Jan von Werth. Roman aus dem Dreißigjährigen Krisge von Franz Herwig. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung) 11. Kapitel. Eine neue Pariser Mode. Keine Kompagnie begleitete den gesungenen Jan, kein Regiment, sondern ein Heer. Seine Kalesche, in der er mit dem bayrischen Obersten Enckefort saß, umgaben schwedische Kürassiere, den Pistolenkolben auf den Schenkel gestemmt. „Enckefort, man tut, als wenn ich ein König oder ein Staatsverbrecher war'," sagte Jan. „Sie werden mich nicht lange so eskortieren. — Wann ist der Bote sort?" „Vor zwei Stunden, Exzellenz." ^Maximilian hat noch den Horn bei sich, den ich ihm sing. Er soll mich auswechseln. — Enckefort, ich halt's nicht aus — in diesem rollenden Sarg? Hätten sie mifl einen Karrenaaul zum Reiten gegeben! Mich wie ein altes Weib in die Kutsche zu packen! Nein, laß die Vorhänge geschlossen. Wenn ich die schwedischen Kolletts sehe, spuck' .'ich Galle!" „Bald ist's Abend, Exzellenz." ,„Jch geh nicht nach Paris!" schrie Jan. „Man soll mich aushängen, aber nicht lebendig nach Paris bringen. — Hörst du, Enckefort^ Da wird geschossen!" Er steckte den Kopf zum Kntschenfenster hinaus. Sofort schlossen die Kürassiere sich enger zusammen. Das ferne Musketenseuer ging in ein rasendes Knattern über; es stieg in einem jähen und kühnen Bogen empor ime eine Rakete. „Man will Euch befreien!" sagte Enckefort freudig. „Können sich's sparen, übermorgen bin ich doch frei!" Die Kuljche wurde plötzlich vorwärts gerissen; die Kürassiere fielen in Galopp. Jan tobte! Jagten die Kerls wahrhaftig mit ihm los, ohne daß er's besohlen! Bisher hatte man auf sein Kommando gewartet, jetzt scherte inan sich den Teufel drum? Als der Wagen in den Schloßhos von Benseld einfuhr und der Kammerjunker des Königs, Herr de la Meilleraye, ihm mit tiefer Verbeugung den Schlag öffnete, beachtete Jan den verdutzten Franzosen gar nicht, sondern segelte an ihm vorbei, knurrend und blaß. Zwar war er nicht in einer Zelle in Hast wie damals, als die Franzosen ihn zum erstenmal singen, sondern in einer Flucht behaglicher Zimmer; auch sollte er nicht gehängt, sondern an den französischen Hof gebracht werden, aber er würde jedem Menschen gesagt haben, daß die Exzellenz von heute gern mit dem Jan von darnals getauscht hätte. Und dazu dieser langweilige Dickkops Enckefort bei mir! dachte er. Hätten mir wenigstens Jose Maria als Gefährten geben sollen. Aber der scheint in Rheinfelden alles verschlafen zu haben. Wacht vielleicht gerade jetzt auf und sagt: „Will mal nach dem Jan sehen." — Gelegne Gott deine edle Absicht, ehrwürdiger Freund, aber den Jan führten sie im Lande umher wie den Giraffen aus dem Ände Afrika. — „Enckefort, hast du Tabak?" fragte er laut. Und als er in den dicken grauen Wolken des Pseifengualms verschwunden war, wurde ihm etwas wohler, so daß er eine Stunde später sogar erlaubte, daß ihm der französische Junker seine Aufwartung machte. Da erfuhr er, daß die Bayern in der Tat einen Befreiungsversuch gemacht hatten, aber es wäre zusammengerafftes Volk gewesen. Tie meisten seien gefangen. „Uebrigens sind wir morgen über die Grenze," sagte Herr de la 'Meilleraye lächelnd. „Ueber die Grenze?" sagte Jan und nahm die Pfeife aus dem Mund. „Ueber die Grenze? Wer ist morgen über die Grenze?" „Nun — Ihr und wir." Jan stand langsam aus und ging an das Fenster. Nach einer Pause sagte er: „Da irrt Ihr. Geht immerhin über die Grenze, und ich werd' sagen: Glück auf den Weg. Mer ich gehe nicht." Er fuhr herum. „Versteht Ihr? Ich gehe nicht!" „Exzellenz — " Zackerbombenundslöh! Eher seht Ihr mich morgen an diesem Fensterkreuz baumeln!" „Ich werde Euch Gesellschaft leisten, damit Euch kein Unglück zustößt." Er blieb wirklich. Er und drei Offiziere. Sie hockten stumm in Jans Zimmer, die ganze Nacht, und Fan warf sich auf seinem Bette herum und schlief erst nach Mitternacht über seinem Fluchen ein. Aber als der Morgen kam, sagte er