Der blaue fluker. Roman von El fr red e Schulz. (Nachdruck verboten.) 1. Kapitel. Als Friedrich Wölflin aus dem dünnen Kieferniva.lv trat, öffnete sich vor seinen Micken das weite Bobertal, das rechts von einem hochgeschütteten Bahndamm abgeschlossen wurde, eine Welt für sich. Tief unten zwischen grauem Weidengestrüpp wälzte der Fluß, seine gelblicharünen Fluten vor sich hin, dein hohen Eisennetzwerk der Bahnbrücke zu. Wölflin hielt einen Augenblick inne und stieß mit der feinen, dünnen Rechten den Spazierstock in den sandigen Moos-' boden. Aus den grauen Polstern erhoben die zarten Pflanzen auf goldbraunen Stielen ihre Krönchen wie zweighaste Palmen und verwebten sich mit dem zitternden Sonnenlicht. Eine Biene segelte summend vorüber und ging dann mit verwegenem Zickzack in seliger Ziellosigkeit ins Blaue hinauf. Friedrich Wölflin bemerkte das alles kaum und setzte sich langsam auf den Grenzstein, der dem Waldrevier das Ende zeichnete. Die müden Augen sogen das sonnige Landschaftsbild in die Seele, die heute, in dieser wunderbar iseligen Patmsonntagsfrühe, selten weich gestimmt war und aus dem schmalen Rande zwischen Wehmut und Lust wie ein blauer Falter auf dem Wiesenrain dahinschwebte. Friedrich Wölflin! — Gerade heute vor ztvanzig Jahren hieltest du mit deinem jungen Weibe als neubestallter Schulmeister den Einzug in Niederwiesenthal, und es war damals genau so ein rätselumstgndener Tag wie heute, voll von taufrischer Lebenshoffnung, links die ersten mattgelben Primeln und vlaßblauen Vergißmeinnicht, rechts die mürrischen grauen Weideristäinme, deren Saft noch nicht in Fluß gekommen war. „Der Wolf kommt!" —i So ging es damals wie ein Lauffeuer durch das kleine Bauerndorf, als das Wägelchen des alten Ianderschulz von Oberwiesenthal her in Sicht kam, und die vierzig, fünfzig Schulkinder bekamen keinen geringen Schreck bei diesem Kriegsruf .der spottfüchtigen Knechte und Mägde, die sich neugierig an den Zäunen aus-, gepflanzt hatten. Aber als die Schulzenrappen vor dein frischgetünchten Schulhause anhielten, das mit einem schweren Strohdach wie mit einer hohen Haube bedeckt war, und der behende Wölflin seine fünfundzwanzig Jahre mit leichtem Schwung vor die Kalesche stellte und seiner kleinen Frau über das Trittbrett half, da sah niemand von der angesammelten Dorsgesellschaft mehr eine Wolssgefahr, denn aus dein blühenden Gesicht des jungen Weibes, aus den strahlendeil Augeil ging ein warmer Glanz wie ein leichter Gruß über die Straße, uitb miau schloß auf der Stelle Freunds schuft mit dem neu hereingeschneiten Paar. Das alte niedrige Schulhaus sab ein Dlltzend glückliche Jahre, wenn auch die Zeit der Not den fütmuertidK*it Sold des Schulamtes manchmal recht schwer und drückend fühb- bar geinacht hatte. Bis dann ein düsterer Herbsttag —, Was ist dir, Friedrich Wölflin? In deinem Gesicht zuckt es schmerzlich, und die Hände, die sich in Gedanken falten, zittern leise. Durch die schmale Brust geht es wie eine Erschütterung. Das blaugrane Auge sticht links in der Ferne den hellen Sandstreisen, der dein dunklen Waldsaum vorgelagert ist. Wie ein bräunlicher Dunst hebt sich dort, wo die letzten Hütten der einspännig fahrenden Kuhbäuerchen stehen, von dem weißen Sand das kreuzbesetzte Gräberfeld ab, zu dem die Niederwiesenthaler nach Urväter Weise ihren letzten dunklen Gang antreten, nach dem Vater der Sohn uild nach dein Sohu der Enkel, wenn sich ihr Lauf vollendete. Friedrich Wölflin vergräbt den Kopf in seine Hände und bekämpft das Würgen in der Kehle. Dort zwischen den schweigenden Kreuzen liegt sein Mariechen, unter dein Stein, der in goldener Schrift das schwere Wort trägt: „Die Liebe höret nimmer auf!" Wären damals nicht die beiden