Mittwoch, den 2. )uni' aM&r autlH Non QTcTs Zurück zur Scholle. ftoinan von Ewald Gerhard Seeliger (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) 9 «och mehr Freude erlebte der alte Herr beim Aus »ageu der religiösen Memorierstoffe. Ohne Stocken und Ber sprechen rasselten die Sprüche und Gebete mit maschineller Sicherheit herunter. Die Gebirge Asiens konnten die Kinder lvie am Schnürchen hersagen, aber ob die schlesisckte Grenze vor oder hinter Zdurotschin lies, wußten sie nicht, lleber die Schlacht von Prag dagegen tonnten sie so genau de ruhten, als wären sie dabei gewesen. Als aber der Schulrat nach dem Vater des Kaisers fragte, rieten sie auf großen Kurfürsten und aus Karl den Großen. Sebaldus Pohl rang verzweifelt die Hände und inachte eine höchst unglückliche Miene. Und als ein Mädchen gar den „Heiligen Vater Leo, den Dreizehnten" beschuldigte, wurde es dem Krersschulinspektor doch zu arg. „Da ist eine Lücke?" sprach er zu Sebaldus Pohl und tt'UH den Bor fall ins Protokoll ein. Um so besser wußten die Kinder über die Lebenslveise und das Anssehen des Vogels Strauß Auskunft zu geben. Doch von der .Honigbiene kannten sie kaum mehr als den Stachel. Im ganzen aber verlies die Prüfung durchaus besrie digend, und der Schulrat begnügte sich, nachdem er die Kinder entlassen hatte, auf die kleinen Lücken im Wissen mündlich hinzuweisen. „Ä lege befonbereit Wert aus die Gemütsbilduna?" ^st^schuldigte sich Sebaldus Pohl mit zitternder Stimme. „xZch betrachte jedes Kind als ein Erbe des Himmelreich'?." „Alles ganz schön?" wehrte der Schulrat ab. „Aber vergessen Sie auch nicht, daß sich die Kinder zuerst hier aus der Erde zurechtfinden müssen?" Sebaldus Pohl inachte eine Verbeugung, im Herze,i aber haßte er den alten Ketzer und Protestanten, in dessen Gewalt er gegeben war. I,n Hausflur stellte ihn der Schulrat zur Rede, weshalb er Moritz Gaffel den Inhalt der Karte nicht mit- geterlt hatte. „Herr Schulrat!" sprach Sebaldus Pohl geschmeidig und bücklingte wieder mit großer Ausdauer. „Ich glaubte kerne Ermächtiguna dazu zu haben. Ich habe-die Karte als privates Schriftstück behandelt." „Das war ein Irrtum!" wies ihn der Gestrenge zurecht. ,,Es war erne amtliche Nachricht, die auch für Herrn Gaffel bestimmt war. Ich liebe es nicht, meine Lehrer zu überraschen. Ich nähme von jedem ohne iveiteres an, daß er seine Pflicht tut. Ich rate Ihnen dringend, über den Begriff des Wortes Kollegialität nachzudenken. Im übrigen werde ich das nächste Mal an Herrn Gaffel schreiben. Adieu!" Eine Viertelstunde später ratterte die Hupserdroschke bei der Schmiede vorbei zum Dorfe hinaus, die alte Pappelallee auf Guhre hinunter, wo sich der Schulrat zum Nachmittag angemeldet hatte. Moritz Gassel atmete 411? und fling semen Garten. Jetzt konnte er hier mit den Arbeiten anfangen. Und er griff zum Spaten und begann an der Scheunenecke, wo die Mittagssonne warm anlug, den Boden auszubrechen. Lange war er nicht allein, da kamen ein paar größere Junßen gelaufen, die ihm helfen wollten. Und bei denen blieb es nicht. Am Nachmittag sah sich Moritz Gassel von der Hälfte seiner Schulkinder umgeben- Und alle halsen ihm mit munteren Händen und freudigen Mienen. Er selbst stand mitten drin und schwang den Spaten. Keine Frage der Kinder ließ er unbeantwortet. Und sie kamen mit allerhand herbeigelausen, mit Wichtigem und Unwichtigen,, loas sie grade in der