Mittwoch, den 14 Juli Zurück zur Scholle. Komams sah. Fürchtegott Fritscher nahm die Flasche, schwankte zum Fenster und setzte sich. 9Loch immer lootlte es nicht regnen. Graue Staubwolken fegten über den Platz. Da schmetterte ein blendender Blitz senkrecht aus der Schwärze herunter. Fürchtegott Fritscher. „Schlag tot! Schlag den Baron tot! Schlag alles tot." Jetzt fiel ein Blitzschlag kurz hinter dem andern. Sie jagten sich förmlich. Immer kürzer wurden die Pausen zwischen Entladung und Donner. Und bei jedem Blitz, der herniederfilhr, bei jeden: Donner, der krachte, brüllte Fürchtegott Fritscher vor Freude und Wut. „Schlag tot! Zünd an! Prost! Schlag alle tot! Alle große Herren schlag tot! Zünd die Scheune an, die Domiuial- scheuue! Das ganze Gut züiid an! Immer drauf! Gib's ihnen gut! Daß sie alle Viere von sich strecken! Diese verfluchten großen Herren, die das ganze Land in den Klauen haben. Hurra! Das war ein Schlag! Der hat gesessen! Schlag alle Versicherungsgesellschaften tot! Das ist ein Schwindel!" ^ Da rauschte draußen der Regen. Die Blitze ließen nach. L>ie kamen in immer größeren Zwischenräumen. Fürchtegott Fritscher war plötzlich verstummt. Sein Blick ging wirr in der Runde. War er nicht auch versichert! Und» konnte es bei ihm nicht auch einschlagen! Tann bekam xr Geld in die Finger! Blitzschnell übersiel ihn dieser Gedanke. Und leise streckte er die Hand nach der Streichholzschachtel ans, die auf dem Tische lag, und ließ sie in feiner Tasche verschwinden. Er wankte eilig durch den wvlkenbruchartigen Regen nach Hause, stolperte über die Kuhstallschwelte und tastete sich in die dunkle Mügdekammer. Da lag ein Hausen alter Lumpen in der Ecke. Das wußte er. Er steckte sie an, daß sie glimmten, stinkenden Rauch emporqualmteu und Flämmchen zeigten. Daun häufte er ein paar Bretter darüber und schob das Ganze an die Tür, die er von draußem schloß. Lange horchte er draußen, wie sich die Flamme weiterfraß. Die Türbvhlen wurden glühend heiß, sie dehnten sich Da dachte fürchtegott Fritsckjer an seine alte Mutter und verlor den Kopf. Er lief ratlos durch den Kuhstall und die Scheune. Er durfte die Mutter nicht heraustragen, sonst merkten es die Leute, daß er das Haus angesteckt hatte! Und er konnte sie auch nicht verbrennen lassen! Er mußte das Feuer wieder löschen! Aber schon ivar's zu spät dazu. Die ^ür der brennenden Kammer hatte sich fest geklemmt und gab nicht nach. Er holte ein Beil, um sie zu zerschlagen. Sie trachte auseinander, und heraus fuhr eine flammende Stichlohe, die ihm in die Augen schlug Geblendet taumelte er rückwärts. Nur an Flucht.und Verstecken dachte er noch. Er vergaß die kranke Ntutter. Er lief durch den Garten auf die Felder hinaus. Das Gewitter hatte sich schon verzogen. Nur schwach rieselte es noch aus den dünnen Wolken. Die Sonne kam schon durch. Uiid Fürchtegott Fritscher floh. Nur iveit weg von dem Feuer, daß man ihn nicht entdeckte! In seinem Hirn wühlten züngelnde Flammen, vor den 9lugen flackerten sie ihm, in den Ohren sauste ihm ihr knisterndes Geräusch. Thomas Hau- jchild, der bis aus die Haut durchnäßt ins Dorf sprengte^ sah den Bauer laufen und rief ifym etwas zu. Aber er bekam keine Antwort. Und Fiirchtegott Fritscher lief, als waren tausend Teufel hinter ihm drein. Immer nach einer Richtung, quer über die nassen Stoppeln, durch Kartoffel!raut und die Rübenfurchen entlang! Da traf er aus den ersten Strohschober. Dort hinein wühlte er sich wie ein Maulwurf in den Boden. Immer tiefer grmb er sich. Finster wurde es Um ihn. Aber die bösen Flammen zuckten noch immer vor seineii Augen. Trückeud heiß war es da drinnen. Doch Fürchtegott