Jan von Werth. Koman aus dem Dreißigjährigen Kriegp von Franz Herwig. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Da kam ein Gerücht nach Köln, daß der Verbündete der Franzosen, Wilhelm von Hessen mit elf Schwadronen und vierhundert Musketieren die Feste Hermannstein entsetzen wolle, in der die Franzosen blockiert waren. Da tobte Jan durch das Haus und lachte und fluchte und wirbelte Griet in seinen Armen herum, die ihn bat: „Reite nicht." Und nach einer Viertelstunde ritt er los, klabaster klabaster, durch die Gassen Kölns, hatte nach einer Stunde achtzig seiner Reiter aus den warmen Quartieren geholt und jagte kreuz und quer, bis er ihrer einige Hundert beisammen hatte. Als er dann lospreschte, gefolgt von dem geliebten Donner der Hufe, als die kalte ßuft um ihn lauste und die Fernen eilig auf ihn zukamen, stand er im Dayinjagen in oen Bügeln aus und schrie: „Werth ist erwacht! Werth kommt!" Und hinter sich hörte er wie sonst den hundert.sti.m- migen lachenden Schrei: „Werth! Werth!" Im Angesicht der Franzosen, die hungernd aus den Wällen des Hermannsteins standen, fiel er die Hessen an. Nach einer halben Stunde war alles getan. Aber als er in der Gereonsgasse beglückt und berauscht wieder vom Rosse stieg, flog ihm Griet bebend und bleich entgegen: sie war vor Angst fast gestorben. „Soldatenweib?" ries er, als sie allein waren, „Soldatenweib, und du hast Tränen?" ,,Jch habe so lange auf dich gewartet, herzliebster Jan, so lange Jahre. Und nun ich dich habe, drückt mir die Angst um dich das Leben ab." Er lachte und zog das Wams aus. Da schrie Griet auf und hob abwehreno die Hände: „Jan! Jan! Da — du bist verwundet! Blut!" Jan machte ein erstauntes Gesicht. „Verwundet? Sieh da! Wirklich zwei Schrammen. Hab's nicht gemerkt. Nimm sie für zwei rote Rosen, die ich dir mit heimgebracht." Aber Griet hörte es nicht mehr. Sie hing ohnmächtig in seinen Armen. In den folgenden Monaten verfiel sie immer mehr. Wenn ein Reiter vor dem Hause hielt, mußte sie an sich halten, um nicht aufzuschreien. Immer fürchtete sie die Botschaft, die Jan wieder in den Krieg führte. „Nur so lauge bleibe bei mir,, bis — bis unser Kind da ist," bat sie. Und wenn Jan lustig war, sang er, daß die Wände dröhnten: „Fahr wohl, ich reit' frisch drein: Parmvautz und bum und valdera, Kann nicht mehr bei dir sein, Ach, ach, ja, ja." Aber wenn die Stille ihm allzusehr an der Seele fiaß, brach er in böse Worte aus, die ihn nachher reuten, und saß halbe Näcyte einsam beim Wein, indem er vor sich hin sprach. So war es wieder Frühling geworden^ und eines Tags gab der Rat der Stadt dem berühmten General im Gür> zenich ein Maienfest. Es war ein Fest für Männer, und es dauerte kaum eine Stunde, da waren die Kopfe heiß, und die Reden gingen laut und frei. Jan trank sich immer mehr in eine verbissene Wut hinein, und Joss Maria hatte gut zur Ruhe und Mäßigung mahnen: Jan horte nicht mehr aus ihn. „Soll ich meine Meinung nicht mehr sagen dürfen? Hinterbringts doch dem sauberen Kurfürsten von Bayern, daß ich ihn einen verdammten Feind des Reiches nenne. Sck)weigt still! Wenn eine Aktion in gutem Rollen war — er hat immer den Balken vor die Räder geworfen - Für einen Dreck haben wir Mantua erobert, denn der Kaiser mußte auf dieses Betbruders Geheiß hin wieder herausgeben, was wir gewonnen. Wo ist Wallenstein, der allgemeinen Krieg und allgemeinen Frieden wollte? Der Kurfürst hat längst sein heuchlerisches Kreuzzeichen über seine Leiche gemacht. Und