Jan von Werth. Roman aus dem Dreißigjährigen Kriggfl von Franz Herwig. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) cut. "f >C r 11 Kavalier," klang die helle Stimme neben ihm. "nÄ. r hochwürdigsten Herrn General der Jesuiten nicht begrüßt?" „Handkuß, nicht wahr?" „Es ist Sitte so." v sagte Jan und küßte ihre Hand. „Euch geb« ich den Kuß lreber, straf mich Gott!" Sie zog errötend die Hand an sich. Jan geriet immer mehr in Feuer. Er war sehr laut, als er sagte: „Der Kurfürst von Bayern hat gesagt, wenn ein Jesuit und ein Engel in sein Gemach träten, so würde er erst den Jesutten grüßen und dann den Engel. Ich küsse erst den Engel und überlasse gegen diesen einen Engel.. „Nicht doch!" rv P ,''® e .? en diesen einen Engel lasse ich dem Kurfürsten alte Jesuiten!" Hinter der Minerva hatte eine Gruppe von Herren sich laut unterhalten. Plötzlich schwiegen alle, Jan drehte sich um und sah kalte und feindliche Blicke auf sich gerichtet. In .r Mitte, der kleine, magere Herr mit deni eingefallenen sketengesicht und ergrauten Bart fragte sehr laut: „Wer ist das?" «v r,®' da war ja auch der Jesuitengeneral und, wahrhaftig, Joso Maria... ^Kurfürstliche Gnaden, irgend ein Feldsoldat von schlechten Manieren!" „Mein Freund, Kurfürstliche Gnaden," sagte Jose Ma- ria sehr bestimmt. „Der Rittmeister Werth, der in Flandern viel Fortun gehabt." >,Jhr habt nette Freunde," sagte der Kurfürst mit einer harten, eiksalten Stimme. „Keinen besseren als diesen, Gnaden Herr Kurfürst." Jans Dame war aufgestanden. Er selbst wußte nicht, was zu tun. Da schmetterten die Trompeten. „Zur Tafel," sagte der Kurfürst und schnitt dem Abbs das Wort ab. langsam leerte sich die Galerie. Zwei Kanonici in violetten Mäntelchen waren die letzten. Einer streichelte, offenbar gedankenlos, im Vorbeigehen das runde Knie der Minerva. ,^Jhr müßt mich für einen Feigling halten," sagte Jan. „Ich kann den Kurfürsten nicht fordern. Aber jener Herr mit dem Jungferngesicht, der von einem Feldsoldat mit schlechten Manieren sprach, soll mir stehen, so wahr ich Jan heiße." „Wenn Ihr mich zu meinem Vater führen wollt?" Kan sah an der langen Tafel noch zwei.Plätze frei. Er steuerte darauf zu und seine Schöne folgte ihm auch, wenn schon ein wenig widerstrebend. Jan hatte zur Linken eine reife Dame, die fortwährend laut lachte, und deren Busen bei jedem Lachen Wellen schlug. Abenteuerliche Gerichte wurden ausgetragen; Gerichte, die Jan sein Tag nicht gesehen hatte: Pasteten in Form von Galeeren mit Kanonen aus Butter, gebratene Hasen, die Männchen machten, ungeheure Trappen, die die ganze Breite des Tischs bedeckten, geräucherte Ferkel auf ihren vier Beinen stehend und mit Wurstmasse gefüllt. Jan hielt fick zunächst an den Wein. Und als die warme behagliche, aber lebendige Ruhe über ihn kam, die er so sehr liebte, wandte er sich wieder tzu seiner Dame und sagie lächelnd: „Der Feldsoldat ohne Manieren wird Euch morgen den Schnurrbart seines Beleidigers senden. Ihr könnt Euch ein Kettlein draus flechten lassen und es zu meinem Andenken tragen." „Ich fürchte mich vor Euch. Wollt Ihr ihn wirklich fordern?" „Könntet Ihr mich achten, wenn ich es versäumtes ,Lhr treibt ein häßlich Handwerk, Herr Kavalier." „Ich gebe es aus, wenn es Euch mißfällt." „Wirklich?" rief sie und schlug die Augen zu ihm auf. „Ich werde bei einem Krämer in die Lehre gehen, wenn ich dafür mein Leben lang in Eure Augen sehen darf." „Ach und morgen reitet Ihr davon und denkt nie mehr an Regensburg." Die üppige Dame neben Jan lachte über irgend einen Scherz laut heraus. „Wenn sie übersließt," flüsterte er seinem