Lurück zur Scholle. Roman von Ewald Gerhard Seeliger. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) IV. Hedwig deckte gerade den Tisch, als Thomas Hauschild eintrat. Ec war den ganzen Tag nicht aus dem Aergern herausgekommen. Auch Pelagia Dubin, die sonst gar nicht so spröde war, hatte ihn heute ablausen lassen. Er setzte sich in die Ecke und ärgerte sich weiter. Hedwig nahm keine Notiz von ihm. Als sie aber mit dem silbernen Tafelaufsatz hereinkam, der nur bei feierlichen Anlässen aus dem Glasschrank genommen wurde, tat Thomas Hauschild den Mund aus. „Nanu?" fragte er verwundert. „Heut noch Besuch?" „Der Herr Baron kommt!" erwiderte sie kurz. „Ach so!" sagte er gedehnt. „Ich hätte mtr's eigentlich, denken können. Na, mir kann's gleich sein. Ich werd doch nicht lange mit ihm nnrtschasten." „Wissen Sie, Herr Hauschild?" sprach Hedwig erregt und trat vor ihn hin. „Jetzt die Flinte inS Korn -u werfen, daS find ich einfach gemein?" „So?" antwortete er verblüfft. „Wenn Sie das meinen, Fräulein Hedwig, dann kann ich ja gern noch ein Jahr bleiben!" „Nein!" ries sie und trat wieder einen Schritt zurück. „Ich meine gar nichts. Sie müssen selbst wissen, was sich gehört. Und jetzt machen Sie, daß Sie aus Ihr Zimmer kommen. Binden Sie sich eine bessere Krawatte um. Und Rasieren haben Sie auch groß nötig!" Thomas Hauschild gehorchte wie ein Schulbrrbe, und Hedwig füllte den Tafelaufsatz mit Fuchsienblüten und RoSmarinzweigen, die sie von den Blumenstöcken schnitt, die aus dem Fensterbrett ihres Zimmerchens standen. Frau Knorreck richtete unterdessen in der Küche das Essen und war sehr aufgeregt. Als August Knorreck um halb sechs inS Zimmer trat, tvar der Tisch bereits fertig gedeckt. Hedwig half der Mutter in der Küche. Der Vater girrg K zu Franz Wiegelt, um ihm die zwei Taler für chre zu bringen und ein paar Flaschen Wein zu holeit. Frau Knorreck Übersiel ein großer Schreck, als Fritz von Winkelberg, den die Einsamkeit aus dem Herrenhause E ieben hatte, eine Viertelstunde zu zeitig im Jnspektor- etntraf. Hedwig mußte den Gast empfangen, denn die ter hatte noch gar nicht Toilette gemacht. ,Hch komme zu früh," lachte er und setzte sich in die warme Sosaecke. „Bis sechs Uhr müssen Sie wartm. Herr Baron!" ant- rtete Hedwig und legte die Hände in den Schoß. „Der raten ist noch nicht gar/" „Ihre Frau Mama macht meinetwegen Umstände, das ist mir nicht lieb!" , . „Wir sind machtlos. Der Tyrann befiehlt, wir Sklaven müssen gehorchen." . . . „Tyrann!" lachte der Baron hell aus. „Das ist er wirklich. Am schlimmsten gegen sich selbst. Er hat geradezu bedauernswerte Vorurteile. Was meinen Sie, er hat meine Freundschaft glatt zurückgewiesen!" ,La!" sprach Hedwia ernst. „Er ist etwas eigen. Aber Sie dürfen ihm darum nicht böse fein, Herr Baron?" „Ich brauche aber einen Freund, einen Menschen, mit dem ich sprechen kann, ohne daß mir alle Augenblicke der Herr Baron an den Kops fliegt. Ich empfinde dieses Worb einmal als eine Brandmarkung. Jeder, der sie trägt, ist in meinen Augen ein Ausgestoßener." „O, Herr Baron!" ries Hedwig, entsetzt über diese Lästerung. . , pjri „Also auch Sie, Fräulein Hedwig!" sprach er enttäuscht. „Auch