Lurück zur Scholle. Roman von Ewald Gerhard Seeliger. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Fritz von Winkelberg hatte sich's unterdessen in der warmen Sosaecke gemütlich gemacht und schaute mit stiller Freude auf Hedwig, die sich endlich vor den Spiegel gewagt hatte. „Das mußt du zum Ball umhängen!" riet die glückliche Mutter „Ball?" fragte erstaunt der Baron. „Hier in Britz- kawe?" „Oh, nein!" lachte Hebung t-ell auf und holte vom Spiegeltisch eine kleine goldigeränderte Karte. „In Zdu- rotschin. Wir haben heut morgen die Einladung bekommen." „Einladung für bett Fastnachtsball in ^durotschin," las Fritz von Winlelberg ihalblaut vor sich hin. „Hotel zur Sonne. Sonnabend, den dreizehnten Febritar. Tafel, Tanz. Das Komitee." „Das ist der Oberförster Kochalke," erklärte Frau Knorreck. „Der arrangiert das ganz allem." „Da ist's wohl immer sehr gemütlich?" fragte der Baron. „Sehr!" sprach Frau Knorr eck mit SLachdruck. „Hedwig freut sich schon seit Weihnachten darauf." „Aber Mama!" verteidigte die sich heftig. „Das interessiert doch den Herrn Baron nicht." „Vielleicht doch!" warf Fritz von Winkelberg ein und wandte sich wieder an die mitteilsamere Mutter. „Wer kommt alles dahin?" „Förster und Wirtschajtsbeamte und Lehrer und bessere Landwirte." „So?" ries der Baron gedehnt. „Also auch bessere Landwirte? Weshalb habe ich keine Einladung erhalten?" Hedwig machte ein? scharfe Wendung und schaute chn überrascht an. „Mer, Herr Baron!" rief Frau Knorreck einigermaßen erschreckt und faltete die Hände. „Das ist doch nicht gut möglich!" „Weshalb nicht?" fragte er eigensinnig. „Meinen 2ie, daß ich nicht zuweilen das Bedürfnis Habe, mich unter fröhlichen Menscheil zu bewegen? Können Sie mir einen einzigen Grund sagen, wedhalb ich an diesem Feste nicht teilnehmen sollte?" Frau Knorreck schwieg: im stillen gab sie ihm recht. „Vater wird es nicht lvollen!" erwiderte Hedwig bestimmt. „Ich werde mit ihn: sprechen?" ries Fritz von Winkelberg, stand aus und verließ mit leichten! Grus; das Zimmer. „Das ist unmöglich!" stieß .Hedwig unwillig heraus. „Soll er vielleicht mit dem Kochalke Brüderschaft trinken? Das bleibt doch keinem erspart." „Mer, wenn er durchaus will, Hedwig!" sprach die Mutter ergeben. „Dann bleib ich hier!" rief Hedwig entschlossen. Und die gute Mutter schlug wieder einmal entsetzt die Hände zusammen. Fritz von Winkelberg suchte seinen Inspektor, konnte ihn aber nicht finden, denn er war ins Dorf gegangen. Thomas Hauschild, der noch immer bewundernd vor den Wallachen stand, erbot sich, ihn zu holen. Doch er fand ihn nicht sobald, denn er suchte Um nur bei Franz Wiegelt. Wo anders zu suchen, hielt der Gehilfe für zwecklos. Auch mußte er schnell noch ein paar Partien Sechsundsechzig spielen. Inzwischen saß der Baron an seinem Schreibtische und hatte einen leeren Briefbogen vor sich liegen. Doch die Gedanken flatterten ihm immer wieder davon. Während er vor sich hrnsann, vertieften sich die kleinen, scharfen Fältchen an seinen Augenwinkeln. Müde sank ihm die Stirn in die Hand. Er legte die Feder hin und schloß die Augen. Und allmählich kam über ihn eine stille, sanfte, wehmütige Ruhe. Das rastlose Hetzen und Treiben der letzten Wochen versank vor seinem Blick, die dunklen Erinnerungen an seine Jugendzeit verblaßten, und er sah und genoß nur noch das reine, ungetrübte Menschenglück, das ihm drüben über dem Wasser blühte, und das er bald, bald herttberholen wollte, um es fest in seine Heimaz zu pflanzen. Heimat! Jetzt endlich hat dieses Wort für ihn einen tröstenden Klang. Und nun konnte er schreiben. Hastig, mit kräftigem Scbwung und scharfen, steilen Wendungen eilte die Feder über das Papier. Doch er wurde gestört. Ehe die erste Seite gefüllt war, trat August Knorreck herein. „Der Herr Baron wünschen mich zu sprechen?" „Richtig!" fuhr Fritz von