Ifan von Werth. No man aus dem Dreißigjährigen Kriügp von Franz Herwig. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Jan Pflegte von nun an von sich nur als von „Jan Pöbel zu sprechen und Jose Maria mit allen Zeichen einer übertriebenen und darum verletzenden Ehrfurcht zu behan- oeln. Und eines Abends, als er den geistlichen Freund in innigem Gespräch mit einer stattlichen und schönen Dame fand, me nur ein wenig nach dem Gewürzladen ihres Gemahls duftete, zog er die Tür mit tiefen Verbeugungen wieder hinter s'ch zu, nachdem er einmal übers andere gesagt hatte: „Eure Exzellenza, Pardon, ich will Euer hochgeborenen Exzellenza Beichte nicht stören." . An diesem Abend strich er durch die Gassen. Es war im Anfang des März, lind da er die warme Lust des Vorfrühlings um seine Stirne streichen fühlte, dachte er mit Sehnsucht des Tages, da es nun endlich nach Süden ginge. Ein Heer von nahezu 30000 Mann lag um Regensburg, die Donau entlang bis nach Nenburg in Quartier, nur der Oberbefehlshaber war noch nicht ernannt und Jan hatte sich noch zu keinem Regiment gemeldet, tveil er bei der Vorhut sein lvollte und nicht wußte, wie die Regimenter marschieren würden. . So kam er an das Rathaus und sah es hellerlenchtet. Auf dem Marktplatz drängte sich eine Fülle prächtiger Rutschen, in denen vornehme Herren und Damen in strahlenden Gewändern saßen. Aus den geöffneten Fenstern des großen Kaisersaals hörte »er die abgerissenen Töne, mit denen Musiker ihre Instrumente stimmen. Da das Aussteigen vor dem Portal nicht sehr rasch vousratten ging, staute sich den ganzen Platz entlang die Reihe der Karossen und da auch Jan, wegen der Volksmenge, die gassend an den Häusern entlang stand, nur langsam vorwärts kam, so hielt er mit einer Kutsche Schritt, die er mit seltsamer Aufmerksamkeit zu mustern be- gann. Der gelbe Anstrich, die vier pausbackigen Engel auf dem Kutschdach — wo hatte er die schon gesehen? Er versuchte einen Blick in die Kutsche zu werfen und gewahrte rosa Atlaspolster, und sofort sagte er: Koelvarden? Und blickte nochmals hinein, und der Schein einer Laterne fiel gerade auf das Gesicht Spinolas. Da schlug Jan das Herz vor Freude. Er nahm den Federhut ab, den er an diesem Abend trug, und ging ehrerbietig neben dem Schlage her, bis Spinola sich ein- mal hinauslehnte um zu sehen, ob noch nicht endlich an ihm die Reihe sei anszusteigen, und Jan gewahrte. „Mein Gott," rief der General, „der tolle Hans! Grüß Gott, lieber Rittmeister!" Und er streckte Jan die Hand hin und zog ihn neben dem -schlage der und Jan strahlte übers ganze (Besicht, trotzdem er mit Mühe ernsthafte Augen machte. „Welcher gute Wind treibt Euch nach Regensburg, Kamerad?" „Der Wind, der nach Süden weht, Exzellenz." „Habt dem Tillp Lebewohl gesagt?" „Nach Euer Exzellenz Kommando hat mir nicht ein anderes geschmeckt." _ „Bei welchem Regiment steht Ihr? Götz? Langenberg? Schaffgottsch? Oder seid Ihr Eurer Waffe untreu geworden ?" „Hab mich noch nicht entschieden, Exzellenz." „Nicht? Höchste Zeit. Kommt aufs Rathaus. Viel- lelcht kann ich Euch helfen. Fragt nur nach mir und Ihr könnt Passieren. Die Stadt gibt dem Kurfürsten von Bayern, der nach Prag zum Kaiser reist, ein Fest. Ich erwarte Erich." _ Noch ein Händedruck. Der Wagen hielt. Jan stand am schlag. „Also ich erwarte Euch." Und