Jön von Werth. Roman aus dem Dreißigjährigen Kriegs von Franz Herwig. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Nach zwei Stunden war das Lager erreicht. Jose Maria gao die beiden zusammen, vor einem Altar, der aus drei aufeinander gestellten Trommeln bestand, getränt von einem Kruzifix. In weitem Kreis herum standen dreitausend Dragoner, Kroaten und Ungarn. Uni) indessen draußen am finstern Horizont der Schein brennender Dörfer zuckte und das ganze Lager singend und schreiend um offene Weinfässer lagerte, in die man bis zu den Ellenbogen tauchte, wem: man schöpfte, feierte Jan seine Hochzeit mit Griet. „Ja," sagte Joso Maria und suchte ein einsames Feuer auf, „das Leben ist seltsam und wunderlich. Ich wollte, ich wäre Jan; aber ich will ihm sein Glück nicht miH^ gönnen. Ich werde ein paar Seiten in La Boothie lesen wie einst im „Blauen Hecht" zu Köln. Waren doch schöne Zeiten." Aber er holte das Buch nicht, sondern saß und starrte inS Feuer, bis der Morgen dämmerte. Um diese Zeit, als sich der Jubel im Lager schon zu legen begann, galoppierten zwei spanische Offiziere herein. „Wo ist der General? Der General von Werth?" Vor Jans Zelt stand in gebührender Entfernung der Doppelposten bei den Fahnen. „Er darf nicht gestört werden. Nein, wir wollen unfern Kopf behalten." Die Offiziere schimpften und drohten, aber die Posten schüttelten eigensinnig den Kopf. Da öffnete sich der Spalt in der Zeltwand des Generals, und Jan steckte seinen Kops hindurch. „Zackerbombenundflöh! Ist man nicht in der Hochzeitsnacht ungestört?!" „Pressante Order, Ecceltenza." „Her den Wisch!" Jan zog sich zurück. „Mein Jan," rief Griet verträumt. „Gleich, gleich, süße Katze," sagte er und entfaltete den Brief. Aber er mußte erst Licht machen. Dicht an die Flamme hielt er das Papier. Daraus stand: „Liebwerter Herr von Werth, Euer Excellenz haben mich in schwere Unruhe versetzt. Euer lästerliches Draufgehen hat die ganze politische Lage kompliziert. Bei meiner Ungnade befehle ich Euch, sofort hinter die Somme Euch zu ziehen und das nächstemal die Order Eures Kriegsherr?! abzuwarten, als welcher ich bin, Euer Excellenz, Maximilian, Kurfürst von Bayern." „Zackerbombenundflöh!" ..Mein Jan!" „Da hast du den Wisch, der Max hat mich wieder am Bande!" 10. Kapitel. Der Gefangene. Jans Wut über den Befehl Maximilans kannte keine Grenzen. Er rückte von Paris ab, nickt wie sonst auf dem Gaul, seinen Regimentern voraus, sondern inmitten der Nachhut, in Kalesche mit Griet. Es konnte so aussehen, als erlaube ihm sein junges Liebesglück nicht, Griet zu verlassen, aber was er während der Fahrt sprach, sah wenig nach zärtlichen Liebesworten aus. Er schlug sich mit dem Kürfürsten herum, warf ihm vor, die große gemeinsame Sache zu verraten, nur um im Notfälle an Richelieu einen Beistand zu haben, so daß Griet mit nicht eben sanften Worten ihn beschuldigte, überhaupt keine Liebe für sie zu empfinden. Er ließ sie reden und tauchte aus seinen Grübeleien erst auf, als seine junge Gattin in Tränen ausbrach und sich verschwor, nach Corbeil zu Marie-Anne zurückzukehren. Sie erhielt einen Bundesgenossen in Jos6 Maria, der neben dem Kutschenschlag ritt und Jan die Nähe französischer Regimenter anzeigte. „Steig aufs Pferd," rief er, „schlag ihre Quartiere aus wie sonst, und wenn du nachts zurückkehrst, trunken von Sieg, freust du dich deines jungen Gemahls doppelt/* „Ich reit' nicht wieder aus." „Wir wollen einen Becher zusammen leeren." Konzediert. Aber ich quittier' den Dienst. Dieser Krieg geht nie zu Eirde. Die Fürsten sind's schuldig, mit ihrer Aengstlichkeit, ihrem Zögern, ihrer Feigheit. Mir in den Arm zu fallen, wo ich Paris sicher hatte!" Mein Jan," sagte Griet, „laß uns nach Köln gehen. Der