Fräulein zu, „ertrinken wir alle." Sie hatte am Wein genippt und kicherte. ,/Oh, Herr Jan, Ihr seid ein Schlimmer!" „Jungfrau Agnes..sagte Jan und rückte näher. Schrägüber saß Jose Maria, weiter abwärts Spinola mit den Generälen. Am Kopfende auf einem gewaltigen Stuhl, in den: er zusammensank, der Kurfürst. „Ihr müßt zugeben," sagte Spinola, „daß es das schwerste ist, den Feind, der davon will, zu fassen." Aldringhen rief: „Marschieren ist die Hauptsache, sagt Gras Wallenstein. Wer am längsten marschieren kann, gewinnt." „General Tilly meint immer: der Krieg werde nicht mit Kanonen gewonnen, sondern mit dem Kops. Ein Feldzug sei wie ein Schachspiel." „Dein Wohl!" ries Mercy dazwischen lind trank Spinola zu. — „Jungfer Agnes, Ihr kränkt mich. Ich kann mir schon jetzt eine Zeit denken, wo es mir verlockend erscheinen würde, fortan in Regensburg 51t leben." „Wenn Ihr alt seid, Herr Jan, blessiert und marode. Ihr habt unruhige Allgen. Ich glaube Euch nicht 170 — „Mt? Mein Herz bleibt ewig jung. Mt? Meine Liebe wird immer neu sein!" Er sagte es ein wenig pathetisch, denn er war bei der zweiten Flasche. ,Ach bitte Euch, lieber Herr Jan, sprecht nicht so laut. Ein junger Bürger sitzt dort drüben, der sich Hoffnung auf meine Hand macht. Er blickt schon zornig." Jans Schnurrbart begann zu zittern. i,,Wo ist er," fragte er und schob die schillernden Fe dern eines Pfaues auseinander, dessen gigantisches Rad gerade ihm vor der Nase schimmerte. Er sah einen blassen, verhockten Jüngling ihn mit unsicheren Augen anschauen. „Der?" sagte Jan mitleidig und ließ die Pfauenfedern zurückschnellen, „der? Armer Mensch. Ich werde ihm die Ohren abschneiden, denn er wird in Ohnmacht fallen, wenn er eine blanke Klinge sieht." Man hörte Jofs Marias klangvolle Stimme: .„Ich danke ehrerbietigst für Eure Güte, hochwürdigster Herr. Ihr habt ohüe Zweifel recht. Wenn man einen solchen Freund hat wie ich, bann gehört man nicht ins Kloster." „Mer man soll mit gottlosen Menschen keinen Um- gang haben," sagte Lamormain. „Er ist nicht gottlos Wollte Gott, alle Menschen wären so voll ehrlichem Christentum wie er. Aber Ihr habt dennoch recht: man urteilt mehr nach den Gebärden wie nach dem Herzen." .„Nur Gott schaut ins Herz." „Wirklich, hochwürdiger Herr? Dann würde auch ich unter den ehrwürdigen Vätern stets Mißverständnissen ausgesetzt sein. Ich werde also mit Herrn Werth nach Italien gehen. Der wenigstens kennt mich." — „Spielen wir doch ein wenig, Fräulein Agnes. Würde es denn nicht möglich sein", mw Jan neigte sich zu ihr, „Soldat zu sein und winters, wenn das Heer im Quartier! liegt, in die Arme seiner Hallsfrau zu eilen?" „Also eine Winterehe, Herr Jan?" „Mit Sommerglut, Jungfrau Agnes." — Obell an der Tafel entstand eine Belvegung. Der Kurfürst brach auf, mit ihm Collalto, und sie schleppteu den ganzen Schwanz von Soutanen nach sich. Die beiden Bürgermeister, einige Generäle begleiteten sie bis zur Treppe, da winkte der Kurfürst und sie kehrten um. Sogleich wurden die Stimmen lauter. Einige Ausrufe flogen über das Rauschen der Reden, Frauenlachen stieg hellauf, bis es von dem t,ef- gründigen Gelächter der Männer eingeholt und gefangen wurde. — „Der Teufel von Almaden soll mich holen," rief Spi- Nvla.und schlug auf den Tisch, „weshalb gingt Ihr angesichts des Feindes über den Fluß? Wie ich weiß, macht der Fluß dort einen Bogen, nun gut, und der Feind war auf der Außenseite. Ihr hättet auf der Sehne des Bogens marschieren müssen, und so viel der andere sich abgelaufen hätte, Jhp wäret immer zZiülf Stunden eher dagewesen und hättet übers Wasser gehen