Lurück zur Scholle. Roman von Ewald Gerhard Seeliger. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Ehe Hugo aber ins Wirtshaus ging, suchte er noch einmal Hedwig auf, die er im Kuhstall bei den melkenden Mägden traf. „Du, Heb?!" sprach er leise und zog sie in die Ecke, wo die Futrerkiften standen. „Lag mal, möchtest du gerne reich sein?" „Ach, sehr gerne!" seufzte sie und dachte dabei an den Baron. „Schrecklich gerne!" „Schön!" nickte er befriedigt. „Das wollte ich bloß wissen. Mir geht es nämlich ebenso." Am Biertisch traf er Thomas Hauschild, der mit Franz Wiegelt wieder einmal Sechsundsechzig spielte. Hugo löste den Gehilfen ab, der noch einmal in den Pferdeställen zum rechten sehen mußte. „Sie kommen doch wieder?" fragte Hugo und mischte die Karten. „Wir können ja dann einen Skat klopven." „Es dauert nicht lange!" gab Thomas Hauschilo zurück. Ehe er aber erschien, kam Moritz Gassel an, setzte sich an den Tisch und sah zu. Spielen mochte er nicht, weil er es sich nicht leisten konnte. Als Thomas Hauschild von seinem Jnspektionsgang zurückkehrte und er auf seinem Platze den Schulmeister erblickte, stutzte er. Moritz Gasse! nahm keine Notiz von ihm. Und Thomas Hauschild wieder schämte sich seiner Ungezogenheit, denn er hatte in der Zwischenzeit erkannt, daß er Moritz Gassel im Unrecht verdächtigt hatte. Nicht ein einziges Mal war er seit dem Ball mit Hedtvig zusammengetroffen. „Nanu?" fragte Hugo verwundert. „Habt ihr was miteinander gehabt?" „Ich nicht?" erwiderte Moritz Gassel gelassen und blieb sitzen. „Aber Herr Hauschild wird wohl seinen Irrtum eingesehen haben." „Das Hab ich!" stieß der plötzlich heraus, wurde rot und reichte Moritz Gassel die Hand. „Es war eine Dummheit von mir." „Schon gut!" erwiderte Moritz Gassel und nahm die Hand. „Tie Sache ist erledigt." Als er nach einer Stunde aufstand, hatten die beiden andern dem Gastwirt vier Mark abgeknöpst. Hugo bezahlte von dem Gelde seine Zeche und machte einen Gang durchs Dorf, über das sich grade die Schatten des Abends senkten. Am Pfarrgutszaun tras er Pelagia Dubin. Aber sie stand nicht allein, Daniel Zpuppack war bei ihr. Doch er drückte sich, als er den Studenten kommen sah. Pelagia Dubin aber blieb stehen, und Hugo sah darin eine Aufsorberung, näher zu treten. Thomas Hauschild dagegen saß bei Hedwig und lwls ihr beim Garnwickeln. Die Mutter war im Hinterzimmer damit beschäftigt, Hugos Wasche zu ordnen, die er mitgebracht hatte. Und in welchem Zustand! „Ich geh noch einmal zum Herrn Baron!" sprach August Knorreck und ließ die beiden allein. ,Hedwig?" meinte Thomas Hauschild und faßte sich ein Herz. „Wissen Sie auch, weshalb ich hiergeblieben bin?" „Ich bin nicht neugierig," wich sie ihm geschickt aus. Da rückte er noch näher und wollte sie um die Taille fassen. Ganz erschreckt sprang sie auf. „Was fallt Ihnen denn ein!" rief sie entrüstet. „Gehen Sie znr Pelagia!" Au seinem Unglück kam Frau Knorreck herein, daß er weitere Annäherungsversuche unterließ. Die Mutter sehnte sich in Angst nach ihrem Hugo. Der aber kam erst kurz vor Mitternacht heim. Am nächsten Morgen traf er mit dem Baron zusammen, mit dem er sofort in ein angeregtes Gespräch geriet. Die beiden hatten in ihren Ideen sehr viele Berührungspunkte. Und da Huao merkte, daß er einen verständigen und aufmerksamen Zuhörer hatte, setzte er sich