er stieg langsam und mit einer Würde, vor der das Geflüster der gaffenden Menge verstummte, die Stufen zum Portal hinall. Kehrt Jan. Nach Haus! Ein wenig schneller, alter Junge, sonst läuft dir der Glückstag davon. Treppauf, drei Stufen mit eins. Schreit nach dem Diener: Den blaueil Atlasrock. Lümmel! Die Mailänder Sporen! — Und schnell begann er sich umzukleiden. Kennst du mich? fragte er sein Spiegelbild. .Hack, da stand ein rosiger Kerl, blond wie Rheinwein, in hiinmelblau Atlas, die weichen gelben Stiesel nm- gefchlagen. die neuen silbernen Sporen lvie Wagenräder so groß und einen Degen an der Seite, dessen gelbe Lederscheide keinen Flecken hatte. Und nun den Hut, den hellbraunen Hut mit den schwankenden hellblauen Straußfedern: Zackerbom- benundflöh! Und Damen lvürden da sein, von den Generals ganz zu schlveigen. Man mußte einen süßen und runden Mund machen und den Kops ein wenig auf die linke Schulter neigen, wenn mall mit ihnen sprach. Üitb auf sie zugehen mit hohen, langsamen Schritten, etwa so... llub er stelzte auf den Spiegel zu und schlvenkte den Hut, daß die Federn die Dielen hegten. „Schöne und edle Dame," begann er. „Wohledle Dame." Aber da öffnete sich die Tür und Josö Maria trat ein. „Ei Jan," sagte er erstaunt. „Willst bu zum König?" „Weshalb nicht?" machte Jan und zupfte an den Brüsseler Spitzen auf der Brust. „Weshalb sollte ich nicht znm König wollen? Können mir Hochwürden einen Grund dafür sagen? Glauben Euer Hochlvürden, daß nur Sie mit Exzellenzen verkehren dürfen, wobei ich richtige, nach welschem Parfüm duftende Exzellenzen meine uitb nicht solche, die nach Regensburger Krämerläden riechen? Allerdings, hochehrwürdiaer Herr, zukünftiger Beichtvater von Fürstinnen, gehe ich. Im. Pöbel, zum Fest auf das Rathaus, von Seiner Exzellenz dem Herrll Marchese di Spinola, General, persönlich invi- tiert." Der Abbo hörte ihn ernsthaft au. „Das ist schade." sagte er. „Ich hoffte den Abend mit 166 — dir und einer guten Flasche Wein zn Hause verbringen $u können. Aber da du ans das Rathaus gehst, so gehe ich mit, damit du meine Freundschaft siehst. Der hochwürdigste Herr Jesuitengeneral Pater Lamormain hat mich dringend aufgefordert zu kommen. Also gehen wir." Jan setzte wortlos den Hut aus und ging mit. Als sie schon das Rathaus in Sicht hatten, nahm er den Abb6 plötzlich am Arm und sagte: „Du, Jos6 Maria, wenn wir umkehren »vollen...?" „Nein, jetzt komm!" Und Jos6 Maria zog den Freund nicht unerheblich scharf am Ohr und sagte: „Dummer Jan!" Sie konnten passieren, als sie ihre Namen nannten und liefen gerade Spinola in den Weg. Er begrüßte auch Jos6 Maria freundlich und bat. ihm zu verzeihen, wenn er ihm seinen Freund gleich entführe. Aber er »volle ihn einigen Herren empfehlen, und das müsse inan sofort tun, sonst, nach dem Mahl pflege das Gedächtnis schrvach zu »verden, und er wolle Jan nicht der Gefahr aussetzen, vergessen zu »verden. So führte er Jan zu einer kleinen Gruppe, in der es von Ehrenkelten blitzte. „Mcrch", rief er, „hast du »»och ein Kornett frei? Hier ist Herr von Werth, dessen Dienste in Flandern ich nicht veraessen habe. Er geht draus »vic ein Eber. Kannst ihn krauchen!" „Kommt morgen i»l mein Quartier," sagte der Oberst von Mercy. „Und wenn Ihr, Herr Aldringhen," wendete Spinola sich an einen