M5 - Nr. 52 Bilder aus dem Leben Bismarcks. I. fugend und Werden. Daheim. Daheim? Es ist, als ob Junker Otto sich an diesen Gedanken gar mcht ersättigen könnte. Immer wieder durcheilt er das Daus, den Garten, die $telt>er, die Ställe, immer wieder sucht er die statten seiner Spiele, die Gefährten seiner Kindertage aus. Daheim ? Hier allein ist er ganz er selbst! Vier allein in seinem Elemente. Ge- witz! Er hat es ja recht gut in Berlin bei seinem freundlichen Direktor Bonnell, und die vielbändige Welt- gesckxichte in des Dire'tors Arbeitszimmer bildet sogar eine ernste Anziehung für ihn. Aber er ist nun einmal kein Stadtmensch. all' die Prachtbauten der Hauptstadt sind ihm wenig neben dem schlichten Fachwerkbau des Kniepho'er Herrenhauses: die Spree weckt in ihm nur wehmütige Erinnerungen an die her- matlichen Fluten der Zampel, und »mvei en ergreift den Jungen ein solches Heinvveh, daß ihm die Tränen ins Auge steigen, wenn er einmal bei der großen Stadt eine Pflugschar gehen siebt. So ist und bleibt has Sckwnfte an dem Berliner Aufenthalte immer der Abend, wenn er die Schnellpost besteigt. um die Nacht hindurch nach Stettin zu fahren. Dort findet er dann den ersten Gruß der Heimat: Kniephofer Pferde, die er jubelnd als alte Bekannte begrüßt. Und nun wird die Gegend bekannter und bekannter. Gollnow, wo er übernachtet, ist seines Großvaters Geburtsstadt und seines Urgroßvaters Garnison. Hier ist auch schon Naugard: mit jeder Viertelstunde werden Wiesen und Büsche vertrauter, und eird- lich liegt das alte Herrenhaus vor ihm, und Junker Otto springt jubelnd den Eltern entgegen. Sie halten ihn in den Armen, der joviale, kräftige Vater und die seine ästhetische Mutter, und freuen sich des blühenden Sohnes. Wohl können sie sich seiner freuen. Gesund an Leib und Seele blickt er aus blanken Augen fröhlich in die Welt, ein liebenswürdiger Junge, der aber doch schon zeitig ein Gefühl für seine Würde und einen starken Willen bekundet. Tie Mutter möchte gern einen Diplomaten aus ihm machen. Ob das wohl sein eigenes Ideal ist? Ob ihn sein Herz nicht eigentlich zum Landleben zieht? Man sollte es glauben, wenn man die jubelnde Freud« sieht, nnt der Junker Otto das heimatliche Kniephof genießt. Achilleus. Wenn die Mutter ihn säl>e! Sie denkt, er siht zu Füßen des großen Juristen Hugo, schreibt eifrig seine Worte nach und füllt sich mit juristischer Weisheit bis znm Rand«. Er aber denkt, der berühmte Hugo habe gewiß soviel Zuhörer, daß er nicht auch noch hinzugehen brauche, läßt Kolleg Kolleg sein und siht^ hier zu Haus in seiner Göttinger „Bude" im grvßgeblümten Schlafrock» die mächtige Pfeife im Munde, die _ Riefendogge neben sich, und liest, von dichten Rauchwolken schier verhüllt. Es ist alles groß an diesem jungen Studenten. Pfeife, D-oage, Ta- baksaualm — und er selbst. Richtiges Gardemaß. und die Studenten folgten darum einem ganz natürlichen Gefühl, als sie den mecklenburgischen Kommilitonen „Achil- leus" tauften. Freilich verdankt er diesen Namen wohl auch der guten Klinge, die er schlägt — 27 Mensuren focht er in Göttingen siegreich aus — und dem Selbstbewußtsein, mit dem er sich in allen Lebenslagen benimmt Wie der junge Fuchs in den ersten Tagen seines Göttinger Aufenthaltes vier Hannoveraner „ankontrahierte", wie er dem Universitätsrichter mit dem Tintenfaß vor^emonstrieren wollte, auf welche Weise er eine Flasckre aus dem Fenster geworfen habe, wie er bei den Kommilitonen in Jena Besuch machte, vom ehrsamen Rektor und Senate ausgewiesen wurde und in feierlick)em Trauerzuge aus dem Städtchen hinausfuhr — das uird so mancher andere Streich hat sich bei den Göttinger Musensöhnen schnell