Mittwoch, den 2 \ April .feggA- Jm ifl IN M N Iä 1 1 13 ga Jan von Werth. Atom an aus dem Dreißigjährigen Krieigv von Franz Herwig. . (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Hätte der Kardinal von allen diesen Vorgängen gewußt, er hätte zweifellos nicht so nachdrücklich, wie er es in Wirklichkeit tat, die Auswechslung Jans betrieben. Allerdingsmuß man zugeben, daß dies nicht durchaus Jan zulijebe geschah. Denn in Breisach war Herzog Bernhard von Wei- mar an einer Wunde gestorben, und der einzige General von einigem Rang, den Schweden und damit Richelieu! noch hatte, war Horn. Aber Horn saß in München fest. Um ihn zil bekommen, mußte man eben den Werth vergeben, was man nun auch tun wollte. Indessen wollte nun Maximilian den Horn nicht ansliesern, damit die schwedische Sache nicht wieder in Fluß käme. Daher mußte Richelieu mit wortreichen und vieldeutigen Versprechungen den Kurfürsten bearbeiten, so daß dieser glauben konnte, Horn würde fortan nicht mehr gegen Bayern sechten. Inzwischen lebte Jan ganz in der Aufregung seiner Liebe. Und seltsam, mit seinem Wesen schien sich auch sein Aeußeres zu verändern. Er strahlte förmlich Sonne aus, ging gravitätisch einher, und die Wäscherinnen in Vincennes konnten kaum so viele Spitzenkragen und Spitzenmanschctten sauber halten, wie Jan brauchte. Als er au einem gewissen Abend zu Pferde stieg, bewunderte Herr de la Meillerane seinen Anzug aus bronzesarbenem Seidensamt, mit Goldstickereien, seinen ungeheuren, silbergrauen Hut, an dem eine Diamantagrafse drei dunkelblaue Straußenfedern hielt, und seine glänzenden, braunen Stieseln, an denen eine Stulpe kokett herunterhing. „Ihr seht aus, als wenn Ihr zur Hochzeit rittet," sagte lachend MeiUeraye. Jan lächelte vieldeutig und setzte sich umständlich im Sattel zurecht. „Wann seid Ihr zurück, Herr von Werth?" „Noch vor Mitternacht. Und sagt dem Koch, daß er zu dieser Zeit ein nettes, königliches Mahl für vier Personen bereit hält?" Wenig später als Jan ritt Joss Maria fort. Sie trafen auf einer würzigen Lichtung im Walde von La Cloche wieder zusammen. „Ist alles bereit, Jos6 Maria?" „Ja, alles, wie verabredet." Man hörte die Turmuhren von Corbeil acht Uhr schlagen. „Mit Gott," sagte der Abbs, gab Jan die Hand und ritt inl Schritt los. Er war nicht zehn Minuten unterwegs, als er aus dem Wiesenwege von fern drei Reiter sah. Er ritt Langsam weiter und las dabei sein Brevier: oen Zügelriemen hatte er über den Hals des Gaules gelegt. Er war den Umständen nach andächtig bei seinem Gebet, denn er blickte nicht einmal auf, als er an Marie-Anne vorbeikam. der in dreißig Schritt Entfernung eine Dame mit einem Kavalier folgte. Er sagte nur bestimmt und leise: „Reitet ruhig weiter." Und da er im Gebet sowieso die Lippen bewegte, würde der kurze Vorgang selbst von einem Lauscher nicht bemerkt worden sein. So kam er an die Begleiter Marie-Annes. Und plötzlich machte sein Gaul einen Seitensprung, bäumte sich und jagte, mit den Hinterbeinen ausschlagend, davon. Jose Maria lag stöhnend am Boden. „Heiliger Gott?" rief die Dame, die ein wenig angejahrt und wie alle diese Damen sehr fromm war. „Ehrwürdiger Herr, seid Ihr verletzt?" Jose Maria stöhnte nur, versuchte, sich zu erheben, siel aber wieder zurück. Der Kavalier sprang vom Pferde und beugte sich über den Abb6. „Sprecht, ehrwürdiger Herr — seid Ihr verletzt?" „Es scheint in der Tat so. Ter wehende Schleier der Dame muß. inein armes Pferd scheu gemacht haben. Oh — !" Die Dame neigte sich über den .Hals ihres Kleppers. „Also bin ich die unschuldige Ursache Eures Unglücks? Ich flehe Euch an, Herr Novitles reitet zurück und holt