Mittwoch, den 10. Zebniar MPH Das Mradies der Lrde. Roman von Ada von Gersdorfs. Machdruck verboten.) (Fortsetzung.) Zwielitsch, „Eldorado", nachts. Ich war in R-egenwalde. Mit Beschämung denke ich daran, das; ich nutzt etwa aus Bescheidenheit, o nein! sondern gerade herausgeiagt aus Feigheit nicht mehr hingegangen war, halb schuldbewußt, halb geniert in einer Sache, die nur in meiner Erinnerung tiefere Bedeutung- gewonnen hatte. Wie einfach schlicht, wie vornehm liebenswürdig kam sie mir entgegen! Freundschaftlich, kameradschaftlich, ohne jede Nuance ins Mütterliche, m der sie sich damals, vielleicht in Anwandlung von zarter Koketterie, gefallen hatte. Warum ich sie so lange gemieden habe, fragte sie gar nicht, aber so eine halbe Heuchelei hatte ihr auch gar nicht ähnlich gesehen, denn sie wußte das doch jedenfalls. In der schweren Schicksalswendung, die über mich gekommen und mit der ich sie bekannt machte, ging ohnehin alles Nebensächliche unter. Weißer, viel weißer schien mir ihr Haar geworden und die scharf ausgeprägten Züge ihres klugen Rassegesichts traten noch herber hervor. — 2 ") (klaube nicht, daß selbst der „Situationszauber" mich jetzt lioch hatte umgarnen können, ganz abgesehen von der Erinnerung an meines Lebens große ewige Liebe. Ich kannte sie letzt, die einzig wahre, die nur einmal im Leben ihr Flammenmeer in eines Mannes Herz ergießen kann — ich war gefeit gegen jede andre Liebe. Aber sehr wohl fühlte ich mich wieder bei ihr. Alles Kleinliche, Niedrige, alles Eiigherzige und Uiibebeutenbe scheint sich in ihrer Nähe wieder von mir loszulosen. Weit lat sich mein schwergedrücktes Herz auf, als ich ihr wieder gegenübersaß. Nicht in heimlicher Nachtstunde am phantastisch flackernden Kaminfcner, unter den täuschenden Lichtreflexen der großen Fluranrpel, die die Geweihe und gehörnten Häupter, die funkelnden Glasaugen der toten Waldkönige schier unheimlich lebendig aus dem Schatten der braunen Eichendecke hcrvortreten ließ, sondern aus der offenen Terrasse im verglühenden Abendlicht, das still und weich, kaum ein mattes Rot noch in den blaßblauen Himmel sendend, über dem düster ernsten Parke lag. Bor uns eine breite Allee von hohen schwarzgrünen Edeltannen, an deren Ende die weißen Mauern des Mausoleums herttbergrüßteii. Da kam allmählich alles, was tief in meinem Herzen lebte und nicht sterben wollte, alles, was es an Jubel und Qual, an Not und Pein auch in Schuld und Reue erlitten hatte, über meine Lippen_ Oh, wie das sänftigte, klärte und aufatmen ließ, sich ohne Rückhalt aussprechen zu dürfen! Und wo das rechte Wort versagte, da fand es meine Zu Hörerin, wo ich ratlos stockte, befangen abbrach, da voll endete ihre schöne leise Altstimme den zaghaft aus meinen Lippen stockenden Satz, Unklares lichtend. Allzugrelles beschönigend. Endlich kehrte ich dann doch wieder auf die Erde zurück und siel sogar in meinen alten Leutnants von, als ich ans Lilli Kallwein zu sprechen kam, deren individuelle Eigenart für mich jedes weiblichen Reizes entbehrt und von ihrer mir so nnverhüllt, so kindlich gezeigten Vorliebe -h L iebe wollte ich nicht sagen — erzählte. Mich selbst schonte ich freilich auch nicht, wobei sie übrigens meine scharfe Selbstverspottung wegen meiner unbegründeten Befürchtungen, mit Gewalt geheiratet zu werden, ohne Widerspruch passieren ließ. Ein Lächeln vermochte ich ihr durch meinen recht erzwungenen .Humor nicht 511 entlocken, sondern sie sah mich ernst und schweigend dabei an, so daß ich das Thema meiner eigenen Erleichterung bald verließ und auf meine Verehrung und Dankbarkeit für den hochherzigen Freund überging, den ich in Lillis Vater gewonnen hatte. Da nickte sie bestätigend und vertraute mir an, daß sie für diesen Mann einst, vor vielen Jahren, die große Liebe