Zurück zur Schotte. öMman von Ewald Gerhard Seeliger. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) / Hedwig merkte es wohl, aber sie kümmerte sich nicht darum, lieü sich von Thomas Hauschild den Hof machen und war überhaupt sehr vergnügt. Die Stadtkapelle, acht Mann hoch, mü aus der Galerie und spielte die Donauwellen. Beim drttten Gang erhob sich der Oberförster und brachte den alten Tamentocrlt aus. Er erzählte da von einem uralten HUnneklhünptling, der bei der Einnahme einer Burg alle Männer nmbringen und nur die Frauen leben ließ. Das lvollte denn der Oberförster auch tim und hob das Glas. Es war ein Kalauer. Doch von Kochalke erwartete keiner etwas anderes. Alle Männer erhoben sich zu Ehren der Damen, sogar Moritz Gassel, der noch immer sehr andächtig aß, nur Karl Zdurotschin blieb sitzen. Das nahin ihni keiner iibel. Als sich aber die Wogen der Begeisterung gelegt hatten, stand Karl Zdurotschin auf, hob sein Glas und schrie zu August .Knorreek hinüber, den er nur dem Ansehen nach kannte: „Prost, Britzkawe soll leben!" Moritz Gassel unterstützte ihn, und die Stydtkapelle m fiel ettt. August Knorreek trank Bescheid, obgleich er Karl Zdurotschm nicht sonderlich schätzte und er im stillen bedauerte, daß Moritz Gassel in diese Eksellschast geraten war. Auch Hedwig dankte für bxt außergewöhnliche Aufmerksamkeit, indem sie Moritz Gasjel freundlich zunickte und an ihrem Glase nippte. Besonders herzlich aber benahm sich Frau Knorreck, die mehrmals schnell hintereinander das Glas hob und dazwischen einen steinen Schluck trank. Thomas Hauschild dagegen inachte ein wütendes Gesicht und trommelte nervös aus dem Tischtuch. Nim öffnete sich die kleine Bühne im Hintergrund, und der vierte Gang wurde serviert. Die Vorträge begannen. Ein langer, ungeschlachter Mann mit groben, weißbehandschuh- ten Händen und niedriger Stirn trat hinter die Rampe Mid solobeichtete den Anwesenden irgend einen tiefen Liebesschmerz im Bariton. Der Beifall war überwältigend Die Naiven klatschten aus Begeisterung und die Verständigen aus Spottlust. Der Künstler nahm das für Ernst lind streute noch zweimal das Gold seiner Kehle umher. Jetzt hüllten sich die Verständigen in eisiges Stillschweigen, und der Langer mit dem Blechorgan trat ab. „Wer^war das?" fragte Moritz Gassel empört über diesen zweifelhaften Genuß. „Der Gesangvereinsichuster!" gab Karl Zdurotschin V ->DaS musikalische Genie von Zdurotschm. Belästigt er mich noch einmal, schicke ich ihn zur Strafe aufs Koikservallüium. Ich kann niir's ja leisten!" Inzwischen hatte sich Thomas Hauschild von seinem Aerger erholt und begann mit Hedwig ein lebhaftes Gespräch über die Toiletten der anwesenden Damen. Hedwig hatte ein scharfes Auge dafür, und die Unterhaltung wurde immer angelegentlicher. Besonders von ferne sah es aus, als hätten die beiden ein Geheimnis miteinander. Karl Zdurotschin, der kein Auge von Hedwig ließ, stieg der Grimm in die Kehle. „Wer ist der Schubiak, der neben ihr sitzt!" zischte er Moritz Gassel ins Ohr, wobei er ihn heftig in den Arm kniff. ^ „Thomas Hauschild heißt er, der Wirtschaftsgehilse." „Haben die beiden was miteinander?"' knurrte Karl Zdurotschin böse. Moritz Gassel steckte das dünnnste Gesicht auf, das ihm zur Verfügung stand. Diese Möglichkeit, daß sich zwischen Hedwig Knorreck und Thomas Hauschild etwas anspann!, hatte er noch gar nicht in Erwägung gezogen. Und er schaute verblüfft hinüber und nickte langsam. Allem Anschein nach hatten die beiden wirklich etwas miteinander! „Den Kerl werd ich ausstechen!" schnaubte Karl Zdurotschin und schickte deu Kellner