Hilfe!" „Aber bedenkt — Frau de Jujsae!" „Reitet, um Gottes willen! Ich rufe sie zurück. Vergebt einen Augenblick, ehrwürdiger Herr!" Und sie ritt im Trabe den Weg weiter, indessen der Kavalier nach dem Schloß zurückgaloppierte. Sie ries. „Marie-Anne! Kind?" Aber als sie an die Büsche kam, sah sie in der Ferne Marie-Anne neben einem Fremden reiten, was die Pferde hergaben. Da schrie sie aus und ritt zurück. Aber seltsam: der geistliche Herr war verschwunden. Sie begann zu lamentieren, bei ihrem mißtönenden Geschrei bockte ihr Gaul, und sie hatte Mühe, ihm einen widerspenstigen Galopp abzuzwingen. Marie-Anne war ruhig wcitergcrittcn und hatte getan, als wenn sie von dem Vorgang mit Josä Maria nichts gemerkt hätte. Als sie in das Gebüsch kam, ritt Jan aus den Weg, ries: „Los", und die Gäule ragten davon. Sie galoppierten durch den Wald, ohne sich umzusehen, dann in die Dorsstraße von La Eloche und hielten vor der winzigen 'Kirche. Ein Bauer nahm ihnen die Pserde ab; sie traten ein. Vor dem Altar standen ein unbekannter Geistlicher und zwei ebensalls unbekannte Männer. „Ich bin Werth. Macht schnell, ich bitte Euch," sagte Jan. Und nach zwei Minuten legte er einen schweren Lederbeutel in die Hand des Geistlicl>en, denn die Ehe Jans mit Marie-Anne war geschlossen. 246 Sie ritten in der beginnenden Dunkelheit eng umschlungen nach Paris zu. Sie waren sorglos und glücklich: Was konnte ihnen nun geschehen? Als sie gegen Mitternacht in Bincennes ankamen, sagte Jan lachend zu Meilleraye: „Ihr hattet wirklich recht, als Ihr meintet, ich ritte zur Hochzeit. Und dies ist mein Weib. Bis ich den König um eine neue Wohnung gebeten habe, will sie mein Gefängnis mit mir teilen. Ist der Abb6 zurück?" „Eben angekommen." Der Kommandant half Marie-Anne aus denr Sattel. Jan lachte. „Ich erzähl' Euch den Scherz. Denn ich darf doch hoffen, daß Ihr die Einladung', mit uns zu speisen, annehmt ?" Und sie hielten zu viert königliche Tafel, und Jan machte mit Meilleraye Brüderschaft, und Marie-Anne drückte unzähligemal Jose Maria die Hand. — Freilich war die zlveite Höchzeitsnacht Jans nicht weniger ungestört als seine erste. Denn noch lange vorm Morgengrauen erschienen Soldaten vor dem Schloß und verlangten die Herausgabe der Frau de Jussac. Meilleraye lachte sie ans. Man sagte ihm, daß man bestimmt wisse, die Dame sei im Schlosse. „Schert euch zu allen Teufeln," rief er, „die Dame, die im Schlosse ist, heißt Frau von Werth." Aber die Soldaten lagerten sich unter vielem Lärm, und sie lagerten noch, als der Tag anbrach. Sie begnügten sich damit, einfach da zu sein, und hatten in: übrigen weitere Befehle des Kardinals eingeholt. Am Nachmittag forderte Richelieu Jan auf, zu ihm zu kommen, und Jarl machte sich fertig, denn er glaubte, daß ihm nichts geschehen könnte. „Bleib hier," sagte er zu Marie-Anne. „Vor Abend bin ich wieder zurück." „Hievblciben? Nein, ich geh' mit. Wenn du bei mir bist, habe ich Mut wie ein Wachtmeister. Also reiten wir." „Reiten?" sagte Jan und nahm sie in den Arm. „Die Karosse soll angespannt werden?" „Jan! Jan! Eines Reiters Weib, und soll gefahren werden?" „Kenn' dich gar nicht so? Was ist in dich gefahren?" „Das Leben, Jan!" Als sie zum Kardinal kamen, sah er böse aus. Jan sagte resolut: „Ta sind wir gleich beide, Eminenz." Und als Richelieu ihre lebensprühenden, hellen Gesichter sah, diese beiben Menschen, die dicht und fest beieinander standen, schwieg er lange. Endlich zog ein Lächeln über seine Mienen. Er drohte Jan mit dem Finger. „Werth! Teuselswerth! Ich konzedier' — Ihr habt die Parne gewonnen! Aber Ihr bürgt mir für Eure Gemahlin fortan!" „Mit meinem