Jon von Werth. Roman aus dem Dreißigjährigen Kriege von Franz Herwig. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Die ingrimmige Wut, die in Paris gegen den Kardinal tobte, war der Erfolg eines gewissen Herrn Jan, früher schlichttveg Jan, jetzt aus kaiserlicher Gnade Freiherr von Werth. Der Kardinal glaubte die Grenzen seines Landes genügend geschützt. Sie warex es auch — am Rhein und in Lothringen, denn dort hielten der-Kardinal La-Balctte und der Ketzer Bernhard von Weimar den Kaiserlichen Widerpart. Jan aber zog lautlos an irrten vorbei, zog nach Norden, quer durch Flandern und stand an der französischen Nordgrenze, ehe Richelieu sich die Augen gerieben hatte. Und ohne Zögern stieß Jans kleines Heer zwischen Mons und Balenciennes hervor. Bor ihm her flog ein Schneegestöber von Manifesten, die das Volk zum Aufstand gegen Ludwig den Dreizehnten und Richelieu ausriefen, und 'die den Entschluß der Kaiserlichen kundtaten, nicht eher den Degen einznstecken, bevor nicht die vertriebene Königin Maria von Medici in ihre Rechte eingesetzt wäre. In der Pikardie begann es zu grollen. Und indessen Jan unter her wilden Musik seiner Trompeten und Heerpauken die französische Erde überflutete, begrüßten ihn allerorten die Pikarden: „Vive Jean de Werth!" Die Furcht, blaß, mit fliegendem Haar, raste feinen Regimentern voraus, stand plötzlich auf allen Plätzen und Straßen von Paris und schrie und schrie. Fünfhundertlausend Pariser waren vor Entsetzen starr. Unaufhaltsam zog das Werthsche Wetter auf die Somme " Zwar warfen sich hier und da französische Truppen ent Sturm entgegen, aber noch ehe die Attacke der Reiter Jans sie erreichte, zerstoben sie. Ein starkes französisches Heer unter dem Grafen von Soissons hielt den Uebergang über die Somme. Aber gerade da, wo sie es erlvarte teil, setzte Jatt nicht über. Als die Franzosen es merkten, war es zu spät. Eine ungeheure schwarze Wand, aus der es tausendfach blitzte, fegte dicht über dem stäubenden Blach- felde auf sie zu, und der Donner „Werth! Werth!" war ihr voraus. In einem fürchterlichen Krachen und Schreien kam der Anprall, und dann war Flucht, rasende Flucht und Gemetzel, wüstes Gemetzel. Weiter! Weiter! Jenseits der Oise liegt Paris! Französische Hilssvölker ziehen heran. So zwei-, dreitausend Mann, Reiter zmd Fußvolk, unter dem Marquis von Bonnivet. Jan springt aus den Wäldern auf sie. Nach einer halben Stunde jagt ein winziger Rest auf schaumtriefenden, blutenden Gäulen nach Süden, über die Oise. In der Nacht hört man das gellende Krachen, mit dem die Steinbogen der Brücken gesprengt werden. Jan lacht. „Ich komme auch so hinüber!" Im Morgengraueu spritzt das Wasser der Oise, dort, lvo die geheime Furt ist, unter dem langen Galopp der Werthschen Reiter. Wo eine Stadt auf ihrem Wege liegt, bringen angstgraue Bürger die Schlüssel der Tore. Und wo Dörfer waren, ist bald nur ein qualmender Trümmerhaufen; die Bauern schlagen mit Knütteln auf ihre Pferde, die hoch bepackte Karren ziehen, und mit ihrer Flucht kommt das Entsetzen nach Paris. Nonnen und Mönche, keuchend unter der Last der rasch zu- sammengerafften Kirchenschätze, drängen in Scharen südwärts, südwärts in das schützende Paris. In Paris aber ist Aufruhr uttd Mord; der König ist tticht mehr sicher und der Kardinal nicht. „Jean de Werth!" brüllt man ihiten ins Gesicht. „Jean de Werth!" Der letzte Tag für Frankreichs Hauptstadt scheint nahe herbeigekomuten. „Sire, wo'sind die Soldaten und Feldherren, bereit, Paris zu verteidigen? Wo die Wälle und Mauern, Eminenz, daß ein »vehrloses Volk sich dahinter berge? Sire, »vo sind die Geschütze, »vo ihre verderblichen Ladungen? Sieh, Eminenz. hier ist die Strafe