Erde fanden. _ Um diese Zeit klapperte der alte Abraham an der Schule vorbei-, freute sich über das gute Geschäft, das er in Aussicht hatte, überlegte, ob er die Möbel in Kroto- schin oder in Breslau kaufen sollte, lvelche Handtverker er wählen konnte und aus wieviel Perzent er dabei kommen würde. Doch er vergaß darüber das Nähere 'nicht. Als er beim Schulgarten vorbeikam und die fleißigen Hände sah, dielt er an und rief etwas über den Zaun. Moritz Gassel schaute ans, wischte sich den Schweiß von der Stirn und trat näher. „Nu, Herr Lehrer!" lachte der alte Abraham. „Wie lvär's, wenn Sie mir ein kleines Geschäftchen geben möchten! Künstlichen Dünger vielleicht? Ich laß 'mir grade einen ganzen Waggon kommen. Nehmen Sie mir was ab?" „Warum nicht?" erwiderte Moritz Gassel. „Wenn er was taugt?" „Wenn .er nichts taugt," rief der alte Abraham beschwörend, „dann brauchen Sie ihn nicht zu bezahlen. Es ist. mir nur um die Einführung bei den Bauern zu tun- Sie werden mich schon empfehlen, lvenn Sie zufrieden sind?" „Also zlvei Zentner?" sprach Moritz Gassel und hob den Spaten. XI. Als der alte ?ltlrahain mit dem ersten Möbelwagen von Zdurotschin ankutschiert kani, zog August Knorren die erste Frühjahrsfurche mitten durch den weichen, dunkelbraunen Boden des großen Rübenflecks. Schnurgerade verlief sie und endete bei Fürchtegott Fritschers wüstem, langgestrecktem Felde, das wie ein schmales Band quer durch den Do- minialacker lief. Dann übernahm Daniel Zpnppack Zügel und Psluggrifse. Unermüdlich trieb der Inspektor die Dienstleute zur Arbeit an. Thomas .Hauschild bemühte sich ihm gleichzutun. Am Abend kamen sie beide müde und abgehetzt nach Hause, aßen tüchtig und schliefen lies, um am nächsten Morgen mit den Hühnern auf den Beinen zu sein. 334 Fritz von Winkelberg erschien etwas später auf dem Plan. Das Schloß war notdürftig instand gesetzt, eine alte Wirtschafterin sorgte für die Zimmer, eine robuste Köchin für das Essen, und ein Gärtnerbursche-, der den Park zck beaufsichtigen hatte, machte sich gleichzeitig als Diener nützlich. Nach dein Frühstück spazierte der Baron durch die Ställe, wo er mit Frau Knorreck scherzte und nach .Hedwig fragte. Doch die wich ihm stets aus. Höchstens einmal in der Woche bekam er sie zu Gesicht, und dann mußte er sich mit einem slüchtigcn Gruß begnügen. Gemächlich marschierte er, wenn das Wetter günstig war, auf die Felder hinaus, suchte August Knorreck auf und fragte ihn nach allem, was ihm sragenswert erschien. Das war nicht wenig. Und August Knorreck gab ihm höflich Antwort und freute sich, daß der Herr Baron so viel Verständnis und Liebe für die Landwirtschaft bewies. Fast noch mehr aber freute er sich über Moritz Gassel, der jetzt glücklich die siebenhundert Mark in den Schulgarten hineingesteckt hatte. Tie Hochstämmchen und das Weinspalier, die Birnenpyramiden und die Pfirsichsträucher, die Spargelplantage und die Beerenbüsche standen an Ort und Stelle und warteten nur aus die Sonne, die alle Tage höher stieg und die braunen Knospen lockte. Im Bienenhause saßen zwei alte Bienenkörbe, darin zwei alte, wohlgeübte Jmmenvölker wohnten, reich an Köpjen und Vorräten. Drei oder viev Schwärme sollte ihm jedes bringen. Außeerdem hatte er sich schon für den Mai einen Schwarm echter Italiener bestellt, um die Rasse zu verbessern. Und am Mittag, wenn die Sonne warm auf den Fluglöchern alg, wagten sich