Leben, Eminenz!" „Aber die Sache hätte bös auslaufen können, Werth. Die von Corbeil hätten Euch fangen können, ehe Ihr in Vin- cennes wart!" „Fangen? Ich hatte den Degen mit." ,>So, so. Und wenn einer meiner Leute zu Schaden gekommen wäre?" -- - "5^ jyürb e schnurstracks zu Euer Eminenz gegangen sein: Die Kerls haben mein ehelich Weib antasten wollen. Und Ich bin gewiß, daß Ihr gesagt hättet: Ihr tatet recht, Euer Weib zu schützen." o c. "M^iU Ihr? Ich finde, Ihr spielt ein wenig mit mir? r 2hr wißt, ich bin Euch gegenüber schwach. — Aber Hort, Eure Affäre geht zu Ende. Ihr habt einen vor- ttesflichen Anwalt bei dem Kurfürsten gewonnen, den jungen Kaijer von Oesterreich, Ferdinand den Dritten. Der setzt dem Max wacker zu, Horn herauszugeben — und ich denke, mit Erfolg." Jan mußte an sich halten, um nicht laut zu jubeln. Aber seine Stimme zitterte vor Glück, als er sagte: „Sieh da, der junge Kaiser! Habe mich also nicht in ihm getauscht!" ^hr reist, sehe ich Euch noch — Euch und Euer Gemahl. Uber Ihr müßt mir jetzt schon versprechen, später ein wenig an mich zu denken. Wollt Ihr?" sagten beide wie aus einem Munde, denn im Glück vergißt man leicht alles Leid, das einem angetan ward. ™ März 1642 kam auf der Brücke von Dum- * in £a» • Breisach die Auswechslung zustande, nachdem Jan und Marie-Anne von der gefangenen Königin-Mutter Marie in Saint-Germain in Ergriffenheit und von Paris mit lauten Feierlichkeiten Abschied genommen hatten. Mitten auf der Brücke trafen Horn und Werth mit ihren beiden Gefolgen zusanimen, sie sprangen vom Pferd und umarmten sich, nach guter, alter Kriegersitte. Dann bliesen endlich wieder einmal deutsche Trompeten zum Aufsitzen, und Jan und Marie-Anne atmeten wieder deutsche Lust. 13. Kapitel. Am Scheidewege. Auch Jose Maria atmete wieder deutsche Lust. Als Marie-Anne ihn aus ihrem Vermögen freigekauft hatte, war der Abbe von diesem Beweis der Freundschaft sehr gerührt. Ueberhaupt verband ihn mit Jans Weib ein starkes Band der Zuneigung; er wünschte sich nichts, als in ihrer Nähe sein Leben verbringen zu können, und da er fühlte, daß das unruhige Leben Jans ihn allmählich weniger anzog, nicht zum wenigsten, da Gelegenheit zu vertraulichen Gesprächen in den Kriegsläusten sich selten fand, so hatte er heimlich davon geträumt, daß er fortan im Hause Marie-Annes oder in ihrer Nähe, in irgendeiner vom Kriege schwer erreichbaren Stadt, leben könne. Aber er mußte sehen, daß. Jans Weib wenig Neigung zeigte, ruhig im Frieden ihres Hauses von den Gefahren und Siegen ihres Gemahls zu träumen. Es schien, als rvenn sie lange Jahre ein starkes, lachendes Leben in sich niedergezwungen hätte, das sich nun in einem prächtigen Mut entlud. Sie bestand darauf, Jan zu folgen, wohin es auch immer sei. Und Josä Maria sah einen holden Traum verblassen und schwinden, und er verstand sich, schmerzlich lächelnd, dazu, das alte Leben der Unruhe wieder auszunehmen. ■ Denn sie ritt mit, an der Seite Jans, zum Jubel der Soldaten, rittlings im Sattel, wie eine Amazone. Die Woge des Krieges schwemmte sie von Bayern nach Böhmen, von Sachsen an den Rhein, nach Köln, Niedersachsen, über Ströme und Bäche, durch verbrannte Fluren und schwarze Wälder, ^-ie schlief in Zelten uiib in Schlössern, in Schenken und unter dem Dache des gestirnten Himmels, immer mutig und srisch, heiter und stott. Sie sah die Flammen brennender Feindeslager, die ihr Jan übersiel, atmete den Pulverdampf der Schlacht, der ihn umwölkte, und grüßte die Kugeln wie Freunde, die um sie kraftlos niederfielen, nachdem sie in ihrer sausenden Wucht ihren Jan verschont. Sie empfing ihren Jan mit dem Rausche der Küsse und