des Himmels für deine Verbindung mit dem schwedischen Ketzer!" Auf der Landstraße nach Chartres und Orleans verfuhren sich die Karossen, Wagen und Karren ineinander. Paris war nicht mehr.sicher; wer fliehen konnte, floh. Jan de Werth, der die Somme übersprang und die Oise, »vird auch die Seine überspringen! Flieht nach Tours, bis jenseit der Loire! Selbst der König ließ die Schätze des Louvre auf Wagen laden. Seine Majestät war in Paris nicht ntehr sicher. Besser, man fuhr nach Blois oder gleich nach Orleans. Nur der Kardinal, nach zwei Tagen der Bestürzung, handelte. Cr ließ die Gesellen und Lehrlinge mit Waffen versehen. Ungeheure Geschütze, Veteranen aus der Belagerung von 1593, die von vierzehn Pferden gezogen werden mußten, ließ er aus dem Zeughause auf die Wälle bringen; Greise und Weiber mußten an den Schutzwehreit schaufeln. Jan war in St. Denis. Seine Reiter streiften bis vor die Tore von Paris, jagten in einer weiten Kurve die Mauern entlang und schossen lachend ihre Pistolen in die Lpft ab. Alt einem Abend ritt Jan mit dreißig Dragonern vor. Er erreichte das Ufer der Seine iit der Nähe von Eorbei und ließ seine Reiter sich mit einigen Bauern kriegsmäßig belustigen, bis sie ihm den Stand der Arbeiten alt den Perschanzungen der Seinebrücken verratett hatten. Es war eben erst dunkel geworden, die Gäule waren noch frisch, nub es schien Jan Sünde, jetzt schon ins Lager znrMzukehren. Er ritt langsam voraus, immer die Seine auflvärts, viel leicht konnte^lnan noch Evrbeil überrnmpeltt oder ein sran. zöfisches Lager zersprengen. Ihm war sehr wohl. Er spielte mit den Zügellt und pfiff sich eins. Hinter ihm klang der gleichmäßige Trab seiner Reiter. Ich bin nun in Paris, dachte er. Wenn der Spatticr tticht ztt lange zögert, flattert der Doppeladler in drei Tagen vor dem Louvre. Dann »verde ich vor eilt gewisses Kloster reiten. 9M und in die Kutsche des Kardinals, die ich rmtnehme, werden zwei Damen steigen, die ich lange nicht gesehen. Mr werden ein hübsches .Festmahl Huben, und ein gewisser Herr Durante wird mir die Stiefel auszieheu. Ist doch eine luftige Welt! Weit voraus in der Finsternis des späten Abends erschienen zitternde Lichter. , „Attention!" rief Jan leise zurück und nahm die Zuge! fester. Man hörte das Knacken der Musketenhähne. Nach einer Viertelstunde vorsichtigen Reitens waren die Lichter größer und stiller geworden. Jan sah, daß sie aus einem U1W> heuren schwarzen Mauerkoloß schimmerten. „Galopp!" , ^ Die Pferde jagten los. Da tauchte eine lange Reihe beleuchteter Fenster aus der Finsternis. Fast schien es, als flögen Geigenklänge herüber. Zackerbombenundflöh die hatten nicht mit Jan de Werth gerechnet. Er wird ihnen „Guten Abend" sagen, det Jan! — In der Tat Musik! Jst's ein Fest, komm' ich m Gast, dachte Jan. Fern tauchten die Türme von Corbeil aus dem grauen Dunkel. Was tut's! Ehe die guten Bürger erwachen, habe ich meinen Nachttrunk in angenehmer Gesellschaft gemacht. Sie kamen auf guten Weg. Die Hufe klapperten Im Bogen schwang sich die Straße vor das Schloßportal. Dort schlugen Hunde an. Windlichter blitzten aus. Mau sah Leute, die, eine Hand über den Augen, in die Nacht spähten. Jan ritt vor. „Guten Abend, meldet einen späten Gast. — Wie heißt euer Herr?" „Herr de Jussac." „Nun gut, meldet also einen Gast, der die Füße ein wenig an das Kaminfeuer stecken möchte. Und kein Einwenden, Bursche, macht voran!" Jan lächelte behaglich und strich sich den Schnurrbart. Dann schwang er sich aus dem Sattel und nahm die Zügel über den Arni. Oben brach die Musik ab. An den Fenstern zeigten sich Gesichter. Damen waren dabei. Zackerbombenundflöh, sollen sich nicht stören lassen. Jan tanzt