Winkelberg aus und sah sich lötzlich in die Wirklichkeit zurückversetzt. „Ich hätte wohl ust, den Fastnachtsbalt in Zdurotschin mitzumachen. Sie finden das natürlich sehr unpassend, ich weiß es. Trotzdem werde ich mich nicht abhalten lassen? Können Sie mir eine Einladung verschaffen?" Der Inspektor rührte sich nicht vom Flecke und tat den Mund nicht auf. „Nun, wie denken Sie darüber?" „Wenn der Herr Baron das Bedürfnis nach Gesellschaft haben, so könnten der Herr Baron bei den benachbarten Herrschaften Besuche machen." „Und das muten Sie mir zu, Knorreck? Diese benack)- barten Herrschaften haben vor dreizehn Jahren keine Gelegenheit versäumt, mich bei meinem Vater auzusckpvärzen und Steine aus mich zu werfen. Aus dem Kreise dieser benachbarter Herrschaften stammt jenes Weib, meine vielgeliebte Stiefmutter! Vielleicht habe ich das Glück, frc bei einem dieser Besuche zu treffen. Was raten Sie mir für diesen Fall? Soll ich sie ignorieren, oder soll ich ihr demütig die .Hand küssen/" * 306 August Knorreck hpb hilflos die Schultern. „Wollen Sie mir die Einladung besorgend „Wenn der Herr Baron befehleu?" würgte der Inspektor heraus. „Schön, mein lieber Knorreck. Jetzt fangen Sie endlich an, klein beizugeben. Me diese sogenannten Standesunterschiede sind für den wahrhaft freien Menschen lächerlich. Nicht die Geburt mach-t's, sondern das Können! Ich zum Beispiel bin gegen Sie in der lieben Landwirtschaft ein Schuljunge. Also lassen Sie Ihre Vorurteile und geben .Sie nie inen Wunsch an das Komitee." „Der Herr Baron bestehen darauf?" fragte August Knorreck, ohne vom Platze zu weichen. „Was soll das?" sprach Fritz von Winkelberg verwundert. „Wir sind doch einigt „Wenn der Herr Baron daraus bestehen," erwiderte der Inspektor und atmete schwer, „dann darf ich an diesem Feste nicht teilnehmen!" Der Baron fuhr aus dem Stuhle empor, aber sein Widerstand war schon gebrochen. „Sie sind ein Tyrann, Knorreck!" sprach er leise, indem er sich wieder in den Stuhl fallen ließ. „Sie tyranni? sieren nicht nur glich, sondern auch Ihre Familie. Ich werde an diesem Feste nicht teilnehmen/ Dem Inspektor entfuhr ein Seufzer der Erleichterung, als er die Treppe hinabstieg. Fritz von Winkelberg wandte sich wieder seinem Briefe zu, doch die Lust, ihn zu Ende zu bringen, war ihm vergangen. Er schloß ihn weg und suchte zeitiger als sonst sein Lager auf. Acht Tage später trat Tauwetter ein. und August Kuor- ^kck ließ das Vieh von Zdurotschiu holen. Eine zahlreiche Herde Kühe und Ochsen wurde im langsamen Schritt durch den Wald getrieben. Daniel Zpuppack ging voran und knallte mit der Peitsche. Das gefiel ihm schon besser, als geben dem Düngerfuder herzulaufen. Am Abend stand die Herde im sichern Stall. Ein paar Tage später kamen die Sch^vse an. Der Schwei ne tra nsp ckN, der am letzten Samstag des Januars eintras, wurde von dem alten Abraham persönlich geleitet. Endlich fanden sich auch die Hühner, Panse, Enten und Tauben ein. Frau Knorreck und Hehwiä hatten alle Hände voll zu tun, und der Baron fand in dieser ganzen Zeit nicht die nötige Sammlung, den an- .esangenen Brief zu vollenden. Fr mußte sich damit be- lnugen. wre er schon vorher getan hatte, dem Briefträger >tn und wieder ein kurzes Telegramm, das nichts anderes - unverständliche englische Wörter enthielt, für as Postamt m Luschelau mitzugeben. Am Montag vor dem dreizehnten Februar, der auf enlen Samstag fiel, war das ganze große Gut Britzkawe Wteder im vollen Betrieb, dank der Rührigkeit des alten Abrahams. Auf dem Tauhenschlage gurrten die Tauben, ein großer Hofhund lag hinter dem Lore in seiner Hütte Und knurrte jchen an, deii er nicht kannte. Die Kühe brüllten, die Schafe blökten, die Schweine grunzten, und auf dem wachsenden Dungerberg scharrte unermüdlich das Ldhnervolk. Nur das Herrenhaus lag da wie tot. Bis auf drei, Fenster, dle