herumgesprochen, und stolz nennen ihn seine Kuleurbrüder von der „Hannovcra" ihren „Achilleus". Ja, er ist der Korpsstudent, wie er im Buche steht. Schneidig und elegant, tadellos in der Gesellschaft, ein flotter Tänzer, ein vorzüglicher Fechter — so steht er seinen Mann. Freilich — die Kollegien! Aber so ganz untätig ist der junge Bismarck doch nicht: nur daß er sich seine Belehrung auf eigenen Wegen sucht, nicht von Professoren darrcick>en läßt. Stunden und Stunden lang sitzt er rauchend daheim und liest: die Lesewut hat ihn aus seiner Schulzeit auch in das Studententum begleitet. Eine Fülle der mannigfachsten Kenntnisse und Anregungen sammelt sich bei ihm an, und sckwn beginnen sich bestimmtere Ansichten bei- ihm zu bilden. — 206 Der tolle Bismarck. Die Nebel eines grauen Herbstmorgens brauen um Kniephos. Unruhig und erregt eilt im Herrenhause die Dienerschaft durck>- einander. „Noch nicht zu Lause? Die ganze Nacht iwu er wieder fort!" Und die treuen alten Diener des Laufes sckchtteln besorgt ihre Köpfe; was sollte aus dem einst so fröhlichen Junker Otto werden? Die ganze Nachbarschaft schüttelte mit ihnen die Köpfe. Furchtbares erzählt sie sich von dem Kniephoser Lause. Wilde Gelage wurden dort gefeiert, in den Zimmern selbst knallten Pistolenschüsse, und im Keller habe man ein Rasseln und Dröhnen gehört: es sei keine Frage, das; der alte Ahne Bismarck, der Leld von Czaslau, der Erbauer des Laufes, empört über seinen Nachkommen dort spukte. Bismarck weist, dast sie so reden, weist, dast sie sich über ihn entsetzen, weist, dast in ihren Phantasien ein Stück Wahrheit liegt, und — lebt weiter, wie er gelebt hat. Er kann sich um die Leute nicht kümmern, er hat zu viel mit sich zu hm. Wie er jetzt an diesem Lerbstmorgen auf seinem ermüdeten „Kaleb" endlich heimkehrt, steht cs auf seinem Gesichte geschrieben, dast er eine wilde Nacht hinter sich hat. Eine wilde Nacht beim Zechgelage der Kameraden vom Regimcnte und dann beim scharfen nächtlichen Ritt, der ihn stundenlang durch Wald und Leide führte. Ja, es ist wahr, er führt ein tolles Leben; und doch deckt xs nur die schweren inneren Kämpfe, die in ihm toben. Eine tiefe Melancholie ist über ihn gekommen. Ist es eine Nachwirkung der lustigen, aber zügellosen Aachener Zeit? Ist es der Kak-enjammer von den wenigen Jahren, die er dem juristischen Dienste gelvidmot hat. und die doch genügt haben, um ihn die Schalheit des bureaukratischen Lebens gründlich kennen zu lehren? Oder vor allen«: ist es das Gären der überschüssigen, noch unverwandten .Kraft? Er ringt schwer mit sich, er springt von einem zum andern Jetzt ist er aus dem Rücken des Rosses, jetzt sitzt er tief versenkt über Spinozas Philosophie: bald heißt es. dast Kniephos eine Lerrin zu erwarten l>al>e. bald werden die Koffer gepackt und man nrunkelt, Bismarck wolle nach Indien gehen Mit landwirtschaftlichen Sorgen, nrit wilden Vergnügungen ausgesüllt ist sein Leden doch leer: er sehnt sich nach innerem Mieden. nach erlösender Arbeit, nach dem Glücke des häuslick)en LerdcS Er politisiert. Unerhört dazumal in Kniephos und viele Meilen im Umkreise. Unter den weinheisten Genossen beginnt er Plötzlich den Erstaunten von Preustens Größe und Berus, von Deutschlands Zukunst und Einheit zu erzählen Die Genossen beschränken sich meist aufs Zuhören. Sind sie dann, Heist von den Feuerworten Bismarcks und von seinen Weinen, zu Bette gegangen, dann setzt er sich noch rauchend an den Schreibtisch und schreibt einen Brief, einen Lerzensergnst an seine geliebte Sck,wester. seine „Arminen", seine „Maldewine". . So treibt es der „Tolle Bismarck" Und auf allen Edelsitzen weit in der Runde ist sein übler