Fritscher Hii-ppcrteu die Zähne wie iin stärksten y-rost. An seine Mutter dachte er wieder. Vielleicht kam )tc noch heraus! Neben deni Bett standeii die Krücken! Ganz gelähmt war sie ja noch nicht! Damit sielen ihm die Augen zu, und er sank in einen tiefen, krampfartigen Schlaf. Das Gewitter war fort. Leuchtend hing die Sonne am blauen Himmel und spiegelte ihren Glanz in den Tropfen, die an den erfrischten Pflanzen zitterten. Moritz Gaffel trat in den Garten und sah seinen Bienen zu, die mit wilder- Gier aus den Stöcken stürzten. Die Torsleute und die Guts- arbciter strömten wieder auf die Felder hinaus. Das Einfahren zlvar war durch den Gewitterguß unterbrochen worden. Llber es wartete schon andere Arbeit draußen. lind wo sich die Sense nicht mehr schwang, da scharrte schon dev scharfe Pslug die Stoppeln um. Eine halbe Stunde schaute Moritz Gassel untätig dem Treiben zu. Die Dreschmaschine begann wieder zu summen. Jetzt stieg ihre Rauchfahne nicht mehr senkrecht in die Höhe, sondern wehte nach Osten. DaS Gewitter hatte einen frischen Westwind zurückgelassen. Wieder sraß der Treschkasten Garbe um Garbe in sich hinein, die durchnäßten legte man einstweilen beiseite und ließ sie in der Sonne trocknen. Wie kleine Puppen sahen die Leute von Moritz Gassels Standpunkt aus. Eifrig reichten sie sich die Garben zu, unermüdlich, ohne zu stocken, denn die Maschine wurde nie satt. Moritz. Gessel schämte sich seiner Faulheit und griff zum Spaten. Ehe er ihn aber das zweitemal gehoben hatte, horte er plötzlich gellende Hilfeschreie. Er warf ihn augenblicklich hin und sprang aus die Straße. Hier horchte er. Tie Sck)rcie kamen von Fürchtegott Fritschers Hof. Mit langen Sätzen sauste Moritz Gassel die Straße hinauf, setzte mit einem.Sprunge über den Zaun ,und stieß die Türe auf. Fürchtegott Fritschers Mntter lag ans dem Fußboden und konnte nicht weiter^ Durch die Mtzen der zweiten Tür, die nach dem Hausflur ging» drang beizender Rauch. „Hilfe!" schrie die Alte und mühte sich vergeblich, auf die Beine zu kommen. „Hilfe! Feuer! Es brennt!" Moritz Gassel hob sie auf und schleppte sie mit vieler Mühe in den Hof. Hier setzte er sie auf den Brunnendeckel und stürzte noch einmal ins Haus. Mer er blieb nicht lange drin. Nur die Betten vermochte er durch das Fenster ins Freie zu werjen. Deun schon brach die Decke des Kuhstalls zusammen, und aus dem Dache schlugen die ersten Flammen. „Fürchtegott!" schrie die alte Mutter, und ihre Stimme gellte wie eine zersprungene Glocke über das Dorf hinaus. „Fürchtegott! Feuer! Feuer!" Moritz Gassel brachte sie endlich zur Nachbarin. Sebaldus Pohl riß an der kleinen Turmglocke und machte Feuerlärm. Das war kaum nötig, denn die Leute, die auf dem Felde waren, sahen das Feuer schon von weitem. Zu Fuß und zu Wagen kamen sie im schnellsten Laufe heim. Franz Wiegelt, als der Gemeindevorsteher, übernahm das Kommando. Das verstand er. Die Brandstelle wurde abgesperrt und von den nächsten Brunnen wuchsen lange Ketten eifriger Hände, die die gefüllten Ledereimer weiter reichten. Als nach einer Viertelstunde der Scheunengiebel einstürzte, ließ man Fürchtegott Fritschers Gewese brennen und suchte die andern Häuser, die in der Nähe standen, vor dem Feuer zu bewahren. Denn der Wind wurde stärker und warf Funken. Besonders der hohe Giebel Christian Reuschels war gefährdet. In jedem Fenster stand ein Mann mit einem genäßten Besen und schlug das Flugseuer tot. Oben aber, rittlings auf dem First, saß Christian Reu- schel selbst, ließ sich durch eine Dachluke einen gefüllten Eimer nach dem andern, reichen und goß ihn kaltblütig aus. Den sechsten Eimer goß er sich immer über