mit einer Flasche Sekt hinüber. Doch August Knorreck duldete nicht, daß Hedwig das Präsent anuahm, und schickte den Kellner wieder zurück. „Weil du mich nicht vorgestellt hast!" schnaufte Karl Zdurotschin, wütend über den Korb, den er sich geholt hatte, und knuffte Moritz Gassel in die Flanke. „Sofort gehn wir hinüber!" „Die Tafel wird ja gleich aufgehoben," beschwichtigte ihn Moritz Gassel, der sich, gesättigt, wieder mit seiner werteren Umgebung zu beschäftigen begann. „Dann macht sich dae ganz von selbst." Doch diese Prophezeiung war verfrüht. Erst erschienen noch ein paar Spaßvögel, die die neuesten Eorrplets zum besten gaben, und die srdete Gerichtssitzung, in der sich der Gesangvereinssckplster als Tenorist gebärdete. „Uff!" stöhnte Karl Zdurotschin und schob den Stuhl zurück. Doch da kamen die drei Trinkgeldteller, einer für die Bedienung, der andere für die Küche und der dritte für die Musikanten. Moritz Gassel wurde dreißig Pfennig los, fünf Pfennig blieben ihm für eine Zigarre, und Karl Zdurotschin warf drei blanke Füuftnarkstücke, die er aus der Hosentasche tzog, auf die Nickelstiicke. Jetzt hob der Oberförster die Tafel auf, indem er sich aufreckte und „Mahlzeit allerseits!" ries. Die Tische wurden entfernt, der Pikkolo fuhr mit einem langen Besen über das Parkett, und die Stadtkapelle setzte mit einem.flotten Wal^r ein. Ehe Karl Zdurotschin, der einen jüngsten Freund Moritz Gassel wieder unter den Arm zefaßt hatte, aus der andern Seite des Saales war, flog Hedwig mit einem jungen Forstgehilfen im Kreise herum. Die Mutter zog sich mit ein paar Freundinnen in eine Nische zurück, und August Knorreck ging ins Nebenzimmer, wv die Zigarrenkisten und die Spieltische standen. Karl Zdurotschin Hütte ernstlich Feuer gefangen und lieh Moritz Gassel nicht mehr los. Mit funkelnden Blicken verfolgte er Hedwig, die immer aus einem Arm in den andern flog. Auch mit Thomas Hauschild tanzte sie. Karl Zdurotschin knurrte vor Grimm. Moritz Gassel, der sich nicht Von ihm freimachen konnte, bekam es nun auch in die Füße. Arm Glück erschien der Oberförster und teilte ihm mit, daß er seinen Verpflichtungen Nachkommen müsse. Schnell eilte er aus die vier Odersörsterstöchter zu, die weiß, rosa, rosa, weiß in einer Reihe saßen, und engagierte die jüngste. Doch schon nach zehn Schritten wußte sic, woran sie lvar, und dankte höflich für diese Art von Walzer. Moritz Gassel machte bei den drei andern die gleick-e Erfahrung. Alle drückte plötzlich der Schuh. Aber eine Minute später tanzten sie sck>on wieder. Er fand das etivas sonderbar, spielte den Beleidigten und stellte sich abseits an eine Säule. Aergerlich sah er auf das festliche Gewühl herunter. In die sanften Farben der MädchenNeider mischten sich das kräftige, frisck)e Grün der Iörsternniformen, das feierliche Tuntel der Jn- sdektorfräcke und das tiefe Kohlrabensck>warz der Lehrerröcke. Karl Zdurotschin hatte sich grollend in eine Ecke zurückgezogen. Der Oberförster half ihm beim Zechen. „Kockmlke!" sprach plötzlich Karl Zdurotschin und machte ein entschlossenes Gesicht. „Ich werde mich verheiraten!" . „Das machst du recht!" schrie der Grünrock begeistert. „Was meinst du, ob sie mich wohl nimmt?" „Spaß! Du hast doch drei Millionen oder vier." „9tu ja!" sprach Kart Zdurotschin selbstbewußt. „Ich kann mir's eigentlich leisten." „Das »vill ich meinen!" „Wie alt seh ich aus?" „Vierzig!" schwur der Oberförster, ohne sich zu besinnen. „Aber ich schlepp den Fuß ein bissel nach!" „Das merkt man kaum!" „Nu, ja, ja!" pflichtete ihm Karl Zdurotschin bei. „Das ist ja auch kein angeborener