nach dem Ho's gingen und hinter d'e beiden Zimmer des Barons lagen, waren alle Laden fest verschlossen. Sogar von Ratten und Mäusen war Peter, der schwarz Kater, der d^' Menschen wieder enigefundei, hatte, mußte sein« Jagdlich im Parke an Spatzen und Meisen befriedigen. s^in der alte Abraham zum ersten- ba l er sich gekauft batte, vor das Jnspektorhaus geklappert. Die alten Aufträge waren er- Ä .wollte er die Karpfenteiche haben August Knorrig steckte ein murrnches Gesicht auf und schien schlecht zu büren. Aber der alle Abraham konnte um so besser «den „Wir haben Tauwetter, Herr Knorreck!" rief er laut ük«h7upf'mch7mehr"^' E' dann nehm ich sie si» ,nm « ^"orreL, ich dank auch schön!" bettelte er SV fi’ xf t€ f mcrben nicht mit einem andern ansangen, & ^ut bedient habe. Schicken Sie mir doch die W\ld) nach Sulttsch und auch die Butter. Ich geb Ihnen krieaen Pfennig mehr, als Sie in Zdurotschin brauchen sie nur nach Luschelau zum ersten Luge zu liefern. Und wenn Sie muh irgendwo empfehlen können, daun tun Sie's, ich bitte Sie darum. Jck> mach jetzt die größten Sachen." knurrte ihn August Knorreck an, der plötz- jich an das goldene Halskettlein denken mußte, wandte sich ÜMg ins Haus. Der alte Abrahain aber zog höflich die Mütze und klapperte mit seinein Wägelchen eiligst das Dorf hinunter, um gleich morgen früh den beiden Teichen auf den Leib zu rücken. Sonst froren sie am Ende üneder zu. Hedwig saß am Fenster uno nähte, als der Vater rn die Stube trat. Er steckte die Pfeife an und schob sich in de So flecke. Schweigend paffte er dicke Schwaden vor sich hm. Bei ledeni Zuge gab er einen tiefen Brummlaut von sich, den er nur hören ließ, wenn er mit sich zufrieden war. Dann wollte er gefragt werden. Hsdwig ließ die Nadel ruhen, hyb den Kopf und sah ihn an. . ^3^!" meinte er, und zog stärker an der Pfeife, daß der dicke J^nafm wie weiße Haufenjvotken feisten Kops umwogte. „So pett wäveü wir nun'" „Was sehtt denn poch?" frag „Barteststein und LevisohU m' „Ist denn, das so schwer?" „Das wut ich cheinen?" kngly Geld, ist heutzutage teuer, und *&«*■ Da stieß sie einen Seufzer aü über ihre Arbeit. VIII. ex W nzufrjeden, „Das eil sind nicht da." engte sich eifriger ^oritzEGassel, der noch immer nur Lehrersteltvertreter war, sd)loßwnl^Samstag, den dreizehnten Februar, mittags ein Uhr den Schul sch rank, seufzte erleichtert auf lind entließ die Kinder. Unter frohem Lärm verloren sie sich das Torf hinauf und hinunter. Moritz Gaffel gab grundsätzlich keine häuslichen Arbeiten auf. Dänn stellte er sich vor den Spirituskocher und bereitete sich recht und schlecht ein Mittagessen. Darin besaß er schon einige Uebung. Denn bei emeni monatlichen Gehalt von fünfzig Mark konnte er sich nur an Sonntagen den Luxus gestatten, bei Franz Wiegelt im Gasthaus zu speisen. Während er jyi der saftigen 'Schweinsrippe herunr- nagte, die von einem bäuerlichen Schlachtfest den Weg ins Schulhaus gefunden hatte, überlegte er langsam, ob er den Fastnachtsball in Zdurotschin mitmachen sollte. Das unt allerhand Ausgaben verknüpft. Um das Festessen mU Weinzwang konnte man sich schließlich herumdrücken, doch den Truikgeldteslern, die späterhin herum gereicht wurden, war weniger leicht zu entfliehen. ~ VH P Q f ^schirr ab Und zog sein Portemonnaie. Seclnig Psennrg laa^n drin. Und dabei war der Monat erst mr Halste herum. Es gehörte sehr viel Mut dazu, mit sechzig Pfennigen rn der Tasche auf einen Fastnachtshalt zu gehen' Zwar lagen rm Schrank nock) siebenhundert Mark in guten kterchsbgnknoten. Doch dieses Geld hatte er für die Verbesserung des Schulgartens bestimmt. Zeder Pfenniq war genau verrechnet. Aber der Bgll lockte stark. Der Gedanke, mit Hedwig Knorreck einen Walzer tanken zu dürfen, schwächte ^.