Ruf verbreitet. So treibt er es. kr von dort, wo sein Name am allerschwärzesten angeschri''ben ist. sich die Gefährtin des Lebcms holt, bi? er das häuslickx- Glück stndet, nach dem er sich so gelehnt hat. Da macht er seinen Frieden nnt der Welt, da findet er sich selbst Aus dem „toUen Bismarck", deni ri'belasen, seine Kraft zwecklos verbeugenden, unbefriedigten, ist der rnte Mann geworden, der sich und die Welt kennt, seine Lebens- anschanung s,ch selbst gebildet hat. und seine Kraft gesammelt zu venoerten weist. Aus jenev tollen Jahren des Sturmes und Dranges geht der fertige Bismarck der Geschichte hervor. Am deutschen Bunde. Im Parterre des Tarisschen Palais zu Frankfurt a M. in der Ikscheiibnmer Gasst Und ftc um einen kreisrunden Tisch ve-sam- melt, die Herren Bundestaasgesandten. alle von ihrer Würde und von der Bedmtung ihrer Stellung tief durchdrungen. Nur einer £ / btc* Gefühl bundestägllcher Würde nicht, der neue vreustjsche Gesandte, der Herr von Bismarck. Er stößt ihnen Anast ein, dieser vreiistische Junker. Unter seinem Vorgänger, dem schlichten bescheidenen Herrn von Rochow. waren sie gewohnt gewesen, in Ocster- re,ch alles in Prensten nichts zu sebcn. Der weiste Rock war in der Mainstadt beliebt und respektiert, der blaue galt wenig Jetzt aber es war wunderlich, aber den neuen prenstischen Gesandten konnte man schlechterdings nicht ignorieren und ironisieren Mit welchem stolze trug er sein Prenstentnm iind seinen Preußenrock' Wie zwang er mit Wort und Blick die Widerwilligen zur Achtung, wie {TT!! Hinreistender Liebenswürdigkeit die Schwankenden für sich! Und was das schlimmste »var: sie alle, vom Grasen Sr, OefferrcitftÄ, bis »um SPertrctrr von r w /ühlten. dast der Mann doch über ihnen stehe, ia sich über ste und ,bren „bnndestäglichen Pli" lustig mgche. Was hätten sie wobl gesagt. diese selbstbewnstten Lalbgötter der deutschen Bundes- po.rhk, wenn sie hätten lesen können, was der vrenstische Gesandte sckrreb. ..Schickt den Schulzen R oder Lerrn von Mmm? b ÄM k f bfr .^bausteestraße her. wenn sie gewaschen und ge- rammt Und, so will ich in der Diplomatie Staat mit ihnen Machen?" bundestägliche Salbaderei, in das höfliche Verhüllen tia brnterli'Iige Scharwenzeln. wie es im Palais Taris üb- lich ist, fahren Bismarcks Erklärungen wie Blitze hinein. Unerhört ist es, mit welcher Gleichmütigkeit er Seiner k. k. Majestät Bundestagsgesandten betrachtet und behandelt. Ordentlich wie einen Gleichberechtigten? Hat er nicht den Mut gehabt, in feierlick)er Bundestagssitzung sich die Zigarre zu erlauben, die bisher besagtem k. k. Gesandten gewohnheitsgemäst allein zugestanden hatte? Lat er nicht dadurch allen Kollegen große politische und physiscl-e Beschrverden geschaffen, weil sie sich nun alle moralisch verpfliclstet glaubten, ihre resp. Vaterländer rauchend zu vertreten? Lat er sich nicht sogar geweigert, den österreichischen Premier bei seiner Durchreise durch Frankfurt „zufällig" zu be- sucksen und ihn ruhig zu sich kommen lassen? Was gab ihm nur den Mut zu solchen in dieser bis in die Knochen schwarz-gelben Stadt nicht erhörten Kühnheiten? Den Mut gab ihm, daß er von niemandem etwas brauchte, und von niemcuidcm etwas wollte. Den Mut gab ihm, dast er gleich am ersten Tage erkannt l>atte, daß er in Frankfurt „vorm Feinde" stehe, auf dem Kampfplatze stehe, auf dem Preustens und Deutschlands Wiedergeburt errungen werden müsse. II. Auf der Höhe. Die Stunde der Entscheidung. " (20. September 1862.) In dem Arbeitszimmer des lieblichen Schlosses zu Babelsberg standen zwei stattliche Männer einander gegenüber, deren straffe Haltung die prenstisckz-soldatische 'Zucht verriet, deren Haupthaar