Lurück zur Schollt. Roman von Ewald Gerhard Deeliger. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Draußen fuhr ein Wagen vor, und der Herr Oberförster Kochalke mit seinen vier unverheirateten Töchtern stieg aus. Die drei ältesten hatte er schon glücklich unter die Haube gebracht. Gr selbst mar ein großer, breiter Mann mit einem langen, grauen, würdevollen Bart, und die grüne Uniform stand ihm prächtig. Die vier Mädchen waren jung und frisch und hatten hübsche, offne Gesichter. „Diese Brut!" knurrte Karl Zdurotschin bösartig. „Das ist der Kochalke, der hier den jährlichen Heiratsmarkt arrangiert. Es ist geradezu unheimlich, wieviel unverheiratete Mädel es in Zdurotschin und Umgegend gibt. Als wenn sie aus der ganzen Welt zusaminengetromnielt wären! Nehmen Sie sich in acht! Ah, Sie sind wohl auch mit einer Einladung ^beglückt worden?" Moritz Gossel nickte. Jetzt trat der Oberförster herein und begrüßte Karl Zdurotschin mit einem kräftigen Handschlag. Hinter ihm drückten sich die vier Töchter durch die Dür. „Oberförster Kochalke, das Fastnachtballkomitee," stellte Karl Zdurotschin vor, „Schulmeister Gassel aus Britzkawe, noch zu haben!" t Nun bekam- auch Moritz Gosset einen oberförsterlichen Handschlag, den er bis ins Schlüsselbein fühlte. „Kommst zwei Stunden zu früh, Kochalke!" rief Karl Zdurotschin. „Muß ich wohl, Kartemann!" gab der zurück und trank einen Schluck. „Wofür bin ich denn das Komitee?" Die vier Mädchen setzten sich an den Nebentisch und tranken zusammen einen einzigen Grog, denn sie waren durchgefroren. Der Oberförster stellte ihnen den Britzkawer Schullehrer vor. Moritz Gassel war so höflich, sich zu ihnen zu setzen und versuchte eine Unterhaltung anzuspinnen. Denn oie vier Mädels gefielen ihm gut- Sie hatten etwas Molliges an sich und waren im Antworten schlagfertig. An ihren dunkelblonden Haaren hing noch der würzige Dust des Waldes. Moritz Gassel bat jede um einen Walzer und erhielt von jeder zwei. Unterdessen hatte Karl Zdurotschin die vierte Flasche angebrochen. „Kochalke!" rief er taut und stieß mit ihm erten. Das ging allemal auf Moritz Gassel, den das aber nicht störte. Allmählich fand er heraus, daß die jüngste die schönste und lustigste war. Und gerade die behandelte ihn am schlechtesten. Dudeck, der Wirt, sck>oß die Treppe hinaus und herunter, und seine Rockschöße flogen wie im Sturme. Den armen Pikkolo zog er dreimal an den Ohren, daß er mauzte. Fortwährend wurde der Oberförster mit Meldungen und Anfragen gestört. Doch er kam nicht aus seiner Ruhe, hörte kaum hin und neckte sich mit Karl Zdurotschin, der seine Trunkfestigkeit mit hinterlistigen Anschlägen zu erschüttern gedachte. Um diese Zeit hielt Daniel Zpuppack mit Wiegelts Kutsche vor dem Britzkawer Jnspcktorhaus. August Knorreck stand schon fertig vor der Haustür und wartete. Endlich lvaren die beiden Frauen im Hausflur. Aber die Mutter hatte ihre Granarbrosche vergessen, und Hedwig mußte siecholen. „Hast du auch den Diamanten?" rief die Mutter ihr nach. Doch diese Mahnung war unnötig, denn Hedwig hatte das Goldkettlein längst angelegt. Schnell nahm sie die Brosche von der Kommode und trieb Thomas Hauschild, der im Frack vor dem Spiegel stand, um sich den letzten Ballschliff zu geben, zur Eile an. Nun waren alle draußen, und August Knorreck drehte den Schlüssel um. Die Mutter und Hedwig stiegen ein. Daniel Zpuppack grinste vorn Bock