trotzdem: „Ich gehe nicht." Man mußte ihn greifen. Er schlug mit Fausten um sich. Sechs schwedische Kürassiere packten ihn an Armen und Beinen, um den Leib. Einer stand dabei und hielt steif ltnb stumm Jans Stiefel in der Hand. Mit einem Male stieg ein gewaltiger Ekel in Jan auf; er schämte sich. Er wurde still, und man stellte ihn aus die Füße. „Ihr vergebt, Exzellenz — aber ich mußte denc Befehl gehorchen," sagte Meilleraye. Jan sah ihn nicht einmal an. Er zog keuchend die gelben Stiefel an und stieg schweigend in den Wagen. Da rollte er los. Also ging es doch nach Paris. War ihm schon alles gleich. Tie'Pfeife angebrannt, das machte milde im Gemüt. Man kam durch ein Dorf. Ueberall standen schwedische Soldaten, die ihn stumm und mit Ehrfurcht betrachteten. Seht ihn euch nur an, dachte Jan, hättet ihn sonst nicht so nahe — 226 gesehen, ohne zum Teufel zu fahren. Plötzlich rief aus einem Fenster eine Stimme, eine seltsam bekannte Stimme: „Jan! Jan!" Er fuhr hoch. Da oben an jenem Fenster war Balgerei; vier, fünf Gelbröcke suchten einen Schwarzrock vom Fenster fortzuziehen. War das nicht — ? „Jos6 Maria!" schrie Jan und: „Halt! Halt!" Er hatte im Nu den Schlag aufgerissen und sprang mitten unter die Eskorte. Herr Meilleraye galoppierte herbei. „Mein Herr," rief Jan, „in jenem Haus halt man nieinen Herzbruder gefangen. Laßt ihn zu inir! Uebrigens ist er geistlich und darf nicht gehalten werden!" „Ter?" sagte der Franzose, „der gestern, Degen in der Faust, der Erste war, als man uns angriff?" Jan kehrte seine Taschen um. „Nehmt alles, was ich habe! Ich geb' Euch Wechsel, mein Herr, in jeder Höbe — aber gebt mir den Abbs." Der Franzose überlegte. „Vorerst steigt ein. llnd was das Geld anlangt, reden wir nachher dariwer." Wenig später laß Joi6 Maria in Jans Armer?, und Enckesc-rt stieg in die iräcyste Kutsche. Fortan gab es stille und warme Wende in den Nachtquartieren, besinnliche Frühlingsabende, wo man zu zweit am Kaminfeuer saß. wie Götter auf Wolken tyronend, Wolken von Tabaksrauch, und langsam den rubinfarbenen Wein in die Kristallgläser laufen ließ. Nur einmal, als Josä Maria von Griet, der toten Griet, zu sprechen begann, stand Jan verlegen aus und sagte: ..Ich will schlafen gehen." Und als Jose Maria wenig später an Fans Tür kam, fand er sie verriegelt, und kein Jan antwortete auf sein Klopfen. Da stellte der Abbs die Weinkannen beiseite und ging auf den Zehen zum Fenster, das er öffnete. Er sah lange in die Nacht hinaus, die von dem Schimmer der Sterne matt erhellt tmir, und schließlich kniete er nieder, den Kopf aus die Brüstung gelegt, und betete für die arme Seele von Jans totem Weib. — Jenseits der Grenze war Jans Eskorte vermindert worden. Von Ueberfällen war nun nichts mehr zu fürchten. Aber als der Zug in die Nähe von Nancy kam, wurde es auf dem Wege seltsam unruhig. Bauern liefen unter Geswrei quer über die Felder herbei; wenn man durch en, Dorf kam. ging es nur im Schritt vorwärts. So wahr ick, Jan heiße, da rotten sich einige tausend Bauern zusammen!" Jose Maria toandte den Kopf hin und her, um zwischen den Lücken der Begleitung etwas zu sehen. Er wurde unruhig Jan süylte den Grund. „Wär's nicht hübsch, Herzbruder, wenn sie deinen Jan mit Bauernknütteln totschlügen? Denn die Handvoll milch- artiger Franzosen, die mich schlitzen soll, ist ein Treck gegen solche Haufen." Man hörte bereits die Hufschläge der Soldatenpferde nicht mehr und das Rollen der Räder. Ein unbestimmtes Brausen war laut und der Lärm erregter Stimmen. Ein- jkefne Rufe, die man nicht verstand, schwangen sich hoch Der Wagen hielt. Die beiden Freunde sahen, wie die französischen Soldaten ihre Tiere in die andrängenden Menschenmassen trieben, die nicht wichen. Und da wurden zum ersten- mal die Rufe deutlich: „Werth! Jean de Werth!" Jan biß sich auf die Lippen: „Ein sauberes Ende für einen Reitersmann. Ich habe nicht umsonst die Franzosen gehaßt von je!" Er stand auf