den Kopf, um nicht selber Feuer zu sangen. Endlich kam die Spritze von Guhre anaerasselt und der Dasserwagen von Podraschke. Aber die Gefahr, war schon vorüber. Tic Lokomobile hatte aar nicht amgchört zu summen. Thomas Hauschild stand bei ihr Wache und scherte sich nicht um das Fcuerchen im Torfe. Man ließ Fürchtegott Fritschers Gewese brennen und schaute müßig zu „Der Blitz hat'S angezündet!" meinte der alte Tubin. Jetzt erst mertte man, daß Fürchtegott Fritscher nicht zur Stelle war. „Hat einer den Fritscher gesehen?" fragte Franz Wiegelt im Kommandoton. Mer es kam weder Stimme noch Antwort. „Er hat's selbst angesteckt!" schrie Christian Reuschel, der eben vom First herunteraeklettert war. „Er hat's angesteckt. Sonst braucht er sich nicht zu verkriechen." Fritz von Winkelberg, der mit Moritz Gassel auch au der Brandstätte stand, machte den Müller auf das Ungehörige dieser Behauptung aufmerksam. „Sie müssen's ja besser wissen, Herr Baron!" meinte Christian Reuschel mit einem verächtlichen Lächeln. „Ich mein, der Blitz schlägt immer ins höchste Haus. Und meins ist das höchste." Der Baron gab nicht nach, und der Müller wurde grob. Die Bauern teilten sich und stritten untereinander, bis der Gendarm von Luschelau herüberkam. Jetzt lvurde es ernst. Er fragte nach dem Besitzer, mit kurzen, schnauzigen Worten fuhr er die Bauern an. Niemand konnte Auskunft geben. Daniel Zpuppack war der letzte, der ihn im Gasthaus gesehen hatte. Der Gendarm durchschaute die Gehöfte einzeln. Die Bauern halfen ihm dabei, bis draußen die Dreschmaschine Feierabend pfiff. Da kam Thomas Haufchild hereingeritten, Hörle, was Fürchtegott Fritscher angerichtet haben sollte, und brachte den Gendarm auf die rechte Spur. Sie fanden die Fußtritte auf dem weichen Stoppelboden, im Kartoffelkraut und längs der Rübenfurchen und ritten bis an den Strohschober. * „Vielleicht ist er hier drin?" meinte Thomas Hauschild. Der Gendarm sprang vom Gaul und zog ein paar- Strohbunde heraus. Mehrmals rief er Fürchtegott Fritscher beim Namen, und zwar so laut, daß ein Toter davon hätte erwachen müssen. Fürchtegott war auch wach, aber er rührte sich nicht. Tie Angst lähmte seine Glieder und preßte ihm die Kehle zusammen. Aen Geirdarm erkannte er an der Stimme. „Vielleicht ist er nach Guhre gelaufen!" meinte Thomas Hauschild. „Ist ja auch die Frage, ob er das Haus an-« gesteckt hat." „Was!" rief der Gendarm erbost. „Das ist sicher. Ich kenn das Bauernpack besser. Dem stcurd das Wasser bis an die Kehle. Dann kommt immer die Streichholzschachtel dran. Er kann sich freuen, zehn Jahre Zuchtaus kriegt er sicher aufgebrummt, dieser infame Brandstister!" Dabei zerrte er wieder das Stroh auseinander, aber er fand nichts. „Na!" sagte Thomas Hauschild und stteg auch aus dem Sattel. „Wir können doch nicht den ganzen Schober ans- einanderreißen." „Ich wcrd ihn schon kriegen!" schrie der Gendarm und zog»jeinen Säbel blank. „Jetzt stech ich mit meinem langen Säbel solange in das Stroh, bis sich jemand meldet." Und da stach er auch schon zu. Fürchtegott Fritscbeo rührte sich nicht. Hart bei seinem Ohr vorbei streifte die scharfe Klinge, doch sie fano den Brandstister nicht. Nach einer Viertelstunde stieg der Gendarm zu Pserde und ritt mit Thomas Hauschild zum zweiten Schober. Fürchtegott Fritscher lag noch eine ganze Stunde mäuschenstill, dann kroch er langsam ans seinen! Versteck heraus. Doch nur den Kopf steckte er ans Licht. Eben ging die Sonne unter. Cs war noch nicht dunkel genug, um zu fliehen. Denn Fürchtegott Fritsck)er wußte nun, daß er fort mußte, weit fort, wo ihn nieinand kannte, nach Amerika oder noch weiter. Denn ins