Winter kommt." „Ich werde ein Haus kaufen, ja, und wie ein Bürger leben, Fett ansetzen und schimpfen auf den Lauf der Wel.t" Jos 6 Maria lachte. „Meinst du, daß du es könntest?" Jan knurrte nur. Aber er ließ wirklich nach München melden, daß er Winterquartiere um Köln nehmen wolle. Sie zogen langsam durch Flandern, über Jülich auf den Rhein zu. Jan war besinnlicher, als es sonst seine Art war. Nicht mehr im Rausch des Kampfes sah er zum erstenmal das Land, das er blühend gekannt, als Einöde, über der ein häßlicher, unsicherer Dunst lag, der nach Brand und Leichen roch. „Ist alles der Fürsten Schuld," sagte er leise. Als ihm nach langer Zeit wieder in dem toten Däm- mergrau eines frühen Novemberabends das Baugerüst des Kölner Doms wie ein ungeheurer Galgen am Horizont erschien, überfiel ihn ein seltsames Frösteln. Auch Griet umr nickt mehr die alte. Sie war bleich und still. Ist doch sonst nicht ihre Art, dachte Jan: aber er schwieg, denn eines Weibes Seele zu erforschen siel ihm nicht bei. 218 Es war schon Nacht, als sie in Köln emzvgen, ohne die Regimenter, die weit draußen tm Lande Quartier bezogen hatten. Nur Griet war bei Jan und Fos6 Maria, ^n der Gereonsgasse war ihnen vom Kölner Rat das Haus bereitet. Als Jan in den niedrigen Stuben stand, inmitten der lastenden Stille einer sriedlichen Nacht, meinte er zu ersticken. Er war der Ruhe ungewohnt geworden. An einem Tage ging Jan mit Jose Maria nach dem Rhein zu. Als sie :n die Nähe des Bollwerks kamen, wurde ihr Schritt langsamer, und Plötzlich sahen sie sich an und lächelten. „ ^ . „Wollen wir?" fragte Jos6 Maria. „Komm, Herzbruder. Erneuern wir die Tage unserer Jugend! Laß uns von alten Zeiten reden." Es stand wirklich noch, das Wirtshaus „Zum blauen Hecht". „ t t „ . Sie tauchten nachsichtig lächelnd und ein wenig zögernd in den schwarzen Schlund ein. der wie in alten Zeiten nach Wein roch. Aber als ein alter, grauhaariger Kerl sie begrüßte, der nicht gerade aussah, als hielte er seine Gäste ungefälschten Weins für würdig, und als sie in das enge, dumpfe Gastzimmer traten und die Füße unter den schweren Eichentisch streckten, kam ihnen beiden das Gesühl: Was wollen wir hier? Jan wurde zuerst wieder munter. „Schafs Wein her, alter Schleicher!" rief er und schlug auf den Tisch. „Elfer Wein, von dem noch ein Faß im Keller liegen muß! Ein dicker Engel ist auf das Faß gemalt und hat eine Traube in der Hand. Und sck>aff die Witwe Schmitz her, Tugendjosepha, sie soll an meiner Seite sitzen!" Ehedem Witwe Schmitz, gnädiger Herr, wvhlgemerkt, ehedem. Jetzt meine Hausfrau, wenn Ihr mich um Auskunft fragt!" „Siehst du, Jose Maria," sagte Jan, als der Alte gegangen war. „Auch Tugendjosepha ist dahin!" Sie kam unsicher und zögernd und blinzelte in die Dämmerung. Jan konnte nicht finden, daß sie magerer geworden war all die Jahre. Sie mußte es gut abpassen!, um durch die Türöffnung zu kommen. Sie erkannte ihn sofort und blieb stehen, die Hände über dem Leib gefaltet. „Herr Jan!" sagte sie, und die Tränen liefen ihr über die fetten Backen. „Herr Jan!" Und sie trat zu ihm und tätschelte seinen Kopf wie! einem Kinde. „Seid Ihr es denn wirklich, von dem die Buben singen? Auf dem Bollwerk spielen sie „Jan von Werth"; ich Hab' ihnen manchen lieben Tag zugeschaut. O Herr Jan!" „Ja, Herrn von Werths Exzellenz, Frau Josepha; macht einen Knicks," sagte Joss Maria. „Nein, Herr Abbe oder Herr Feldpropst, für mich ist es Jan, der kleine Jan. Es war sicher nicht edel von Euch — damals — an ihm und mir so zu handeln. Denn wäret Ihr nicht gewesen, Jan säße heute hier — und nicht ein anderer." „Zackerbombenundflöh," rief Jan und lachte, „flößt Euch der General keine Achtung ein?" „Ach, Herr Jan, General hin, General her. Als General