Kinderchen gewesen, Friedlich Wölflin hätte den Begräbnistag nicht überlebt. Aber das Leben rief nach seinem Recht. Es waren schweigsame Tage, als sie in dem zerbrochenen Kreise zu dreien um den Tisch saßen, bis Malchen Trautwein, Wölflins Schwester, den leeren Platz einnahm und den beiden halbflüggen Vögeln das Nest anwärmte. Wachsende Sorgen wischten mit ihrer kalten Hand so manche von den lieben Spuren aus, die eine treue Liebe in das Herz des Zurückgebliebenen gezeichnet hatte. Dies Herz, von Kindheit auf immer weich wie Wachs, fing an, in sich gekehrt zu werden, und hart und härter, uub lebte nur noch, in dem einen Gedanken: Wie halte ich die Dornen zurück von dem Lebensweg der beiden Kleinen? '■ Dicht vor dem Träumer im Sonnenlicht stieg eine Lerche auf. Zuerst schnitt ihr schmetternder Triller wie ein greller Mißklang in Wölflins noch immer kurz aufzuckendes Herz, vls sich der Gesang in der Höhe zu kleinen Perlen auflöste, die einzeln heruntertropften. Das gab Frieden, und die harte Narbe deckte die Wunde von neuem zu. Von dem weißen Kirchturm schlug leise die achte Stunde herüber. Unten am Bahndamm hantierten ein paar Männer auf ihren kleinen Pachtäckern, Arbeiter, die wochentags in der Oberwiesenthaler Papierfabrik ihrem Tagewerk nachgingen und am Sonntag morgen schon von Sonnenaufgang an auf der kärglichen Scholle hockten. Vom Bahndamm schimmerten schwärzlich die eisernen Schienen. Ihr doppeltes Bänderpaar floß in der Weite in eine Linie zusammen und verlor sich im Wald. Wölflins Blicke glitten an ihnen entlang und wieder zurück und wieder vorwärts. Da blitzte es in ihnen auf wie ein heiteres Erschrecken und ein seliges Lächeln ging über das von feinen Furchen durchzogene Gesicht des Fünf- undvierzigiährigen und gab ihm einen verklärten Schimmer. Sein Junge! Hastig zog Wölflin die Uhr. Er durfte sich nicht der- späten. In Niederwiesenthal war heute Konsirmation an- peseßt, und der alte Pastor Breuer, der alle vierzehn Tage ins Dorf kam, predigte mit den Jahren immer langsamer und länger. Diesmal durfte der Kirchendreust aus der Orgelbank nicht übermäßig dauern, denn pünktlich um zwölf Uhr lief der Breslauer Zug auf dem Oberwiefenthaler Bahnhof ein und brachte ihm seinen Jungen. Sein Junge! Und der heutige Tag! Als vor acht Tagen das kurze Telegramm Mls Mrlitz kam: „Glänzend bestanden. Nun acht Tage Niesengebirge. Sonntag mittag zu Hause!" r—« hatte da Friedrich Wölflin nicht mit zitternden Händen gestanden und das kleine Papier krampfhaft zerdrückt? Er- Ullt der Traum seiner eigenen kargen Jugend, einmal ne Studenteumütze trauen zu können! Erfüllt an seine,n f ungen! Wie tveggeblasen waren alle Entbehrungen und ntsagungen der langen Jahre. In überströmender Glückseligkeit schlug er mit dem Stock ein paar Kreuzhiebe durch die Lust und suchte im Tal nach Menschen, ihnen die frohe Botschaft zuzutragen. Die Sonne war hochgekommen und fiel prall auf den gelblichen Fußpfad, der sich in der halben Höhe des Bahndammes unter den Schienen entlang schlängelte. Ueber den Baumwipfeln von Oberwiesenthal stieg ein leichtes Rauch- Wölkchen auf. Noch eins und immer mehr. Aus dem Waldgrau löste sich eine schwärzliche Masse. Dumpf dröhnte es Näber. Der Berliner Schnellzug. Nun tvar es höchste Zeit, und Friedrich Wölslin sprang davon, den Damm hinab. Mit eiligen Schritten gewann er den gelben Pfad. Die Eisenbahnschienen zu seinen Härrpteu bekamen Leben. Es surrte und summte über ihm und schwoll stärker an, rollend und grollend. Ein schnaufendes Ungeheuer kam gesaust, wie in einen, rasenden Unwetter, daß Wölslin nach den, Hut griff. Ein greller Pfiff vor dem Walde. Ein eisiger Hauch. Nun war es dicht vor ihm. Er blieb gebannt auf der Stelle stehen