wieder auss hohe Pferd und ließ wuchtige Satze vom Stapel. Außerdem hatte er schon wieder einen Kater zu bekämpfen. „Der Staat ist ein Philisterpferch. Die Justiz ist die Ungerechtigkeit der Herde gegen das Individuum. Die Universität ist ein fossiles Ungeheuer aus der Tertiärperiode. Der Militarismus ist der Beweis der menschlichen Bestialität. Die Religion ist der ethische Lutschbentel, mit dem die Weltgeschichte aroßgepäppelt wurde. Die Sozialdemokratie ist der religiöse Wahnsinn der Neuzeit. Das allgemeine Wahlrecht ist das offene Eingeständnis, daß kern Mensch mehr taugt als der allerdümmste." „Man sieht," lächelte Fritz von Winkelberg, „Sie haben tüchtig nachgedacht." „Jawohl!" tvarf sich Hugo in die Brust. „Die ganze Welt ist ein Unsinn. Das steht übrigens schon bei Kant, aber mit anderen Worten. Doch das macht nichts. Das einzige Wort, was Sinn hat, ist: Nach uns die Sintflut!" „Ich muß gestehen," fuhr der Baron fort, „daß ich zu wesentlich anderen Resultaten gekommen bin. Daß die Gesellschaft das Individuum unterdrückt und unterdrücken muß, ist notwendig, sonst verliert sie ihre Existenzberechtigung. Doch gibt es ein Gebiet, wohin die Macht der Masse nicht reicht. Und auf diesem Gebiet liegen die größten Ge nußmöglichkeiten." „Ein Gebiet?" fragte Hugo verblüfft. „Wo ist dieses Gebiet?" „Das Individuum setbst," lächelte Fritz von Wiukel- berg fein, „wir selbst, unser Inneres, odc? t schritt im Walzertakt um das Gut herum, auf das Iü- spektorhaus zu. An der Ecke kragte er sich zurecht. Hugo zog den Kopf ein, duckte sich hinter das Glas und lauerte weiter. Jetzt kam die Entscheidung. So groß seine Hoffnung auf den Dreitausendsechshundertmarkwechsel war, so klein war sein Mut und so schlecht war sein Gewissen. Frau Knorreck blieb es Vorbehalten, den Gast zu empfangen, denn August Knorreck und Hedlvig waren nach Luschelau zur Kirche gefahren. Karl Zdurotschin, der sich nirt Waldmann schnell befreundet hatte, legte Hut und Stock auf die Kommode, zog sich die Handschuhe aus und brachte ohne weitere Umschweife sein Anliegen vor. „Ach, Herr Zdurotschin!" rief Frau Knorreck, ganz verlegen vor Ueberraschung, Freude und Glück, und schlug die Augen nieder, als gälte ihr der Antrag. „Nein, dieses Glück, diese Ehre!" „Ja!" sprach Karl Zdurotschin und setzte sich stramm aus den Stuhl. „Ich Hab mir die Sache reiflich überlegt« Der jüngste bin ich ja nicht, aber meine Gesundheit ist wie aus Elsen. Und drei Millionen, mein ich, sind kein Pappe- strel!" Frau Knorreck hob abwehrend die Hände. „Das erbt sie alles einmal," fuhr Karl Zdurotschin fort. „Denn Verwandte Hab ich nicht. Wenn sie mich mag, andere rch noch heute das Testament." Frau Knorreck rang vergeblich nach Fassung. Außerdem war draußen rn der Küche der Braten in Gefahr. „Meine Einwilligung geb ich Ihnen mit Freuden!" entrang es sich ihr endlich. „Aber die Leute werden sich den Mund zerreißen." „Mögen sie!" ries Karl Zdurotschin und machte eine wegwerfende Bewegung. „Ich hab's Geld und pfeif auf die Leute!" ' ' cm ra ?.t ertC c ber dichte Korbwagen mit den beiden Wallachen über den Hof. August Knorreck warf dem Knecht dre Zügel zu und kam herüber. Hedwig zögerte noch etwas, denn sie hatte mehrere Einkäufe, die unter dein Sitzbrett verstaut waren, zu bergen. „Guten Tag!" sprach August Knorreck und reichte Karl Zdurotschin die Hand. „Sie bleiben zum Essen da?" Da platzte Frau Knorreck mit Karl Zdurotschins Anliegen heraus. (Fortsetzung folgt.) 