z»veiten, „ein wenig auf diesen Jüngling achthaben wollt? Denn zweifellos werdet Ihr Generalissimus in Italien. Ihr könnt ihin getrost ei»» Streiskorps geben, und er »vird Euch Wunder zeigen." „Gern," sagte Aldringhen. „Aber Ge»»eralissimus? Herr Kamerad, dazu kann man »nich nicht gebrauchen." „Bei Euren Meriten — ?" „Meriten hin, Meriten her! Bei den Jesuiten steht noch kein Handkuß von mir angeschrieben." „Aber um Gott, Herr Aldringhen, wer sonst als Ihr?" „Es »st ein hoher Herr angekommen, heute, zugleich mit dem Herrn Kurfürsten Maximilian. Sie haben einen schrvar- K» Schwanz von Soutanen hinter sich gehabt. Und der Herr Präsident des Hofkriegsrats — " „Collalto?" „Zu dienen." Später zeigte Spinola Jan den Grase»» Reimbolt Collalto, einen starren Herrn, Mitte der fünfzig: „Seht, der soll's sein." rv v ma( ^ c 3an, „Gott helf der Armee, »vo ein Federfuchser koininandiert." Der General schob vertraulich den Arm unter de,» seinen: „Vielleicht irrt Ihr. Man hat Exempel, daß ein Stubenhocker vorm Feind die größte Courage zeigt. Indessen andere. wie Graf Götz" — er schaute sich rings im Saale um -- „er »st nicht da. Seht, Graf Götz. wenn Ihr ihn seiht, meint Ihr, er müßte so eine Lunlpenstadt »vie Mantua mit einen» Maulausreiben verschlingen. Aber wenn der Feind Mit fest" ai, ^ rct ^' er Collalto ist schweigsam, der „Collalto. Collalto klingt italienisch." „Italienisch? Er ist in Mantua geboren — " „Und würde gegen seinen .Herzog — ,, . "Gegen seinen Herzog zu Feld ziehen, ja. lieber Werth. Uno beim Herzog kommandiert vielleicht ein Deutschem Die Welt kennt keine Treue mehr. Alle wollen Fort»»,» machen Gebt einem Aussichten und er verrät seinen Vater. Zeitlauf" Jan sah den General groß an. „Daß ich so offen bin," sagte der, „wundert Euch. Gott- ? ■ äre trotzdem ganz gemütlich gewesen, »venu nicht die Granaten unaufhörlich gefunkt hätten, was bei mehrstündiger Dauer auf die Nerven fiel und leider ailch täglich neue Opker forderte. 167 „Kameraden, macht'- euch beauem," hatte der blonde junge H-uPtmann gesagt, als er mit seiner Kompagnie diesen vorgeschobenen Posten bezog. „Der Schützengraben ist das Ehren- yelm de- Kriegers." Das hatte man denn auch getan und hatte es im Laufe der Taae zu «neui aennssen Komfort gebracht. Dichte Lagen von Stroh deckten den Boden. Stühle, denen es am Notwendigsten fehlte, lehnten hier und dort an den Wänden, und überall hatten geschickte Hände Konsolen in die Tonwände gemeißelt, auf denen mn Abend zahlreich requirierte Lichter standen und die seltsame Umgebung traulich erleuchteten. Die Höhe des Komforts aber war dort, wo der junge Haupt- Vsarmj, der Stolz seiner Kompagnie, sein Hauptquartier ausgeschlagen hatte; denn eine richtiggehende Petroleumlampe, die auf einer Kiste stand, beleuchtete die Herrlichkeit eines impertinent grünen SeidensofaS. Das „Kaninchen", das diese Kostbarkeiten für „seinen" Herrn bei Nacht und Nebel herbeigeschleppt hatte, strahlte, wenn cs an dab fast verlegene Lächeln dachte, mit dem der blonde junge Hauptmann für alle ihm von seiner Kompagnie dargebrachten Liebeö- beweise zu danken pflegte. Und wie ein treuer Hund hockte er auch letzt in möglichster Nähe der grasgrünen Pracht in einer Stellung, die aussah, als hätte man in Arme und Beine einen Knoten geschlagen. Aber diese unmögliche