können, indeni Eure Musik ein Kirchenlied spielte." — „Und Ihr, mein Herr," sagte die üppige Dame zu Jan, ,Lhr rntet nun so immerzu?" „Nickt immer," erwiderte Jan und drückte Jungfrau Agnes' Knie. „So zum Erempel nicht, wenn ich schöne Frauen sehe. Dann bleibt mein Gaul voii selbst stehen." „Ihr seid galant," sagte die üppige Dame und lachte und ihr Busen schlug Wellen. Irgendwo begann jemand zu singen. „Ihr seid falsch!" sagte Jungfrau Agnes. „Jetzt tut Ihr schon mit einer anderen schön!" „Sprecht noch ein Wort, und ich küsse Euch mitten auf den Mund!" „Vor allen Leuten?" Ihre Augen flackerten, ihre Hand preßte die seine . ;$? r , J a l Ien Leuten! Das heißt, im stillen Kämmerlein tät »ch's lieber!" „Ach," sagte sie und wurde traurig, „Herr Jan. Ihr redet nur so. Wie zu mir, so zu allen!" „Jan!" ries Joss Maria. „Dein Wohl! Was wir lieben l" c , £ cufe * Wa^ wir lieben. Ich habe ein wenig zu schnell getrunken. Liebe ich diese? - Fan lebt und Jan ist treu. Wer hatte das aesa§t? Richtig: er selbst ich einen Soldaten rum Eheherrn hätte," Jungsrau Agnes, „so sollte der mir nicht lange Soldat bleiben. Meint Ihr, meine Macht sei so klein? Oh. ich getraue mir schon, einen Mann zu halteir. Meint Ihr nicht?" Sie neigte ihren Kops und sah ihn eng an. „Meint Ihr nicht?" „Gewiß," saate Jan und reckte sich aus. „Ohne Zweifel. Es kommt auf den Mann an. Was ein rechter Kerl ist, der nimmt sein Weib ins Lager mit —" „Gott im Himmel." ,O>der er läßt sie eben zu Hause, und keine noch so weichen Arme halten ihn. Aber allerdings muß er ein rechter Kerl sein." „Wie meint Ihr das?" Jan trank. „Wenn ich eine Laute hätte, würde ich Euch ein Lied singen..." er sah sich suchend um, „ein Lied, welches heißt: der Soldat und das Mädchen." „Ach bitte, Herr Kavalier," ries die üppige Dame, „singt es doch!" „Wer singt?!... Er soll singen!... Singen wir!" ries es durcheinander. „Eine Laute," rief die Dame. Man reichte eine her, sie tanzte über die erhobenen Hände der Gäste und ihr Kasten brummte verheißungsvoll. Jan stand auf. „Tadirilarilah," intonierte ein Spaßvogel. „Jan! Jan!" rief Jos6 Maria über den Tisch und drohte. „Schweigt, Herr Schulmeister!" ries Jan zurück, „es ist em moralisches Lied und läuft auf Ermahnungen an einen Säugling hinaus!" Und er sang mit seiner hellen und fröhlichen Stimme dieses Lied: Das M ädchen: Wenn die Kartaune gräßlich blitzt: Pardibautz und Bum und valdera, Wohl, daß mein Schatz am Ofen sitzt. Ach. ach. ja. ja. Der Soldat: Fahrwohl! Ick reit' frisch drein: Pardibautz und Bum und valdera. Kann nicht mehr bei dir sein, Ach, ach, ja, ja. DasMädchen: Und wenn dre Kugel schießt dick tot: Pardibautz und Bum und valdera. Dann wein' ich mir die Augen rot, ^ ^ Ach, ach, ja, ja. Der Soldat: Mein Kamerad soll bei dir sein: Pardibautz und Bum und valdera. Der schließt dich in sein' Arme ein, .?lch, ach, ja, ia. DasMädchen: Und wenn mem Knäblein kommt zur Welil t ardibautz und Bum und valdera, ein Vater liegt aus weitem Feld, Ack, ach, ja, ja. Der Soldat: Dein Vater starb den Tod der Ehr: Pardibautz und Bum und valdera, Werd groß und stark mein Jung wie er, Ach, ach, ja. ja. Jan war immer ernster geworden. Er sah Agnes, indeni er die Laute noch fest im Arme hielt, groß an, uufc fie schlug die Angen nieder. Gelächter stieg auf, als er geendet hatte. Spinola sang aus vollem Halse dazwischen: „Und wenn mein Knäblein kommt zur Welt: Paribautz und Bum und valdera. . . ." Und die Damen kreischten auf und mittenhinein schmed- terte die Musik die erste Tanztveise. Da erhoben sich alle und die Herren stampften breit auf, um zu. sehen, ob die