^fahren, die seinem Geldbeutel lauerten, bedeutend ab das Merkwürdigste dabei war, daß Moritz Gaffel überhaupt nicht Watzer tanzen konnte. Darin lebte er in einer ^ronimen Täuschung. Er holte sein kohlrabenschwarzes Pril, nngsröcklein aus dem Schrank und besichtigte es genau-. Doch er wagte nrcht, es anzuziehe». Das Gefühl de? Ber- an Wartung war zu groß. Und so suchte er nach Hilfe. Er schloß die Haustnr und ging zun, katholischen >ohcgen hinüber nnt dem er gute Nachbarschaft hielt und von er toußte, > daß auch er erne Einladung erhalten hatte. Sebalduv Pohl legte den Rosenkranz weg, das lat er immer willkommen'^ ä " ' r,m I,crthltrcit ' und hieß Moritz Gasse! ,Sehen Sie mit nach Zdurotschin?" fragte er. Pohk, dessen salbunaz. volle Sprechweise zu seiner hageren Figur und seinen Ze- K'b'T"lie^7K°M..'E'u- Mk d°r Mttlnst ab- Moritz Gaffel gab einen Brnmmlaut von sich und sah us dem Tische eme Postkarte liegen, deren Schrift chin k^r^btckannt vorkam. Er machte einen langen Hals und las „Ist das nicht der Hupfer?" fragte er neugierig,. „Jawohl!" erwiderte Sebaldus Pohl und nahm die arr sich. „Das ist Herr Schiilrat Hupfer." Mas schreibt er Jhirett denn?" (Fortsetzung folgt.) * 807 wie Nlein-Iofine ihrem Soldaten dar Leben rettete. Skizze von Arthur Babillotte. Gegen Abend waren die deutschen Infanteristen in dem kleinen Geb irgSdör scheu eingerückt. Sie hatten staubige, vom Plllverdamps geschwärzte Gesichter und blickten aus müden, halb erloschmen .Augen. Tie Kinder sprangen ihnen entgegen und unlrtngten sie, da mir Hellen Stimmen fragend, dort schüchtern eine der barten, schwieligen Hände ergreifend. Aber die Alten ftonbett mit Unstern Gesichtern unter den Türen; es um- unwillkommener Besuch, fjn diesenr kleinen, von der Welt abgeschnittenen Dorfe im Bogesenpaß, hart an der französischen Grenze, wo die Leute etn Unbeholfenes, nüchternes Pators sprachen, — in dieser einsamen Ortschaft, die in Fr Lebenszeiten selten nur von ein paar französischen Schmugglern besucht worden war, von keinem sonst, lebten rauhe, kaltherzige Menschen, die mit herrisckien, fast drohenden Worten zu ihrem Herrgott beteten und vor ihresgleichen »v-enig Achtung hegten. Ihr Sinn hielt sich zu den Franzosen, von der- deutschen.Herrschaft wollten sie nichts ivisjen. Nun hatte der geroaltige Krieg seine Hände auch nach ihrem stillen, nüchternen Frieden ausgestreckt. Die Franzosen waren zu- rückgcschlagen worden, die Deutschen drangen ein. Da kamen sie, kräftige, verwetterte Gestalten mit wilden Bärten um die schrundigen Gesichter, in gleichen! Schritt und Tritt, trotz der ungeheuren Müdigkeit, die ihneu die Beine steif machte. Die Alten standen unter den Türen, mit finster zusammengezogenen Brauen, manck-er ballte die Fault im Hosensack und murmelte zwischen den schwarz gerauchten Zähnen einen lästerlichen Fluch. Was half's! Tie Deutschen kamen, nahmen Besitz von den Häusern und wollten verpflegt sein: iver sich lvidersetzte, mockite zusehen, daß es ihm zum Heile verschlug. So gaben sie, was die Franzosen bei ihrer überstürzten Flucht übrig gelassen hatten, gaben es mit widerstrebenden Händen und unfreundlichen Herzen. Und ein paar waren dabei, die trugen besonders finstere und mheilvolle Gesichter, Sie standen in einem Gassenwinkel zu- ammen tmd tuschelten. Der Fernand Beaugard war dabei, ein »aaerer Mann, der seine vierzig Jahre ans krummem Rücken chleppte. Hatte ein Paar Augen wie ein Geier und eine mächtige Messerscharfe Hakennase über einen! schlaff herabhängenden, lan gen Schnurrbart. „Tot müssen sie sein!" ziscktte der durch die Lücke in seiner obern Zahnreihe. „Ich sorg dafür! Und Ihr müßt's halten wie ich, wenn Ihr brave Burschen seid!" „He, Sckiosin!" schrie er ans die .breite Hauptstraße hinaus, auf der eben die Soldaten herbeimarschierten. „Sckwftn, laß daS minim Dings, geh heim, hast nix zu suchen bei den Prussiens!" DaS kleine Mädchen, das zutraulich einem der bärtigen