der gute Aldringhen! Wenn er ein Verräter war — Maxens Schuld war es. Anstatt jetzt der Franzose halbtot und geduckt um Frieden bittet — den ganzen Rhein herunter ist er Meister! Und wer ist 's schuldig? Er, immer Er!" Ein hochadliger General, Gras Fürstenberg, der an der Tafeil teilnahm, sagte ziemlich laut zu seinem Nachbarn: „Was wollt Ihr? Man darf es dem Werth nicht *u hoch anrechnen, daß er von der Politik nichts versteht. Er glaubt immer noch als Schenkknecht hinter seinen Weinfässern zu sitzen. Von da aus freilich sieht der Lauf der Welt —" Jan stand plötzlich auf. Er hatte ein böses Lächeln aus dem Gesicht und grng langsam, ein wenig schwankend, aus Fürstenberg zu. Dicht vor ihm blieb er stehen und sagte unnatürlich ruhig, indem er ihm bei jedem Worte mit dem ausgestreckten Zeigefinger gegen die Schulter stieß: „Du — Freund — Hundsfott — tanz mit mir!" Jürstenberg wurde blaurot im Gefickt und zog. Die Musik brach plötzlich ab. Jan hörte nicht den leisen Schrei aus weiblichem Mund von der Galerie her und nicht den dumpfen Fall. „Die Musik soll spielen!" ries er. „Wir wollen tanzen. Einen langsamen Schleifer!" 222 Und mährend die Musiker gehorsam wieder ansingen ml siedeln und zu blasen, begann Jans Gesicht zu strahlen. Und zu dem Takte des Schleifers — Humtata-Humtata h- tanzte er, wohlbeleibt, wie er war, langsam mit stammenden Stiefeln um seinen Gegner herum, zwang ihn m i>er lächerlichsten Weise sich zu drehen und zu wenden, o daß sich die Gäste mit „Bravos^ die Kehlen heiser chrien, und walzte und stampfte bis zu dem letzten Takt >es Schleifers: da hatte Fürstenberg den tödlichen Stich und Jan wischte sich mit dem Rockärmel den Schweiß vom Gesicht. Indessen standen zwei Mägde ratlos neben der wimmernden Griet, die heimlich, um ihren Jan gefeiert zu sehen, auf die Galerie geschlichen war, und die der Schreck, als die Degen aus den Scheiden zischten, zu Boden geworfen hatte. Mitten in den Schmerzen, unter denen ein junges Leben sich vorzeitig in ihr zum Lichte drängte, keuchte sie unaufhörlich, wie wahnwitzig, immer das eine: „Ist er tot? Ist er tot?" Und als Jan verstört und stumm an das Lager trat, auf das man sie gebettet hatte, erkannte sie ihn nicht mehr. Der Jan, der Tausende hatte sterben sehen, wurde zum hilflosen Kinde, als er das lange, qualvolle Sterben seines Weibes sah. Als sie mit verzerrtem Munde endlich still lag, schlich er scheu aus dem Gemach wie ein Mörder, und als Jose Maria ihn umarmen wollte: „Armer Jan? Weib und Kind zugleich," sah er ihn fremd an und lächelte verlegen. Am nächsten Tage war er aus Köln verschwunden. * Freund und Feind fragte: „Ist das der Werth, der gefährlich und verderblich, wie Satan selbst, in Hessen, Schwaben, am Rhein umherrast und an zwei, drei Orten zu gleicher Zeit ist? Werth? Wir glaubten Werth zu kennen, aber jener fürchterliche, kleine, beleibte Mann mit versteinertem Gesicht, der mit wenig tausend Mann allerorts durch dampfendes Blut jagt, ist nicht der Wertb den wir kennen. Trunk und Kampf, Kampf und Trunk ist sein Metier. Man sagt, er schläft im Sattel. Hinler ihm sinken erschöpfte Soldaten vom Gaul: er vnckt sich nicht um. Der ewig ruhelose Satan ist in ihn gefahren, das ist's!" Bernhard von Weimar, der Söldling Frankreichs, überschritt den Rhein. Jan ließ ihn nicht weiter. Seine Leute standen einer gegen vier. Er stieß unaufhörlich wochenlang wie ein Stier gegen die sechsfachen Schanzen von Wittenweier. Wenn Bernhard ihn verblutet