herunter. Die beiden Laternen brannten, unruhig stampften die Rappen den Sand. „Wir könnten eigentlich Herrn Gaffel abholen!" meinte August Knorreck. „Der ist längst in Zdurotschin," antwortete der Gehilfe. „Ich Hab ihn kurz vor Tiergarten getroffen." „Also los, nach Zdurotschin!" rief der Inspektor. „Steigen Sie nur ein, Herr Hauschild. Auf was warten Äe noch?" 314 „Ick fcrmt mich ja auch aus den Bock setzen," erwiderte er verstimmt, weil er von Hedwig eine Aufforderung erwartet hatte. Auanst Knorreck rithrte Hedwig leise an die Fußspitze. „Brite, steigen Sie ein," sagte sie dargus und rückte in die Ecke. „Kommen Sie nur," ließ sich jetzt Frau Knorreck vernehmen. „Wir werden schon Platz haben!" ' Thomas Hauschild ließ sich erweichen und setzte sich dicht neben Hedwig. Daniel Zpuppack klatschte laut mit der Peitsche und fuhr Trab. IX. Dudeck, ber Wirt, segte noch einmal die drei Langen Tafeln entlang und sauste dann zum Oberförster Kochalke hinunter, der noch immer mit Karl Zdurotschin zeckte, fortwährend kamen Wagen vorgefahren und luden Insassen ab. Das Gastzimmer war zum Bersten gefüllt. Moritz Gassel sah sich von forschen Forstaehilsen und beweglichen Wirtschaftsassistenten von dem Tische der vier schönen Mädchen verdrängt. Und als die Stadtkapelle mit einem kräftigen Tusch die Gäste in den Saal hinauf rief, saß er plötzlich verlassen und einsam da. Nur Karl Zdurotschin leistete ihm Gesellschaft. „Schnlmeisterlein!" brüllte er und bestellte eine frische Flasche. „Komm ran, Schulmeisterlein, und trink!" Moritz Gaffel hatte mehr Hunger als Durst, dock er dachte an seine fünfunddreißig Pfennige und faßte sicy in Geduld. Sein Gesicht war ziemlich trübselig. „So sind die Weiber!" tröstete ihn Karl Zdurotschin, dein der Wein nichts anhaben konnte. „Erst tun fte freundlich und dann laufen sie mit einem andern fort. Der Teufel soll sie holen alle miteinander! Prost!" Moritz Gassel aber schob das Glas fort. Da stieß jemand die Tür auf und der Oberförster Kochalke streckte den Kops herein. „Karleinann, komm!" rief er und winkte. „Ohne dich geht's nicht los. Ich Hab dir den besten Platz reserviert. Mitten unter den schönsten Mädels!" „Raus, du Komitee!" brüllte Karl Zdürotschin und drohte mit seiner ungefügen Faust. „Mich verkuppelst du nicht!" D^r Oberförster verschwarck, die Tür blieb offen. „Trink, Schulmeisterlein!" mahnte Karl Zdurotschin. „Es wird mir zuviel!" stöhnte Moritz Gassel vor Hunger. „Das gibt's nicht! Mitgegangen, mitgehangen!" Und Moritz Gassel schluckte den Wein, der ihm wie Galle schmeckte Da schwebte durch die offne Tür eine Wolke feinster KücL-engerüche. Karl Zdurotschin schnupperte und erlvischte den Pikkolo, der arade vorbeistog, am Jackenzipfel. „Was gibt's va oben?" schrie er ihn an. Ter Jüngling stotterts xtne Reihe ftemder Wörter herunter. „Wieviel Gänge?" „Fünf." m .^nat sür's Abendbrot. Her damit! Und z-wei Pullen Sekt kaltsdellen, aber französischen!" „Zwei Portionen?" fragte der Pikkolo. „Ich danke," sprach Moritz Gaffel bescheiden, obwohl ch:n der Magen fürchterlich knurrte. „Ich habe schon gegessen." Kärl Zdurotschin tat schon den Mund auf, umlüese Notlüge öffentlich zu brandmarken, da rollte draußen der letzte Wagen vor^ Daniel Zpuppack siel mit einem Sprunge vom Bock mD riß den Schlag auf. Hedwig stieg zuerst aus. Schnell eilte sie dre Sülsen hinauf und schaute in die Gaststube cmwcr mönkljfatte sich