Stellung genierte ihn nicht. ES rag im Gegenteil ein Ausdruck befriedigter Behaglichkeit aus seinem baaeren Gesicht; denn er fühlte sich so eins mit seinem Herrn, daß er die Molligkeit des grünen Sofas mitempsand. Plötzlich richtete er sich aus feiner verknüllten Lage enwor. Schnuppernd streckte er seine Nase in die Luft, indes die abstehenden Ohren in zitternde Bewegung gerieten — eine Eigentümlichkeit, die, verbunden mit übernatürlich scharfen Sinnesorganen, ihn» seinen Spitznamen eingebracht hatten. Mit einer Handbelve- t ung forderte er seinen Freund, den Latschenaugust, der auf einer lkundharmonika seinen Gefühlen einen schmelzenden Ausdruck gab, zum Schweigen auf, während er sich aus dem schützenden Graben erhob und in die beginnende Nacht hinausstarrte. „Na, Kaninchen, riechst du all wieder den Feind? Komm her, Junge. es is ja nischt zu sehen." Nein, es war nichts zu sehen, so angestrengt der Spähend« auch seine scharfen Augen in das Dunkel bohrte. Rechts vor ihm stand, in Dunstwellen gehüllt, die schwarze Mauer des schlveigen- ben Waldes. Und daß sich von dort keine Gefahr nähern konnte, dafür sorgte die verstreute Postenkette, die der vorsichtige Hauptmann überall ausgestellt hatte. sUnd doch-war es nur der Abendwind gewesen, der dort in den Kronen klagte-oder war es der Schrei eines schlaf" trunkenen Vogels, den er zu hören vermeint. . .? „Na, Karnickel, nu komm aber rin in die jute Stube und! mack die Tür zu. Es zieht —" Ohne diese jeder realen Grundlage entbehrenden Einwärrde -st beachten, nahm der Zurückkehrende seinen früheren Platz wieder nn. Aber öfter noch als sonst flogen seine Blicke zu dem blonden Scheitel des jungen Hauptmanns hinüber, der dort auf dem grünen Sofa den tiefen Schlaf der Erschöpfung schlief. Kein Wunder, hatte man doch fast jeden Tag ein Gefecht gehabt; dazu daS gvige Aufderhutscin bei diesem vorgeschobenen Posten. Und die Nebelwand, die wie eine Mauer auf den Feldern stand, kroch näher und näher heran und hing sich kältend und nässend in die Kleider. Nock einmal stand das Kaninchen auf und legte die braune Decke fester um feinen jungen Herrn — hatte dieser doch den eigenen, Mantel einem Kriegsfreiwilligen gegeben, dessen siebzehn Jahre sich in schweren Fiebcrtränmen gegen die ungeheuren Eindrücke dieser ersten Tage wehrten. „Dal Hemd vom Leibe würd „der", jloob ick, für seine Musketiere jeden," hatte der Latschenaugust anerkennend gesagt. Ach. und daS Herz aus dem Leibe würde das Kaninchen für seinen angrbeteten Haupttnann gegeben haben. Und nun sollte er ihn wecken, weil er von irgendwoher Gefahr witterte . . .? Nein, diese eine Nacht sollte er ungestört schlafen. Die da drüben, unter denen sich seit eilt paar Tagen das raubtierartige, schwarze Gesindel gezeigt, sollten ihm seine Ruhe nicht nehmen. Darüber würde er wachen. Mit jähem Entschluß sprang er empor. Er meldete sich bei denr dienstttreirden Offizier und trug ihm /eine Bitte vor. Dieser lächelte: „Kaninchen, ich glaube, es regt sich wieder bei Ihnen Ihr sechster Sinn. Trauen Sie den Posten da draußen so wenig? Aber wenn Sie es denn durchaus wollen — meinet- wegm, nehmen Sie sich ein paar Freiwillige und gondeln Sie los. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich." Wenige Minuten später schlichen drei Musketiere, unter ihnen der unwillig brnnrnrelnde Latschenaugust, der sich nichtsdestoweniger als erster zu dieser Extratour gemeldet, mit dem Gefteüen Rtnrpel /denn das lvar des Kaninchens militärischer Rang und bürgerlicher Name) in die beginnende Nacht hinaus. DaS Gebrummel des Latschenaugust verstärkte sich, als das Kaninchen am Waldrand« seiner Truppe befahl, von Baum zu r mi in möglichster Deckung bis zur Lichtung zu schleichen, wo ersten Posten ausgestellt waren. „So'n Blödsinn. . . daß die Posten auslachen . . . Karnickel, .haste wenigstens ne Pull« Schnaps bet dir, als Bersöhnungstnmk, wenn sie dir fyeien nächtlicher Ruhestörung belangen — „Pst! —" DaS Kaninchen legte ihm offne weiteres die Hand auf den Münd. Ein unbestimmtes Geräusch, ähnlich dem Orgeln eine- Hirsches, war an sein Ohr gedrungen- Nein, der Wald schlief nicht. Nase und Ohren des gespannt horchenden Kaninchens zuckten krampfhaft. Lautlos schlich man vorwärts. Jeden» raschelnden Blatt, jedem brechenden Zweig lourbe ängstlich nachgehorcht. Nun mußte man bald die ersten Posten erreichen. Schon sah man auf einer Waldblößc die Umrisse einer primitiven Schutzhütte. „Donnerwetter!" Schliefen die Kerle? Nichts rührte sich. Plötzlich fühlte sich der Latschenaugust zurückgehalten — dicht neben sich sah er das entstellte Gesicht seines Freundes — er folgte der Richtung seines Auges und nun sah auch er e-- Dort am Boden, keine zwanzig Schritte von ihnen entfernt, lag ein menschlicher Körper, und, über ihn gebeugt, ein hcll- blinkendes Messer in der Hand, hockte eine Gestalt, in derem dunklen Gesicht nur die Augen leuchteten, als sie sich jetzt auf-« horchend vorneigte. In demselben Augenblick tönte von rechtsher ein erstickter Aufschrei, und die Gestalten der beiden vorschleichenden Musketiere waren wie von der Erde verschluckt. Zugleich bekam der Wald ein schreckhaftes Leben. Jeder Baum, jeder Strauch, jeder Stein schien sich zu bewegen. -- Ein helles Aufblitzen, ein Knall, auf den sich ein hunderte stimmiges Geheul ausbaute. Ohne Besinnen machte das Kaninchen rechtsum kehrt und jagte, gefolgt von Latschenaugust, seiner Truppe zu. Sein weithinhallender Schuß hatte die ganze Umgegend alarmiert. Bon den Schützengräben und von dort hinten, wo das zweite Bataillon lag, brandete cs herüber in vielstimmigen Geräuschen, aus denen sich der schritte Ton des Alanns gellend heraushob. Uird wie ein vom Gewitter angeschwelller Strom brach es mit zornigem Brausen aus den: Dunkel hervor — allen voran die hünenhafte Gestalt des blonden, jungen Hauptmanns. Mit keuchenden Lungen gesellte sich das Kaninchen an seine Seite, und mit lautem Hurra, das sich in den grauen Reihen dröhnend sorttrng, ging es mit aufgepflanztem Bajonett in deis belebten Wald hinein. Man kannte nicht die Stärke de- anstürmenden Feindes, aber man kannte seine Pflicht, und die hieß: einem Durchbruch verhindern um jeden Preis. Bon Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch gina dies wütende Ringen im Dunkeln, bis man an die Waldesgrenze kam — einen Augenblick stockte die mutige Schar, die sich unter der Führung des jungen Hauptmanns wie ein Keil auS der beweglichen grauen Masse herauSschob-das war ja eine Schlachtlinieoie ihnen dort mit wehender Fahne entgegenkam. „Drauf Kameraden — Hurra! Hurra! Hurra!" Die Maße für die Zeit verschwanden. DaS