauern (n die Lust. AmBahudamm',L no* ent paar Saudsäcke und Reste emes Drähitvertzarres. Ein paar Banmkronen smd zerschmettert. Schon sind wir vonlber- oesahre». Draußen !m JVHb werten ein ©ritte mi, ein- 607 fadjat Hvlzkveuzen sichtbar. 9hut fahren mir ganz langsam über eine von unseren Pionieren stnrstgerecht gebaute Notbrücke. Die Reste der von den Franzosen gesprengten Eisenbrücke hängen noch Jff ”*2» rJ 001 un ^ Msamniengesunkenen Pfeilern oder schauen aus b^m. 'KJ heraus. Wir sind plötzlich daran erinnert worden, dag Krieg ist, und auch wir int Dienst des Krieges stehen. Am späten ALachmittag kommen ivir nach der größeren Stadt und werden aus ein totes Gleis geschoben. Wir müssen hieir zwer Tage warten, bis eine größere Truppenverschiebung beendet ist und die Gleise wieder für uns frei sind. Tag und Nackst rollen me Züge, oft nur mit viertelstündiger Panse, an uns vorüber: Transporte von Infanterie, Artillerie, Munition. Kraftwagen, Bagage, Sanitätskompagnien. Mle Regimentsbezeid>- nungen sind ausgelöscht oder mit Leinwand verhängt. Woher u Niemand weiß es. Mit den Truppentransporten wechseln lange Güterzüge mit Kohlen, Holz, Vieh. Proviant, Zuckerrüben, Saatkartoffeln usw. Ganze Förderbahnen mit ihren kleinen Wagen und Gleisen wandern an die Front. Lange Leer- züge fahren in umgekehrter Rid>tung, um neue Truppen zu ho^bn. Jetzt eilt auch ein O-Zug vorüber. Er verbindet das Herz Dentschlaiws mit den: Herzen des Heeres, dem Großen Haupt-, guarner. So gibt es fortwährend etwas zu sehen, zu winken und zu grüßen. . v kW* Hand an die Krankenwagen gelegt. Zeder Pfleger remigt noch einmal seinen Magen und bringt a v Jl? ^^uung. Aus einem nahen Park werden grüne Zweige und Blumen geholt und in den Wagen ausgestellt.' Unser Gärt- ner stellt auf die eine Pljattsorm des MannschaftsWagens ganze Pslanzenkasten iauf und verwandelt sie so in einen Hain. Der erste )§mornck m: Zug soll für unsere Verwundeten freundlich sein. SchUehllch werden sämtliche Wagen von unseren Vorgesetzten be- srchttgt Be: dem längeren Warten entwickelt sich am Zug ein regelrechtes Lagerleben. Tische und Stühle wandern hinaus in den Sonnenschein. Es wird im Freien gegessen und Kaffee ge- funken Dre einen lesen nnd schreiben, andere stopfen ihre Strumpfe, waschen ihre Drillchjacken und Mützen. Hier bringt einer neue Blumen und bindet sie zum Strauß, dort putzt eilt anderer frisch gesammelten Feldsalat. Unser Schreiner bostelt:, ein neues Wandbrett soll die innere Einrichtung der Wagen per-, bessern. Unser Friseur schneidet nicht weit davon einen: Kameraden die Haare, Sern „Lehrbub" seist den nächsten Kunden zum rafiereii em. E:n paar Kameraden waschen am Bach ihre Füße Mit dem kühler werdenden Abend wird auch gemeinsamer Gesang lebendig und manches schöne, deutsckje Volkslied klingt in feind" Uchem Land m den Abend hinaus, und weckt die Gedautei: an die deutsche Heimat mit ihren Lieben. Am anderen Morgen ist Sonntag. Cm: kurzer Feldgottesdienst gibt chm seine besondere Weihe und knüpft die Bande der Gemnn- Waft und Kameradschaftlichkeit unter uns fester. Offiziere und Reannschaften von neben aus stehenden Mnnitionszügen, die schon Mel langer als wir hier auf den Befehl zür Abfahrt warten schließen sich ünserer Fner an. Draußen auf grünem Rasen ver sammeln tpir uns. Zi: unseren Füßen eilen die in der Morgensonne glitzernden Wogen der Maas vorüber. De:- Blick schwelst weit über das breite, bunte Tal. Ueberalt lim uns herum ein neues Wachsen, Sprießen und Blühen. Ta läßt es sich gut reden von dem Frühling, der: ivir auch für unser Volk und Land erhoffen, von dem neuen, ftarfen, göttlichen Leben in jeher Menschen- We. Em gemeinsamer Spaziergang mit Gesang nnd rüstigem Wanderschrltt laßt uns Land und Leute näher kennen lerneii und beschließt den Sonntag in ^Feindesland. Nock) in der Nacht sahien tvir nach dem Sitz unserer Etappen- mspertton, denr kleinen Städtchen R., da wir nicht vor dein anderen Tag unsere edle Fracht laben werden, haben wir Gelegenheit, üns das alte Städtchen anzusehen. An: Bahnhof und in dem ganzen daran stoßenden Viertel herrscht emsiges Treibden. Ta6 K. keme französische Stadt mehr. Alles ist deutsch geworden.'