oben geöffnet, und an ihrem weißen Halse funkelte der Brillant. Karl Iourotschin tat vor Verwunderung den Mund wieder ffu. Der Pikkolo wartete. ,H?rr ries Hedwig verwundert und trat in die Tüv. „Sie sitzen hier? Moritz Gaffel spraua auf. Er schämte sich wegen der vielen leeren Flaschen, die ans dem Tische standen, und kannte poch kern Wort der Entschuldigung hervorbringen. JrS Zdurotschin starrte Hedwig unverwandt an und ver- e seine Verwunderung herunterz-rschlucken. Da erschien [laß Hauschild neben Hedwig, bot ihr den Arm und die Tür. „Donnerwetter!" rief Karl Zdurotschin und schlug aus den Tisch, daß zwei Flaschen Kopfsprung machten. „Das ist ein Mädel!" Moritz Gassel stand zwischen Tisch und Tür wie ein betrübter Lohgerber. „Wie heißt sie?" fragte Karl Zdurotschin eifrig und erhob sich mit einem Ruck. „Hedwig Knorreck," erwiderte Moritz Gaffel. „Die Tochter vom Britzkawer Gutsinspektor." „Donnenvetter! Donnerwetter!" schrie Karl Zdurotschin und zog sich die Weste stramm. „Hat die sich aber rausgemacht. Neben der muß ich sitzen. Jetzt gehn wir nach oben. Schulmeisterlein, komm mit!" Damit faßte er Moritz Gaffel unter dem Arm und wollte ihn hinaufschleppen. Doch diesmal stieß er auf heftigen Widerstand. „Schulmeisterlein, komm mit!" schrie der Riese. „Du mußt mich mit ihr bekanntmachen. Wir essen oben." Der Pikkolo verschwand. „Ich kann mir das nicht leisten," beteuerte Moritz Gassel lebhaft und hielt sich am Türpfosten fest. „Ich habe grade iwch —" „Aber ich kann mir's leisten, Bruderleben!" schrie Karl Zdurotschin mit Gefühl und Selbstbewußtsein, umarmte ihn und drückte ihn an sich, daß ein paar Rippen knackten. „Ich kann mir alles leisten. Wofür bin ick Karl Zdurotschin." Damit hinkte er die Treppe hinauf und schleppte seinen kraftlosen Gast hinter sich her. Mit lautem Halloh wurden sie empfangen. Karl Zdurotschin steuerte sofort auf die dritte Tafel zu, wo Hedwig saß, fand aber keinen Platz in ihrer Nähe. Der Oberförster kam sofort und wollte die beiden Junggesellen mitten unter das grüne Gemüse lotsen, das, herrenlos und ausgelassen, sich am Ende der ersten Tafel angesammelt hatte. Doch Karl Zdurotschin stieß ihn groo beiseue und nahm mit Moritz Gassel, den er die ganze Zeit nicht von der Hand gelassen hatte, an der mittelsten Tafel Platz, von wo er unauffällig zu Hedwig, die zwischen Thomas Hauschild und dem Vater saß, hinübersehen konnte. Dann kam der zweite Gang und Moritz Gaffel konnte sich den Teller füllen. Es war auch höchste Zeit gewesen. Karl Zdurotschin aber vergaß Essen und Trinken und starrte Hedwig au. (Fortsetzung folgt.) „Mer. rosenfarwer Mund . . Eine Pfingstgeschichte von Hedwig Stephan. Frau Junk drehte nach alter, lieber Gewohnheit den soeben erhaltenen Brief ein paarmal überlegend hin und her, studierte dre Handschrift und suchte den Poststenrpel zu entziffern. „Von wem er wohl sein mag, Annemie?^ Annemarie hob den blonden Kops und lächelte. „Ja, Mutter — am Ende machst du ihn aus? Dann weißt du's gleich!" „Na ja, gewiß — ich meinte doch auch nur-" , Die Mutter ritzte behutsam mit der Strickiradel das Kuvert aut, begann §11 lesen, und ihr Gesicht mit den vielen kleinen Sorgenfältchen wurde rot vor Freude. „Ach nein, Annemie — denk bloß mal — Luise Brettschneider schreibt mir! Du weißt doch, die Brettschneiders, die das Gut haben m der Neumark — du hast sie ja vorigen Weihnachten auch kennen gelernt — sie