gehler, bin bloß durch die Schifssluke gefallen, und die verdammten Kurpfuscher in Odessa haben mich schlecht zusammengeflickt. So was vererbt sich doch nicht!" „Nein!" lachte der Oberförster aus vollem Halse. „Da sei ohne Sorge." „Mir ist so," sprach Karl Zdurotschin sehr langsam, „mir ist so, als ob ich mm Testament doch noch ändern muß." Dann versank er in tiefes Brüten. Der Oberförster ließ einen neuen Seklpropfen knallen. „Wenn sie mich aber nicht nimmt!" stöhnte Karl Zdurotschin plötzlich aus. „Prost, Karlemann! Dich nimmt jede! Unbesehen! Sei kein Frosch und laß den Kops nicht hängen. Prost!" Und Karl Zdurotschin trank und faßte wieder Hoffnung. „Welche willst du haben?" fragte der Grünrock listig. „Von deinen vier Grashüpfern keinen!" schnaubte ihn Karl Zdurotschin an. Der Oberförster trank schnell den Rest aus und ging schwer beleidigt davon. Unablässig schweiften Karl Zdurot- schins Blicke im Kreise, Hedwig tanzte noch immer, aber sie hatte einen schlechten Tänzer. Sie verzichtete bald und ließ sich an ihren Platz zurücksühren. Moritz Gassel fuhr wie ein Blitz durch den Saal und verbeugte sich. Lächelnd nahm sie seinen Arm. „Walzers fragte er unsicher und versuchte ein paar Schritte. „Gewiß!" lachte sie und faßte ihn etwas fester, um ihn in Takt zu bringen. Doch es war verlorne Moritz Gassel war eben kein Walzertänzer. Endlich gab sie es auf und blieb stehen. „Ach, Herr Gassel!" flüsterte sie leise, und in ihrem weick>en Blick lag beinahe etwas Zärtliches. „Sie können ja gar nicht Walzer tanzen!" „Ja!" sprach er betrübt. „Es scheint mir auch so." „Kommen Sie," sagte sie uno faßte ihn unter den Arm. „Wir spaziere ein bissel herum." Damit war er gerne einverstanden, und sie suchten Uch aus dem Tanzgewühl ein«: Weg in die Mitte des Saales. Da blieben sie stehen, grabe unter dem Kronleuchter. „Wie kommen Sie denn zu dem dort drüben?" Damit meinte sie Karl Zdurotschin, der einsam in der Ecke hockte und unverwandt he rüber stierte. „Ganz zufällig!" entschädigte sich Morch Gassel und wurde rot. „Er ist ein bißchen nobig, a^r ein ganz nobler Kerl." „So?" fragte sie überrascht und schaute blitzschnell! hinüber. Ta aber Karl Zdurotschin diesen Blick aufsing und sofort unruhig wurde, stieg ihr das Blut in die Schläfen. „Ist er wirklich so reich?" „Es sieht so aus!" erwiderte Moritz Gassel vorsichtig. „Er wohnt schon sechs Jahre hier im Hotel und hat 'dre Taschen voll Fünfmarkstücke." „Wie alt ist er denn?" „Ueber fünfzig!" meinte Moritz Gassel arglos. „Er sieht ein bissel wilb aus, ist aber ein herzensguter Kerl. Soft ich ihn Vorsteven?" „Ach ja!" antwortete sie schnell. „Ich möcht ihn schon kennen lernen. Wenn er so reich ist, dann kann man ihm ja sagen, daß er dem Herrn Baron was abgeben soll." ,Hehe!" lachte Moritz Gassel aufrichtig. „Das wird er wohl nicht tun. Und der Herr Baron von Winkelberg wird sich von Karl Zdurotschin schon nichts schenken lassen!" „So mein ich's nicht!" flüsterte sie eifrig. „Er soll das Geld nur hergeben für Bartenstein und Levisohn. Damit der Herr Baron von den beiden loskommt." „Das ist doch eins," warf Moritz Gassel ein. „Tann sitzt er eben bei Karl Zdurotschin fest." ' „Aber wenn er doch so ein guter Mensch ist!" flüsterte sie dringend. Ta bot er ihr höflich den Arm und führte sie zu Karl Zdurotschin hinüber. Der erhob sich langsam, als sich die beiden näherten. Zuletzt nahm er die Hände zu Hilfe, mit denen er den schweren Oberkörper auf die Tischkante stützte. Moritz Gassel stellte vor. Karl Zdurotschin streckte die rechte Hand aus, und Hedwig berührte sie für einen Augenblick mit den