Der blaue Anker. Roman von El friede Schulz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Es kann doch nur ein Herzschlag gewesen sein," sagte der Arzt. Aber er schüttelte dabei den Kops. „Ich verstehe das nicht — keiner von uns hatte ein gesünderes Herz/1 Da trat der Barbier Peschke vor und beugte sich dicht über das Gesicht des Toten. Er strich langsam das Haar von der bleichen rechten Schläfe zurück. „Herr Doktor — was ist das?" Unter dem Haar sah man eine bläuliche Schwellung. Die Finger des Arztes tasteten darauf und fühlten, daß das Gefüge des Schläfenbeines zersplittert war. „Im Sturz auf einen Stein geschlagen?" „Herr Doktor, da ist nur weicher Sand. Wir haben alles abgesucht. Das kann nicht sein." „Aber das ist ganz unverständlich. Dann kann das nur von einem harten, fremden Schlag herrühren." Er untersuchte die Stelle noch einmal genau. „Zweifellos — unser Wölfliu — er ist erschlagen!" Alle drängten sich heran, sprachen hin und her. Es war kein Zweifel. Friedrich Wölslin war keines natürlichen Todes gestorben. Was war geschehen? — Sie sahen sich fragend an. Ein Stein? — Hatte jemand einen Stein geschleudert? — Oder was sonst? Aber die beiden Früharbeiter, die Wölflin auf dem Dammpfad beobachtet hatten, erklärten übereinstimmend, keine Menschensoele außer ihnen sei zu jener Zeit in der Gegend gewesen. In dem ratlosen Schweigen, das darauf folgte, fand Peschke das erste Wort. „Es sollen ein paar mit mir gehen. Wir wollen noch einmal alles genau absuchen. Kommt!" Mit mehreren Männern lief er davon. Durch das Dorf rannte das Gerücht: „Es hat jemand unfern Lehrer erschlagen." 3. Kapitel. Vor dem Bahnhof von Oberwiesenthal, der weit draußen vor dem Dorf am Walde lag, standen bei dem Vorsteher der Schulze Reuscher und zwei Dorfälteste von Niederwiesenthal und erwarteten den Breslauer Zug, der den jungen Wölslin bringen sollte. »Mir hängt die Zunge wie Blei. Ich glaub', ich bring' kein Wort heraus. Armes Kerlchen!" Jeder dachte bei sich dasselbe und schwieg, die Augen in der Einfahrtrichtung. Durch die sonnige Lust gellte ein lPfisf. Hinter der Waldecke ging Rauch hoch. In den Schienen sing es an zu leben. „Also —! weil es.sein muß!" hüstelte Menscher und preßte die Lippen hart auseinander. Dröhnend und zischend fuhr der Zug ein. Aus einem Wagenfenster wurde schon von weitem ein grünes Hütchen mit einem Strauß, daran lustig geschwenkt. Der alte Reuscher faßte seinen Stock fester und trat vor. „Hurra Heimat! Grüß' Gott, Wiesenthal!" Mit einem leichten Satz sprang Erich Wölflin aus dem Wägen, helle Heimatfreude in dem frischen Gesicht. Aus den blauen Augen sprühte es von bewußtem Glück und stillem Stotz. Lachend, daß die weißen Zähne blitzten, in den Händen,das leichte Gepäck, eilte er auf die alten Bekannten zu. „Grüß' Gott! — Und Vater?" Er schüttelte den Männern seines Dörfchens fröhlich die Hand. „Was denn? — Wo ist Vater?" Der alte Neuscher trat an ihn heran, stellte das Gepäck auf den Boden und faßte den jungen Mann an beiden Händen. „Mein lieber JUng — wir kommen mit einer schweren Nachricht, weiß Gott. Sei stark, mein Jungchen. Dein lieber Vater — dein Vater — " Ein Schluchzen drohte seine Stimme zu ersticken. Da bäumte sich Erich Wölslin heftig auf. Er las in den Augen der Männer und zitterte. „Vater — Vater — ist — " i lieber Vater ist nicht mehr, Erich. Heute früh — ein Herzschlag. — Komm, Jungchen, faß mich fest an, so — «ganz fest. Unser Kantor ist hin. Ja, ihr seid Waisen geworden, das Lottchen und du. Sei stark, mein Sohn. Wie der Himmel will." Er streichelte ihn mit der harten Rechten sanft über das dichte braune Haar. Erichs entsetzter Blick bohrte sich in Vaä düstere Auge des Schutzen und irrte wie eine Bestätigung oder Vernei- uung suchend zu den andern. Die Brust hob