Zuchthaus mochte er nicht. Und er zog sich »vieder in seine Hohle zurück und wartete. Hunger und Durst quälten ihn selw- . i Da saß er nun in seinein Elend! Wer war daran schuld? Nur der verdammte Lauscbaron! Dem wollte er es aber, bevor er nach Amerika floh, gel)örig anstreichen! Und Fürchtegott Fritscher fühlte nach der Streichholzschachtel und wartete aus die stacht. Elf Sck)ober waren es, das wußte er genau. (Fortsetzung folgt.) Die Nottrauung. Eine heitere Kriegsgeschichte von K. v. d. Eider. Pastor Tonnählen saß in seinem Studierzimmer üb.r seinen Büchern. Tie Arbeit ging nicht vonslatten; es stel ihm schiver> 431 — ferne Gedanken zu sammeln. T-ie waren draußen in der Ferne, bei denen, die fürs Vaterland kämpften. Viele von fernen Gern eindekindern tvaren ausgezogen. Einige hatte er noch rn den letzten Tagen getraut. Bei diesen waren seine sorgen. a.s ec jetzt zu dem grauen Himmel aufblickte. Nicht ein Sonnenstrahl drang hindurch: es war ein trüber Oktober morgen. Ta klang die Pforte. Zwei Leute traten behutsam naher. Sie kamen aber nicht zur Haustür hinein, sondern wählten den Um- weg durch die Hintertür. ^ (1 ,, m , Was wollten denn die beides? Voran trippelte die Wa,cy- katrein mit rundlici)em, gerötetem Sonnenantlitz und glattgeramm- tenl säuerte!, die schwarze, altmodische Scho st racke über dre blauleinene Kück>enschürze gezogen, wie es sich für eine ehrbare TZaich- frau an besonderen Tagen geziemt. Ihr folgte mit gewichtigem Schritt Jan Raßmus, der Kirchendiener, Leichenbitter und Kulen- Jan war im Sonntagsrock. Sein Gesicht aber sah noch faltiger und griesgrämiger als sonst aus. . . f ^ r Pastor Tormählen schüttelte den Kopf. Wre kam a, so ist es, Herr Pastor. Jan hat nrc nrch lerne Ordnung. Er wird nicht bestopft und nicht beflickt. Kein Mensch kümmert sich um i^i, daß^er Sonnlagsmorgens, mit Erlaubnis zu sagen, ein reüi Hemd anzieht. Ta tut es woll not. baß er 'ne Frau kriegt, die auf ihn paßt. Und wir dachten, mit 'ne Nottrauung, das war' doch nun Mode, und da brauchten wir nicht erst vierzehn Tage in den Kasten hängen, und Irin könnte gleich bei mir zuziehen." Tormählen schüttelte energisch den Kopf. „Nottrauen kann ich nur die Leute, die ins Feld ziehen." Tie beiden Men sahen sich an. „Sie nehmen mir man nrch, meinte Jan. Ä _ r , ..Schlagt Euch die Sache nur aus dem Kops," sagte der Pastor, „solche Tumml)eiten sind nichts in Eurem Alter." „Tummlreiten," wiederholte Katrein, die sich in aller Bescheidenheit auf die Kante eines Stuhles niedergelassen hatte. „Ich bitt' Sie, Heer Pastor, die allerllügsten Leute heiraten heutzutage noch." ,Laja," nickte Jan. Ter Pastor wurde ungeduldig. Er suchte sich herauszuwinden. ,>Jch werde mir's überlegen. Augenblicklich habe ich kerne Zeit. Kommt eirr andermal wieder." Er rvollte erst mal mit Jans Schwiegertochter rederr. Wer Katrein wich und warrkte nicht. ,Herr Pastor," sagte sic, „wenn cs nichts mit die Nottrauung ist, denn sünd wir auch zufrieden, wenn Sie uns nach der alten Weise zusammen geben. Aber gewartet 'haben wir schon lange genug, weil Jan nicht Manns genug lvar und immer Angst vor das Fraucnsmensch hatte, was seine Schwiegertochter ist. Aber ich sagte: - „Jan," sagte ich. „ich gehe eigenhändig mit dir jum Herrn Pastor, und du sollst sehen, der würd uns schon behülflich sein." _ Ter Pastor seufzte. Gegen die Beredsamkeit der Waschkatrein war schwer anzukommen. Sie hatte es sich nun mal in den Kopf gesetzt, den guten, dummen Jan zu heiraten. Da kanr ihm plötzlich ein Gedanke, der ihn innerlich lächeln machte. Pastor Tormählen war trotz seines sttengen Aussehens jm Grunde seines Herzens ein Schelm. Er zuckte