Beine noch sicher genug wären, daß sie einen Tanz riskieren konnten. — „Ich würde sterben," flüsterte Jungfrau ?lgnes in Jans Arm leise. „Wir leben rwch!" rief Jan. „Zum Tanz!" Ueber den Fußboden schleiften schon einhundert Sohlen, Da riß Jan sein Fräulein hinein in das Gewühl, (Fortsetzung folgt.) Von Hans Heimkehr. Ostwald (Zehlendorf). »,V"rra: v^eorg ^ mn, iajue eine iwiDUrtj dann warf sich ferne Schwester ihm entgegen Armen seinen Hals und fügte ihn. Georg mutzte sich mühselig an dem Pfeiler halten 'suimmc. unp umfaßte mit beiden 171 ,M2chen, du reifet mich ja um!" meinte er lächelnd und sah an fernem Bein herunter. Mimi folgte seinem Blick — dann liefe sie ihn los — trat einen Schritt zurück — legte die Hand aus den Mund und hauchte: „Tein Fufe?" „Ja —" nickte Georg. Mimi stand immer noch und starrte das leere Hosenbein an. Georg aber sah sich ungeduldig um, sah über all die neugierig und mitleidig ihn Umringenden hinweg und sagte: „Wo ist denn Lotte?" Mimi sah ihn verständnislos an. Er mufete wiederholen: „Wo ist Lotte?" „Sei man froh, dafe die nich gekommen is!" meinte Mimi. „Wenn die dich so gesehen hätte —" Georg lehnte sich gegen den Bahnhofspfeiler und schwieg. Warum ihn die Leute wohl alle anstarrten? Er fühlte, wie er zornig wurde. War denn die Lotte wirklich nicht da? Wie er sich gefreut hatte auf diese Minute, auf dies Wiedersehen! . . . Dafe die Lotte ihn umarmen würde. Die hätte ihn auch umreifeen dürfen . . . „Mensch — du wirst ja ganz blaß!" rief ihn seine Schwester an und packte ihn am Arm. i Georg winkte ihr ab und richtete sich auf am Pfeiler. Immer stramm — nicht schlapp werden. ^Mimi faßte ihn unter: „Lafe man — wenn sie dir ooch nu nich mehr jern haben sollte — bet hochmütige Fräulein — denn; find't sich eben 'ne andere —" Aeorg antwortete nichts darauf. Schwerfällig humpelte er an der Seite seiner Schwester den Bahnsteig entlang. Jetzt empfand er erst, wie schwer es ihm wurde, mit dem provisorischen Apparat, den sie ihm im Lazarett angeschnallt hatten. Solange er beim Arzt gewesen, hatte er es nicht so sehr bemerkt. Hatte der ihn doch immer versichert, dafe er wieder wie früher aussehen werde, wenn erst das künstliche Bein fertig sei. Er sollte nur warten, bis es soweit sei. Aber ihn hatte es nicht mehr int Lazarett gelitten. Er tarnte erst einmal nach Hause — zu Lotte. . . Und nun war sie nicht da. — ,,„Wo — wo ist denn Lotte?" fragte er, als er vorsichtig am Gelander entlang die Treppe hinabstieg. „Heute sollen Verwundete kommen. Und da haben sie im Lazarett ihre Arbeit, um alles in Ordnung zu bringen. Alles frisch beziehen — und scheuern — und einrichten." „Wann kommt sie denn?" „Na, das wird wohl ziemlich spät werden," erwiderte Mimi, ttnmer bemüht, ihn zu stützen. „Sie will sich doch nicht extra frei rttaqjen!' fügte sie mit einem heimlichen Vorwurf hinzu. „Na ja — das geht auch nicht!" verteidigte Georg seine Braut. „Erft müssen die Verwundeten alle versorgt sein. Das ist nu mal nicht anders." Sie standen unten in der Halle. „Is denn Mutter nicht da?" fragte Georg. „Mutter kocht Kaffee. Damit du jleich was Warmes hast, wenn du kommst." „Mutter iS immer praktisch!" lächelte Georg. Und dann machten sich die beiden Geschwister auf und gingen heimwärts Mimi immer bemüht, ihren Bruder zu stützen, ihm den Weg so leicht wie möglich zu machen. Und auch bemüht, ihn abzulenken von seinen Gedanken, ihn zu unterhalten — und ihn zugleich daraus vorzuberetten, dafe seine Braut über seine Verstümmelung nicht entzückt sein würde — ja, dafe sie sich wahrscheinlich von ihm abweuden würde. Denn Mimi konnte