Sie haben sich vorgenommen, mir jeden Tag ein paar schmerzhafte Beulen zu versetzen! Von Ihnen hätte ick es am wenigsten erwartet. Können Sie nicht verstehen, daß ich nur den einen Ehrgeiz besitze, ein Mensch zu sein?" Sie nickte schweigend und schlug die Augen nieder. „Und wenn ich Sie nun bitte," fuhr er dringender fort, „herzlich bitte, von all diesen lächerlichen Vorurteilen abzusehen und mir zu helfen in dem Kampf, den ich hier auszufechten habe. Denn Ihr Vater respektiert in mir nicht den Menschen, sondern den Baron, ein blasses Prinzip, den Ma- joratsyerrn. Im letzten Grunde seines Herzens verachtet er mich." „O nein, nein!" rief sie erschreckt und hob die Hände. „Sie kennen ihn nicht!" „Doch!" erwiderte Fritz von Winketberg mit Entschiedenheit. „Kann ich aber mit einem Manne, der mich verachtet, auf die Dauer zusammen arbeiten? Und ohne ihren Vater kann ich mich hier aus Britzkawe überhaupt nicht halten. Ich verstehe nichts von der Landwirtsck>aft. Ich sehe in diesen Dingen sehr klar. Es handelt sich um meine Existenz, obgleich es aussieht wie eine lächerliche Marotte." Hedwia schwirrte der Kops, aber ihr gesundes Gefühl leitete sie sicher. „Wollen Sie mich nun auch zurückweisen?" fragte er sanft. „Nein!" sprach sie fest und streckte ihm rasch die Hand hin. „Und Sie würden mir Ihre Freundschaft auch schenken, wenn ich nicht zufällig da drüben im Herrenhanse geboren wäre?" fragte er, ohne ihre Hand losznlasseii. Sie nickte sllunm. „Weshalb?" „Weil Sie mir gefallen!" antwortete sie und hielt seinen forschenden Blick tapfer aus. Da neigte er den Kops uub drückte einen leisen Kuß aus ihre Fingerspitzen. Hastig entzog sie ihm die Harck — 282 mid sprang auf. Ihr Gesicht glühte. Eine ganze Weile herrschte tiefes Schweigen. Da trat Thomas Hauschild ein. Hedwig stellte ihn dem Baron vor und verschwand in die Küche. Thomas tzauschild war aus anderem Holz geschnitzt als August Knorreck. Tie Gewißheit, einmal ein Bauerngut von dreiundsechzig Morgen Primaboden zu erben, gab ihm dem Baron gegenüber eine zuversichtliche Sicherheit des Auftretens. Außerdem wußte ja jeder in Britztawe, wie lies der Baron bei Bartenstein und Levisohn in der Kreide saß. „Warum machen Sie sich nicht bei Ihrem Pater nützlich'^ fragte Fritz von Winkelbern, der geschwind wußte, wie es mit dem Gehilfen stand. „Da ist doch gewiß Arbeit genug?" „Das wohl!" antwortete Thomas Hauschild. „Aber cs laßt mir nicht, zu Hause den Großknecht zu spielen. Lieber eh ich mir ein bissel die Wett an, bis mein Alter abgewlrt- chaftet hat. Hernach ist man doch angebunden. Ihm ist es auch ganz recht so. Wenn wir zusammen wären, würden wir doch keinen guten Faden spinnen. So vertragen wir uns aanz gut." 