ladet uns beide ein über die Psingst- ferren-und der Sohn, der Landrichter, wird auch da sein — — das ist doch zu reizend von ihr.' Nicht lvahr, Kind, wir nehinen doch an — natürlich?" Annemarie begegnete dem fast ängstlich auf sie gerichteten Blick der Mutter, und um ihren feingeschnittenen Mund legte sich ein herber Zug. ich denke-aber nur, lvenn du mir ver- iprichst, daß du dir auf diesen Landrichter nicht die mindesten Hoffnungen machst, und daß du mich nicht so herausstreichst wie eine abgelagerte Ware, die man gern lostverden möchte!" Die Miitter sah gekränkt aus. „Herausstreichen! Als ob ich das täte! Aber tvenn ich von dir spreche, dann kann es doch nichts Schlechtes sein-und es Nt. mich ganz bestimmt wahr, daß der Mann sich sieuen kann, der dich mal bekommt-und ich kanns und kanns nicht verstehen, daß noch keiner-" .'Muttchen, ich bitte dich — laß doch dies leidige Thema! ^volch eine Perle, wie du denkst, bin ich »virklich gar niKl" Anne^ marre hatte sich erhoben. und strich der Miitter zärtlich über deii grauen Scheitel. „Und jetzt will ich anfcnigcn, ettvas einzupacken du nnffft doch gennß morgen in aller Frühe schon absahren Sie ging in Kr kleines Schlafzimmer und holte den Hand-, Baffer Himer dem Schrank hervor. Fing auch an, «sn paar Mäschx- stücke hineinzulegen, aber ganz fnechanifch, Npt abwesenden Augen, O ja, sie erinnerte sich ganz gus des Landrichters Brecht schneider. Ein korrekter, gesetzter Herr mit gelichtetem Haupthaar und einem leichten Ansatz zur Korpulenz-er war von beflissener Liebensfvürdigkeit gewesen damals, und dik hellen Augen! hinter dem aoldgeründerten Kneifer hatten sie so beharrlich überallhin b^leitet. Ob diese Einladung nicht auf sein Betreiben erfolgt war? .Ein leiser Schauer übenies sie. Denn die Mütter da einen Betverber ahnte — ihr erster und letzter Gtt-anke war ja eine Heirat — nein, nein, damit konnte sie sich ein sorgenfreies Leben nicht erkaufen?-damit nicht- Und als wollte sie vor etwas Schrecklichem entfliehen, lief sie in die Fensternische, wo ihre Laute hing, und drückte das schwere, grüne Atlasband mit der silbergestickien Aufschrift gegen ihre heiße Wange. „Komm, o komm, QVefeWe min-" Sie träumite sich zurück. In -die großen Schulferien, da sie ihn kennen gelernt. Mit zwei alteren Kolleginnen hatte ste einen Ausflug in den Svreewall» gemacht, in bescheidenen Grenzen, auf wenige Tage, wie der schmale Geldbeutel es vorschrieb. In einem einfachen Gasthaus wurde Übernachtet, und sie hatte es in dem heißen, niedrigen Schlafkämmerchen nicht mlsgehaltM und war noch spät abends hinausgeschlichen, mit ihrer Laute, die sie als uneni- Vehrluhes Gepäck mit sich führte nach Wandervogelart. So wonnevoll kühl war es da an dem schmalen, sck-wgrzen Wasser — so märchenstill-eine seltsame, sehnsüchtige Smn- PMn^ ygt Über sie gekommen — leise ygtte sie die Saiten bv- j.KomM, o komm, Geselle min, Ich enbite Harde bin! Konffn, o komm, Geselle min!" Da plötzlich in den BiüschÄt ein Knacken, mtd eine klingende Männerstimme setzte ein: „Süßer, rosenfarwer Mund, Komm und mache mich gesund! Komm — Bamm — uno mache mich gesund!" So waren sie sich zum erstenmal begegnet uttd hatten sich in Wrem Herzen gefunden. Das grüne Lauteichand, seine zarte Gabe, war ihr, einige Tage später zügeflattert. Und sie lebte in schönen ww selrgen Zuknnftsträumey. Aber mitten hinein in alle diese McMchen Mädckenwünsche und Hoffnungen wiar dann der Krieg ytnerngefahren wie ein tödlicher Mitz. Sie wußte, baß er als Leub- Unt der Reserve sofort mit hin auskam. Eine Karte, noch in Berlin avgeftempelt, hielt sie nun als letzten Gruß in ihren Händen, ein kurzes Lebewohl, nichts weiter.