3ttt yimmelsgatzchen. Skizze von I. G. Seeg er (Augsburg). (Naäidruck verboten.) , "N?-Ep. meine Gnädigsten ... eine kleine, verdammt ästhe- tilch-unasthetische Geschichte,^ sagte, nachdem ihn die Damen lange genug mit ihren Bitten um eine Anekdote" oder „so etwas Aehn- liches' gequält hatten, der alte Arzt mit den lustigen Weinäuglein, die aber heute gar nicht schalkhaft dreinblickten. „Verdammt ästhe- nfcr-unaNhetrsch und aus der tiefsten Schicht emporgehoben . . . Eigentlich kein Geschicktchen zum Nachtisch . . . Aber . . ." Er sah sich iw Kreise der etwas verlegenen und doch gespannten Frauen um, die auf einmal eifrig an ihren Soldatenstrümpfen strickten und alle nack) herabaefaltenen Masckxm zu suchen schienen. „Also . . . da würbe ich neulich in das „Himmelsgäßchen" gerufen. T ie wissen . . . Volkshmpor. Schmal ist der Weg usw. ttitb hier stehen die .Muser so eng, daß unser zweizentriger Bürger Meister einfach stecken bliebe, und vor Jahren tatsächlich der Gerichtsvollzieher, als er sich unvorsichtig wendete, seine Amtsmappe dermaßen zwischen den Wänden verspreizte, daß sie stundenlang ein Verkehrshindernis bildete .... Dorthin riefen mich also ,eiin Paar alte Weiber zu einer Nachbarin, die, wenn sie auch erst! 30 Jahre zählen map, doch schon als altes Weib auf die Welt gekommen und zur Pilgerfahrt durch das Himmelsgäßchen in den Himmel bestimmt schien. Na, das war ein Gezeter, als ich an die Haustür kam und den alten Weibsmenschen fast vor die zahnlosen Mäuler stolperten „So eine dumme Person!" schrien sie. „Die gehört ins Tollbaus. Lebt der Mann wie der Herrgott in Frankreich, und sie spart sich jeden Bissen am Mund ab. Die eingebildete Gans. Prügeln sollte man sie . . . ." Aber, meine Gnädigsten, glauben Sie nur ja nicht, daß es sich hier um Ausdrücke gehässiger Roheit handelte. Durchaus nicht. Das war vielmehr zartestes Mitleid, feinfühligste Nächstenliebe und staunende Bewunderung. Man kann ja nicht bloß der Flöte, sondern auch Konservenbüchsen und eisernen Hafendeckeln Töne entlocken uird mit diesen Instrumenten Musik machen. Vielleicht komponiert demnächst einer unserer Großen eine Symphonie für solche Instrumente. Draußen in den Schützengräben könnte er genug Stoff sammeln ... ' Ich jage also die garten alten Weiber mit einem Donnerwetter zum Teufel, empfange eine entsprechende Antwort und taste mich in ein niedriges, dumpfes Stübchen zu ebener Erde. Solange die Welt und das Himmelsgäßchen auf ihr bestehen, haben Sonne und Mond noch nie auch nur den armseligsten Strahl in diese Stube geworfen .... Stellen Sie sich vor: Ein ganzes Fenster, so groß wie ein Geburtstagskuck-en. Ein Breiterboden voller Ritzen und Astlöcher. Eine nasse Kalkrvand. Ein armseliges Bett. Ein wackliger Tisch. Ein Stuhl. Ein Koffer. Und auf dem Koffer ein mageres, derbknochiges Weib. Der Kops mit Tüchern eingewickelt. Die Backen sieberrot. Ohne aufzuschauen greift sie immer wieder in einen großen Sack, holt eine Handvoll rostige Nägel und Schrauben heraus und wirst sie je nach der Größe auf diesen oder jenen Haufen, die ick) jetzt erst am Fußboden sehe. „Da kann man Geduld lernen," sage ich. Sie schweigt. * „Ist das Ihre tägliche Arbeit?" Sie schüttelt den