'Dann begann er Anglist Knorreck zu loben. Lächelnd hörte ihm der Baron zu. Der junge Mann gefiel ihm. „Sie sind schon zwei Jahre in dieser Stellung?" „Jawohl," antlvortete der Gehilfe und wurde plötzlich rot. „Man kann hier sehr viel lernen." „Also ist Ihnen Britzkawe die Welt?" „Drirck-auS nicht!" wehrte Thomas Hauschild ab, und sein Gesicht färbte sich bss unter die Haarspitzen. „Ich hatte die Absicht sortzugehen. ?lber jetzt lväre es geradezu eine Gemeinheit. Ich werfe die Büchse nicht ins Korn." „DaS ist brav von Ihnen," rief Fritz von Winkelberg und drückte ihm die Hand, „daß Sie mich nicht im Stiche lassen!" Jetzt ließen sich August Knorrecks schloere Tritte im Hausflur hären. Er ivar bei Franz Wregelt länger auf- aehalten tvorden, als ihm lieb war, und brachte zivei Flaschen Rheinwein niit. Gleich daraus erschien die ganze Familie. Hedwig stellte die Suppe aus den Tisch und füllte die Teller, »nährend Frau Knorreck, noch von der Hitze des Herdes angegluht, beu gnädigen Herrn Baron willkommen hieß und ihre Verlegenheit wacker bekämpfte. Fritz von Winkelberg hatte bei ihr leichtes Spiel. Als der Gänsebraten kam, lvar Frau Knorreck schon mitten im besten Erzählen von den alten Zeiten. Thomas .Hauschild füllte mit hingebungsvoller Ausdauer die Gläser, und man wurde schnell heiter. Hedwig war sogar ein »venig ausgelassen. Nur August Knorreck wich mit keinem Wort und kemer Bewegung üver die Respektsgrenze, die er sich selbst gezogen hatte. Jedesmal erhob er sich feierlich, wenn Fritz von Winkelberg mit ihm anstieß. Das störte immer wieder die Gemütlichkeit. Endlich stieß der Baron nicht mehr mit ihm an, um sich nicht über den Eigensinn seines Inspektors^ ärgern zu müssen. Und er ließ ihn sitzen und hielt sich an die andern. Als nian bei den Krachmandeln war, schaute sogar Frau Knorreck mißbilligend auf Hedwig, die Thomas Hauschrld mit Schalen bewarf und ihn mit Pelagia Dubin neckte. August Knorreck machte dazu ein besonders finsteres Gesicht. Thomas Hauschild aber ließ sich es gern gefallen, denn er hielt es für Eifersucht. Weil es aber immer ärger, tuurde, stand der Inspektor auf, hieß in einer kurzen, kräftigen Rede den Herrn Baron nochmals willkommen und stieß mit ihm auf eine glilckliche Zukunft an. Alle stimmten freudig bei. Nachher flog für ein paar Augenblicke ein Engel durch die Stube. Diese günstige Gelegenheit erwischte Thomas Hauschild. „Herr Knorreck!" sagte er laut. „Ich Hab mir's überlegt. Ich bleib doch noch ein Jahr!" i „Das freut mich!" rief August Knorreck, streifte Hedwig mit einem kurzen Blick und hob sein Glas. „Aber hessern müssen Sie sich. Das Bummeln muß aushören. Ich behalte Sie bloß, tveil Sie ehrlich sind!" „Na!" lachte der Gehilfe, den der Wein noch munterer gemacht hatte, und klopfte sich auf die linke Westentasche. „Ich kann mir den Luxus leisten." Hedlvig warf ihm für die Prahlerei einen verächtlichen Blick zu. Doch es war nur blanke Aufschneiderei, was Thomas Hauschild da vorbrachte. Denn sein Pater hielt ihn sehr kurz, und das Gehalt als Britzkawer Wirtschaftsassistent langte auch nicht iveit. Aber er war sparsam, fast geizig, wenn er es auch gut $u verbergen per stand, und spielt« gern hoch und immer mit Glück. So war er niemals! ohne Geld. Gegen Mitternacht brach Fritz von Winkelbera auf. August Knorreck begleitete ihn, und Thomas Hauschilb ging mit der Laterne voran. Mutter und Tochter blieben allein zurück. „Hast du gesehen?" sprach die Mutter leise und rührte Hedwig an den Arm. „Was denn?" „Er ist doch nicht verheiratet!" „So?" antwortete Hedwig gedehnt, denn sie war sehr müde. „Er trägt keinen Ring." „Ich