sich nicht denken, dafe man einnl solchen verkrüppelten, zerschossenen Menschen noch lieben Jömte. Als Briefträger konnte er doch nun auch nicht mehr gehen Na — und wer stellte denn so einen einbeinige Menschen an? Georg aber dachte nur: Lotte war nicht da — Lotte war nicht da. . . Sie hätte sich natürlich frei machen können. Wenigstens aus eine halbe Stunde Um ihn zu begrüßen. Das batte er schon von ihr erwartet Lotte war nicht da — Lotte war nicht da . . Allzuweit hatten sie es nicht bis zur Wohnung der Mutter Sre wohnte nur wenige Minuten entfernt vom Bahnhof — weil zuck das Postamt in der Nähe war, und er es nicht bei all seinen Wegen auch noch weit bis zum Amt haben sollte. Vielleicht war Lotte bei der Mutter. . . Vielleicht wollte sie ihn dort überraschen. — Sie stiegen die paar Stufen hinauf, die vom Hofe aus zur Wohnung führten. Wie sauber war die Treppe gescheuert! Wie blinkten die Meffingarme der Gaslampen! Ja, ja, wo Mutter die Dausreinigung hatte! . . * „Soll ich voraufgehen und Mutter vorbereiten?" fragte Mimi schüchtern. Georg schüttelte den Kopf. Die Mutter würde doch nicht zu- rückschrecken vor chm. . . die eigene Mutter. . . Als sie ihn auf der Treppe hörte, machte sie schon die Küchentür auf und kam ihm entgegen — mit offenen Armen: „Junge, Junael Da biste ja wieder!" Und sie zog ihn behutsam die Treppe empor. lKein Wort sagte sie über sein Bein. mn Wort sagte sie über sein Bein. Führte ihn nur lanasan »um Küchentisch, auf dem schon die Kaffeetassen und der Milchtop wanden — und der KuchenteNer in der Mittel Und dann ließ ft Aen Sohn sanft auf den Stuhl nieder, der zwischen Herd und Lisch stand: „So — da is es doch am wärmsten!" Mit dem einen Arm auf seiner Schulter, blieb sie vor ihm stehen, streichelte ihn und sagte stolz: „Ick wußte doch, dafe du das Eiserne mitbringen würdest Ja, bet wußte ick!" Unb bemn war sie geschäftig um ihn herum, goß ihm Kaffee ein — Milch dazu — „da haste een Stück Kuchen! . . . Un nu ife man noch. Eens is jarnischt. Mußt dir doch wieder ordentlich erholen! Mußt doch wieder Blut kriegen. Wirst ja genug verloren haben . .Nu nimm dir man noch een Stück. Mim: und ick haben schon jetrunken." „Ach — zur Gesellschaft trink' ich noch mal mit!" meinte .Uiimi^iinb jog sich die zweite Tasse heran, die auf dem Tisch stand. "Die sollte doch für Lotte sein!" rief Mutter Krüger. „Wer weife, ob die kommt?" meinte Mimi und lächelte ein wenig zweiflerisch in die Tasse hinein. Mutter Krüger war erst sprachlos. Dann sah sie ihren Sohn an. Und nun wußte sie, warum er so still war. Diese wenigen' Worte, die eben gewechselt worden waren, enthüllten eben das' was sein Herz bewegte und erfüllte Nun wurde Mutter Krüger aber aufgebracht: „Was redest du denn sur dummes Zeug!" schrie sie ihre Tochter an. „Du bist dock ein zu dummes Ding! Du weifet doch, dafe heute wieder ein Lazarettzug kommt. Lotte wird schon kommen. Wie ick ihr kenne!.. Nee — sowat — macht das Mächen ihrem Bruder unnütz das Herz schwer ! Lotte is doch nu mal so: erst de Pflicht, erst de Arbeet und denn alles andere. Des finde ick nu ooch sehr verständig. Del is de richtige Frau fov- Georg! Mt der wird er schon vor- wartskommen. Un bet is ja doch de Hauptsache!" Das rote Gesicht von Mutter Krüger glänzte vor Eifer. Mimi aber beugte sich über die Kaffeetasse und schwieg tot* legen. „ Georg sah seine Mutter an. Wie sie ihr Gesicht bald ihm Olebe, bald der Tochter vol( Strenge zuwandte. Und nun! fühlte er sich wieder heimisch. Ja — so war Mutter nun mal — sie mufete was haben, an dem sie austauen konnte. Ihre Ohren» glühten ordentlich. Fast