Fingerspitzen. „Fräulein Knorreck!" schnaufte Karl Zdurotschin, als wär er ganz von Atem. „Fräulein Hedwig, Sie sind die Schönste!" „Danke für das Kompliment!" lachte sie keck. „Das sagt man jeder Dame." „Aber ich nicht!" rief Karl Zdurotschin und richtete sich zur ganzen Größe aus. „Das kam: ich bezeugen!" sprach Moritz Gassel, der sich nicht ganz in den Hintergrund drängen lassen wollte. „Sind Sie wirklich so reich, Herr Zdurotschin?" fragte sie ruhig. „Es geht an!" stöhnte er zufrieden. „Ich bin der reichste Mann von Zdurotschin." „Wieviel haben Sie denn?" „Ich Hab genug!" wich er geschickt aus. „Es muß doch ein schönes Gefühl sein," sprach sie anerkennend. „Das ist es!" rief er und warf sich in die Brust. „Ich kann mir alles leisten!" „Wollen Sie uns nicht einmal besuchen?" fragte sie hinterlistig. „Morgen!" schrie er begeistert und öekam einen puterroten Köpf. „Das ist nicht nötig!" dämpfte sie seinen Mut. „So um Pfingsten, wenn alles grün ist. Jetzt ist in Britzkawe nichts los." „Himmelfahrt!" rief Karl Zdurotschin, um wenigstens etwas herauszuschlagen. „Meinethalben," lachte sie. „Dann kommen Sie aber um den Psingstkuchen." „Ich komme!" rief Karl Zdurosichin und schnaubte stark. „Auf Wiedersehen?" sprach sie und reichte ihm die Fingerspitzen. Sein Gesicht glänzte. Moritz Gassel brachte sie an chren Platz zurück. Dann fand er sich wieder bei Karl Zdurotschin ein. (Fortsetzung folgt.) Die Mundharmonila. Bon Waldemar Bonsels Als die ersten wärmeren Strahlen der Februarsonne in Anneliesens Dachkammer fielen und draußen die Sperlinge int Tau- schnee schrieen, öffnete das lange Mädchen das Fenster, nahm die kleine Zauderin an ihre Lippen und blies eine Melodie daraus. -3 Zitz jiift wie sie ihr in den Sinn kam. Weder diese Melodie noch die kleine Mundharmonika waren etwas Außerordentliches, solch ein Instrument erhält man überall für ein ps rr Groschen, und gebildete Leute hätten wahrscheinlich für die 'Melodie auch nicht viel mehr gegeben. Das muß hier gesagt sein, «xnnit niemand glaubt, es handelte sich um etwas Besonderes. Es muß alles zusammengekommen sein, daß von diesen paar, Tönen eine Wirkung ausging, die Lippen des Mädchens, ihr goldenes Haar, die Augen darunter, blauer als der Himmel über den Dächern und die Stimmen der Sperlinge, die irgend etwas vom Frühling in ihrem Ton hatten, etwas von offenen Fenstern und »varmen Luftzügen. Sicher ist, daß alles um vieles hoffnungsvoller und feierlicher erschien, niemand empfand dies deutlicher als Anneliesens Freund, der Dichter, der im Zimmer saß und ihrem Spiel zuhörte und ihre feine Gestalt betrachtete, wie der Morgen-» sonnenschein einen Lichtrand um ihr Haar und um ihre Schultern legte. Das ist eine Sacke, solch eine Mundharmonika, dachte er und nahm das Instrument und schob es in die Tasche, als das Mädchen mit ihrem Spiel aufhörte. Sicher glaubte er, damit alles mitzunehmen, was er soeben erblickt halte. „Willst Du sie haben?" fragte ihn Anneliese, un) als er nickte, freute sie sich darüber, ihrem Freund. ein Geschenk gemacht zu haben, sie hatte schon lange die Empfindung, noch niemals etivas Rochtes gegeben zu haben, wie es Leuten Vorkommen kann, die in der Unschuld ihres Reichtums nicht ahnen, daß sie auch ohne Gesckenke das ganze Glück eines airderen ausmachem Der junge Mann mußte am gleichen Tage die Stadt verlassen und bestieg in der Abenddämmerung einen Zug, der an die Grenze fuhr mrd voller Soldaten war, die ins Feld hinaus sollten. Er hatte über vielerlei Beschäftigungen des Tages die kleine Mundharmonika vergessen, aber als er nun, da der Zug sich in