und sah über sich das fauchende Ungetüm. Ein Druck ein Prall. Friedrich Wölslin riß die Arme weit auseinander, als suchten die Hände nach einem Halt. Der Stock flog in weiten, Bogen hinunter. Durch die Luft schnitt ein markerschütternder Schrei. Der Körper, wie von einem schweren, kurzen Schlag getroffen, stürzte in sich zusammen und rollte langsam den Abhang hinunter. Eß zuckte noch ein- n,al in den Händen. Die Finger bogen sich im Krampf zusammen. Durch den Leib lies ein leises Zittern. Kaum hörbar entglitt den schmerzverzerrten Lippen halb klagend, halb lächelnd das Wort „Kinderchen!" und verhauchte in dem Brausen deö davoneile,wen Zuges. Friedrich Wölflin, Lehrer und Kclntor von Niederwiesenthal, war nicht mehr. Die herzugestürzten Arbeiter, die den Schrei gehört hatten, fanden kein Leben mehr in dem bleichen Manne, der eben noch m das Leben hinausstürzen wollte, und drückten dem Toten d,e Augen zu. ™ . 2. Kapitel. g'soit'^°^ ' Cä? ~ SBonä 101111 n? ~ Unser Lehrer, hot a ft c? nb . en r J 500 ben Häuern und konnten es nicht fassen. Die Leute schwirrten zu Gruppen znsainmen, die Gruppen zu einem Saufen, der sich dem Unglückboten voin Bahndamm nachwalzte. In wenig Augenblicken war das ganze dem Schulzenamt staute sich die er- 'Nenge, einer Aufklärung harrend. Das Trappeln der vielen Fuß« rief die kleine Lotte Wölslin an das Fenster. „Tante Molchen, o komm nur mal her, >vas da ist' Wie sie alle lausen! Da ist gewiß was passiert!" Malchen Trantwein sah hinaus. Die Leute drückten tick, vorbei Das Wort blieb ihnen in der Kvhle sitzen! der sein, der die Herzen da im SchuMms mederschmetterte. Vergeblich rief die tleine Frau ein paar ur>8- Mrschen an. Aber sie las aus den Gesichtern ei,, Unheil, ritz die Tur auf und stürzte auf die Straße. Ein« alte Frau, die Mangler-Lene aus dem Weberhäuschen, hielt sie an der Schürfe fest. ’ 1 ' J willen!"^' ,DÜä ^ So sprecht doch um Gottes ®“ bli°b die Frau stehen, faßte Matchen TrauUvein Um den Arm und schluchzte: ^WoaS a Unglück! Woas a Unglück! Unser Lehrer m" Weiter brachte fie nichts heraus. Sie sen und rumänischen Konsulat. Ueberall lassen wir uns für gutes Geld ein Visum in unfern Reisepaß drücken (nur die Rumänen tun's umsonst). Auf dem Bahnhof finden wir uns eine Stunde vor der Abfahrt ein; denn jeder Paß wird hier noch genau unter-! sucht und eingetragen. Am Fahrkartenschalter werden wir dann noch polizeilich zu einer freiwilligen Liebesgabe von 5 Piastern für die Flotte gezwungen, dann passieren tvir mehrere Sckutz- mannsposten, denen wir die Pässe wieder vorzeigen. Endlich sitzen wir im Zug und glauben, nun allen Formalitäten entronnen zu sein. Aber auf der Fahrt bis 4ldrianopel kommen noch ver- Medene Polizisten. Schon gewohnheitsmäßig zeigen wir unsere Pässe vor. Das ist uns übrigens nichts Ungewohntes, denn auch in Konstantinopel haben wir manchmal unfern Paß auf offener Straße einem Zivilbeamten vorzeigen müssen. Bor Adrianopel kommt dann nochmals ein Beamter mit seinem Stabe, und der stellt nun sest, daß fast alle Pässe nicht in Ordnung sind. Sie hätten noch ein türkisches Visum haben müssen. Davon wissen auch die Sehrvielgereisten nichts. Es ist also etwas Neues. Wir zahlen und bekommen das Fehlende. Im Abgehen bemerkt der gestrenge Beamte noch, daß hinfort für solche Nachlässigkeit eine Strafe erhoben werden soll. Nun halten wir auf der Station Adrianopel. Die Stadt liegt einige .Kilometer entfernt. Dieser Votrort heißt Karagatsch, wird hauptsächlich vion Bahnbeamten bewohnt, hat eine deutsche Kolonie .und eine deutsche Schule. Dieses Karagatsch spielt bei den gegenwärtigen türkisch-bulaarischen Verhandlungen eine Rolle Die Bulgaren erstreben wahrscheinlich den Besitz der Bahn, um