so rot, wie das Feuer, das durch die abgenutzten Ringe auf deni Kochherd leuchtete. Ihm wurde es ordentlich behaglich. Er streckte sich und dehnte sich. aus: „Du — Zigarren haben wir auch für dich! Und sie lief ui die Stube, um sie zu holen „Willst du dir nich lieber aufs Sofa legen?" fragte Mutter Krüger. „Wir haben vorne geheizt." „Na — Mutter, in der Woche? Wird das nicht zu teuer?" scherzte Georg. „Na — erlaube mal!" lehnte seine Mutter gekränkt ab , So knauserig bin ick doch nich!" Sie wollte ihm aufhelfen. „Laß mJarc — ick rauche lieber hier meinen Glimmstengel!" „Unsinn! Jeh man nach vorne!" „Na — bet »var doch sonst verboten, in Mutters juter Stube zu qualmen!" meinte Georg neckend. „Nu jeh schon!" munterte sie ihn auf. „Na — denn: mit Berjnügen!" Er rappelte sich aus und wollte nach dem vorderen Zimmer gehen. Seine Mutter machte sich daran, die Lampe anzuzünden. „Nee — wat die Dvae jetzt kurz sind!" Sie nahm die Glocke ab und» holte die Stteichhölzer vom Herd. So loaren Mutter und Sohn allein beisammen. Uiid als nun das Licht aufflammte und sie seine Augen ans sich gerichtet sah, in boxen sie eine stumme Frage an die Zukunft zu finden glaubte, da streckte sie ihre Hand aus, um ihm über das Haar zu fahren. Ehe sie soweit kam, hatte er ihre Hand mit beiden Händen gefaßt und drückte sie. „Dir — der Postnieister hat mir neulich jesagt — wenn dir ooch wat passieren würde — for dir tatre tmimier 'ne Stelle da. Du hätt'st doch schon verschiedene Prüfungen iemacht — —" Weiter kam Mutter Krüger nicht. Die Tür tourde aufgeris- sen. Ein junges Mädchen in Helferinnentracht stürzte herein. Sie fiel über Georg her: „Junge!" Dann riß sie ihn empor zu sich, hielt ihn fest und suchte mit ihren roten Lippen seinen noch ein loenig blaffen Mund. Als Georg sie auf sein künstliches Bein aufmerksam machen wollte, schüttelte sie nur den Kopf und drückte ihn umso fester an sich. Da sagte Mutter Krüger: „Ick jloobe, et is Zeit, det ick de Lampen uff de Treppe anstecke." Und leise ging sie aus der Tür. Line franzSsische Karikatur deutscher Karikaturen. Das Pariser „Journal" veröffentlicht du „Interesse der Wahrheit" eine tzhtzahl Karikaturen anS deutschen Witzblättern, glaubt (tbcr zum besseren Verständnis seiner Leser diese noch besonders erläutern zu müssen. Diese Erläuterungen zeigen nun hesser als lange Mtikel, WaS die Pariser Zeitungen ihren Lesen: vorzusetzen wagen und wie sie aus der Wahrheit selbst eins Karikatur macken. Da sthen wir zuerst auf einem Bild der „Lustigen Blätter" Sir Greu am Kassenschalter, während Rußland. Frankreich. Belgien, Serbien. Mouienearo und Japan in zerschlissenen uni" 172 — formen ankommen, um sich Geld zu holen. „Dir Edward Greh zahlt den Verbündeten jeden Sonnabnrd ihren Sold," so ist diese deutsche Karikatur unterschrieben. Dem stgt das „Journal" hinzu: „Tie Deutschen glauben, daß der Latz Englands gegen sie so weit geht, daß dieses die Kriegskosten der ganzen Welt bestreitet. Ach nein! Jeder muß sein Terl zahlen; für England macht dies ebenso wie für uns ungefähr 50 Millionen Franks am Tug. Sir Edward Grell gibt uns nichts da^u." Ist es nicht zum Lachen, wie selbst aus diesem Kommentar oie Sehnsucht nach dem englischen Gelde klingt? Ein anderes Mld aus oem „Simplizissimus". In einem Schützengraben versteckt liegen mehrere Franzosen und schauen sehnsüchtig nach einer ans dem deutschen Schützengraben anfsteigenden kleinen Wolke. „Zum Teufel. Diese Deutschen brauen sckwn wieder Kaffee. Wie das gut riecht!" Hier greift das „Journal" zur gemeinen Lüge, um das Mld zu erklären. „Unsere Soldaten — so behauptet es kühn — leiden an nichts Mangel. Aber die Deutschen müssen sich kompagnielveise ergeben, tv len uns Franzosen einreden, England führe den Kriegmit nn-> serem Leer. In Wirklichkeit führt es den Krieg mit unserer Flotter was es an Soldaten besaß, hat es auch an die Front geschickt. *** Deutfthe wird längst niedergerungen sein, ehe wir unsere letzte Million Menschen überhaupt nur mobilisiert haben." Soll man lachen oder die Leichtgläubigkeit der französischen Zeitungsleser bedauern? vermischtes. 