schon den Reif des Alters zeiate. Es war König Wilhelm und sein zeitiger Gesandter in Paris, der Wirkt. Geh. Rat von Bismarck-Sck>önhausen. Beide waren tief ernst, doch sehr verschieden war ihre Stimmung in diesem dlugenblicke. Der König war gebeugt, sorgenschwer, trübe: Bismarck fest, sicher, kampsesfrisch und kamp- fessroh. Einst in Frankfurt a. M. liatte der damalige Prinz von Preußen gesunden, daß der Herr von Bismarck doch zu jung zum preußischen Gesandten am Bundestage sei; heilt sah der König seinen setzten, einzigen Ausweg aus dem schweren Kampfe mit seiner Volksvertretung in den Diensten des Mannes, dern er eben die schicksalsschwere Frage vorlegte, ob er sein erster Minister, ob er der Atlas sein wolle, der die Militärreoraanisation aus starken Schultern halte und trage, einer Welt von Stürmen und Widersachern zum Trotze. Ob Bismarck wollte? Es war noch nicht lange her, daß er nach Paris versetzt worden war, und er hatte die Umzüge von Frankfurt nach Petersburg, von Petersburg an die Seine, hatte die langen Trennungen von Weib und Kindern gründlich satt. Auch fühlte er sich in Paris wohl; der Weltmann in ihm. «der geistreiche Plauderer, der große Menschenkenner, der in seiner mächtigen Ueberlegcnheit die klugen und selbstbewußten Französin so sicher zu führen verstand, kamen da gut auf ihre.Rechnung. Als aber in die majestätische Einsamkeit der Pyrenäen, in der er seine Erholung suchte, das Telegramm des getreuen Roon gedrungen war, der in Berlin Bismarcks Namen immer und immer wieder als den des Retters dem Könige wiederholte und jetzt dem Freunde meldete, es sei Zeit — da hatte er doch keineii Augenblick gezögert, dem Rufe zu folgen. Und „Ja!" antwortete er auch letzt dem Könige: und so fest und hell, so schneidig und so schwerteö- scharf klang dies Ja. daß es ein Echo in des Königs Brusthervor- nef und neue Hoffnung in ihm erweckte. Schnell stellte er Bismarck Frage auf Frage. Die Heeresreoraanisation? Sie soll und must gerettet werden. Die Opposition? Must überwunden werden. Als der König mit Bismarck in den in allen Farben des Herbstes prangenden Park binausritt. scheint er ein anderer, Jüngerer geworden zu sein. Noch trägt er ein Dokument in der Land, das Preußens und Deutschlands Geschichte von Grund aus verändern konnte: seine Abdankung zugunsten des Kronprinzen. Schließlich — gerade schreiten die beiden über eine Brücke — zerreißt er änit KtinfUcT Bewegung die verhängnisvolle Urkunde und wirst sie fort. Bismarck aber sammelt sorgsam die Reste und vertraut sio dem eilenden Wasser an. > Als die beiden voneinander schieden, haben sie sich für immer Minden. Bismarck, der „Junker" von 1848, war preußischer u c l i) U HC von ÜUD, Gm kühler, trüber, regnerischer Sommertag. Auf einer Löhe von der man einen weiten Blick über das Tal der Bistritz bat, halt neben dem Könige auf einem großen Fnchshengst Gras Bismarck Leute. ,vo der Donner der Geschütze, das Krachen der Gewehrsalven ihn umtönt, trägt der Staatsmann das Gewand deS £. ■ ST?' ^ ne Stimmung liegt über dem Könige und seinen drei Paladinen. Bismarck, Moltke und Roon. aber sckuverer noch als aui dem Könige und ans den beiden Generalen lastet der Ernst ^eser Stunde auf dem Staatsmanne. Fst er es doch, der für den Kneg, den er seit langen Jahren für unausbleiblich gehalten und A",,'emem Könige angeraten bat. die volle Verantwortung tragt Und er suhlt es. daß diese Shinden nicht nur über seinen Ruhm sondern über sein Leben entscheiden. Denn wenn diese Schlacht unglücklich verlauft, so ist auch do< unglückliche Ausgang des ganzen Krieges gewiß, und wenn der Krieg gegen Oesterreich verloren wird, so kehrt Bismarck nicht