Hinge sab nichts als den Feind, nur das Ohr sing mit gierigem Entzücken den Donner der Kanonen auf, die jetzt helfend eingrisfen. Das Kaninchen, das, immer neben seinem Herrn, im dichtesten Kampfgewühl stand, sab noch, ivie sich eine weiße, nervige Hand nach der feindlichen Fahne ausstreckte, dann löschte eine iäh zum Hirn anfsteigende Blutwelle alles Enrpftnden bis auf das eine: der Platz neben ihm ivar leer und das dreifarbige Tuch, das eine jugendliche Gestalt deckte, färbte sich langsam rop.- „Kameraden, wen tragt ihr denn da?" fragte ein hochgestellter Offizier, -dem die beiden Nbuskctiere auffielen, die mit so seltsam schweren Schritten einen Schwerverwundeten auf einer Zeltbahn hinter die Front schleppten. Und mit einem! Zucken des Gesichts wandte er sich ab, als die schlachtgewohnten Soldaten mit tränen - erssicktcr Stimme antworteten: „Unfern lieben, lieben .Hauptmann —" Und so sah er nicht mehr, lvie sich die beiden, wie auf euA Kommando, umdrehten und mit der Faust dorthin drohten, wo das Gewühl des Kampfes langsam abebbte. lind als der Gefreite Rimpel am nächsten Tage seinen Haupt- inüim im Lazarett besuchte, da lächelte ihn dieser mit dem alten verlegene» Lächeln au und sagte: „Kaninchen, ich bin nun emi Krüppel — — mit denr Eisernen Kreuz erster wird'- nichts mehr werden — das müht ihr nun für mich vettnenen." Und daS hat die zweite Kompagnie als eine Ehren Pf lick-t ersaßt und erftillt. Lieb Vaterland, magst ruhig sein- was alle Meister der Nriegrkunft vom Schützengraben hielten. Wenn auch die systematische Ausbildung des Schützen- grabenkrieges erst eine Errungenschaft der oUerneuesten Zeit ? 1st, so haben doch Feldbefestigungen in den Kriegen aller Epochen eine Rolle gespielt, mit bedeutende Heerführer- oben den Wert solcher Berschanznngcn wohl erkannt. E ä - a r verwendete in ausgedehntem Maße solche Feldverschan- -ungen im gallischen Kmege. besonders in seinem letzten Feld- hnge, bei Mesia. Er ließ hier von seinen Truppen 20 Futz vreite Grübelt auSheben, in die er Löasser leitet«, dahinter Wälle und Pallisaden auftühren und erschwerte den Feinden den Mlsturm auf jede Weise. Gr kannte auch schon andew Dftltel deS heutigen LchützengrabenkriegeS, so Drahtver- 168 haue, maskierte Löcher, in denen spitze Pfähle eingerammt waren usw. Nach ihm wurden die römischen Legionäre mit Spaten ausgerüstet, so »vie es heute »nieder bei unfern Truppe»» der Fall ist. Zn der »nodernen Kriegsgeschichte hat nach -Briaunont Karl V. das Verdienst, als erster neuerer Heerführer die Wichtigkeit der Feldbefestigungen erkannt zu haben. Er fügte jeden» Regiment seiner Landsknechte eine Kornpagnie von 400 Pionieren bei, die die Schanzarbeiten auszuführen hatte. Diese Vorsicht »var sehr allgebracht, denn der Landsknecht liebte das Arbeiten mit Spaten und Hacke durchaus nicht i»nd verwarf es als „unter seiner Würde", so daß »nan Bauern daz»» zwingen mußte, die aber nicht immer zur Hand »varen und die Verschanzungen nicht sachgemäß anssührten. In der Zeit der Manövriertaktik, da sich die Heere oft monate-, selbst jahrelang gegenüber läge»», wurde»» die Feldbefestigungen noch viel eifriger gepflegt als in der Epoche der Landsknechte. Tu re»» ne ver»ve»»dete sogar seine Reiter — was an die Beschäftigung unserer Kavallerie eriirnert — zum