mit. Endlich erschienen auf der Höhe der geschwungenen Marmortreppe, im Schein zweier mächtiger Bronzekande- laber, geputzte Menschen. Ihnen voraus schritt vorsichtig und ängstlich ein kleiner Alter, dem eine schlanke, bleiche Dame zur Seite ging. Jan machte einen Schritt vor, Und als das Paar den untersten Treppenabsatz erreicht hatte, sagte er: „Verzeiht —" Aber sofort stockte er. Die großen traurigen Augen der Dame, die auf ihm ruhten, machten ihn verwirrt. Weshalb- nur? Er wußte es nicht. „Verzeiht," sagte er lauter, ich bin der von Werth—" Doch da stieß die Dame einen leisen Schrei aus, ließ ihren Begleiter frei und hielt sich an der Treppenbrüftung fest. „Fürchtet Euch nicht," fuhr Jan fort und lachte. Aber oa erschien oben aus der Höhe der Treppe eine zweite Dame, lehnte sich weit über das Geländer, und plötzlich ries sie laut: „Jan, Jan!" Und fuhr im Sturm die Stufen herab und ries in einem fort: „Jan!" und hing Jan am Halse und stammelte: „Jan, bist du endlich da?" Jan lies es kühl und kribbelnd den Rücken hinab', und seine Knie begannen zu zittern. Das war Griet, ein wenig älter als damals, aber cs war Griet. Da wußte er nichts anderes zu tun, als unbändig zu lachen und zu rufen: „Zacker—bomben—und—" Aber dann wurde sein Lachen seltsam unnatürlich und war nur noch ein lautloses, inneres Schütteln, und Griet fühlte ihre Haare, in die Jans Gesicht gewühlt tvar, feucht werden. Plötzlich fuhr er herum: Kerls, blast! Blast, daß euch die Lunge platzt!" Dabei klang seine Stimme so wütend, daß die zwei Dragonertrompeter durcheinander bliesen, was das Zeug hielt, mit aufgeblasenen Backen, hochrot und mit starren Augen. „Griet!" sagte Jan da zum erstenmal und sah in ihr tränenüberströmtes Gesicht. „Komm," sagte sie selig lächelnd, „hier ist Marie-Anne fe- setzt Frau de Jussac." . „Ihr kommt ein wenig spät, Herr Jan, aber es ist nicht Eure Schuld. Und dieses ist mein Gatte." Es wurde nicht mehr gesprochen, nur die Trompeter bliesen noch. Seid still, Kerls!" schrie Jan. „Mso geht Ihr nicht mit mir?" fuhr er leise fort. „Nein, Herr Jan. Jetzt — ist's zu spät." . Herr von Jussac trat einen Schritt vor, und fern Mund bewegte sich. „Mein Herr, sagte Jan, „ich bin Jan de Werth, Ihr versteht! Und wenn ich Euch raten darf, so bedenkt, daß diese Dame unter meinem Schutze steht. Wenn ihr sie beleidigt, so stürzt Euch lieber gleich in die Seine, denn ich mache sonst Zügelriemen aus Eurem Fell." ? „Herr de Werth —!" ,^Jawohl, geht immerhin nach England, m^in Herr, oder nach Polen. Aber ich mache Zügelriemen aus Eurem Fell' Zackerbombenundflöh, so wahr ich Jan heiße." „Eccellenza, in Corbeil wird man munter. Es sollen zwei Regimenter dort liegen’" sagte Jans Wachtmeister eindringlich. „Wir reiten. — Fragt nach Jan de Werth", sagte er zu Marie-Anne, „und jeder Bauer wird Euch sagen, wo ich zu finden bin, wenn Ihr mich braucht. — Griet; gehst du mit mir?" Griet hatte sich frei gemacht, als der Wachtmeister Jan mit Exzellenz anredete. Sie stand betreten beiseite, und ihre Lippen bebten. „Mitgehen?" „Hätte nicht gedacht heute morgen, als ich in den Sattel stieg, daß mein Hochzeitstag sei. Vorwärts, Griet!" ^,Mit — dir, der — Exzellenz?" „Nein, mit mir, dem Jan!" „Nehmt einen Trunk, Herr Jan," sagte Marie-Anne und bot ihm selber den Becher. Er trank ihn aus, die Augen fest aus sie gerichtet. Dann wendete er sich ab. Zwischen Pferd und ihn trat Marie-Anne, rasch, als wollte sie ihn zurückhalten. „Herr Jan —!" Sie faßte seine Hand. Sie Bang nach Worten. Endlich stieß sie hervor: „Seid gesegnet, beide!" Sie wandte sich ab und verschwand im Hause. „Komm, Griet!" „So, wie ich bin?" „So, wie du bist." Er sprang in den Sattel und