schon einige der fleißigen Arbeiterinnen heraus und versuchten einen kleinen Flug. Moritz Gassel stand dabei und freute sich wie ein Kind. Doch nicht immer schien die Sonne. Der März ging mit Sturm, Hagelschauern und Regengüssen zu Ende, und der April begann mit einem starken, kalten Landregen, der drei Tage anhielt, durch alle Ritzen drang und die frischen Saatkörner weich in das Erdreich bettete. In dieser Zeit ging Moritz Gassel zum erstenmal aufs Schloß, um den Herrn Baron und Schulpatron um seine Berufung zu bitten. Fritz von Winkelberg empfing ihn mit einem herzhaften Handschlag. „Sie haben lange aus sich warten lassen!" rief er und bot ihm einen Stuhl an. Moritz Gassel brachte schüchtern sein Anliegen vor. Sofort kramte der Baron in den Gutsakten herum und zog eine ältere Vorlage einer solchen Lehrerberufung heraus. Und er begann zu lesen. „Nachdem die Lehrerstelle an der hiesigen evangelischen Schule durch den Tob des bisherigen Inhabers zur Erledigung gekommen ist, —" >. ( Fritz von Winkelberg sah aus. „Hier könnten wir eigentlich die Gründe angeben, weshalb sich der bisherige Inhaber im Schwedenteich ertränkt hat. Es wäre doch sehr gut, wenn die Herren da oben sich rn der Folgezeit etwas mehr in acht nehmen würden." Moritz Gassel aber verbarg sein Bedenken nicht, daß durch eine solche Bemerkung die Bestätigung der Berufung hinausgezögert werden könnte. „Also lassen wir es?" erwiderte der Baron und las weiter. ,,— habe ich mich bewogen gefühlt, den Schulamts- kandidaten und jetzigen Lehrerstellvertreter Moritz Gassel für diese Stelle zu berufen. Ich berufe denselben zum Lehrer an die evangelische Schule zu Britzkawe, Kreis Sulitsch, und mache demselben zur Pflicht, dieses Amt mit allem! Fleiß und aller Treue zu verwalten, einen tabellosen Lebenswandel zu führen, die ihm anvertraute Jugend im Christen- tume und in den gemeinnützigen Kenntnissen nach den Vorschriften der Königlichen Regierung gründlich und zweckmäßig zu unterrichten, sic zur Gottesfurcht, zum Fleiße und zu guten Sitten anzuhalten, ganz besonders aber zu guten Menschen, frommen Christen und brauchbaren, Sr. Majestät dem Kaiser und König getreuen und gehorsamen Staatsbürgern heranzubilden." „Fritz von Winkelberg lächelte still vor sich hin. „Hier stand früher das Wort „Untertanen"!" fuhr er fort. Nun wissen Sie's! Schreiben Sie die schönen Phrasen ab und bringen Sie mir dann die Urkunde zur Unterschrift. Hier folgt Ihre Annahme-Erklärung. Und den Beschluß fatnofe widerrufliche Bestätigung durch die Königliche Regierung. Der p. Gassel wird zugleich auge- wiesen, sur seine Person feinen Vorgesetzten die gebührende Achtung zu erweisen und immer und überall so zu handeln, wie es die Staats'gesetze, die Religion und sein Gewisses von ihm fordern. Sehr fein! Es gibt doch noch Jesuiten im deutschen Reich. Merken Sie wohl auf! Die Staütts^ gesetze, die Religion und das Gewissen. Was machen Sie nun, wenn Ihr Gewissen mit den Staatsgesetzen und der Religion nicht harmoniert? Halten Sie sich an das Gewissen, verfallen Sie den Staatsgesetzen und halten Sie sich an die Staatsgesetze, so zwickt man'Sie mit dem Gewissen." „Verzeihung!" warf Moritz Gassel ein und nahm die Vorlage an sich. „Doch nur in dem Falte, daß die Staatsgesetze mit meinem Gewissen divergieren!" „Das werden sie sicher!" lachte der Baron. „Warten Sie's ab. Die Staatsgesetze sind das Gewissen