Beioegung setzte, nach seinem Feuerzeug suchte, um seine Pfeife anzuzünden, fühlte er einen harren Gegenwand in seiner Tasche und zog ihn heraus. Das trübe Licht des Eisenbahnwagens spiegelte sich in dem billigen Bleck, die Lackfarbe der Holzleisten roar schon etwas brüchig. Mein Gott, dackte er, ivas soll ich mit dem Ding? Solch eine Harmonika muß im Besitze eines Menschen sein, der darauf spielen kann. Hierin harre er reckt, denn er war unmusikalisch, und wir die meisten Dickter nrit Angelegenheiten beschäftigt, die ganz erheblich) über eine Mundharmonika binausgingen. So wandte er fick an einen bärtigen Landsturmmann, der ihm gegenüber in einer Ecke lehnte, und hielt ihm das Instrument hin. „Vielleicht können Sie es draußen brauchen, oder irgend jemand ..fragte er, nicht ohne Befangenheit und etwas schüchtern, wie man es bei Dichtern zuweilen sinder, ohne daß man deshalb allzurasch aus Bescheidenheit schließen dari. Aber der Landstur mm ann sah nur die Mundharmonika, griff ohne viel Umstände zu, lächelte herablassend und sagte: „Gieb nur der." Wer nähme nicht gern eine Tasche voll Musik? Er setzte sie gleich an seine Lippen, fodaß sein struppiger Bart sie fast ganz verdeckte, ui Seegras eine Strandmuschel die Töne, die unter seiner Han) beroordrangen, waren alles andere als rauh, es waren ein wenig wehmütige, aber feine und süße Klänge eines Volksliedes, und unter ihnen füllte sich der »mwirt- licke Raum mit seinen kahlen Wänden »nil emer seltsamen Feierlichkeit. Niemand sprach mehr laut, sogar ein alter Herr, der eigentlich in der zlveiren Klasse hatte fahren wollen, ließ seine Zeitung sinken und schaute über seine Brille aus den Kanonier, der Mundharmonika blies. Draußen zog in gelinder Eile das schlummernde «Land in der Dämmerung vorüber und es waren nicht mehr, wie eben noch, Acker, Wiesen und Wälder, sondern eS war das Vaterland. Besonders die Soldaten dachten es. als die kleine Zauberin ihre Stimme erschallen ließ. Seltsam, sogar der eintönige Takt der Räder aus den Schienen schien sich der Melodie anpassen zu wollen. Alle sahen einander freundlicher an und die Gedanken der Menschen, die in den Krieg hinaus mußten, wander- ten ihrem Ziele in einer ganz neuen Erhobenl>eit entgegen. Ihr Geschick erschien ihnen gut und ihr Los voller Ehren. Nun hielt der Zug. und der Landsturm mann nahm das Instrument vom Mund. Es »var, als würden bunte Brlder ringsum- her ausgelöscht und man merkte, ivie trüb die Lampen in dem engen Wagen brannten. Draußen zog nun auch schon die Nacht herauf. Der Herr, der sich im letzten Augenblick doch für die dritte Klasse entschlossen hatte, räusperte sich und packte ein Butterbrot aus. Der alte Soldat wischte fein Instrument am Rock ab, wie Kinder es mir einem angebissenen Apfel macken, der in den Slraßenstaub gefallen ist. und schob es in seinen Rucksack. „Besten Dank." sagte er zum Dichter, der es leider nickt hörte, weil seine Gedanken bei dem oftenen Fenster einer Dachkammer weilten, ber den schreienden Sperlingen und beim Glanz der Morgensonne. Nun ja, jetzt hatte er sie sortgegeben, die Harmonika. „Bitte," sagte er nachrräglich, denn ihm war. als habe er vorhin etwas wie ein Dankoswort gehört. Aber die Mundharmonika blieb nicht lange im Besitz des alten Soldaten, er schenkte sie eines Tages draußen im Feld einem blutjungen Infanteristen, der von der Schule fort in den Krieg gestürmt war, als hinge das Hei! des ganzen Reichs von den Taten seiner jungen Seele ok Ich muß enoahnen, daß bereit- einer der tiefen Töne des Instrumentes völlig versagte, »veil der alte Kanonier, besonders wenn er