uird schrie: „Schießt doch! Und drein? Gebt mir meinen Degen!" Wer da erschien das lachende Gesicht Meillerayes am Kutschenschlag, und lachend rief er: „Exzellenz, wollt Ihr Eure Bewunderer töten?" Da durchbrach die Volksmenge den Kordon der Soldaten. Gerötete Gesichter, fuchtelnde Arme. „Das ist er!" Mrw es. „Jean de Werth! Der Werth von Corbeil! — Der Paris geschreckt hat!" Mütter hielten ihre rosigen Kinder mit ausgestreckten Armen hoch über ihre Köpfe und riefen: „Sieh! Sieh! Das ist Jean de Werth!" kletterten über die Köpfe der Minner, schwenkten bebänderte Stecken und rie cif „Bive Jean de Werth!" Lachende Männer riefen's nach, und Mädchen klatschten in die Hände. Plötzlich tauchte vor Jans verdutztem Gesicht ein schwarzhaarig Ding aus, mit großen, lachenden Augen und die Röte der Aufregung auf den Wangen. Sie hielt mit ihren ruuden, weißen Armen einen Krug mit Wein hoch und ries: „Trink, Jean de Werth, trink! Willkommen in Frankreich!" Da schlug sich Jan aus die Schenkel und brach in ein unbändiges Gelächter ans, und mit der Linken nahm er den Weinkrug und mit der Rechten das Mädel uird hob es empor und drückte ihm einen herzhaften Kuß auf die geöffneten, tvarmen Lippen. Während er dann die glänzende Nase in die duftende Finsternis des Kruges tauchte, hörte er das rasende Geschrei: „Vive Jean de Werth! Vive Jean de Werth!" — „Herr de Meilleraye, gebt mir ein Pferd! Das sind reizende Menschen hierzulande, besonders die Mädchen. Nicht wahr, Jos6 Maria? Und habt keine Furcht, mein Herp, daß ich fliehe. Das wäre Sünde uird Verrat an diesen lieben Menschen." Man gab ihm ein Soldatenvferd. Er brauchte nicht in den Sattes zu steigen, man hob ihn hinauf. Und er ritt weiter, umjubelt wie ein Held, wie ein geliebter König oder wie ein Heiliger. Viele trabten mit bis zum nächsten Dorf. Manche liefen voraus und riesen: „Er kommt! Jean de Werth kommt!" Und vor Nancy und vor Bar und vor Vitry, vor Chalons, Espernay — vor jeder Stadt kamen ihm die Bürgermeister entgegen und das entflammte Volk und die erregten, rotwangigen Mädck)en, ja vor allem die Mädchen, und überall gab's Ehrungen und königliche Essen, und Jan ließ sich nicht nötigen. In La Fere war, als Jan einritt, die ganze Garnison in Spalier aufgestellt, und der Kommandant, Graf Soissons, dem Jan dainals an der Somme das Heer gesprengt batte, umarmte ihn auf offenem Markt. Sie saßen während des Gelages auf dem Rathaus nebeneinander wie zwei Waffenbrüder, und als man endlich in der Morgenfrühe auseinanderging, brachte Soissons wankend und gerührt Jan, der mit starren, weit aufgerrssenen Augen auf seine Füße sah, daß sie sich auck gerade und würdevoll setzten, bis an sein Schlafgemach, uird Jan brachte ihn wieder bis an das Rathaustor, vor dem biss Fackeln der Lakaien in der grauen Morgenluft dunkel flackerten, und dann kehrten sie wieder zusammen um und standen balancierend vor Jans Tür, indem sie mit großen Armbewegungen die politische und kriegerisch Lage lösten. Zwischndurch so oft sie eines Sinnes waren, küßten sie sich. „Jos6 Maria," sagte Jan danach zum Abb6 und bemühte sich, wichtig auszusehen wie ein Kanzler, „Jos6 Marra, sag' einer noch etwas gegen Soissons! Er ist mein Freund. Zackerbombcnundflöh! Wir werden uns nie mehr trennen, und ich werde ihm die Augen zudrücken, und er wird mir diesen Liebesdienst tun. Hörst du? Er ist ein goldener Mensch!" Aber am nächsten Mittag, als Jan seine Reise fort- setzte, war der Graf noch nicht anfgestanden, und übrigens war Jan schlechter Laune. Kein Wunder, denn er hatte so viel getrunken wie der selige Dragoner von Breda. Und seine Laune wurde nicht besser, als man ihm sagte, daß die Reise nicht durch Paris, sondern um Paris hi> umginge nach Vincennes. Er hatte nicht wenig von dem Einzug in Paris erwartet und hatte sich schon eine nette und kurze Rede ansgedackft, die er am Tor halten wollte So kam ihni die Rolle des Gefangenen, die er fpielen mußte