glauvte, war er in der nächsten Nacht wieder da, wilder als sonst. Der Weimeraner, ungeduldig, daß das Jahr sich nicht neigte, schickte ihm einen schmeichelhaften Brief: „Komm zu mir herüber." Er erhielt seinen Brief wieder, in Fetzen zerrissen, mit Kot besudelt. „An den deutschen Fürsten, der sein Land verrät." Jan aber erneuerte seine rasenden Angriffe gegen die Schanzen und ließ ganze Kompagnien tot vor den feuerspeienden Erdwällen. Hier komme ich nicht herüber, dachte Bernhard, und die Wut über Diefe Schmach nagte an seinem Herzen. Er zog ab, und sofort war Jan wieder an den Schanzen, geschüttelt und zerrissen von dem unsinnigen Verlangen, zu tüten oder getötet zu werden. Nacheinander stürmte er die sechs Sck)an- zen, und was überlebte, jagte er mit Schimps und Schande, weiße Stecken in der Hand, von dannen. Bernhard eilte nach Süden und bedrohte von Rhein- felden her Bayern. Jan war mit rasender Eile unten, ehe der Weimaraner weiter vorrücken konnte. „Gebt mir Truppen, gebt mir den Oberbefehl!" ließ er in München bitten. Maximilian schickte keine Truppen, dafür aber einen neuen Oberbefehlshaber, den glatten Jesuitenfreund Duca di Savelli. „Darf den Werth nicht zu mächtig werden lassen. Macht's sonst wie Wallenstein," sagte Maximilian. Aber nicht der Savelli gewann die Schlacht gegen Bernhard, sondern Jan. Aber Savelli und nicht Jan war's, der mit prahlerischen Briefen „Viktoria" durch Deutschland schrie, und der sich aufs Lotterbett legte, und dem es die Soldaten auch nachtaten. Und als Plötzlich Bernhard umkehrte, war nicht der Savelli auf dem Posten, sondern Jan. Mer es nutzte nichts. Die einzeln eintrefsenden kaiserlichen Regimenter wurden mühelos niedergemacht. Jan sah das weite Feld zwischen dem grünen Rhein und den blauen Schwarzwaldbergen von Fliehenden bedeckt. Es war kein Halten mehr, im Rolling r Walde war noch wütender Widerstand; dort stand das ^-chultesche Regiment, d-as der frühere Wachtmeister Jans, Jochen Schulte, kommandierte. Dahin schlug sich Jan. „Komm, Schulte," rief er, „laß uns zusammen sterben. Die Hundsfötterei siegt!" Sein Pferd Überschlag sich, von einer Kanonenkugel getroffen. Jan nahm eine Muskete auf und war wieder der gemeine Mann, Jan Werth, der verbissen lud und schoß, und Schulte war wieder der alte Wachtmeier Schulte, der ihm zuries: „Brav, Jan!" Jan lud und schoß. Der Laus brannte in seiner Hand; er fühlte es nicht. Um ihn war Schreien und Aeckizen. Das Schultesche Regiment, Fahnen hoch, verblutete um ihn. „Ja, Griet," flüsterte er, „hält' doch so nicht mehr leben mögen!" „Jan," rief Schulte neben ihm und fiel aufs Gesicht. „Fahr wohl, Kamerad! Mach' mir Quartier aus!" Und lud und schoß. Das Rollen des Musketenfeuers um ihn wurde ein zögerndes Knattern. Jan ließ die Muskete sinken und sah sich betäubt um. Die letzte Kugel war verschossen, und da vorn —! Schwedische Kürassiere ritten an. Jan packte den Degen. Fünf, sechs baumlange Kerle von Reitern hieben aus ihn ein. Jetzt war's aus. Da ries ein junger Musketier, verwundet, unter den Füßen der Gäule: „Quartier für den General!" Jan stach den nächsten Reiter vom Gaul. Ein hoher Offizier sprang airs dem Sattel: „Rendiert Euch, Werth!" und nahm ihm den sinkenden Degen aus der erlahmten Faust. Er war gefangen. Ueber das Schlachtfeld brauste der alte Choral: „Ein feste Burg ist unser Gott", als Jan ins schwedische Lager kam. Dort war schon der Duca di Savelli und lachte, als er Jahn sah: „Hat's Euch auch erwischt, Herr