ihres Lebens gefühlt habe, als er schon gebunden lvar, in fcpioec unglücklicher Ehe mit der viele Jahre jüiigeren bildschönen Frau, die erst vor zwei Jahren im Auslände gestorbeii sei. Es ist schade, daß dem Baron kein Sohn beschieden lvar. Der hätte in ihm die rechte Führung gefunden, um ein ganzer Mann zu werden. „Arme, mutterlose Lilli," sagte sie sinnend, „armes kleines Mädchen mit der verhängnisvollen Erbschaft eines heißen ungebändiaten Herzens! Das Gefühl, lvas sie Ihnen schenkte, ist nur Kinderspiel, ist das erste unbewußte Erwachen des unschuldigen Herzens. Aber wenn einst der Mann kommt, dem dieses durch Sie enoeckte Herz in bewußtein Sehnen jubelnd zufliogen wird, hoffen wir dann nur, daß es der Rechte sein möge, der es versteht, die grüne Hülle von der erblühenden Rose zu streifen. Mit dieser Hülle wird alles fallen, was jetzt als unschön und unweiblich an ihr irritiert..." Sie schwieg und ich weiß iiicht, warum mein Gesicht so brannte, trotzdem der Abend merklich kühl geworden mar. Ich blickte still in die dunklen Schatten der Totenallee. Der Wind bewegte die Wipfel der schwarzen Tannen und über die weiße Kuppel des Mausoleums stieg langsam eme dunkle Wolkenwand empor. Gräfin Wanda hat Apollo gekauft. Für dreitausend Mark bares Geld! Und sie hat mir das Rnckkaufsrecht zu jeder Zeit freigestellt. Wie gut wird's mein geliebtes Pferd haben, wie vernünftig und liebevoll Arird es behandelt werden! Ich habe absolut nicht das Gefühl, es verloren zu haben. Nur in Pension habe ich's gegeben, bis rches nur wieder holen kann Und das werde ich, das will ich Das soll mir ein Lichtstrahl sein, wenn ich jetzt hinansziehen werde, mir eine (tzistenz zu gründen. Freilich, lvenn ich nun eine sinde, ivo ich absolut kein Pferd halten nn« brauchen kann, wohl aar eine sitzende, stubenhockende, ungesunde Tätigkeit? Ach, das kann ich mir ja gar nicht denken! Ich muß nach einer suchen mit allen Kräften und - 90 eisernem Willen, wo ich mir auS meinem alten Paradies wenigstens bewahren kann . . . Gesundheit des Leibes, Aus dem Rücken der Pferde!" Apollo bei Gräfin Wanda zu wissen, ist ein sehr beruhigender Gedanke. Ich »mißte »vohl, daß sie ihn nehmen und mir doch nicht »vegnehmei» »vollte. Sie ist mir viel gewesen und »vird mir immer viel sein! Was habe ich in meinem kleinen Paradies, der kleinen armseligen, langweiligen Garnison, für edle Menschen kennen gelernt! Jeder in seiner besonderen Art und doch mit derselben Fähigkeit zur Freundschaft, Liebe, Opferfreudigkeit: der Komman- oeur, seine Gattin, Gräfin Wanda, Poncalet, der sein Leben ließ für seine Freunde, bu - o du, Tatiana. — Tatiana, Baron Kallwein und »ver »veiß, »vie viele andere es noch gibt, die ich nur nicht Zeit hatte zu entdecken. Mein guter alter Meier, der im Herbst zur Reserve entlassen »vird, ist von Gräfin Wanda als Stallaufsicht für das Gestüt engagiert worden und »vird Apollo weiter in Pflege behalten. So einen schlichten Vertrauensmann, der nicht nur seinen gesunden Menschenverstand, sondern auch „Pferdeverstand" hat, hat sich die Gräfin schon längst gewünscht. Meine Wohnungseinrichtung, die doch noch aus meinem Elternhause stammt, hat Baron Kallwein ans einem seiner Speicher unterbringen lassen, wo er überreichlich Platz zu haben behauptet. Der Becher meiner Tankbarkert gegen die Menschen »vird allzu voll! Lebe wohl, mein Zwielitsch, meine dailkbare Erinnerung »vird dir für immer gehören, denn ein neues Gefühlsleben ist mir in deinen grauen Mauern aufgegangen und das höchste Glück habe ich in dir gesunden. Wie oft wachte ich des Morgens ans mit dem Gedanken: „Kann das Leben denn wirklich so schön sein?" Kurz nur »var ja »nein Ber- »veilen l)ier. Aber »ver »veiß, ob es auf die Länge der Zeit so schön geblieben wäre. Zuletzt