Hab nicht darauf geachtet," versetzte Hedwig schläfrig, legte die schlanken Arme hinter die Stuhllehne und dehnte die Brust. „Und du willst ein junges Mädchen sein?" „Nein!" ries sie unwillig. „Tausendmal lieber wär ich ein Junge!" „Das sind Redensarten, die sich nicht schicken. Hast du denn gar nichts gemerkt?" .Hedwig schüttelte den Kops und sah die Mutter groß au. „Daß du ihm gefällst?" „Ach, Mutter!" rief Hedwig unwillig, legte die Hände in den Nacken und warf den Kops zurück, „was du nicht alles denkst!" In diesem Augenblick trat Thomas Hauschild ein, blies die Laterne aus und nahm noch einen Schluck Wein. „Ein seiner Kerl, der Barons" sagte er anerkennend. „Für Sie ist er der Herr Baron!" rief Hedwig entrüstet und lief hinaus. „Nanu?" machte der Gehilfe verblüfft und sah ihr nach. Aber Frau Knorreck seufzte nur. Da wünschte er gute Nacht und machte, daß er zu Bett kam. Auch August Knorreck wünschte eine gesegnete Nachtruhe, als er im Herrenhause die beiden Lichter auf dem Schreibtisch angesteckt hatte. Dann wollte er sich zurückziehen. „Bleiben Sie, Knorreck!" bat Fritz von Winkelberg. „Ich kann doch nicht schlafen." (Fortsetzung folgt.) Vas weihe Tuch. i. Als eben der Nachtwächter sein Horn ansetzte, die elfte Stunde zu blasen, trug ihm der Sommernachtswind den dumpfen Klang! von fernem Hufschlag zu. Mit schiefem Kopf, aufgerissenem Mund, das Horn starr vor sich hinhaltend, horchte der Wächter nach der Richtung, aus der der Säiall kam; und als dem Lauschenden Waffengerassel und das Gepolter Schwergewappneter vernehmlich »vurden, warf er mit einem Ruck das Horn auf den Rücken. „Alle guten Geister..." Mit einem Satz verschwand er über fünf Steinstufen in der Tür des Kruges, auS der noch ein Licht einen breiten Streifen aufs Marktpslaster warf. In der dumpfen Stube riefen seine herv.orgesprudclten Worte: Reuter kommen — mau hört ihre Ross' und Waffen! einen Sturm wach. Seit Wochen wartete nian auf den Feind. Jetzt war er da. Wie bei Feueralarm rannten die späten Gäste, das Wirtsehepaar, ein paar Knechte und Mägde die Kreuz und Quer, um, ehe sie wußten, was tun, zu Erz zu erstarren; denn eine freche Fanfare schnitt einem Messer gleich in ihr Gen/ühl, und dann tobte der Lärnt von fünfzig, sechzig mächtigen Rossen mit Eisenreitern durch die enge Giebelgasse vom Katharinentor her auf den holperigen Markt. Tie Lust war voll von Hufgestampf, dröhnendem Schall der Harnische und Waffen; Kommandogebrüll fuhr daztvischen, und über dem Tosen schwang sich wie ein Raubvogel die aufpeitschende Weise eines Signals in die alten Lindenkronen. Wer Mut hatte, lugte vorsichtig durch die Ladenaussck-aritts wohlverwahrter Fenster. Tie andern stammelten vor dem Bilde der Muttergottes oder am Haussegen die frommen Worte, die in Kriegszeiten den Himmel zu stürmen berufen sind. Allgemach ebbte das Toben der eisernen Wehr ab, nachdem sich die Schar zu einer Doppellinie formiert hatte. Da und dort wieherte ein Hengst den: ersehnten Stall einen schmetternden Gruß zu. Zwei Trompeter ritten vor; ihre Hörner gellten zum Nachthimmel. Tarata, tarata! Dann mit rauher Stimme der eine: Egestorfser Kürassiere seien gekommen, hier in des Feinde« Stadt Altkirch Quartier zu beziehen, bis man Ruhe halte im Tal- rmd den gottlosen Waffenschmuggel unterlasse. 