sich schwer und sein Atem pfiff. Mit eiserner Gewalt hielt er die Tränen zuriick, die ihm vor dem Gehirn wie eine feurige Glut brannten. Daun ging sein Blick in die blaue sonnige Ferne, die in mildem Frieden he rüber lächelte, und blieb in den blauen Konturen der Wälder hangen. Er wußte nichts von der strahlenden Frühliugswelt. Um sich her türmte sich ein dunkler finsterer Walt. Graue gespenstische Nebel schoben sich davor, und das matte Bild des lieben, gütigen Vaterantlitzes winkte herüber. Die Männer standen schweigend vor ihm und kämpften mit der Last ans ihrem Herzen. ✓ „Faß dich, mein lieber Jung! Komm nach Hause!" „Nack) Hte dazu ?" her u'Z\ C Ji e e m r e , n ' ^ crr Komn.erzienrat. dnh der Wurf und oer Ungluckssall zusammenhangen können?" Döderlein war erregt aufgestanden. „Ganz selbstverständlich! Für mich besteht da nicht der geringste Zweifel. Was macht inan da?" „Das wäre ja ein furchtbarer Zufall. Hm —" Nach einer kurzen Pause fuhr der Prokurist fort: „Da bleibt doch wohl nur eins übrig, den Vorfall dem Gericht anzuzeigen. Es kann ja wer weiß was damit zw- sammenhängen. Ich meine, Sie müssen das anzeigen, Herr Kommerzienrat, trotz der unvermeidlicheil Scherereien, die für Sie daraus entstehen werden." Döderlein nickte. „Das ist selbstverständliche Menschenpflicht. Da gibt es eigentlich also gar nichts mAr zu reden. Bitte, setzen Sie sick- gleich hin und besorgen SiMniir das. Sie finb ja orientiert. Niederwiesenthal gehört zum Amtsgericht Sprottau. Schreiben Sie direkt dorthin. Das Weitere müssen wir abwarten." „Wäre es nicht angebracht, eine kurze Personalbeschreibung des Herrn mitzugeben? Sie wissen natürlich nicht, wer der Mitreisende war?" „Keine Ahnung! Offenbar ein Herr aus ganz exklusiven Kreisen, seiner Lektüre und dem Habitus nach zu urteilen. Vielleicht ober.chlesischer Grubenherr oder Rittergutsbesitzer. Aber das ist ja vorläufig alles Nebensache. Doch halt — mau vergißt so rasend schnell. Notieren Sie, bitte, für alle Fälle, was ich momentan noch in Erinnerung habe. Also, etwa mein Alter, fünfzig bis sechzig, leicht grau, frisches, sonnverbranntes Gesicht, langer, vornehm geschnittener Bart, elwas meliert. Kopf hochgebaut, schmal, längliches Gesicht, Schettel an der Seite, welche, weiß ich nicht, dunkelblaue« Anzug, gleiche Krawatte mit großer Vrillalitnadel. Wie gesagt, feudale Erscheinung. So. legen Sie die Notiz für alle r--älle beiseite. Man wird mich ja wohl vernehmen. Also besorgen Sie das sofort!" * Die Bekundungen des Kommerzienrats Döderlein riefen, als sie in Niederwiesenthal bekannt wurden, die größte Auf- reguilg hervor. Daniel Peschke, der au dem Unglückstage den Zahndamm ergebnislos abgesucht hatte, sammelte sofort eine Schar Kinder und machte sich noch einmal auf ben Weg. Jeder Grasbüschel an der Böschung, jedes Distelkraut, jeder Glnsterstrauch wurde durchgescheu. Eifrige Hände durchwühl- len das Grabenwasser. Da zog ein Knabe aus dem Schlamm nue braune Flasche hervor: der Siegellack am Flaschenkopf deutete den einstigen Inhalt au. Peschke durchstöberte den Graben weiter talwärts. Etwa hundert Meter weggeschwemmt fand er im Ufergras ein Weinctikett mit schwarzen und roten Zeilen. Die Vermutung des Kommerzienrats bestätigte sich in vollem Umfange. Ein unseliger Wurf aus dem Schnellzuge hatte einen stillen Sountagswanderer das Leben gekostet. Auf Erich Wölflin der sich die Tage hindurch mühsam hochgehalten hatte, wirkte die Nachricht niederschmetternd. Die furchtbare Affäre, die er mit dem Sarge seines Vaters chon begraben hatte, lebte von neuem auf. Mit aller Energie suchte er die namenlofe Aufregung, die ihn ergriffen hatte, vor den Seinen zu verbergen. Er lvar jetzt ihr einziger Halt. Seme Zukunft lag zertrümmert vor ihm, seine Lieben der Rot