Umarmungen, wenn er ins Lager kam, versengt und geschwärzt, das Glück des Sieges ans der geröteten Stirn, und Jan ritt am Morgen nie aus, ohne daß ihr Mund dem stampfenden Pferd einen Segenswunsch in das Ohr geflüstert hätte. Es war kein Wunder, daß Jan behauptete, jetzt doppelt zu leben. Zackerbombenundflöh! Und er schwor Jose Maria, daß er nie so gute Pläne gemacht habe, wie in den Armen seines Weibes. Sie war der Genius des Sieges für das ganze .Heer; die verrohten Veteranen wie die großmäuligen Neulinge schwuren bei „Frau Jan", und wenn sie etwas besonders Hübsches und Nettes erbeutet hatten, brachten sie es (sofern es nicht gar zu kostbar war, selbstverständlich) Frau Jan, und der ärgste Sündcnlümmel errötete wie ein Kind, wenn sie ihm zum Tank lachend einen wohlwollenden Schlag aus den verstruppten Kops gab. Als bei Jankau, wo der Schwede Torstenson den Kaiserlichen böse zusetzte, Marie- Anne ins Getümmel kam und so drei baumlange Schweden ihre Tatzen schon nach Frau Jan ausstreckten, befreite sie ein Trupp Reiter, die in ihrer Wut wie wilde Tiere heulten und die Schweden zerhackten, daß an ihren Leichen nichts Menschliches mehr war. (Fortsetzung folgt.) zeldpost. Skizze von H edda von Schmid. Seit jener Stunde, in welcher die beiden Scliulter an Schulter im Bajonettkampf mit dem Feinde gestanden hatten, seit jener heißen, furchtbaren, aber unvergeßlich siegreichen Stunde, waren \\c doppelt so sehr als vorher getreue Waffenbrüder: der junge Gymnairal-Oberlehrcr, der seinen friedlich,! Berus stolz und freudig mit dem ungewohnten Krieyslxmdwerk vertauscht halte, nild der Schlosser, ein Hamburger Kind, ein junger Hüne, der drein- schlug wie kein zweiter in der Kompagnie. Doktor Trewing »var in Husum zu Hause. „Wir sind ja Nachbarn', hatte er seinen: Nebenmann gesagt. Die Liebe zur 247 Nordsee saß ihnen, beiden im Mut. Nun inarschiertei: sie über Frankreichs Gefilde. Ihnen -Ur Seite schritt der Sieg. Wenn daS taktmäßige Singen sich unterwegs' von Kolonne »u Kolonne fortpslanzte, dann stimmte der blonde Hamburger, Fritz Steffens, mit seinem kräftigen Baß immer »uallererst an, Und der dunkelhaarige, schlanke, zartgebaute Doktor Drewing, der -neben ihm Schritt hielt, fiel dann summend ein. Wie zuversichtlich, wie froh daS klang! ,i$n der Heimat — in der Heimat, Da gibt's ein Wiedersehn . . Ja, die Heimat! Wenn Doktor Drewing seine Augen schloß, dann träumte er sich mit wachen Sinnen gedankenschnell in seine aeliebte Vaterstadt zurück — dann stand sein Elternhaus vor seinem inneren Blick. Am Fenster im Lehnstuhl mit dem verblichenen Bezug aus geblümten: Damast saß seine Mutter und schaute sehn- Nchtig in den kleiner: Spions der die Strahenzeile widerspiegelte. Kam denn der Briefträger noch immer n:cht? Sie wartete ja voller Sehnsucht auf die Feldpost, auf eine Kunde vom Sohn, vom Einzigen . . . Seit die Frau Bau rat Witwe geworden, war er allein ihres Lebens Inhalt. Und auch ihm war keine Menschenseele auf der weiten Welt teurer und heiliger als seine alte Mutter. Bei jeder Rast auf dem Marsch hatte er an sie geschrieben — aus eroberten Festungen hatte er :hr siegessttahlende Grüße gesandt, vor dem Gefecht — in einem französisck)en Obstgarten — hatte er eilig ein paar Grußworte auf eine Karte hingcworfen — ..vielleicht ist's die letzte, die ich an die alte, geliebte Frau schreioe," hatte er dabei gedacht. Und dann nach gewonnener Schlacht — noch hatte alles in ihm gezittert vor hoher seelischer Erregung: „Sieg! Sieg! Mutter — ich bin unverwundet: Mutter, sorge dicht nicht um mich, Dein Gebet hat mich beschützt!" Er sah im Geist seine Mittler beim Lesen dieser