9ßn Leib und Leben werde gebüßt, wer ferner bei dem verfluchten Handwerk betroffen, sein Hof verbrannt, Weib und Kind und wer sonst ihm verwandt, weggeführt, tzu liefern habe die Stadt an Hafer, Heu ltjrb Stroh und daS, an Barem so und so viel und an Wein und s vom Guten — so viel; und wenn binnen jefct und einer Stunde der Bürgermeister für die fünf Herren Offiziers, m- aleichen für fünfzig kaiserliche Kürassiere mit insgesamt zwei- undsechzig Rossen angemessene Unterkunft geschafft faj*, toolle man selbst vom Quartiermaä>en abstehen. Ansonsten die Reuter für sich und die Gäule selbst Raum auszumachen gewält ,eim. So verkündet im Namen von Sr. Kaiserlichen Majestät Rittmeister von Brenckenseld. Trara — tarata! _ Dann ging das Lärmen von neuem an. Tie Reuter saßen ab, Hengste stiegen, juchten und schlugen aus, die Kerle fluchten als redjtc Teufel welsch und lästerlich durcheinander, ein Faß mit Wein ward angerollt, ein großmächtiges Feuer flammte aus — und in allem schien es, als ob sich mitten auf dem Altkirchev Marktplatz die Erde aufgetan habe und einen Blick in das uleia) des Gottseibeiuns verstatte. Die Bürger zündeten geweihte Lichter an und versprengten Weihwasser die Menge. Die fünf Offiziere »oaren in den Krug gepoltert und Latten sich eisenrasselnd an den Rundtisch geworfen, von dem die Spießbürger scheu ins Dunkel gewichen waren. Hinterm Säienkttsch dienerte zitternd und ergeben der Wirt. „Schaff' Wein! Dickwanst!" und „Ein Huhn, gebraten" und „Einen Stiefel von Euerm Roten, Wirt; und der Henker hol Euch, wenn ich das Licht durchscheinen sehe!" brüllten die Befehle durcheinander, und zum besseren Nachdruck spektakelten Sporen, Armschienen und Cisenhemden. Federhüte und Pallasche flogen in die Ecken, und wie die Herren oer Welt rekelten sich die frem- ven Kriegsleute am Honoratiorentisch von Alltkirch. Mit lmigen, sehnigen Gliedern, trotzigem Kinn, flammroter yeldbinde lag der Rittmeister im Armsessel. Seine Augen, sicher Und frech, gingen in der Wirtsstube herum und blieben, als des Wirtes Töchterlein ihm den Zinnkrug hinschob, verzehrend an dem wunderfeinen Gesicht des Mägdleins hangen, dessen Gestalt und Gehaben alle Gesetze der Vererbung zu verlachen schienen. Eine Glutwelle überfuhr der Kleinen Gesicht, als des verwegenen Rei^ ters heischende Feueraugen in ihre blauen Sterne tauchten, unÄ sie konnte dock den Blick nicht wenden. Stand ein Weilchen wie staunend, bis die mrderen auf die zwei aufmerksam wurden, und ein grobes Scherzwort zwischen sie fiel. Mit einem selbstherrlichen Freibeuterlächeln sah der schwarze Rittmeister der davonhuschenden Kleinen nach. Sein roter Mund schien von durchkosten Nächten und Liebessiegen zu erzählen: aber er hielt es nicht füte der Mühe wert, zu antworten, als einer der Kameraden mit Grinsen fragte, ob das blonde Wirtstöchterlein seinen Passionen tauge. Dann tranken sie alle dem schwarzen Brenckenseld zu. Der änderte seine Lage im bequemen Sessel nicht. Spreizte die Beine weit in die Stube und b'ewegte sich nur, wenn er den Krug an die