zu ihrem Hafen Dedeagatsch kommen zu können. Während unseres langen Aufenthaltes auf diesem Bahnhof geht nun die große Gepäck- und Leibesvisitation vor sich. „Gold und Briese" heißt die Bannware, auf die gefahndet wird. Die Türkei hat ihr Gold nicht eingezogen: es läuft neben den Bankiroten, die Zwangskurs haben, einher, und so besteht natürlich die Gefahr, daß es ins Ausland abgeführt wird. In liberaler Weise ist den Reisenden gestattet, je nach der Länge ihrer Fahrt bis zu 15 türkischen Pfunden in Gold mitzunehmen. Was darüber ist, wird konfisziert. Da das Papiergeld aller Staaten erschrecklich Niedrig im Kurs steht, machen nattirlich die Reisenden reichen Gebrauch von der Erlaubnis, Gold mitnehmen zu dürfen. Wahrscheinlich haben die Beamten allen Grund, mißtrauisch zu sein, denn in unserem Abteil lourde sogar der Wasserkrug einer grie chischen Frau eingehend untersucht. Ebenso wichtig nahm es ein anderer Beamter während dieser Zeit mit dem Suchen nach Geschriebenem. Jeder Satz im Notizbüchlein wurde argwöhnisch angesehen, -jeder Brief dem Besitzes abgenommen, vom Beamten in einen Umschlag gesteckt, mit der angegebenen Adresse versehen und der Zensur überliefert^ Der ersehnte Pfiff von der Maschine zeigt uns an, daß dis Revision beendet ist, und nun geht es weitesr. Es ist Mend ge^ worden. Ein farbenfroher Himmel spiegelt sich in den sumpfigen Geländen von dldrianopel wieder und erinnert uns an den Balkankrieg, »vo diese natürliche Befestigung der Festung Adrianopel so sehr zu Hilfe kam. Nun rollt unser Zug über die Maritzabrücke. Ganz, ganz langsam, denn sie ist seit ihrer Zerstörung in jenüm Kriege noch nicht wieder hergestellt. Unheimlich knarren und ächzen die provisorischen Balken und Pfosten unter der Last des Zuges. Wir werden ja nur im Fluge die Balkanländer durcheilen, denn unser ersehntes Ziel ist Deutschland. Aber wir haben uns vorgenommen, auf der Fahrt die Augen offen zu halten, um aus kleinen Bevbachttmgen, aus dem Verhalten der Beamten und der Bevölkerung den politischen Barometerstand zu erkennen. Am nächsten Mittag sind wir in Sofia und können erst am .Abend weiterfahren. Sofia, die Residenzstadt, ist eine von den! ganz wenigen großen Städten Bulgariens. Es ist ein richtiges! Bauernland: auf rmserer Fahrt haben wir die reifen Kornfeldev betrachtet und den Erntesegen geschätzt. In diesem Jahre ist auch der Städter Mehr denn je auf die Felder aufmerksam geworden. Die Not hat ihn gelehrt, den Acker mit anderen Augen anzusehen tme früher. Reiche Frucht wird auf Bulgariens Feldern in diesen Wochen geerntet. Das Land braucht Ruhe und Erholung nach den schweren Zeiten der Balkankriege. Auch in Sofia, wo doch mn ehesten ine Politik die Köpfe erhitzen könnte. Merken wir nichts von Kriegsfreude: mid unser Freund, der dort ansässig ist, erzählt uns- auK daß das Volk Frieden wünscht. In der Stadl deutet auch nichts auf eine Hinneigung der Bevölkerung zu einer der krlegffuhrenden Parteien, ^ogar die Buch- und Zeitungshändler find neutral, denn die Blatter aller feindlichen Staaten sind gleicher- weise ausgelegt, ebenso wie in den Schaufenstern der Buchhändler deutsche wid französische Bücher immer in gleicher Zahl aushängen. Tie Nacht und den nächsten Morgen eilt unser Zug durch bul- P rnu rs chui ttreife Felder, heute wie gestern, u^Tbrfer mid kleme Landstädte. Sichtlich hängt das Wohl der Sanzen Bevölkerung vom Segen des Ackers ab. Rilstschukk Wir haben die Donau und bannt die Grenze des Vandes erreicht. Tie Stadt selbst, deren ausragende Minarehs uns ^ Türken hier herrschten und daß noch & er '^nen, kann uns nicht fesseln, denn alle Wifmerksamkeit gilt hier wieder den Zoll- und Paßformalitäteu Wahrend wir tn heißer Mittagssonne