wieder recht zum Bewußtsein, als man ihn in dem alten Donjon des Schlosses von Vincennes einqnar- tierte, zwischen fünf Meter dicken Mauern, mit der Aussicht durch Gitterfenster auf Wälle und Kanonen und einen tiefen Graben, in dem schwarz das Wasser stand. (Fortsetzung folgt.) vtx orief. Seit Monden schon tobte der große Weltenbranb, aus dem eine neue Zukunft erblühen soll. Mit ehernen Füßen schritt die Krieasfurie über hoffnungsvolle Menschenleben, blühende Städte und Lander Tod und Vernichtung: tm Gefolge. Neben Siegesjubel aing schweres Leid einher, alle Werte waren verschoben, umgeschaltet, die Welt schien auS ihren Angeln gehoben. Der Feind war von den Grenzen des Reiches verdrängt und Aon weit im eigenen Lande bedroht. G-kockentöne und flatternde Fahnen hatten die großen, berauschenden Siege des ersten drauf- gehenden Anstürmens verkündet. Hoch brandete die Begeisterung, jeder wuchs über sich selbst hinaus und die hochgespannte Erwartung glaubte das Unmöglichste erreichbar. Wie Mehltau legte es lich deshalb auf die erregten Gemüter als die Zeitungen spärlicher von stürmenden Siegen, desto mehr^ aber von der unritterlichen Kampsesart der Gegner und ihren verruchten Plänen berichteten. Die vorbereitende Ruhe draußen legte sich als beklemmende Angst auf alles pulsierende Leben, die Weltgeschichte hielt den Atem an. Nun hatte der Schleier der Nacht sich über alles Auf und Nieder der Gefühle gebreitet und erlösender Schlummer das Bewußtsein von Freude und Leid ausgelöscht. Nur in dem Stübchen einer einsamen Frau leuchtete noch milder Lampenschimmer auf ein tränenschweres Antlitz hernieder. Sie schrieb an ihr Kind, das draußen vor dem Feinde stand. Fast noch ein Knabe, hatte seine leidenschaftliche Begeisterung sich den Eintritt in das Heer erzwungen. Mit den herrlichen Siegesnachrichten waren auch seine jubelnden Briefe gekommen, durchglüht von der Freude des großen Erlebens und Mütterchens Antworten spiegelten die gleiche Freude wieder. Der Wandel draußen gab sich mm auch in den Briefen des Sohnes kund, sie waren ruhiger, reifer, abgeklärter geworden. Der knabenhafte Ueberschwang war dem Ernste der schicksalsschweren Zeit gewichen. Zwar sprachen sie von zielbennißtem Hoffen, aber auch von Anstrengungen, Entbehrungen. Kälte und körperlick^em Unbehagen — Grund genug, ein Mutterherz erzittern zu lasten. Seit Wochen waren die Nachrichten dann ganz ausgeblieben, und nun schlug unbezwingliche Angst ihre Geierkrallen in die treue Mutterbrust. Die Tage wurden ihr zu einer Kette sehnender Erwartung, wohl noch gezügelt von ruhiger Erwägung, aber die Nächte waren erfüllt von schreckhaften Vorstellungen und scheuchten den Schlaf von den tränenfeuchten Lidern. Heute litt es sie nicht länger auf ihrem ruhelosen Lager und trieb sie ihren schweren Kummer in Worte ausströmen zu lassen. So schrieb sie in dieser stillen, vorgerückten Nachtstunde: ,Mein heißgeliebter Einziger! Tödliche Angst führt meine Feder. Lebst Du noch, oder hat die fremde Erde schon Dein teures Blut getrunken- Ich trüge es nicht. Tie Tage seit Deinem letzten Briefe haben sich mir zu Jahren gedehnt, meinen Scheitel gebleicht und meinen Nacken gebeugt. Der Schlaf flieht meine Augen und der Kummer ist mein steter Begleiter. Täglich biete ich auf den Knien dem lieben Gott mein Leben für das Deine an. denn! ohne Dich ist es doch wertlos für mich. Die heiße Mutterangst hat alle andern Gefühle in mir erstickt, ich kenne nur noch den einen Wunsch. Dich wieder in meine Arme schließen zu dürfen.