lebend 7n sein Vaterland jurfidf. Er Hai es später gesagt, daß er einen unglücklichen AuS- gang des Krieges nicht überlebt hätte, und daß es ihm bitterer Ernst mit diesem Worte mar, das darf man einem Bismarck wobl glauben. So schweifen mitten in dem Donner der Geschütze die Gedanken des Staatsmannes auch zu den Seinen herüber, denen er vielleicht zum letzten Male einen stillen Gruß sendet. Tenn tetzt, um die Mittagszeit, steht die Schlacht sehr ungünstig für die Preußen. Ter König hat die letzten Reserven hcranziehen müssen, die sicher gezielten Geschosse der 500 österreichischen Kanonen haben die preußischen Reihen furchtbar gelichtet, die wichtige Stellung des Generals Fransecki im Swapwalde wird von den Oesterreichern schwer erschüttert, und mit verzweifeltem Todesmatte ruft der General seinen Soldaten zu: „Hier sterben wir." Plötzlich erhellen sich Bismarcks ernste Züge. Sein scharfes Auge erkennt in der Ferne lange, sich vorwärts bewegende Linien. Zn seiner Umgebung zweifelt man daran, ob er richtig gesehen hat: man hält diese Linien für Ackerfurchen. Da sprengt der General von Voigt-Rheetz heran und meldet, daß der preußische Kronprinz, dessen Ankunft man selmsüchtia erwartet hat, im Gefecht steht. Bismarck atmet auf; jetzt ist der Sieg ge'ichert. Stundenlang tobt zwar noch der Kampf, und Bismarck, der seinen König als treuer Vasall überall hin begleitet, kommt bei dem großen Kavallerieangrifs in das dichteste Feuer der österreichischen Granaten, aber was will ihm die Gefahr besagen gegenüber den furchtbaren Stunden, die er in banger Erwartung hat durcÄeben müssen? ^ Es ist Abend geworden, die Truppen umjubeln den königlichen Sieger, Bismarck aber zieht sich todmüde zurück und bereitet sich auf dem Straßenpflaster von Horsitz mit Hilfe eines Wagenkissens ein ärmlrches Nachtlager. Man sagt, daß Kriegsjahre doppelt zählen, die fünf Stunden aber vom Morgen des 3. Juli bis tzu der Mittagsstunde, die die Wendung des Kampfes brachte, können für Bismarck als ebenso viele Jahre angerechnet werden. In seinem von den gewaltigsten Ereignissen erfüllten Leben hat er vor Königgrätz und hat er nachher gar manche Stunde der gewaltigsten Erregung durchleben müssen, aber nie wurde seine Seele durch die Bedeutung des Moments so furchtbar erschüttert, wie au jener Höhe von Dub. Daß er bei dem furchtbaren Kampfe in seinem Inneren äußerlich in keinem Momente seine ruhige Gelassenheit einbüßte, das kennzeichnet am besten seine wahrhaft antike Charattergröße. In der Galerie des Glaces. „Nun danket alle Gott. . ." Mächtig brauste der alte treue deutsche Choral durch die prunkvolle Halle des französischen Königsschlosses, in der der siegestrunkene Sonnenkönig „toutes les gloires de la France" verherrlicht hatte. Fürsten und Füsiliere, Generäle und Diplomaten sangen ihn, und aus tiefstem Herzen sang ihn der Graf Bismarck mit, der rechts vor dem ttefbeweqten greisen Könige — baldigem Kaiser — Stellung genommen hatte. „Schau mal. wie der Bismarck singt," sagte ein dein Kanzler gegenüber stehender bayerischer Jäger zu seinem neben ihm stehenden Landsmanne, einem bayerischen Chevauleger. „Na, wenn der einmal zu singen anfängt." antwortete der Chevauleger, „wird zweifellos bald Friede." Ja. Friede und Reiches Herrlichkeit und erreicht, was Geschlechter ersehnten, — also jubelte es in Bismarcks Brust, und laut erhob er seine Stimme zu Ehren Gottes: „Der große Wunder tut An uns und allen Enden." Vieler Blicke aus der glänzenden Versammlung flogen zu ihm herüber. Er war eben erst vom Krankenbette aufgestanden und noch zeigte die erschreckende Blässe seines Gesichtes die Spuren des Leidens. Aber hochaufgericAet