aM Tonauufer st-ye'n, werden die Pässe eilige sammelt und aufs neue abgestempelt, das Gepäck wird wieder durchsucht, und aufs Geratewohl wird der dritte Mann heinusgesucht und einer körperlichen Untersuchung unterzogen, denn auch Bulgarien erlaubt nicht die Goldausfuhr. Eine kurze Fahrt aus dem Fährdampfer bringt uns nun nach Ramadan, wo schon wieder Zoll- und Paßbeamte unser harren. Wieder dieselbe Geschichte, nur nacb^Gold wird hier nicht gesucht. In unserm Speisewagen merkt mau noch nichts von Kricgs- drot, obgleich wir uns der ungarischen Grenze nähern. Das Mehl wird halt noch im weizenreichen Rumänien eingekaufi. Au unserm Tisch fitzen zwei fiebenbürger Männer, ein Deutscher und ein Ru- mane. Sie machen uns aufmerksam auf das (vetreide, das da an der Bahnstrecke liegt. Seit der vorigen Ernte liegt cs da, der Witterung und den heimlichen (oder offenen) Besuchen der armen Bevölkerung und der Gänse ausgefetzt, die gut bei dieser Weizen- kost gedeihen. Auf den Stationen sehen wir auch reichlich viel Militär. Wie hat sich unser Empfinden in einem Jahre geivandelt. War nicht das blitzOide, farbenfroh schimmernde Regiment sonst auch unser Stolz und laute Freude? Nun sehen wir hier peinlich sauber gekleidete Offiziere weiße Käppis, glänzende Knöpfe, gegen jeden Regentropfen empfindliche Röcke und lackschäftige Stiefel. Und das Ganze konunt uns wie eine Spielerei vor; nur iwch das Feldgrau und der texte Kommißfeldstiefel will uns als ernst und angemessen gelten. Ms der Äi,g sich »nieder zum Albend neigt, nahen wir wieder derr schönen Transsilvanischen Alpen und erinnern uns schöner Stunden rn dem »valdigen, kühlen Sinaia, dem Sommerfitz des rumänischen Königs. Heuer fesselt uns die Sckiönheit des Gebirges weniger als der GejdiMK, eine wie vortreffliche natürliche Befestigung unsere Bundesgenossen in diesem Bergivall besäßen, wenn sich die Rumänen zu unfern Feinden hätten hinüberziehen lassen, i- rc\ W bin Land durchquert, wieder eine Grenze. Die- sel.de Sache wre an jeder Grenzte, und doch anders. Jetzt beginnt unser Kriegsgebiet, denn Deutschland, Oesterreich, Ungarn sind doch für unser Gefühl heute ohne innere Grenzen. Ter Krieg hat uns auch den Ungarn näher gewacht. Willig spricht heute jeder Beamte deutsch mit uns. Das war nicht immer so; manchen Aerger Wben wir früher auf Miseren Fahrten durch Ungarn in dieser Beziehung gehabt. . . "in so oft gesagt und geschrieben worden, man Merke iit deutschen Landen Nichts vom Krieg. Apier »vir bringen andere Ml gen mit und sehen überall Neues, das uns au den Krieg erinnert. Wir sehen Anschläge in den Wagen, die zum Sch»veigen mahnen, die zur Beobachtung von etlvaigen Spionen aufrufen: wir erfahren iM Vaterlande zuerst etrvas von der großartigen Eim tecknng des Brotes und Mehles, wovon uns die Zeitungen doch Nicht den gleichen Eindruck geben konnten, »nie jetzt das Erleben selbst: wir sehen an den Auslagen in den Schaufenstern, toie das Lanze geschäftliche Leben sich gewandelt hat, wie es sich auf die neue Weltlage eingestellt hat. Wohin wir schauen, merken wir etwas vom Krieg Aber im'mer etwas, das uns stolzer und froher auf unser Vaterland macht. Und das lvar unsere Hoffimng. Jetzt in tex Hermat lachen imr über manches, das uns vordem die Stirn kraus ziehni machte, behauptet jetzt einet von uns lachend, als wir durch, erne deut» che Stadt gehen : „Schau, nichts von deutschem! Empfinden in Teutichland! Geschäftsleute, Verwaltung, Regierung, alles ist französisch!" Und er »veist uns darauf hin, daß in der ganzen ^tadt die Lateinschrift als Umgangsschrift gilt. In Konstantinopel werdet ihr keine Lateinbüchstaben mehr finden. In komischem Mißverständnis erklärte dort die Polizei eines Tages, Falles lateinisch Geschriebene französisch sei, und im Nu wußten alle Aufschristen verschwinden. Jetzt findet man auch in der . Fremdenstadt Pera nur türkisch:, griechische, armenische, he- vraische und bulgarische Namen und Ankündigungen. Tie un- < Vielen, »oelche diese Zeichen nicht zu deuten vermögen, sind übel daran. Die Teutschn haben einen Austveg gefilnden: Sie haben sich schnell zur gotischen Schrift bekehrt: das köiinen wenigstens wir Deutschen lesen. Uns will ja eigentlich nicht einleuchten, oft !