der Gesellschaft, das Gewissen aber ist das Staatsgesetz des Individuums. Dazwisckien gibt es keine Brücke." „O doch!" ries Moritz Gassel schnell. „Die Religion!" „Sie denken an die Kirche?" lächelte der Baron. „Sie ist eine gesellschaftliche Angelegenheit. Die Religion des Individuums aber ist die Freiheit." Dann holte er das Schachbrett und setzte Moritz Gassel dreimal matt. Als her Um Mitternacht nach Hause ging, schwirrte ihm der Kopf, daß er lange den Schlaf nicht finden konnte. Gab es überhaupt eine Freiheit hier auf Erden? Am nächsten Tage unterfertigte der Baron die Berufung und schickte sie an den Kreisschulinspektor Hupfer, damit sie auf dem vorgeschriebenen Instanzenweg nach Breslau käme. Moritz Gassel schlug sich drei Tage mit dev Freiheit heruin, dann ging er in den Garten. Und Mer fand er auch, was besser als die Freiheit war: die Arbeit, Aber er wußte nicht, was für ein großer Schatz es war,- den er da heimlich gehobeti hatte. Auch Hugo Knorreck, der Student aus Halle, der am Sonnabend vor Palinarum im Schnellzuge saß, der von Posen nach Zdurotschin lief, tappte noch in dieser Dunkelheit herum. Ft ei ist der Bursch! war sein Lieblingsspruch und seine Sehnsucht war, sich wie ein tanzender Stern im Weltenraume auszuleben. Er sah gar nicht aus wie ein zukünftiger Theologe, seine linke Wange war durch einen groben Schmiß verunziert, und bei jeder Station schaute er mit seinen lustigen, braunen Augen nach hübschen Mädchen aus. Einen Schmerbauch hatte er noch nicht, aber es schien einer untertvegs zu sein. Ein paar Semester hatte er als Korpsstudent gepaukt, sich dann als Burschenschafter betätigt und war schließlich wild geworden, so wild, daß er nicht einmal ein bestimmtes Stammlokal besaß. Ueberall hatte er Zwang und Knechtung gefunden und sich mit einem männlichen Ruck von all den lächerlichen und blitzdummen Einschnürungen der Studentenverbindungen befreit. Ebenso hielt er es mit der Wissenschaft. Sein Interesse darai» war nicht gering, aber es widerstrebte ihm, sich irgendwo festzulegen. Er suchte etwas auf der Universität, was man dort nicht lehrte: die Universalwissenschast. Und so behalf er sich mit den Surrogaten der Rechtsknnst, der Medizin, der Philologie und der Naturwissenschaften. Sein logisches Vermögen war geübt und durch überflüssigen Stofs nicht sonderlich beschwert. Seine Konsequenz bestand darin, daß er alle Erscheinungen in möglichst nahe Beziehung zu sich selbst setzte. Deshalb konnte er kein Verhältnis zur Gottesgelahrtheit finden. An die Zukunft dachte er nicht, denn er war noch vierundzivanzig Jahre jung. Als er am Mittag in Zdurotschin ausstieg, merkte er, daß seine Kehle trocken war. Das alte Leiden! Er dachte an Karl Zdurotschin, den er von früheren Zechereien kannte, und ging ins Hotel zur Sonne. Dudeck, der neue Wirt, der ihn nicht kannte, begrüßte ihn warm. Karl Zdurotschin, der noch schlief, wurde heruntergeholt. Er hatte schon mit viel zu vielen Bruderschaft getrunken, um sich Hugo Knorrecks noch genau erinnern zu können. Als er aber sah, daß er Hedwigs Bruder vor sich hatte, fiel er ihm ohne weiteres um den 5mls und küßte ihn ab. Und dann begann das Pokülieren. „Frei ist der Bursch!" ries Hugo und schwang das schäumende Glas. „Wenn er das nötige Kleingeld hat!" dämpfte Karl Zdurotschiu sofort seinen Mut. Das mußte Hugo zugeben. (Fortsetzung folgt.) BilOc. Skizze von Haül