- Sie neigte den Kopf tief und drückte das Bänd in ihrer Hand zusammen. — „Mer Annemie, schläfst du? Ich dachte, du wolltest packen? Und nimm nur gleich die Laute dbi — so etwas fnögen dte Mossen- ttner gewiß nicht!" * Ach ja, man konnte sich schon wohlfühlen in Mossentin — ut den behaglichen Räumen des Gutshauses mit den schweren alten Mahagonrmöbeln, in der heckenrosenbehangenen Veranda, unter den Tannen im Park ober zwischen den duftenden Blumenbeeten» vn „Putzgarten". Wenn nur der Landrichter es Annemarie nicht gar zu deutlich gezeigt hätte, daß er keinen sehnlicheren Wustsch hegte, als sie zur Herrin. rn diesem Paradiese zu machen! Die Mutter hatte es von der ersten Stunde an schon bemerkt, Zer sie sagte kein Wort. Es tat auch nicht not, denn ihr ganzes Wesen war eine einzige stummie Frage an die Tochter. Und wenn Mneniarie ihre dürftige Gestalt ansgh in dem abgetragenen schwarzen Kleid und die angstvoll stehendest Augen, dann war es ihr, als ob sich ein Schleier über all die blühende Pfingftherrlichkeit lege, und Ne wäre am liebsten hinauf in ihr Zimmer geflüchtet und hätte da den Tag verträumt. Das ging indessen nicht an, denn Frau Brettschneider »var .aaßerst regsame Dame und liebte es gar nicht, wenn andere müßig gingen. Sie hatte Annemarie auch ein derbes graues Strick- RM? ™ d-ie Hand igodrückt und die Laute mit unverkennbarer Mißbilligung gemustert. n’ Herzenskind — solchen Firlefanz find' ich ganz überfluffm! Lernen Sie lieber, wie man richtig Pökelfleisch ein- das E für eme zukünftige Haussran viel lvichtiger!" Und der LandrickNer nickte seiner Mutter voll Eifer zu, beistimmend nnd bewundernd. Da hatte Annemarie ihre Laute stillschweigend wieder ins Futteral gesteckt. Sie wußte nicht, wie Unverhofft sie doch noch zlu Ehren kommen sollte. Am Psingstsonnabend kehrte Frau Brettschueider aus der Stadt riurück, wo sie beim „Roten Kreuz" ein Schock Eier mrd eine Mandel grauer Sttstmpfe abgegeben hatte. Sie berichtete — beglückt und ein klein wenig verlegen zugleich — sie sei voii der „Frau Baronin" in ein längeres Gespräch verwickelt worden, habe dabei ihr^ Berliner Befnä-os Erwähnung getan \oü> and) der jHUte, Und da Hütte die Dame recht dringend und herzlich gebeten, machte hzK Kren Kcxlvundet^ tzst Rgervelazarett »s Pfingstfest verschönen und ihnen yin paar Lieder Vorsingen, lrlich habe sie nur bedingt zugesagt — wollte erst fragen Annemarie errötet« vor Freude. Sie war ja so glücklich» ihre Laute spielen zu dürfen. * Das ReservelazarHt war im sogenannten „Schlößchm" unter- aebracht, einem zierlichen Barockban, der zu den fürstlichen Besitzungen gehörte, eine kleine Wegstunde von Mossenttn entfernt. Der Landrichter bot seme Begleitung an, aber der bedeutsame Blick, den er dabei seiner Mutter zuwarf, slötzre Annemarie eine Unbeschreibliche Angst ein. Wenn er fragte — wenn sie ihn abweisen mußt« — — wie bedrückend, wie peinlich geradö jetzt, wo sie die Gäste des Dauses waren! Ein weiteres Hierbleibtn wurde ja daüst unmöglich — wie unglücklich wurde die Mutter sein-- — Vor Erregung schlief sie nur wenig in dieser Nacht, mid die strahlende Pfmgstsonne, die