•.MlNchnst: TeMsches Schuhtvarenlager oder etwas sehnliches „französisch" fein könnte, aber die Polizei behauptet es nun einmal, und dann wirds doch wohl so sein. ab!er, da wir in Deutschland sind, vergessen wir schnell auch diese Aergerlichöeiben, und der große Gedanke von der Bedeutung der Türkei und den Dardanellen fiir Deutschlands Wohl tritt.m den Vordergrund, und toir erzählen lieber allen, die iir- teressiert nach.Konstantinopel fragen, von den tapfereii Türken, Mit vorbildlicher Todesverachtung an den Tardanelleii kämpfen, und von >>er Zuversicht, mit der jedermann in KoMantinopel an me Festigkeit der Dardanellen glaubt, und mit gcmz besonderem ^Eolz fügen »vir hinzu, welche Arbeit iiusere deiltschen Offiziere geleistet haben, die aus dem Heer der Türken zur Zeit des Balkaii- rneges tn so erstaunlich kurzer Zeit das wohlgeordnete und gut ausgebildete neue türkische Heer geschaffen ^ben. Und »vir fügen imt Nachdruck hinzu, daß wir eine schöne Zukunft der Türkei sehen, wenn sie sich auch fiir die anderen Gebiete ihres Staatswesen^ die deutsche tatkräftige Hilfe dauernd sichert. Tann ist ihr der wünschens.werte schnelle Aufstieg sicher, der ihr ihre staatliche Selbständigkeit verbürgt, die ja auch für Deutschland eine polttiscl'e Notwendigkeit wdeutet. 492 Gottfried Mittel.' Bit seinem 100. Geburtstag (11 August 1915), Von Peter Hamecher. Wenn wir heutigen von Gottfried Kinkel reden, so fesselt uns der Roman seines Lebens stärker als sein Dichten. Ans seiner reichlich epigonenhaften Poesie ist auch daS Bild deS Mannes, dessen Name einst wie eine Fanfare des Sturmes durch Deutschland brauste, nicht zu gewinnen. Sein Dasein war eine Weile aufs höchste gesteigert; aber er blieb nur ein mittelmäßiger Bedichter konventioneller „poetischer" Motive. Nicht einmal oiezermalmenden Hammerschlä^e dos außerordentlichsten Schicksals vcrinochten aus seinem Genius stärkere Funken herauszuschlagen. Ein Gedicht, wie das von den achtzehn Gewehrmäulern, daS er angesichts des drohenden Todes schrieb!, ist im Grunde emp- fmdungsarm in seiner wortreichen Rhetorik. Seine Lyrik ist überhaupt belanglos. Feinere Reize bieten allenfalls die kleinen! Versepen: „Otto der Schütz", hübsch, zierlich, bürgerlich-romantisch; ein freundliches Gewächs aus der Trompeter-Amaranth-Welt; „Der Grobschmied von Antwerpen", eine Künstlernovelle, farbensatter, malerischer, auch in der Darstellung der Leidenschaft stärker, und das andere Produkt seiner Beschäftigung mit der Kunstgeschichte, das griechische Idyll „Tanagra", das wertvoll ist um ein paar bekenntnisreicher Worte willen, in denen der Alternde Abrechnung hält ^zwischen den beiden Mächten, die sein Leben waren: dem Politischen Kampfe und der Kunst. Aber da ssteht — es ist der 18. März 1848, und das Patent des Königs Hur beschleunigten Einberufung der Landstände ist eben eingctroffen i— auf dem Söller des Bonner Rathauses ein Mann und schwenkt die schwarzrotgoldne Fahne. Und mit seiner Glockenstimme grüßt er die Morgenstunde der neuen deutschen Einheit, die ihm die Bereitschaft Friedrich Wilhelms IV., die Kaiserkrone anzunehmen, leuchtend Heraufzufuhren scheint. Dieser Fahnenschwinger, dieser Bürgerfähnrich ist