habt Ihr ein Habit und als Schenkwirt auch. Zieht Jhr's Habit aus, seid Ihr der Fan. Und um keinen ander:: sollte es mir zu tun seiw" Sie saßen still beisammen. Josephas Ehemann schlurfte hin und her und sah grämlich aus. Jan sah an den braunen Holzwänden empor und hörte die alte Aposteluhr schlagen. „Ist alles wie sonst," sagte er und trank. Zum erstenmal in seinem Leben hörte er das dumpfe Rauschen der Zeit, die von ihm wegsloß. Wo war der rosige Jan von früher mit dem weißblonden Haar? Wo die Torheit und brausende Sehnsucht des jungen Lebens? Hatte er wirklich hier gelebt und davon geträumt, ein Dragoner zu werden, der nachts am zusammensinkenden Feuer lag? „Jos6 Maria," sagte er, „ich habe mein Leben ausgeben wollen, wie die Quelle ihr Wasser. Und bin in eine ängstliche Welt gekommen, wo man sich nicht ausgeben Vars. Man sagt Exzellenz zu mir, und ich wollte, wir wären wieder jung, und du lehrtest mich den Apfelstich." „Unser Herz ist unruhig," sprach der Abb6 vor sich bin. „Unruhig und sehnt sich. Ist es zufrieden, wenn es das Ziel seiner Sehnsucht erreicht hat? Neue Fernen tun sich Auf, Jan, und darüber vergeht das Leben." „Da sitzt mir nun ein liebes Weib zu Hause. Ich hund in den Gassen keine Ruhe mehr. Er wurde reizbar wie ein Stier. Er ritt vor die Tore und jagte durch die winterlichen Felder, aber plötzlich hielt er mit einem gewaltsamen Ruck sein Pferd an, denn es schien ihm lächerlich, so ohne Ziel und Zweck herumzureiten wie ern Narr. (Fortsetzung folgt.) Line ungefährliche Geistesstörung. Humoreske von Adolf Thiele. „Ta Sie gerade von Sinnestäuschungen sprechen." sagte der Kaufmann Neuert, ein älterer Herr, als er am Stammtische saß. „kleine Sinnestäuschungen hat wohl jeder von uns schon erlebt, zum Beispiel daß er einmal geglaubt hat, einen Ruf oder Musik hu hören, oder daß es ihmeinmal sästen, als sei soeben etwas an ihm vorübergehuscht. Selten sind dagegen wohl die Fälle, in denen jemand glaubt, er habe einmal eine Geistesstörung erlitten. Natürlich meine ich nicht die Fälle, wo man einmal eine Dummheit macht — wer machte die nicht? und hinterher sagt: Ta muß ick) doch verrückt gewesen sein! Nein, ich meine wirkliche Störung des Gehirns, die einen: etwas .vorspiegelt, das nicht existiert. Da fällt mir ein spaßiger .Fall dieser Art ein. Sie fragen: Kann denn eine Geistesstörung spaßig sein? Nun, im vorliegenden Falle schon. Ich soll erzählen? Nun gut! Es ist nun schon eine Reihe von Jahren her, da fuhr ich auf der Eisenbahn eine längere Strecke m§t einem .Herrn zusammen. Er war ebenfalls Kaufmann, und so fanden wir denn in unserem Gespräch zahlreiche Anknüpfungspunkte. Da wir auch in unseren Ansichten „konform gingen", so entwickelte sich schließlich eine Vertraulichkeit, ja eine Art von Freundschaft zwisck>en uns, es war, als kannten wir uns schon seit Jahren. Unter anderem kamen wir auch auf das Gebiet der geistigen Fähigkeiten zu sprechen; soviel ich mich erinnere, sprachen wir davon, daß durch starke Ermüdung die geistige Kraft abnehme. Eine trübe Erinnerung schien plötzlich in meinem Reisegefährten aufzusteigen, seine Züge drückten eine Art beklemmeiwe Traurigkeit aus und seine Stimme klang gedrückt. Teilnehmend erkundigte ich mich nach der Ursache seines Kummers. „Es ist allerdings eine sehr fatale Sache, die mir gerade in den Sinn kommt," sagte er zögernd. „Sie sind ja ein vernünftiges und teilnehmender Mann, Ihnen kann ich es schließlich mitteilcn. Ich bin, wie ich sonst wohl annehmen darf, geistig völlig klar, ich denke logisch und kenne auch keine Ermüdungszustände. Und doch ist mir, vor ein paar Jahre:: war es, ein Fall passiert, der mich schon manchmal bedrückt hat, eine wirklich Geistesstörung. Hören Sie, bitte, einmal