preisgegeben. So sehr er sich dagegen wehrte: ein unnennbarer Haß gegen die unselige Hand, die ihm das Liebste zerschmettert, sUeg in ihm auf und nahm voii feinem ganzen Snmen Besitz. Wie in einem schwarzen Taumel eilte er zur Bahn, lim dem Kommerzienrat Döderlein persönlich für seinen Schritt zu danken. (Fortsetzung folgt.) AU5 ocr Schwel;. Freindenlcben. — Dritte Mobilisationsanleihe. — Druck auf die Neutralität. — Französische Pastmaßnahmen. — Der 1. Aug. 1915. .. _ . Zürich, Ende Juli. Schweiz, strahlt jetzt in ihrem schönsten Sommerglanze. In den dunklen Seen der Nord-, Ost- und Westkantone spiegeln sich die grünbewaldeten Berge. Ueber die gewaltigen Sclmee- berge der inneren Landesteile und durch die einladenden Frem- denorte die die Natur selbst zwischen diesen Ricsenhügeln ein-. zieht dreien Sommer nicht das laute und vielsprachige Heben früherer Jahre; aus den Frcmdenströmen, die sonst rahraus, lahrem die Stille beleben und während der Sommermonate die Buntheit internationaler Lebensformen in die ein- .rmcii Bcrgorte tragen, ist ein langsam rieselndes Bächlein ge- worden, da^ da und dort ganz schweigt, manchmal wieder etwas 495 — luftiger springt. Dieser Krieg bedeutet für manche Orte, die sich im Lause der Jahrzehnte ganz auf den Fremdenverkehr eingerichtet hatten, eine bange Zeit; so und soviele haben jede mit der Fremdeuindustrie nicht in Verbindung stehende Erwerbstätigkeit von sich gewiesen und sehen nun schon den zweiten Sommer die große Reihe leerer Gasthäuser, unbesucher Speiselokale, geschossener Luxusgeschäfte usw. Das ist für diejenigen, die im Wirtschaftsleben an den ewigen Frieden glaubten, eine bittere Enttäuschung und eine sehr nachhaltige «strafe für die irrige Meinung, daß internationale Zwistigkeiten die innere Entwicklung der Schweiz völlig unangetastet lassen würden. Die Landesregierung suchte für alle Richtungen und auf allen Wegen die Mittel, einem allgemeinen Ruin vorzubeugen: aber wenn es auch gelingt, wenigstens alle auf den Beinen zu erhalten, so vermag man doch nicht das Selbstverständlich abzuwenden; daß nämlich alle Kreise des ausgedehnten Wirtschaftslebens in empfindlicher Weise betroffen wurden und es jahrzehntelanger angestrengter Arbeit bedürfen wird, um die Lücken auszufüllen und die Schäden, die allen, vom Großindustriellen bis hinab zum einfachster! Bürger, der auf den Lcbensmitteleinkauf angewiesen ist, widerfuhren, gut- zuwachen. Inzwischen geben die bestehenden Verhältnisse den Behörden und der Bevölkerung der Schweiz wertvolle Fingerzeige, auch für die Zukunft; der Umschwung aller Tinge hat Maßnahmen und die Schaffung von Organisationen hervorgerufen, die, nachdem sie sich immer mehr und mehr bewähren, auch in die spätere, hoffentlich bald kommende Friedenszeit hinübergenommen werden sollen. Wenn nun trotz aller erschverenden Umstände, wie Kriegs- fteucrlasten, Einnahmeausfälle usw., die neue, dritte Mobilisationsanleihe ein so außerordentlich günstiges Ergebnis zeitigte, so ist das ein Beweis für die im Grunde gute und gesunde Finanzlage der Landes einerseits, und für das aller! gegenüber lebendige Pflichtbewußtsein des Staates andererseits. Diese erfreuliche Tatsache läßt sich am besten mit den Worten der „Zürcher Post" kennzeichnen: „Eine Anleihe von hundert Millionen Franken, als dritte innerhalb verhältnismäßig kurzer Frist, in einer Zeit, da die wirtsckraftliche Sorge durch das Land geht und in tausenden von Familien Einkehr hält, stellt einen Prüfstein auf die nationale Opferwilligkeit, auf das Vertrauen des Volkes in den Staat und auf die wirtschaftliche Kraft des Volkes dar. Wir sehen eben bei unserem südlichen Nachbarstaate, wie bitter es sein muß, wenn diese Prüfung nur dürftig und mühsam bestanden wird, wie sehr, nach außen wie nach innen, das