Professor der Kunst- aeschichte und Dichter von Ruf. Am 11. August 1815 in einem Pfarrhaus'« zu Oberkassel bei Bonn geboren, war er Theologe geworden und hatte an der Universität die Gottesweisheit gelehrt. ^Lber bic enge orthodoxe Einschnürung seiner Jugendzeit hatte den Geist der Oppositton in ihm erweckt, und unter dem Einstuß des kritischen Radikalismus der Jungdeutschen war er von der reckst gläubigen Richtung immer stärker nach links abgedrängt worden, bis er sich schließlich, um den Anfeindungen der Orthodoxie, zu entgehen, genötigt sah, sein theologisches Lehramt, das er mit Freiheit ausübte, gegen eine andere Fakultät zu vertauschen. Doch ihn erwarteten bald neue, heftigere Kämpfe. Die politische Leidenschaft war in ihm wach geworden, und als das Sturmjahr 1848 kam, riß ihn der Strom der Begebenheiten unaufhaltsam mit sich fort. Er gründete den demokratischen Wahlverein, gründete Arbeiterbildungs-Lehrvereiue, enttvarf das Wahlprogramm seiner Partei und kämpfte in der Zeitung, in Volksversammlungen, in der preußischen Kammer für die Sache, die ihm die deutsche Zukunft war; focht für die deutsche Republik, für die Koalition des Volkes gegen die Koalition der Fürsten. Anfangs in seinen Forderungen gemäßigt, wurde er durch die Entwicklung der Dinge immer schroffer, maßloser, unbedingter. Seine allmähliche Wandlung läßt der Satz durchscheinen: „Wir wollen die Einheit, wir wollen ein Volk sein, unter einer Verfassung, unter gleichen Grundrechten, mit ein und derselben Volksvertretung und Regierung, und dadurch wollen wir einig werden nach innen, stark nach außen. Hinter uns Und unseren Wünschen haben die Fürsten die Brücke abgebrochen, unter ihrer Leitung kommen wir nicht zur .Einheit Nur vor uns liegt das Land, liegt Rettung, und sie heißt Republik. Wir werden nicht mehr gefragt, was wir wollen oder wünschen; nur um ein Müssen handelt es sich, und dieses Müssen lautet: Untergeben oder durchhalten, Knute oder Freiheitsmütze, Bürgerkrieg oder Einheit." Und am 26. April 1849 gibt er in der letzten Sitzung der 2. preußischen Kammer die Parole von der sozialen demokratischen Partei der Zukunft aus. Es ist leicht, die Denkfehler des Jdealpolitikers Kinkel, seinen Mangel an realpolitischem Sinn, der ihn bei seinen schwärmerischen Intuitionen das Fehlen sachlicher Grundlagen übersehen ließ, nachzuweisen. Leicht ist cs auch, von den Gesichtspunkten anderer Zeilen her sein Handeln als Don Ouixotehaft abzutun. Aber seine Haltung hat Größe, und hinter alt seinem Tun steht die große treue Liebe zum deutschen Wesen. Und nur aus dieser Liebe heraus wurde dieser beivnndernswerte deutsche .Charakter zum Umstürzler. Und am 4. August 1849 steht dieser Mann als Hochverräter vor dem Kriegsgericht zu Rastatt. Der Traum von dm: deutschen Einheit, für den er gelebt, für den er gestritten, ist abgetan; ist zerschellt am Egoismus und an der „Treulosigkeit" der Fürstend Das Volk will seinen Willen mit den Waffen erzwingen. Und Kinkel, trotzdem er die Gewalt verabscheut; trotzdem er die Verderblichkeit und Vergeblichkeit des Unterfangens erkennt, will das Volk, das aus ihn wie aus die Gewähr oer Freiheit schaut, nicht) im Stiche lassen. Am 29. Juni ist er im Gefecht bei Muggensturm verwundet und gefangen worden. Am 4. August steht er vor seinen Richtern und spricht zu ihnen, von denen er das Todesurteil erwartet f „Für eine sinkende Sache kann ein Mann, der ihr treu: ist, nur Eins tun: er kann mit seiner Person, mit Leib und Leben für sie einstehen. Das habe ich getan. Sie können das, meine Herren, einen Entschluß der Verzweiflung nennen; daß es aber ein EntscUuß fei, der meine Ehre als Mann entwiirdigt — nein! Das können Sie nicht sagen!" Und angesichts der