Zeilen, sah Tränen der Freude über ihre Wangen herabrinnen. Er kannte seine Mutter: sie zagte nicht, wenn sie sich auch grämte. Wenn sie anstatt des einen zehn Söhne besessen hätte — alle hätte sie freu- dig dahiuaegebeu zu Deutschlands Wehr, und doch zitterte ihr daS Herz in bangen Stunden, und jede Feldpostkarte ihres Jungen war ibr eine Erlösung. Gestern erst hatte Doktor Tretving eine Antwort seiner Mutter auf seinen letzten Feldpostbrief gehabt. Er kannte die lieben Zeilen 'aft auswendig. Ganz so, nne sie sich im mündlichen Verkehr gab, chrieb sie auch — trotz allen Ernstes — mit einem erquickenden lnterton von Frische, ja, mit einem leisen Hauch von Schalkhaftigkeit. „Von meiner Mutter Hab' ich die Frohuatur und die Lust zum Fabulieren," pflegte Doktor Drewing oft zu sagen. Er wußte es selber gar nicht, daß er eigentlich ein Dichter war. Dazu lag auch die Tapferkeit und Zähigkeit in der Natur seiner Mutter ib:n im Blut —- sie war eines Pfarrers Tochter von den friesischen Inseln. „Wer ftäubia das Wattenmeer um sich rauschen hört, fernab von allen: lauten Weltaettiebe, der lernt Menschen und Dinge mit anderen Augen anschauen" — diesen Ausspruch hatte der Sohn oft von der alten Frau veruourmen. Ja, er träumte nun auf dem Marsch so oft — so oft vom grauen Wattenmeer, über das dann plötzlich die Sonnenblitze dahinliefen und alles in Blau und Gold tauchten. Das »var ein anderes Blau, als der Himmel hier! Die Sonne Frankreichs' brannte, die Straße, aui der das Regiment dahinzog, tvar in eine Staubwolke gehüllt, und des Doktors Nebenmann. Fritz Steffens, fragte beflissen: „Soll ich Ihnen mal den Tornister 'n büschcn! abnehmen, Herr Doktor?" Tie wenigsten in der Kompagnie wußten, daß per Musketier Kurt Drewing im Frieden Dr. phtt und wohlbestallter Gymnasialoberlehrer war. „Kamerad sollen Sie mich nennen, Stessens!" „Jawoll, Herr Dok—, Herr Kamerad — also nicht, Sie wollen den Tornister selber wcitertragen, ein büschen schwer loirb er am Ende doch auf die Dauer. Unsereiner, der auf den Hamburgers Werften gearbeitet hat, der merkt die doppelte Last so gut ivie gar nicht. Es marschiert sich ja soweit ganz vergnügt. Herr Dok— Herr Kamerad, bloß, »venn die Feldpost doch bald wieder käme —" fügte Steffens seufzend hinzu. Am nächsten Rasttag des Regiments kam endlich die ersehnte Feldpost, ratterte im Auto heran. Geduldig und so schnell wie möglich tvar sie den in Eismärschen dahinziehenden langen Kolonnen nachgeeilt. Nun hatte sie glücklich ihr Ziel erreicht und ward jubelnd empfangen. Die sonnverbrannten Gesichter der Soldaten erglänzten, die Müden vergaßen, daß ihre Füße wundgelaufen waren: die, welche gegen Ende des langen Marschtages der Hunger geplagt hatte, dachten jetzt, n» sie die heißcrsehnten Nachrichten aus der Heimat in Händen hielten, nicht an Essen und Trinken. Me waren mit einem Schlage satt — und frisch und aufs neue marschlustig:, denn die Heimat war ihnen plötzlich nahe, ganz nahe gerückt, sie stand mit einemmal mitten unter ihnen — die teure Heimat, ihr Heiligstes, um dessen Ehre sie ihr Blut nick) ihr Leben freudig in die Schanze schlugen. Ja. die Heimat lachte ihnen entgegen auS dem Inhalt der vielen, vielen Feldpostpakete. denen man oft den weiten Weg bis hierher mit Pulver und Blei hatte bahnen müssen. „Du^" lagt ein Reservist zun: anderen, und fein Gesicht, das vvm Staub der Landstraße fast unkenntlich «worden ist tagsüber, erstrahlt bei seinen Worten, „Großmutter schreibt mir, ich hätte den zweiten Jungen beklommen, und meine Frau hat selber einen Gruß an den Rand des Briefes hingemalt. Kriegsjungen können wir brauchen!" Die Kameraden gratulieren