ka»n ja doch schon der Engel mit dem feurigen Sch»vert und schied mich von dir — Tatiana! Aber das hat nicht anders sein können, ich sehe es jetzt ganz klar. Und sei's drum: „Einen Augenblick gelebt im Paradiese, Ist nicht zu teuer mit dein Tod bezahlt!" * SilUgsdorf, Juli 1905. Volontär bei Herrn Amt- mann Brssrng. Ei»» ganzes Jahr lang habe ich dieses Buch nicht geöffnet. Ich habe keine Zeit gehabt, mich mit diesem alten Freund zu unterhalten. Wenn ich abends einmal nachtragen wollte, ach, dann hatte sich der Stofs immer schon viel zu sehr angehäuft, und dazu war ich denn doch zu müde. Um neun Uhr abends liebäugle ich schon mit dem Bett, und langer als bis zehn Uhr vermochte ich nicht aus den Schlaf zu verzichten, obwohl mich iin Anfang das Bedürfnis, noch ettvaö zu lesen, um mich zu bilden, noch erhielt. Geschrieben habe ich ja auch im Winter, »vo die Arbeit nicht so sehr aber es handelte sich nur um Fachwissenschastliches, Land»virtschaftl»ches, um Handelswissenschaften und Buch- kldrung Wenn ich im Herbst auf die landwirtschaftliche Hochschule gehe habe ich dann schon einen gute»» Gr»»nd, gelegt. Natürlich habe ich auch hier wieder Leute gefunden, die nur freundschaftlich entgegenkonunen, mir helfe»» und E. ^b»n Arbeiten und Streben zum reinen Vergnügen machen. Das schone, mich ehrende und beglückende Vertrauen br»»»at man mir auch hier entgegen. Mir sind Arbeiten und Verantwort«»»^»» übertragen »vorbei», die »nanch anderm, der tven»ger Glück hat, erst nach jahrelanger Erprobung anvertraut »verden. Ich glaube wirklich, das Paradies der Erde ist a» keinen »«stimmten Ort gebunden, und wenn man's nirgends findet dann steckt es »och am ehesten in fröhlicher, gesunder, gern getaner Arbeit. Aber Tagebuchschrciben war bis hent/nn- Arbei^rh^rr®!Störte der dringend notwendigen Arbeit. ^,ch will nicht sagen, daß die geivissenhafte ehrliche eines Tagebuchs nicht auch eine ganz nützliche Ar- lD Ü"" ^ keine Notwendigkeit! Aber dazir SJL K fi r ma " b ? e nicdergeschriebenen Erlebnisse, Gefühle und Gedanken gelegentlich reslektierend wieder durchlieft *l r 9 e l cue zur Nutzanwendung ins Äc° ^.EntS iurüikust. Manches Gute und Liebe, das inan von ch^ie!? ^1" n,a " sich längst nicht mehr er- ■JWhndadurch in unserm Herzen, in unsrer Dankbarkert »vieder auf; »»»auch Versäumnis kommt »»n«^ reuig znin frischen Gedenken und man freut sich, wenn man nock gutmacben oder nachhvleu kann. Jetzt ab^er »lirnmt mein landwirtschaftliches Tagebuch meinen ganzen Rest an Zeit völlig in Anspruch. Da kommt »»ichts andres hinein, als was der Tag an Erfahrungen und Ereignissen im land- wirtschaftlichen Leben mit den für mich daraus hervorgehen- der» Reflexionen und Folgerungen gerade bringt. Das »st ein außerordentlich gutes Förderungsmittel für »neine Lehrzeit, und der Amtrnann hieß es sogar vortrefflich. Wie viele Stunden hat man als Leutnant in kleiner Garnison in geschäftige»», Müßiggang verbracht, ohne dabei vorwärts zu kommen. Gewiß verlangen die »uilitärischen Pflichten auch ihren ganzen Mann, und sie vertiefen ihn, lv-enn sie ernst anfgesaßt werden, »vie jede Arbeit, die mit Ueberzeugung, »nit Liebe zur Sache getan wird. Aber »vie viel ungenützte Zeit lassen jene Pflichten übrig. Ganz anders verhält es sich bei der Landwirtschaft' Selbst im Winter hockt der Landwirt nicht hinterin Ofen. Auf größeren Gütern gibt es auch in dieser Zeit keinen Stillstand und jede Stunde hat ihre Bestimmung. Da ist das Vieh, die Pferde, der Wald, die Baulichkeiten, die Rechnungsarbeiten, die Schlachtereien, die Verkäufe, die Beobachtung der Felder, die Züchtungsvorbereitungen. Hier wintert das Getreide in langer Kälte aus, dort schließt der Raps zu dick bei lauher Witterung, da muß umgebrochen und wieder gesät werden. Dann gibt's, »vie bet uns hier die Ziegelei, den Torsbruch. — Ich kann »licht sagen, daß ich »in Winter hier zum Faulenzen kornme. Gott sei Dank, mcht. Mit meinen Erinnerungen und Träuinen von einst mich zu beschäktiaen, fehlt's mir oft an Lust und Mut. — Ich bin sogar dabei, auf manches Erde u»»d »vieder Erde zu Haufen, mir es ganz zu begraben. Ich war Soldat mit Leib und Seele u»»d hoffte meinem König und Baterlande noch wichtige Dienste zu leisten. Vorbei! — Ich liebte das Weib dich, Tatiana, Tatiana! mit Leib und Seele und irrit ganzer Inbrunst und Kraft..