Lippen führte. Stand auch nicht auf, als die aw- oern nach Verlauf einer Stunde sehen gingen, was der Brtrger- meister für die Quartiere getan habe. Als dann die blonde Traute ihm den Krug zum wievielten Male füllte, fuhr er plötzlich hoch, faßte das Mädchen rund unt und sah ihm mit einem heißen Lächeln ins erglühende Gesicht, daß die Kleine wieder nicht »vußte, wie ihr geschah und wie ein gefangen Vöglein im Arnt des Mannes zitterte. So gab es sich, daß Traute neben dem Reiter saß und die Mutter mit den Mägden an Schenktisch und Herd schalten ließ. Und der wilde Brenckenseld erzählte ihr von seinen stürmenden Fahrten, vom heißen, jauchzenden Krtegsleben, vom siegenden, lackenden Tod, vom tollen Lagertreiben, von Mondscheinnacht und Sommernachtskosen, und als er gar die Laute vom Psleiler TCEfym und kecke, fremdartige Weisen mit süßen Akkorden begleitete, da war Traute, des Rosenwirts stolze Traute, die die Freier an den zehn Fingern nicht zählen konnte, dem überlegenen Zauber des fremden Mannes zu eigen, der ihr Feind und gesandt war, über die E asfenhändler, also über ihren eigenen Bruder unter ihnen, ein nickt zu halten. Mit glühenden Wangen hing das Mädchen an n Lippen, die so spöttisch-abfertigende, so hinreißend-einschmeichelnde und so süß-betörende Worte formen konnten, gegen die alles Schönreden der Alttircher Freier ein eitel Gestammel schien. Ms die anderen Offiziere wieder in die Stubq rasselten, tonnten sie noch vernehmen, wie das Mädel als Antwort auf Brencken-- felds heiße RÄren, das hübsche Köpfck>en zur Decke gewandt und die Arme im Nacken verschränkt, ttäumerisch vor sich hinsagte, daß ihm nichts verhaßter sei als der Mann, der in diesen Zeiten anr Herde sitze, und daß es keinen ansehen möge, dem der Krieg! nicht das Antlitz gezeichnet habe. Nun war unter den fünf Offizieren »einer, der sich an Aussehn und Gebaren recht von den wilden Söhnen des Krieges unterschied; feiner an Wuchs, Wort und Geberden, mit blondem Gelock, blauen Knabenaugen und jungen, reinem Gesicht, über das Flammen schlugen, als er unter des Mädchens kriegerischen Worten seinen Sitz toieoer einnahm. „Mordblei, Fähnrich," lachte der Rittmeister, „gewöhnt Euch das Rotwerden ab', wenn Euch einer Euren Msut und Eure Bravour nicht gleich vom Milchgesicht abliest. Euch hat die Dirne sicher nicht gemeint, und im übrigen bezeug' ich Euch, daß Ihr den Teufel im Leibe habt. Hol' mich der Satan, Madel, nur seine Klinge ist schuld, daß ihm noch keiner mit einer anderen über den Flaumvart gefahren ist l" -Muß wahr sein! Eure Gesundheit, Wachenrott! Sollst leben, Max!" bekräfttgten die anderen das Lob. Mar von Wackenrott aber faß stumm; nur selten schoß ein heißer Blick aus seinen Augen zu dem Mädchen hinüber, das zu Brenckenfelds rauher Lobrede halb spöttisch, halb ungläubig ge- lächelt hatte und nun unter dem Genuß des ungewohnten Weins vergaß, daß es bei Feinden saß und sich dem lockenden Zauber, der die verwegenen Gäste umgab, mit allen Sinnen überließ. Draußen kündete der Nachtwächter die zweite Morgenstunde, und immer noch saß Traute unter den zechenden Offizieren, die mit Lachen und polternden Komplimenten, rauhem Gesang