- £>ier hatte der Schmerz sie übermannt, schluchzend sank ihr Haupt in die auf^dem Tisckie verschlungenen Arme. Aus leisen Sohlen kam der Schlummer herbei und führte ihre Seele ins Land der Träume. Sie sah, wie die Feldpost rm Lager chres Kindes verteilt wurde. Jubelnd nahm ihr lieber Junge ihren Brief entgegen, bedeckte ihn mit Küssen und kauerte sich in einem Winkel nieder, um ihn ungestört zu genießen. Nun sah sie aber auch, wie das von Anstrengungen und Entbehrungen sännal gewordene Antlitz beim Lesen länger wurde, ein schmerzlicher Zug sich um den Mund eingrub, aller Glanz aus den leuchtenden Augen verschwand und schwere Tropfen auf das Blatt in seinen zitternden Händen niederfielen. Tann trieb's ihn in banger Hast zum Vorgesetzten, einen kurzen Urlaub zu erbetteln, der ihm naturgemäß abgeschlagen werden mußte. Gebeugt, wie unter der Last von Jahren, schlich er davon, mechanisch dem Zwange seiner Pflicht bis zum Dunkelwerden sol- gend Dann hielt's ihn nicht mehr..Leicht und behutsam entledigte er sich seines Gepäcks und seiner Waffen, und begünstigt von der schwarzen Mitternacht, kroch er davon, bis bergendes Gestrüpp ihn aufnahm. In der unbegrenzten Möglichkeit des Traumes gelang die unselige Flucht. Immer noch im Traume, glaubte die Schlummernde ein leises Klopfen zu vernehmen. Zögernd öffnet sie die Tür und vor ihr steht ein beschmutzter, zerlumpter Mann mit den irren, scheuen Blicken eines Verfolgten und stürzt mit dem Aufschrei „Mutter" tn ihre zitternden Arme. Keine Freude lag über diesem Wiedersehen, keine Frage wagte sich über die bebendeil Lippen der bestürzten Frau. E^chütterk und wortlos hielten sie sich umschlungen. Mit durch Angst verdoppelter Kraft bettete sie den Ersck>öpften und ließ sich wie in der Kindheit Tagen an seinem Lager nieder, indem sie ihre Hand aus seine glühende Sttrn legte. War das ihr lieber sonniger Junge, der strahlend vor Stolz Und Gluck hinausgezogen- Was hatte in der kurzer! Frist aus dem halben Krnde einen müden, gebrochenen Mann machen können, so fragte sie sich beim Anblick der starren, vergrämten Züge und der scheuen Micke, die Pen ihren nicht zu begegnen wagten. Unter dem magischen Drucke der güttgen Hand löste sich da» dumpfe Schweigen und keuchend brach es von seinen Lippen: Mutter — Dein Brief — Deine Tränen — sie löschten alles in mir aus — nur ein unbezwingliches Heimweh nach Dir lösten sie. — Ich sah sich die Türe dieses Häuschens öffnen — man trug einen schmalen Sorg heraus, dem mitterdige Nachbarn das letzte Geleite zum einsamen Grabe gaben — man ttug mir mein Mütterchen hinaus und sie starb um mich. Da hielt mich nichts mehr und äls mir der erbetene Urlaub verweigert wurde, vergaß ich Cid und Pflicht in dem einen brennenden Wimsche, an Deinem Herzen, in Deinen Armen zu sterben, denn diese 'Schuld — diese Schmach — ich überlebe sic nicht. Kranipfhaft umschlossen seine Arme die von Entsetzen Gelähmte. Tann schüttelten wilde Fieberpbantasien den erschöpften Körper des armen Jüyglings — vergessen war alle Not, mit Hurra und Siegesjubel gings wieder zum Sturmangriff, daß ihre Anne den Tobenden kaum im Bette halten konnten. Plötzlich, mitten in diesem Toben, ein angstvolles Lauschen, stier heften sich die aus den Höhlen quellenden Augen auf di« Tür — dann ein qualvolles Flüstern: „Mutter, sie kommen, sie holen den Fahnenflüchtigen —■ morgen werde ich erschossen." Doch diese letzte Schmach blieb ihm erspart, sie fühlte, wie feine sie mnklammernden Arme sich lockerten, ein Strecken ging durch die Gestalt, der Kopf sank hintenüber — wie er ersehnt — an ihrem Herzen hauchte er seine Seele aus. Ter von äußerer! Not entkräftete Körper hatte dieser Seelennot nicht Stand gehalten. Entgeistert starrte sie auf ihr Kind, dessen hoffnungsreiches Leben ihr Kleinmut in Schmach zugrunde gerichtet. Für diesen großen Schmerz gab es keine erlösenden Tränen. Wie ein schwarzer Abgrund tat er sich vor ihr auf, in dem sie haltlos versank. In dem Schreck des Bersinkens erwachte sie und umklammerte Hilfe suchend den Tisch. Da knisterte es unter ihren Fingern und in dem langsamen Erwachen des Bewußtseins starrte sre fassungslos auf das vor ihr liegende Blatt. Da — was ist das— da liegt er ja. der Brief, von dem das Unheil ausgegangen. Ein befreiendes „Gott sei Dank" löst sich von ihren Livven. Noch ist das Unglück