- Vorbei! Eide — Erde des Vergessens darauf *u häufen, ist noch immer »nein Bemühen — Wo »nagst du sei»»? ... In dunklen Nächten, tvenn der Wind durch die alten Rüstern des Parkes heult die Eulen und Käuze ihr melancholisch eintöniges Winseln und Rusen hören lassen, dann schrecke ich oft aus bleiernem chla e auf in rasender Sehnsucht nach dir, »vie damals, als » erfuhr, daß es nie ^ein kann — nie . . . Ich bin ein Landkind und hatte schon als Junge viel Interesse an dem Wirtschastsgetriebe. wenn mein Vater mich in den Ferien ein bißchen einweihte. Zum Reiten bin ich hier freilich ln diesem Jahre säst gar nicht gckoninicn. Als Volontär muß man seine Arbeit zu Fuß abmachcn. Nur der Inspektor reitet. Amtmann Vissings Stall ist nicht sehr glanzend mit Luxuspserden versehen. Um so gediegener ist bas Material an Arbeitspferden. Der alte Herr ist ein leuchtende- Bei,picl Nie ermüdender Tätigkeit. Meine abendlichen Unterhaltungen mil ihm sind die reinste Schule für mich wozu dann noch der praktische Anleitungsunterricht kommt' auf den er sich famos versteht. Er ist Witwer und hat zwei verheiratete Töchter - Ich bin ihm durch Baron Kaliwein empfohlen worden. Der Amtmann wundert sich, daß ich mich gerade für die Landwirtschaft entschieden habe, da ich doch weder Aussichten besitze, ein Gut zu erben, noch Geld, mir eins zu kaufen Güterdirektor wäre dann das Höchste, was sch nt diesem Fach erreichen könnte. Er freute sich, als ich ba J, T!# °'^ntlich Lust und Interesse für die Sache zu dieser Wahl bestimmt hatten, und daß ich möglicherweise außer Landes gehen würde, wo man vielleicht doch leichter mit der Zeit zu etwas Eigenem kommen könnte. .. . babc an Baron Kallwcin gelegentlich einmal ge- schrieben, ob er etwas Genaueres über den verabschiedeten Offizier wüßte, von dem er mir unter anderm erzählt hatte, haß er sich in Südamerika eine auskömmliche Existenz gegründet habe und ob er es für wahrscheinlich hielte daß ich dort einen Anhalt an ihm finden könne. Er ermutigte mich in seiner Antwort und gab mir die genaue Adresse des Leut- nants von Grassenberg. der,etzt etwa fünfzehn Jahre drüben ser, Er habe noch vor zwei Jahren von ihm gehört und die Geldsumme, mit der er ihn seinerzeit slott gemacht, längst "^?"ru^erha>ten. Er meint. Mima und Boden- beschafienhert erforderten dort eine ganz andere Ausbildung des Landwirts als bei uns, doch sei es durchaus richtig hier erst einen gewissen festen Grund zu legen. ; (Fortsetzung folgt) ** öl — Die feldgrüne Jacke. Ein lustiger Kriegszug. Bon Else von Steinkeller. Also, es handelte sich um einen aemeinscl-aftlichen BesorgungS- Hummel, und ich hatte mich mit der Geheimrätin verabredet. Treffpunkt vor denr Warenhaus. Ich, pünktlich zur Stelle, die Ge- heimrätin nicht! Nackideur ich etwa eine halbe Stunde gewartet batte, kam sie daun nebst ihrer Tochter Tüla angebraust. Tilla, sehr sanft und zart, momentan sogar etwas melancholisch aussehend. die Geheimrätin imposant und temperamentvoll. Mit flatternder Stola und schief sitzeirdem Federhut kaut sic daher.