Versagen des Volkes, wenn dev Staat nur finanzielle Hilfe nachsucht, das Ansehen dieses Staates und sein Gewicht bei Freund und Feind zu beeinträchtigen geeignet ist. An der Größe unseres Landes und seiner wirtschaftlichen Kraft gemessen, ist das, was es seit dem Beginn des europäi- schen Krieges dem Staate zur Verfügung stellte, ansehnlich: und daß diese Gesamtsumme der drei Anleihen von zusammen hundert- undachtzig Millionen Franken rasch und ohne starken Zwang gegeben wurde, darf die Genugtuung erhöhen!" Diese Genugtuung ivird von der Presse, der Behörde und dem Volke geteilt, und es ist m auch, abgesehen von dein mit dem Anleihezeichnen verbundenen finanziellen Vorteil des Zeichners, eine erfreuliche undj zaigleich überraschende Tatsache, daß diese dritte Anleihe, eine Vundert-Millionen-Anleihe, um mehr als neunzig Millionen überzeichnet «wurde. Wenn nun das schon vorhin erwähnte Blatt, das in Zürichs Leserkreisen tapfer für ein richtiges Verständnis Deutschlands erntrrtt, dem Anleiheergebnis auch eine außerpolitische Bedeutung zuschreibt, so meint es damit, daß die Schweiz damit bewiesen habe, daß ihre Selbständigkeit auch in finanziellen Dingen nicht zu verachten sei; es läßt sich nicht abstreiten, daß diese Beweisführung gerade ini gegenwärtigen Momente sehr von Nutzen sein dürfte. In wirtschaftlicher Hinsicht sind an die Neutralität der Schwerz in der letzten: Zeit gar manche Zumutungen gestellt worden, Zumutungen, die man in der glücklichen Friedenszeit nicht einmal als akademische Frage hätte in die Diskussion werfen dürfen. Tie Zensur der überseeischen, für die Schweiz bestimmten Briefe stellt schon ein Kapitel unerhörtesten Vorgehens dar; den Gipfelpunkt aber bedeutet die Forderung, einer frenrden Macht die Kontrolle der Einfuhr und Ausfuhr zu überlassen, eine Forderung, die die Drohung der Absperrung in sich schließt, für den Fall, daß man sich nicht dafür entscheiden sollte. Welchem Staate diese Regierung vorsteht, ist fast überflüssig zu sagen; es wird ihr von keinem neutralen Lande vergessen werden, wie sic die Völkerrechte und die anerkannten Gebote gegenüber der Neutralität mit Füßen getreten hat. Auch in Frankreich l)aben sich in letzter Zeit, wie schon gemeldet, naive aber sehr hetzende Presseäußerungen bemerkbar gemacht, die auf die wirtschaftliche Absperrung der Schweiz hinzielten und nicht müde wurden, zu behaupten, die Schweiz verproviantiere die Zentralmächte, und noch dazu gerade mit Lebensmitteln und Rohprodukten, deren Herbeisck-affung für das eigene ^md gegenwärtig eine der Hauptrollen unserer Regierung ist. Doch darf nicht verschwiegen werden, daß sich auch kluge Stimmen äußern, die es als bedenklich bezeichnen, die Freund- verscherzen und dem seit Jahrhunderten reichen :md wertschichttgen Handelsverkehr mit der Schweiz durch ^ derartiges Vorgehen eine vielleicht nicht wieder gut zu machende Unterbrechung zu bereiten. Dre Regierung scheint dieselbe Meinung zu verttcten uiü> sucht anscheinend dem Grenzverkehr zwischen der Eidgenossenschaft und Frankreich möglichst ivenig Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Allerdings hat sich nun etwas anderes eingestellt, was der Presse zu Bedenken, der Regierung zu Verhandlungen, den betroffenen Vcklkskreisen aber zu Protesten Gelegenheit gibt. Dieser Punkt ist nickst eine Folge des gegen Deutschland entworfenen Aushungerungsplanes, sondern eine der vielen Erscheinungen, die dre S p r o n e n f u r ch t im freien Frankreich gezeitigt hat. Es wird unvermuteter Weise seit einigen Wochen zur Ausstellung eines Passes nach der Schweiz von seiten der französischen Konsulate eine Bescheinigung der zustäiidigcn Behörde verlangt, ob der Paß- bcsteller von eingesessenen oder naturalisierten Schiveizern stammt, vttt