Markp-. . ' I. Ter Vorsteher aus dem kleinen französischen Bahnhof gab daS Zeichen zur Abfahrt. Und langsam setzte sich der Lazarettzug in Bewegnna. Ganz langsam, damit kerne Erschütterung den armen Verwundeten da drinnen neue Schmerzen bringen sollte. Durch verwüstete Landstriche ging die Fahrt, vorbei an zerschossenen Dörfern, verbrannten Häusern und verwüsteten Feldern. Wagen und Geräte lagen links und rechts der Eisenbahn. Und rrur hier und da zeigte ein alleinstehender Obstbaum art, daß ernst blühende Gärten und fruchtbare Jelder an dieser Stelle gewesen waren. Oede und traurig war die Lcurdschast, wo her Krieg mit seiner unbarmherzigen Faust Hinvingriff, und Trümmer nur blieben als Spuren zurück. Selten schaute einer der Insassen des Zuges hinaus aus die Trüsnmerftätten. . waren Schwcroerwundete. Tie meisten lagen müde Und abgespannt in ihren Betten Und regten sich nicht, nur daß manchmal die Schmerzen ihr Gesicht verzerrten. Krankenschwestern in schneeweißen Kleidern huschten vorbei, halfest da und dort, linderten den Durst und erneuerten den Notverband. Im Operationswagen klirrten die Instrumente, und leise flüsterten die Aerzte. Man hatte eben einem jungen Freiwilligen ein Pein abgenommen. Nun kam ein Landlvehrmann mit zerschossenem Arm. Es war der rechte. Sollte auch er ab? Die Aerzte flüsterten. . Weiter hinten ivar die Küche, in der es brodelte und kochte. Waxnies Essen wurde für die Helden bereitet, die schon tagelang nichts Ordentliches genossen hatten. „Wie wohl wird es ihnen tun! Jetzt eine gute warme Suppe," dachts die Schwester in der hellen Schürze und legte von neuem Kohlen auf. -s Es war ein emsiges Leben im Lazarettzug, ein Wogen ging hin und her, und dock) war älles so seltsam ernst. Fast lautlos wurhe gearbeitet. Die sich Begegnenden sprachen leise, man hörte kaum ein lautes Wort. Nrtr das Stöhnen der armen Soldaten unterbrach die emsig- stille'Ärbeit. — Ön einem der letzten Wagen lag ein junger Lehrer mit einigen Kameraden zusammen. Sein Kopf war unförmlich verbunden, kaum daß die Augen und der Mund frei blieben. Dock waren es nisr leichte Streifschüsse. Die Hauptwunde war am Bein. Der rechte Oberschenkelknochen lvar von einem Granatsplitter zerschmettert worden. Seine Kameraden schienen zu schlafen, wenigstens lagen sie stihl da. In ihm über arbeitete das Mut, und das Fieber schüttelte seines Körper. Bei jeder Bewegung schmerzten ihn die Münden. Und er konnte keine Ruhe finden. Nack) dem starken Blutverlust lvar er ohnmächtig geworden, liatte dann wohl einige Stunden geschlafen dort im Feldlazarett. Mer es waren nicht nur die Schmerzen, die ihn quälten. In seine Fieberträume kam immer »oieder dasselbe Bild, in den wilden Worten, die er ausstteß, kehrte immer derselbe Name wieder. Die Schmerzen ließen lrach, die Träume aber nicht. Er sah sich mitten im Schlachtgetümmel, sah das Weiße in dem Auge seines Gegners, schauderte vor dem haßerfüllten Blick; dann aber stach er zu mit seinem Bajonett. All die schrecklichen Augenblicke durchlebte er iroch einmal, hörte das unheimliche Geknatter der Maschinengewehre, das Würgen der Bajonette, vereinzelte Gewehrschüsse und das dumpfe Grollen der Kanonen. Dock) heil kehrte er aus dem Gemetzel zurück. Die schauerlichen Mlder verschwanden, .und er konnte für Augenblicke ruhig schlummern. Tann wieder stand er im Traum auf der Wacht, einige hundert Meter vor dem