Männer an der Hand hing, fuhr erschrocken zusammen; geduckt, wie unter einem Peitschenhieb, lief es aus der Schar der andern Kindern und hastete die Straße entlang zur ärmlichen Wohnung der Eltern. Die Mutter starrd am Steinherd, mitten im brenzlichen Qualm, der schwerfällig durch den oftenen Kamin nach oben zog. trerbjt dich draußen herum, unnützes Tingj" fuhr die häßliche Frau mit den großen Warzen auf Wangen und Nase und den tränenden Angen bas kleine Mädchen en Kartoffeln zu schalen. Aber seltsam: Nicht wie sonst war ihm das ängstlich schlagende Herzchen voll schwarzer Trübsal und Hoffnnngslosig- sondern von einem ganz sachte schrvingenden frohen Gefühl erntllt, daß an diesem Tage, so kurz er noch war, etivas ganz Schönes und Gutes geschehen müsse . . . Während sie sich eifrig über die Arbeit beugte, näherten sich draußen Schritte Joftne kannte sie schon, diese Sckwitte; so mar- schierte auch ihr" Soldat daher, der große, starke Mann mit dem wilden Gesicht, das doch so freundlich lächeln konnte. Sie batte ihn gleich m ihr kleines Herz geschlossen, als sie kaum seine harten Finger zwischen ihren Händchen spürte. . ^war eS auch schon, das Gute und Schöne, das sie W kindlicher Sicherheit geahnt hatte: Da trat er über die Schnelle, er selber, „ihr Soldat, meldete sich in kurzen Worten als Quartieraast an und ließ den schlveren Tornister von den Schultern gleiten Dann erst erkannte er das kleine Mädchen. „?th. schau, da ist sa das kleine Vögerl, wo mir so lieb Guten Tag gesagt hat beim Einzug!" ries er mit einein fröhlichen Läck>eln Un^r dem schwarzen Bart und T>ob sie mit seinen stämmigen Annen hom bis an die rauchgeschivärzte Decke. Die Alte stand mtt bös verkniffenen Lippen dabei und forderte dami brummend den Soldaten aus. ihr zu folgen. Sie führte ihn .^hnerleiter von Treppe unter das nwrsche Strohdach und wies ihin eme schmale Kammer an. ^ ! rLrL ac 5 tC • Cl '' "Ein Fürstenzünnier ist es gerade i3fr,!!» l .» 1 d - unralw da heroben," lachte der Sottmt. das» kleine Mädchen rm Kreise schwingend, „und finden da hübsche und saubere Dirndl n. Das inerd' ich aber fix meinem Weiberl erzählen, rvenn ich wieder heimkomm!^ „Und wie würd' sich die Elisabeth freuen, wenn sie so ein streichelnd b fÜ9te n ^ injU/ dem Kinde den braunen ^ Schwesterle haben," sagte das Kind, „dann wär' ich mmmer so allein." Zog erstaunt die Brauen in die Stirn. „Bist denn allein? Hast^doch deine Eltern, Kind?" >. ^bob dtt schmalen Schultern wie in einem plötzlichen ^ r0 J C ' £ rone J] fi eTcn u „ beT ?dre hagern Wangen. „Ich fürcht' mich >o vor ihnen, stammelte sie gequält. ^ ^^^ssen^r deutsck-eSoldat und das welsche Kind eine tapfere Freundschaft. Sie wich nicht von seiner Seite, schritt stoä lfjT V bn§ ^ von seinen Kameraden die Men speicheln und vergaß darüber ganz die harten Eltern. Als sie wieder nach Hause kamen, lchnte die Mutter am Tür* Pfosten und spähte nach ihr aus. „Was hast dichdraußen herunizutreiben, faules Tina?" keifte sie ^hr entgegen. „Marsch in die Küche und Holz gespalten!" * r- d^r," raunte der Soldat ihr zu. ÄAwcken ab. „Tu's net, lieber Soldat die Muttex tat mich schlagen, rvenn du »wieder fort bist." £ wa .-a .. J „ * * " V*' IUUUI l»U iuicutl |ü ll vili. kletterte er die stelle Hühnerleiter hinauf und sich m der engen Kammer aus die Matratze. Ueber-nüdet, wie er ivar, siel er bald in einen ttefen Schlaf. Drunten in der Küche begann Klein-Josme ihre Arbett. Der rote Steinboden zitterte unter deii kurzen Anschlägen, ihr Atem, «ging schielt n,id knickend. Ms sie sich einen Augenblick ausrnbend Mi den Hett, lehnte, horte sie nebenan in der Stube aufgeregtes Geflüster, vpic unterschied die Stimme des Vaters, die ivar lauter und herrischer als die andern. ..V sie hörte Worte, die ihr wie Dolchstöße in das unschul- tu' er5 u^ l ^ r ? 