einen Marsch blies, viel entschiede», vorgegangen war. Es sind nun einmal Barbaren, diese Deutschen. - Mer das Zauberreich des kleinen Instruments nahm von diesem Tage ab an Macht zu, es schien, als verbände sich sein Weg in den Krieg mit der Absicht einer heimlichen Güte, dies muß gesagt werden, denn eigentlich handelt cs sich hier nur um die Schicksale der Mundharmonika. Es war wunderbar, wie ihre singende Seele nun in den Gemütern der Männer im Schützengraben und hinter den Festungswällen Gestalten und Bilder heroorzauberte. die ihren Wert und die unscheinbare Schönheit ihres Klangs weit übertrasen. In jedem Gemüt war es ein anderes Bild, die Soldaten sahen alles, was sic liebren und zurückgelassen Hanen, Wälder und Stätte tauchten aus, laute Straßen und heimliche Stuben, sonnige Wege am Fluß und stille Dörfer in den Bergen. Auch waren es blonde, stürmische Kinderköpfe, oder die verweinten Angesichter mütterlicher Frauen. Und die Soldaten begriffen, daß die Trauer in diesen Zügen ihr ganzes Glück war. Einmal blieb sogar ein Offtzier stehen und lauschte. „Es ist etwas Eigenes um die Musik," meinte er, und das will viel heißen, wenn ein Offtzier es sagt. Jedoch das Geschick fügte es, daß der neue Besitzer der Mundharmonika bei einem.. Sturmangriff gegen die verschanzten Stellungen des.Feindes ftel. Er wurde am Morgen an einem Wald- Hang gefunden, die Häwde um das Gewehr und die Stirn im Moos. Das ist das Los der Tapferen, hie für ihr Land kämtpien und sie hätten ihn ruhig zu den gestorbenen Brüdern seiner Ehre gebettet, wenn nicht ein Kamerad gerufen hätte: „Das ist ia Michael, der gespielt hat . . Und über der Erinnerung an das kleine Instrument zögerten die Kameraden, die ihn aufhoben, einen Augenblick und sie schienen aus eigene Weise zu begreifen, daß diese verblichenen Lippen sich niemals mehr öffnen sollten. Einer von ihnen dachte: Wer hofft in der Heimat wohl, daß dieser Mund ihm wieder cntgegcnlacht, wem wird es das Herz brechen, daß er verstummt ist? „Wo hat er denn die Harmonika?" fragte einer, aber ein anderer meinte, die müsse man ihm lassen. So ließ man sie ihm, und sie kam mit dem knoten unter den Rasen. Schließlich versagte ja ohnehin ein Ton, wenn es auch einer von den tiefen war, die man bei den alltäglichen Melodien für gewöhnlich nicht braucht. Die Hagebutte. Eine hauswirtschastliche Kriegsplanderei. Bon L. Malte n. Seitdem wir in so vielen Dingen, die das Kückenrcich beherrschen, auf Neues gestoßen sind, ist es nicht zuletzt der Heimarboden, den» wir vieles abgewinnen. — woran wir sonst machtlos — oder nicht besonders achtungsvoll vorübergingen. Unter diesen Neuerungen dürste die Hagebutte in mancher Hausfrauen Kochtopf Ueber- raschungen bieten, die sie den kleinen gelbroten Aepfelchen garnicht zugetraut hätte. Oft steht es draußen am Feldrain oder an Bergabhängen, wenn schon der Wintersturm um seine dornigen Zweige heult, und trotzt mit feuerrotem Kopf gegen Hagel und Sckmee. Keiner kümmert sich drum. Ein paar alte Mütterchen pflücken sie hier und dort, wo sie leicht erreichbar sind, und stoßen ihnen in langen Winterabenden, wo die Gartenarbeit ruht, mit einem harten Federkiel die haarigen Kerne ans dem rotgelben Leibe, legen die Hüllen zum Trocknen aus die Herdplatte und bringen sie in den Handel. Der Apotheker kauft sic. Ms Tee ausgebrüht ist es ein gutes heilsames Getränk. Sonst finden die Früchtchen nicht viel Liebhaber. Und doch sind sie nicht nur heilsam und zu jeder Zeit bekömmlich für den Organismus, sondern auch aromatisch und erfrischend, wenn sie gut zubereitet werden. Die getrocknete