hob sie empor und setzte sie vor sich, den rechten Arm um sie geschlungen, die Linke hielt die Zügel. So ritt er los, trab, trab, aus und ab . s * „Mein Jan!" „Süße Griet!" Trab, trab, auf und ab> .,« „Weißt du noch — V „Hast du zuweilen an Köln gedacht, Griet?" Trab, trab, auf und ab . . . „Blast das Lied vom Winterkönig," rief Jan. „Und singt dazu!" Sojort bliesen die Trompeter los, die pulverdamps- rauhen Kehlen der Dragoner sielen ein, und über das nächt- liche französische Land scholl das lustige und trotzige Lied: „Herr Kurfürst Friedrich von der Pfalz, Einen Winter lang war er König —" Und nach jedem Vers, wenn es stille wurde, stießen die Dragoner sich gegenseitig in die Rippen, denn da vorn, wo in der Dunkelheit das Pferd des Generals kaum noch zu sehen war, klang es wie von derben, sehnsüchtigen Kliffen. — (Fortsetzung folgt.) Der feige Hans. Von L. Malten. Hinter Goldap an der Romintener Heide lag sein Hof. Das Häusä)en mit dem buntbesäten Blumengarten davor lehnte sich an einen breiten Ausläufer des Waldes. Friedlich beschattet lag's, warm und geborgen hinter den starken Laub- und Nadel riesen. Wie ein kleines Eiland der Ruhe. Uird das war es nicht nur äußerlich. Wer die alte Großmutter hinter den sauberen Gardinen sitzen sah, wie sie das silberne Haupt zur Andacht neigte, wie sie dann mit der alltäglich gleichen Bewegung die Hornbrille an der Nase m - tzerunterzog imb si- auf b*e Va-uSVostM« letfMy tM^nfo fme ihr lr^ohsohn, der von draußen seinen Bück über sie hin- gkeiten tiefe, die varmvnie gesegneten FrisdenS. He fort Md schürzte die Oberlippe über den blinkenden wertzen ^^".Wäre Ihnen das so arg zuwider. FrätUein Annchen?" sagte Dans Romeike leise, und das geschärfte Ohr des jungen Mädchens hörte die Unsicherheit seiner Stimme. Aber dieser wankende Ton ärgerte sie So war es »tun immer. Seit Jahr und Tap... dieselbe Unschlüssigkeit und dasselbe Zagen... genau so wie es jetzt aus seiner Frage llang. Warum hatte er niemals den Mut, das rechte Wort zu finden... und nun war sie fünfundzwanzrg... konnte längst seine Dausfrau sein. Wie stolz sie auf ihn gewesen, wäre, wenn er gls fotd}< ein rechter KriegSMann hrnausgezogen wäre, anstatt... sie ärgerte sich. Sie verachtete ihn beinahe.. B und darüber tat ihr's Derz weh. „So. der Kaffee ist sertia." sagte die alte Frau Romerke und deckte geschäftig den Tisch. Dsie Jungmägd brachte das Geschirr. „Ich meine, ein rechter Mann gehört hinaus vor den Feirrd," sagte Anna, warf den Kops zurück und blickte ihm gerade und fest in die Augen. Ihm stockte das Mut in den Adern vor ihrer gereizten knappen Rede. Tie alte Frau hörte nur mit halbem Ohr und sagte an seiner Statt: „Du hast ganz recht, Annchen, dev Feind... der böse Feind... Ein Glück, daß er nvck> hier rst, Mein alter Jung'." Wie verschiedene Wege doch die Gefühle gingen... Anna lächelte. Ta quoll es heiß auf in ihm. 2Lber er bezlvang fick). Seine Grotzmutter kam mit dem Kuchenbrett in den Harrderr. Sie war sichtlich erfreut über den lieben Besuch, denn sie schaffte das Beste herbei, was ihr Daus bot. Und wie sie nun das junge Paar neben sich sitzen sah. ihren schönen stolzen Grotzsohn mit dem dunklen Kops und daneben daS feuerlockige Haar des schönen Mädchens weit und breit, wallte es warm auf im Herzen der allen Frau. Wenn sie es doch noch erlebte, ein blondes Urenkelclien im Arnt zu hegen... Sie lächelte eigen vor sich hin. Am Neuster atitt ein Schatten vorbet. Jetzt llopste eS hart an die Tür. ^. Die Drei schraken empor. DanS war eS, der sich zuerst faftfcc. „Guten Tag, Herr Pfarrer," er trat auf den in bet Tür Stehenden zu, reichte ihm die Hand und schob ihm den Stuhl zurecht. Anna e«te eine