und gewagtem Scherz die verräucherte Stube füllten. Nur den Fähnrich vernwchten sie nicht mitzureißcn; der tat zwar ihrem Zutrunk kräftig Bescheid, stimmte auch, wenn die Heiterkeit allzu deutlich wurde, in das Lachen ein. Wfret in seinem Knabengesicht arbeitete es; da wechselten Röte und Blässe. „Wie, du seine Stolze, wenn ick dir rechts und links von meinem Schimmel ein paar von Euern Paschern durchs Tor schleppe, die doch sicher ihre Waffen nicht nur schmuggeln, sondern auch führen können! Mein Blut machst du wallen und hast mir doch den ganzen Abend noch keinen Blick gegönnt. O du, den ganzen Abend rief meine Seele nach der deinen, du, die dem Knaben als die Erfüllung aller Traumverheißungen erscheint. Und du sollst dem weiberverwühnten Brenckenseld leichte Beute werden? Du solltest nicht auch einmal für Mar von Dachenrott ein Auge haben/ Warte, du kriegerisches Mädel, du sollst ihm noch mehr als einen Blick schenken." Und der Fähnrich stürzte einen Becher nach dem andern in die Kehle. > Aber mit Traute- Blicken hatte es noch gute Weile. Einstweilen hingen sie selbstvergessen an des schwarzen Rittmeisters spöttisch-sordernden Munde. Nur flüchtig streiften sie den Jungen, der ab und zu seine unsichere Weisheit ins Gespräch warf, und! unter dessen hellblauer Feldbinde das Herz in heißen Schlügen immer schneller für das blonde, schlanke Mädchen schlug, das ihm beim ersten Ansehen als alles Glückes Krone erschienen war. Und als Traute im Uebermut aus Brenckenfelds Krug auf einen Schelmenvers von Ofenhockern und Muttersöhnen anstieß, da schoß es Maxen siedend zu Herzen, und so laut, daß es alte in, der weinduftgeschwänaerten Stube hören konnten, stieß er hinaus: „Den Tod über all die Weiber, denen die harte Zeit den Sinn so verkehrt hat, daß sie den Liebsten lieber im Eisenhemd denn im Freiersgewand sehen mögen!" Brenckenseld und bie Kumpane dröhnten ihr „Haha" und ,-Hoho" und „Was ficht dich an?" und „Sieh' einer den Fähnrich" durcheinander, und suchten mit dem Blaßgewordenen ein Wortgefecht zu beginnen. Traute aber schwieg von nun an, schlich sich bald vom Tische weg und stahl sich in ihre Kammer. Tie rauhew Reiter tranken noch ein weniges, randalietten noch eine halbe, Stunde und polterten auf den Wirt, der sein Tüchterlein versteckt habe, und brachen dann — „Wachenrott, zahl'!" — mit lauten, nicht mehr gewissen Schritten in ihre Quartiere auf. Der Turm des Katharinentors glänzte schon zart in den ersten Strafen des Frühlichts. II. Tage vergingen. Außer ein paar Schlägereien zwischen den Egestorssschen Eisenfressern und störrischen Bauern, die keinen Wein ausgeben wollten, und Städtern, die vermeinten, die Alt-- kircher Mädchen seien nicht für fremdes Kriegsvolk geschaffen, ereignete sich nichts, was sich wesentlich von dem Leben in eurem! Landstädtlein unterscheidet, in das sich der Feind aesetzt hat. Die Bürger ballten die Faust im Sack, aber vom Waffenschmuggel hörte man nichts mehr. Brenckenfelds Reuter ließen keine Maus über die Grenzwege, und den Schleichpfaden war nicht mehr zu trauen, seit Wachenrotts Schimmel Tag für Tag den Hohlweg zum Berg-, wald einschlug. Abends saßen die Offiziere beim