-ungefähr auzuschauen wie ein Eilzug in voller Fahrt. Sie war total aufgelöst. ,/O Gott, liebste Frau v. H., entschuldigen Sie, daß ich Sie warten lieb, aber genau so, wie Sie mich hier sehen, laufe ich schon sttt drei Stunden in der Stadt umher und suche eine feldgrüne Strickjacke für Tilla!" „Eine seid grüne Strickjacke?" „tya, natürlich, felbar ft tt, so die Nuance wie die Waffenröcke der Jager!" lispelte Tilla. Die Geheimrätftr rang nach Luft imd gab dem Federhut einen Stotz, so daß er nunmehr nach der anderen Seite schief saß. „Eine ganz einfache Farbe," stöhnte sie, „die jeder vernünftige Mensch jetzt kennt? Nur in dieser unmöglichen Stadt ist sie nirgends aufzutreiben. In zehn Geschäften sind wir gewesen, überall macht man dieselben töricküen Gesichter. vlch, es ist rein zum Verzweifeln, wo das Kind die Jacke doch so dringend braucht! Mer warum mache ich auch an einem Freitag Besorgungen, und noch dazu am 13. des Monats, das muß ja schief gehen!" n ©eHnträtfa 1 war ersichtlich am Rande ihrer seelischen Leistungsfähigkeit. Tilla seufzte hörbar. Ich sah unendliche Verwickelungen voraus. Immerhin, wir hatten uns verabredet, ich durfte mich nicht feige drücken. Wohl oder übel mußte ich letzt also mit ins Warenhaus hinein, denn cr n • k' c Möglichkeit, das GerMlnschte zu finden. Warenhäuser sind für mich ftirchtbar, eine Zusammensetzung von sastechter Luft, schlechter Laune und Neberanftrengung. Nichts DCfto troft, TTOitig schritt ich durch den Eingang. Ter Portier wies uns auf Befragen in den dritten Stock, „Mteilung Tainengav- L^obe . In überfülltern Fahrstuhl landeten wir in schwindelnder Döhe, durcheilten im Zickzack den ganzen dritten Stock und fanden die „Abteilung Damengarderobe" schließlich dicht an der Stelle. Fahrstuhl verlassen hatten. Eine übermäßig nwderii gekleidete Jungfrau mit tizianblondem Haarschmuck trippelte uns in der durch ihre Rockeiige gebotenen Schnelligkeit entgegen. „Die Damen wünschen?" „Wir möchten eine feldgrüne Jacke!" „Fel d grün? Wir haben „Saftgrün, Frühlingsgrün, Spinat- gnm , — auch feldgrau ist große Modefarbe! Die Damen meinen wohl letzteres? , „Ich meine feldgrün, wie ich schon sagte!" betonte die Ge- heimrätin gereizt. • ... ,"Ach so die Nuance, wie die Wäsfenröcke der Jäger!" Itipelte Tula. . Die tizianblonde Jungfrau lächelte herablassend. Sie geruhte drei Jacken zu präsentiereil. deren „Nuance" aber nicht stimmte »Unmöglich!" entschied die Gehennrätin. Tilla seufzte laut. Die Trzianblonde sah uneiidlich gelangweilt aus. „Vielleicht bekommen die Damen solche Jacke in der M- te.lung Sport"!" bemerkte sie gnädig und überließ uns unserem Schicksal. Die „Abteilung Spvi't" befand sich inr sogenannteii „Znnschenstock". In der Eile verrechneten luir uns in beu Treppen und dnrch- suchten statt dessen den ersten Stock. Bon Osten nach Westen, von Süden nach Norden durchkreuzten »vir ihil. (Warum es nur in Warenhäuser,r noch keine Untergrund- und elektrischen Bahnen gibt 5 ) Als die Geheimrätin mir eben versicherte, daß sie nahe daran wäre, ihren Geist auszugeben, belehrte uns ein höflicher Jüng- lmg. daß wir ans falschem Wege wären. linb begleitete, uns auf den rechten. ' Erschöpft endigten »vir unter Rodeln. Schneeschuhen, Sweatern und gestrickten Mützen. Mail sah manches Grüne hier, feldgrünes in der „richtigen ycuance" nirgends! Dein höflichen Jüngling »var dieser Mißerfolg unsagbar pein- lich, er verbeugte sich bedauernd uiid nach allen Seilen, und statt der Jacke PneS cr uns Eisprikel. Schneebrillen. Pelzstiefel und dergleichen nützliche Gegenstände an. — Die Geheimrätin »var wütend. — Tilla sah jetzt schon manliq aus. Wir rasten aufs neue davon? Diesmal ins Parterre. „Abteilung Handschuhe". ' .Air besichtigten ungezählte Dutzende dieses Artikels, selbstverständlich »var eine Strickjacke nicht darunter. wohl aber fiel üntUuanifl' fffef an, Glücklicherweise bekam die Geheimrätin jetzt vor Aufregung ^ihren §>^zklaps