Tasse zu' holen, der alte Herr aber hielt sie zurück: „Latz gut sein, Kind, ich Hab' gevespert. Setz dich." Seme Hand zog sie nieder. Sein altes gebräuntes Gesucht blrckte kuM- merschwer. Anna sah es. Freilich seine drei Söhne standen schon hinter Gumbinnen in der Front und seine zwei Schwiegersöhne aückx Sie fragte nach ihnen. Er blickte sie seltsam weich an.. „ Nach einer Prüfe sagte er: „Die Frauen müssen fort... noch heute... „Noch heute...? Herr Pfarrer„ „Noch heute..." Mit harter Bestimmtheit stang's zurück. Romeike war aufgesprungen. Sein Blück jagte über seiner Großmutter gebückte Gestalt hin und blieb dann auf dem rotblonden Mädchenscheitel hasten. Es lag eine eigne Gewalt in den dunsten Männeraugen. Anna sah sic... Das Mut stieg ihr hoch und bedeckte Gesicht und Hals wie Mit einem spinnwebfeinen roten Schleier. So hatte er sie schon einmal angesehen... vor fünf Jahren, als man ihre Mutter auf den letzten Gang begleitete... Sie faßte sich mühsam. Ihr war zu Mut. als mutzte sie laut auf- schreien... 9lber sie dämmte den jäh aufsteigenden Schmerz und sagte leise, um! das Zittern ihrer Stimme zu verbergend „Ich kann doch den Hof nicht allein lassen. Herr Pfarrer." „Ten Hof, den Hof", schalt der alte Herr und seine bebende Stimme widersprach seiner Heftigkeit. Um den Hof geht's nicht, Anna, es geht um Dich ... um Dich ... alle müssen fort . . alle Frauen, alle Kinder. Die meinen fahren heute. Rüste Tust und komm' mit. Sie auch, Frau Romeike —" „ , „ . „Erbarmen! Herr Pfarrer!" rief die alte Frau lächelnd. „Was sollen sie mit mir! Ein alles Weib . . . wie werd' ich fliehen ... die Heimat lassen . - . i wo, ein altes Mütterchen, das ist gefeit." _ . f , .. Der Seelsorger stand auf, stemmte die Hand schrver aus dre Tischplatte und sagte streng: „Der Kommandant befieAt'S." Tann faßte er nach Hut und Stock und suchte die Tür. Kerner hielt ihn. Seine letzte Rede hatte eingeschlagen wie der Mist Sre waren alle drei wie gelähmt. Der Kommandant befahl. Das stang freilich gewaltig ernst. Sie sahen dem Geistlichen nach, wie er den Weg vor'm Hause entlang ging. Dort hinter dem Busch lag ein anderes Gehöft. Dort waren auch Frauen und Krndev seiner Gemeinde. .Er wollte keinen ungewarnt lassen, bevor er selber hinaus Mutzte aus der Deimat ... Die Sorge beflügelt« ihm! den Schritt. Es war kaum 5 Uhr, als Hans Romeike seine alte Groß- nrUttcr auf den Wagen hob und ihr daS eilig zusammengeschnürte Gepäck hinaufreichte. Dann ging er noch einmal zurück, nahm den Revolver aus dem Schreibtisch, prüfte die Sicherung und steckte ihn zu sich. Die alte Frau war ganz verstört. Zwei Menschen- alter hauste sie hier draußen in ihrer Landeinsamkeit und nun rrtz sie urplötzlich eine harte Gewalt aus dem Frieden des Atters heraus . . . Ter Krieg ... Es gewann rroch gar keinen Glauben in ihr. Llber wenn einer so hart drängte wie der Pfarrer, der war kein Furchtsamer ... und ihr Hans dazu ... der war doch sonst die Unschlüssiakeit selbst. Und das war der einzige Fehler, den er hatte, ihr svnnenlieber Bub . . . Sie streichelte ihm den Arm, als er jetzt neben ihr niedersatz und dem alten werßhaangen Knecht die Zügel abnahm. ^ ^ orr , a An der Station im Dorschen drängten sich dre Nachbarn. Alles auf der Flucht. Mit weinenden blassen Gesichtern. Hans' Blrck eilte suchend umher. Anna Pittat war nicht unter ihnen. „Dre Anna Pilkat?" frug der Pfarrer. Romeike zuckte die Slchseln. Sre würde wohl mit dem Frühzug fahren. - „Junge Menschen haben immer Zeit"', murrte der Pfarrer ärgerlich. Und dann sprach er tröstend zu den Seinen und der alten Frau Romteike, die wie im Traum an ihren» Jungen hochsah. der ihr zärtlich über die altersnrüden