zu! Ich fuhr eines Nachmittags in einem Schnellzuge von Bielefeld nach Magdeburg, das heißt, ich wollte dorthin fahren. Es toar ein warmer Tag, ich nahm mir daher vor, in Hannover, wo fünf Minuten Aufenthalt lvaren, auszusteigen und im Bahnhofrestaurant ein Glas Bier zu trinken. Ich fuhr allein in einem Abteil -weiter Klasse, und auch sonst befand sich anscheinend niemand im Wasen. ES war also efcjufaJ um mich verum, und so schlief ich denn ein, nachdem wir DNnden passiert hatten, ö« war gegen drei Uhr. Wie lange ich geschlafen habe, weiß ich nicht, darauf kommt hierbei auch nic^s an. Mötzlich höre ich einen lauten Ruf: „Hannover, fünf Minuten Aufenthalt!" Schlaftrunken fahre ich auf; da steht ein Bahn- heamter an der Wagentür. die er aufaerissen hat. Fünf Minuten, sage ich mir. Du Mlst hier ja ein Glas Bier trmken! Ich verlasse also den Wagen, schlafe die Tür hinter mir yn und gehe trotz meiner Schlaftrunkenheit schnell in das Restaurant zweiter Masse. Hier trete ich -um Büfett, lasse mir ein GlaS Bier geben und Nach etwa vier Minuten verlasse ich das Restaurant und kehre auf den Perron zurück. ^ ^ ,, . Und da — denken Sie sich — ist mem Zug verschwunden. Ich blicke erstaunt herum und sehe mitten auf dem Perron mein Gepäck, einen Handkoffer und den Regenschirm. Bor Erstaunen war ich ganz außer nrir. Ich hatte weder das Lauten noch das Pfeifen gehört." — „Das war ja damals noch üblich, ebenso wie das Wort Perron." unterbrach sich der Erzähler. — „Nirgends eine Spur von einem Zug zu sehen! Ich stand vor einem Rätsel. , Mein Erstaunen wuchs, als ich auf che Bahnhofsuhr und meine Taschenuhr sah: beide zeigten fünf Minuten vor fünf. „Da hast du ein paar Stunden geschlafen!" sagte rch mrr emen Moment, aber sofort fiel mir ein, daß ich ia dann längst m dev Nähe von Magdeburg fahren müßte. Und ich stand doch auf dem Bahnhof in Hannover! . Ganz aufgeregt begab ich mich nun zum Stationsvorstand. „Wo ist denn mern Zug geblieben?" fragte ich in meiner Verwirrung. „Ja welcher Zug denn?" erwiderte der Assistent, der »urzett gerade Dienst hatte. „Hier laufen viele Züge auS und ein!" „Der Zug nach Magdeburg," rief ich. „Ich bin eben von Bielefeld im Schnellzug angekommen und will nach Magdeburg weiterfahren !" „Kann ich einmal Ihr Billett sehen?" „Jawohl, bitte, hier!" „Hm. richtig, durchgehender Schnellzug von Bielefeld nach Magdeburg!" sagte der Assistent verwundert. „Sie sagen, Sie seien eben erst angekommen?" .jawohl, vor vielleicht sieben Minuten stieg ich aus dem Schnellzuge aus und ging ins Bahnhofrestaurant. um ein Glas Bier zu trinken. Wie ich auf den Perron zurückkomme, ist der Schnellzug fort und mein Gepäck steht da! Hier habe ich es!" „Das ist mir unerklärlich!" sagte der Beamte, ern ruhiger, anscheinend sehr besonnener Mann. „Wie ist denn das nur möglich? Es ist jetzt fünf Uhr. und um diese Zeit kommt kein Schnellzug von Bielefeld an. Saßen Sie denn im richtigen Zuge?" „Jawohl, ich bin in Bielefeld abgefahren, bin durch Minden gekommen, habe dann kurze Zeit geschlafen und bin hier in Hannover vor wenigen Minuten angekommen und durch den Schaffner geweckt worden." Der Beamte schüttelte den Kops. Wir redeten noch lange hin und her, aber konnten uns nicht einigen. Der Assistent blieb dabei, und er zeigte es mir auch auf dem Fahrplane, d den Kopf. Hatte ich das nicht alles schon einmal in der Zeitung gelesen? Mehr und mehr kehrte mir die Erinnerung zurück, und als er dann mit seiner ttaurigen Frage schloß, war ich mir klar. „Ja, ich kann Ihnen die Sache erklären!" sagte ich und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. „Wie?" ries er ganz erstaunt. „Ihre Geschichte hat in den Zeitungen gestanden," fulw ich fort, „und zwar, wie ich mich erinnere, zuerst in der „Kölnischen Zeitung". Es muß im Jahre 1899 gervesen sein." „Jawohl, das dürste stimmen!