'Deutsche Kriegs -Buchhandlungen. Am Fuße der täglich erscheinenden »Ltller Kriegs,,achrichten" befindet sich seit einiger Zeit eine fettgedruckte Anzeige, die ans das Bestehen einer Kriegs-Buchhandlung in Lille hinwetst. Diese ist im Hause des Nachrichtenoffiziers des Gouvernements untergebracht, wo auch ein Lesezimmer für Offtztere und Mannschaften mit den neuesten Zeitungen und Heilschrtsten eingerichtet wurde. Als Verkäufer sind Mdgraue Buchhändler tätig, und wenn der Absatz einen Maßstab kur den Erfolg eine- Unternehmens bieten kann, so hat sich dieses bewährt, zumal es Bücher in jeder Preislage, UnterhaltuugS- ichrmen, wie wissenschaftliche Merke zu kaufen gibt. Der Reinertrag dieser Buchhandlung wird übrigens zur Deckung der Unkosten verwendet, die durch die Herausgabe der „Ltller Kriegs- zettung" und der »KriegSnachricbte.ck entstehen. Tiefe Ltller Buchhandlung hat aber in dem Dörfchen V. bei Lille bereits eine Vorgängerin gehabt. Dort liegt eine Kompagnie deS Landsturm- batarüons Göttingen und in der neuerrichteten Wirtichait »Gasthof zur Stadt Göttingen" gibt eS neben Schinken, Bier, Wurst und Kaie auch Bücher mancherlei Art zu kausen, so daß ein Nebenschttd die stolze Firmenbezeichnung »Universitäts-Buchhandlung' trägt. Ten Grundstock dieser Buchhandlung bildeten gegen 260 Bücher in emem aus einer deckellosen Kiste gefertigten Regal. Sie alle, zumeist ReclainS Universalbibliothek entstammend, sind in wenigen Dagen ln die Schützengräben der Sachsen gewandert, selbst Feiichterslebens »Diätetik der Seele" in mehreren Exemplaren. Auch geographische Postkarten, die eine farbige Darstellung der slandrtschen Gebiete geben, ianden reißenden Absatz. Reben diesen »setzhaften KrtegS-Buchhandlungen gibt es aber auch fahrende- ^ ^arkedenter führen nämlich außer deutschen Zeitungen ouch bllUgere Unterhaltungsschrlsten im Preise von wenigen Groschen mit sich, die von den Truppen gern gelaust werden, i - r ^ " garnS Erdgas schätze. Erdgasquellen, die man »eit längerer Zeit in den Vereinigten Staaten und in Kanada kennt und wirrschastlich ausnützt, sind tu den letzten Jahren m ^'Mltchem Maße auch in der oberungarischen Tiekebene und in Siebenbürgen aufgesuuden worden. Bis heute sind, so schreibt Dr -veri'mg nn »Prometheus", bereits 16 Quellen bekannt, die eine tägliche Gesamtergiebigkeit von mehr als 2X Millionen Kubik- lülu i* ^igen. Schutzungen amerikanischer Geologen über den ^ehalt der Siebenbürgener Erdgaslager belaufen sich auf nicht Kbm., wobei aber keineswegs gesagt t't, daß die tatsächlich vorhandene Menge nicht um das Vierfache die Schätzung Übersteigt. Damit würde die ungarische ErdgaS- Produktion die der Vereinigten Staaten, welche im Jahre löiO 11 600 Millionen Kbm. betrug, übertreffen. Bisher ist freilich in Ungarn wenig von den vorhandenen Erdgasschätzen für die technische Verwertung nutzbar gemacht worden, da es wegen der hohen Anlage- und Betriebskosten zunächst großer Kapitalanlagen, ,vie sie nur von großen Gesellschaften geleistet werden können, bedarf. Tie Versuche haben sich bisher aus die Beleuchtlmg der Staatsbahnen