Schultern strrch. Tie Sonne stand blutrot hinter dem Waldsaume. als Hans heimwärts fuhr. Eine Schar Krähen flog schreiend über dre Stoppeln. Wie die Ebereschen zwischen dem grünen Laub leuchteten . . . Wie Flammen . « . Dort am Feldrveg wechselte ern Rudel Hirsche. Prackstvoll, wie es über der» Darum setzte un» leichtbeschwingt die Böschung erstomm. Silber»» lag die Rommte in ihren,, Bett. Würde ihr Laus so hell und heiter bl erben . oder . . . seine Gedanke»» versarrken so tief im Zauber der Detnrat, daß er auf einen Umweg geriet und plötzlich sah er srch von dev Dämmerung überrascht. Wie tot ihm sein Haus erschien. Er hatte Mühe seine Fassung zu bewahren, als er auf der Hauspostille seiner Großmutter Hornbrille fand. Und plötzlich Ivar's ihr»»!, als rrsse ihn renrand empor. Er langte mit raschern Griff die Mütze von» .cagcl und stürmte wieder hinaus. Am Flutz entlang. Dre Ronrrrrte rarrschte wie ein altes Volkslied. Wenigsterrs siel's ihm ern, als er voranschritt. „Es liegt ein Weiler fern im Grrrnd" - - - Sre hatten eS oft zweistimmig gesungen ... die Anna und er . * . Dort hrnten lag ihr Dos. Verwegen von dem Mädel, da so allein zu l>ausen, nun der Müder fort war. Was daäste sie beim nur!? Dre paar Tienstleute, die da tvaren. Alte Dleckste. WaS jung mt, mutzte bodv gleich fort. Ach hätten sie ihn hock, auch gleich beordert, Hatz er Loslösen von allem nicht so furchtbar tiet und anälendj empfände!^. . . Stimmen ... Tort hinten gab's Streit... Wo war's? Auf Vikats Hof. .. ? Ter Mond stieg hell herauf und beleuchtete ihm den Weg. Hilferufe waren das! Großer Gott. .. Die Anna. . . allein womöglich... Wenn der Pfarrer getoarnt hatte, waren die Leute am Ende von ihr geflohen ... und sie... der Schtveiß rann ihm von der Stirn. Er jagte voran. .. und im Jagen fahle er nach seinem Revolver ... zog die Sicherung heraus... mechanisch tat er's, denn lvie er nun die Tür erreicht hatte, knallte der Schuh schon los. . noch einer... ein dritter... ein vierter, fünfter... und zwischen drei, sich im Blute wälzenden Gestalten ragte geisterhaft rveiß das Gesicht Annas. Ihr rotgoldnes Haar hing wirr und aufgelöst ibre Kleider waren zerfetzt, ihre Hände bluteten. Eine schreckliche Kratzwunde zog sich über den weihen Hals bis tief hinuter zu der Brust, an der die verhüllende Bluse gerissen war. ,Hans!" Ein markerschütternder Schrei. „Anna," bebte es über seine Lippen. Tann trug er, die wie leblos an ihm niedergesunken war, — hinaus. Wie ein Kind lag sie an seiner Brust. Keine Seele meldete sich weit und breit. Die Leute muhten sich versteckt halten oder waren geflohen . .. oder er- rrwrdet... War's schon so weit?... Er jagte mit seiner Last den Weg zurück. Da Pferd eget rappel... Russen ... ? Er duckte sich seitwärts hinter einen Erlenbusch. „Hier müssen sie sein." Das waren deutsche Leute. Gott sei Dank! Er atmete auf. „Dort hinaus sind sie ohne Zweifel!" sagte eine feste helle Stimme. Hans trat hervor. „Russen?" fragte er kurz grüßend, jawohl — eine Patrouille" — entgegnete der Ulanenoffizier, ein blutjunges, blondes Aristokratengesicht. Dahen Sie welche, Mann? Es ist von höchster Bedeutung.. Die Kerls tragen wichtige Depeschen mit sich." „Die Depeschen sind euer ..." sagte Romeike ernst. „Dort hinteu links «auf dem Hof findet ihr sie . . . alle." Ter junge Offizier stutzte. „Lebendig oder... ?" Seine hellen Augen streiften über des Mannes seltsame Last. „Das Leben trug ich hinaus .. drückte sein Mädchen fester an sich. Tie Ulanen senkten lbre Lanzen tief... und dann ritten sie davon, ihrem Ziel entgegen. vermach»«». Ein neues B l u t st i l l u n g s m i t t e l. Eine der wich» tigsten Mahnahmen bei jeder operativen