frühmorgens ins ZtmMer sah, bescksttzp ein blasses Mensck-enkind mit überwachten Augen, die gat ist zu all der Pracht passen wollten, die draußen der Frühling das &inb aUsatstteut batte. Mer ö^rdbe, als Annemarie mit zitternden Händen die Laute aus dml Schrank nahm, klgng vor bet Lür die Hupe eüve£ Automobils. Tie Barönin schickte ihren Mrgen, um die Säpgerin ^bzuholen, Und mjeMich erleichtert atmete Annemarie gut. So war die Entscheidung doch sür's erste noch hincülsgeschobin! Ein wenia schlvantte ihre Slimmx wohl, wie sie in dem kleinen Saal stand mit der goldgemalten Decke, gu oessm gobelingttchmück- ten Wänden tue Feldbetten ausgestellt wärest, und ans denen so diele Augen sie erwartungsvoll anschauten. Aber schon stach dem ersten Lied legte sich ihre»Besartgenheit — die Zuhörer wüten ja auch so dankbar und so beifallsfreudig! Sie sang vom „Ä’aiMttt und Lsutenant", vom „schwarzbraunen Mädchen und dem Md- Offizier", vom „Fähnrich, der zunk Kriege zog", und schließlÄ, fast Unbewußt, griffen ihre Finger die Morde zu: „Komm, o komm, Geselle min!" Wie ein sehnsüchtiger Hauch schwebte die süße, reine Stimme durch den Raum, und als das letzte „Komm!" verklunattr war, öffnete sich behüt fam die Tür zum Nedenzilpmer. Eine Dflegerist schritt auf Annemarie zu und beugte sich, erst wenig Verlegmheit in dem gutmütigen Gesicht, zu ihr herunter. „Berzeihung, Fräulein — ich sollte fragen — der Herr Oberleutnant roollte so gern wissen, ob an Jhrsr Laute em grünels» Band wäre mit Silber gestickt-a Weinen. E Dn — ach du! Wie Hab ich mich gesehnt! Und gar nichts von dir hören lassen die ganjö lange Zeit- atmete tief auf. „Das wollte ich nicht. Annenrie. Wollte dich nicht an mein ungewisses Hckicksal binden. Es weiß doch keiner, ob er Wiederkehrt! Aoer jetzt, als ich dein Lied hörte — unser Litt» — da hatte ich die Kran nicht mehr — mein Verlangen nach dir war zu groß — — ünd" — er sah traurig an seinem lmkeir Arnt herunter — ,,ich glaube, den da haben nckr die Herren Franzosest gründlich ruiniert — mit dem Felddienst wichH wohl »d studiert, arbeitet, diktiert Denkschriften, schreibt an Bischöfe, an Diplon»ateu, an Herrscher in ausgezeichnetem Italienisch, Französisch und Latein. Seine Tafel ist sparsam und bescheiden, und er nimmt seine Mahlzeiten allein ein; vom ersten Tage ab gab er die Gewohnheit, mit seinem Irenen Monsignore Migone z», speisen, auf. Von dem Augenblick ab, in de»n die Frage an ihn gerichtet wurde. bis zu dein Augenblick, in dem er sein stolze- .Accepto* anttvortete, schien eine Ewigkeit vergangen : der einsame und etwas reizbare ttgurtsche Marchese, der asketische Erzbischof von Bologna ist der unnahbare Herrscher der Geister geworden und entzieht seine schlichte menschliche Gestalt jedem Blicke * * Fort mit dem jungen Mann hintern» Ladentisch. Die Freiivilltgkeit der Rekrutierung vot» Lord Kttchene»- Heer nimmt allmählich merkwürdige Formen an. In vielen Fällen wird der Zwang, und nicht einmal ein sehr sanster, immer fühlbarer. Besonders ist die Londoner Presse unermüdlich in der Aufspürung neuer Stellen, an die die jungen Männer — nicht hin- gehören. Am meiste,» haben sie es aus de,» jungen Mann hinterm Ladentisch abgesehen. „ES ist keine Ausgabe für einen jungen Mann in Kriegszeiten, Bänder a»»S de»» Fachern in einem Lade»» zu reichen/ erklärt dte »Daily Mail* kategorisch und weist sogar aus die Deutschen als Vorbild hin, bei