und schütteln dem jungen Vater die Hand. Lauter frohe, helle Mienen rin^herum. „Wenn ich heimkomme, wird mein kleines Mädelchen sä-on laufen können," sagt ein junger Musketter, „sie soll immer nach meinem Bilde langen, das auf dem Tisch in unserer Wohnstube steht, und soll versuchen, am Tisch bvchzuklettern." „Und wenn ich heimkomme", fällt ein anderer ein, „können meine Braut und ich endlich heiraten. Es langte ja immer nicht dazu, wir haben beide nichts»- fic und ich, und meine reiche Patentante wollte, ich solle mir auch eine Reiche ausfurben. Nun aber, seit .der Krieg da ist, soll sie, wie meine Grete mir schreibt, wie umgewandelt sein. Sie hat ihr Testament gemach und mich zu ihrem Erben eingesetzt. Bei Kriegszeiten muß man an alles denken, hat sie gesagt, und für mich sei ihr jetzt nichts zu schade. Ich fofl bloß heil nach Hause kommen, sagt sie, dann will sie uns die Hochzeit einrichten. Ich l dann — ists wieder nichts." „Habe,: Sie nur Geduld, Stessens, auch Ihnen wird die Feldpost bald etwas bringen." ,Hch Hab' auch von niemand anderem etwas zu erwarten, als von ihr —' der kleinen Lene. Meine Eltern sind lang' tot. Ich bin im Waisenhause groß geworden. Meine Verwandten sind drüben in Amerika. Ich bin allein, Herr Doktor, aber bisher hats mich nie gedrückt, — bloß jetzt, wo ich so sehe, wie die anderen alle sich über ihre Briefe und Karten fteuen, und an mich schreibt niemand — niemand —!" Noch so manches Mal ratterte die Feldpost heran — aber Fritz Steffens ging immer leer aus. Er sagte schon kein Dort mehr darüber. Wenn der Doktor ihm mit einem Scherz oder einem herzlichen Zuspruch über seine Enttäuschungen hinüberhelfen nwllte. so nickte er nur stumm dazu. Er ließ den Kopf hängen und schaute nicht nach rechts, noch nach links. Wenns aber hieß: „Ter Feind!", dann spannten sich alle Muskeln in ihm, dann vergaß er die Feldpost und die vielen Enttäuschungen, die ihr Kommen ihm bereitet hatte, dann stürntte er vor une ein Wilder. Und eines Tages, nach einem Waldgesecht. suchte und fand ihn sein Kampfgerwsse halb bewußtlos, aus schurren Wunden blutend, im Unterholz, wohin er sich mit letzter Kraft geschleppt hatte. Tann lag er auf dem Verbandplatz die ganze lange Nacht hindurch. Der Morgen jedoch, der dem Sciiwerverwuiidrten in das blasse, schmerzverzerrte Antlitz schaute, .var heU und strahlend. Dicht neben SteffenS lag Doktor Drewing. Er hatte einen Schuß durch die linke Hand erhalten, als er seinen Kamrradcn «us dem Bereich des feindlichen Feuers, das noch immer hin uuv nrtffccr den Plan, am dem sich daS kurze, aber heftige Ringen abgespielt, bestrichen. geschleppt hatte. Nun uxir der (JVegncr lvett »urückaewichen, und man konnte daran senken, die Verwundeten sortzuschaffen Der OderstavSarzt hatte den Kopf geschüttelt, als er SteffenS den ersten Verband angelegt. „HoffmLNgsloS!" sagte sein ernster GcnchtScnrSdruck. MS die Sonne langsam, langsam aus brauenden Nebeln emporstieg, öffnete Steffens seine Augen. Ter Blick, mit dem er Doktor Trewing anschaute, lvar seltsam klar, aber schien wie auS einer anderen Zeit -urückzukehren. „Ist sie da — kommt sie — die Feldpost?" formten tonlos seine Lippen Doch Doktor Trewing, der sich über den Kameraden beugte, verstand ihn. Er las das Flehen, das Forschen und Fragen in den Augen des Sterbenden. „Sie ist gekommen, Stessens, und ein Brief für Sie ist diesmal mit dabei, Steffens. Ein Brief aus Hamburg Soll ich Ihnen den mal vorlesen'? Können Sie mich hören, SteffenS? So, ich^ beuge mich zu Ihnen —" Er zog ein Schreiben aus der Brusttasche seines feldgrauen Rockes, der noch die Spuren des blutigen Kampfes an sich trug, und