^ rief mein Reisegefährte in höchster Spannung. „Nun, dann will ich Ihnen erzählen," sagte ich. „rvas ich dort gelesen habe. Ms Sie damals das Zimmer des diensttuenden Assistenten verlassen hatten, steckte ein Rangierer den Kopf in oie Tür und fragte mit geheimnisvoller Miene: ,Ls hei weg?" „Wer denn?" fragte der Assistent. „Na, der Kerl, der eben hier war!" Und nun teilte er denn. Folgendes mit: Ms der Schnellzug um drei Uhr eingelaufen war, erhielt der Rangierer vom Zugführer den Auftrag, den letzten Wagen des Zuges abzuhänaen und ^ur Ausbesserung in die Reparaturwerkstatt zu bringen. Erinnern Sie sich, daß Sie im letzten Wagen saßen?" „Allerdings, ich erinnere mich! Doch bitte weiter!" rief mein Reisegefährte. „Der abgehängte Wagen," fuhr ich fort, „konnte nun nrcht G leich in die Werkstatt gefahren werden, er wurde zunächst auf ein tebengeleiS geschoben und ttaf erst etwa halb fünf Uhr in der Werkstatt ein. Der Rangierer warf zufällig einen Blick in ein Fenster und sah dort eine Reisetasche. Er forschte weiter nach und erblickte dann auch den dazugehörigen Reisenden, der sanft schlief!" „Und das war also ich?" stagte mein Gegenüber gespannt. „Mlerdings! Was nun tun? Kurz entschlossen legt er die Rangiermaschine wieder an den Wagen und fährt ibn nach dem Personenbahnhöfe zurück. Kaum steht der Wagen, da reißt der Rangierer die Tür auf und ruft: „Hannover, fünf Minuten Aufenthalt!" Sie stiegen nun aus und gingen sofort ins Restaurant. Eiligst stellte nun der Mann Ihr Gepäck auf den Perron und verließ mit Maschine und Wagen den Personenbahnhof." „Ach!" seufzte mein Reisegefährte tief auf. „Das wäre also die Lösung des Rätsels! Der Stationsassistent hat dann sicherlich nichts von dem Vorfahren des Wagens gesehen!" „Anscheinend. Und hinterher hat er es auch für rätlicher gehalten. Sie nicht aufzuklären." „Sie glauben gar nicht, wie dankbar ich Ihnen bin!" sagte nun mein Reisegefährte. „Mso keine Geistesstörung!" .Meinl" rief ich laut lachend. „Nur der ingeniöse Einsal» eines Rangierers, einen Schnellzug zu imitieren!" Darum, dah er sein Leben in den Tod gegeben.... Bon I. Hel d. Nun war es beschlossen! Oberstleutnant von Wilderich als er mit sich fertig geworden, noch einmal über die blonden un! braunen Köpfe seiner Offiziere fort, weil er auf dem Rande des Sckpitzengrabens, in dem sie lagen, stand, und gab dann seinen Befehl. Er klang kurz und scharf durch den verdämmernden ?lvril- abend, zu dem hinüber, für welchen er bestimmt war: „Herr Oberleutnant Metzner, nehmen Sie das Pferd, das Kruse ll bereits anführt, und reiten Sie unverzüglich zu Hauptmann Stebeke. Jmi Galopp, wenn ich bitten darf. Befehl: Hauptmann Stebeke soll sofort die SteUung des Feindes in der Waldparzelle 3, Karte Karree 6 erkunden und bier Meldung machen!" Oberleutnant Metzner schlug die Hacken zusammen und stiea mit steifen Knien aus dem Bau aus Erde, Schlamm und Dunst in die frische Lust empor. Dabei dachte er mechanisch: „Na, da S * 'iete ich aber dem Stebeke. In der Waldparzelle sitzt d« , und wenn er wirklich die geforderte Meldung macht, barm geht's nicht mit rechten Dingen zu." Und während er den Schimmel, der schon bereit stand, bestieg, durchfror ihn ein seltsames Zittern. Wenn der Hauptmann Stebeke stel —. Er gab sich einen Ruck und saß aufrecht und steil im Bügel. Er sprengte vorwärts, im Galopp, wie der Oberstleutnant es befohlen hatte. Aber die Gedanken flogen mit: Wenn — wenn —. Und aus dein Dunst des weichen dlprilabends rang sich eine schlanke, schmale Frauengestalt und lächelte ihm entgegen. , Er kannte sie gar wohl! Hatte er doch vier lange Jahre nichts anderes gedacht, als