Grabenausheben; jeder berittene Mann hatte an seinen: Sattel eine Schaufel und eine Hacke hängen; es bedurfte freilich der strengsten Disziplin, um die kecken Gesellen zu diesen Arbeiten zu zwingen. A»»ch Friedrich der Große ist ein überzeugter Anl)ängec der Berschanz»»ngen gelvesen. „Der Offizier, sagte er, „»nutz sehr Vieles wissen, aber eine der wichtigsten Kenntnisse ist für ihn die der Befestigung." Das befestigte Lager, das er 1761 bei B»»nzelwitz bezog, hat lange für ein Muster einer befestigten Anlage im Felde gegolten, und er zog für seine Strategie a»»s den Schanzarbeiten die größten Vorteile. Erzherzog Karl, der Sieger von Aspern, ist ebenfalls ein Lobred»»er der Verschanzungen. „Das Aufiversen von Befestigungen in» Felde," sagte er, „hat solvohl eine»» moralischen alo physischen Wert. D»e Berschanzirngen setzen der Kühnheit des Feindes ein starkes Hindernis entgegen, und sie schützen ihre Verteidiger gegen das Feuer der Gegner; sie machen auch unerfahrene Offiziere fähig, an »vichtigen Punkten standzuhalten, und lassen ihn in keine»n Zweifel über die Ver»oe»»dung der Truppen und Kanonen. Aber »vie jedes Werkze»»g verlieren sie ihren Wert, »venn man von ihnen einen falschen Gebrauch »nacht, d. h. wenn nran sie ohne Kunst und Verstand anlegt und ohne Tapferkeit verteidigt." Napoleon dagegen, der „seine Kriege mit den Beinen seiner Soldaten getvann", hielt von den Berschanzungen »venig, da sie nach seiner Ansicht den Gang des Krieges verschleppten und die Entscheidung anshielten. Er hat Schützengräben wenig verwendet: bei der großen Rechenschaft aber, die er aus St. Helena- »nit seinen Taten und Anschauungen abhielt, fein Bedairer»» darüber »nit den Worten ausgesprochen: „Diejenigen, die die Hilfe le»»gnen, die die Kunst des Ingenieurs einem Heere in» Felde getvähren kann, berauben sich damit »»»»vernünftigerlveise eines stets ver- tvendbaren, immer nützlichen und oft unentbehrlichen Hilfsmittels." Freilich n»uß zu diesen Aeußernngen großer Feldherren bemerkt werden, daß die Feldbefestigungen der Berga ngeriheit sich doch in wesentlichen Punkten von den heutigen Schützengräben im Stellungskriege unterschieden. vermischtes. • K v ätzen als Bombe u w erfer. Ein Naturfreund teilt uns »olgende iuteresianle Beobachluna mit: An einer B»lcht der Nordsee ,st der GraSrand des AnbendeichS gegen Beschädigungen durch Ebbe und Flutstrom mit Ziegelstetneu abgedämmt. lieber Dieser schräge»» Cteinfläche sah ich kürzlich eine Anzahl Krähen sich ".»»'er wieder etwa 10 Bieter hoch in die Lüste schwingen, daun ".»en Augenblick in der Lrüt »erhalten und endlich steil wieder niedergehen. Dieses sonderbare Spiel fesselte meine Ausmerkiau». »e»h ruld zivar noch mehr, als ich zu beobachten glaubte, dag die krähen regelmäßig ans der Höhe eil,eil Gegenstand auf die Steine Mdea ließen. Mein Vergrößerungsglas bestätigte dies liiid ließ cud\ erkeliue». daß die kleine,» Bomben, »velche die Krähen ,'atlen ^ leiden, beim Aufschlag auf die Steine krepierten. 'Aufs höchste in- » uiiieit, ging ich näher und stellte fest, daß es sich mit Muscheln !'