1 'w^ 0 c Tt ?' entsetzlich für ihr reines, per- Schr^chm daß ihr fast die Sinne schwanden in eisigem alle sck-lafen im Dorf, diese deutschen Kanaitteii," ^ Fernand Beaugard mit einer heiseren Flüstersümme. „so fchlnckü sich ftn ie^r m die Kammer, wo einer liegt — unsere schnell i^?" ^ ^Enug, um ihnen die Gurgeln durchzu- svi^te seinen Worten. Dann ivurde es still. Schleicheiche Schritte näherten sich der Tür — ehe Klein- ZW« slch.auftaffen sich fassen konnte, wurde die Tür zurück gestoßen. mit funkelndeii Augen stand der Vater auf der Schwelle 9 'cS.ft net weiter dein Holz? Hast wohl gelustert*) he? Hast Freundschaft tmnacht mit dem Prussien, he?" Wutr "6 stimme wurde krächzend in einer wild auftchießenden u "De- willst chm verraten, was wtt Vorhaben, he ? Aber wart' ich werd dir den Mund schon stopfen!" Mit dcrbgriffigen Fingern vackte er sie um die Handgelenke und zog sie aus der Küche. Sie hing wie leblos in seinen Händen. Sie l-atte nur den einen qualvollen Gedankwi: Guter Gott, lvas soll aus mernein armen Soldaten werden? Dann füAte sie sich in das enge Gelaß hinter dem Herd gestoßen, das sonst als Backofen diente. Die Schiebetür rasselte hinter ihr zu; sie mußte platt liegen bleiben, wenn sie den Kopf nicht anstoßen wollte ... Ein enges Fench-rchen mit einer erblindeten Sck-eibe ließ rvc-nig Lrcktt herein. 0 a 1T .' un Klein - Joftne, und die grausamen Worte des Katers tonten fort Und fort in ihren! Obr. nmrden ttmner gellender, nmner entsetzlicher: Nnsere Messer sind sck-arf genug, um ihnen die Gurgeln durchzuschneiden!" Und da oben lag ihr Soldat, schlief ahnungslos, träumte viel- leicht von seiner kleinm Elisabeth. Eine kvilde Sehnsucht ergriff daö kleine Mädchen: Dort zu sein, bei diesen Menschen zu sein, mit der klerneii Elisabeth durch Wiesen und Wälder zu stteifen. im hellen Sonnenschein, und nie mehr, nie mehr die bösen Gesichter der Eltern sehen zu müssen . . . ks bereits dunkel li'ar, ivurde die Schiebetür wieder gv- osfnct: enie braune, haariae Hand warf eine ttockne Brotrinde und eine alte Decke ln'rein. „Kannst dadriu schlafen, morgen hol' ich dich ivieder heraus", sagte die Stinnne der Mutter. ^ Dann n»ar wieder die entsetzliche Stille um sie hei'. Es uxxx ihr, als sei sie von aller Welt mrit, iveit entfernt . . . Und tfcrnn packte sie wieder die jäln' Angst um ihren Soldirten. Die Finsternis, in die das flctne Fenster nur einen ganz sck>Nfcrck)en Scknnnner le,ite. verdoppelte ihre Angst und ihre Furcht. Vielleicht war es schon geschehen, vielleicht lag er schon mit durchschnittener Keble ans dein Bett, das sie ilnn in heuchlensck)er B^weitunU igkeit an geboten batten, um ihn darauf zu ermorden ... Ein Weinkramps schüttelte fte, -onna stietz sie mit bcn «ballten Händen gegen die imlmrm- herzigenMauern, die fte gefangen lüelten . . . Dann ivurde sie Gelauscht. 308 Und endlich drehte und riß ruhiger, begann zu überlegen . . uno t*n»uu, mtw uHu sie mit iittnnbciiJStnflrrw an bem .^ngevost^n^enfterschSlotz. « güb nickt nach 1a lauschte sie mit angehaltenem Atem itKir still, niemand schien ün Hof zu sein. Mit einen: kurzen Schlag zertrümmerte sie die Scheibe. Land blutete: sie achtete es nicht. Vorsichtig streckte sie den zwischen den zackigen Glasrrsten hindurch, spähte mit nM offen« Lugen in den dunkeln Hof . . . Tann verbuchte fte sich durch den engen Fensterrahmen zu zwängen — lange wollte eS nicht gelingen, die Scherben zerfetzten ihre Kleider, verwundeten ste am Gesickst und an den Armen . . . Immer wieder und ivieder . . . Endlich — fast hätte sie einen Jubelschrei ausgcstoßen — endlich gelang es ihr. die Füße voran, aus dem engen Gelaß zu schlüpfen: vorsichtig ließ sie sich an der niedrigen Mauer hinab, ihre Füße fühlten weichen Hoden — sie stand im Schlamm des Hvfes. . Da war es ihr, als vernehme sie tastende Schritte im $)aujc. Ihr Herz klopfte ihr bis in den