daß sie einst sein Weib sein würde. Dann aber kam Hauptmann Stebeke dazwischen. Noch war ja kein Wort von seinen Lippen gekommen, das die schöne Gertrrrd Barberlein gebunden hätte. Und das war sein Fehler gewesen. Nun sprach der andere. Ehe er auszog, steckte er den Rrng an die Linke der lieblichen Gertrud, und wenn er heim!kaM, dann gab es Öock>zeit! Wiederum ein — wenn —. Er würde aber nicht heimkommen von diesem Waldritt! Drei andere Kameraden lagen dort auch irgendwo, und, wenn die Braut den Schmerz überiounden haben würde, dann kam er. Sie war jung, und sie hatte ihn gern gehabt! Mehr als das? Wäre er nicht so voller Bedenken und Erwägen gewesen, gehörte sie letzt ihm. Das halte er oft genug gefühlt. Nur seinem Zaudern rvar es zuzuschreiben, daß sie lick) schnell für den anderen entschied. Plötzlich färbte eine heiße Welle der Sckxrrn seine Stirn. Er belog sich ja in diesem Mgenblick? Sie liebte ihren Verlobten, und für ibn hatte sie niernals andere Gefühle, als rein schwesterlickre und steundschastliche gehabt, dlber trotzdem — wenn der andere nicht gewesen wäre, oder jetzt plötzlich verschwände — ° / J a ,— Skwih sogar! — Und der Oberleutnant Metzner spornte den Schinmrel und tagte wilder geradeaus! — Wenn — wenn . . . Er wollte nicht mehr an sie denken. Er zwang sich zu sesd- täglichen Gedanken; denn es war heute Karfreitag, und das Osterfest war nahe. Ein Tag des Opferns nach dem göttlichen Vorbilde! Ein trüber Tag. Und die Kindbeit erstand ihm ans dem Nebel. Er sah sich tvieder in dern alten Pfarrhauke. das sein Elternhaus unrschiloß, hörte die tiefe, milde Stimme seines Vaters, und 220 die Helle, zärtliche der blonden Mutter, sah die Hanspostüle und vernahm das Wort des Kartages. Aber, seltsam, er konnte cS nicht verstehen. Nur ein Satz blieb in seinen Ohren: „Darum, daß er sein Leben in den Tod gegeben hatte —" Was sollte ihm jetzt die,er traurige Satz? Er wollte doch leben!. Der weiche, rcgendurchtränkte Waldboden dämpfte den Ton der Hufschläge. Unhörbar schien der Gaul unter und mit ihm dahinzufliegcn. Und das Frieren einer heimlichen Angst überkam ihn von neuem. Was ,var das nur? Trug er nicht längst das Eiserne Kreuz, hatte er sich nicht nrehr als einnial ausgezeichnet, im dichtesten Kugelregen mit einem Lächeln der Freude gestanden — und jetzt fror er in einer rätselhaften Angst? Um wen denn? Etwa um Hauptmann Stebeke, der ihm im letzten Augenblick die Braut fortgenomMen hatte? Um den nicht! Um sie, das Mädchen seiner Liebe, seine kleine, süße Gertrud. Er nannte sie mehrmals hintereinander mit diesem Nainen. und empfand nicht, daß es ein Unrecht sei: fühlte nur eine flutende Seligkeit und das Bewußtsein, daß er niemals auf- gehört hatte, rm Geiste vor ihr'zu fnien.^ Und lwenn jetzt Hauptmann Stebeke den Waldritt ausführte und nicht ans Ziel kam, dann — ja, du großer Gott —! Eine neue purpurne Welle flammte vor seinen Augen auf, sein Herz tat einen rasenden Schlag, sein Atem woljte aussetzen. Er fühlte, wie tief diese oft unterdrückte und bekämpfte Liebe mit ihm verwachsen war. Er wollte Geduld haben. Warten. Bor ihr knien, sie behüten'und trösten. Ader eines Tages, dann sollte Warten und Bangen zu Ende sein, dann wollte er sie an sich reißen. ^ i ■ Wenn Hauptmann Stebeke von dem Waldritt nicht zurückfand? — Ob sie wohl weinen würde, wenn — ? Er meinte ihr heißes, verzweifeltes Schlirchzen zu hören, wie sie sich in Schmerzen und Leid wand, und wußte plötzlich, idaß er sich'belogen hatte. Sie liebte ihren Verlobten. Aber dennoch, als Ersatz in ihres Herzens Not würde sie den alten Freund erhören. — Wenn —. Das genügte ihm. Er forderte keine Liebe. tNur das eine — sie. Und er jagte in rasenden Sprüngen mit dem Schimmel weiter: denn