Kopf. „Wird denn das auch ordentlich befahlt?" Sie zuckt mit den Achseln, greift in den Sack und streut den Rostregen über den Boden mit derben Händen wie ein Bauernknecht Weizensamen übers Feld. „Liebe Frau," sage ich mit meiner berühmten Sanftheit, „Sie scheinen mir krank. Wollen Sie nicht . . . ." , „Ich brauch keinen Arzt!" schreit sie, ohne aufzuschauen. „Bin ferne Vornehme und verdien' mein Geld nicht für die Tokters..." „Na, na . . . arme Leute dürfen auch krank werden. Das ist doch kein Vorrecht der Reichen. Die hätten sonst schon längst darauf verzichtet. Uebrigens will ich ja gar nicht Ihr Geld- Ich praktiziere ja nur noch, weil der Mensch irgendeine Beschäfti- gung haben muß . . Sie blickte mich mit harten, grauen Augen an, als tvollte sie ergründen, ob ich die Wahrheit redete, und sagte dann etwas zögernd, weniger barsch: „Ich hätt' auch kein Geld für Sie." „Na, dann bin ich ja der richtige Arzt . . ." Und endlich, nach Besiegung manchen Widerstandes, kann ich sie ein bißchen untersuchen . . . Nichts Bedenkliches, aber immerhin, der Körper war wie ein aufgerissener )lcker und wenn irgendein schlimmer Keim ihm zugettagen inurde, dann ... Ich säge also: „Wenn Sie mit der Arbeit fertig sind, leger: Sie sich zu Bett und nehmen die Arznei, die ich Ihnen verschreibe." „Nein," antwortete sie wie ein trotziges Kind. „Die Arznei ist nötig . . ." „Die schon . . . Aber ins Bett leg ich mich nicht . . „Ei, warum denn? Es sicht ja so einladend arL . . . Legen Sre sich nur!" Da schaut sie mich an, tvie einen Tempclschänder und ruft «rollend: „Was? Ich soll mich in das Bett legen? Da bin ich drrn gelegen, wenn er nachts die Fabriktvach hatte. Und kam er heim und kroch herein zu mir, Hab ich gebrummt, und er hat sich dann oft auf den Sttlbenboden gelegt.. ." „Aber jetzt..." „Jetzt hart ich nicht und will ich nicht. Jetzt schlaf ich aus dem Stubenboden..." „Ei, warum denn, liebe Frau?" „Weil's eine Sünde von mir wäre, wenn ich jetzt im Bett schliefe.. ,^Jch verstehe Sie nicht. Wenn er Jhüen in gesunden Zeiten das Bett überließ, überläßt er es Ihnen in Ihrer Krankheit dock ganz gewiß ohne Mürrren..." „Ich will aber nicht..." Und nach einer langen Pause deutete sie aus eine Karte, die mit einer Stecknadel an der Wand befestigt lvar, und ich las: „Gelübte Marie. Wegen den: daß Ich noch gesunnt bünn und schon sechs Wochen in den Schützengräben lüg. Ach, getübte Marie, wenn's auch schön ist. Soldat zu sein, Lber was wollte Ich lachen, wenn ich Widder aus unserm Stnbben- boden liegen könnt. Hier lüg Ich tu Dreck und Schlamm. Dein gelübiter Ignaz." „Ah, darum!" sage ich, und sie nickt. Und nach einer Weile ^bt sle: „Der arme Kvrl! Und ich toar zwei Jahr lang so ein selbstsüchliges Luder ... 9lber mm wird's anders... ganz anders. Im September hat er das geschrieben und jetzt ift's März..." „Und Sie schliefen seitdem da aus dem Boden?" . "Aa - aber besser als er... wenigstens trocken... Und wre das damals gelesen Hab, Hab ich angefangen zu sparen... An Bett muß er kriegen, sein eigenes Bett. Eher ruh' ich nicht. Ich will s auch nicht besser haben als er... Am liebsten legte ich mrch nachts hinaus aufs Gäßcheir, wenn die Polizei nicht wäre..." Unaufhörlich arbeiten ihre Hände. „Na, »vie steht's mit seinem Bett?" leuchten in den: siebergerötelen Gesicht chre bisher harten und sie sagt: „Beiin Trödler drüben ist eines feil. Grad das Markchen fehlt mir noch am Preis, das ich für das Sortieren da krreg." - „Sie sind eine brave Frau," brumme ich und gehe. lind am andern Tag, wie ich roiederkomme, schreien mir die alten Weiber erttgegen: „So ein spinnigs Weibsbild! Kauft sich noch eur Bett in den teuren Zeiten. Die muß ins Narrenhaus. Herr Doktor..." . Das waren aber bloß Ausrufe gerührter Bewiinderung. Wie ^ m die L»tube trete, liegt die Frau aus dem Boden und sieht glücklich nack) den beiden Betteir. die unberühtt, als harrten sie echter Liebe, mit ihren weißen Kissen in das düstere Gemach hin- ernleuchten..." „Für diese Person müssen wir doch etwas Mn, wir vom Frauen Verein," sprach, als der Arzt schwieg, die Hausfrau. ,/Nein, meine Gnädigste. „Diese Person" hilft sich selbst. Srerst inzwischen gesund geworden und ist ein richtiges deutsches Weib. Es gibt Aermere, denen Sie helfen können..." . „Ich finde, daß durch den Krieg eigentlich auch die Sittlichkeit in gewissen Kreisen gehoben :mrd," sagte eine der Damen. „Gehoben? Hm. Hier ward nur ins Licht gerückt, was schon lange im Dunkeln vorhanden war!" „Wenn er nun aber siele...?" flüsterte eine junge Frau. Ter Arzt stand aus und sprach: „Keine Angst! Bor solcher Liebe hat unser Herrgott noch immer Hochachtung gehabt..." Treibjagd. Humoreske von Olaf Heinemann. (Nachdruck verboten.) „Weißt du," sagte mein alter Studienfreund und Waisenbruder — nur Ivaren beide einst als „völlig dienstuntauglich" erklärt, gewissermaßen also Waffenbrüder —, der Oberlehrer Sieberg, als ich zu flüchtigen! Besuch in seinen: märkischen Nest bei ihm weilte und gerade mit begeisterten Redewendungen die stählerne Arbeit und das schwungvolle Leben der Reichshauptstadt in dieser Kriegszeit geschildert hatte, „weißt du, ich muß doch auch endlich mal wieder aus ein paar Tage nach Berlin. . . Ja. ja, das muß ich unbedingt! Aber nne?! Tie Michael isserieu stehen zwar vor der Tür, aber — indessen — na, du weißt ja!" ... Er machte eine resignierte Geste. . . Ich wußte. . . Nämlich seine teure Gattin war ttotz mehrjähriger Ehe noch immer ein unglaublich verliebtes Kätzchen und vor allein eifersüchtig nne ein weiblickwr Othello. Nicht vierundzwanzig Stunden ließ sie ihren braven Erich, obgleich dieser nicht im mindesten zu douiuanesken Abenteuern ncigte mid nur erneu „männermäßigen Pokal" und dann und wann „etwas Weltstadtparsum" schätzte, ihren schützenden Fittichen entschlüpfen. Und gerade jetzt, wo doch die stattlichsten Männer für Deutschlands Dasein und Ehre fern im Westen oder Oster: getreulich Wacht hielten, und infolgedessen allerorten, vor allem aber vermutlich in Berlin, so viele schöne schlanke Frauen einsam wären und sehiisüchtig ihr heißes Herz spazieren trugen, da ließ sie ihren seuren Gatten ganz gewiß nicht so ohne weiteres los! Mit einem Male ginp ein verschmitztes Lächeln über Freund Erichs sonst so pädagogisch gemessene Züge. . . „Ich Habs!" sagte er mit gedmwpstsm Jubel. „Wozu ist man denn einst Hauslehrer auf Schloß Warnitz gewesen?" Und dann weihte er mich in seinen klugen Plan ein. Also, er würde sich rnwerzüglich mit seinem alten Freunde, dem Warnitzer Rentmeister Brandes, in Verbindung setzen, daß der ihnl in den ersten Feiertage:! im Aufträge des Barons eine dringende Einladung zur Treibjagd schicke. Und dann — nun, dann würde er seine „alte Knarre", sem Jagdgewehr. das ihn: der Baron einst verehrt hatte, ^putzen — nnd nach Berlin fahren, um mit mir die lieben alten Stätten unserer einstigen, gemeinsam verlebten Studentenjahre einmal wieder aufzusuchen. . . „FamoS," sagte ich, obtvohl ich überzeugt war, daß der sttategisch gut ausgedackite Plan au der Taktik der Gattin elendiglich scheitern würde. Llber siehe da! — an einem schönen Oktobermoraen kam Freiind Erich roirklich in Berlin an. „Wie ist's möglich?" rief ich in ehrlicher Ueberraschimg. JD," sagte er schmunzelnd, „das gelang einfacher, als ich selber anfangs glaubte. Der Brandes scknckte mir prompt die verlangte Einladung und be tonte mit Nachdruck, der Herr Baron tvürde eS mir wirklich der- 844 argen, wenn ick auch dk-mal nicht fäntf. Denn ln« meisten Förster und Jager seien doch einge»oqen, Mld solle aber im Interesse der L«nd intb Volkswirtschaft tn diesem Jahre noch nveKr abgeschossen werden ... na, für», der Brandes machte seine Sache sehr vorzüglich! Käthe war ja zunächst durchaus nicht einverstanden, weil sie. da ihrer in der Einladung mir mit Grützen herzlich gedacht war, doch nicht gut mitkommen konnte; als ich ihr dann aber eingehe >rd auSeinmrdersetzte, wie gesund für mich fettansetzcnden! Schulmeister die Bewegung n der frischen Landluft sei, ganz abgesehen von dem vaterländischen Verdienst, das ich mir durch flottes Wildahschiehen in dieser ernsten Zeit erwerben würde, da hatte sic ein Einsehen und putzte mir sogar selber meine alte Knarre. Na. di« Hab' ich dann samt Gamaschen. Rucksack u,rd so weiter aus der nächsten Station, wo ich den Berliner Schnellzug bestieg, in Ver- ivahrung gegeben, und dann bin ich eben hier und hoffe, datz du dich sehr fteust." ... . _ _. f ,. Ich freute mich wirklich sehr, und nur verlebten drei schone Tage. Daniv schlug, just als die Eroberung Antwerpens gemeldet wurde und die Wogen der Begeisterung besonders hochgmgcn, leider schon die Scheidesttrnde. Beim Abschied batte ich die dunkle Empfindung, als ob bei dem guten Erich daheim doch nicht alles so glatt ablausen würde; doch er Taufte ruhigen Gemütes einen feisten Wakdhaseu, den er lder lieben Gattin als „selbfterlegte Jagdbeute" mitbringen wollte, versprach mir. sogleich zu schreiben und dampfte mit fröhlichem „Weidmannsheil" ab. Schon nach zwei Tagen hatte ich folgenden Brief: „Na, alter Junge, da tvär ich beinahe übel hereingefallen, wenn mein Weiblein schlieft!ich nicht doch ziemlich verständig wäre. Aber ein neues Winrerkoftüm hat's trotz der teuren Zeft gekostet? So »vas! Diese Rassinierthcit! Ich hätte sie bei meiner guten Käthe wirklich nicht vermutet! Aber ich iveitz jetzt, datz alle Adams- rippen uns intuitiv überlegen sind. Wir suchen sie mit Finten hrnters Licht zu führen, sie aber parieren uns mit Finessen, da können wir einfach nicht mehr mit! . . . Höre also? Alles ging soweit gut und glatt. Ich nahm in K. weine Knarre und sämtliches Jagdgerät wieder in Empfang und tarn abends mit ausgezeichnet markierter .großer SehnsnckÄ" Heine. Käthe ivar überglücklich; wenigsten- tat sie so. die Schlange? Ich mutzte ihr nun ausgiebig von der Juad erzählen, und ich flunkerte, daß ein alter pensionierter Oberförster mich gewiß beneidet hätte? Also: ich hätte 23 Karnickel, 11 Hasen und einen Fuchs erlegt, und es ser sehr nett