Bruder?" „Mit Eurer Hilfe!" schrie Jan. „Hättet Ihr aus den Krieg aufgepaßt anstatt aufs Vergnügen, ich stünd' nicht hier." „Ihr hättet warten sollen, bis ich heran war!" Jan brach in ein wildes Gelächter aus. „Warten? Ja, warten! Das alte Lied! Ihr habt immer gewartet, alle miteinander, Ihr Herren, gewartet, sechzehn Jahre gewartet!" „Bravo!" rief plötzlich eine laute Stimme. Bernhard von Weimar war herangetreten. „Bravo, Herren! Macht's doch mit den Würfeln aus, wer im Rechte ist!" „Zum Feigling der Verräter!" sagte Jan und fuhr herum. „Läg' ich bei meinen braven Soldaten, daß ich Euch nicht zu sehen brauchte." , Bernhard wurde aschfahl. „Hat noch immer nicht Manieren erlernt, der Abenteurer!" „Ja, ein Menteurer, der seinem Vaterlande dient! Mer wem dient Ihr, der Ihr nicht mehr seid als ein Menteurer? Erst den Schweden, nun den Franzosen! Gäb's ein Recht in der Welt — Ihr müßtet hängen!" „Werth!" „So ist mein ehrlicher Name. Gott Dank, daß ich nicht Weimar heiße!" Einer der Begleiter des Herzogs sagte laut: „Der Schenkknecht kann Euch nicht beleidigen." „Nein," sagte Bernhard, und seine Lippen bebten vor Zorn, „ich werde ihn nach Paris schicken, damit er Umgang lernt." ^,Nach Paris?" rief Jan, „das dürft Ihr nicht. Meinen Degen hat der Graf von Nassau? Ich bin sein Gefangener, nicht den Franzosen habe ich mich übergeben!" „Was ich darf, kümmert Euch nicht. Ich will den Pa- risern eine Freude machen." Er wandte sich zu seiner Umgebung: „Bringt ihn nach dem Schloß Benheim. Und dann nach Paris mit einem Gruß von mir!" Jan ballte die Fäuste. Seine Zähne knirschten. Aber Bernhard warf den Mantel um und ging lachend davon. (Fortsetzung folgt.) Säff Montzscheinfahrt. Skizze von Curt Kühns. In blassem Mondlicht lag das Weite Ueberschwemmüngs- aebiet Zerrissenes Gewölk flog auf den Schwingen des stürmischen Nordwest am Himmel, oft die Mondscheibe bedeckend, sodaß tiefe Finsternis ans Augenblicke mit dem ungewissen Mondlicht abwechselte. Einen der Feldwege, der zu einem kleinen Gehöft führte, watete in dem immer nässer werdenden Gelände eine Matrosenpatrouille entlang. Mit jedem' Schritt sank man tiefer. Zu beiden Seiten dehnte sich unabsehbar die seichte Wasserfläche. Klaas Behrend, der Führer, blieb stehen. „Dat kömmt mir vor, wie in den Lagunen bei Venedig," sagte er. „Bloh ein bißchen tiefer ist's hier," bemerkte Fritz Snut. „Mir läuft das all von oben in die Stiewel. Aber bis wohin gehen wir eigentlich, Klaas?" Na, noch bis an das Gehöft," entgegnete Klaas, „bloß um zu sehen, ob keine Englishmen drin sind." Vorsichtig wateten die beiden weiter. In einiger Entfernung folgte ihnen noch ein dritter Mann. Nichts rührte sich. Das Gehöft war verlassen. Eine Granate hatte Stall und Scheune in Trümmer gelegt, mit ausgebrannten Sparren starrte das Dach in die Luft. „Trüben am Fluß sollen die verfluchten Tommys stehen," sagte Klaas wieder und deutete mit der Hand hinüber, wo jenseits der überschwemmten Wiesen dunkle Banmgrnppen das eigentliche Flußtal bezeichneten. „Wie soll inian aber dahin kommen? Hier ist's zu End." Fritz Snut spähte scharf aus. „Zu End?" wiederholte er. „Nee, Klaas, für soebefahrne Leute fängt das hier erst an. Ich seh' so was wie 'ne Strömung! Das heißt, hier fließt ein Graben, und der Graben mündet in den Fluß oder kommt auS dem Fluß. Wir werden uns ein Fahrzeug bauen, und wenn wir jeder in einem Waschfaß lossegeln sollten." Alle lachten, am meisten der dritte, Peter Hanns, ein junger