Es gelang mir daher, sie und Tilla zu be- w-?en, im Erfnsckmnasraunr eine Tasse Kaffee zu trinken, ehe wir die feldgrnne ^agd kortsetzteii. Als »vir bei der vierteii ^kasse waren, ging der Geheimrätin nicht nur der Mund auf, sondern das Herz auch und endlich erfuhr ich, »velche Bewandtnis eS ei gütlich mit dieser Jacke hatte. Also, Tilla schwärmte ftir jemand? „Er" »var Jägerleutnant! (Das hätte ich Mir eigentlich denken können!) Und um „ihm" vor seinem dlusrücken ins Feld bei zufälligem Begegnen noch recht zu gefallen, »vollte sie die Farbe seiner Feldun, foen tragen. . „Ist das nicht ein reizender Gedanke T meinte die Geheimrätin, während Tilla hold errötend Schlagsahne löffelte. Ich stimmte zu. ,La, sehr reizend!" „Nickt »vahr, und nun verstehen Sie's, liebste Frau v. H., daß nur die Jacke durchaus haben müssend" Ich verstand vollkommen, und ein glänzender Gedanke kan, mir, ,ch interviewte das Fräulein am Büffett, das gerade Würsteln mit Kartoffelsalat austeilte und dabei eine wsa Strickjacke trug. Woher sie die hätte! Ach, die gab's ja oben im zweiten Stock Ju 1 «;- «5 n S! ftfltn in öIIen ^rben! Hurra! Die neubelebte Geyennnum schivankte an meinen! Arm die z»vei Treppen hinunter. mSSt 11 L 3®' ^ n x te ” ^ie, und Gott sei Dank NN gutes, nettes Mädel daber als Verkäuferin! Ich setzte mich beruhigt auf einen Stuhl und versank allsogleich in eine Art Dämmerzustand, rn dem sich Berge von Strickjacken vor meinen Augen türmten, wahrend die Geheimrätin und Tilla als feldgrüne Woll- knäule dazwischen einhertroddelten. . ^Ein Freudenschrei erweckte mich. Da lag die Geheimrätin platt v^ Rührung m den Annen der Verkäuferin, ihr ersichtlich ewige Freundschaft schwörend, »vährend Tilla selig ein grünes Etwa m der Luft schwenkte. Die „Nuance" war richtig, die feld- grüne Strickjacke gefunden. * f . Äch habe danach die Geheimrätin lange nicht gesehen. Vorgestern erst traf ich fte und Tilla ,nieder. Letztere sah bildhübsch stand" ^neui karmorsinroten Anzug, der ihren zarten Farben samoO ich Ult ' ^ räuIcin ^ ÜIa ' wacht die feldgrüne Jacke?" neckte Die Gehei,nrätin kniff mich in den Arm. „Tilla hat sie ja an!" „Mer »vo denn?" ^ ^ 5 " sie ja doch rot färben lassen. Feldgrün ist ^ denken Sie nur (die Geheimrätin nahm mich in wem Ohr), dieser Elende, der Jägerleut- £.• a J ^^liann, er hat sich noch kurz vor feinem Aus- rlrckcn kr,egstranen lassen mit seiner Cousine. Mer Tilla hat ihn vergessen, seit die feldgrüne Jacke sie nicht mehr aii ihn ennntrt. Sie schwärmt letzt für einen GeneralstabSossizier!" vermischte». > bahnwagen auf Gleise mit an. ^?rV.^bite übergehen. Das Bahnnetz Belgien- ^^btenTeüe Frankreichs kann von dem rollenden, Material der deutschen Eisenbahnen ohne weiteres befahren werden. u c dw Normalspurweite von 1435 Millimeter besitzen Schwieriger gestaltet sich dagegen der Verkehr auf den Bab- des von uns besetzten russischeil Gebietes, die eine Spnr»veite N. Millimeter auflveisen. Doch gibt es schon seit längerer Zeit für den Güterverkehr nnt unserem östlichen Nachbar Sonder- wagen, die ein Auswechseln der Achsen in wenige,! Minuten er- möglichen und so ohne .großen Zeitverlust und ohne Umladen der Güter von einem Bahnnetz auf das andere überführt werden können. Derartig verstellbare Achsen besitzt auch der Hoszug des Zaren. „Prometheus" erzählt nun, wie die deutschen Wagen dank dieser Einrichtung auf das »veitspurige russische Ney übergefnhrt werden. Ein Gleis nnt normaler Spurweite fMirt abwärts in eine Grube und setzt sich hinter einem Querbalken als breites russisckies Gleis fort, das dann wieder emporsteigt. Dicht neben diesem Schienenstrang verläuft auf jeder Seite noch ein sckpnalcs Sckie- nenpaar, das ledoch nicht in die Grube hinabgeht, sondern ständig m der gleichen Ebene