Frucht gibt nicht nur den heilsamen Tec^ der die Nieren heilt und reinigt, sondern auch ein erfrischendes Sommergetränk. Dazu werden die Früchte, die sehr ausgchen und ausgiebig sind, 24 Stunden in kaltem Wasser eingeweich. nachdem sie selbstverständlich ziemlich oft heiß und kalt geivaschen wur den. Mit dem obigen Wasser iverden sie unter Beigabe von sein geschnittener Zitronen- und Apfelsinenschale, etivas Zitronensaft, wenig Zimt und Nelken sowie viel Zucker (1 Tassenkopf voll auf ein Achtel Pfund getrockneter Früchte auis Feuer gesetzt und gut durchgckocht. Dann wird die Prasse durch ein Sieb gerührt und erkalten gelassen. Man mischt sie mit Wasser oder halb Wasser halb Rotwein, was besonders sein schmeckt, auch der billige Avftl- ivein gibt eine schöne Mischung damit. Im Sommer auf Eis gekühlt ein gesundes und wohlschmeckendes Getränk. Als Kompott ist zu empfehlen, die Früchte kürzer cinznichmoren und sofort ein Glas Rot- oder Apfelwein hinzuzufügen. Aeußerst gut schmeckt es, wenn einige gedörrte kalifornisthe Aprikosen mir eingeweicht und dann durchgeickmort werden. »Sie lassen den Zi Ironensast und die sonstigen Gewürze ebenso den Wcinzusatz entbehren. Am schönsten üi der Farbe und beioirder- aromatisch ist die Marmelade ans frischer» Hagebutten zubercitel, die sich besonders zur Füllung bei der Kuchen und Tortendäckerei verivenden läßt 320 Dazu »verden die Früchte von den Kernen befreit, vorher s Kragengarnituren, werde,» in allen erdenklichen AuSfuhrwHen und Preislagen angeboten. Schon in ^ "Mussten warmen Tagen, die den Sommer emleiteten, boten Ctrafeeu "»d Ar^flugsorte -vielfach, soweit die Da,nen,vell in Be- »acht kam. ein Bild u» Weiß. Doch ist dabei für Abwechselung , boi» gesorgt. H»er und da tauchen »vinzige schivarze oder bunte ÄSFÄ.rT Stoffe ans. das schwarze Sam!- Ä"Ur-i! ,m n ben "der den hochgestellte»» Kragen ut ^alt überall zu sehen, und gerade solche kleine Ab- m'! Kleben das Bild und betonen die jugendllche »mb aust.ge Note der »veißen Kleidung noch n»ehr. Cra Enedek vor dern italienischen Kriege 1866 Fet.»djeligk"üen vor »«1 ^^bruch der oslerreichisch-ttalienischen ai m SiflhV« % emem halben Jahrhundert, die Beziehungen m Untjen gespannt, da kain Kaiser Franz Josef nach Verona, wo dainals venedek das Kon,ma»»do führte. Der Kaiser hielt auf der Piazza d'Armi eine große Heerschau ab. Ein ganzes Ar,net» l otp £J‘ onb dicht massiert in drei Treffen ausgestellt: der Kaiser vor der Mitte, daS Brechen der Fronten zur Defilierung erwarten», Z>i dem Aiigenbllcke nun, da jederniann denkt, jetzt »verde da» Kommando erfolgen, komiut plötzlich Benedek herangeftwengk, pariert scharf vor dem Monarchen und spricht, dreinial den Säbel senke»»d, »nit »veirhin schattender Stimme: .Gestatten Eure Majestät, daß ickr, aus der den» Soldaten geboteneii stulninen Zurückhaltung herauStreteno, im Nau»eii der zweiten Armee die Erklärung ab» gebe : Wir gehören Eurer Majestät zu eigen! Befehlen Allerhöchst- dieselben, und wir werden alle, »ule wir sind, Mann für Mann, für Euere Majestät unseren letzten Blutstropfen hergeben. Die- fchwöreii wir freudig »n»d freiwillig in diesem feierlichen Augen- dltck, auf dte?e»i von öslerkeichlschem Blirte so oft gedüngten Boden.' Euere Mafeslät sollen leben hoch, hoch, hoch!