Hals hinauf. Durch die Hintertür schlich sie sich leise in den schmalen Flur, flüsternde Stimmen kamen aus der Küche, der Riegel klirrte sachte.. . Hastig kletterte sie die Treppe hinaus, lief mit im Dunkel tappeüden Schritten in die Kammer des Soldaten, warf einen ^tuhl um... Der Soldat regte sich nicht. .Lieber, guter Gott!" dachte das Mädchen. „Ist er am End' schon toi?" . __ , r . ti . Sie tastete mit der Hand über das Bett, obwohl sie ein ekles Grauen schüttelte in der Furcht, in geronnenes Blut $u greifen ... Ter Soldat regte sich unter ihrer Hand, atmete tiefer „Schnell, schnell, rvachet auf, lieber Herr Soldat!" wisperte sie ganz dicht an seinem Ohr. „Sie wollen Eiuh umbringen'. Er fuhr verwirrt in die Höhe, stammelte noch l)alb aus dem Schlaf heraus: „Wer, was gibtS?^ ^ Schon warm die Schritte der Mörder auf der Treppe zu hören. Als Fernand Beaugard katzenhaft in- Zimmer geschlichm kam. empfing ihn ein heller Feuerstrahl: gurgelnd brach er zusammen. Zu gleicher Zeit belebte sich die Straße: schreiende Stimmen mischten sich mit dem Geheul ertappter Menschen. In dm Häusern, in bfnrn die haßvollm Bauern den deunäsen Soldatm anS Leben geivollt hatten, war großes Jammern und Wehklagen: nur einigen war es gelungm, die SÄafenden zu überrumpeln. Die andern wurden teils auf der Stelle erschossm oder niedcrgeschlagm, teils gebunden unb in Sicherheit gebracht. „Mein liebe- Mädel, mein liebes Mädel!" konnte der gerettets Soldat in der Kammer des toten Fernand Beaugard nur immer stammeln, während er erschöpft auf dem Bette saß. Er ließ die kleine Ivsine die ganze Nacht nichts von sich, und am andern Tage tat er alle-, uni dem \ “ vor der Mutter nicht sehm lassm durfte tu schaffen. Zwei Tage später aber — die Infanterie blieb eine Woche in dem Dörfchen liegm — traf e- sich. daß eine Abteilung Leichtverwundeter in die Heimat abgefüHrt wurde. Einem von ihnen, der au- seinem Stwtchen stammte, konnte del deutsch» Soldat seinen Schützling übergeben, daß er ihn bei seiner Frau abliefern ,/Sag der kleinm Elisabeth," rief er dem Kinde nach nachdem er ihm mit Tränm m den Augen -um letztenmal die Wangen aeüreichelt und geküßt hatte, „daß du jetzt ihr Feine- Schwester! bist, und daß sie dich gar lieb habm soll, weil du doch ihrem lieben Papa ba« Leben gerettet hast." gehetzten Kinde, Mg sich >, Unterkunft und Schutz vermischter. * Tie Tulpenblüte. Prächtige Tulpenbeete zierm jetzt trotz der schweren Krieg-zeit die öffentlichm Plätze, Anlagm und Gärten. Man mache uns deswegen nicht dm Vorwurf der Verschwendung. Unsere Gärtner verfügen über eine Unmasse von Tulpenzwiebeln, und diese müssen verbraucht werden. Der herrlich« Blütenflor des erstm Frühling- erfrmt ganz besonder- unser Auge und unser Herz, und namentlich unserm Benvundeten, die fern von den Kriegsschauplätzen ihrer Genesung entgegengehen, ist der Anblick all dieser Blütenpracht von Herzen zu gönnen. Tis Tulpe ist, seitdem sie im 16. Jahrhundert nach Mitteleuropa gekommen ist, eine unserer bevorzugtesten Frühlingsblumen, weil sie zu den ersten gehört, die tm Freien ihre wunderschönm Kelche entfalten. Die Herrlichkeit ihrer Blüte dauert zwar nur kurze Zeit: inzwischen sind aber viele andere liebliche Kinder de- Frühlings zum Blichen gekommm, sodaß wir dann reichlichm Ersatz für sie finden. Einst gab es eine Zeit, wo eine wahre Tulpenraserei einen großen Teil Europas erfaßt hatte: es war die Aera des im zweiten Drittel des 17. Jahrhunderts aufgekommenen Tulpenschwindels. der von Holland ausgegangen rvar. Tie Rückwirkungen des Krach'S taten erklärlicherweise der Beliebtheit der Blume er- l-eblichen Eintrag, sie ist aber niemals bei uns in Vergessenheit geraten. Jetzt spielt sie auch als Schnittblume den ganzen Winter hiickurch eine hervorragende Rolle. Wir erinnern uns freudig und dankbar daran, daß wir diese herrliche