Matrose, der Verbindungsmann, der indes herangekommen. „Halt!" sagte Klaas Behrend, „das Fahrzeug bauen, das verstehe ich am besten, als Zimmermann. In deinem Waschfaß fahre man auf dem nächsten Korso mtt Lampions und Bordmusik, da kannst du Ehre einlegen. Hier müssen wir eine andre Art Kriegsschiff haben. Kiek mal, da liegt eine Erle im Wasser, die machen lvir ftott, setzen uns in ihr Geäst und sck)wimmen ganz sachte ftußabwärts, immer vorbei an den Herren Engländern." „Das ist ein Gedanke!" rief Klaas. Der Stamm, wohl von einer Granate getroffen, hing nur noch schwach an seinen Wurzeln. Eine Axt, die Peter Harms gefunden, ließ ihn vollends ins Wasser gleiten. Klaas hieb mit seinem Seitengelvehr indes einige Flößerstaugen und Ruder zurecht, dann kletterten alle in das Gezweig des Baumes, der stark genug war, sie ztu tragen, und stießen ab. „Wie die Wilden!" sagte Fritz Snut. „Häng' die Beine nicht zu weit raus, Peter. Sie stippen sonst ins Wasser." Von geübten Händen in die SttöMung gedreht, glitt der Stamm langsam vom Land. Der Graben führte richtig auf den Fluß zu. Unter hohen Erlen sttömte dieser dahiu. Der Mond hatte sich versteckt, es war ganz dunkel, als sie die Mündung erreichten. Sie konnten von ihren Flößerstangen ungesehen Gebrauch machen und brachten ihr Floß glatt in den Strom. Die Gewehre umgehängt, in der Hand ihre Floßstange, so trifteten sie ein Weilchen dahin. Dritben auf kaum 30 Meter Entkernung lag das feindliche Ufer. Hohe, dunkle Erlen begleiteten! dasselbe, ihre Wurzeln verschlangen sich zu einem undurchdringlichen Gewirr. Wieder brach der Mond durch. An einen Stamm gelehnt, stand eine dunkle Gestalt. Tie im Gezweig Verborgenen Matrosen erkannten deutlich die Form der schottischen Mütze und das matte Blinken der Gewehrschloßteile. Qtin englischer Posten! Die drei hielten fast den Atem an. Der Posten driiben klopfte seine Pfeife aus und ließ ein lautes Gähnen hören. Den treibenden Stamm beockitete er nickst. Ter Fluß machte jetzt eine starke Biegung: vorsichtig steckten die Drei ihre Stangen heraus und hielten den Stamm in der Sttömung. Man höre jetzt von drüben, ohne etwas zu sehen, ein undeutliches Stimmengewirr. Am Ufer zogen sich Schützengräben bin, man erkannte die gerade geschnittenen Erdschüttungen. „Wie die Kerls quaken!" flüsterte Fritz Snrtt. „Wenn ein Engländer spricht, hört sich das immer an, als wenn einer sich mtt Wasser und Kieselsteinen den Mund ausspült." Hin und wieder sah ein Posten über die Brüstung. Keiner nahm an dem langsam stromab treibenden Baumstamm Anstoß. So ging eS wieder eine ganze Zeit dabin. Immer, wenn kein Posten zu sehen war, tauchten die drei Flößerstangen fast gleichzeitig tnS Wasser, timt dem eigenartigen Fahrzeug frisck^n Antrieb zu gel>en. Da kam eine Brücke in Gickst: sie war gesprengt, aber daS V'ahlwerk der Pfeiler stand noch. „Pfui Deubel!" knurrte KlaaS Und svie seinen Prüem ans, .,da werden wir kaum durchkommen Mtt unserer Baumkrone!" Eine Feldwache stand außerdem dicht am Brückenkopf: man sah den Doppelposten über den Rand der Böschung gucken. Richtig! Das Gezweig stieß an den Pfosten, sie kamen fest! Zugleich drückte die Strömung das untere Ende des Stammes gegen das feindliche Ufer. Angesichts der feindlichen Posten konnten die Mattosen auch von ihren Stangen keinen Gebrauch machen. Die Posten riefen jetzt etwas rüchvärts, und daraufhin kam ein Mann zum Vorschein, ünbewasfnet, mir mit einem Beil in der Hand. „Aha!" bnkmmte Fritz