nun sein Vater oder Großvater ein Deutscher oder Oesterrcicher gewesen, so erhält sein Paß nickst das notivendige Visum des Konsuls, wodurch also ein Ueberschreiten der Grenzen und ein Aufenthalt in Frankreich unmöglich wird. Ebenso wird in Frankreich selbst verfahren und Sckstveizer Bürgern, die von Ausländern (Deutschen oder Oesterreick-ern) abstammen, das Verlassen des Landes nicht gestattet. Nun ist selbstredend in der Schweiz leder Bürger rechtlich gleichgestellt und eine offizielle Scheidung ztrnsichten „echten" und „neuen" Schweizern natürlich unmöglich. Wie verlautet, sind seitens der Regierung die nötigen diplomatischen Schritte unternommen wttrden, mn die Durchführung dieser ungerechten Maßnahmen aus der Welt zu schaffen und einer Scheidung der Schweizer Bürger von ausländischer Seite in ihr rechte und uure-ckste Schiveizer beizeiten einen Riegel vorzuschie- ben. Tenn, man stelle sich vor, wohin das führen sollte. wenn sa!mtliche Staaten sich entschlössen, nach dem genannten Prinzipe zu verfahren, und wenn die Länder des Vierverbandes sämtlichen Schweizer Bürgern deutscher, österreichisch-ungarischer und ttir- kischer Abstammung das Ueberschreiten ihrer Grenzen untersagen würden. Man denke sich nur, welch ein Geschrei entstünde, käme etwa Deutschland im Verein mit Oesterreich-Ungarn und der Türkei auf die Idee, diese analoge Scheidung zwischen alteingesessenen Sckstveizer Bürgern und ihren nattiralisierten Mitbürgern einzuführen! . . . Ter letztjährige 1. August, der Nationalfeiertag der Schweizer zur Erinnernng an die Gründung der Eidgeiwssenschaft im Jahre 1291, fand das Land in einem Zustande unbeschreiblicher Aufregung. Noch sind alle Berichte voll von den Mitteilungen über den Auflauf von den Zeitungen, den Banken und Nahrungsmittel- aeschäften. Inzwischen l)at das entsetzliche Unheil immer weitere Kreise gezogen und die Schweiz mitten in sich bekämpfende Länder gestellt, das Land selbst aber bis jetzt verschont. Tie Schweiz weiß, daß sie wie die Regierungen aller Staaten anerkennen, dies ihrer bis aufs Peinlichste geivahrten, unerschütterlichen Neutralität zu verdanken hat; das Volk und seine, nur die Landesinteressen verteidigende Negierung haben 'kein Opfer gescheut, u!m dieser Neutralität den Nespett der Völker zu sichen:; die Grenzen sind geschützt, und ein kanrpfbereites und verhältnismäßig ausgezeichnetes Heer steht in Bereitschaft, die Ehre des Landes und die Unabhängigkeit seiner Bewohner gegen jeden zu schützen der sich nicht scheute, die heiligen Güter anzutasten. T:e großen Nachbarvölker wissen dies zu schätzen und anzuerkennen und schützen ihrerseits das Schweizerland als das Bollwerk und die Ursprungsquelle nationaler Freiheit. In der Schweiz selbst gibt man dem Vaterlande freudig, was ihm gebührt unb wessen cs bedarf, und man ist weit entfernt davon, den Ernst der Zeit auch nur in der geringsten Kleinigkeit zu verkennen. Kein Schweizer vermöchte, sich in übermütiger Weise darüber zu freuen, daß die Jugerid seines Landes inmitten all dieser Kämpfe verschont bleibt. Doch im Bewußtsein dessen, daß diese Jugend für die Ehre und Freiheit des Vaterlandes und Freiheit zur Verfügung steht, danken wir dem gütigen Geschick, das die Grenzen unserer Heimat bis jetzt verschonte. Und mit tiefem stillen Tanke verbinden wir den Willen, unsererseits zur Linderung all des Elendes beizutragen, mit allem, was in unseren Kräften steht, müi so zu helfen, die Sckstvciz auch im Sinne menschlichen MitgefühlÄ und wohltätigen Handelns segensreich-neutral wirken zu lassen. __ I. vermischtes. * Das wandernde Roßhaar. Ein junges Mädchen empfand an der Außenfeite feiner rechten groben Zehe einen allmählich zunehmenden Schmerz. Als dessen Ursache entdeckte eS endlich einen kleinen, tiefliegenden, schwarzen