zerschossenen Dorfe, in dem seine Brüder ruhten. Wie friedlich ivar die Nacht! Ganz klar die Luft. Die Sterne glitzerten, und ein weicher Wind brachte FrühlingsahrSn in seine Seele. Er stand da und schaute hinauf nach denk Himmel, nach den Sternen, nach dem eine n Stern. Dem hellen Stern, beit sie einst zusammen bestimmt hatten, den sie abends betrachten und ihrer Liebe gedenken wollten; er und Hilde. Wie oft hatte er im einsamen Odenwalddörfchen gesessen und jeden Abend bei hellem Himmel den Stern betrachtet und dabei gefühlt, daß jetzt drunten in der Neckarstadt ein Paar glänzende Augen ebenfalls hinaufschauten nach dem leuchtenden Gestirn. Es lvaren schöne Stunden gewesen. Wie fern, wie fern! Doch trübe Tage kamen. Am. Himmel zogen dre Wolken, auch in seinem Herzen wurde es trübe. Er würde versetzt, kam in ein Städtchen. Und in jugendlichem Leickstsinn gedachte er auf den Wogen des lustigen Lebens zu schwimmen und sah bald, daß er untcrsank. Er vergaß den Stern und vergaß die freuen Augen, vergaß Me heiteren Feiertaae im Alten Pfarrhaus des Odenwaldes, wo er und Hilde sich im Sommer gefunden hatten. Er merkte es bald, sah aber auch, daß es zu spät war. Stolz hatte sie sich von ihin gewandt, von ihren heimlichen Tränen wußte fr nichts. Bittere Reue kam zu spät. Ob er gleich die letzten Monate verfluckste, das Glück kam nicht wieder. Voll Unruhe und Zweifel verbrachte er nutzlos sein Leben. Ta kam der Krieg. Tie heiße Flamme der Begeisterung schlug auch in sein Herz. Nun wollte fr hinausAiehen, .mm konnte er das elende Leben hinter sich lassen. Sern Mies sollte dem Vaterlande gehören. Im Kriege gabs vielleicht für ihn ein Vergessen. Aber nein! Als sie unter Tücherschwenken und mit Blumen geschmückt dre Garnison verließen, als Mädchenhände ihnen zuwinkten und die begeisterte Menge ihnen huldigte, da stand sie wieder vor ihm, da sah er sie wieder in ihrem Hellen Kleid, und er dachte: „Wenn sie dir letzt verziehen hätte und sie könnte auch dir zuiubeln!" Und mit lodern Tag, den sie weiter in Feindesland ein- rückten, starch ihr Bild schöner und reinfr vor ihm, und im Schlachtgewühl dachte er an sie. O, wenn er heimkehren würde! Auf den Knien wollte er sie l;m Verzeihung bitte::. Er, der für das Vaterland gekämpft hatte, mit dem Eisernen Kreuze geschmückt, wollte sich vor ihr beugen und sagen; „Hier bin ich wieder, kannst du mir vergeben? Sieh, ich habe getan, was ich tun konnte ünd will deiner würdig sein." Ja, das wollte er. Und sein Blick hing immer noch an dem einen hellen Stern am Himmel. Ern Stöhnen ließ ihn auffahren. Er war wach, und die Sonne schien freundlich zum Fenster des Wagens herein. Durch lachende Gefilde fuhr der Zug. Er sah das glänzend breite Land des stolzen Rheins stnd dahinter freundliche Dörfer und Städtchen grüßen. „In Deutschland, in meinem lieben Deutschland!" schluchzte er, und die Tränen liefen ihm über die Wanaen. „So komme ich wieder zu dir, zerschossen und voll Blut! Utch wollte'als Sieger einmarschieren! So komme ich als Krüppel." Aber seine Augen gingen doch immer wieder hinaus, und er konnte sich nicht satt sehen an der deutschen Landschaft im ersten Frühlingsgrün. Wie wohl das den Augen tat! In vielen, vielen Wochen hatten sie ja nur Trümmer und Stfrnhaufen gesehen. Jetzt aber war er ans dem Kriege zurückgekehrt und kam in das friedliche Deutschland. Kein Geräusch, kein Rauch und kein