Snut, „die wollen uns zu Kleinholz verarbeiten." Ter Engländer maß die Entfernung und trat mit einem langen Schritt auf das untere Ende des Stammes. Borsichttg das Gleichgewicht haltend, tänzelte er den kahlen Stamm entlang, um zur Krone zu gelangen. „Mal ein büschen schuckeln!" ftüsterte Maas, „so ists recht! Der kippelt schon!" Der Engländer schlvankte allerdings bedenklich, als der glatte, nasse Stamm unter ihm sich zu drehen begann. „Noch ein büschen!" trieb Klaas. Der Engländer warf die Arme wie die Windmühlenflügel. Plumps! lag er bis unter die ArMe im Wasser. Fluchend kletterte er an Land unter dem lauten, schadenfrohen Gelächter seiner Kameraden. Mer Glück im Unglück! Er hatte beim Falk denk' Stamm einen solchen Stoß gegeben, daß das untere Ende vom Ufer frei kam. Schnell die Lage erfassend, stieß Fritz Snut und Klaas, während die Engländer ihrem ins Wasser gefallenen Kameraden an Land halfen, vom Brückenpfostcn ab und stakten glücklich durch die Brücke. „Das war ja ein doUes Abenteuer!" lachte Fritz Snut. „Da konnte man ja ordentlich Herzklopfen kriegen." Sie trifteten indes weiter. Tie Bäume hörten auf: der Fluß strömte hier zwischen völlig unter Wasser gesetzten Wiesen dahin. Damit hörten auch die feindlichen Schützengräben auf, die in einem Bogen abschwenkten und in einiger Entfernung, trocknere Stellen ausnutzend, hier und da wie kleine Forts die Wasserfläche beherrschten. Die Drei stakten munter drauf los. „Die Geschichte wird hier uninteressant!" sagte Fritz Snut. „Wir wollen an den Rückzug denken." „Das ist auch leichter gesagt als getan," versetzte Peter Harms. „Stromab triftet der Baum wohl, aber nicht stromauf." „Sehr richtig!" bemerkte Fritz Snut. „Wir müssen eine Landungsgelegenheit suchen, irgend einen Damm." So sehr die Matrosen aber auch ausspähten, es zeigte sich kein festes Land in dem weiten Ueberschivemmungsgebiet. Indes wurde die schmale Mondscheibe blasser und blasser, mtt fahlem Ton setzte ein mattes Zwielickst ein, über dem Wasser aber, und das 'ivar ihre Rettung, begann in dicken, grauen Schwaden der Morgennebel zu dampfen. Eilig stießen die Drei ihren Baumstamm. Da tönte durch den Dunst ein Helles, gleichmäßiges Keuchen: pickepacke, pickepackc! „Ein Motorboot!" flüsterte Klaas. „Das müssen wir uns näher ansehen!" / i i Die Drei hielten ihren Stamm mitten in der Strömung: ihre breite Krone sperrte jene zum größeren Teile, und auf den überschwemmten Wiesen konnte das Motorboot nicht fahren. Pickepacke, pickepacke! klang es immer deutlicher durch den Nebel: auch das Motorboot ging langsame Fahrt. Jetzt tauchte der schlanke, stahlgraue Bug auf, mtt einem feinen Ornament verziert, — aha! eine vornehme Jacht vom Königlichen Motor- bootklnb! — Und die Drei lenkten ihr ungefüges Fahrzeug dem Boot quer in den Weg. „vtzuee take it!" fluchte der Bootsmann im Ausguck, dem das Gezweig ins Gesicht und die Mütze vom Kopf stieß. Der Steuermann stoppte schnell den Motor ab. „Ueberentern!" befahl Klaas. Wie die Katzen sprangen die Drei über, Klas als erster txickte den Bootsmann an der Brust und stieß ihn über Bord, seiner Mütze nach. Ueber das Bord dSr kleinen Kommandobrücke guckte der Steuermann: die Hand vor den Augen in dem ungewissen Zwielicht rief er: „What’s that there?" ,Föi köpen de Katt ehr Smeer!" lachte Fritz Snut und legte an, — blitzschnell sich duckend, verschwand der Steuermann in der Versenkung. Ihre Gewehre schußbereit, sprangen Klaas und Fritz zur Achterkabine, während