. T:e Straßenimmen tragen deuffche Namen, wobei natürlich eine Hindenburgltraße nicht fehlt. Man sieht nur deutsche Beamte und Soldaten. JAs Haus ist belegt von den verschiedensten Kommandanturen, Behörden und Einquartierungen. Zahlreiche Wegweiser und Schilder unterrichten die Sudjendcn. Ta und dort ist auch noch eine alte, halb verivischte Kreideschrift an den Hausttiren erhalten,: „Hier wohnen gute Leute!", „Schonen'" „Achtung,, Wöchnerin " Wo deutsche Ordnung und Sauberkeit Platz gegriffen hat, fehlt es auch nicht an manchen: Weg und Steg vor manchem Hof und Garten an der warnenden Inschrift- Eintritt verboten! Jede Verunreinigung wird bestraft' Blumen * abzubrechen ist untersagt! Durch die Straßen sausen bh.:e Anfh^en dre Autos. Radfahrer, Reiter, Fuhrwerke, Bagage- wlcmncn, FeldposUoagen, Feldgendarmen eilen vorüöer. Loldaten Sanitäter, Schwestern füllen die Gehsteige «wischen den L-disern ,ind große Zelle zur Aufnahme von Pro- ^"t^mid Kriegsbeute eingerichtet, Ein Bild geschäftigen, brausen Nach 500 Meter,, öffnet sich plötzlich die Bahnhoszstraße und fferen »lief. Betroffen bleiben wir stehen' D°r !!n§ 8^- lmkS bis zani Fluß uird rechts den Bery bis zur alten Kirche Ä mittlere Stadtteil ein einziger Trüinmer- Feuersbrnnst hat hier kein Hans unversehrt gelassen. Auch die meisten Mauern sind völlig zusammen?. gesunken und bilde» mit Eisenträgern und Hausgerät eine einzige unentimrrbare Masse. Der erffc Eindruck ist erschütternd. Eür Bild d bereits Aerzte und Sanitätsmannschaften versammelt. In langer Reihe stehen die Tragbahren nebeneinander, dahinter zahlreiche Autos. # Droschken zur Beförderung in die verschiedenen! Lazarette. Ein rasches Äbschiednehmen und letztes Grüßen an unsere verwundeten Brüder, die wir kurze jZeit pflögen durften. Wir wünschen ihnen von Herzen baldige Heilmrg und Genesung. Wir wissen sie in der Heimat in guter Obhut. In einer Stunde, ist das Entladen des ganzen Zuges erledigt. In keiner anderen, Stadt ist es so rasch, dank der trefflichen Organisation, gegangen. Sofort werden in den leeren Wagen die Betten abgezogen, die Wäsche gesammelt und eine erste Reinigung der Wagen vorge- no Minen. Am andern Morgen haben wir noch gerade Zeit, uns den Bahnhof und den nächsten Stadtteil anzusehen. Wir bewundern den stattlichen, modernen Bahnhof, den lebhaften Personen- und Güterverkehr auf den Gleisen, den emsigen Handel und Verkehr in den Straßen, den Kranz von Fabriken und Lagerhäusern in der Nähe des Bahnhofs. Wie haben sich in den letzten Jahrzehnten unsere deutschen Städte gewandelt! Aus mancher träumerischen Residenzstadt ist ein kraftvolles, aus allen Gebieten reges und betriebsames Gemeinivesen geworden. Unsere aufblühenden Städte sind ein Symbol des aufftrebenden, großen, neuern Deutschlands. Wir ahnen, was den Neid und die Eifersucht der anderen Mächte erregt und so zuletzt auch diesen gewaltigen Weltkrieg verursacht hat. Wir selbst aber schöpfen ans diesen Städtebildern neue Freude an unserem Vaterland und neue Begeisterung für unsere Arbeit. So oft wir wieder ein anderes Stück unseres Landes gesehen haben, fahren wir wieder mit neuem, frischem Mut nach Westen, um verwundete Brüder, die auch für un