Schreckensbild erinnerte an den.Weltenbrand. Hier war Frieden, hier war Ruhe. Auf den Bahnhöfen winkten ihnen Mädchen und Frauen zu. Er war wieder daheim, in seinem Vaterland! ' II. Als ich vor einigen Tagen meinen Freund im Lazarett be, suchte, war der Verband am Kopfe weg, und nür einige liefe! Narben lvaren geblieben. Vor kurzem hatte er mir in einem ausführlichen Briefe geschrieben, lvo und wie er seine Verwundung erhalten hätte und daß er schon etliche Male operiert worden wäre. Die Aerzte hofften, daß der Knochen wieder heilen würde. Wenn er aber noch einige Stunden länger auf dem Schlachtfelde gelegen hätte, dann wäre es um sein rechtes Bein geschehen. Wie er außerdem rwch gelitten hatte, schrieb er mir auch, das meiste wußte ich allerdings schon. Und tzanz zum Schluß hatte es geheißen; „Komm bald zu mir, komm gleich zu mir, denn ich habe dir ein gwßes. freudiges Erlebnis mitzuteilen. Dir muß ick es zuerst sagen!" Und aus Freude, daß es ihm yut ging, aber noch mehr aus Freude, daß ihin seine Hilde verziehen hatte — das dachte ich mir gleich — reifte ich sofort nach W. Und nun stand ich vor tfym. Es war der alte liebe Karl noch. Nur etlvas verlvUdent. Er hatte einen langen Bart. Seine Augen aber waren dieselben« glänzend und lebhaft. Lange hielt ich seine Hand und drückte sie immer und immer wieder. Ich konnte kaum reden, so froh war ich, daß ich ihr, wiedersah. t Aber endlich sagte er: „So setz dich doch! Das Schönste weißt du ja noch nicht." Und ich setzte mich auf den Bettrand. Sein Gesicht strahlte, als ich vorsichttg fragte: „Gelt, es ist etlvas mit der Hilde?" ' „Ja, ja, es wird schon was sein," meinte er, und seine Augei< leuchteten schelmisch. Dann aber erzählte er: Es rvar schon Abend, als wir in W. ankainen und ich lster im Lazarett abgeladen wurde. Bon der Fahrt, die ick) den ganzen Nachmittag voll freudigen Schauens verbracht hatte, war ich recht müde und schlief mich ziemlich gut in der ersten Nackst. Am Morgen kamen schon die Aerzte und wollten das Bein sehen. Einer meinte, cs wäre recht schlimm, der alte Professor 836 aber tröstete .nick». Ich würde da? Bein behalt". Dann wurde ich betäubt und operiert. Frisch verbunden am Kvpf und am Schenkel, war ich dann ins Bett gebracht worden. Heftige Schmerzen tneckten mich aber bald ans meiner Betäubung. Ich war bald im Krieg, bald im Odenwald, sprach viel wirres Zeug. bis ich daun endlich ganz wach wurde und mich umsck>aute. Da sas; eine Krankenschwester an meinem Bett, eine Schwester mit blassen Wangen und erschrockenen Augen und blickte mich an, blickte mich an, sag ich dir: Ich tvußrte nicht, wach ich^ oder träum ich. Ich schloß die Augen. Als ich sie wieder öffnete» säst sie noch da und versuchte zu lächeln? Es war Hilde! Du kannst dir denken, wie mirs zu Mute »var. Kein Wort, auch nicht das kleinste, konnte ich sagen. Auch sie nicht. Sie schien mich immer noch nicht reckst zu kennen, wurde bald rot, bald bleich, und ich merkte, daß sie zitterte. Mm; leise sprach ick da, ivie im Traum: „Hilde, meine Hilde:" Und da kannte sie mich. Meine Stimme und meine Augen kannte sie. Aber der groste Verband am Kops, der wilde Bart, sie hatte es nickt zu glauben gewagt. Wäre sic einige Stunden später gekommen, dann freilich lstitte sie gleich Gewißheit gelebt. Denn über meinem Bett wurde eine schwarze Tafel angebracht mit meinem Namen, meinem Rang, dem Tag der Ankunft