stand er dennoch da, eine Hand fest auf den Degenknopf gelegt, die mächtige Brust in den blauen Waffenrock der Magdeburger Kürassiere gehüllt („eigentlich hätte er den Koller anlegen müssen: der blaue Waffenrock war inkorrekt," bemerkte später der Kaiser) und mit den Abzeichen der ihm am selben Tage verliehenen Generalleutnantswürde geschmückt. Das Oranqeband des Schwarzen Adlers glänzte aus der Uniform, 'die Beine steckten in hohen Reiterstiefeln. Von Zeit zu Zeit streifte sein Blick seinen könialichen Herrn, oft aber den in männlicher Schönheit prangenden Kronprinzen, den Erben der Krone, den Träger der Zukunft. Denn schon schweifte sein sorgender Geist wieder hinaus zu den Tagen, die dem jungen Reiche bevorstanden und zu den Gefahren, denen es zu stehen haben würde. , Tie Versammlung hatte sich neugeordnet. Umringt von den deutschen Fürsten, umrauscht von den Fahnen des siegreichen Heeres stand König Wilhelm aus dem Hochtritt, ihm gegenüber an der Spitze der Minister und der höchsten Würdenträger der Kanzler. Dort las der Monarch seine Proklamation an die deutschen Fürsten por und forderte dann den Grasen Bismarck auf. sie an das deutsche Volk zu verkünden. Und der Mann von Eisen tritt vor. mit der Linken umfaßt er die Spitze seines Helmes, mit der Rechten die urkunde, die er nach einer tiefen Verbeugung aeaen den König ent- roUt Tann tönt seine Stimme durch das lautlose Schweigen in dein welschen Ruhmessaale, jene Stimme, die nie vergißt, wer sie einmal hörte: dünn und doch markig, ruhig und doch voll leidenschaftlicher Kraft. Parlamentarischer Frühschoppen. In das alte stille Palais in der Wilhelmstraße zu Berlin, in dem der Kanzler des Deutschen Reiches wohnt, treten nach* einander zahlreiche Männer ein. Sie tragen alle schwarze Gesellschaftskleider und hohe Hüte, und aller Gesichter zeigen den Ausdruck gespannter Erwartung. Parlamentarischer Frühschoppen bei Bismarck — jeder loeiß, daß ihn da Hochinteressantes erwartet. Der Bismarck der parlamentarischen Tribüne und der des parlamentarischen Frühschoppens — das sind zwei ganz verschiedene Menschen. Der kampfbereite Löwe stellt sich hier als liebenswürdiger Wirt dar, der darauf Bedacht nimmt, daß seine Gäste sich in seinem Hause wohl fühlen, und selbst für die Anord-, nungen sorat. Hier scheinen die politischen Gegensätze verschwunden: dem Zentrumsmann und dem Fortschrittler, dem Konservativen und dem Nattonalliberalen kommt der Kanzler mit der gleichen Freundlichkeit entgegen, für jeden hat er eine Liebenswürdigkeit und ist mit seiner sprudelnden Frische überall. Tie Speisen im Bismarckschen Hause sind gut und die Weine nicht minder: das Bier schäumt und die Zigarren glimmen und bald herrscht überall die lebhafteste und heiterste Stimmung, die nuv Tyras, der Reichshund, dem man nachsagt, daß er eine Antipathie gegen die .Feinde der Regierung habe, nicht immer zu teilen scheint. Und was für jeden Besucher immer von neuem bei diesen Unterhaltungen überraschend und interessant war, war die Offenheit, mit der fick) hier die Weltgeschichte im Negligs präsentterte. In diesem He die Welt in eine ungeheure Erregung, in eine Art atemloser Beklemmung, Deutschland aber in eine schmerzliche Erstarrung versetzt hatte. Kaum hatten die Wenigen, die hier einen einsamen Abendspaziergang machten, den Fürsten benierkt, da war er schon in dem Portale verschwunden und schritt durch den schönen Park dahin, dem Wege folgend, der ihm an der Orangerie vorüber führte. Stiller und ernster wurde eS um ihn. Tie lustigen Bild- »verke, mit denen die Vergangenheit die Alleen geschmückt hatte, tagen hinter ihm. eine feierliche Fichtenallee nahm ihn in ihr