nicht geschehen: aller Kleinmut, alle Verzagtheit ist wie weggewischt. In tausend Feyen zerrissen fliegt das Unglücksblatt in den Ofen. Nun aber soll ihr lieber Junge seinen Brief haben, wie ihn nur selbstloseste, aufopfernde Mutterliebe schreiben kann. Beschwingt eilt die Feder mit allen Ausdrücken innigster Liebe und felsenfesten Gottvertrauens über das Papier, sie soll Trost und Stärkung und Aufmunterung in den Stunden der Uebermüdung und Anstrengung bringen und plaudert von dem Stolze der Mutter über ihren heldenmütigen Sohn und von allem Lieben, das die Seele desselben hell und froh macht Noch in der Nacht trägt sie den Brief selbst in den Kasten, befreit und froh, daß es ihr vergönnt gewesen, solch schweres Unheil abzuwenden. —■ Viel große Siege werden draußen errungen und die Helden mit Ehrenzeichen geschmückt, kein Lorbeer aber und kein Ehrenkreuz krönt das stille Heldentum dieser Mutterliebe, die sich selbst! bezwang. F. S. Der Klub-Stratege. Die „Times", die sich in diesen schweren Zeiten so recht als Lehrerin und Erzieherin der Engländer fühlt, hält ihren Landleuten in satirischen Bildern bisweilen ihre Untugenden vor, so wie es in alter Zeit -lddison in seinem berühmten Spectator getan. entwirft sie eine Porträtzeichnung von einem in England jetzt sehr häufigen Typus, dem Klub-Strategen. „Jeder würde ihn gern fliehen, wenn er nur könnte. Aber man kann ihm nicht entrinnen, denn er geht um "ne ein brüllender Löwe und suchet, wen er ver- chlänge. Verkrieche dich in das entfernteste Schreibzimmer, vertiefe dich in die wichtigsten Schriftstücke, du mußt den lauten Baß seiner Stimme hören, mußt ersaufen in der trüben Flut seiner Reden. „Ah, Burgfey!" ruft er schon von weitem. „Nun, was habe ich Ihnen das letzte Mat ge- agt? Jeder Narr konnte sehen, tvie die Sachen gehen mußten. Aber niemand glaubte mir. Ich hatte es aus einer ganz sicheren Quelle, schon vor Wockien, erinnern Sie ick?" Bingley, der durchaus ein paar wichtige Geschäfte erledigen muß, sagte, er erinnere sich ganz genau, -wer wenn er hofft, damit los zu kommen, so täuscht er sich. Unser Stratege fyat ihn am Westen knöpf und redet, lvas das Zeug halten will. Nie ist er ohne Zuhörer, und wenn er einern ettvas auseinandersetzt, bildet sich baw ein Kreis um ihn. Das Geheimnis seiner Anziehungskraft ist schtver zu entdecken. Man glaubt, dnß einer, der soviel redet, doch 223 etwas wissen muß, und txi er stets seine höcl)sten Bez-iehun- gen und genauesten Informationen im Munde führt, so macht er schließlich Eindruck. Er kann auch alles aus die einwandfreieste wissenschaftliche Art erläutern, und nrögen seine Ansichten noch so falsch, seine Erörterungen noch so tödlich langweilig sein, es ist sein Organ, das schließlich siegt, weil es die Tragweite eines modernen Feldgeschützes hat. Stets ist es die allerletzte und allerneueste Nachricht, verössentlicht oder unveröffentlicht, die er ausposaunt. Seine Kritik macht vor nichts halt, und allen Generalen weist er ihre Fehler haarklein nach. Selbst rul)ig essen kann man nicht, sondern er verwandelt den Eßtisch plötzlich in ein Schlachtfeld; die Teller, Messer, Gabeln und Löffel müssen für seine strategischen Darstellmraen herhalten, und schon ist eine Bratenschüssel zu den Befestigungen von Neuve Chapelle befördert, gegen das ein paar Lössel den Sturm! eröffnen. Selten wird man ihn mit dem Gefühl der Beruhigung und der Zuversicht verladen. Vielmehr lauern in seinem Orakelton stets dunkle Ahnungen kommenden Unheils; immer ist etwas nicht richtig, und häufig ist hps Schlimmste zu befürchten. Im Grunde seines Herzens ist er ein ganz guter Bursche, aber der Krieg ist nun einmal seine fixe Idee geworden, und man darf rhn nicht für das verantwortlich machen, was er tut und sagt. Wenn alles vorüber ist, dann wird er gewiß wieder ganz erträglich werden. Aber bis dahin steht er da als ein seltsames Nebenprodukt dieser Zeit, als das traurige Beispiel