bleibt. Soll nun ein deutscher Wagen Mit Pas russische Gleis übergehen, so »verden an seinen Ecken vier kleine .Hiltsivagen untergeschoben, die auf diesen beidsen Mis ibren Achsgabeln herauszunehinen und sic durch 2 neue Acksen öu, ersetzen, btc für das wenige Meter weiter hinten beginnende russische Gleis passen. Bald berühren die Räder der eriwitertfn Achsen wieder das eigentliche Gleis und die HilfSlvaqen können ansgeschaltet »verden. ^ Zur Geschichte der Brieftauben. Die Berweu- düng von Tauben zur Uebermittelung von Nachrichten ist uralt. Schon die alten ägyptischen Seefahrer meldeten von Bord aus ihre bevorstehende Heimkehr durch Brieftauben an. Filr den Kriegsnachrichtendienst scheinen sie zuerst in Italien gebraucht worden zu sein. Die Griechen benutzten sie, um Bekannten das Ergebnis von Kampffpielen zu übermitteln. Schon im 7. Jahr hundert würbe» Tauben zu wirklichen Briefträgern der Lüfte da eine öffentliche Taubenpost, und zlvar in Persien, eingericktel «mit* Dieser Vvsidienst drrrch Tairben hatte sich im IS. Jahrhundert über ganz Surren rmd Aegopterl lmsgedekint, wurde dann aber voriwergebend wieder aufgvgeben. Im Iayv- bundert werden nochmals Brieftaubentürme und -Posten rn AegUP- tm mvädnt. Die europäischen Rittn lernten die wertvoll«: Eigenschaften der Brieftaube:: in den Kreuz zügen kEn rmd bedienten sich ihrer dann, ange zur bequemen und schnel^n Nach- ricktenübermiltelung zwilchen ihren .e;nsmn auf hohen Felsen leaeneir Burgen. Auch rn Frankreich hatte icHes adelrge D: und Hacken mit, und ihr Anliegen bestand darin, daß sie ietzt ihr Geld und :hre Kostbarkeiten anSgraben wollten, die sie bei ihrer eiligen Flucht in einer Ecke ihres Grundstückes vergraben hatten, gerade da, wo sich jetzt der englische Schützengraben hinzog. »In einer kleinen Döhle, in der wir allerlei aufgestapelt hatten/ erzählt der englische Ossizier, »gruben sie nach und brachten eine große Kiste mit Geld heraus, in der Rolle neben Rolle französischer Münze lag. Wir unissen Hunderte Mal über dieser Kiste gestanden haben. Daim gingen sie weiter an eine zerschossene Blauer und gruben hier einen anderen kleineren Kasten aus, in dem sie ihren alten Schmuck rer- wahrt hatten. Und noch ein drittes Schatzkästchen brachten sie ans Licht. Danach zogen sie glücklich mit ihrer unversehrten Habe, gebückt unter der Last ihrer Schätze, ab. Das war ein Bild wie aus dem Märchen und die Geschichte gab uns noch lauge Stoff zur Unterhaltung/ * Krieg und A u s w a n d e r e r b e w e g u u g. Ter europäische Krieg übt auch einen großen Einfluß ans die Einwanderung nach den Bereinigten Staaten von Amerika aus. Tie Zahl der Einwanderer ist seit Monaten so herabgedrückt worden, wie sie seit Jahrzehnten nicht mehr beobachtet worden ist. Ji: den Mo- unten Juli, August, September und Oktober vergangenen Jahres find insgesamt 157 642 Personen eingewandert gegen 534 811 in der gleichen Zeit des Jahres 1913. Seit Oktober ist aber die Zahl der Einwanderer noch weiter zurückgegangen. Die Einwanderung beträgt jetzt kaum noch 20 Prozent der normalen. Das Ein- wandernngsamt in New Port hat deshalb jetzt recht ivenig zu tun. Don den 660 Beamten, die dort angestellt waren, ist ein großer Teil entlaffen worden, ein anderer Teil hat Urlaub erhalten. Solange der jetzige Krieg dauert, können die Amerikaner aul eine neue Belebung des Auswandererverkehrs nicht rechnen. ES ist aber zu hoffen, daß auch nach glücklicher Beendigung deS Weltkrieges die Answanderung auS Deutschland und Oeuerreich» Ungarn, wenn nicht ganz aushören, so doch in erheblichem Maße gegen die früheren Jahre zurückgehen wird. Abgesehen davon, daß viel Arbeitskräfte dann in diesen Länden: gebraucht und gut bezahlt werden bürfleit» ist wohl vielen nach der jetzigen Haltung