gewesen, so nervenstärkend und so weiter, aber am schönsten sei cs, zumal in dieser ernsten Zeit, denn doch daheim beim lieben Weibchen. Und den Hasen da hätt' ich persönlich geschossen und ihr nun mftgebracht. Und, nicht zu'vergessen, der Baron ließe sie -erzlichst grüßen. . . Ta lächelte sie so malaztös, wie ich sie noch nie hatte lächeln sehen, und meinte mit kühler Ueberlegenheit: „Zeig mir doch mal dein Gewehr?" „Hier," sagte ich ziemlich verblüfft. „Na." sprach sie trocken und machte sich an der alten Knarre zu schaffen, „was steckt denn hier im Lauf, du gewaltiger patriotischer Nimrod?" Und . . . und mit einem Male zog sie mit dem kleinen Finger die — zusammengerollte Einladung des wackeren Brande- heraus, auf die sie noch mit eigener Hand die Worte geschrieben hatte: „Ich glaube dir ja den Schwindel doch nicht, du alter Sünder!" . . . vermischt«». * Die durchschossene Postanweisung. Tie seltsame Geschichte einer Postanweisung, die in einem älteren Soldaten- blatte von einem preußischen Postbeamten mttgeteilt wird, wird in jetziger Kriegszeit gewiß erneutes Interesse erregen. Im Jahre 1866 kam eine in Porta-HauSberge bei Minden ausgegedene Postanweisung über 5 Taler in Flensburg an den Gefreiten Keller- meyer von der 4. Kompagnie des Magdeburgifchen Füsilier-Regiments Nr. 86 an. Ta» Regiment hatte sich eben in Marsch gesetzt, die Anweisung wurde nachgescmdt und wurde endlich in Altona dem Empfänger ausgehändigt. Damals bestand die Einrichtung, daß der Empfänger einer Geldsendung die Amveisung erhielt und sich da» Geld aus der Post abholen mußte. Wegen schleunigen Abmarsches konnte in Altona nicht das Geld erhoben werden, und da Kellcrmeyer keine Brieftasche hatte, in welcher er da» kostbare Papier hätte auibewahren können, übergab er eS einem Kameraden, der die Einweisung zusammengefaliet in seine Brieftasche steckte Dieser Kamerad aber siel im Gefecht, und die Kugel, die ihn tödlich getroffen, war durch die Brieftasche gegangen und zwar so, daß au» der Postanweisung der Name de» Empfänger» herausgeschossen war, der zwar nun au» dem Nachlaß der gefallenen Kameraden sein Wertpapier empfing, doch so, daß eS vor der Hand wertlos geworden war. Erst Monate später, nach allerlei Ermittelungen ist dann da» Geld endlich tn die Hände de» Empfänger» gelangt, trotz der durchschossenen Postanweisung. * Auch ein Berus. In einer Pariser Kaserne, so erzählt der ,Cri de Pari»*, sind eine Anzahl Männer, die kürzlich zum Hilfsdienst einberufen wurden, soeben angekommen, und ein Unter- ofstzier fragt sie nach ihren besonderen Eigenscboste>i, um festzustellen, wie sie am besten verivendet würden. »$Ba4 waren Sie in Ihrem bürgerlichen Beruf f* — „Ich bin RechlSanwalt* — ,Gut. Und Sie?" — »GerichlSschreiber.* — »Gut. Und Sief* — »Meine Frau ist. . . Tänzerin.* vüchertlsch. — Shakespeare in deutscher Sprache. Herau»- gegeben, zum Teil neu übersetzt von Friedrich G u n d o l f. Gesamte Ausstattung von Melchior L e ch l er. Mit dieser vor einigen Jahren begonnenen Veröffentlichung ivill der Verlag Georg Bon di tn Berlin eure Deutsche Monumental-AuSgabe von Shakespeares Wecken bringen, die den strengsten wiffenscha klicken und dichterischen Anforderungen entspricht, indem sie einem höchst gesteigerten Vera»,tivo,kungvgesülst gegenüber Shakespeare in der deutschen Sprache Ausdruck