Frühlingsblüte unserm tapferm Bundesgeiwssen, den Türken verdanken, die im Verein mit uns und den tapferen Oesterreichern dm schweren Kampf gegen die Truppen der Ententemächte zu bestehm haben. Bor dep Festsetzung der Türken in Europa kannte unser Erdteil die Tulpe nicht. Diese ist die Lieblingsblume der Türkm und ist in deren Heimat, in dm dürren, sonnigen Gefilden Turkcstans zu Hause; die Blume folgte den Türken aus allen ihrm SiegeSzügm und kam so auch nach Konstantinopel. Bon dort wandertc sie nach Italien und nach dem übrigen Europa. Sie heißt bei dm Türkm Tülbent oder Dulbaut: diesen Namen führt auch die bekannte frühere Kopfbedeckung der Türken, die später durch den Fez verdrängt wurde und die »vir Turban nmnen. Wegen der turban- ähnlichen Form ihrer Blüte hat die Pflanze von dm Türkm ihren Namen erhalten. Bei Lessing heißt die türkische Kopfbedeckung „Tulban" nick bei Goethe „Tulbend": diese Bezeichnung und der Name „Dulipan", dm die Tulpe früher bei uns führte, legen uns ebenfalls den Zusammenhang zwischen Turban unb Tulpe nahe. Die Türkm sind sehr große Blumenfreunde: sie brachten auch noch manche andere, bisher in Europa unbekannt gewesene Gewächse nach Europa. Unter diesen spielt neben der Tulpe der herrlich duftende Flieder die hervorragendste Rolle, der den Türkm zu Ehren auch hellte noch vielfach „türkischer Flieder" genannt lvird. Tie Türkm sind keinesnngs die Kultur- feiirde, als die sie früher immer dargestellt wurden. Sie haben; der europäischen Kultur manchen Fortschritt vermittelt: ganz besonders aber müssm wir ihnm danken, daß sie die Tulpe und dm Flieder sowie noch manche andere Frühlingsblüten nach Europa gebracht habm, die ganz wesentlich dazu beigetragen habm, di« Blütenpracht unseres Frühlings zu erhöhm und zu verschönm. vüchertisch. O Delhagen L K lafingS Volksbücher (Vielefeld und Leipzig, Verlag von Velhagen & Klasing. Jeder Band 60 Pfg.) widinen den neuesten Band dem Generalfeldmasschall v. Hindenburg. Der Verfasser des BuckeS, Richard Schott, hat es verstanden, auf dem knappen Raum ein erschöpfende« klares LebeuSbild unseres großen FeldmarfchallS zu zeichnen, daS. in einem ,varmen patriotischen Herzen entsta«lden. z»t allen deutschen Herren sprechen wird. Tie Darstellung begleiten viele interessante Btloer auS dem militärischen und häirslichen Leihen deS großen Feldherrn. — Diesem Bande schließen sich drei weiter« an: Dr. Paul W e g l in stellt unter dein Titel „Unsere Feinde unter s t ch' eine Anzahl von Karikaturen auS englischen und französischen Witzblättern zusammen, die recht deutlich erweisen, wie ln, Grunde unsere Feinde voneinander denken und wie rein äußerlich ihr jetzige- Bündns- tft. — Dem Gedächtnis der L00jährigen Wiederkehr de« 30. April 1416, an dem Friedrich I. von Hohenzollern erster Kurfürst von Brandenburg wurde, widmet Prozessor Dr. Otto Kraust» einen reich illustrierten Aussatz „Hohenzollern und die Mark Brandenburgs, der allen Freunden vaterländischer Geschichte viel Belehrung bieten wird. — Zum Schluß entwirft Dr. Martin I a c o b i m dem Bande „FelixMendel-soh n-B artholdy* eine kurz, Leben-skizze de- melooienreichen Komponisten, dessen von deutschem Geiste erfüllte Lieder jetzt wieder im Frühling-walde überall erschallen. Auch diesen Band schmücken viele vortreffliche Abbildungen. _ Nölsels prung. ivem dem um gefühlt in leben mut der jugend sohn sonst hat ter und ist ach wer verbracht zeit der da« seinem los zur armut fehlt ktnd- hett ent macht alter die stöhn Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Ergänzungsrätsel- in voriger Nummexr Jugend. Rausch und Liebe sind Gleich drei schönen Frühlingstagen,' Statt um ihre Flucht zu klagen, Herz, genieße sie geschwind! Sckriftleitnna: Aua. Goetz. - Rotationsdruck und Verlas der Brübl'schen UniversitälS-Buch- und Steindruckerei. R. Lgnae. Gießen