Dunkel auf, und jetzt stand er vor seinem Ziele: dem Mausoleum. Abschied wollte er nehmen, Abschied von seinem teuren und treuen alten Herrn, Deutschlands ersten Heldenkaiser, der da unten den ewigen Schlaf schlief. Der Mann von Blut und Eisen — wer bätte ihn heute und hier wohl wiedererkannt, wie er zu der weihevollen Stätte der Erinnerung pilaerte, wie er seinem Gefühle -anz sich hingab. wie er kaum die in seinem Antlitze zuckende /Bewegung beherrschte! Morgen sollte er die Stadt verlassen, die er zur Hauptstadt des mächtigsten Reiches der Welt gemacht: würde er sie wohl je Wiedersehen? Dunkel war die Zukunft, und ohne Abschied mochte er von Kaiser Wilhelm I. nicht Weggehen. Drei Rosen trug der einsame Mann in der Hand, wre er in das Mausoleum eintrat. Matt freien noch ein blauer Strahl des iveichenden Tageslichts durch die hohen Fenster, während er einen Augenblick an den Särgen Friedrich Wilhelms III. und der Königin Luise verweilte. Dann schied sich der Fürst vom Tage und stieg hinab in die Kaisergruft und blieb — allein. Allein Mit dem Gckste des teuren Toten und einer Welt von sorgenvollen und bitteren Gedanken, von Erinnerungen und Befürchtungen Vor ihm stieg die Gestalt Kaiser Wilhelms auf. treu und schlicht, kernig Und gesund, vornehm und stolz und doch so tief bescheiden »rnd so gerächt gegen jedes wahres Verdienst, so dankbar für jedes Er sah ihn vor sich in seiner jungen Ritterlichkeit, wie er dermaleinst auf dem Hofball über seine Länge gescherzt und das Gardemaß der Frau Juftitta bewundert hatte: er sah ihn als den rüstigen Siegergreis und als den nnermük- lich tätigen verehrten Patriarchen. Er dachte an so manche ernste Stunde, in der er mit ihm hatte ringen müssen um das Gescknck der Zukunft, und an die beinahe zärtliche Huld, mit der er ihn endlich überhäuft. Und er dackche. was der stille Schläfer da wohl gesagt hätte, lvenn er diese bittere Stunde hätte ahnen können und welche Sorgen er sich daun um das geliebte deutsche Land gemacht hätte. Am ersten April 189 5. Es summt und rauscht tausendsälttg auf den sonst so stillen Wegen des alten Sackpenwaldes Fahnen flattern, bunte Gewänder blitzen in der Sonne, Lieder erklingen, und alles übertönt der Marschtritt von Tausenden. Die deutschen Studenten, des Vaterlandes Blüte und Hoffnung, sind eS. die hcrbeigeeilt sind, um Iden Gründer des Reiches an dem Tage, an dem er sei» 80. Lebensjahr vollendet, zu huldigen. Und nun öffnen sich die Flügeltüren, und er tritt heraus in den jungen Frühling, ein Greis, den das Alter gebeugt, aber nicht gebrock>en hat, gewalttg noch immer in seiner Kürassier»« uniform. Leben in jedem New. Schritt für Schritt tritt er langsam. bis zum Terrassenrande heran, und nimmt den blinkenden Stahlhelm ab und grüßt. Grüßt mit einem langen tiefen Blicke seiner leuchtenden große« Augen, der den ihm so wohl vertrauten Schloßpark. und den rauschenden. frisch ergrünenden Sachsemvald und die unübersehbare Menge umfaßt, die Kops an Kopf sich da unten vor ihm drängt — weiter, als sein Auge sehen kann, bis tief in die Waldeseinsomkeit hinein. Grüßt die deutsche Juqend, der die Zukunft gehört und die sich heut zu ihm bekennt, die ihm heut huldigt, als ihrem Ideale, die ihn mehr als veredrt — die ihn liebt. Sagen das nicht die strahlenden Blicke, die ihn grüßen? Nicht die klirrenden Sperre, die sich senkenden Fahnen? Nicht der brausende Jubel, wie ein Sturm zu ihm hinaufrauscht, und drüben über dem kleinen See ein Riesenecho findet bei einer vieltausendköpfigen Menge? Der Fürst grüßt und winkt und lächelt: er fühlt, dieser Tag krönt sein Wert, die Zukunft erklärt sich für ihn. Von der Zukunft spricht er nun auch zu