Punkt, den es Kir einen Splitter hielt. Sie lockerte nun mit einer Nadot die Haut darüber so wett, daß sie den „Splitter" lassen konnte. Zu ihrem größten Erstaunen nahm aber dieser„Splitter* kein Ende, sondern entpuppte sich als ein 2 0 Zentimeter langes Roßhaar! — Das Heralisziehen war nicht schrnerzhalt, eS blutete dabei nicht und der Fall ivar danrit erledigt. Ter Vater des jungen Mädchens, elbst Arzt, teilt dazu in der „Münch. med. Wochenschr." mit, daß eine Tockter als Kind ein Schaukelpferd mit natürlicher Mähne besessen habe. Er ver,nutet wohl mit Recht, daß sie da,nals nach Art der Kinder hier und da ein Haar alls dieser Mähne in den Mund genoillmen und eines von diesen versehentlich verschluckt habe. In langsanler Wanderung ist es dann uom Darm bis in die große Zehe gelangt, ohne die ganzen Jahre hindurch ihr irgend- welche Besch,verdcn zu ,nachen. Solche Wanderungen lebloser Gegenstäilde iin menschlichen Körper kennt die Wissenschaft bisher 496 — nur von Kugeln und von den starren und so viel kürzeren Nadeln ! DaS Roßhaar als wandernder Körperbewohner ist eine interessante Neubeobachtung aus diesen: Gebiete. * $te Atemlust in den Unterseebooten. Es ist erklärlich, daß in den engen Unterseebooten, wenn sie längere Zeit unter Wasser gefahren sind, die den Mannschaften zur Verfügung stehende Aimungslust verbraucht und dafür die Atmosphäre mit der ausgealmeten Kohlensäure geschwängert ist. Da eine Zuführung frischer Luft von außen und eine Abführung der Kohlensäure nach außen aber unter Wasser völlig unmöglich ist, würden unsere tapferen Matrosen in Erstickungsgefahr geraten, wenn eS nicht gelingen würde, die Sauerstoffzufuhr und die Kohlensäure- abgabe zu regeln. DaS Ideal wäre erreicht, wenn eS ein Mittel gäbe, das beiden Zwecken zugleich diente. Ein solches glaubte man schon lange, bevor es Unterseeboote gab, in einem chemischen Stoff, dem N a t r i u m p e r o x y d, gefunden zu haben. Dieses gtbt, mit Kohlensäure zusammengebracht, Sauerstoff ab, indem es die Kohlensäure verzehrt. Auf diese Weise könnte also ein mit Kohlensäure besetzter Atcmraum in einen sauerstoffreichen automatisch umgewandelt werden. Aber der Entdecker dieser Eigenschaft deS Natriumperoxyds, Prof. Dr. Georg Kaßner, konnte, wie er in der .Umschau-ausführt, alsbald sestslellen, daß sich in der Praxis diesem Vorgang Schwierigkeiten entgegenstetlen, da die ausgegtmete Kohlensäure nicht ausreicht, das Nalriuinperoxyd zur Erzeugung von Sauerstoff zu veranlassen. Um daher den Unterseebooten den für die Atmung nötigen Sauerstoff zuzuführen, bedient man sich des in Bomben gefüllten komprimierten Sauerstoffes, von denen man nach Bedürfnis entnimmt. Um die Atemlust aber hygienisch zu gestalten, ist noch die Kohlensäure zu beseitige«. Diese muß durch ein chemisches Mittel absorbiert werdet:. Dazu dient daS Aetz- natron. ES wird in: Unterseeboot in verteiltem Zustande in Patronen untergebracht, über die die verbrauchte Atemluft durch Ventilatoren getrieben wirb. Dabei absorbiert das Aetzuatron die Kohlensäure und wandelt sich in kohlensaures Natron oder Soda um. Aus diese Weise wird die Atmosphäre innerhalb der Unterseeboote dauernd rein gehalten. * Wie die englischen Soldaten ihre Lebensmittel verschwenden. Jeder englische Soldat erhält, wie das .British Medical Jomnal" mitteilt, täglich eh: Pfund Fleisch. Ta dies mehr ist, als er zu seiner Ernährung bedarf, verkauft er sehr oft sogleich seine Nation. Aber er verschwendet auch die Lebensmittel, inden: er das Ucberflüssige ohne weiteres in die ''Abfallkisten wirst. Die landwirtschaftlichen Betriebe, die in der Nähe der Lager sind, in denen die Truppen Lord Kitcheners geübt werden, wissen aus dieser Verschwendung der englischen Soldatei: ihren Vorteil zu ziehen. Sie