scheinbar gleichmütig die 2lchseln. ,Ha, wenn ich Euch auch tränen wollte — es geht nicht . . . wirklich nicht . . . durch die vielen Nottrauungen in der letzten Zeit ist mein Kirchenbuch ganz voll geworden. Seht, es kann nichts mehr drin stehen." Tie beiden Alten schauten sich ratlos an. Katreins Sonnengesicht verffnsterte sich. Jan senkte ergeben das Haupt. „Ja, loenn das Kirchenbuch voll ist," murmelte Katrein». Zaghaft fragte sie: „Wird dann nicht ein neues angeschafft?" „Jaja. Nächstes Jahr vielleicht. Vorläufig nicht." Um Katreins Mundwinkel zuckte es wie verhaltenes Kinder- weincn. „Wer weiß, ob wir denn noch leben." Langsam wandte sie sich zum Gehen. Jan schob mit gebeugtem Nacken hinter ihr drein. Mit einem Male blitzte ein Freudenschem in ihrem endlichen Gesicht aus. Sie kehrte zurück. „Herr Pastor", flehte sie inbrünstig mit gefalteten Händen, „wenn in Ihr hochverehrtes Kirchenbuch kein Platz mehr für uns arme Leute ist, dann schreiben Sie uns doch man getrost auf den Umschlag. (Buchdeckel). Ta wollen wir gerne stehen. Nich wahr, Jan? Wir sind es ja allmeindag gewohnt, draußen vor der Tür zu stehen. Tas kommt arme Leute zu." Als Katrein so in ihrer dreisten und bescheidenen Art sprach, mußte Pastor Tormählen bocfi lachen. Er lachte nicht aus vollem Halse, aber so rocht von Herzen. Es war ein Lachen, das ihn warm und froh machte; es blitzte aus seinen Augen, zuckte aus allen klei- nen Fältchen seines Angesichts. Es funkelte sogar durch die blanken Brillengläser. „Geht mit Gott", sagte er, „am kommenden Sonntag biete ich Euch auf. Ich lverde schon ein Mätzchen für Euch ffnden. Für bescheidene Leute ist überall Raum." „Vielen, besten Dank, Herr Pastor!" ^ Sie gingen. Pastor Tormählen hörte noch, wie die Waschkatrein draußen sagte: „Siehst Du, Jan, es wird doch 'ne Not- traunng." Er wandte sich wieder seinem Schreibtisch zu. Merkwürdig, es erschien ihm alles mit einem Male viel Heller und sreundlich'r als vorhin. „Ich glaube", flüsterte er für sich, „die Sonne kommt heute doch noch durchs" _ Der..Ameisenhaufen". Von einer Fahrt zur französischen Front entwirft ein russischer Kriegsberichterstatter in der „Rußkffa Wjedomost/ ern Büd, das deutlich erkennen läßt, wie ,'chiver das Land vom Kriege heim- gesucht wird: verödet liegt jetzt das blühende Frankreich da. In den Gäßchen seiner zahlreichen, Neinen Städte und aus den Feldern und in den sonst um' diese Zeit so belebten Weinbergen sind keine Leute zu sehen. Nur ab und zu macht sich ein Greis oder ein halbwücl siger Junge etwas zu tim, und taucht eine Frau hinter dem Pfluge auf, so ist man überrascht, daß noch ein Pferd im Lande übrig geblieben ist. Alle lebenden Kräfte sind buchstäblich sonst iür den Krieg in Anspruch genommen und nach) der Front ge-, führt worden. Und dennoch breiten sich Getreidefelder wie ein grüner Teppich aus. Je näher man aber an die Front kommt, beito mehr verschwinden diese lieblichen Bilder, desto mehr Verwüstung der Natur und Anhäufung französischer Truppen. Llnfangs heflet sich das Auge auf sporadisch austretende, halb zerstörte Dörfer und aufgewühlte Aecker und Wiesen, durch die ein Zvklon gefahren zu sein scheint. Tann aber setzt ein Landstrich völliger Vernichtung ein. Die Erde ist zerstampft, von Kanälen durchschnitten, von schweren Rädern durchfurcht, und Pserdehuse haben willkürliche, grobe Wege gebahnt. An Stelle von Städten und Dörfern türmen sich Berge von Schutt und Geröll, und es ragen Trümmer von steinernen Wänden, von Hochöfen und zerschos'ene Kirchentürme empor. An den Flüssen liegen entwurzelte, hundertjährige Pappeln und Ulmen, und keine Spur von einstigem Wohlstand