ihnen. Von dem. was errungen ist und was sie halten sollen: von dem Guten, das sie nicht preisgeben sollen für ein vermeintliches Bessere. Durch die ttese Stille, die nur ab und zu ein Rauschen der Banner, ein Knarren der Fichten im Winde unterbricht oder das ierne Jubelgeschrei derer, die noch hinten weit im Wald stel>en. durch die Stille ziehen seine schlichten Worte, durchtränkt von der köstlickxn Weisheit der Erfahrung eines wohlangewandten Lebens, durchleuchtet von der Milde eines abgeklärten Alters. Und den Jünglingen ist es wie ein Traum, daß hier in der deutschen Waldeinsamkeit ihre verkörperte Geschichte selbst zu ihnen spricht und ihren Blick auf die Höhen hebt, auf denen bas Alltägliche verschwindet und nur noch das Große und Ewige sichtbar bleibt. Märchenhaft, ttne das ganze Leben des Gewalttgen. ist es. daß er hier im ehrwürdigsten Greisenalter der blühenden Jugend seinen letzten Willen sagen und tief ins Herz prägen kann. Und nun ziehen sie an ihm vorbei. Ein endlos langer Zug und immer mehr noch strömen vom dunklen Waldrande her. Aufmerksam blickt der greise Fürst auf sie herab und auf ihre Banner: Bayern und Holsteiner, Schlesier und Elsässer — ja. sie sind noch alle beieinander und Werdens bleiben: denn die Kette, die der Meister Schmied gearbeitet, ist gut. Und in der Freude seines Herzens ergreift er ein paar Rosen und wirft sie den Jünglingen hinab. Arme Rosen? Hundert Arme strecken sich ihnen entgegen, kämpfen um sie, zerpflücken sie. und wer nur ein Blatt erobert hat. ist Jubels voll. Der Einsiedler im Sachsenwalde. Auf einer Bank im Schloßparke sitzt der Greis von Friedrichsruh. freut sich der wohligen Sonne und zeichnet mit seinem Stocke Figuren in den Sand. Wie schwach ward sein Fuß und wie eng sein Kreis. Er. der einst rastlos Europa vom Süoen zum Norden und von Ost nach West durchflog, ist jetzt zufrieden, wenn er zur nahen Bank fahren und die Sonne genießen kann. Was rauscht der Wald dem Einsiedler von Friedrichsruh zu? Er flüstert ihm die leisen Grüße der Abgeschiedenen zu. die ihn rufen: der teuren Gattin, des unvergeßlichen königlichen Herrn, des heldenhaften Kronprinzen. der großen Mitvaladine. Sie mahnen ihn und rufen ihn zu sich, und er ist bereit und Harri der Sttmde... Er trägt ihm Nachricht zu von dem brausenden Leben da hinter dem Walde, und manche Botschaft, daß er sich noch einmal gürten und auf die Walstatt treten möge. Doch der Greis schüttelt lächelnd das Haupt und horcht weiter... Er bringt ihm die Grüße seines Volkes. Er bringt die Männer zu ihm, alte und junge, Handwerker und Gelehrte. Männer von den Alpenbergen und vom Bernsteinstrande, die ihm künden, daß der greise Einsiedler nicht einsam ist. daß ein ganzes, großes, freies und dankbares Volk mit ihm lebt, fühlt, bei ihm weilt und für jede Stunde seines Lebens in tiefer Freude dankbar ist Daß im einsamen Sachsenwalde Deutschlands Herz und Liebe wohnen: daß seine Volksgenossen zu einem stillen Heim pilgern, um sich durch einen Blick in seine treuen Augen Trost zu holen in trüben Zeiten und Zuversicht in des deutschen Volkes Bestimmung und Zukunft: daß Deuttckiland sich zu einem großen Sohne gesunden hat lrrtb nie wieder von ihm lassen wird.... Rauschet leise, ihr Bäume des Sachs emoaldes, rvehe sacht, linde Sommerluft: stört den stillen Mann, der nach jahrzehnte- langer schwerer Fahrt zu seiner Waldeinsamkeit zurückgekebrt ist, nicht in seinen Gedanken. Denn jeder seiner Gedanken ist eine Sorge für das Deutsche Reich und ein Segen für sein Volk, das über alles geliebte. Kchriktleittmg: Äug. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitäkS-Buch- und Cteindrnckerei. R Lange. Gießen