dene»» daS nicht »»»ögltch wäre. Die „Times' aber schickt eine Mitarbeiterin durch die Ge- schästsgegeuden, besonders im Westen der Stadt, »»nd läßt gena»» nachrechnen, »vievtei junge Männer noch in de»» verschiedenen Geschäftszweigen sich hinter dem Ladentisch betätigen. Die Ergebnisse sind sehr verschieden. I»n' ganze»» stellt die Dan,e fest, daß daß eine sehr große Zahl alter Männer a>» die Arbeitsstätte»» zurückgerusen ist »»nd daß eine verhältnismäßig fletne Zahl von Frauen an Stellen gekommen ist, tvo »na» sie früher vergeblich gesucht hätte, besonders in Juwelen- und Seidengeschästen. ES ivird gewissenhaft gebucht, daß bei einem großen Juwelier in Bond-Street nur drei Männer in dieuftfälügen» Alter »oaren, die aber nicht sehr kräftig auSsahen. Schlimm aber steht eS in einer Anzahl Geschäften, dte mit Teppichen, rnit Kuchenutenstlien, Klaviere»», Wasche »tsw. handeln; denn in ihnen sah die Datne säst nur junge Mänt»er, di» Kitchener unbedingt gebraucht hätte J>» einen» Laden, in den» ein junger Mann Schirme verkaufte, bot er einer Käuferin ein Exemplar mit den Worten an: „Dieses Muster hetgt »La Mililaire*, gnädige Fraul* Die Dame ,sandte sich verachtungsvoll ab, „Warum versuchen Sie den militärische»» Stil nicht selbst?" fragte sie und ließ den jungen Manu stehen. Hervorgehoben wird auch, daß die jungen Damen, die in den Geschäften tätig sind, sehr gute Rekruiierungsarbeit geleistet haben, indem sie nämlich ihre männlichen Kollege»» nicht schonten. DaS kann man ganz g»,t verstehen. . . vüchertlsch. — KriegSluftschifse und KrjegSflugzeuge. Der Verlag des Taschenbuches der Luftflotten hat soeben etn Werk herausgegeben, daS vorzüglich geeignet ist, an Hand von gute,» Abbildungen auftlärend über die Luftwaffe zu wirken. (KriegS- luftschtffe und KriegSflugzeuge der verschiedenen Staaten. 66 Bilder zur Feststellung von Luftschiffen und Flugzeugen. I. F. Lehmann- Verlag Mütichen. Preis Mk. 1.20.) Das Werk enthält alle Luftschiff- und Flugzeugtypeu der kriegführenden Staaten, so»vie auch der neutralen. Bei den L»»slschiffen sind auch Angaben gemacht über Nauinmhalt, Geschwindigkeit, Längedurchmejser imb Motoreu- kräste; beigegeben sind auch für das Erkenuen höchst zweckmäßige Schattenrisse. "19 14. E i»» T a g e b u ch. DaS ne»»este Heft von Professor Eduard Engels i,n Erscheinen begriffenem, schnell allgemein bekannt gewordenem kriegsgeschichtlichen» Werk „1914. Ei« Tagebuch" (George Westermann, Braunschweig, Berlin, Hamburg) enthält folgende bemerkenswerte Ausführung : Ich lese in eine»»» Vortrag deS Wiener Professors L. M. Hartmann „Krieg in der Weltgeschichte über den Lohn des Krieges: „Dieser Lohn kann aber nicht in Eroberungen bestehen und in der Vrrknechtung anderer Völker. Unser Ziel ist ein weit höheres. Wir erwarten nach den vielen Antithesen dia-Synthese, nach de», Peripetien der Kriege die Katharsis.' — Daß »ch das Heit in den Papierkorb für die Katharsis »verfe, ist dar wenigste: leider ist mir durch diesen Basel dle gute Laune für den Rest de- Tages verdorben. Ach ja, die deutsche Katharsis —! _ Kann das Spiel verloren gehen, »venn noch Earreau-Äß und -König, also 15 Augen, im Skat liegen? Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des LogogriphS in voriger Nummert Laub, taub. Schriftleitung: Aug. Dort». - Rotationsdruck imb Verlag der Brühl'fchen NniversitätS-Buck- «nd Eteindkuckerei. R. Lange. Gießen