und geordnetem, friedlichem Wirtschaftsleben ringsumher. Man glaubt ein gewaltiges, verlassenes Lager vor sich zu sehen, an dessen Rand sich Unterstände ziehen. Sie schichten sich mitunter stockweise übereinander, und aus ihren O-effnungen kriecl*en glcickffam graue Figuren hervor und gruppieren sich zu ganzen Kolonnen. In langen Reihen bewegen sich die Mtobusse des Roten Kreuzes und die der Intendantur mit Kanonen, ferner die Muni- tionsroagen, bespannt mit prachtvollen, ungewöhnlich widerstandsfähigen. kanadischen Pferden. Bald ist an einer Seite ein Luftschiffpark, bald an der anderen ein Stand von Automitrailleusen zu stehen, von denen 16 schon auf einer kleinen Strecke zu zählen waren. Wiederholt steigen in einer Hol* von 800 Meter BallonS auf, um Beobachtungen anzustellen. Plötzlich ein schreiendes sig- 432 nal von vielen Autos, die Heranrasen imd zehn, zwölf Mann in jedem Wagen führen. Diese Leute sind, als Reserve eiligst vom Kommando verlangt worden, um „die Arbeit" fortzusetzen, die ihre Vorgänger nicht beenden konnten. Je weiter man fährt, desto häufiger begegnet man den Zelten, welche die Werkstätten der Intendantur, die Artillerie-Parks und die Materiallagerräume dar- stollen. Und überall sind Tausende von Menschen unermüdlich am Werke, um zu graben, zu bauen, aus-ube,sern und Dinge neu herzustellen. Es brausen die Motore, es klirren die Eisengerüte, cj klopfen bie Hämmer, und es pfeifen die Dampfnraschinen. Vom Ballon aus ist von den Wäldern der Argonnen bis Reims von einem Ende des , Horizonts zum andern ein endloser, sich rührender Ameisenlaufen zu sehen. Erst da gelangt man zu der Erkenntnis, welch eine ungeheure Masse fieberhafter, angespanntester Arbeit der Krieg täglich verlangt! Tie Msamte Arbeits- cnergre der französischen 40 Millioncn-Bewohnerschast scheint sich hier zu entladen. Daher ist Frankreich auch verödet, seine Fabriken geschlolsen, seine Städte mrd Felder ohne Menschen. . . Noch näher zur Front, uird das Bild ist lviedet anders! Hier birgt die Oberfläche der Erde gar nichts mehr. Der Krieg und die Geschütze, die Bomben und^Ncinen haben Wälder und Häuser dem Boden glerchgemacht und alles Leben erwürgt. Selbst Teiche und Flüsse siiid leblos und mit Trümmern. Sand und Steinen überfüllt worden. In tiefen Schluchten befinden sich verstteute Höhlen, die alle zur ersten Frontlinie führen und in deneii Soldaten und Generäle leben. Am Tage kommen sie kaum zum Vorschein, es sei denn, dass eine Attacke eine unverzügliche Befestigung erfordert. Nachts aber rührt sich der Ameisenhaufen umso mehr, und die ermüdeten Gruppen werden immer von neuein abgelöst, die alles herbei- schleppen, was zum Essen und Trinken und zum Kampfe in der Feuerlinie unentbehrlich ist. wie Munition. Sprengstoffe usw . , . Man kann bestimmt behaupten, daß an der Front und hinter derselben alle Franzosen von, 19. bis zum 45. Jahre, mit wenigen Ausnahmen, zusammengezogen .sind. In recht bunten Uniformen stellen sie, als Männer verschiedenen Alters und Berufes ern mächtiges Arbeiterheer dar. „Das Zkriegslager," sagte ein Ottlzrer, „ist heute eine Riesenfabrik, denn der Krieg setzt sich aus technischen Operationen zusammen!" Dieser Auffassung entsprechend haben die französischen Soldaten äußerlich selbst an der Front kein Gepräge von Kriegern, sorrdern von Arbeitern. Sie schreiten langsamen, schweren Schrittes, wie Leute, die sich redlich mühen, ihre Kleidung ist vom Rogen uiid von der Erde schnrutzig und ihre Unterhaltung ernst und sachlich. Gerade solch einen Eindruck tvie Hafen- und Eisenbahnarbeiter machen auch die Haufen an der Vorderlinre — nur daß sie hier noch