• Er schwang den put nitt den» grünen Federbilsch uub im selben Augenblick erhob lich au» den. Schlachllinien ein sünszigtausendfacheS Vivat, Eljen ln»b Zivio, ein Jubelgeschrei, »vie eS jene Felder nieniats vorden» gehört, ein „Ungewitter der Begeisterung". Tie Fahlien stiegen, xl^s-b^i» ^kgiinentsbanden schlugen an, die Tronirneln wirbelten, ote Lro»npeken schmetterten de»i General,narsch. Tie baranf folgende Defilierung ging »vie »in Rausche vor sich, »md noch tagela»»g zitterte j^r ^atzltche »u»d stärke PulSschlag in allen Herzen nach. Aehn- ttch wie damals ist »vohl a»»ch die Begeisier»u,g beute. Auch heute wurden die tapferen Oesterreicher begeislernngsvoll versichern, daß s»e »den letzten Blutstropfen herqeben', wenn'S nötig »ft. cts- cm?J e M »t cke >» har, be des j a p a n »s ch e n Soldaten. *te Muckenplage ist in diese,»» Jahre bereits in sehr starken, Maße aufgetreten, und es ist daher zu befürchten, daß im kommenden feommer auch un'ere Soldaten sehr dar»»»»ter zu leiden haben werden, »vie es bereits in den» vorigen der Fall ivar. Auch der pariser »^-Emps' beschäftigt sich mit dieser Frage. i,nd er »nacht . cn,E ^^tteilringen aufmerksam, die der französische Ober- Nabsarzt Matlguon, der »vähreud des russisch-japanischen Krieges ve» den» japanische»» Heere weilte, über die »veitgehenden'BorsichtS- maßregeln bei diesem Heer gen»acht hat. Man hatte eine Art M»lckei»ha»»be hergerichlet, die in der AilSrüsl»,ng keiiies Soldaten feylte. ES handelte sich für die Japaner in erster Linie um die Bekämpfung des SmnpfsieberS, unb mau suchte der llebertrzrgung oeSielbeu durch die Alücke,» vorzubeugen. In allen Dörfer»», »vo o»e Truppen einige Zeit weile,» inußten, wurde das s»m»psige Gelände entwässert, daS A»istrocknei» der stehenden Wasserpsühen wurde von Soldaten oder von chinesischen K»,lis a»»sgesührt. Tie Fenster der bewohnten Hä»»ser waren fast iinmer mit Gaze verhangen, tue an» Je»»sterrahn»en besesligt waren. Vor den Ziinmer- tllren waren Decken ausgebrcnet. E»»dl»ch »var jeder Soldat oder ^if»L»er »»»»t-einen» kleinen Nlückeunetz versetzen, das den Kops gegen, die Stiche schützt. Dieser Lchutz für den Kopf ist ein zplindrischer Sack aus gewöhlllicher grüner Gaze, der von zwei leichten stählernen Ringen mw von e»ner Spirale von gleiche»»» Metall gehalten »vird. Tie Ringe haben einen Durchmesser von 25 cm. Der obere Teil des Rehes wird durch ein Stück Gaze geschlossen, die über den oberen R'ng gespa»»nt »st, der »»ntere Teil ist offen, um das Durchsteckei» des Kopfes zu eru»öglichen. An» »»nteren Ring ist eine 2 ) cm lange 0w f Lein »van d, die »nittels ei»»er Schnur an» Halse zugezoge»» werden kann. Der Kopf »vird in dieser Dlückenhaube »»»cht in etnen Beweg»mgen gehindert und kann daher Tag und Nacht ge- trage», »verde,». Ter Apparat faltet sich von selbst zusa,nn»en und wtrd durch zwei Knöpfe in dieser Lage gehalten. So zusaimnen- ge^gt »st das M»,cke,»netz nur IX cm hoch; sein Gewicht beträgt »»icht mehr als bO g, m Lharade. ; Ward dir etivas Liebes entrissen, To fühlst d»» die ersten zwei; Doch kann »nan nicht überall »vissen, Wen» »virkiich eS ernst darum sei. Ein Labsal für Deinesgleichen Und Nahrung für manches Tier, Sie künden in »venigen Zeichen Sich de»»tlich d»,rch drei »md vier. DaS Ganze zählt zu den Bä»»men Und schaut gar wehinütig drein. Als »vär es befangen ii» Trätlmen Von Trä,»en und Abschiedspeiu. (A»»sl. in nächst .Rr.) Auflösung der Skat-Aufgabe in voriger Nummer» Das Lpiel gebt verloren; Vorhand hatte: pZ, pK, p3, p7 C K c8, c7, carD carö, car8 und Hinterhand Pen Nest. Gang des Spieles: 1. V. p7 M. pA 2. H. tr7 V. car8 3. M. cA H. c9 4. M. cD H. cZ 5. H. tr8 V. carD 6. M. p 9 H. tri 7. V. pK M. p H. carB = — 13. M. trA. D. c7. ©. cK =* - 17. M. tr2 PZ - - 14. H ca r Z --- — 17. Sa. -- 61 Augen. Kchrlltleitung: ?lug. Goch - Rola>i-,n,dr»-k und ajcrtaa der BnM'sche» Uniotrni&M^.u«. und Sl e lnbvi.*r.L ?!.