Tätigkeit ist eine peinlich genau durchgeführte Blutstillung. Soweit es sich um Verletzungen und Tnrchschneidungen gröberer und mittlerer Gefäße handelt, bedient man sich der Unterbindung oder Umstechung dieser, um Weiter-, resp. Nachbluten zu verhindern. Neben den großen Gefaben aber blutet eS bei jeder Verletzung oder sidem Eingriff noch aus den feinsten, für das Auge nicht sichtbaren Gefäßen der Organe, den kapillaren: eS sind dies die sogenannten parenchymatösen Deutungen. Diese stillt man nicht dnrch Unterbindnng, sondern d»rch Tamponade, d. h. durch Andrücken von Tupfern, die das ailSslromende Blut aussaugen und die Gerinnung befördern. Lange Zeit war es beliebt, mit einem chemischen Mittel, dem Eisenchlorid, bckqnor kern aeagaiedlorati, oder der mit diesem imprägnierten Watte Bluttingen. besonders der Nase, zum Stillstand zu bringen. Aber daS E'.fenchlorld hat den Nachteil, nucf, Aetzwirkungen oti§- znnben und zu verschärfen. Deshalb verzichtet man jetzt auf seine Anwendung. Ein anderes proinpt wirkendes Blutstillungsmittel, daS mehrfach mit leben-rettendem Erfolge angewendet ivorden ist enthält die exotische Troge deS Pengawer Yambl. Doch ist dies ziemlich selten. Es war daher, da eS an einem fchiiellen und sicheren Mittel bisher fehlte, ein ausgezeichneter Gedanke deS Schiveizer Chirurgen Fonio, der an der Berner chirurgischen Klinik KocherS arbeitete, die gerinnungsfähigen Substanzen des Blutes zur Verstellung eines BlutstillungSinittels zu verwenden. Bekanntlich germnt das Blut beim AllStreten aus einem verletzten Gefäße von felvst. ES i't dieS ein komplizierter cheniifcher Prozeß, bei dem ein Gerinnung» erment, Tbroinbase, eine ivich:ige Rotte spielt. Außer- dem befördert daS Anftreteu voii Kalk den GerinnuugSvorgana. Au» diesen im Tierblute vorhandenen gerinniingsfördernden Substanzen stellte Fonio sein Eoagilien Kocher-Fonio her. Wenn mau da« Eoagulen aus blutendes Gewebe bringt, so ver.nehrt e» die Gerinnungsfähigkeit de» anSstromenden Blutes und stillt daintt die Blutung sehr schnell. Die Anwendungen der Praxis haben die -rheorie bestätigt. Nasenärzteii »nd Chirurgen ist eS ein vielversprechendes Hilfsmittel geworden. Auch auS Berichten der Feld- n ** ,e man » eS bei gefahrdrohendeii Verwundungen nicht ohne Wirkung geblieben ist. vüchertisch. diese. Poesie deS Krieges. Zum Besten der Krregsfürjorge. 109 seiten Oktav. Kartoniert 1.20 Mk. Diese Sammlung ausgewahlter Kriegslyrik wiN die hellodernde Begeisterung der Känrpser im Felde und Daheim pflegen helfen. Sre will den reinen Geist, den die Not der Stunde gebar, mit hm üb er tragen in alle deutsche Zukunft. Der bekannte Literarhistoriker Alfred Biese gmg bei seiner Auswahl davon aus, daß em deutsches Gedicht noch immer als Sang aus dem Herzen ge- Zkollen ln, als eine selige Himmelsgade, die äußeres und inneres Kleben, ^Melt und Seele zu einer Gefühlseinheit zusammen- schlteßt. So gibt Biese denn vor altern die reine, im Mensckien- tnncrn gesungene unb gewordene Lyrik dieser großen Zeit. Er teilt sie m wer Gruppen ein: „Der Stuiin bricht los!", „Die Fahnen wehen" „Gedanken daheim", „Heiterer Ernst ans großer Zeit". besten ^ichtimgen aus der großen Fülle des literarischen Schaffens in den letzten Monaten sind hier vereinigt. r ö t n " w mer bb'der^IHttstrie c ten ZeitungE U 5 ciinrt I. I. Weber. Leipzig). — Z»l,n Osterfeste bringt die neue Nummer einen Anssatz von Professor D. Adolf Deiß.nann .Ter Trlumvh deS Lebens* und ein stinunilngsvolleS Gedicht von H. L. Linkenbach „Ostern 1915% An sonstigen Tertbeiträgen seien ferner genannt: Professor Tr. Franz Euieuburg .Tie Deckung der Kriegskosien bei unS und unseren Gegnern*, Oberstabsarzt