Wein am Rundtisch des Rosenwirts; aber Traute ließ sich nur feiten mehr herbei, ihnen Gesellschaft zu leisten. Tat sie es, dann wanderten ihre Augen! von Brenckenfelds dunklen, sieggewohnten Zügen immer häufiger zu des Fähnrichs verschlossenem Knabengesicht, der ihr nicht Wort noch Blick mehr schenkte, sondern sein Herz niederzwang, in Strömen Weins das heiße Brennen in der Brust ertränken wollte und unter TagS in tollen Ritten mit dem Sturin seiner Gefühls uni die Welte raste. Der Sommermorgen koste im Buchenschlag, grüngolden ioebte die Waldeinsamkeit zwischen den silbernen Stämmen, und hoch von der Halde ries unermüdlich der Kuckuck. Mit lofeni Zügel klomm des Fähnriä>s Schimmel den Waldtveg die Halde hinan und rupfte, unbekünrmert um den trännrenden Reiter, rechts und links vom Wege die lichtgrünen Blätter von Haselstanden und Buchew- ästen. Mit eincnunal fuhr er zur Seite und tat ein paar so ivilde Sätze, daß der überrasäfie Reiter Mühe hatte, im Sattel zu bleiben. Ein Gertenschlag hatte den Hengst getroffen, und als der Fähnrich nach einem hellen Laä>en den Kopf wandte, sah er es bunt durck Zlvcige am Wege schlüpfen: und am stachligen Stechpalni hing'ein weißes Tüchlein, daS dem Urheber des heiteren Ueber- falls zngehören mußte. Max lenkte den Säfimmel heran, bückte sich Mls dem Sattel und hob den Fund an die Mlgen. Bei Gott, das Tuch hatte er noch gestern abend in Trautes Hand gesehen. Traute, mein Mädchen, lvas willst bu von mir? Ein schauer «mit dem Jungen über den Leib. Träumend lieh er dnn Schimmel wieder die Zügel frei und sah erst wieder auf. al- der Mengst im fcofe des KruaeS wiehernd den brannten Stall grüßte. Wieder wie schon so oft scholl wildes Zechen auS den geöffneten Fenstern der Rose auf den in Sommernachtsträumen liegenden Marktplatz. Die Bürger, die etwa noch vorübergingen, sperrten Längst die Mäuler nicht mehr auf, sondern hatten sich daran gewöhnt, itt dem Quartier der Offiziere so etwas wie ein Sodom und Gomorrha zu sehen. War nicht gar so scUimm. Die Fünf« hielten sich im allgemeinen an des RosenwirtS trefflichen Roten, und wenn ja einer mit einer Stadtdirne scharmuzierte, geschah- am Hellen Tage und störte -einem die Nachtruhe. Ter schaoar^e Rittmeister hatte scharf getrunken, lehnte weit hintenüber in seinem Sessel und hatte sein Vergnügen an des Fähnrichs Versuchen, ein Wort von Traute zu erhaschen. Als die auf einen Augenblick an den Rundtisch trat, zog der Fähnrich — sieh eins den Wachenvott, dachte der Rittmeister — ein weißes Tüchlein aus dem Koller. „Wollt mir gestatten. Euch einen Verlust tvickec zu bringen, Jungfer. Fands heut früb im Bucheuschlag, als Ihr meinen Schimmel schrecken wolltet." Und hielt Traute den Fund hin. Ungeschickter hätte ers dem Mädchen nun nicht macheil können. Zornflammen flogen ihr überS Gesichtlein. Gilts dir nicht inehr, werili ich dtrs möglich mache, ein vertraulich Wort ;u sagen. alS daß du vor deinen Kumpanen damit zu prunken suchst? Meinthalb! Und mit bebender Stimme: „Was bild't der Fähnrich sich ein? Ich ihm den Schimmel schrecken? Ich sollt ihm auflauern uiid ihm im Wald die Wege verstellen, daß er denkt, ich Hab ein Aug ans ihn? M