begann mit Heller Stimme zu lesen. Bor seinen Augen standen die geliebten, bekannten Schristzüge seiner Muttern er aber las zwischen den Zeilen des Briefes, und ihm war's, als sagte die gütige Stimme der alten Frau dicht an seinem Ohr: „Gut so. mein Sobn, cS ist Letzte und Beste, tvas du für deinen armen Waffenbruder tun kannst!" Er las Save, die ihm wie von selber auf die Lippen kamen, Sätze, die von Hoffnung und Glück, von Sehnsucht, Treubleiben und froher, seliger Wiederkehr sprack>en. Er könnte ja so viele- aus den Schilderungen Fritz SteffenS, daß eS ihin nicht schwer fiel. Bild um Bild hervorzuzanbern, Erinnerungen, die ein seliges Ccko in der Brust des Sterbenden hervorriefen. Fritz Steffens lag da und schaute in die Sonne. Sie blendete ihn nicht mehr, denn er blickte über sie hinaus in eine noch strahlendere jHelle. TasfLetzte, was er auf dieser Welt vernommen hatte, war da-, twtf Hic Feldpost ihm durch Dokwr Trewing gesandt hatte, waren die Worte: „Ich warte auf Dich, lieber Fritz! Wenn Du heimkommst, will ich Deine Frau lverden Ich sehne mich nach Dir und denke an dich immer — immer —" Mit diesen Worten war Fritz SteffenS' heißersehnter Feldpostbrief für ihn zu Ende gewesen. Doktor Trewing drückte ihin die Augen zu, er sah den Frieden auf den Zügen des Toten, und er sagte sich, daß er recht getan hatte. Langsam faltete er den Brief seiner Mutter zusammen und sprach leise ein Vaterunser. 5tn paar Stunden später war er bereits aus der Heimfahrt nach Deutschland Seine Wunde war doch nicket so leicht, rvie eS zuerst den Anschein gehabt hatte. Wenn er wieder in die Front -urückkehrtt, würde ein anderer als Fritz Steffens an seiner Seite schreiten. Er hatte heute noch dabei gestanden, wie sie dem armen Kameraden da- Grab schaufelten. — Au der Grenze der Heimat kam dem Transport der Verwundeten die Feldpost entgegen „Ob diesmal für Steffens etwas mit dabei ist?" fragte sich D»kt»r T-rewmg, und malte sich dann das liebe, halb erschrockene, halb vor Freude strahlende Gesicht seiner Mutter aus, wenn er ihr sagen tvürde: „Da bin ich, Mutter: anstatt eines Feldpostbriefes ich selber — pfleg' mich schnell gesund, damit ich wieder bald hinaus kann!" So heimelig, so lieb ihm auch die Vaterstadt war, wie ein Fremder wüvde er sich jetzt in ihr Vorkommen, solange er sich sagte: „Meine Feldkameraden liegen in den Schützengräben vor dem Feind." Armer Fritz Steffens! Ihm hätte er jetzt so gern eine Feld- Postkarte geschrieben, damit doch „einer an ihn. dem die Feldpost niemals etwas gebracht hatte, dachte"! Jene Feldpost aber, der Doktor Trewing begegnet ivar, hatte wirklich etwas für Fritz Steffens, den Schlosser aus Hamburg, eine kurze Karte nur, in krickliger Schrift. Auf dieser Karte stand: „Lieber Fritz, ich muß Dir Mitteilen, daß meine Mieterin, das Fräulein Lene, vor vier Wochen im Krankenhaus gestorben ist. Es^ kam ganz schnell. Lungenentzündung, sagte der Doktor. Sie ließ dich noch schön grüßen. Du sollst nicht traurig sein, sagte sie. Ich wußte Deine Adresse nicht, sonst hätte ich früher geschrieben. Aber die Hiobsposten erfahrt man ja noch immer früh genug. Nimm es Dir nicht zu Herzen, lieber Fritz, und laß es Dir gut gehen im Feldzüge. Das wünsckü von Herzen mit besten Grüßen Deine Tante Anna Volkmann. ?. 