verwenden nämlich die Speiseabsälle zur Ernährung ihres Viehes, besonders der Schiveine. Der Redakteur des »British Medical Journal", der die Nahrungsmittelverhältnisse und die Verschwendungssucht der englischen Soldaten studiert hat, fand ir: einem Schiveinekofen folgende Nahr:n:gs>i:ittel: ein Stück Käse, das ein halbes Pfund schwer war, ein großes Stück Schinken, viele Brote, Pasteten und Lebens,,,ittel jeder Art. Tie Menge der eßbare»: Gegenstände, die hier den Schiveinen vorgesetzt wareii, hätte ge- iiügt, einen erwachsenen Menschen für einige Tage mit Nahrung zu versehen! »Es ist eine traurige Ironie", sagt der Mitarbeiter der Zeitschrift, .daß man beim Militär eine solche unsinnige Verschwendung treibt, während die Ministerien nicht wiffeii, wie sie der Teuerung der Lebensmittel steuern sollen. Aerzte, die lauge Zeit in den Armenvierteln Londons oder anderer englischer Großstädte gelebt und das unsägliche Elend der großen Blasse dort keimen gelernt haben, sind von dem Gegensatz dieser Verschivendung wie vor de,: Kops geschlagen und verlangen allgemein die Abstellung einer so unsinnigen Verschwendung/ 'Reinekes K r i e g s s r e u d e n. Es ist gerade so, als ob er eS wüßte, der alte Spitzbube Reineke, daß ihm das Rauben und Gaunern gegenwärtig so leicht und gefahrlos gemacht ist! Wo er sonst bei der Ausübung seines unedlen Geiverbes nach Brigantenart die allergrößte Vorlicht walten und all seine ihm erblich überkommenen Ränke in Schlauheit spielen läßt, zeigt er sich Heuer in einer staunenswerten Unbefangenheit. Ganz gegen seine Gewohnheit, so schreibt uns ein Mitarbeiter aus dem Westerwald, kommt er jetzt häufig am Helle,: lichten Tage auö seinen Schlupfwinkeln in des Waldes tiefsten Gründen hervor, un: mit dem psifsigsten Gesicht durch die .Dörfer zu stolzieren m:d dort- das ahnungslose Volk der Hühner und der Gänse mit seiner allzu plötzlichen Anwesenheit zu überraschen. Als ob er es wüßte, der listige Bruder Notrock, daß die Jäger mit dein Scl)ießgeivehr fernab weilen und in Gefilden pürfchen müssen, wo das Grauen herrscht, das kemen Gedanken an heimatliche Fuchsjagden duldet. Zu Dutzenden holt er sich daher, unbekümmert um Tag und Stunde, gefiederte Beute von den Höfen, so daß er es augenblicklich wahrlich nicht notrg hat. etwa einem törichten Raben >:achzuspüren, ih»r: durch schmeichlerische Redensarten ein Stückchen Käse abstenslig zu machen oder gar sich um hochhängende Trauben zu bemühe», die überdies beraimtltch stets scuuw sind. Niemand ist so sehr erklärter Freund von Krieg und Kriegsgeschrel ivie die Janiilie Dieinefe. Einzig ab- flejcijen davon, daß das eine oder andere ihrer Mitglieder geleaent- Lich unvorsichtigerweise einmal ins Eisen geht, hat sie nie zuvor Kv gute -rage geschaut wie ir: dieser sog. „schweren Zeit". F viichertisch. — Allgemei>:e Ziele der beiden Schriften- s o l g e n „W e l t k u l t u r und W e l t p o l i t i K Unter diesem Sammeltitel beginnt eine deutsche und österreichische Schriitenkolge zu erscheinen: in: Verlag vor: F. Bruckmann A.-G. in München und herausgegeben für Oesterreich vom Wiener Jiislitut für Kulturforschung und für Teutschlaiid von Ernst Jäckh. Tie beiden ersten Hefte veranscliaulichei: Sinn und Zweck: die österreichische Reihe beginnt mit einer Arbeit des Lemberger Professors T o n: a s ch i w s» k y j über .Die weltpolitische Bedeutung Galizien s- und die deutsche Reihe mit einer Studie des Freiburger Privatdozenten und Bismarck-Biographen Dr. Valentin über »Belgien uilddie großePolitik derNeuzei t". ES sind also geschichtliche und politische Schriften, die in den durch der: Weltkrieg veranlaßten Fragen der Weltpolitik und Weltkultur Wege und Ziele zeigen sollen. Die alten Begriffe einer Weltherrschaft nach Englands Willen