hier mußte Hauptmann Stebeke zu finden sein. Eine eigene Sache, einen in den Tod zu schicken — auf Befehl freilich! Einer den Geliebten zu nehinen — auf Befehl freilich! — Na ja, vorwärts! Schön-Gertrud, du süßes, blondes, geliebtes! ' Ta war er — mit seinen Leuten. Kaum tausend Schritte weit weg. So, nun den Befehl! Was war das? Ein Brausen in den Ohren, ein Rückwärtsreißen wie durch eine eiserne Faust. „Darum, daß er sein Leben in den Dod gegeben hat" —. Die Stimme des Vaters! Das Lächeln der Mutter! Das Singen der Heimatglocken von dem schiefen Turm der Torfkirche! Er riß den Schimmel herum. Nicht Hauptmann Stebeke sollte in die Waldparzelle hinein, nein, er — er wollte es tun! Ausreden gab'S schon nachher: Nicht gefunden. — Gut, gut! Wenn nur der Befehl ausgeführt war!- Ter Oberstleutnant von Wilderich stand immer lwch auf dem Rande des Schützengrabens. „Kommt er denn noch nicht zurück, noch immer nicht?" "Z'Befehl. nein, Herr Oberstleutnant!" „Das ist ja unerträglich! — Jetzt —" „Z'Befehl, ja. ich glaube —" „Richtig, der Schimmel! Ha — endlich!" Meldung. Hand am grauüberzogenen Helm: „In Waldparzelle 3 liegt eine Schwadron französischer Elser! Nicht mehr. Aber auch bundert Gesetze liegen fest im Schlamm. Z'Befehl, Herr Oberstleutnant!" Ter Reiter taumelte plötzlich wie ein Trunkener. Jemand sprang vor und stützte die wankende, schlanke Gestalt des Oberleutnants, kräfttge Arme hoben ihn uuS dem Sattel, betteten ihn sanft. Handbreit floß ein Purpurstreifen über das schwärzliche Gran der zerfetzten Uniform: „Herr Oberleutnant — Metzner —" Ein Stetten! „Schießen gut. die Elser. War selbst drin. Z Befehl!" tiefes Röcheln, ein Blick gen Himmel. Vater und Mutter uvb Glockengesang vom Torfkirchlein. Und eine geliebte schlanke Madchenaestalt, der er ihr Glück bewahrt hatte. Und Engelreigen! Ueber allem aber das alte köstliche Jesaiaswort, die Verheißung der höchsten Seligkeit: „Darum, daß er sein Leben in den Tod gegeben hat — vermischter. . „ * Der April nach dem Kalender. Das Wort April ,oll herstammen von aperire «= öffnen, so daß also ylpril so viel wie Eröfsnungs- oder Frühlingsmonat hieße. Im altrömischen Kalender war der -lpril der zweite Monat im Jahre und hatte in brst mit der Julianischen Kalenderreform erhielt er M Tage und wurde zum vierten Monat. — In manchen Gegenden Frankreichs wurde in der mittelalterlichen Zeit und darüber hinaus bis ins 16. Jahrhundert hinein das Neujahrsfest am 1. April gefnert. Als dann der Beginn des Jahres auf den 1. Januar verlegt worden war, wußten zunächst viele Leute, die gewohnheitsmäßig ein Neujahrsgeschenk verlangt hatten, nicht recht, wann sie cs nach dieser Neuregelung verlangen sollten. So wurden sie am 1. Januar auf den 1. April vertröstet und an diesem Tage auf den nächsten Januar. Auf diese Weise soll das Wort „In den April schicken" entstanden sein. In unseren Breitegraden ist der April der unbeständigste Monat: seine Wetterwendischkeit tst sprichwörtlich geworden. Er bringt uns manchmal noch Frost und Schnee, dann aber auch oft schon schöne warme Tage, und manchmal toechseln Sonnenschein und schwere Regenstürze viertel- stundemveise ab. Unter Karl dem Großen erhielt der Llpril den Namen Osterinanoth und Ostermonat oder Ostermond uiid heißt j 1 }. deutschen Bevölkerung auch jetzt noch vielfach. Bei der ländlichen Bevölkerung wird er auch ,wch Gras- oder Wiesen- uwnat genannt. Im ihm nimmt die Tageslänge um 1 Stunde 58 Minuten zu. Nach mitteleuropäischer Zeit geht die Sonne am 31. März um 5 Uhr 41 Minuten auf, und um 6 Uhr 29 Minuten unter, am 30. dlpril aber kommt die Sonne um 4 Uhr 35 Minuten hervor, und geht um 7 Uhr 21 Minuten unter. Am Morgen scheint die Sonne 66 Minuten, am Abend 52 Minuten länger. Die