Gewehrläufe, die er schon drohend auf sich gerichtet sah, bekennt er sich noch cm* mal laut zum Reichs gedanken, den yu vertreten damals, in den Tagen kleinstaatlichen Partikularismus, als «in Verbrechen gatt. Das Gericht aber erkannte, aus der Anarchie der Zustände die Er-' laubnis zu eignem Rechtsspruch hernehmend: „Die Gesetze des preußischen Landrechts bestimmen zwar für denjenigen, die sich picht als Anführer am Kampfe beteiligt, nur 6—8 Jahre Gex fangenschaft. Weil aber der Angeklagte ein Mann von so hoher Bildung und besser als andere wußte, was er tat; weil fernep die Entschuldigung wegfällt, daß er bei dem Aufstand etwas für sich zu gewinnen meinte, darum erhöhen wir für ihn die Strafe auf lebenslängliche Festungshaft." Der König „milderte" das Urteil, indem er statt Festung — Zuchthaus fetzte, lieber ein Jahr mußte Kinkel hinter Kerkergittern Wolle spinnen, bis sein Freund und Schüler Karl Schurz einen Befreiungsplan entwarf, den er auch im November 1850 aus führte. Der Traum von der goldenen Republik war zu Ende. Für Kinkel kamen in London, dahin er sich gewandt, Jahre eiserner Arbeit, Und der durch die Folge der Geschehnisse Ernüchterte Vehrte sich immer mehr von der Politik ab. 1866 erhielt er einen Ruf als Professor der Archäologie nach 'Zürich, wo er am 13. November 1882 starb. " , Nicht ohne Tragik ist Kinkels Haltung im Jahre 1870. Seine Augen hatten zu lange ins Traumland Utopia gestarrt und waren nicht wehr fähig, sich in der Wirklichkeit zurechtzu finden. So blieb der Vorkämpfer des neuen Deutschland, der doch einst vor seinen! Richtern ausgesprochen hatte, daß er die Einheit Deutschlands in jeder Form begrüßen werde, selbst wenn sie aus der Hand der Hohenzollern käme, bei dem großen Einigungswerke in zwie-r spältiger Stimmung beiseite stehen. Zwei Momente sind es, die sich in die Seele einbrennen: jen« Gebärde voll schwärmerischer Schönheit, mit der er auf dem Bonner Rathanse die deutsche Flagge entfaltete, irnd seine heldisch ungebeugte Haltung vor den Richtern. In ihnen ist der ganze Mann. Gerne möchten wir aus seinen Gedichten den Hauch seines starken Lebens, das entflammende Pathos seiner öffentlichen Erscheinung zu uns herüberschlagen fühlen. Doch da ist keine Brücke. Kinkel, der Dichter, und Kinkel, der Volksleld, haben nichts mit-, einander zu tun. ülnd wir wenden uns von dein Dichter ab, und klammern uns an die paar Uns überlieferten großen Augenblicks feines Lebens, um die prachtvoll« Gestalt des deutschen Kämpfers, der ein Volk fortriß, wenn auch auf Irrwegen, so doch mit dep Wahrheit als Ziel, nicht zu verlieren. -s vüchertisch. - — . — Islam und Weltkrieg. Von Richard Schäfer, Sekretär der Deutschen Orient - Mission. 3b S. Verlag von Krüger & Eo., Leipzig. — Vorliegendes Schristchen ist ein in der Gegenwart geradezu notwendiges, weil es den zahlreichen Bedenken vieler deutscher Kreise begegnet, die gegen das Bündnis mit den Türken und die Türkenfrenndschaft überhaupt sind. Wer eS Qitf- merksam gelesen hat, wird anders denken und die religiöse und kulturelle Bedeutung der brennenden JSlamfrage in der heutigen Neugestaltung begreifen. _ Höffe! prullg. der stroh bewacht auch hat der stur znm spendet dem für doch wer — ver- wendet mann körn der davon und ihn gleicht nur ihn reich- tum nicht genießen nicht und andre nicht gar hat auf Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Ergänzungsrätsels in voriger NümnMt So lang noch stehn die Allgen offen. Laßt frisch uns schaßen und fröhlich hoffen Und täuscht uns auch die Hoffnung oft. Der Mensch ist glücklich, so lang er hofft. tzchrlstleltung: Aug. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Univfrfftäls-Buch- und Steindruckerei, R. Lgnge, Gießen