Peter schnell dem über Bord gegangenen! Mann den Rettungsring zuwarf und dann den Steuermann im Schach hielt. Klaas und Fritz rissen die Tür zur Kabine auf: ein breiter Lichtschein flutete ihnen entgegen. Drinnen sah'S ganz gemütlich ans. Der allerdings nur schmale Tisch, den die Lampe erhellte, war einladend znm „Breakfast", dem höchst üplügen englisckien Frühstück, aedeckt: die blitzende Teekanne, eine Schüssel mit gebratenem Fisch, Eier. ''Mrnneladen, 'Butter ließen das Kriegs!eben an Bord ganz angenehm erscheinen, und in den weichen Polstern, die denn Tisch umzogen, saßen der Besitzer des Bootes, ein alter Herr mit kinnfreiem Bart, eine große FledermauSmÜw ine über die Obren gezogen, sein Solm. ein langer echt enalisäxn Laban, im blauen Bordiackett. endlich zwei Tommys, die Bedienung des im Bug ausgestellten Maschinengewehrs. Aus allen 224 Gesichtern lag ein maßloses Erstaunen: der junge Herr öffnete den Mund ebenso weit »vie die Augen. Klaas und Fritz standen in der schmalen Tür im Anschlag. Langsam hob der alte Herr beide Hände, gleich ihm die andern, zum Zeichen der Gefangengabe. Die Gewehrläufe senkten sich. „Sre gestatte,!, das; »vir ein büschen Mitfahrer» und Sie solange einschließen!" sagte Klaas, „Haben Sie Waffen, — Revolver — yes?" ** Einige Brotvnings und andere Schießprügel nmrden ausgehändigt. Ter alte Herr hatte indes die Sprache wiedergefunden. In seinem schlauen Fuck^gesicht erschien ein verkniffenes Lärt durch das aufrauschende Wasser. Schnell näherte man sich »vieder den englischen Stellungen. ,,Jetzt heißt's aus unsere Gesangenen aufpassen, daß sie keine Zeichen geben!" sagte Fritz Snut. Peter Darms in die Kabine mit aufgepslanziem Seitengewehr!" befahl Klaas. „Wer sich mluckt. den stichst du nieder." Peter schloß auf und blieb in der' Kabine. Der englische Steuer-« mann mußte steuern, der andere im Ausguck stehen, während die beiden deutschen Matrosen, hinter der Schanzkleidung knreend, Gewehr im Anschlag, unsichtbar blieben. So ging's rasch unter der Brücke durch und »vie im Fluge längs der feindlickxm Stellung hin. Als sie an der Mündung jenes Grabens das Ende erreicht, konnten 's die beiden nicht lassen. Sie wendeten und sandten aus dem Maschinengewehr einen Geschoßregen hinüber. Dann aber fort! Tie ihnen nach- knallenden Ähüsse schlugen viel zu kurz ins Wasser. Bald sahen sie am anderen Ufer die ersten deutschen Vorposten. Sie »varcn samt ihrer Prise und ihren Gefangenen in Sicherheit. „So!" saate Fritz Snut, „jetzt »vollen »vir dem alten Herrn seinen oup oi tea genehmigen. Hoffentlich haben sie nicht inzwischen daS ganze kreakkast allein geschafft." Lin Heldpostbries (in Reime geletzt). Hab' schönen Tank, mein Mutte,lein, Tein Jeldrostbrtes tral beute ein. Tie Tinte war wohl mit Master vermischt, Tie Aufschrift war ein wenig verwischt. L»der fiel in die Schrift eine Träne hinein k Ich küßte die Stelle, es kann woll sein; Roch manche Stelle küßt' tch t>n Brief, Bis daß ein Alann in die Echtacht mich rief. Ich locht auch jetzt in der vordersten Reih' Und doch — ich war nicht wie sonst dabei. Ich bin noch fo jung und seufzte oll tie*. Mußt' t»nmer denken an deinen Brief. Tu darfst nicht sch> eiben vom frühen Tod, Ter t»n sield ja jedem Soldaten droht, k? Mutier, die mir das Leben gab. Tu darfst nicht schreiben vom frühen Grab. Ich mußte daran denke»!, wie du nitr schriebst Toß du mich so ganz unsäglich liebst, Und fruqst, ob ich meine Eigenatt In dieiem schrecklichen Kriege