Tageslänge beträgt am 31. .März 12 Stunden 48 Minuten und am 30. April 14 Stunden 46 Minuten. Im Kalender der französischen Republik fiel der Tlpril bis zum 19. in den Germinal- oder Keim- und Sprvßmonat und vom 20 ab in den Florsal oder Blütenmonat. * Feldmarschall, Doktor. Tie Tatsache, baß Feld- Herren zu Docbores honoris causa ernannt wurden und auch dieser Tage einem Oberst im Großen Generalstab diese akademisch« Wurde verltelxm worden ist, erinnert an zwei hübsche Blücher- Anekdoten. Als Blücher seine Ernennung znm Ehrendoktor erhielt, äußerte er: „Wenn sie mich zum Doktor machen, so muß mein Gneisenau mindestens Apotl-eker werden." Als dann nach dem Kriege, am 5. August 1814, Blücher beim Staatskanzler Fürsten von Hardenberg zum Festmahle geladen war, befand sich der Gehermrat Dr. Heim, der berühmte und in Berlin ungemein populäre Arzt, unter den Festgästen. Heim ergriff die Gelegenheit, seinen neuen „Kommilitonen" zu feiern und erhob sein GlaS mit den Worten: „Es lebe der junge Doktor, Fürst Blücher". Sogleich erhob sich der gefeierte Feldherr und erwiderte: „ES lebe der Fetdmarschall der Doktoren, mein Kollege Heim!" 'Russischer Befähigungsnachweis. Wie man in Rußland einen Posten erhält, teilt Mar Eyth, der deutsche Schriftsteller nnd Ingenieur, in seinen Briefen mit. Eine Schulden- ttlgungsbehörde wurde aufgelöst. Ein bei ihr beantteter StaatS- rat sollte anderweitig verioendet we den. Nichts war frei als die Leitung eine« SalzwerkS. Ter Minister stagt den Staatsrat : ,Ver- sieben Sie etwas von Salz?- Er antwortet: „Ich weiß, daß das Salz bte Würze des Lebens ist.- Minister: .Das ist nicht viel. Aber ich denke, es genügt." Und e« genügte. * „Doh geiht mer kapott." Ein echter deutscher Soldat kennt kern Wanken und Weichen. Die Disziplin ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen, und wo die Pflicht ihn hingestellt hat, bleibt er stehen, es mag da kommen, was will. Ein sehr lustiges Stückchen, das diese Tatsache mit einem drolligen Beispiel belegt. wurde von einem braven Kölner 1870 auSgeführt. Die Abteilung lag auf Schloß Marrs in Repli, und es wurden wie gewöhnlich Posten ausgestellt. Plötzlich schlug eine Granate in den Garten ein. Man glaubte anfangs, es sei nur ein Schreckschuß, doch fielen gleich darauf zwei Granaten ins Schloß, eine dritte nahm das Dach weg. Auf Kommando ergriff ,eder Gewehr und Gepäck, um nach den Laufgräben zu gelangen, während eine Granate nach der anderen einschlug. Durch einen Weiher, der mit einer dünnen, sofort brechenden Eisdecke überzogen war, mußte man waten, —> manchem ging das Wasser bis über die Schultern, doch rettete man sich bis auf einen Kölner, der vor dem Schlosse auf Posten gestanden und nur ein kleines Stückchen Mauer als Deckung hatte. Das wurde zusammengeschossen, alle gaben ihn daher verloren und bedauerten schon den Tod des braven Kameraden. Wer beschreibt aber die Frestde, als der brave Kölner endlich lieranmarschiert kommt und sich beim Kompagniesührer, mit der linken Haiid aufs Schloß deutend, in echtem Kölner Dialekt meldet: „Herr Leitenamb, muß ich dann doh stunn blieve, dat hält fei Minsch uhs, doh geiht mer kapott?" Trotz des Ernstes der Sittlation imißten alle lachen. Der brave Soldat hatte von 18 Granaten, die der Feind ausÄ Schloß gesandt, 14 auf seinem gefährlichen Posten auSgehalten und sich vletleicht noch unerschrockener gezeigt als manckm: in der Schlacht. Ergänzungsrätsel. S..g u.. .k.g. W.ch.t .a. T.g.; M.ß. .t. .e.j.g.n O..r e..r.g. n! Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogripys in voriger Nummer r Säge, Sage. Kchriftleitung; Aug. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Brübl'scken UniversitälS-Vuch- und Ctetndruckerei. R. Lange, Gießen.