eines' Menschen, der in diese unruhigen und ungewissen Tage nur noch mehr Unruhe und Ungewißheit hineinbringt." vermischte». * Mißglückte ErnährungSresormen. Die Knappheit unserer Hauptnahrungsmittel hat zahlreiche findige Geister auf den Plan gelockt, um unS Surrogate und Ersatzmittel bet der Herstellung des Brotes zu einpsehlen. Ein Teil dieser Vorschläge ist sicherlich theoretisch gerechtsertigt, aber ihrer Umsetzung in die Praxi- stehen unüberwindliche Schwierigkeiten gegenüber. So werden als Ersatzmittel sür das Roggen- und Weizen,nehl Mehle von anderen Zerealien empfohlen. Diese würden, das muß zugegeben werden. einen vollivertigen Ersatz gewähren, »venn sie überhaupt in nennenswerter Menge vorhanden wären. killet,», werden die Bestände, die wir zurzeit von ihnen besitzen, herangezogen, so sind sie so gering, daß sie bei den ungeheuren Quantitäten, die in Frage kommen, gar nicht ins Gewicht lallen. Andere Reiormvorschläge vernachläisigeil das Gebot, daß bte Nährgemische auch schmecke»» und nicht Widerivillen erregen sollen. Man braucht die Bedeutung de- Wohlgeschinackes einer Nahrung sür die Verdauung und Ernährung nicht ganz so hoch einzuschätzen, ,vie man e- bisher unter dem Einfluß der berühmten Pawlowschen Experi- menle getan hat. Tenn daS Wesentliche, jedenfalls das, worum man be» der Massenernährung zimächst sich zu künnnern hat, ist die Größe der auS der Nahrung gespendeten Kraft, sodann ihre Ausnützung. Wir wissen jetzt, daß auch Speisen, die sich nicht durch hervorstechenden Wohlgeschmack auszeichnen, soiidern eher etivaS langweilig schinecken, dennoch gut verdaut unb ansgenützt werden. Dies dars aber nicht dazu verleilei», den psychologischen Faktor des Geschmackes völlig zu mißachten. ES gibt Geschmacks- gualitätei», die, einn»al erregt, als angenehln empsunden werden, während sie das Gefühl des Widerwillens auSlösei», wenn sie dauernd in der Rahrting auftreten. Dies gilt, wenigstens bei Er- ivachsenen, sür stark zuckerhaltige Speisen. Deshalb ist der kürzlich zur Erörterung gehellte Vorschlag, das Brot durch Ztlckerzusatz zu strecken, undurchführbar. I,» dieser Richt»mg hat sich auch der bekannte ErnährungSphys,ologe Professor Max Rubner in Berlin aus- qesprochen. Der Genuß derartigen BroteS würde einen dauernden süßen Geschmack im Munde erzeugen, der zuin Widerwillen gegen Nahrungsaufnahme führt und dadurch die Ernährung selbst zu schädigen inlstande ist. * Unter dem Kanonendonner getraut. Eine inerklvürdige Eheschließttng ist dieser Tage in Frankreich, iit einem Torf in der Gegeird von Verdun, gefeiert worden. Die Bra»lt, die von weither kam, begab sich geradenwegs z»,r Schule, »vo ein de- scheide»»er Saal mit Blumen und Kriegstrophäen ausgeschmückt ivar. Der Saal war voll von Soldaten in Feldnnisorm, und unter diesen errvartete sie der Bräutigain, der die Bra»it bei der Hund nahm und sie vor eilten Ti'ch führte, an dem eil» Offizier mit dein geöffneten Bürgerlichen Gesetzbuch vor sich saß. Draußen donnerte das Feuer der Geschütze urid der Maschinengewehre. Unter der Begleitung dieser eigenartigen Hochzeitsmtlsik gab der Sisizier, der die Stelle des BürgernreislerS vertrat, unter dem Beistand eines Unteroffiziers als Sekretär die beiden j»»ngen Leute zusammen. Die Feier ivar uur von kurzer Dauer, da da- Geschütz euer an Stärke zlmahin. Trotzdem fand der Offizier die Zeit, den beiden Neiivernrählten eine kurze Traurede zu halten: „Während Ihr Gemahl sich wieder zu seinen Kameraden begeben wird, die in den Schützengräben das Vaterland verteidigen, werden Sie, junge Frau, in Ihre liebe Heimat mit geiecht ertigter Trailer alletn zu»n häuslichen Herd zurückkehreil; aber ich bin über- Ituqt, daß Sie wie alle guken Französinnen, die daheim warten, seine Rückkehr lucht -vor dem Siege wünschen. DnS ist daS ge- meinsaiue Ideal. Wie die Sparlanermnen werde». Sie, »venn Sie sich von dem trennen, den ich eben mit Ihnen verbunden