nsw. Ich weih nicht recht mehr-, was nachher geschah. Mer ich must viel erzählt haben Ihre -Lugen lvurden immer gütiger, und als sie mir die Hand ig-ab und sie sanft streichelte, da umr ich wie im Himmel Aber da kam auch schon der Arzt und sagte vorwurfsvoll ) „Scknvester Hildegard, nebenan liegen auch noch Verwundete, wollen Sie immer hier bleiben?" Da stand sie errötend auf und folgte ihm. Mir aber nickte sie noch einmal an der Türe zu. Ich lag ganz allein in einem kleinen Zimmer. Als sie gegangen lvor. muhte ich mir immer wieder an die Stirn fühlen, ob ick, ivirklich wach wäre. Gs ivar zu schon gewesen. Sie hatte mir verziehen, sie hatte mich noch nicht vergessen. Du glaubst nicht, welch glücklickie Stunden nachher kamen. Wenn sie sich frei machen konnte, utir sie da. Ich erfuhr von ihr, dast sie sich gleich zu Kriegsausbruch als Krankensclstvefter ge« meldet hatte. Einen Lehrung in der Heilkunst sie früher schon besucht. Und sie rvar angenommen worden. Sie hatte oft au mich gedacht, aber nie erfahren können, ivo ich war, und ivo ich kämpfte. Und nun sahen wir ,uttö hier wieder! Dem Arzte freilick» konnten wir das Geheimnis glicht lange vorenthalten. Er drohte sogar, dast Hilde die andere Seite des Ganges pflegen sollte. Da sagten ivir ihm, wie glücklich wir wären. Er hörte erstaunt zu und hob dann schelmisch den Finger: „Ei. ei, Fräulein Hilde, das hätte keiner gedacht! Sie waren ikNmer so ernst und still, und nun kommt so »vas an den Tag« — Aber ich sage nichts." Er »oünschte un- Glück und schickte eine andere Schwester, die Hilde nun hilft, dast sie mir „in ihren häuslichen Pflichte» nackkommen kann," ivie er sagt. — Siehst du wohl, das ivollte ich dir nicht schreiben, das mußte ich dir erzählen. Und nun wünsche auch du mir Glück! Ick blieb an diesem Tage, es ivar ein Sonntag, noch lange im La^rett und sah die beiden glücklickten Menschenkinder, die der Krieg wieder von neuem zusammengeführt lxrtte. Am Abend erst kehrte ich mit einer großen Freude im Herzen lfeim. _ r Die farbigen Engländer. Von denen unsere oberste Heeresleitung vor Ypern zu berichten wußte, schildert in ihrer heimatlichen Umgebung mit allem Drum und Drau der bekannte Wiener Schriftsteller W. Fred im Iuni- hefte von V e l h a g e n & Klasinas Monatsheften. Wir entnehmen dem hochinteressanten Aussätze einige Ausführungen: Etwa 800 Millionen denr indischen Lande Entsprossener leben zwischen Aden und Burma. Sie werden beherrscht von etwa Zweihunderttausend Weißen, und davon ist die Hälfte Militär Die Zahlen sprechen ein Wurcker aus: das Mirakel, daß ein so ungeheuer großes Volk, durch starke Rassenmerkmale geeint, von einem kleinen Haufen „Anderer" beherrscht wird, kraft einer Koloni- latwnsnretyode, die aus Härte und Gleichgültigkeit fast iveise ae- mischt ist. -Uber dasselbe Zahlenverhältnis spricht auch aus, daß es nicht ermg so bleiben kann. Und ma^ must sich noch ein paar nüchterne Zahlen anhören, heute, wo das Problem der englisck-en Kolonien für Deutschland eine hochpolitische Bedeutung gewonnen i'at, bester gesagt, wo diese Bedeutung jedem offenbar geworden tu. Unter den 300 Millionen Einwohnern sind etwa 207 Mil- Uonen Brahmauen, 57 Mohammedaner, 7 Buddhisten, 2 Sikhs, l - SatnS, etttux 100 000 Parsees und etlva 27 10 bis 2 1 /* Mil- . ouen Christen. In dieser letzten Zahl ab^ sind auch die gelausten Hindiis sckon inbegriffen. ix!fäi ,na