sind il:s Wanken gebracht; neue Aufgaben sür eine deutsche Weltpolitik erhebe,: sich und neue Verpflichtunge» auch für eine Weltkultur. Da braucht das deutsche Bock eii: starkes Rüstzeug, ein Rüstzeug des Wissens und des Wollen-; das ivill diese Sammlung .Weltkullur :mb Weltpolilik" schaffen: durch Männer der Geschichtsforschung, der Volkswirtschaft and der Politik. Daß diese jo notwendige Arbeit gemeinsam vo>: Deutschland und vo>: Oester:eich angesaßt wird, das bat feinen Grund nicht nur in einer gut angelegten Organisierung der geistigen Kräfte, sonderr: insbesondere auch in der durch den gen'.einsamen Krieg geschaffenen Gemeinschaft des politischen Schicksals der beiden Kaiserreiche. — „Der Völkerkrieg". Als ,vir in: vergangenen Winter an der Hand enMojer Einzelberichte die monatelang sich hinziel,enden Kämpfe un: die Karpathen-Täler ui:d »Pässe und in der Bukowina verfolgten, ivollte es uns nicht recht glücken, den äußeren und inneren Zusammenhang zu finden in den: Geivirr von unaussprechbare,:, zum Teil auch uuausfindbaaen Namen. Heft 34 des »V ö l k e r k r i e g" (Verlag von Julius Hoffman',, Stuttgart) bringt unS nun klare, zusammensaffende Darstellungen dieser Kämpfe, die sich besonders um die Duklasenke und den USzokerPab drehten. Entsprechend den: in den Darstellungen des .Völkerkrieg" mit Ö3lücf angewendeten Plan werden die wichtigsten Abschnitte der Kämpfe dem Leser durch trefflich ausgewählte Einzelschilderungeu anschaulich und lebendig gemacht. Der Schluß dieses Hestes und Heft 35 bringen die Kämpfe der Grenzschutztruppen in Ostpreußen u>:d die große W in t e r s ch l a ch t in Masuren. Neben den ausführlichen Darstellungen aus dem Große,: Hauptquartier, die bei aller Sachlichkeit und Klarheit doch von soldatischer Frische durchzogen sind, treten Schilderungen von Mitkämpfer», voi: denen die des Dichters Ernst Wolzogen sich besonders ansprechend lesen. Eine reizvolle Zugabe sind die .Episoden von de,: russische,: Kriegsschauplätzen". die uns rührende Züge von soldatischer Tavferkeit, List, Kameradschaft und Hingabe, aber auch Herrliches von Bräuten und Müttern erzählen. — Bei den glänzenden Taten, die aus dem östlichen Kriegsschauplatz geschehen sind, hat sich das Herz deS Volkes für die ruhmreichen Führer erwärmt, die echt deutschen Heldengestalten eines Hindenburg, Mackensen u. a. Mit besonderer Teilnabme liest man deshalb das Kapitel .Von den Fürsten und Heerführern der Verbündeten" und (in He't 36) den mit köstlichem Humor ausgestatteten „Besuch bei Hindenburg". Auch in das russische Hauptquartier dürfen wir eine,: ziemlich interessanten Blick tun, und der ganze Abschnitt über „die russischen Kriegsschauplätze bis zur Winterschlacht in Masuren- findet mit der Darstellung der „Verwaltung der von den Verbündeten besetzten Teile Russisch- Polens" seinen Abschluß. — Die zahlreichen und sehr guten Bilder führen unS Truppen, Kämpfe, welthistorische Szenen und besonders auch die Fürsten und Heerführer vcr, deren Namen in aller Munde ist. Uebersichtskarten ergänzen, wie immer, die Darstellungen. Gitter-Rätsel. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben aaaa, d, eeee eeee ea e e, g, h h, i i i i i i, 1 1 1 1, nnnn, sss, tttfctt, zz derart einzutragen, daß die senkrechten und wagerechten Reihen gleichlautend folgendes ergeben: 1. Einen Baun:. 2. Beliebten Vogel. 8. Eine Nedefigur. Auflösung in nächster Nummer, Auslösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Wer Reichtum hat und doch davon nicht spendet, Und ihn auch zum Genießen nicht verwendet, Der hat ihn gar nicht, gleicht den: Strohmann nur, Ter Korn bewacht für andre aus der Flur. Schulleitung; Aug. G»etz. - Notalionsdruck und Verlag der Brühl'schen UniverMls-Bnch- und Lteindruclerei. 31 , S m e, ©lejjeifc'