verleiht. Nach der Absicht des Verlegers wird der Grundstock eines klaff,schen^deutfcden Lhakespeare, A. W. Schlegels 17 Ueberiragungen, als Ganzes übernommen, aber einer allseitigen und planmäßigen Revision der inhaltlichen Verstöße, der sprachlichen Schiefheiten und der zahlreiche abschwächenden Verseriveiterungen unterzogen. Dazu kommt eine völlige Neuübeitragung der nicht von Schlegel verdeutschten Hauptwerke. Daran schließen sich dann die relativ besten gleichfalls revidierten älteren Ueberiragungen der geringeren Dramen. Z'i diesen: Unternehmen hat der Verlag einen Amor gewonnen, der durch seine dichterische , ähiakeit und durch philologisch- Schulung, sowie durch jahrelange Beschäftigung mit Shalei?eare ihm dazu besonders berufen schien. Er gehört dein Kreise Stefan George» und der Blätter für die Kunst an, dem selbst von Gegnern die Beherrschung der Form nicht bestritten wird Seine Uebertragirng so-lgt de»n lebendigen Temperament und der mannigfaltigen Wucht der Shakespeare'schen Diktion, gleich u eit entfernt von starrer Manier, vo>r Glättuiig, von blassem Aesthetentum. ivie von naturalistischer Stillosigkeit. Die Resultate einer gründlichen Tertkril'k liegen der Uebersetzung zugrunde und 'Anmerkungen am Schluß jede- Bande» mit vielen neuen Gest l tspunkten für LeSart und Deutung des englischen Textes machen daS Werk auch dem Fachmann unentbehrlich. Der gesamte Buchschmuck: Emband, Titelzeichnnng. Umrahmungen, Initialen sind von der Haiid Melchior Sechters; da- Format und das eigens ange'ertigte „India paper a tiqne“ entsprechen dein monumentalen Zioeck des Werkes, ^er „och aeltende Subski ipt'onS- preis beträgt pro Band brach. Mk. 6, 0, in grün Leinen gebunden Mk. 7,60, in bestem grünem Bock-Saffian Mk. 1-.50. Ei»i in Schweins- leder gebiu,dener Ll,rnsband kostet Mk. 17,50. — In der Nmnmcr 3752 der Leipziger „Illustrierten Zeitung* ,vird in aus ührlicher Weise Italiens Eintritt in den Weltkrieg bildlich und textlich behandelt Ncbrn zahlreichen Porträten der Männer, die Italien in das a iurbe Kriegsabenteuer gestürzt haben, finden >vrr in dem He t eine Reihe weiterer aktueller italienischer Bilder, darunter ganzseitige Tar ellungen der hailpt- sächlichsten Militär- und Flotleutyvei,. ioiv e eine höchst lehrreiche große Reliefkarte der österceichis -italiemichen Grenzgebiete. Die plastische Geläiidedarstcllnng an' dieser Karte gib! eine Vorstellung von den Schwierigkeiten, mit denen die militärischen Operationen ans diesetn von der Natur juni größten Leil so auSgtebia geschützten neuen Kriegsschauplatz verknüpft find. Von den im Felde befindlichen Sonderzeichnern der »Illustrierten eni,ng" sind Fritz Grotemeyer, Professor HanS v. Hayek, Felix Lchwormstädt, Victor Schramm »mb W. Gause mit mehr oder minder umfangreichet, Beiträgen vertreten. _ Uönigrzug. c | c k 0 d e 8 1 h e t n h n ch ° r n S 6 c > 8 e e i i 1 k i ■ w d e 6 ü Auslösung in nächster Nummer. Auflösung der Skat-2lufgabe in voriger Nummer: it liegen tr8 und > ell. Mittelhand hatte trB, ). tri», 1r7. c9, c8. Hinterhand die übrigen . Sx 1. V p8 M. . p9 H. trA = — li. 2. M. trB H. cZ V. p7 12. 3. M. pv H. trZ V. pD — — 15. 4. M. cB H. trK V pK — — 10. 6. M. carB H. cK V. pZ — — 16. wonnen. Ochrlstleitung: Äug. Goetz. - RotationSdnick und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei. R. Lange. Giebel