zurückhaltender, schweig- samer und vvrsichtiger sind — wie bei einer gefährlichen Arbeit, wo leben Augenblick ein „Unfall" eintreten kann. Ml die Tausende sind zu einem einzigen Arbeitsorganismus zusammengeschlosien, ob- schon die französische Zivilisation eine außerordentlich individualistische ist. Und wenn der russische Soldat auch „wir" und tver .französische systematisch „je" sagt, so fühlt dieser doch die Krastlougkeit des „je" in dem alles gleichmachenden, meckiam- fierenden Kriege und versteht, daß die Schwere desselben von der ganzen Nation getragen werden mutz . vermischtes. ^ U JJ* bv&xld > t k e 1 d e r W a l d b e e r e n l e f e. Draußen tn den Wäldern hat jetzt die Lese der Heidelbeeren begonnen. Ganze Familien eilen mit allerlei Körben. Schüsieln und Kannen hlnanS' um die klelne blauschwnrze Frucht zu pflücken. die so wmztg erscheint und von der doch in jedem Jahre ganz riesige K U ^ lnöeI kommen. In ganzen Wagenladungen wecdeii bte fretbelbeereu, Blaubeeren, ober, wie sie in Berlin heißen, die Beelinge, in die groben Städte eingefnhrl. Auch mit Der Beerenlese sind noch allerlei Bräuche verknüpft. DieUach, so tm Rhe»nlande, m Westfalen, ini Vogtlande und im Erzgebirge, werden ,cdeS>„al vor Beginn des Pflücken 4 die ersten drei Beeren an etneni alten Ba»nn zergr.et'cht. Dieles Zerguetschen wird der .schwarze bet er genannt und soü zn„i Anifinden reicher Aeeren- grnnde verbellen. In manchen Bezirken ,oill eS der Brauch, daß die ^.eerenoflucker die ersten bici Beeren zivifchen einen Dorne,i- strauch> werfen oder den Vögeln hinstrenen. Wieder in anderen legenden gehört zu eine.n guten Beere,„und, daß-die ersten am. gelnndenen Waldbeere., non den Pflückern selbst anlgegesse,, .verdeu. i-im. ' bX \ r fnul waren oder die die n,eisten Beeren verzehrt haben, entschuldigen sich da.n.t, daß das Beeren- madche" oder Beeren.,,aidli in, Walde zu chnen gekommen ,väre und ihnen den größten ^eil der eingesammelten Waldbeeren wieder abgenominen hatte. Debalb singen die Kinder im Badischen auch: volle, Holle Röhre Mir kmn,ne „S d? Beere, '« Beere,»,,,aidli isch zu nnS kumme, Het „ns alle Heibeer g'numme, 'S Kiewili (Mund) voll, 's Kärbli leer. . Mienner twem, nian) nu dr' hai.ne ner! Schildkröte als englischer Werber. In England muß letzt >chon all und jedes zur Werbung dienen. Der ! neueste Werber, der dort in den Dienst der nationalen Sache getreten ist, ist die Riesenschildlröte des Zoologischen Gartens in London, die auf ein Alter von 160 Jahren geschätzt wird und daher den schonen Namen Methusalem trägt.' .Methusalem" zeigt nun an, seiner Schale feit kurzer Zeit eine Jnschrilt. zu deren Ve'r- ümuuls „,an sich gegenwärtig halten muß, daß das e„gl,sche Wort ,shell sowolst Schale wie auch Geschoß bedeutet. Also Methusalems Inschrift lautet: .Wir komnien ohne unsere «U)eU§ - niajt ans, aber sie werden dazu dienen, dich daran zu erinnern, dag es^noch andere gibt, die dein Land braucht." Just die langsame Schildkröte als Werber — sollte das nicht eigentlich ein nicht ganz günstiges »-men in sich schließer, ? Spotten ihrer selbst »md wissen mcht wie! vüchertisch. — Die soeben erschienene Nummer 3758 der leipziger »Illustrierten Zeitung", die zweite im neuen Quartal, zeigt aufö neue die Dielsenigkeit der beliebten Wochenschrift auf illustrativem Gebiet. Um den, großen Publikllm Oielegeuheit zu geben, an der Hand bildlicher Dokumente einen Ueberblick über den bisherigen Verlaus des Weltkrieges, die Tätig- * x i m ' e I ec feldgrauen und ihrer Bundesgenossen zu geiviunen und die Originale einmal mit den Reproduktionen zu vergleichen, eme Gegenüberstellung, die übrigens nicht z,l