Amerikas die Lust vergangen, ihr Vaterland mit jenen: Lande -u vertauschen. v , ' Der K a tze n krieg in Brooklyn. D:e nordamerikanische Tierschutzgesellschatt hatte sich in den letzten Wochen mit den 116 000 Katzen zu beschäftigen, die eS in Brooklvn gibt und deren Tötung beschlossen worden ist, da man sie lür sehr gefährliche KrankheitSträger und eine ständige Bedrohung des menschlichen Lebens hält. Der AusrotlungSkrieg sollte, wie ,etzt auS Amerika eintreffende Zeitungen berichten, an, 11. Januar von den Polizeibeamten begonnen werden. Tie Gesundkeil-behorde der Stadt nimmt an. daß die Katzen an der Ausbreitung der Diphtherie* und Scharlach-Epidemie, die gegenwärtig in Brooklyn viele Opfer fordert, die Hauptschuld tragen. Der Präsiden! deS Naturforscher- Klubs von Brooklyn, Albert Houqhton Pratt, hat nachdrücklich auf diese Gefahr hingewiesen, und seinem Rare zufolge ist der katzen- mörderifche Beschluß gemßt worden. Nach den Katzen sollen me Hunde an die Reihe kommen, die Pratt gleichfalls für gefährliche KrankheitSiräger hält. .. „ * Wenn man d i ck i ft. In: Teutfch-Frauzöstschen Kriege von 1870 diente bei der Artillerie ein Leutnant von Tauchnitz, der für seine Jugend von so ungewöhnlicher Korpulenz wahr, daß eS schwer hielt, ein Pferd zu finden, das ihn tragen konnte. In der Schlacht von Sedan sagte er ,n feinem Hauptmann, er wisse nicht, waS ihm io warn: aus den: Stieel laufe, lieber seinen Bauch weg vermochte er nickt zu sehen, waS da unten vorginge. Der Hauptmann sah frisches Blut herauSströmen, woraus dann natürlich beide folgerten, Leutnant von Tauchnitz müsse verwundet sein. Es ergab sich, das; eine Chaffepotkugel den Weg durch den schenket gesunden hatte, zwischen Knochen und Sattel, der Reiter hatte aber nichts davon gefühlt. Nach einer Weile sagte der Leutnant zum Hauptmann, jetzt liefe eS auch warn: zun: anderen Stiefel heraus, un) ii: der Tat ergab sich, daß der Leutnant auch durch das andere Best: gefchoffen war. Der Hauptmann meinte, er möge sich doch verbinden lassen, aber der Lentnaut sträubte sich dagegen, auS Furcht, nachher nickt wieder au:'S Pferd steigen und den Rest der Schlacht >:icht mitmachen za können. So blieb er, durch beide Beine gefchoffen, zu Pferde bis zun: Ende der Schlacht. Die Küche im Kriege. (Nachdruck dringend erwünscht.) Graupensuppe mit Backpflaumen: Man weicht abends in reichlich heißem Wasser Backpflauinen ein (immer nachdem man sie vorher gewaschen hat). Morgen- kocht man Graupen in Wasser weich, rührt sie durch, schüttet mm die Backpflaumen mit ihrem Salt in den Graupenschleim, kocht sie darin vollends weich und tut etwas Butter, Zitrouensast und Zucker daran. Labskaus von Fisch oder Fleisch. 3 Pfd. Kar- tosseln, 'U Liter Brühe oder Wasser, 70 Gramm Fett, ein Lorbeerblatt. 1 Zwiebel, Salz, Pfeffer, Reste von übria- gebliebenem Fisch, auch Klipp- oder Stockfisch, oder Fleisch, auch Pökelfleisch. Das Fleisch wird in kleine Würfel geschnitten, ebenso die Aviebeln. Tie gargekochten Kartoffeln werden gestampft. Das Fett wird in einen Kochtopf getan und die Zwiebel und Lorbeerblatt darin geröstet, dann werden die Karlvsselu, Fleisch und Gewürze dazugegeben. Das Gericht wird aus dem Herd noch einmal ordentlich heiß gemacht. Schmeckt sehr gut mit Salzgurken- Logogriph. Mit „d" erzeugt eS Reinlichkeit, Ist ätzend, scharf und beißend. Mit trägt's oft ein prächtig Kleid Und winkt dir Rul,' verheißend. Auslösung in nächster Nummer. Auslösung der Schach Aufgabe in voriger Nummer: Weiß. Schwarz. 1. L e 7 — c G L d 8 n h 4 ob. A.) 2. L e 4 ::. g 6 •{■ und Matt. A. 1.-.. befiel io anders. 2. D h 4 n. d 8 -J- und Matt Schristleitnng: Aug. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Vn"> hl'scheu UnirersitälS-Buch- und Cteindrnckerei, R. Lange, Gießen.