habe, sagen : siege oder stirb sür Frankreich I Verzweifeln Sie nicht, junge Frau, da and) wir nicht verzweöeln, sondern siegen wollen I* So erzählt der „Figaro-, der feslntlll, daß dies die erste Eheschließung beim sranzöstschen Ostheer gervesen ist. * Der keusche Joseph von W a s h i n g t o n. Einen Schadenersatz von 6900 Mk. wegen .durch einen unerwünschten Kuß auSgestalidener Angst und Pein- verlangt aut dem Klagewege Sh. (£, 9)1. Griffin, der im Kasinothealer von Washington der Gegei,stand eines .Angriffes- von feilen der Miß Babe Norman wurde. Miß Norman sang mit drei anderen hübschen jungen Damen ln einer Operette .Der Honigjunge* ein Quartett mit dem schönen Refrain: .Willst Du nach küssen?-, und die Ta»nen tanzten zur Erhöhung des Vergnügens nachher durch den Saal, wöbet sie ihre Aufforderung auf der Stirn eines geeigneten Ob- jeklS anschaulich erläiiterlen. Mr. Griffiu saß neben seiner Frau aus ei,»ein Ecksitz, und alS Miß Norman inr Vorübertanzen ihren Rosenmund auf feine Stirn neigte, stieß er einen Schrei der Ent- rüstung aus und „'ehrte die Dame höchst unranlt ab. Nun bat er gegen das Theater und die Ehortni,» auf 0000 Mk. geklagt, weil man ihn in seiner Ehre gekränkt und lächerlich geinacht habe. Miß Norman aber behauptet, er hätte sich als Ehemann vorher kenntlich machen müssen, dann würde sie ihn nicht .mit ihrem Kuß torpediert haben.- vüchertisch. — Deutsche Krast. Von dieser durch Leo Eolze unter Mitarbeit von Geheinlrat Prozessor Joses Köhler, Geh in,rat Lujo Brentano, Prozessor Tr. Silbergleit, Pro'estor Dr. Voigt, Professor Burgeß. Proseffor Fullerton, Pro essoc Tr Kimmle, Fra»» Hedwig Heyl, Björn Björnson, Axel Rtpke n. a. herallsgegebenen Monographienfolge über Kriegsknltur und Heimatarbeit finö soeben die ersten He te erschienen. Eine Wertung Hindenburgs von Hanpt- mann Waldemar Müller-Eberhart bildet den Inhalt der ersten Monographie. DaS von August Hajduk geschmückte Heit ivird der kulturellen Bedeutung Hindenburgs in äußerst seiltsinniger und verständnisvoller Weise gerecht und bildet eine unbediu te und notwendige Ergänzung zu der Lebensbeschreibung des Geueral- seldmarschallS a»lS der Feder seines Bruder-. ES ist neben dieser die einzig literarisch wertvolle Arbeit aiis der Fülle der ms Un- en liche gehenden Hindenburg-Vubltkatioiien. Daß sie einen Mtlilär- schristsleller von Ruf wie Hauptmann Müller-Eberhart tum Autor hat, läßt sie noch wertvoller erscheinen. D.>S r,veile Heft der bei Arthur Collignon, Berlin W. 62, erschienenen Alonograpbiensolge bringt, zum ersten '-ale, eine kulturelle Würdigung der Firma Krupp in Esten au- der Feder des Hochschuldozeuten Dr. Hermann Hasse. Der Einzelpreis der nach jeder Richtung hin so überaus erfreulichen Publikationen beträgt 40 Pfg. lind vermindert sich bei Subskription mit die gesamte Folge aus 30 Pfennig. — „Weltkrieg-Satiren- von Johannes Cotta (Vaya- Verlag, Halle a. d. S., Mk. 1.60) sind eme Abwechselung in der Hochflut der Kricgsliteratnr. Tie in dem Buche enthaltene Satire „Fremdwörter* wird seit Krtegsbeginn von unzähligen Verwundete» bei Lazaretlvorträgen bejubelt und hat auch vielfach ihren Weg in dte Schütze,lgräben gesunden. .Ruhm*, „Leben- und.Der MenschE habe», philosophischen Charakter, sind aber trotzdem mit gefuubein Humor durchwürzt. Logogriph. Mit .f* erfreut es viele Leut' Zur schönen Sommerszeit. Weil's nach dem Wort mit .h* uns beut Biel Neues weit und breit. Allüberall erscheinl's mit ,z- Bo»r lern und in der Näh', Wenn'- Fahren und Wandern nicht »nehr geht, Co tu's nur gleich mit „t". Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Königspromenade in voriger Nummer: Fiel ein Herz im Drange, Zwischen Reiz ttnd Pflicht, Mensch, o richte nicht! Weißt du, welchem Zwange, Welchem Unglückstag Solch' ein Herz erlag? Schristleitung: Aug. Goetz. - Rotation-dr»lck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Btich- und bteindrllckerei, R. Lange, Dießew