und einiger Ortschaften beschränkt. Trotz der kleinen Betriebe stellt sich das Erdgas schon billiger als daS Steinkohlengas; es ist auf den Kubikmeter um 4 1 /, H. billiger als dieses und kostet nur 2,4 H. Weiter sind in einer dazu gegründeten Versuchsanstalt Untersuchungen im Gange, um das Gas für die Zwecke der Landwirtschaft, z. B. der Gewinnung des Luftstickstoffes, dienstbar zu machen. Werden nach Beendigung des Krieges die Projekte aus- geführt, so wird das ungarische Erdgas Oesterreich-Ungarn von der Abhängigkeit der fremden Kohlenlieferanten befreien. ES wird aber auch möglich werden Oberungarn und Siebenbürgen zu industrialisieren. "Die 9t i v a l e n. Eine tragikomische Geschichte von dem berühmten Klaviervtrtuoseu Godow sky wird aus Amerika erzählt. Godowsky befindet sich dort auf einer Konzertreise und sollte so eines Tages auch in Baltimore spielen. Aber nach seiner Ankunft erfuhr er, daß auch E a r u s o für dasselbe Konzert gewonnen war. Ter Künstler, der seiner Kunst augenscheinlich nicht so viel zutraiite wie dem hohen C des berühmten Tenors, verließ daraufhin höchst entrüstet die Stadt und schrieb der Konzertdirektion folgenden Brief: „Es ist höchste Zeit, daß das Vorurteil deS Publi- kuins zugunsten der Gesangskünstler endlich einmal aufhöre. Die Begabung und die Arbeit, die in der Entwicklung eines Jnstru- meutalkünstlerS zur Entfaltung gelangen, und die kulturellen Segnungen, die aus seiner Kunst entstehen, sind zum mindesten gleichwertig dem rasch verfliegenden Vergnügen, das mit dem Genuß einer gesanglichen Leistung verknüpft ist." Die Küche im Kriege. (Nachdruck dringend erwünscht.) Fischauslauf von Pellkartoffeln. (Jede Fischort.) IV» Psd. Fisch, 2 Psd. Pellkartoffeln, 20 Gramm Parmesankäse, yi Liter saure Sahne vder Milch, 2 Eßlöffel Mehl, 20 Gramm, 20 Gramm Fett. Me Fischreste werden lagenweise mit in der Schale gekochten, in Scheiben »geschnittenen Kartoffeln und Parmesankäse in eine gut ausgestrichene Auslaufform eingeschichtet, saure Milch oder Rahm, Satz, Mehl werden verquirlt und darüber genossen. Oben darauf gibt man Butterstückchen, Parmesankäse und geriebene Semmel und backt den Auslauf eine halbe (stunde. Stock-ober Klippfisch mit SauerkrautUnd Bratkartoffeln. V» Psd. trockener Fisch 1 Psd. Sauerkraut, 60 Gramm Fett, 2 Psd. Kartoffeln, Satz. Das Sauerkraut wird mit 20 Gramm Fett und etwas Wasser gar- geschmort (2 bis 3 Std.). Der Fisch wird gut bedeckt mit kaltem Wasser und — bei Stockfisch — mit ettoas Satz mir den Herd gestellt und langsam ins Kochen gebracht. Er muß l /i Stunde ziehen, nicht kochen. Dann läßt man ihn gut ab- laufen, entgrätet ihn und mischt ihn mit dem Sauerkraut durch. Dazu werden die Kartoffeln in der Schale weich gekocht, geschält, in Scheiben geschnitten und auf der Stielpfanne in 40 Gramm Fett gebraten. Arithmogriph. 12 3 4 2 3 ein Spiel. 3 3 V 10 4 aflatifches Reich. 3 8 9 10 8 deutscher Dichter. 4 6 8 9 1 8 ein Insekt. 5 10 10 4 Stadt ln Westfalen. 6 4 9 10 ein Fluß. 7 4 3 10 1 9 10 10 eine Krankheit. 8 9 1 6 10 nützliches Metall. 9 1 2 3 4 italienische Insel. 10 8 2 3 8 10 ein Fahrzeug. Die Anfangsbuchstaben der gefundenen Wörter bezeichnen der Reihe nach, von oben nach nnten gelesen, ein berauschendes Getränk. (Auflösung in nächster Nummer.) .Auslösung der Schach-Aufgabe in voriger Nummer r Weiß. Schwarz. 1) 8d 6 — e8 K d 6 — e 4. 2) Se 8 - fö -f und Matt. A) 1). S e 3 n. c 4 oder anders. 2) L a 6 - b 7 -f- unb Matt. B) 1). beliebig anders. 3) Dame, Turm, Springer, Matt. Kchrtstlettung: Aug. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Äleßen."