Ungunsten der „Illustrierten Zeitung" aussällt, veranstaltet der Verlag des Blattes zurzeit in den Räumen des Vereins Berliner Künstler, Berlin IV.. Bellevnestraße 3, eine Ausstellung von etiva 400 ansgewählten Qrtginalen der »Illustrierten Zeitung". In ihrer Gesamtheit stellt viele Ausstellung. in der ueben ersten deutschen Küiistlern auch lungere Talente bemerkeilswerte Proben ihres Zeichensliits bieten, ebenso wie die bisher erschienenen 49 Kriegsbeile der.Illustrierten Ze.tnng , gleichsam den Widerscheil» deS mächtigen seelischen Er- levenS deiilscher ZUmstler während deS großen Völkerringens dar. „H H^t der Kriegszeitschriit .Ter t5r «? ' Verlag von Julius Hoffman», Stuttgart, ist anS- ailleß ich den Vorgängen ani dem serbiich-montenegrinischen Kriegs- chauplay gewidmet und stellt insofern einen vollständig abgeschlossenen und iest umgrenzten Zeitabschnitt dar, als mit der Wledereroberllng Belgrads durch die Serben auf diesen, Teil des Krie^schauplatzeS für lange Zeit ein abjolntev Stillstand der mili- -»« v 11 Operationen eintrat. Nirgends wohl treten die Wechsellalle des Krieges so deutlich und charakleristisch in die Erscheinung wie bei den Kamp,en „.Serbien, wo nach dem, unter den schwie- rigUcn Verhalt,»isien nniernommenen. siegreichen, Vorstoß der erster, reicher, der mit der Eroberung Belgrads endete, das tapfere Heer nnferer Verbündeten zum Rückzüge, zur vollständigen Räuinmia serbischen Gebietes und damit auch zlir Preisgabe Belgrads gezwungen wurde. In dem vorliegenden Heit ist eine genaue Schi!- dernilg davon gegeben, wie durch die Ausdehnung der Front bis Betgrad hinauf bie verhängnisvolle Lockerung der österreichisch, ungarischen Anmarschlinie enlsiaird, die die Serben zur letzten Tat der Verzweiflung a,»spornte, alles gegen Westen zu »verfen. um ai J orese Weise den rechten österreichisch-ungarischen Flügel ein- zlldrncken. Neben den fachlich behandelten Kriegsereignissen bean- fpruchen beionders die anschaulichen Schilderungen' der inneren Zustande des sch.rer henngestichten Serbiens besonderes Interesse «Jü« d -,x blc|e,U if / eine gute Uebersichtskarte. sowie zahlreiche Abbild»,ngen belgegeben. die eine ebenso wertvolle ivie weiten Kre.scn wiNkominene Eraänzung deS allgemeinen Inhalts bedeuten. Ter Prei» des He tes beträgt d0 Psg. --Hochland, hundert rheinprenß,..^.^ . - Ter Parlamentarismus. Von Privatdozent Dr. K. G. Hngcl- mann. - Die Knappen von Prettan. Eine Ehronik von Johann ® eo ™ ^,^^/Ier. — Zunr Gedächtnisse Napoleons. Von Univ- ,^-Dr. Martin Spahn. -England und Deutschland am Ende des 19. Jagrhnnderts. Von Gehein,rat Unio.-Proiessor Dr. £> von Armiert. - Bismarck in Frankreich. Von Firrnin Eoar. - Kritik : ^»e sranzosticheil Katholiken. Von Firnnn Eoar. - Hockland-Eckw' Deutsch als Weltsprache. Englische Sin»»eösälschunge,u - Rnnd^ schau: K r legS betracht »nrg. Wendelin Foerster. Das literarische Italien der inngiten Vergangenheit. Berliner Theater. Musikalische KriegSlyrik. — Unsere Knnilbeilagen. ’ e tes betragt d0 P,g. ,d. Inhalt des Iuliheftes: Das erste Iahr- l'-b»scher Volkswirtschaft Von Tr. P. A. Ctasen. itarismns. Von Privatdozent Dr. K. G. Hugel- Tauschrätsei. Hagen — Ober — Dose - Leber — Ost — Feiae — Keller — Falle — Alba — Durst — Miller — Dame — Leid — Wanne Tie Aniangöduchstaben vorstehender Wörter sind mit anderen Blichstaben derart zu vertauschen, daß man ebenso viele neue Wörter erhält, deren Aniangsbllchsiaben ein Sprichn ort ergeben. Auslösung in nächster Nummer. Auslösung deS ZahlenrähelS in voriger Nummer- Ösen — Tune — Tonne — Odin — ^Vaaen - hlqae — lleacn — Doge - Igel — «ölen — Eitel - Noemi. Otto Weddigen.