8. Deinen Feldpostbrief an Fräulein Lene, der nach ihrem Tode hier ankam, hebe ich Dir aus, bis Tu wiederkommst. — Tie Feldpost rattert weit hinein in Feindesland, sie eilt an einem Soldatengrabe vorüber. Dem stillen Schläfer hier kann sie ja nun nicht- mehr bringen — sie fährt lstnaus und wieder zurück in heimisches Land und führt Schicksalschweres mit sich. Frohes und Trübes, Tod und Leben — so, als wäre sie selber das unerbittliche Schicksal, vom Willen des Höchsten über Himmel und Erde geleitet. vüchertlsch. — Der zweite Band deS,KrtegS-Echo*. Verlas Ullstein & Co., geb. Mk. 2,50. Ter soeben erschienene zweite Band des „Kriegs-Echo" setzt ebenso übersichtlich und reichhaltig den ersten sort. „Das Kr,egS-Echo* gibt die Chronik aller Geschehnisse tn lebendigen Etnzelfchilderuugen, läßt Abgeschlossenes klar vor- überziehen und ermöglicht so den Ueberbltck über die bewegten Kriegsmonate. In treuem Spiegel hält es fest, wag im raschen Flug der gewaltigen Zeit nur allzu leicht dem Gedächtnis entschwindet. WaS sich auf den Kriegsschauplätzen, tn Ost und West, in Nord und Süd, jenseits aus und unter den Meeren ereianet hat, zieht noch einmal in fesselnden Schilderungen vorüber. Aber auch all das Große, was sich tin deutschen Vaterlands zugetragen, hat seinen Platz gefunden und reiht sich ein in das große Gemälde de« KriegSivinterS. Weit mehr als hundert Bilder begleiten den Text und als Zeitdokumente sind alle bedeutsamen Bekanntmachungen wiedergegel en. Größere und kleinere Karten für die verschiedenen Kriegsschauplätze lassen dank ihrer Genauigkeit alle Käinpfe Schritt für Schritt verfolgen. Neben beu besten Gedichten, die der Krieg geschaffen, ist auch den Erscheinungen deS Humors, der sich wie alles Deutsche nicht auShungern läßt, ein Raum gegönnt. Ter Bet lag lUlfteiu & Co. hat in einem .Atlas des Krtegsecho" (2ö Pfg.) eine Reihe klarer und übersichtlicher Spezialkarten des östlichen und westlichen Kriegsschauplatzes zusammen- gefügt. — r V o r t r u p p", Halbmonatsschrift für daS Deutschtum unserer Zeit. Herausgegeben von Dr. inr. Hermann M. Popert. Hamburg, rurd Kapitänleutnant a. D. Hans Paasche, Berlin. Verantwortlicher Schriftleiter: vr. phll. R Kraut, Hamburg. Verlag von Alfred Janssen, Hamburg. Preis: Jährlich 5 Mark, vierteljährlich 1 Mark 2» Pf.; Einzelnummer 30 Pf. Tie Nulnmer 6 des 4. Jahrganges hat folgenden Inhalt: China, Japan und wir von Gouverneur a. D. Admiral v. Truppe!; Unzeitgemäß« Wasservergeudung von R. S.; Der Schatz inr Acker; Der Germane von Wilhelm Müller. v— lIm 24. Heft der KriegSzeitschrift „Der Völker krieg" (Verlag von Julius Hoffmann, Stuttgart), bringt der italienische Kriegsberichterstatter Luigi Barzini eigentlich den ganzen Inhalt des mit Heft 23 beginnenden neuen Abschnitts „Die Kämpfe an der Wesffront bis Mitte Januar 1915" auf eme einheitliche Formel. Die Hefte 23 u. 24 behandeln im wesentlichen die Kämpfe in Flandern und Nordfrankreich, denen der große amtliche französische Gesamtbericht über die ersten vier Kriegsmonate und eine eingehende Schilderung des Lebens im Schützengraben vorangestellt sind. Jedem Kapitel sind eine vorzügliche Uebersichtskarte und eine Anzahl interessanter photographisäier Aufnahmen beigegeben. Das einzelne Heft kostet 30 Pfennig. — Auf der Wacht an den Masurischen Seen, dem Bollwerk des Ostens. Knegsbilder von der ost- preußisch-russischcn Grenze von Hans Gränitz, Leutnant beim Stabe eines Art.-Reats. im Osten. Mit Karte der Masurischen Seen. Preis 0,80 Mk. Leipzig, Verlag von Krüger & Co. ES sind lose Blätter aus dem Kriegstagebuch eines Mitkämpfer-, keine Kriegsgeschickste, sondern Momentphotographien aus dem Schlachtenleben. _ Schach-Ausgade. Schwarz. Von A. B i ck u p. abedefgh MT Weiß setzt mit dem zweiten Zuge Matt. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummert Der ist arm, den die Sorge grau macht. vchrlstleitung: Aug. Goetz - Rotationsdruck und Verlag der Brübl'fcben UniversitätS-Buch- und Dteiudruckerei. R. Kanoe. Gieüen.