Dr. Junius „Zrn Waldversteck einer Sanltätskompagnie" (reich illu'ttiett), Dr. Leo P. Trenck „Wir und die Heimat" tmd die er« greifende KriegSer-ählimg „Bräundl* von Fritz Müller-München. Vas Bilderinaterial ist aitcf) in der vorliegeitden Numnter wie von guter Qualität und außerordentlicher Reichhaltigkeit. Zwei Buntbilder von G. Wagensühr und Karl v. Dombrowski stellen ostpreußische Flüchtlinge auf dem Wege in die Heimat und den Durchbruch einer österreichisch'ungarischen Ulanenvatrouille durch eme überlegene Kosakenabteillmg dar. Eine vierseitige besondere Beilage in Offsetdruck bringt wieder eine Anzahl flotter Feder- und Bleistiftzeichnungen aus dein StUzenbuche bes Wiener Malers Ludwig Koch, dessen künstlerische Persö.,llchkeit von Professor Dr. Max Eisler in dem begleitenden 'Aussatze einer Würdigung unterzogen wird. Eine Menge Künstlerzeichnungen und guter Photographien berichten von den verschiedeneil Kriegs- schanplatzen, von denen der östliche besonders stark berücksichtigt ist. Ein«k doppelseitige Reliefkarte der Dardanellellstraße. in der auch )ie Stellungen der feindlichen Schiffe gekennzeichnet sind, veran- chaulicht ausgezeichnet den bisher erfolglosen Angriff der ver- bnndeten Flotte gegen die Meerenge und Konstant nopel. — Prei» der Niunmer 1 Mk„ Vierteljahrsabonnement 9 Biark. nr .77 Das Bismarckheft des Kunstwarts (Erstes AprUheft Verlag von Georg D. W. Calltvey. München. Vierteljährlich 2,25 Mk.) bringt ein ziemlich wenig bekanntes, vielleicht bisher noch niemals vervielfältigtes Bismarck-Bild von Lenbach >^^re 1881. Das mit dunkler ^kreide gezeichnete und mtt Weiß aufgehöhte Bildnis zeigt Bismarck als Sieger aiff der Höhe ferner Macht. Man sieht es der Zeichnung an, t^ß Lenbach dieses Gesicht noch nicht so bis in die einzelnen Zügle beherrschte wre später, man erkennt noch das Sich-Einsühlen in die Schönheiten dieses mächtigen Hauptes. Ferner ist dem Heft ein Bis- nrarck-Bild nach einem Holzschnitt von Peter Behrens beigegc- ben, sowie ein Sckwttenriß von Margarete Reißer, der Bismarck 6 -J%. bnwr 1888 von der Menge uinjubelt darstellt. Im ersten Auffatz des Heftes zeigt der Herausgeber Ferdinand Ave- narm^ wie sich unser Verhältnis zu Bismarck seit der Zeit, da er noch unter uns weilte, gewandelt hat, wie wir Bismarck letzt vorurteilsloser in seiner Wirklichkeit erfassen, ferner, wie die uns heut gestellten politischen Aufgaben uns wieder den vor- bismarckischen Denkern aus der Zeit der Befreiungskriege näher bringen. Stolterfoth sucht in einem Aufsatz „Bismarcks Testa- ment" aufzuzeigen, was wir für unsre Zeit von Bismarck lernen können. Kalkschnndt behandelt „Bismarcks Sprache als Ausdruck". Dre Losen Blatter geben eine Auswahl aus Bisniarcks „Reden und schrrften". Die Notenbeilage enthält ein von Georg Winter bearbeitetes Soldatenlied „Sieg oder Tod". Logogriph. Eiserne« Werkzeug, du sollst zwei ,vinzige Ctrichlcin verlieren, Und es verkünden sich nun Wunder der Vorzeit aus dir. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Skat-Ausgabe in voriger Nummer: Abkürzungen: tr --- Treff, p -- Ptgue, e = Coeur, car = Carreau trB — Treff-Bube, pA «= Piane-Aß, cD = Coe»lr-Tame usw. Vorhand fand noch carA unb drückte trK und pD. Mittelhand hatte pB, tr9, tr 8 , pK, p 8 , p7, cZ, cK, car9, car 8 . Hinterhand 1. V. trB M. pB H. earB — - i- 6 2. V. trA M. tr 8 H. trZ = -j 21 3. D. carA M. car 8 H. car7 = - - 11 4 D. earZ M. car9 H. carK = - r 14 5. V. eA M. cK H. o7 - - - 15 Ü. V. pA M. p7 H. pZ — - h 21 Jur Skat liegen bereit» - - 7 Mithin inSgesaint - - - 95 Schriftleit,tngr Auq. Goetz. - NotationSdr.lck und Verlag der Brübl'fchen Uninersitäts-Buch- und Steiudu.ckerei, R. Lange. Gießen.