beivahrt, Und ob du erleben würdest hinieden Ten lange ersehnten großen Frleden. Meine gute RuNer. das darfst du nicht. So etwa- leicht »ntr da- Herze bricht. Es macht nitr da- Herz so bana und schwer. O glaub' doch an »neiue Wiederkehr Und schreib' mir von meinem grünen Rhein Und »„einer Heimat Sonnenschein, Auch wie die Mädel- stch darin geschickt, Tag ihre Liebsten ins Feld gerückt. Tu hast mich trüber doch selbst gelehrt, Was da- Leben allem macht lebensivert, Taß denen, die Gottes Willen verstehen, Tie Tinge allen zum Beben gehen; Ich Hab' ihn verbanden aul meine Art Und den leben Glaube» mir treu bewahrt, Taß ich stehe auch hier in dem Feindesland In Lottes aeiv Ui »er Datei Hand. AlS Junge lenkten du meinen Sinn Aul Preußen- edelste Königin, Ten Schutzgelft jener sireibeit-scharen, Tie meiner Jugend Träuine waren. Wie stets getan diese hehre Iran, Aul den Sieg der guie» Sache vertrau'. Wie vr>e eil bu jenen Fretheitsbeld. Ter Gtucklichlien einer in dieser Welt, Ter all' das Glück, das de Welt ihm gab, Vertauschte >>'it einem Soldatengrab, Tu femift seine Leger, du kennst sein Schwert, T»l nanntest sein Schicksal begehrensrvert; Gs schien dir das schönste auf Erden, E>n Jüngling »vie er sollt' tch »verden. Und »veißt du noch, wie da« grausarne Lo- J»n Spiele »nicb »nachte zun, roten »»ranzoSk Ta Halen die Graiie» da haben die Blauen Ganz elendiglich mich zujaininengehauen, Ta halten du kein Bedauern für »nich, Tie deiitjchen Vie e erfreuten dich. C, glaube auch jetzt aus große Gelingen, Taß deut che Hiebe den Sieg erringen. S' ist iv> hr, iveun e»n Tierchen ich leiden sah, Tann waren nur immer die Trä»,en nah; Pteine Dtuiter. ich bin nicht »netzr, »vte ich war; Ich bracht' »neinem Herzen ein Spier dar. Und wüßtest dl> von den gre»ilichen Horden, T»e Mütter schänden und Kinder »norden, Tn lrügest »nich nicht, ob ich Eigenart In diesem schrecklichen Kriege bewahrt. Hab' he»,te so einen Burschen gelangen, — Am besten hält' »nan ihn a»>fgebangen — Er bat um Gnade, ich gab sie ihn» nicht; denn auch er »var so ein elender Wicht. Verzeih' meine Mutter, ich werde hart; Toch das ist einmal so Soldatenart. Und »venn tch i», Kriege mein Träumen verlor Und wenn ich nicht bin mehr ein reiner Tor. Meine liebe Mutter, sei drum doch »roh, Ich kom»ne bester d»»rch's Leben so. Der de»ltsche Michel iil endlich erivacht Und hat mich zu dem. wa- ich bin, gemacht. Und in eS bestimmt, daß im fremden Land Ich falle durch eines Heinde« Hand, U»,d läßt mir Golt eine Spanne Zeit, siür den Weg mich zu rü'ien zur Ewigkeit, Tanu will ich die Schweller, die er mir gesandt, Zur letzten Botschai« tn's Heimatland, Bor'in Scheiden bitten im flüsternden Ton: „Grüß' meine Mutter von ihre», Sohn; Sie soll mich beivei >en als deutschen Mann, Ter als braver Soldat feine Pflicht getan.- Karl Stein berge r. ttönigspromenade. Man darf die einzelnen Wörter und Silben nur in der Weif« miteinander verbinden, daß man — wie der König auf dem Schach, breit — siel- von einem Feld au- auf ein benachbarte- übergeht. ge wel chem wel glück- chem zwar» du weißt nicht UN tag er lag schen te solch herz herz zwi rtch reiz ein im ge ein o und dran fiel mensch Pflicht J Auflösung in nächster Nummer. --- J a Auflösung deS Ergänzungsrätsels in voriger Nummert Sorge und Plage Wächst alle Tage; Mußt sie verjagen Oder ertragen. Schrlstleitung: Aug. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen UniversitälS-Buch- und Steindruckerei, R. Longe, Gieße»»