!. E' welche die Krähen auf diese Weise auskuaclten, um den fetten Inhalt dann zu verzehren. War das geschehen, so Holle die » etreuende Krähe (es handelte sich ansnahmSloZ mn Nebelkrahen) 1 10, J, r neue Binsrheln und lies; diese »vieder nnerinndttü 7* »e ansgrsprunge»» »varen. Da ich etivaS AchnlicheS »"-her nie gesehen habe, kann es sich, ,vie mein Begleiter scherzeiid «uiieit«? f nur um Krähen handeln, die Zeppeline oder Flugzeuge beim Bombemversen beobachtet haben »mb sich diese Kenntnis nun zunutze »nachten. Als die Flut dann kam und die Muscheln de» deckte, hörte das Spiel natürlich aus. Meine Krähen hatten offenbar t,och kein b'-Boot gesehen, sonst hätten sie sicher auch noch nach weiteren Muscheln getaucht! «k dG^hEilte »tödliche Verletzungen". Von einer Anzahl merkwürdiger Verwundungen, bei denen eine Kugel ein unbedingt lebenSnotivendiges Organ schtver verletzte, ohne daß eS oen Tod zur Folge batte, wurde in einer Sitzung der Aerzte de- Loudoner Bartholomäus - Kriegslazarett» berichtet. Eine Kugel wurde durch eine Röntgenaufnahme in den Herzmuskeln eine« Soldaten direkt eingebettet sestgeüeUt. Tie Kugel ,var zimächst durch die linke Schiilter des ManneS gedrungen und hatte sich dann so tief eiugebohrt, dgß sie bis ins Herz drang. DaS Wunderbare au dein Fall »var aber, daß der Soldat »nit der Kugel im Herzen noch 3 Kilon»etec »veit bis ztnn Verbandsplätze ging. Er erklärte, daß er gar nicht gewußt habe, daß er vertvundet ivorden fei, bis er Blutflecken an seiner Unform sah. Die Kugel ivurde »ncht entfernt, »md doch blieb der Mann ain Leben. Einne andere ähnliche Fälle, in denen ein Soldat mit einen» Fremdkörper in entem der wichtigsten Organe werterlebte. »vrtrden durch sehr sorgfältig ausgesührte Röntgen-Photographien erwiesen. So >var eine Kugel einen» Manne in die rechte Lunge gedrungen: die Wunde war, ,vie sich ans der Photographie dentlich erkeinien ließ, etwa 1K Zoll lang. Eine andere Ausnahme zeigte eine Anzahl von Lchravnellstückei» in der Schädelhöhle dicht über den» Anne unter- h>lb des Gehirns. Das Schrapnell trat bei der Verwundung aus der ciueu Seite der Backe ein »md drang ai»T der anderen »vieder Hera»»». Die Küche im Kriege. (Nachdruck dringend erwünscht.) Apfel fnrtoffel mit Speck und Knackwürsten:!^ Pfd. Kocbäpfel, 3 Psd. Kartoffeln, Satz, 100 Gr. geräucherter Speck, Zucker, Essig. Die Aepfel werden getvaschen, in Stücke geschnitten, »nit Vs Liter Wasser gar- gekocht, dnrchtp'strichen und mit Z»»cker abgeschineckt; »venn die Salzkartofseln aargekocht nnd abgegossen sind, wird das Apfelmus gut durchgemischt, »venn nötig, »vird noch ettoas Essig darangegeben. Der Speck »vird in Würfel geschnitten, ausgebraten, und das Gericht bamit begossen. Dazu werden 2 Paar Knackivürste gegeben, Herrn gskartosfeln. 3 Pfund Pellkartoffeln, Vs Liter Milch, »/, Liter Wasser. 20 Gramm Mehl. etlvaS gehackte Zwiebel, Pfeffer, 2 gewässerte Heringe. Milch und Wasser werden »ns Kochen aebracbt, das »nit etwas Wasser angerührte Mehl dazugegossen nnd aufgekocht. Pfeffer und Zwiebeln werden dazu getan. Der fein gehackte Hering nnd die in Scheiben geschnittenen Kartoffeln werden in die Sauce geschüttet und das Gericht an eine warme Herdstelle zum Ziehen gestellt. Nach etlva 5 Minuten wird das Gericht abgeschineckt, ob es genug Salz hat. Schach-Aufgabe. Von ®. I. 0later. Schwarz. Auslösung des Logogriphs in voriger Nummer: Hase, Nase. Kchrsitleitung: Aug. Goch - Rotationsdruck nnd Verlag der Vriihl'scben HniversitätS-Buch- nnd 3 teinbnicfcve», R. Lange, Gießen.